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Eine Kritik an Googles Transparency Report

Google will sich vertrauensvoll geben. Das Unternehmen möchte für offene Informationen und für Transparenz aller Daten stehen. Deshalb hat es vor kurzem zum vierten Mal den hauseigenen Transparency Report herausgegeben, der die Offenlegung von staatlichen Löschanfragen bestimmter Webinhalte aus Googles Services und die Wünsche nach den Daten der Google-User von Regierungen preisgibt. Der Report soll Vertrauen schaffen, denn das Geschäft mit den Daten, ist das Kerngeschäft des Unternehmens. Kritik an Verschwiegenheit kann schnell zum Imageschaden mutieren und wenn Google eines nicht will, dann einen weiteren Minuspunkt auf der Bewertungsskala der Internet-Community. Googles Bekenntnis zur Transparenz ist lobenswert und der Transparency Report kann ein starkes Mittel der Demokratie werden, um sich über die Zensur der Politik zu informieren und im Anschluss auch zu schützen. Das alles wäre großartig, wenn das Wörtchen „kann“ nicht wäre. Denn momentan ist der Report nicht wirklich aussagekräftig, da er vielerlei Daten noch nicht offenlegt.

Darunter fallen z.B. die Daten von sicherheitsbezogenen Anfragen einiger Länder die es per Gesetz verbieten, dass Informationen aus polizeilichen oder nachrichtendienstlichen Ermittlungen veröffentlicht werden. Ganz vorne an stehen da die Sicherheitsfanatiker der USA und der Polizeistaat China. Der Transparency Report legt zum Beispiel offen, dass die USA nur 92 und China lächerliche drei Löschanträge gestellt haben sollen. Angaben die natürlich gerade in Bezug auf chinesische Praktiken jeder Beschreibung spotten. Auch der Abruf von Nutzerdaten ist schwer vorstellbar. Hat die USA beispielsweise 5.900 Abrufe auf dem Konto, so ist in China – kaum zu glauben – nicht eine einzige Anfrage gestellt worden. Wer jetzt glaubt, dass die USA im Vergleich zu China ja noch ganz realitätsnahe Zahlen aufweist, der irrt aber dennoch. Aufgrund des Patriot-Acts, der zum Schutze vor Terrorismus nach dem 11. September 2001 ausgerufen wurde, kann man davon ausgehen, dass hier nur ein Bruchteil der eigentlichen Anfragen gelistet ist. Vergleicht man diese Daten mit denen Deutschlands, so wird schnell klar, dass da einige Informationen zurückgehalten werden. Zwar hat Deutschland nur 1.060 Anfragen auf die Herausgabe von Nutzerdaten auf dem Kerbholz, ist aber mit 125 Aufforderungen zu Löschung von Webinhalten angeblich deutlich öfter aktiv geworden. Um die Rechnung allerdings richtig aufstellen zu können, muss man die Gleichung um die Variable „deutsches Recht“ erweitern, dass relativ offene Gesetze zur Pressefreiheit festlegt. Informationen aus polizeilichen oder nachrichtendienstlichen Ermittlungen sind weitestgehend transparent, solange die Ermittlungen nicht gefährdet werden oder diese bereits abgeschlossen sind. Anders als in den genannten Staaten. Eine weitere Überlegung warum dieser Report nur bedingt Googles Image als Transparenz-Organ manifestiert, ist die Tatsache, dass zum Beispiel keine Daten zu Anfragen von Unternehmen und Privatpersonen aufgeführt werden. Natürlich hätte auch ein privatwirtschaftliches Unternehmen wie die FOX Company oder eine Person wie der Eigner des Broadcasting-Netzwerkes Rupert Murdoch die Möglichkeit, im Rahmen des Persönlichkeits- oder Urheberrechts, zumindest Löschungen vornehmen zu lassen. Google betont hier ganz klar, dass es nur staatliche Anfragen preisgeben will und Unternehmen hier im Grunde nicht aufgeführt werden sollen. Der Grund scheint schnell gefunden, möchte Google doch auf keinen Fall mögliche Werbepartner als Zensor an den Pranger stellen und diese als potenzielle Kunden verlieren. Auch wenn manche Werbepartner nicht unbedingt ungerechtfertigte Zensur betreiben und demnach kaum Imageschaden davon tragen würden, müssten dann auch alle Netz-Zensoren genannt werden, die sich dem Argument der Verleumdung bedienen und Inhalte verbieten , die nicht ganz der Unwahrheit entsprechen. Für Google wäre das womöglich kein guter Kompromiss. Laut einem Artikel der ZEIT habe Dorothy Chou, eine der Mitwirkenden des Transparency Reports, auf mehrfacher Anfrage hin zu diesem Fleck auf der weißen Weste gesagt: “Wir überlegen definitiv, in Zukunft auch Unternehmensanfragen darzustellen“, doch kommentiert auch Patrick Beuth, der Autor des genannten Artikels, diese Aussage eher als unglaubwürdig einzustufen. Sollte nun also künftig mit dem Argument des Google Transparency Reports debattiert werden, so sollte man sich über diese genannten Sachverhalte im Klaren sein. Für eine Bewertung der Spitzelambitionen von Staaten und einen Vergleich dieser, ist der Report nicht fundiert genug und als Werkzeug des demokratischen Grundgedanken taugt er auch nichts, da er nicht ganz vorbehaltlos und uneigennützig aufgesetzt wurde. Nichtsdestotrotz hat dieses ambitionierte Projekt das Zeug etwas ganz großes zu werden, wenn Google den Schritt wagt und sich auch weiter ins Terrain der Privatwirtschaft begibt.

November 10 2011, 9:45am

TEDx: 500 Milliarden Wörter

Was ist eigentlich aus dem großen Projekt geworden, dass Google alle Bücher großer Büchereien scannt? Nun, ein Kind des Projekts heißt Google Labs NGram Viewer. Damit kann man in rund 5 Millionen Büchern nach Begriffen suchen, die in den letzten Hunderten Jahren in der Literatur benutzt wurden – und zwar als graphische Darstellung über die zeitliche Entwicklung der Nutzung der Begriffe. Datenvisualisierung für Leseratten und Historiker namens Culturomics! Wer die Idee hinter dem Begriff Meem verstanden hat, wird überrascht sein. Hier ist ein TEDx-Vortrag zum Thema:

September 22 2011, 10:20am

Video: Fukushima für Kinder

In Japan wird den Kindern das, was dort in Fukushima gerade passiert, auf eine – sagen wir mal – verworren-kreative Art erklärt. Einiges ist bizarr, einiges ist schlicht falsch und insgesamt wird auf diese Weise sicher die Verwirrung noch weiter steigen. Ich verstehe jetzt besser, warum sich endlich auch viele Japaner mittlerweile getäuscht fühlen von denen, die für sie sorgen sollen: die Regierung und die großen Firmen. Aber schaut selbst, nach dem Click…

(via fefes blog)

March 23 2011, 8:56am

TEDtalks: Gute Vorträge, rein statistisch

Bioinformatiker Sebastian Wernicke erklärt uns anschaulich und vollständig statistisch basiert, wie man einen wirklich erfolgreichen Vortrag bei den alljährlich heiß begehrten TED Events aufbaut:

March 22 2011, 9:45am

Hans Rosling @TED: Die Welt in Zahlen

Wer ddie Vorträge von Hans Rosling noch nicht kennt, muss das schleunigst nachholen. Hier visualisiert er UN-Daten der letzten 10 Jahre und räumt mit diversen Klischees auf. Wer dachte, der kenne die Welt oder wüsste wie Entwicklungsländer oder Schwellenländer entwickelt sind, der wird hier eines Besseren belehrt…

October 29 2010, 9:36am

Expedition Titanic

“expeditiontitanic.com” ist eine wunderbare Website, die mit dem Originalbildmaterial der Titanic-Expedition eine virtuelle Erforschung des Wracks auf dem Meeresgrund in 3.820 Meter Tiefe erlaubt. Begib Dich in den Rausch der Tiefe!

August 31 2010, 12:16pm

Wikimedia-Preis für den besten Wissenschaftsbeitrag

Ein Leben ohne Wikipedia können wir uns kaum noch vorstellen. (Hand auf’s Herz: wie oft hast du diesen Monat dort schon etwas nachgeschaut?) Doch auch in der Wikipedia gibt es noch immer Lücken. Damit diese schneller geschlossen werden, vergibt Wikimedia Deutschland Wikimedia – Betreiber der deutschen Wikipedia – einmal pro Jahr einen Preis für herausragende neue Lexikonbeiträge. Die Zedler-Medaille belohnt seit 2007 Beiträge aus den Kategorien Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Anlässlich des Wissenschaftsjahres 2010 mit Schwerpunkt “Zukunft der Energie“ geht der Zedler-Sonderpreis diesmal an einen herausragenden Artikel im Themenfeld Energie und Energieforschung. Und weil ein gutes Lexikon nicht nur von Texten, sondern auch von aussagekräftigen Illustrationen lebt wird es dieses Jahr begleitend einen Bildwettbewerb geben, der Fotos und Grafiken auszeichnet. Teilnahmeschluss für die Einreichung von Beiträgen ist der 30. September, die Details gibt’s bei Wikimedia.

August 19 2010, 10:48am

Hagel III: The Power of Pull (Video)

Das mit Abstand beste Sachbuch des jungen Jahres kommt, wie sollte es anders sein, mal wieder aus den Staaten. In diesem Fall von dem Mann, von dem fast alle abschreiben, die wir als Webexperten kennen (Chris Anderson, Umair Haque, Kevin Kelly und viele mehr). Zusammen mit John Seeley Brown und Lang Davison hat John Hagel III The Power of Pull verfasst. Bisher ist sogar die Rezeption in den USA nur auf einer sehr oberflächlichen Ebene erfolgt, weil sowohl seine Analysen als auch seine Handlungsvorschläge die Curricula der Betriebswirtschaftslehre vor allen im postgraduierten Umfeld quasi zerstäuben. Ein Einführung in die Gedankenwelt des zurzeit besten Diagnostikers gibt es in diesem Video des Monats Juni:

Ich werde das Buch gerne rezensieren, lese es aktuell zum zweiten Mal, um nicht einen Satz zu verpasssen. Ist mir auch seit 5 Jahren nicht mehr passiert. Das mal als Vorabwürdigung. Man könnte sagen, dass Chris Andersons Free und die letzten beiden Bücher von Umair Haque ein Vorwort zu diesem Buch sind. Achja, wer es noch nicht weiß, Hagel III war derjenige der den SHIFT INDEX für Deloittes Center for the Edge erstellte. Wer den gelesen hat, kann sich sechsstellige Summen bei den stromlinienförmigen MBA-Absolventen der privaten Unis dieser Republik sparen und den Report hier runter laden. Wer den Bericht gelesen hat, bekommt einen Eindruck, welcher Unterschied zwischen einer guten Ausbildung und gutem Wissen besteht.

June 10 2010, 11:45am

Der Unterschied zwischen Information und Wissen

Dietrich Schwanitz erklärt mit dem von mir sehr geschätzten Hans Magnus Enzensberger einen nicht ganz so kleinen, aber umso feineren Unterschied. Dieses Wissen könnte die Ängste des Herrn Schirrmacher zum Verschwinden bringen.

June 8 2010, 11:35am

TED2010: Sir Ken Robinson on learning revolution

Der beste Beitrag der TEDtalks in diesem Jahr im Februar in Longbeach kam vom Briten Sir Ken Robinson:

June 3 2010, 10:00am

Peter Kruse – Was ist ein Kulturraum?

Im Nachgang zum ausführlichen Artikel von Martin Lindner Prof. Silberzunge, habe ich einige Inhalte aus den Präsentationen und Texten betrachtet, die von Kruse und seinen Mitarbeitern zugänglich sind. Zentrum der Betrachtung ist der Begriff Kulturraum, den Kruse m. W. nach im nachtstudio des ZDF zum Entzücken von Sascha Lobo einführte und der bei mir den ersten Verdacht erhärtete, dass Kruse seinen Untersuchungsgegenstand noch nicht präzise beschrieben hat. Es gibt eine Powerpoint-Schlacht auf dem whatsnext-blog (das ist ein Institut, das Kruse gründete), die auf 127 slides seine Ideen präsentieren will. Die Präsentation begründet zunächst die Methode in Bezug auf die Fragestellung, warum das Internet die Gesellschaft polarisiert. Ziemlich weit vorn stehen folgende Sätze: Die intuitive Musterbildung Einzelner bildet die Basis; recht aber nicht mehr aus. Dass Individuum liefert nur einen Messpunkt. Die Analyseeinheit ist das Kollektiv. Erst die Analyse der unbewussten Bewertungen vieler Menschen erlaubt die Schätzung von Trends und die Vorhersage von kulturellem Wandel.

