Neben meiner Tätigkeit hier bei den Blogpiloten bin ich ja viel als Medien- und Verlagsberater in Deutschland unterwegs. Auf Konferenzen und bei Vorträgen habe ich in diesem Jahr auch ab und an über den Kindle von Amazon, elektronische Lesefolien und andere neuartige E-Reader gesprochen bzw. wurde gefragt, ob das das nächste große Ding ist und ob man als Verlag da unbedingt mit dabei sein muss. Meist habe ich dann auf Basis meines Fachwissens und meines gesunden Menschenverstandes argumentiert, aber immer mit dem flauen Gefühl, Kidle und Co. noch nie selbst in der Hand gehabt zu haben – wie übrogens auch 99,9% derer, die mich dazu befragt haben. Drüben bei den Blogpiloten geht’s weiter mit dem Text.
Seit meinem Posting über Freies Arbeiten und digitales Erwachsenwerden sind schon wieder gut sechs Wochen vergangen. Feedback erreichte mich in den Blogkommentaren, per E-Mail, Telefon, Xing, Twitter, Facebook und SMS. Damals habe ich im letzten Absatz des sehr langen Postings geschrieben, dass eine Veränderung her muss. Bezogen hatte ich das damals stark auf meine Onlineidentität und die Gratwanderung zwischen mir als “Netizen” und mir als “Medien- & Verlagsberater”. In der Zwischenzeit ist vieles passiert. Aus diesem “Vielen” kristallisierte sich dann relativ schnell heraus, welche Konsequenzen das für mein Leben und Arbeiten haben kann, haben wird und eigentlich auch haben sollte. Heißt: Ich habe inzwischen beschlossen, wie die damals angekündigte Veränderung konkret aussehen soll. Bevor ich dies hier im Detail beschreibe sind übers Wochenende noch ein paar letzte Vorbereitungen zu treffen. Exciting Times!
In der September-Ausgabe des Medienmagazins “Der Journalist” ist ein Beitrag von Svenja Siegert zum Engagement von Tageszeitungen im Bereich Social Media – also Social Networks, Twitter und Co. Darin komme ich mehrfach zu Wort mit meinen Einschätzungen zum Social Media Engagement der Verlage. Einen kleinen Teaser zum Text gibt es auf Presseportal.de. Quintessenz meiner Einschätzungen: Es ist zunächst einmal gut, dass man im Social Web vertreten ist, aber das Wie ist doch noch sehr verbesserungswürdig. Experimentieren ist gut, aber man sollte sich frühzeitig auch Gedanken über die Strategie und die redaktionelle Verankerung der Aktivitäten machen. Achja: Und einige Häuser haben offenbar vergessen, vorab über das Wozu nachzudenken. :-)
Für die Trendtagung Online 2009 des Schweizer Medieninstituts habe ich analog zur Erhebung “Zeitungen online” für den deutschen Markt ausgewertet, welche Onlineableger von Schweizer Zeitungen welche interaktiven, multimedialen und Social Web-Features nutzen. In die Untersuchung sind 58 Titel eingeflossen, die ich als Datenbasis aus dem Verzeichnis des Schweizer Medieninstituts zur Verfügung gestellt bekommen habe.
— Schweizer Printmedienlandschaft
Die Medienlandschaft der Schweiz weist zahlreiche Besonderheiten im Vergleich zu Deutschland auf:
Periodizität: viele lokale und sublokale Blätter erscheinen nicht täglich, sondern z.B. nur zweimal wöchentlich.
Gratiskultur: Pendlerzeitungen und ein umkämpfter Gratiszeitungsmarkt in den großen Städten
Format: mehr Tabloids als in Deutschland
— Eckdaten zur Erhebung
Untersuchungszeitraum waren zwei Wochen Ende Februar/ Anfang März 2009. Nach der Zusammenstellung der zu betrachtenden Gesamtliste an Onlinetiteln wurden alle Seiten auf folgende Elemente hin untersucht: RSS, Video, Artikelkommentare, “häufig gelesen”, Chat, Forum, Registrierungspflicht, Redaktionsblogs, Blogroll, User generated Content, Social Networks, mobile Ausgabe, Social Bookmarking, Geokodierung, Tagging, Twitter, Podcasts (Audio).