Musterbildung ist ein mathematischer Begriff aus dem Bereich der Symmetriebetrachtung. In den Naturwissenschaften (Biologie und Physik) wird er verwendet, um räumliche oder zeitliche Zell- oder Körperstrukturen zu beschreiben. Menschen mit Vorbildung in der Systemtheorie kennen Muster als Überbegriff für Strukturen. Genau dort wird jedoch die zeitliche Komponente von offenen Systemen über die Ebene der Organisation und nicht die der Strukturen beschrieben. Interessant ist die Bestimmung des Einzelnen als Messpunkt. Diese streng positivistische Auffassung des Einzelnen als Element einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, das nicht über die Erkenntnisse der sinnliche Wahrnehmung sondern über objektive Messungen betrachtet wird, steht in der Tradition der Experimenatlphysik, die davon ausgeht, dass unsere gesamte Erkenntnis lediglich eine praktische Interpretation von Daten sei. Hier geht dieses Vorhaben noch einen Schritt weiter und erlaubt sich die Vorhersage von Zukunft. Dabei bedient sie sich der Analyse unbewusster Bewertungen. Sigmund Freud hatte noch die Hypnose in den Dienst genommen, um das Unbewusste zu erreichen, da es aus Sicht der Tiefenpsychologie nicht direkt der intellektuellen Analyse zugänglich ist. Kruse hat offenbar das geschafft, was Generationen von Psychologen, Psychiatern und Neurowissenschaftlern nach Freud nicht gelingen will. Auf dieser Basis will er dem kulturellen Wandel zu sehen können. Bei aller wissenschaftstheoretischer Skepsis, ob wir es bei dem vorgelegten Programm Kruses überhaupt mit einem wissenschaftlichen Vorhaben zu tun haben, füge ich folgende persönliche Bemerkung aus eigener praktischen Berufserfahrung ein. Ich habe schon öfter Firmen in Bezug auf das Thema Wissensmanagement beraten. Früher oder später landet man immer bei den Themen Personal- und Organisationentwicklung und dem großen Thema Unternehmenskultur. Nun ist eine Firma deutlich kleiner als eine ganze Gesellschaft, aber dort habe ich aus berufenem Munde gehört und aus selbst erlebt, dass eine Unternehmenskultur sich nicht bemerkbar ändert. Auch dann nicht, wenn neue Geschäftsführer oder Abteilungsleiter einen “neuen Wind” mitbringen. Oft ist es sogar so, dass altgediente Mitarbeiter in den Storytelling-Sitzungen berichten, dass sich eingeschlichene destruktive Pfade über mehrer Geschäftsführer und Restrukturierungsmaßnahmen hinweg erhalten. Was ich damit meine, ist die Beobachtung, dass sich Wandel in großen sozialen Gebilden extrem langsam vollzieht und das auch unter dem Eindruck, dass im äußeren Verhalten einiges geändert wurde. Die innere Einstellung in so einem Kollektiv dabei zu beobachten, wie sie eine Änderung erfährt, halte ich nicht nur angesichts der Methode sondern schlicht aufgrund der nicht vorhandenen Zeitreihenbetrachtungen aus den letzten 20 Jahren für uneinlösbar. Und selbst dann ist es nur ausgesuchten Insidern mit der nötigen Sensibilität möglich, präzise Beobachtungen zu formulieren. Aber aus positivistischer Sicht sind das dann ja Sinneswahrnehmungen von Individuen und keine Daten aus Messungen.

Da helfen Kruse auch keine Querschnitte des Gehirns mit den Zuordnungen einer mentalen Dialektik aus intuitiver, limbischer Emotion und kortikaler, motorischer und sensorischer Informationsverarbeitung. Dieser Verweis auf Hirnforschung, die Funktionen und Areale miteinander in Verbindung bringt, ist ja eine individuelle Kategorie und laut Kruse ist das Individuelle ja nur ein Messpunkt also keine bedeutungstragende Ebene in seinem Vorhaben, den Kulturwandel zu beschreiben. Er behauptet dann in einer Art Pyramide den Aufbau einer kulturellen Wertewelt auf der Basis von limbischen Präferenzen (dem limbischen System ordnet man aktuell Emotionen und Triebverhalten zu), was seinerseits auf Meinungen und Haltungen basieren soll (???). Und die unterste Stufe wäre dann direkt messbares Verhalten. Die Inkonsistenz und die offensichtliche Fehlzuordnung der einzelnen Elemente dieser Pyramide mag der Leser selber bewerten. Er findet das zugehörige Schaubild auf slide 8 der Präsentation. In jedem Proseminar einer gegebenen deutschen Uni würde so ein Schaubild vom Tutor in Stücke gerissen.

Kruse macht dann auf Probleme aufmerksam, die seine Methode bschränken: Das limbische System sei in seiner funktionalen Zuschreibung (Emotion und Trieb) keiner Befragung zugänglich. Dann kommt ein Gemeinplatz der Kategorie “Verstehen basiert auf Kontextinformationen” und zum Schluß schleicht sich der gute Holismus ein, der schon die Systemtheorie zu immer neuen Emergenzblüten treibt: “Kultur ist mehr als die Summe der Einzelbeiträge”. An genau dieser Stelle, wäre es hilfreich, den Kulturbegriff zu beleuchten. Denn Kruse hat den ethnozentristischen Begriff Internet als Kulturraum in das Nachdenken über das Netz eingeführt. Kultur ist im Grunde die absichtsvolle (gestaltende) Einflußnahme des Menschen auf seine Umwelt. Im Wortsinn bedeutet es “Pflege” oder “den Acker bestellen”. Im übertragenen Sinne, kann man Ideen als Samenkörner bezeichnen, die die Menschen sich und der Materie rundherum einpflanzen und als Ergebnis sehen wir dann Werkzeuge, Sprache, Kunst und ganz toll erzogene Kinder. Unter Kulturraum versteht man das Verbreitungsgebiet einer ganz bestimmten Kultur, die zumeist aus religiösen und sprachlichen Einflüssen und lokalen Traditionen besteht. Auch Jeff Jarvis glaubt, dass wir uns im Internet immer mehr aneinander angleichen.

Ich sehe im Internet das Gegenteil eines Kulturraumes. Hier wird die Differenz zwischen Menschen, Kulturräumen und Denkmodellen auf die größtmögliche Spitze getrieben. Das verbindende Element der Kommunikation über Sprache und Schrift täuscht nur Gemeinsamkeit dahingehend vor, dass wir uns gerne mit anderen Menschen verbinden über Bewertungen, Urteile, Ideen und einfach das Mitteilen von Befindlichkeiten. Aber hinter den anthropologischen Fixpunkten wie dem Bilden von Gemeinschaften und dem Festigen dieser Gebilde durch Austausch von Mitteilungen findet eben keine Angleichung der Traditionen statt. Die Sammler exotischer Käfer und die Liebhaber von gebrauchten Unterhosen begegnen sich untereinander und festigen damit eher wacklige individuelle Pesönlichkeitskonstruktionen durch die einfache Erkenntnis, dass es auch andere gibt, die seltsame Ansichten und Vorlieben haben. Kulturräume waren immer das Gegenteil: das vereinheitlichen von vorherrschenden mehrheitsfähigen Ideen und Handlungen.

Bildnachweis: robb

May 25 2010, 10:14am

PROF. SILBERZUNGE: Peter Kruse – die deutsche Stimme des Web?

(Church of Kruse – Bild von Mario Sixtus)

“Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten und donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit, und da bin ich sehr relaxt, ist da eigentlich nicht notwendig: Und bist du nicht willig, so brauch ich … Geduld.” Standing Ovations im riesigen Friedrichsstadtpalast. Die zum deutschen Blogger-Kongress re:publica versammelten Praktikanten, Studenten, NGO-Jobber, Software-Entwickler und Digitalen Bohemiens bejubeln den Vortrag eines Bremer Unternehmensberaters: “What’s Next – Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren”. Danach überall begeisterte Kommentare im Social Web: grandios, rockt das Haus. Netzwerk-Gospel in der Church of Kruse. Mein Lieblings-Tweet ist von Anna Log: “Wenn ich das richtig verstehe, erklärt Peter Kruse hier Buddhismus anhand des Web 2.0.”

In den letzten paar Monaten hat Peter Kruse eine Leerstelle besetzt: Er ist die Stimme des Deutschen Web in den bürgerlichen Medien geworden: Frankfurter Rundschau, SZ, ZDF. Vorher gab es da eigentlich nur den Journalisten Mario Sixtus und den Werber Sascha Lobo. Das sind zwar hochintelligente Leute mit viel Web-Erfahrung, aber sie positionieren sich schon rein optisch als schräge Nischen-Kunstfiguren: Sixtus bis vor kurzem als “Der Elektrische Reporter” mit einem selbstironischen NeueDeutscheWelle-Retro-Styling, und Lobo dauerhaft maskiert als Berliner Asi-Bierpunk.

Nun gibt es also für das aufgeschlossene Bildungsbürgertum einen dritten farbigen Charakter: “Professor Peter Kruse”, mit weißem Vollbart statt rotem Irokesen. Prompt war er mit den beiden anderen beim ZDF-Nachtstudio eingeladen und redete den erstaunlich gehemmt wirkenden Lobo locker an die Wand. Wie die beiden Jüngeren hat er Humor, redet und denkt sehr schnell und nutzt den Rückenwind der Web-Kulturrevolution, die schon deshalb alle so nervös macht, weil es eigentlich eben keine Großen Männer gibt, an denen man diese Geschichte festmachen kann. Da möchte man wenigstens einen Welterklärer. Und Kruse macht das ja sehr charmant. Ein brillanter Performer im Stil der angenehmeren Megachurch-Evangelisten.

Den Aufstieg zum Professor Internet vollzog der 55jährige Kruse erstaunlich schnell: Seit 2008 steht eine gut gemachte YouTube-Interview-Serie zu Themen rund um Change Management ins Netz, mit Abrufzahlen zwischen 8000 und 18000. In Folge 6 äußerte sich Kruse erstmals zum Web 2.0 – übrigens eher skeptisch und wenig informiert, er rief nach dem Semantic Web als Gegenmittel gegen die Trivialität der Massen. Erst seit 2009 positioniert er sich sehr gezielt als Internet-Autorität und Web 2.0-Versteher: Er gab Interviews für das Politik 2.0-Buch Reboot D, in der FR und in der SZ. Es folgten der Auftritt im ZDF, der Triumph auf der re:publica und am letzten Wochenende ein ausgesprochen unfairer Verriss in der FAZ, der die Kruse-Gemeinde empörte und weiter zusammenschweißte. Kein Zweifel: Den Mann werden wir noch öfter sehen. Godzilla vs. King Kong

Vor ein paar Monaten kritisierte Kruse die Internet-Kritik des großen Frank Schirrmacher in der SZ recht vollmundig: “erstaunlicher Denkfehler”, “Einseitigkeit der Perspektive”, “outet sich als fremdelnder Netzwerk-Besucher” … “Da kann man schon mal ein wenig überfordert sein, nicht wahr, Herr Schirrmacher?” (Daneben bietet dieses Interview auch die bisher klarste Zusammenfassung der Kruse’schen Kernsätze.)

Das war ein geschickter Schachzug. Godzilla Schirri, der von King Kruse noch nie etwas gehört hatte, nahm unwillig zur Kenntnis, dass da jetzt noch ein zweiter Monsterbürger aufgestanden war, der den Deutschen das Netz erklären will. Die Rache des FAZ-Imperiums ließ nicht auf sich warten. Man schickte den Kulturkritiker Edo Reents, um diesem aufgeblasenen Gegen-Guru mit einer Polemik die warme Luft herauszulassen. Völlig legitim eigentlich, aber der Artikel arbeitete dann auf fast schon bösartige Weise mit schlecht recherchierten Unterstellungen: Da wurde suggeriert, Kruse stelle sich als erfolgreichen Unternehmensberater dar, aber viele der angeblichen Kunden hätte noch gar nichts von ihm gehört, und sein vollmundig angepriesenes Sozialforschungs-Tool “nextexpertizer” sei sowieso unseriöser Unsinn. Das ist alles sehr oberflächlich ausgebreitet und zitiert werden durchwegs recht zweifelhafte “Experten”. (Ein weiteres Argument, sich über den bestehenden Untergang des papiergebundenen “Qualitätsjournalismus” nicht weiter zu grämen.) Beide Vorwürfe stimmen jedenfalls nicht. (Hier eine ausführliche Widerlegung.) Kruses Firma nextpractice inszeniert seit 2002 durchaus erfolgreich Vernetzungs-Erlebnisse mit 500 Laptops für Kunden wie z.B. Metro, Obi, Otto, Daimler und die Bertelsmann Stiftung. Es geht da um Change Management-Beratung und Mitarbeiter-Motivation. Wenn das gelegentlich ein wenig oberflächlich daherkommt, liegt das an der Branche selbst: Managementberatung dieser Art ist halt so. Nextpractice macht da vergleichsweise einen eher soliden und ernsthaften Eindruck. Das Personalmagazin wählte Kruse 2009 zum dritten Mal in Folge in die Liste der “40 führenden Köpfe im deutschen Personalwesen”. Das macht ihn nicht zu einer richtig großen Nummer, aber ganz sicher zu einem gut etablierten Profi.

Und das computergestützte, qualitative Interview-Verfahren “nextexpertizer”, das Kruse jetzt auch als Werkzeug für große gesellschaftliche Trend-Studien einsetzen will, beruht auf einem erprobten, wissenschaftlich anerkannten Verfahren: dem “Repertory Grid” des US-Psychologen George A. Kelly.Der Link dorthin findet sich zwar nicht auf der Webseite von nextpractice, aber auf der Wikipedia-Seite zu Kruse, die offenbar vom Kruse-Team geschrieben wurde. Journalistisch ist das Vorgehen der FAZ also unter aller Kritik. Trotzdem: Der erste große Kruse-Verriss war unausweichlich. Wenn es nicht Reents gewesen wäre, hätte es eben ein anderer gemacht. Wenn sich jemand so selbstgewiss und durchdrungen von der eigenen Welterklärungs-Botschaft als öffentliche Figur ins Rampenlicht stellt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand die Gegenrechnung aufmacht. Und Kruse gibt sich schon ein paar Blößen.

What’s Next – A Matter Of Fact in A World Of Values

“Was hat Reents da nur geritten?”, fragte Kruse auf Twitter, ohne dabei besonders irritiert zu wirken. So schwer zu beantworten ist das eigentlich nicht, auch wenn man mal die Schirrmacher-Fehde ausklammert. Tatsächlich gerät jeder in ziemlich nebliges Terrain, der harte Fakten und Hintergründe zu Kruse und seinen Ideen sucht.

Die nextpractice.de-Website atmet visuell und sprachlich noch ganz den Ungeist der unseligenen Bubble-Jahre: Hochglanz-Flash-Animationen eingebettet in technoides Dunkelgrau, eine Art Slideshow aus Fotos von Horst Köhler, gemischtrassigen jungen Menschen und perfekt designter Loft-Architektur, animierte Werbeslogans, Testimonials begeisterter Kunden, die Präsentation der Referenzprojekte immer ein wenig zu überschwenglich und zu verschwommen. Und die Sprache ist entsetzliches PR-Chinesisch: “nextpractice verbindet modernste Forschungserkenntnisse mit umfangreicher Beratungserfahrung zu innovativen Lösungsansätzen. Ein Team aus 40 Psychologen und Informatikern um Prof. Dr. Peter Kruse entwickelt maßgeschneiderte Interventionsansätze zur Entscheidungsunterstützung sowie zur Förderung und Nutzung kollektiver Intelligenz.”

Das klingt alles nicht nach Web 2.0, sondern nach Management-Theorie 1.0, Stand 1999. Jedenfalls ist es das genaue Gegenteil der “menschlichen Stimme”, die das berühmte Cluetrain-Manifest, das Kruse gern zitiert, auch und gerade von Unternehmen einfordert (hier ist die beste deutsche Übersetzung). Dass ist seltsam: Gerade dass er bei öffentlichen Auftritten diese authentische Stimme findet, macht ja gerade seinen Erfolg aus. Wer ihn als Redner bei der Econ-Agentur bucht, bekommt auf jeden Fall etwas fürs Geld.

Die Methode

Wenn man sich fragt, wo hinter Kruses geschliffener Rhetorik der substanzielle Kern steckt, dann ist die Antwort: Am ehesten in der “qualitativen” Methode seiner Repertory Grid-Interviews, über die die FAZ sich zu Unrecht lustig machte. Die peinlichste Stelle des Artikels ist da, wo Reents den Begriff “qualitativ” mißversteht und nur als weiteren Beleg für Kruses Größenwahn interpretiert. Tatsächlich wird “qualitativ” in der Sozialforschung im Gegensatz zu “quantitativ” verstanden: also Forschung, die nicht auf der statistischen Auswertung möglichst großer standardisierter Messreihen beruht, sondern auf komplexeren sprachlichen Informationen, die man erst interpretieren muss, um ihre Bedeutung freizulegen.

Das Interessante an Kruses Grid-Interviews ist, dass sie “halbstandardisiert” sind: Sie sollen das je individuelle Begriffsfeld erschließen, mit dem die Leute einen Ausschnitt ihrer Welt ordnen. Zum Beispiel ihr Verhältnis zum Internet, oder zu Autos, oder zur eigenen Firma. Eine Untersuchung besteht dann aus 100 oder 200 von solchen relativ aufwändigen Interviews, in denen Begriffspaare und Bewertungen systematisch abgefragt werden, ohne den Leuten schon vorher etwas in den Mund zu legen. Resultat sind semantische Räume, die man mit Hilfe der nextexpertizer-Software nach allen möglichen Gesichtspunkten betrachten und auch zu kollektiven Räumen zusammenblenden kann.

Diese Computerumsetzung des Kelly’schen Grid-Verfahrens wurde, wie es scheint, von dem verstorbenen Psychologen Arne Raeithel entwickelt, mit dem Kruse Mitte der 1990er Jahre wissenschaftlich zusammenarbeitete. Irgendwann um 2000 herum scheint er dann mit seinen Geschäftspartnern daraus das nextexpertizer-Tool mit dem attraktiven Infografik-Design entwickelt zu haben. (Es gibt in Oldenburg noch eine andere Version.)

Inhaltlich ist das ernstzunehmen. Mit mir selbst wurde mal ein solches Interview gemacht. Vermutlich ging es sogar in die Studie über “Digital Visitors” und “Digital Residents” ein, die Kruse bei der re:publica präsentierte. Das dauerte fast eine Dreiviertelstunde. Das Prinzip ist eigentlich simpel, aber es erzeugt jedenfalls sehr viel komplexere und authentischere Ergebnisse als die üblichen Fragebogen-Aktionen.

Die relativ kleine Zahl von Interviews, die man so machen kann, ist bei der Arbeit in Unternehmen kein Problem. Schwieriger ist es, daraus wissenschaftliche Aussagen über tiefgründige Umbrüche in der ganzen Gesellschaft abzulesen, wie es Kruses gerade gegründetes Institut tun soll. Das trägt den volltönenden Namen “What’s Next? – International Institute for Cultural Understanding and Participation (II-CUP)” und soll künftig “unter CC-Lizenz” die ganze Gesellschaft mit den Resultaten eines “Gesellschafts-Monitoring” versorgen, “zu relevanten Schwerpunktthemen wie Arbeit, Bildung, Gesundheit, Ernährung, Mobilität, Umweltschutz etc.”

De facto ist das derzeit eine Website, die Kruses Studien-Resultate zu großen gesellschaftlichen Themen in Form von Video-Statements verbreitet – mündlich ist er bei weitem am besten. Ich frage mich allerdings, was da künftig dann unter CC veröffentlicht werden wird: Das müssten ja die kompletten Daten und Auswertungsgrafiken der Grids sein. Hochinteressant, aber bisher habe ich solches Material noch nirgends gesehen. Bisher ist man für die Auswertung immer auf den Meister angewiesen, der einmal beiläufig sagte, dass es außer ihm selbst höchstens noch eine andere Person bei nextpractice gebe, die diese Muster erkennen und interpretieren könne.

Limbisches System

Ich mag Kruse, aber ein leichtes Unbehagen bleibt. Nicht wegen seiner Beraterfirma und auch nicht, weil er sich selbst recht bewusst inszeniert. Der insgesamt eher amateurhafte deutsche Web 2.0-Diskurs kann ein paar Profis als Frontleute gut gebrauchen, sofern sie den Cluetrain-Kriterien genügen. Seine Werte teile ich. Mein Problem ist das, was er da mit Professoren-Nimbus als wissenschaftlich-theoretisches Fundament präsentiert.

Wenn Kruse über das Netz redet, tut er es nicht aus dem Blickwinkel des sauertöpfischen Zaungasts der 2.0-Party, wie er es Schirrmacher vorwirft. Eher aus der freischwebenden Perspektive eines entspannten Überfliegers, der das bunte Gewirr da unten aus 1000 Meter Höhe betrachtet. Was uns da unten groß und wichtig erscheint, wird von da oben plötzlich nichtig und klein. Was die Web 2.0-Aktivisten und Entwickler jeden Tag in unzähligen Blogs diskutieren, alle die vielfältigen und widersprüchlichen Praktiken, alle die komplizierten Technologien und Applikationen, alle die verwirrenden politischen und ideologischen Fragen. Alles ist Netzwerk, alles ist Emergenz, alles fließt.

Da verfließt aber auch sehr leicht die Abgrenzung zur wirklich windigen “Zukunftsforschung”. Kruse muss aufpassen, dass er nicht zum Horx 2.0 wird. Auch der exakt gleichaltrige Matthias Horx hat ja 1997 ein erfolgreiches “Zukunftsinstitut” gegründet, auch er redet natürlich vom Schmetterlingsflügeleffekt, von emergenten Systemen und der Netzwerkgesellschaft. (Das Web 2.0 hat er bislang gottseidank ausgelassen, wahrscheinlich wird dort zuwenig Geld verdient.)

Nun ist Kruse anders als Horx ja kein Ex-Feuilletonist. Er hat ja tatsächlich “sehr viele Jahre auf der Schnittfläche zwischen Experimentalpsychologie und Neurophysiologie gearbeitet“, wie er gleich zu Beginn des re:publica-Vortrags sagte. Da zeigte er Folien zum “limbischen System” im Gehirn und verwies ständig auf irgendwie hochkomplexe Zusammenhänge der System- und Netzwerktheorie. Aber wie hart ist das wirklich, was er da vorträgt? Ein paar ausgeliehene Metaphern sind ok, pseudo-wissenschaftlicher Quark nicht.

Kruse ist 2001 Honorarprofessor für Organisationspsychologie im heimatlichen Bremen geworden, weil er zu dem Zeitpunkt schon erfolgreicher Unternehmer und Consultant war.Da lag seine ‘harte’ Wissenschaftler-Zeit als experimenteller Psychologe schon ungefähr 5 Jahre zurück. Die intellektuellen Grundlagen seiner Managementtheorie liegen nicht in der harten Psychologie und in der Hirnforschung, wie er suggeriert, sondern eher in Ansätzen der “systemischen Therapie” die seit Anfang der 1990er im Umfeld des “Radikalen Konstruktivismus” recht bunt blühen (etwa hier).

Geistesgeschichtlich ist das sehr interessant: Um 1990 gab es eine ganze Reihe von hochabstrakten naturwissenschaftlichen Theorien, die man zuerst interdiziplnär verallgemeinerte und dann zu einer wolkigen Mixtur aus Philosophie und Therapie mit New Age-Einschlag verwurstete: Chaosforschung, Synergetik, “kollektive Intelligenz” … All das findet sich auch bei Kruse wieder, und es bleibt so vage, dass man schlicht nicht sagen kann, was genau dahinter steckt.