Es handelt sich um eine rein quantitative Auszählung dieser Elemente. Das heisst, die im folgenden Schaubild dargestellten Ergebnisse sagen nichts darüber aus, ob die Onlineableger der Zeitungen in der Schweiz die genutzten Elemente schon in die redaktionellen Prozesse integriert haben und die Themen Interaktivität, Multimedialität und Social Media auch wirklich strategisch angehen oder ob man nur “experimentiert” und damit ohne Ziel und Plan ein bisschen twittert, ein bisschen bloggt oder ein bisschen Video macht. Nach diesen Vorbemerkungen hier nun also die Zahlen.
— Quantitative Ergebnisse
Unterstellt man, dass es erstebenswert ist, möglichst viele dieser Features im Web anzubieten zeigt sich im Vergleich zu Deutschland, dass die Schweizer Onlineangebote von Tageszeitungen hier noch hinterherhinken. Derzeit arbeite ich noch an einer besseren Vergleichbarkeit, da ich für den deutschen Markt zunächst nur die 100 auflagenstärksten Titel mit aufgenommen und ausgewertet habe. Was sich aber u.a. herauslesen lässt: Die Interaktion mit dem Online-Leser wird auch in der Schweiz offenbar mehrheitlich über Artikelkommentare realisiet, Forum und Chat spielen eine kleine bis verschwindend geringe Rolle. Immerhin twittern bereits 12 Prozent der betrachteten Schweizer Zeitungen (die Zahl dürfte sich seit Datenerhebung noch deutlich gesteigert haben), Videos sind offenbar auch für Schweizer Onlinepublizisten im Vergleich zu Audio(-Podcasts) das präferierte Format, um die Websites multimedial und audiovisuell anzureichern. Interessant ist noch, dass es zwar bei 14 Prozent der Onlineausgaben redaktionelle Blogs gibt, die auch alle mit einer Kommentarfunktion laufen, allerdings bieten nur 3 Prozent der bloggenden Häuser eine Blogroll und damit Links auf externe Angebote an. Hier sind die deutschen Onlineangebote inzwischen einen guten Schritt weiter, das Verlinken auf andere Seiten ist hier schon salonfähiger.
Fragen, Beobachungen und Anmerkungen gerne in die Kommentare oder via Kontaktformular.
Hier meine aktuellen Linktipps und Leseempfehlungen:
In depth on the free content argument: Verweis auf einen Videomitschnitt der Charlie Rose Show mit einem Auftritt von Chris Anderson (The Long Tail) und einem Verweis auf Andersons Buch "Free: The Future of a Radical Price".
Mein letztes Posting war bitter nötig, es hatte die befreiende Wirkung, die ich mir davon erhofft und gewünscht habe. Besonders haben mich die positiven und informativen Rückmeldungen gefreut. Vorhin bin ich über einen Tweet von @hemartin dann auf ein Video gestossen, in dem Jay Rosen über “The Ethic of the Link” spricht. Auf der Youtube-Seite war dann noch ein zweites Video mit Rosen zu finden, in dem er über “The Web is People” spricht. Beide Videos passen wie ich finde besondert gut zu vielen Aspekten, über die ich im meinem Beitrag von gestern geschrieben habe.
— Jay Rosen über “The Ethic of the Link”
— Jay Rosen über “The Web is People”
In diesen beiden Videos werden zwei Sichtweisen und Erfahrungen im und mit dem Web wie ich finde sehr präszise beschrieben, die all diejenigen aus dem Herz sprechen, die aufgrund eigener Erfahrungen mit Blogs, Twitter und Social Networks zu 100 Prozent verstehen, was Rosen hier sagt. Gleichzeitig fühlt man sich auch heute noch vollkommen missverstanden, weil immer noch so viele Menschen, Unternehmen, Organsationen und Politiker die soziale Vernetzungskultur nicht begreifen.
Doch bevor man daran verzweifelt sollte man ganz nüchtern diesen Wissens- und Lebensvorsprung nutzen, um die Grossartigkeit des im kommunikativen Austausch mit anderen erzeugten Netzes voll auszukosten und zu lernen, zu lernen, zu lernen. :-)
Willkommen im Weblog der Medien- & Verlagsberatung media-ocean. Unter dieser Domain habe ich 2001 mit dem Bloggen begonnen. Im Laufe der vergangenen Jahre ist der “mediale Ozean” zu einem Fachblog zu den Themen Web 2.0, Netzkultur, Social Web, Crossmedia und E-Learning geworden. Seit 2006 ist media-ocean.de neben dem Weblog auch meine Visitenkarte als selbstständiger Medien- & Verlagsberater im Netz. Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Feedback auf meine Beiträge.