Es scheint, dass Anfang der 1990er Jahre sich im Raum Bremen/Oldenburg/Hamburg rund um die Forschergruppe “Interdisziplinäre Kognitionsforschung” ein Wissenschaftler-Biotop gebildet hat, in dem alle Versatzstücke der Kruse’schen Metatheorie bereits im Umlauf waren, einschließlich Psychotherapie und Computerlinguistik. Auch der Psychologie-Privatdozent Raeithel, der erste Entwickler der Grid-Software, gehörte dazu. Das waren offenbar Leute, die in den 1970er Jahren eigentlich eher von weichen, linkshumanistischen Positionen herkamen und sich dann den harten Naturgegebenheiten zuwandten: dem Hirn und dem Markt.

Die Rede vom “limbischen System” übernimmt Kruse von Gerhard Roth, dem Oberhaupt der Bremer Schule der HirnforschungLINK, der auch ständig mit Hirn/Kognition kurzschlüssig kulturelle Phänomene erklärt. Hier lässt sich gut zeigen, was mich stört: Erstens ist das “limbische System” als harte wissenschaftliche Theorie offenbar seit etwa 2000 obsolet. Und zweitens: Wozu braucht Kruse das limbische System überhaupt für seine sprachlich-semantischen Analysen von “Werten” (was immer das genau ist)? Da bieten sich viel eher die strukturalistischen Textanalysemethoden an, die auf Jakobson und Greimas zurückgehen. Mit einem psycho-physiologischen “Unbewussten” (was immer das ist) hat das, anders als Kruse sagt, erst einmal gar nichts zu tun.

Kruse hat sich ein selbstbezügliches, recht abstraktes Begriffsnetz geschaffen, bei dem nirgends klar ist, auf was es sich wissenschaftlich-theoretisch genau bezieht. Es gibt ja interessante Theorien von “Netzwerk”, “Emergenz”, sogar von “kollektiver Intelligenz”, es gibt gute Bücher darüber, aber wenn Kruse hier selbst ein fundiertes Konzept hat, hat er es jedenfalls bis jetzt nirgends beschrieben. Er schreibt überhaupt wenig, jedenfalls nichts, was über seine mündliche Change-Rhetorik hinausgeht.

Ist das ein Problem? Ja. Der Diskurs über das Web hat intellektuelle Härte dringend nötig. Das Web ist ein sehr komplexes, schwer greifbares Gebilde aus Strom, Schaltungen, Menschen, Sprache und Code. Es bietet sich an als Objekt für wirre Diskurse und Pseudotheorien aller Art. Wenn jemand ausdrücklich als Professor auftritt und über die intellektuellen Mittel verfügt, das aufzuklären, muss er es tun. Hier ist Kruse ein ausgiebiger Griff zu Ockhams Rasiermesser dringend zu empfehlen.

Die Stimme

Kruse selbst hat gar nicht sehr viel mit dem Web zu tun, in dessen Namen er spricht. Seine Software ist ja keine Web-Software, seine Netzwerke schaltet er seit 2002 vor Ort aus 500 Laptops zusammen. Seine Netzwerk-Resonanz-Ideen projiziert er lediglich auf das Web, um sie dort dann unverändert wiederzufinden. Er ist kein “Resident”: Er lässt Videos veröffentlichen und seit einem Jahr hat er einen Twitter-Account, den er nur für Aphorismen und Link-Empfehlungen nutzt. Er folgt den wichtigsten Enterprise 2.0-Twitterern, aber ich habe noch nie eine Spur der ganzen ausgedehnten Enterprise 2.0-Diskussion bei ihm gefunden.

Es ist also nicht so sehr das Was, es ist das Wie. Vor allem anderen ist Kruse ein brillanter Redner. Er ist The Voice. Was macht ihn so charismatisch?

  • Er bedient das Klischee des “unkonventionellen weißhaarigen Genies”, das zurückgeht auf den Zunge zeigenden Einstein der 1950er Jahre.
  • Er zweifelt so wenig am eigenen Weltbild wie jeder Megachurch-Evangelist. Er spricht jederzeit druckreif und zugleich im Konversationston. Er ist sich völlig sicher, aber nie klingt es papieren oder professoral.
  • Er wirkt nie auf penetrante Weise eitel. Er posiert nicht, er ist einfach so: eine geborene Rampensau. Diese perfekte Mischung von Ego und Understatement ist ausgesprochen selten und beeindruckend.
  • Er hat ein ausgezeichnetes Gefühl für aphoristische Bonmots – das waren die Stellen, an denen das re:publica-Plenum regelmäßig jubelte.
  • Er ist enthusiastisch. Er meint zweifellos alles ernst, was er sagt.
  • Und er sagt nie unbequeme Dinge. In einer Umbruchszeit verbreitet er eine Atmosphäre von Souveränität und Fortschrittsoptimismus, an der wir unsicheren Erdenbürger gern teilhaben. Sein Aufstieg begann nicht von ungefähr nach dem Platzen der Bubble, seitdem alle wissen, dass es mit den alten Sicherheiten vorbei ist.

Das alles sind Merkmale, die auch die ideale Stimme des Web ausmachen. Kruse klingt wie das Web, wie die kollektive Stimme des anspruchsvollen Teils der Blogosphäre. Aber wenn er diese Sprecherrolle gegenüber dem Mainstream wirklich aufüllen will, muss er noch sein ganzes Auftreten radikal cluetrainisieren. Das braucht vor allem Offenheit, den Verzicht auf konventionelles Marketing, die echte Verlagerung des eigenen Denkens und Kommunizierens ins Web. Wenn er das tut, bin ich gern mal zu Gast in der Church of Kruse. Solange er das nicht macht, bleibt er ein Bauchredner. Bildnachweise; Sixtus, Lotman

May 21 2010, 1:33pm

Was soll nur aus unseren Experten werden?

Gestern gab es in der FAZ einen Text “Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?”, der die Schirrmachersche These vom schädlichen Buchdruck, Radio, Fernsehen, Walkman, Internet bestätigen wollte. Ein Neurobiologe der TU Braunschweig namens Matthias Korte sollte es richten. Wir erinnern uns: War die Leitwissenschaft in den Siebzigern die Physik, kam in den Achtzigern mit dem Siegeszug der Biologie auch die Psychologie zum Zuge. Sie wollte sich schnell eingliedern in die Reihe der harten Faktenwissenschaften, die aus dem Positivismus hervorgegangen sind. Doch in den Neunzigern wurde klar, dass keiner an der Mathematik und ihren Trivialformen wie Rechnungswesen oder Informatik vorbeikommen konnte. Die Psychologie wurde immer mehr zur Hilfswissenschaft der Neurowissenschaftler aus der Medizin und der Biologie und die Physik bekam grundlegende Problem über ihren eigentlichen Untersuchungsgegenstand, der sich zunehmend aus der Welt des Messbaren entfernte. Umso angestrengter versuchte man in den Neurowissenschaften mithilfe bildgebender Verfahren das Loch der Messbarkeit von Intelligenz, Wissen oder Lernen durch physiologische Vorgänge in den Bereich des Faktischen als Beweismittel zu erheben. Die dort angewandten Deutungsmethoden der Bildchen bleiben intransparent. Korrelationen zwischen Gedankentätigkeiten und beobachtbaren Stoffwechselvorgängen werden über Nacht in den Stand der Kausalität erhoben. Da verwundert es nicht, wenn so ein Deutungspriester uns das Neueste über das Monster “Multitasking” nahezubringen versucht. Er muss kognitive Dissonanzen (Unterschiede zwischen Überzeugung und Alltag) abbauen und das kann man am besten via Medien. Die Psychologisierung des Alltags erlebt fröhliche Urständ auf der Basis von Schädelbildern in Echtzeit. Begeben wir uns in die Text-Exegese: Zweifeln hilft beim Lernen, beim Philosophieren, und auch naturwissenschaftlicher Fortschritt wäre ohne ihn kaum denkbar. Darüber hinaus lässt uns diese Geistestätigkeit langsamer altern, da man Entscheidungen bewusster treffen muss, wenn man über den Zweifel den Autopiloten des Handelns und routinierten Denkens verlässt. Bedingt durch den Umstand, dass das Gehirn an seinen Aufgaben wächst und nicht etwa durch eine Schonhaltung gestärkt wird, ist Zweifeln kognitiv lohnend, eine Geistestätigkeit, die uns nicht verlorengehen sollte. Der erste Satz ist eine Verballhornung von Descartes* methodischem Zweifel. Der Satz über den Alterungsprozess ist in keiner Weise validierbar. Auf dieses Niveau gehe ich nicht weiter ein. Was routiniertes Denken und Autopilot des Handelns bedeuten mag, läßt sich schwer erahnen. Offenbar ist dem Autor Martin Korte bewußt, dass Routinen in der Verarbeitung von Reizen zu einen Verlust von Negentropie führt. Denn Ordnung der Gedanken entsteht durch Offenheit für das täglich Neue im Leben. Das kann jeder Meditationsforscher bestätigen. Routine im Denken ist im Gegenteil das Abprüfen auf bereits Gewußtes, wodurch sehr viel Differenz verloren geht. Jede Gestaltheoretiker oder dessen triviale Form namens Systemtheorie wird das ebenfalls bestätigen. Der Autopilot des Handeln bezieht sich offenbar auf die Tatsache, dass die mentale Instanz in uns, die das Selbstmodell entwirft mitnichten identisch ist mit der Person. Dieser Instanz jedoch mit Begriff Autopilot eine Autonomie abzusprechen bzw. eine Fremdsteuerung zuzudichten basiert auf einem Kategorienfehler in der Deutung der neuobiologischen Befunde. Nicht das Selbst oder das Subjekt ist das Zentrum eines Menschen, sondern die Instanz, die zum Zweck der Informationsverarbeitung ein konsistentes Modell des Selbts aufbaut.  Dies geschieht bereits im Mutterleib und in den ersten Stunden nach der Geburt anhand der Zuwendung bzw. Vermeidung der Mutter durch Stimulusintensität (T.C. Schneirla 1959). Das Gehirn wächst nicht an seinen Aufgaben. Es verbreitert die Basis der Informationsverarbeitung mit zunehmender Differenz der Stimuli. Aufgaben gibt es nicht auf der Hirnebene. Jeder aktuelle Zustand ist immer dann neu, wenn er neu bewertet wird, Das geschieht, wenn er den Brei des abgefilterten Hintergrunds aufgrund intentionaler Akte verläßt oder der Stimulus so intensiv ist, dass kein Element des Subjektmodells zur Relevanz beitragen muss, um “durchgelassen” zu werden. Schon allein unter diesem Gesichtspunkt scheint es gerechtfertigt, unsere Mediennutzung, insbesondere das Internetsurfen, genauer – das heißt: aus neurobiologischer und psychologischer Sicht – unter die Lupe zu nehmen. Ein Hirnforscher verfügt hierbei über eine Perspektive außerhalb der üblichen Diskussion zwischen hysterischer Technikphobie und den Überzeugungen der digital natives, die das Internet längst als Teil ihrer normalen Umwelt akzeptiert haben. Bisher erfolgte noch keine stringente Argumentation, warum das Zweifeln mit dem Surfen im Internet gemeinsam betrachtet, verglichen oder korreliert werden muss. Der Zweifel selbst als Untersuchungsgegenstand hat noch keine Veranlassung erfahren, als Referenz hätte wenigstens in seinem intensionalen und extensionalen Gehalt erklärt werden müssen. Die von Schirrmacher initialisierte Diskussion um den Schaden durch das Internet bewegt sich also zwischen hysterischer Phobie und grauem Alltag. Aha. Ein Glück, dass hier neutral und objektiv argumentiert wird. Was macht das Internet mit unserem Gehirn? Wie bei allen menschlichen Tätigkeiten, die wir intensiv betreiben, verändert sich bei jeder Benutzung das Gehirn, manchmal sogar dauerhaft und oft länger, als wir dies wahrnehmen. Selbst wenn wir eingeübte Tätigkeiten lange nicht mehr ausgeführt haben, behält das Hirn eine strukturelle Erinnerung an diese Aktivitäten. Aber möglicherweise verändert die Internetnutzung weit mehr als nur unsere Gedächtnisspeicher. Das jedenfalls legen Experimente des Neurowissenschaftlers Gary Small von der University of California in Los Angeles nahe. Seine Ausgangsfrage war simpel: Gibt es sichtbare Unterschiede in der Gehirntätigkeit von internetunerfahrenen Probanden gegenüber den Aktivierungsmustern erfahrener Websurfer? Das war in der Tat der Fall, vor allem in bestimmten Stirnlappengebieten der Großhirnrinde. Aber das war gar nicht der Clou des Experimentes: Small und seine Mitarbeiter ließen die Novizen für lediglich fünf Tage das Internet nach einem vorgegebenen Arbeitsplan benutzen. Diese kurze Zeit reicht offensichtlich aus, um die Aktivitätsmuster von Anfängern den Aktivitätsmustern erfahrener Nutzer anzugleichen. Das Hirngebiet, welches hier Anpassungsprozesse zeigt, trägt den Namen dorso-lateraler präfrontaler Cortex – es liegt im hinteren seitlichen Teil des vorderen Bereichs des Stirnlappens. Wichtiger noch als seine Lage sind dessen Funktionen: Es wird in Verbindung gebracht mit strategischem Denken, logischen Analysen und dem Treffen von Entscheidungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine der Kommandozentralen des menschlichen Gehirns. Der erste Satz deutet daraufhin, dass das Internet wie auch das Gehirn ein überschaubares und homogenes Geschehen darstellt. Beides ist in keiner Weise belegbar. Zumal es zu beidem keine für uns zugängliche Außenperspektive gibt. Das Denken kann nicht gedacht werden. Genausowenig wie man das Hören hören kann. Solche Versuche begehen einen grundlegenden formalen logischen Fehler: Sie wollen das zu Beweisende mit sich selbst begründen. Das Web ist ein virtueller Raum. Virtualität ist das Gegenteil von physisch und  nicht das Gegenteil von real. Physische Entitäten wie Raum, Zeit, Ausdehnung oder Energie greifen hier gar nicht als beschreibende Elemente. Wir benutzen das Gehirn nicht. Es entwirft eine Person, ein Subjekt, damit die Koordination mit der Umwelt konsistent ablaufen kann. Man müsste also folgerichtig sagen, dass das Hirn uns benutzt. Der Begriff der strukturellen Erinnerung ist ein Fehlgriff, der dies plastisch darstellt. Entweder erinnert man sich als Teil des aktuellen Geschehens aktiv an etwas oder außerhalb des Selbstmodell erscheint ein Reiz, der eine Erinnerung auslöst. In beiden Fällen ist der aktuelle Vorgang Auslöser der Erinnerung. Die Struktur als Modell für Zusammenhang liegt außerhalb von uns. Denn das Selbstmodell hat weder aktiven Zugriff auf die uns zufällig gegebene Kontingenz noch ist es in der Lage, Erinnerungsinhalte zu filtern und so nur Bestimmtes regenerieren. Die neuronalen Korrelate sind aktuell mitnichten kausal begründbar. Und die Frage, ob es sichbare Unterschiede gibt deutet wieder auf das alte Dilemma. Da man nichts empirisch nachweisen kann, müssen die physikalischen, bildgebenden Apparate herhalten, die allerdings in einer post-mechanistischen Erklärwelt deutlich lächerlicher wirken als die Erklärung, dass seit den verschiedenen Konstruktivismen der letzten Jahrzehnte solche Fragestellungen allein daran scheitern, dass jedes Selbst eine eigene Realität, eine eigene Wirkwelt zu jedem gegebenen Moment mit erschafft. Es gibt demzufolge gar keine reine Information ohne subjektives Genese, die wir zu einem abstrakten kategorischen Bewertungsmuster verarbeiten könnten. Dies schafft eben nur die formale Welt der Mathematik. Das heißt in der Folge, um allgemeinverbindliche Aussagen über die Internetnutzung zu erhalten, müsste man handfeste organische Defekte des Gehirns mit dem Web korrelieren, um Aussagen auf organischer Basis zu tätigen. Alles andere ist schlicht das Deuten von Bildern. Das war zwar als Rorschach-Test ganz aufschlußreich. Aber aus Sicht der community of scientists ist das Publizieren solcher Deutungen sehr individuelle und hält keiner Wiederholung stand. Wir halten also fest. Das Gehirn ist plastisch und passt sich den Gegebenheit der Präsentation von Reizen an. Dazu brauchte man aber kein Internet. Man hätte dies einfach mit verschieden aufgebauten Lerninhalten per Video, Radio mit struktriertem Lernen und Egenrecherche auf der anderen Seite erreichen können. Das Setting hat in diesem Fall keine Aussagekraft außer der bekannten Weisheit, dass das Hirn sich eben gut anpassen kann. P.S. Das ganze Gehirn ist eine Kommandozentrale. Die verschiedensten Areale können verschiedene Funktionen übernehmen. Was die Durchblutung bestimmter Hirnareale über den Einfluß des Web auf den Mensch aussagen soll bleibt nebulös. Welche Schlüsse kann man aus dem Experiment ziehen? Einerseits ist es erschreckend, wie schnell sich das Gehirn durch neue Tätigkeiten verändern lässt, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn es zeigt, wie formbar und flexibel dieses vornehme Organ in unserem Kopf ist. Man könnte nun einwenden, dass das Ergebnis trivial ist: Natürlich ändern sich im Gehirn Verarbeitungswege und Aktivitätsmuster, wenn wir etwas lernen und dieses Gelernte abspeichern – wo sollte das Gelernte sonst abgespeichert werden? Bemerkenswert aus meiner Sicht ist jedoch nicht, dass man Veränderungen feststellt, sondern wo sie stattfinden. Die durch den Internetkonsum beeinflussten Areale in der Hirnrinde bestimmen nämlich unsere Art und Weise, Probleme zu lösen, Emotionen zu kontrollieren oder zu erkennen, ebenso wie unsere Konzentration und die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und langfristige Ziele zu verfolgen. Die Bewertung, dass die enorme Plastizität des Gehirns erschreckend oder beruhigend sei, halte ich nicht für einen Schluß sondern eben für eine Deutung eines Sachverhalts unter einer gegebenen Erwartung. Man nennt dies auch Atrribution. Dadurch, dass verstärkte Durchblutung in den besagten Arealen auftritt ist in keiner Weise belegt, dass unsere Art und Weise der Problemlösung durch das Web bestimmt ist. Erhöhter Metabolismus ist in keiner Weise ein eindeutige Ursache für einen bestimmenden Effekt. Aktuell weiß man noch gar nicht, wie Informationsverarbeitung im Gehirn und Stoffwechseln zusammenhängen. Qualitative Aussagen der Kategorie “Dort im Areal ist mehr Stoffwechsel als hier, also ist das Areal bestimmend oder seine von uns zugeschrieben Aufgabe dominant” sind reine Spekulation und halten keiner wissenschafttheoretischen Prüfung stand. Solches Ummünzen von Korrelationen zu manifesten Kausalitäten ist der Religion näher als der Wissenschaft. Untersuchungen haben auch gezeigt, dass der Internetgebrauch unsere analytischen Fähigkeiten und unsere Leistung, mehrere Aufgaben praktisch gleichzeitig auszuführen – Multitasking – ebenso verbessert wie die Geschwindigkeit der Bildverarbeitung im Gehirn. Die schlechte Nachricht dabei ist aber, dass wir Menschen generell schlecht im Multitasking sind. Gemeint ist hier vor allem die Fähigkeit unseres Arbeitsgedächtnisses, parallel Probleme zu bearbeiten, eigene Gedankengänge zu protokollieren oder sich beispielsweise Gegenstände und Zwischensummen bei Kopfrechenaufgaben zu merken. Dieser Teil unserer Gedächtniswerkstatt hat erstaunlich geringe Kapazitäten. Leider werden wir nie erfahren, welche Untersuchungen auf welche Art durchgeführt wurden. Aber um es mal basaler auszudrücken. Der “Internetgebrauch” ist eine reichlich hilflose Beschreibung der Tatsache, dass wir mit einem PC lesen, Bilder und Filme ansehen und zuhören. Die Art und Weise, wie das Internet unsere Art des Lesens, des Sehens und des Zuhörens verändert, wäre in der Tat interessant. Denn  ich würde gerne wissen, wie in den Achtziger Jahren eine Hausfrau vor dem Fernseher bügelte, dabei die Kinder bei den Hausaufgaben beaufsichtigte und nebenbei dem muskulösen Nachbarn beim Rasenmähen zusah, ohne ernste Probleme im Arbeitsgedächtnis zu bekommen. Im Ernst: Wir beginnen gerade, die verschienden Arten der Gedächtnisse des Menschen zu erkunden. Wir sind noch lange nicht soweit, dass wir diese Arten mit direkten Tätigkeiten aktuell und in Echtzeit korrelieren können. Ich muss außerdem zugeben, dass ich nur Computer mit einem einzigen Monitor benutze. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es den Bankern ergeht, die auf vier oder fünf Monitore achten müssen und dabei noch Devisen, Aktien und ähnliches ein- und verkaufen. Aber ich vermute, dass das Gehirn dieser Leute schon vor dem Internet trefflich adaptiert war für diese Aufgaben. Ich breche hier die Exegese ab, weil substanziell nichts wirklich Neues dazukommt, wer mag, kann das Pamphlet ja hier weiterlesen Bildnachweis: alles-schlumpf

May 4 2010, 10:00am

Das Internet ist neutral ist neutral ist neutral

Seit einiger Zeit verfolge die engagierten Diskussionen rund um das Web als Mittel um zu (der Leser setze hier eine große Idee ein). Da die Gesellschaft, in der wir leben, einem ständigen Wandel unterliegt, fallen damit schon mal die Experten aus dem Raster meiner Anerkennung, die sich nicht zu schade sind, diese ewigen sozialen Veränderungen auf das Netz als Ursache zu beziehen. Noch weitaus größere Probleme habe ich, wenn der Begriff der Kultur in diesem Zusammenhang fällt. Denn Kultur kommt nicht nur aus dem Latinischen cultura (Pflege und Ausbilden), sondern hängt auch eng mit Kolonie zusammen. Die Wissenschaft ist sich nicht einig darüber, ob damit eher das gemeint ist, was allen Menschen zu kommt oder eher das, was bestimmten Gruppen oder Epochen aus einer distanzierten Perspektiven als einheitliche Eigenschaften von außen zugesprochen wird. Da wir als aktive Netznutzer keine Außenperspektive haben und das Netz sowieso nur 5-10% der Weltbevölkerung zur gewünschten Nutzung zur Verfügung steht, ist dieser Begriff im Kern ein Fehlgriff. Ähnlich verhält es sich ja mit dem Begriff der Intelligenz, der sich bis heute einer verständlichen und vor allem weitgehend übereinstimmenden Definition entzogen hat. Leider ist das für einige Zeitgenossen kein Grund, diesen kaum wissenschaftlich bezwingbaren Gedanken der Intelligenz nicht als Basis für andere Erklärungen zu nutzen. Mit dem Mikroskop auf die Bevölkerung zielen

Aber kommen wir zurück zu der Gesellschaft. Diese Zusammenfassung von rund 80 Millionen Deutschen zu einem Untersuchungsgegenstand ist in bezug auf das Web eine meistens unzulässige Verallgemeinerung, denn rund 40 Millionen, also rund die Hälfte nutzen das Web kaum bis gar nicht. Trotzdem finden sich immer wieder seriöse Wissenschaftler, die ihren Werkzeugkoffer mit Messinstrumenten aufschlagen, ein wenig an der Bevölkerung herum messen und dann eine Diagnose stellen, die verblüffend oft auch von einer Diagnose begleitet wird. Diese ungefragten Anamnesehelden und Sozial-Therapeuten verfolgen Ziele, die selten über das Profilieren als Berater oder Experte hinaus gehen.

Das ist insoweit nett, da auf diese Weise die Entscheider aus Politik und Wirtschaft jeglicher Verantwortung enthoben sind, da sie bei Nichtgefallen oder Fehleinschätzung einfach auf den Kreis der Experten verweisen (Ausschuß, Kommission oder Arbeitskreis) und schulterzuckend und mit vollem Ernst darlegen können, dass man die besten Köpfe eingekauft hatte. Was sind nun aber diese besten Köpfe?

Ich hatte auf der re:publica10 die Gelegenheit, eine Menge an Sprechern zuzuhören. Einige bezeichnen sich selbst als erfahrene Berater, weil sie eine Vergangenheit mitbringen, die sich leicht mit einem gegebenen Thema assoziieren läßt. Andere tragen einfach das Thema vor, das ihnen seit langem im Kopf und im Handeln umgeht und eine dritte Gruppe scheint zu den Universalgenies zu gehören. Die werden binnen Jahresfrist zu jeder Sau Chefexperte, die die Medien durchs Dorf jagen. Die vierte Gruppe rekrutiert sich oft aus der ersten oder der letzten Gruppe und versucht, selber Themen zu setzen. Wer ein Schlagwort erfindet, das andere lang und breit diskutieren, der gilt im nachhinein als kompetent genug, eine seriöse Bewertung abzugeben. Je Experte desto weniger Alltagsnutzer

In Bezug auf das Web und die Gesellschaft werden dabei meistens diejenigen vergessen, um die es sich drehen soll: Die Nutzer und mehr noch die Noch-Nicht-Nutzer. Und, liebe Leute, Befragungen sind mitnichten ein Akt der Erkenntnis sondern das Zeichnen von Blättern für die Rorschachtests der akademischen Deuter. Als die alte Frontlinie zwischen konservativen Kräften und linksliberalen Aufklärungshelden zerbrach und in den 70er und 80er Jahren in Kalifornien die technolibertären Hippies das marktliberale Credo der Konsumisten mit dem Freiheitsgedanken der bürgerlichen Revolution verbanden, schien die Welt in Ordnung. Ein dritter Weg war gefunden: Das Individuum musste nur durch strenge Selbstbefreiung, dazu gehörte auch ungezwungener Konsum von immateriellen Gütern wie Therapiewochenenden oder Befreiungskursen und das Genießen guter Produkte sein Karma in eine Balance bringen und schon waren die Marktwirtschaft und revolutionäre Menschenverbesserungstheorien vereint.

Auf dieser Basis gedieh das subversive Konsumieren von Netzcommunity zu einer Mischung aus Revolution und Selbstentblößung. Denn über die Telefonnummer des Modems mit dem man sich einloggte, war fast jeder 1:1 identifizierbar. Da half weder das anonyme usenet noch abenteuerliche Kampfnamen aus der Komikwelt. Aber die Illusion des freien Raumes im virtuellen Netz war perfekt. Da aber einige Hacker und Cracker wirklich die Freiheit erlangten und machen konnte, was sie wollten und mit welchen Daten sie wollten, wurde schnell allen klar, dass es vielleicht doch eine ordnende Instanz gibt, die auch im digitalen Netz die alten Regeln bewahrte. Im Kern hatte sich also nichts an den Machtverhältnissen geändert, nur das die freien Datennutzer recht bald eine Armada an polizeilichen Institutionen an die Seite gestellt bekamen, die exakt dasselbe abbildeten, was wir auch in der berührbaren Gesellschaft der menschlichen Körper vorfinden.

Nun hat sich auf technologischer Ebene in deutlich langsamerem Tempo die Verbreitung von Buchstaben per Papier zu einer Verbreitung per Bits im Netz gewandelt. Und schon kommen die ersten Experten und deuten uns die gesellschaftlichen Auswirkungen. Aus meiner Pespektive kämpft im Mantel der Netzdiskussion noch immer der konservative Flügel in Gestalt der neuen Bürgerlichkeit gegen den fortschrittsgläubigen Flügel der professionellen Aufklärer und Menschenverbesserer. Dazwischen stehen die technolibertären Menschen (zumeist Männer) die noch immer glauben, dass mehr Technologie auch mehr Potenz realisiert. Wofür diese Potenz eingesetzt werden soll, hängt dann von Einflüsterungen der anderen beiden Seiten ab. Die Einen wollen die Welt verbessern, die anderen möchten diese beste aller Welt so schön wie möglich erhalten.

Während wir diese leeren Diskussionen und noch leereren Weltdefinitionen in Dutzenden Reden über uns ergehen lassen müssen, werden Blogger in China oder im Iran eingesperrt oder gar ermordet. In Russland übernimmt die Führungselite klammheimlich die Meinungsführerschaft in der Bloggerwelt und Amerika ist sich nicht zu dumm, eine 5-Millionen-Dollar Initiative für Bürgermedien ausgerechnet mithilfe des Außenministeriums im Mittleren Osten zu implementieren. Eine Bitte um etwas mehr Rücksicht mit Leuten, die echte Risiken eingehen

Es ist also deutlich erkennbar, dass die neue Transparenz der Sozialen Medien deutlich Anzeichen erkennen lässt, dass Dissidenten und Andersdenkende sich mit diesen Mitteln um Kopf und Kragen bringen, weil sie so schön leicht identifizierbar sind. Und uns fällt nichts Besseres ein, als Projekte wie wikileaks als “ganz nett” zu bezeichnen, die als Einzige überhaupt versuchen, den Informantenschutz in dieser schönen neuen post-privacy Welt durchzusetzen. Und dann höre ich mir von einem Organisationspsychologen verstaubte systemtheoretische Kenntnisse aus den Achtziger Jahren an, die und den “brandneuen” Kulturkampf im Internet zwischen Konservativen und Linken als neues gesellschaftliches Phänomen verkaufen. Ich höre mir an, wie technoliberale Web-Experten noch immer den Glauben an die gute akademische Verursachung  des dezentralen Netzwerks namens Arpanet verkaufen und nicht wenige junge und alte Denker glauben, es wäre gut für alle, was ihrer Karriere zu mehr Schwung verholfen hat. Gerade diese Adepten der neuen Offenheit, von Mark Zuckerberg über Jeff Jarvis bis Christian Heller scheinen in keiner Weise zu verstehen, dass es Millionen von Menschen gibt, die extrem negative Folgen erleben würden, wenn sie alle Daten und Gedanken in ihrem Kopf einfach selbstlos der Allgemeinheit übereignen. Aber am meisten wurmt mich deren Unterstellung, dass es offenbar ein böser Wille ist, der ihnen kritisch vorhält, dass nicht jeder profitiert von einer Selbstentblößung. Nur weil sie daran glauben, dass einem immer dann Gutes widerfährt, wenn man selber Gutes will, muss man ihnen ja nicht auf diesem messianischen Weg folgen in das heilige Land, wo aus Daten und Informationen einfach so eine emanzipierte und machtvolle Gesellschaft erwächst. Etwas mehr Differenzierung könnte man schon erwarten. Aber die dialektische Vorgehensweise der Systemtheorie mag vielen den Blick auf die mehrwertige Bedeutung von Beobachtetem und Erdachtem verunmöglichen. Manchmal ist die Reduktion von Komplexität in Modellen und Metaphern eben der erste Schritt in Irre… Bildnachweis: pjhudson, ardelfin

April 23 2010, 11:47am

Geschichte des Internet und Ursprung des Web

Anläßlich der Diskussion um das Web und dessen Auswirkungen nicht zuletzt im öffentlichen Fernsehen, ist es offenbar an der Zeit, einige Vorurteile und Legenden zu beleuchten. Denn um eine profunde Diskussion darüber zu führen, was es kann das weltweite Datennetz, wäre es hilfreich, seine Anfänge und Vorhaben in den Blick zu nehmen, da die primäre Gestaltung dieses Netzes Folgen hatte, die wir heute zumindest teilweise in den Menschen oder die Gesellschaft verlegen.

Noch während des zweiten Weltkriegs begann das, was wir heute den militärisch-industriellen Komplex nennen. Mit diesem Begriff bezeichnet der Soziologe Charles Wright Mills ein Amalgam aus Industrie und Militär. Diese Verknüpfung der Interessen beider Lager sind aus seiner Sicht eine enorme Bedrohung für die modernen Demokratien. Die Verhältnisse während der Bushregierung, vor allem die Diskurse über Halliburton, Dick Cheney sowie Bushs Beziehungen zu einige bekannten Risikokapitalfirmen haben die Diskussion um diesen Begriff aktualisiert. Der bekanntes Name aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in diesem Zusammenhang ist gleichzeitig einer der Väter des Web, wie wir es täglich nutzen: Vannevar Bush. Sein Memory Extender (memex) war eine Vorwegnahme dessen, was wir heute mit dem Web-Konzept des Tim Berners-Lee verbinden: Ein visueller Zugang auf untereinander vernetzte Dokumente. Bush war auch einer der Gründer des bekannten Rüstungskonzerns Raytheon, das hängt mit seiner Tätigkeit rund um Radar und Sonar zusammen. Der Memex war Inspiration für Englebarts und Lickliders erste Versuche eine nutzerfreundliche Mensch-Maschine-Interaktion zu gestalten. Sie taten diese im Auftrag der ARPA (Advanced Research Projects Agency), einer Behörde des Verteidigungsministeriums, die gegründet wurde, um militärisch relevanten Technologien im Sinne des Militärs koordinieren zu finanzieren.

In den 50er Jahren begann die militärische Aufklärung mit den damals größten Informationssammlern, einem landesweiten Netzwerk aus Radarstationen zur Luftverteidigung, das in einer ARPA-Abteilung namens SAGE (Semi Automatic Ground Environment) geführt wurde. Das war das erste Mal, das viele militärische Informationen per Netzwerk zusammenführte. Um diese Informationen zusammenzuführen gründete man mit dem Information Processing Technology Office (IPTO) eine Computerabteilung, deren Aufgabe darin bestand eben diese Informationen zusammenzuführen und auszuwerten – und was noch deutlich wichtiger war – es musste ein Projekt in Gang setzen, dass als robustes und krisenfeste Kommunikationsnetzwerk den Austausch zwischen den verteilten Radarstationen und den Zentralrechnern gewährleisteten sollte. Es sollte damit beginnen, die Computer von Pentagon, Cheyenne Mountain und dem SAC Hauptqartier als autonomes Netz zu verbinden. Der erste Chef des IPTO wurde Joseph Carl Robnett Licklider, der 1962 mit dem Galaktischen Netzwerk konzeptionell die Idee des Internet zusammenfasste. Außerdem ermöglichte er es, dass fortan Informatiker in den USA zu Gebiet Computerwissenschaften promovieren konnten. Fußnote: Als Co-Direktor des US-Rüstungslieferanten Bolt Beranek and Newman (BBN) kaufte Licklider einen großen DEC-Rechner und plante und realisierte quasi darauf das erste Mehrbenutzersystem (Time Sharing).

Die Vision des Galaktischen Netzwerk von Licklider verfasste er in einer Reihe von Memos. Das erste wurde 1961 publiziert unter dem Titel “Man-Computer Symbiosis” und fokussiert die Mensch-Maschine Interaktion. Diese Buch kann als Werk der Kybernetik und der künstlichen Intelligenz angesehen werden. Er hat dort schon sehr früh die Grenzen des Computers formuliert – anders als viele heutige Kritiker des Web bzw. des Computers: “Men will set the goals, formulate the hypotheses, determine the criteria, and perform the evaluations. Computing machines will do the routinizable work that must be done to prepare the way for insights and decisions in technical and scientific thinking.” Das zweite Memo hieß “On-Line Man Computer Communication” und behandelte die soziale Interkation zwischen Menschen über das Netzwerk. Mit Robert Taylor schrieb er dann 1968 “The Computer as a Communication Device” wo Online Communities als effektive Systeme der menschlichen Kommunikation vorgestellt wurden.

1962 überzeugte er die anderen Forscher, dass das Netzwerk der Kern aller notwendigen Aufgaben darstellen würde. Er veranlasste das Project MAC am MIT, ein Computer, der bis zu 30 Personen die Arbeit am Mainframe-Rechner per eigenem Terminal und eigener Tastatur ermöglichte. Er war es auch, der die Gelder für ähnliche Projekte an anderen Universitäten bereitstellte – vor allem für das Stanford Research Institute unter Douglas Englebart (den Erfinder der Maus und Autor von Augmenting Human Intellect). Dann wurde Licklider Direktor des Project MAC und baute damit das erste Online Setup sowie ab 1964 Multics, den Vorfahren von UNIX.

Die Idee des robusten Netzwerks basierte auf einer besonderen Form der Nachrichtenvermittlung, die Donald Watts Davies ersann. Die Inhalte werden in Pakete aufgeteilt und mit Quellenangabe, Ziel, Datenlänge, einer Laufnummer und einer Klassifizierung (Netzneutralität!). Bei der Paketvermittlung werden Rechner gebraucht, die ersten dieser waren 1969 von Honeywell und konnten 50Kbit/s im ARPANET übertragen. Dieses erste Netzwerk, das auf betreiben von Lickliders Nachfolger Robert Taylor von Lawrence Roberts, Leonard Kleinrock, Paul Baran und Watts Davies konzipiert wurde (TCP/IP). Zwischen Kleinrocks Network Measurement Center an der UCLA und Englebarts SRI (Stanford) kam es am 29.Oktober zu ersten funktionierenden Übertragung von zwei Buchstaben. Das LOGIN klappte nur bis zum Buchstaben G, dann fiel die erste Verbindung zusammen. Nach einigem Hin und Her kamen aber doch robuste paketvermittelte Verbindungen zustande. Zur selben Zeit wurde UNIX entwickelt und die Programmiersprache C – zusammen mit dem ARPANET wird diese als Nukleus des Internet angesehen. Aber erst die als Ideen von Vannevar Bush über den visuellen Zugriff auf Wissenssammlungen mit Ted Nelsons Konzept des Hypertexts von 1960 (XANADU) zusammenkam in einem Projekt namens world wide web des Briten Tim Berners-Lee am CERN in Genf, da begann der Siegeszug des Datennetzes, wie wir es kennen auf dem HTT(P)-Protokoll.

Es ist nicht davon auszugehen, dass der erste Gedanke des Netzwerks ein Verknüpfen der Universitäten war. Zumal zweckfreie Grundlagenforschung gar nicht der Zweck der ARPA war. Dass im Laufe des Projekts klar wurde, dass die verschiedenen Abteilungen, Projekte und Forscher überhaupt erstmal miteinander verbunden werden müssen enbindet nicht von dem historischen Gedanken, warum die federführende Stelle IPTO überhaupt gegründet wurde. Nämlich um die Idee des SAGE-Netzwerks weiterzuführen. Und SAGE hatte keine universitäre Ursache oder akademische Veranlassung. Eat Your Own Dogfood bedeutet ja nicht, dass es nicht einen externen Anlass für die Entwicklung des Hundefutters gibt. Und wenn man die juristische Schlußfolgerungsregel conditio sine qua non bemühen will, dann kann man sagen, dass der russische Sputnik als im wahrsten Sinne des Wortes damals höchste Form des Radars deswegen einen initialen Einfluß auf die ARPA hatte. Denn erst danach reagierte sie mit dem Auftrag ein mächtigeres und überwachungssicheres Kommunikations-Netzwerk als SAGE zu entwickeln, das auch die oben genannten militärischen Rechenzentren zuverlässig verbinden sollte. Bidlnachweis: jkombae

April 12 2010, 12:48pm

Enterprise 2.0 – Zehn Einblicke in den Stand der Einführung

Centrestage (Dr. M. Göhring) und Prof. Joachim Niemeier haben eine lesenswerte und vor allem praxisnahe Studie zum Thema Einführung von Enterprise 2.0 in Unternehmen online gestellt. Sie wurde bereits bei bwlzweinull.de besprochen und bewertet. Sie umfasst 72 Beispiele und ist damit aus meiner Sicht den vielen Büchern zum Thema in einer Hinsicht voraus: Sie überschreitet den üblichen Rahmen aus mehr oder weniger klugen Vorstellungen von social software im Firmenumfeld um die praktische Perspektive. Die letzten Seiten der Studie beinhalten konsequenterweise einen abstrahierten Projektablaufplan, der als individualisierbares Muster für ein eigenes Vorgehensmodell dienen kann. Sehr lobenswert. Wie so oft im Leben überschreitet diese kostenlose Studie den Nutzwert von einigen teuren E20-Fachbüchern deutlich.

Enterprise 2.0 Studie 2010 - centrestage GmbH

March 26 2010, 2:50pm

Die Säulen der digitalen Gesellschaft

Die Initiative D21 und tns infratest geben ja bekanntlich den (N)Onliner-Atlas heraus, in dem minutiös das Web-Nutzungsverhalten der deutschen Bevölkerung abgebildet sein soll. Die Wahrheit erblickt das Licht der Welt über den Umweg von telefonisch abgefragten Daten bei rund 1000 Menschen. Aktuell handelt es sich in diesem Rahmen um eine Studie über eine Typologisierung der Webnutzer anhand einiger Kriterien des Umgang mit dem Web. Man unterscheidet dabei das sogenannte “digitale Potenzial”, das auf Infrastruktur, Kompetenz und Wissen lädt sowie der “Einstellung und Nutzung”, welches auf Nutzungsinstensität und -vielfalt sowie auf Einstellung lädt. Wie seinerzeit die Sinusmilieus ist hier wieder ein Schubladendenken am Werk, das dem exceltrunkenen Budgetverantwortlichen Argumente für oder gegen eine (Werbe)Aktion an die Hand geben soll. Oder präziser: Wer im Internet Millionen machen will, möge doch bitte erstmal die reine, empirische Wahrheit der Segmentierung der Webnutzer goutieren. Es treten auf:

Die digitalen Außenseiter (35 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung) Die digitalen Außenseiter sind die größte und gleichzeitig mit einem Durchschnittsalter von 62,4 Jahren die älteste Gruppe. Im Vergleich zu den anderen Typen haben sie das geringste digitale Potenzial, die geringste Computer- und Internetnutzung sowie die negativste Einstellung gegenüber digitalen Themen. Nur ein Viertel verfügt bei der digitalen Infrastruktur über eine Basisausstattung (Computer und Drucker). Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien sind folglich kaum vorhanden. Selbst Begriffe wie E-Mail, Betriebssystem oder Homepage sind den digitalen Außenseitern weitgehend unbekannt und nur ein Fünftel der digitalen Außenseiter ist in der Lage, sich im Internet zu Recht zu finden.

Ich finde es schade, dass nur 20% Recht im Web finden. Vor Gericht sind es wahrscheinlich noch viel weniger. Aber genug der Kalauer. Es geht um ein ernstes Thema. Denn leider fehlt die wichtigstes Frage: Wollen Sie keinen Computer oder können sie sich den nicht leisten bzw. wenn, haben sie niemanden, der ihn das Ding erklärt. Und was wahrscheinlich vielen digital natives unbekannt ist: Computer funktionieren tadellos ohne Internet – jedenfalls war das vor den webbasierten Zwangsaktivierungen so.

Die Gelegenheitsnutzer (30 Prozent) Die Gelegenheitsnutzer sind durchschnittlich 41,9 Jahre alt. Sie nehmen im Vergleich zu den digitalen Außenseitern zumindest teilweise am Geschehen in der digitalen Gesellschaft teil. 98 Prozent besitzen einen PC oder ein Notebook, drei Viertel bereits eine Digitalkamera. Passend dazu verbringen nahezu alle Gelegenheitsnutzer Zeit mit Computer und Internet – vor allem für private Zwecke. Der Gelegenheitsnutzer kennt bereits viele Basisbegriffe der digitalen Welt, hat aber besonders beim Thema Sicherheit großen Nachholbedarf. Insgesamt erkennt dieser Typ klar die Vorteile des Internets, fördert aber nicht seine Weiterentwicklung und bevorzugt eher klassische Medien.

Seltsam, die grenzdebilen Gelegenheitsnutzer laden bei der Suchkompetenz (alle Werte sind Eigeneinschätzungen!!!) und Textverarbeitung mit über 90% und bei den Themen Nachrichten online lesen immerhin noch bei 60% und bei der Preisinformation bei stolzen 80%. Dass hier die Politikverdrossenheit eine aktive Teilnahme an der “digitalen Gesellschaft” verhindern könnte, findet natürlich keine Beachtung beim Design der Studie. Warum soll man auch die Menschen nach Gründen für ihr Verhalten fragen. Die kulturelle Wirklichkeit besteht ja nicht aus Motiven sondern aus empirischen Erhebungen des Verhaltens. Bei Viren, Passwort und Sicherheit lädt diese Gruppe um die 70% und mehr. Würden sie Linux benutzen bräuchten sie sich um das Thema gar nicht zu kümmern. Die Relevanz vieler Sicherheitsthemen kommt ja eher aus der mangelnden digitalen Kompetenz einiger Hersteller als aus derjenigen der Nutzer – aber das nur am Rande. Dass nur 45% Online-Banking betreiben, ist ja ein deutlich Indiz dafür, dass sie die Kompetenz der Banken in Sachen Sicherheit allein durch das Thema Scheckarten ausführlich genießen durften. Da ist es nur konsequent, sich zu der Pest der faktischen Beweislastumkehr bei “Einzelfällen” nicht noch ein Problem ins Haus zu holen, mit dem Tausende Euro Verlust mit einem Schulterzucken der Gelddienstleister quittiert werden. Ich kann das den Gelegheitsnutzern nur als hohe Sicherheitskompetenz anrechnen. Man vermeidet Verluste erfolgreich durch unterlassene Experimente – allerdings vermeidet man so auch Gewinne. Aber das ist ein anderes Thema…

Der Berufsnutzer (Neun Prozent) Durchschnittlich 42,2 Jahre alt, hat diese Gruppe den höchsten Anteil an Berufstätigen. Im Vergleich zu den Gelegenheitsnutzern haben die Berufsnutzer eine deutlich bessere digitale Infrastruktur an ihrem Arbeitsplatz und nutzen dementsprechend auch dort überdurchschnittlich das Internet. Hingegen ist die private Nutzung sogar leicht unter dem Niveau der Gelegenheitsnutzer. Die Nutzungsvielfalt der Berufsnutzer beschränkt sich eher auf nützliche Anwendungen wie E-Mail oder Textverarbeitung.

Die Nutzungsvielfalt der Berufsnutzer beschränkt sich eher auf nützliche Anwendungen wie E-Mail oder Textverarbeitung. Dieser Satz entlarvt das geistige Niveau auf dem solche Wirklichkeitsschnappschüsse entstehen. Zwei Werkzeuge sind keine Vielfalt. Und mal im Vertrauen: E-Mail und Textverarbeitung sind die bei weitem gebräuchlichste Form der geschäftlichen Erstellung von Texten. Das bedeutet, die Einschränkung liegt eher im Design der modernen Arbeit als in der Entscheidung der Nutzer begründet. Die Tatsache, dass die zuhause nicht am Rechner sitzen, könnte darauf hinweisen, dass sie privat gerne digitale Außenseiter sind, aber der Job sie zu einem digitalen Teil der Gesellschaft werden lässt, ohne dass sie das aktiv gewählt hätten. Außerdem haben die digitale Infrastruktur am Arbeitsplatz nicht, sonder die hat sie. Will heißen: Sie müssen das Zeugs nutzen auch und gerade im täglichen Kampf gegen Lagerverwaltungssoftware, digitales Buchungswesen oder gar den Zwang zur digitalen Archivierung jedes geschäftlichen Vorgangs wie beispielsweise E-Mails von Kunden und Lieferanten.

Die Trendnutzer (Elf Prozent) Diese Gruppe hat sowohl den höchsten Männer- (78 Prozent) als auch Schüleranteil (13 Prozent). Das Durchschnittsalter der Trendnutzer ist mit 35,9 Jahren recht jung. Bei den Trendnutzern ist häufig die ganze Bandbreite an digitalen Geräten vorhanden. Der Trend geht dabei klar zum Zweitcomputer. Die Mitglieder dieser Gruppe verfügen über umfassende Kompetenzen am Computer und kennen sich bis auf wenige Ausnahmen bestens in der digitalen Welt aus. Die Trendnutzer wenden besonders gerne Web 2.0-Applikationen an und erkennen die großen Vorteile der digitalen Medien für sich.

Interessanterweise ist das Thema Nutzung von Preisinformationen, Internetsuche, Textverarbeitung und Nachrichten online lesen vergleichbar mit der Gruppe Gelegenheitsnutzer. Woran das wohl liegen könnte? Ob das Angebot im Web auch einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten haben könnte? Lustig ist die Tatsache, dass ihre Kompetenz beim Erstellen einer Website besonders hoch sei. Wer also bei jimdo, wordpress.com, blogger.de oder ähnlichen Anbietern in 3 Minuten eine Seite zusammengeklickt hat, einen eigenen PC hat sowie Nachrichten und Preisinformationen vornehmlich im Web liest ist schon ein Trendnutzer. Hm, das wird ein Fest für die Marktforscher, mit solch scharfen Begriffen die Reichweitendiskussion neu zu entfachen.

Kommen wir zu den letzten beiden Gruppen:

Die digitalen Profis (12 Prozent) Der durchschnittliche digitale Profi ist 36,1 Jahre alt, meist männlich und berufstätig. Dieser Typus verfügt sowohl Zuhause als auch im Büro über eine sehr gute digitale Infrastruktur. Seine Kompetenzen sind umfangreich, was sich insbesondere in ihren professionellen Fähigkeiten widerspiegelt. Ob Makroprogrammierung oder Tabellenkalkulation, der digitale Profi fühlt sich auch auf diesem komplexen Terrain zuhause. Eher selten suchen die digitalen Profis im Vergleich zu den Trendnutzern und der digitalen Avantgarde Zerstreuung in der digitalen Welt oder nutzen diese zur Selbstdarstellung. Bei der Nutzungsvielfalt stehen daher nützliche Anwendungen, wie z.B. Online Shopping, Preisrecherche und Nachrichten lesen, im Vordergrund.

Dieser Satz ist einfach aussagenlogisch, grammatikalisch und überhaupt mein Lieblingssatz der Pressinformation zur Studie: Seine Kompetenzen sind umfangreich, was sich insbesondere in ihren professionellen Fähigkeiten widerspiegelt. Ob Makroprogrammierung oder Tabellenkalkulation, der digitale Profi fühlt sich auch auf diesem komplexen Terrain zuhause. Mal zuhause, mal Zuhause oder auch zu Hause alles im Angebot. Genauso beliebig ist auch die Zuordnung von Excel und Makros zu einem Typus “digitaler Profi“, es sei denn, man will einem bestimmten Typus BWLer Honig um den Bart schmieren, wo es als ausgemachtes Expertentum gilt, mittels eines Makros Tabellenblätter miteinander über Dateigrenzen hinweg zu aktualisieren.

Die Digitale Avantgarde (Drei Prozent) Die jüngste Gruppe (Durchschnittsalter 30,5 Jahren) ist gleichzeitig mit drei Prozent auch die kleinste Gruppe. Die digitale Avantgarde hat dabei ein eher geringes Einkommen und lebt oft in einem Singlehaushalt. Ihre digitale Infrastruktur lässt kaum Wünsche offen. Auffällig hoch sind dabei die mobile und geschäftliche Internetnutzung. In allen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen und bildet bei den komplexen digitalen Themen die Spitze der Gesellschaft. Ihr Wissensstand um die digitale Welt ist dagegen nicht ganz so ausgeprägt wie bei den digitalen Profis. Mehr durch „trial and error“ statt das Lesen von Anleitungen eignet sich der digitale Avantgarde seine Kompetenzen an. Von den digitalen Medien lässt diese Gruppe kaum ab: Durchschnittlich elf Stunden verbringen sie täglich vor dem Computer. Neben der Arbeit ist daher auch das Freizeitverhalten oft von den digitalen Medien bestimmt.

Aber wenn man denkt, schlimmer kann es nicht kommen: Die digitale Avantgarde hat dabei ein eher geringes Einkommen [...] In allen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen. Das könnte den aufmerksamen Beobachter zu folgenden Schlussfolgerungen verführen: Wer sich mit dem Web auskennt, ist arm oder wird dadurch arm. Wer Ahnung von Webdingen hat und dort viel unterwegs ist, der kann kein Werbeziel sein, weil er oder sie sich nix leisten kann. Besser kann man die geringen Werbekosten im Web gar nicht begründen: Man erreicht im Web 2.0 hauptsächlich nur arme und eremitisch lebende Menschen, die Ahnung in Bereichen haben, die den Großteil der Bevölkerung in keinster Weise tangieren – außer im verhassten Büro. Und wer Tabellenkalkulation bedienen kann, gehört zur Liga der ausßergewöhnlichen digitalen Profis. Was wohl Leon dazu sagen würde…

Bildnachweis: clarita

March 23 2010, 10:00am

Management-Berater: Das große Gefasel

Kaum hat jemand erfolgreich das Thema Banken und Finanzkrise aus der Öffentlichkeit entfernt, springen auch schon die ersten virtuosen Faselmeister in die offen stehende Bresche. Es dauert für den Steuerzahler mindestens 20 Jahre, um die Schäden der Bankenkrise abzuzahlen. Schon heute verdienen die meisten Banken wieder fast soviel wie vor der Krise. Und sie haben jetzt ein bombensicheres Risikomanagement. Den Staat. Und nun treten die großen Namen auf den Plan und beginnen das große Einpeitschen wie seinerzeit als das libertäre Mantra des staatlichen Rückzugs auf allen Kanälen erklang. Der Erste, der sich aus den Büschen traut, ist der allseits beliebte Fredmund Malik, Gründer und Leiter des Malik Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen. Auf die Frage im Interview auf buchreport.de, ob die aktuellen Bedingungen den Rahmen für Managemententscheidungen ändern, antwortet er mit einem dreifachen “Komplexität”. Ein Mega-Trend ist die Komplexifizierung der Welt, d.h. das Entstehen der neuen Welt hochdynamischer Systeme und der Komplexitätsgesellschaft. Das bedeutet das Ende von Gewissheit, Vorhersehbarkeit und herkömmlichen Mitteln der Unternehmenslenkung. Aha. Was genau war wann eine Gewissheit? Gab es jemals irgendjemanden, der im ökonomischen Umfeld Gewissheiten erkannt hatte? Würde das den Primat der Wahrscheinlichkeitstheorie erklären? Würde das die Binse erklären, die da sagt, der Aktienmarkt besteht zu 50% aus Psychologie? Wenn Märkte jemals vorhersehbar gewesen wären, wären wir alle Risikokapitalgeber gewesen, weil es nie ein Risiko gegeben hätte. Herkömmliche Mittel der Unternehmenslenkung werden immer dann abgeschafft, wenn neue Vorstände berufen werden. Die Unternehmenskultur einer Firma ändert sich ständig aber immer nur im Zeitlupentempo. Firmen lassen sich ähnlich lenken wie große Containerschiffe, jede Lenkbewegung wird erst mit enormer Verzögerung eine Wirkung zeigen – außer Entlassungen. Mit Verlaub, diese Erklärung ist weitgehend inhaltsleer. Deshalb wird er offenbar nochmal formuliert: Ein weiterer Mega-Trend ist die Entstehung gänzlich neuer komplexitätsgerechter Lenkungs-, Leitung- und Führungssysteme für Organisationen.
Wirklich spannend, wird es dann in einem kleinen Zusatz, der eine postdemokratische und posthabermasche Grundhaltung verrät:

Der kleinste gemeinsame Nenner und diesem entsprechende Kompromisse genügen heute nur noch selten für die Lösung politischer Probleme. Kaum fragt man jemanden nach Managemenentscheidungen, schon landet er bei der Politik. Man versteht langsam, warum die teuren PR-Agenturen, die man uns als politische Parteien verkauft, längst auf internationale Anwaltskanzleien zurückgreifen muss. Denn Managemententscheidungen sind offenbar neuen Gesetze. Man nennt das auch “profit by regulation”. Die Verlage führen das gerade mit dem Leistungsschutzrecht an allen deutschen Bühnen auf. Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine Periode des vielleicht tiefgreifendsten Wandels, den es je gab. Die aktuelle Krise, in ihrer Natur weitgehend missverstanden, sind die Geburtswehen der neuen Welt. Und was glaubt der geneigte Leser, was movens und agens dieser neuen Welt sind? Der wichtigste Treiber des Wandels ist die immense Komplexität der vernetzten Systeme, die rund um die Welt ihre Dynamik entfalten. Wenn jemand mehrfach auf multikausale Zusammenhänge eines ganzen Konglomerats an Teilproblemen angesprochen wird und permanent mit einem einzelnen Begriff antwortet, der auch noch derart schwammig ist, wie der der Komplexität, dann wird es Zeit, genauer hinzusehen. Der Begriff erklärt sich aus einem Modell der gesamten Welt, das man aus der Biologie entlehnt hatte. Dort führte man das große Gesamte unserer bekannten Welt, also Natur und Kultur auf Elemente und Strukturen zurück, die durch ein Etwas organisiert werden. Man erkennt daran, dass die Erklärungspotenz dieses Modells vor allem daran scheitert, dass schnell sehr viele Elemente und Strukturen zusammengefasst werden. Kategorienfehler bleiben nicht aus und was noch bedeutsamer ist, die Organisation als wichtigstes, weil ordnendes Moment, kann ab einer bestimmten Menge an Elementen und Strukturen gar nicht mehr erkannt, ermessen oder in Relation gesetzt werden. Genau dann spricht man von Komplexität. Man könnte also sagen, dass die Theorie der Systeme die Grenze ihres Erklärungshorizonts im diffusen Begriff der Komplexität zur Stärke umdefinieren. Daher erklärt sich auch, dass Komplexität je nach Wissenschaftsgebiet oder Forscher völlig unterschiedlich definiert und begriffen wird. Es scheint sich dabei eher um eine Art Glaubenscredo zu handeln. In der Wirtschaftstheorie ist Komplexitätsmanagement der Einbruch der Historie, also der Zeiteiste in das Lenkunsggeschehen, denn man erkennt darin ein Modell der Dynamik, das in der Philosophie schon lange Kontingenz heißt. Und dieses ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass man kausale Zusammenhänge eher als zufällig denn als erklärbar darstellt. Schlichte Menschen, die nicht 5000€-Tagessatz verdienen nennen dies Ungewissheit.

Auf dieser Basis der Ungewissheit rät Malik der Medienbranche zu Folgendem: Die Herausforderung auf einen Satz gebracht und keineswegs nur für die Medienbranche: Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes. Für herkömmliches Denken ist das zwar unvorstellbar, aber es entspricht im Kern den Leistungsfortschritten in vielen anderen Bereichen, z. B. in Technik und Medizin. Wer etwa in Kategorien des früheren Telefons denkt, wird die Welt des Handys nicht für möglich halten. Das Unmögliche von heute ist häufig der selbstverständliche Standard von morgen.

Ich denke, dass das geistige Niveau meiner Leser an dieser Stelle um einige Größeneinheiten unterschritten wird. Ich freue mich, dass Herr Malik ab jetzt die doppelte Zeit für die Hälfte des früheren Honorars arbeitet (also zwei Tage arbeiten für einen halben Tagessatz). Aber ich befürchte, dass eine Übertragung dieser genialen Idee an der Wirklichkeit scheitert. Wenn das ein berühmter Managementpapst öffentlich verbreiten läßt, dann ist klar, warum es aktuell so ist, wie es ist.

Bildnachweis: flickr

March 16 2010, 10:00am

TED: Was wir von Autismus lernen können

Die berühmte Dozentin für Tierwissenschaften Temple Grandin (sie humanisierte in den USA den Umgang mit Schlachttieren) erklärt als Autistin, wie ihre Welt funktioniert und was wir davon lernen können. (Achtung Südstaatler!)

March 3 2010, 9:37am

Klassiker: Vannevar Bush

Mehr als 6000 Forscher hatte Vannevar Bush in den 40er Jahren koordiniert, um einen wissenschaftlichen Beitrag zur modernen Kriegs- und Militärführung zu liefern. Nach dem 2. Weltkrieg forderte er sie 1945 in der Zeitung The Atlantic Monthly unter dem Titel “as we may think” auf, auch zu Friedenszeiten weiterhin zusammenzuarbeiten. Das Ziel sollte ein allgemeines Zugänglichmachen des gesamten Wissens und der Forschung sein: Es gibt einen wachsenden Berg von Forschungen. Aber gleichzeitig wird zunehmend klar, daß wir uns in einer immer stärkeren Spezialisierung festfahren. Der Forschende ist überwältigt durch die Ergebnisse und Schlußfolgerungen tausender anderer Arbeitender – Schlußfolgerungen, die aufzufassen er keine Zeit findet, geschweige denn sie zu erinnern, wie sie erscheinen. Dennoch wird die Spezialisierung zunehmend wichtig für den Fortschritt, und die Bemühung zwischen den Disziplinen Brücken zu schlagen, ist entsprechend oberflächlich. Im professionellen Bereich sind unsere Methoden der Übermittlung und Durchsicht von Forschungsergebnissen Generationen alt und den gegenwärtigen Aufgaben in keiner Weise angemessen… Der Ingenieur Vannevar Bush erlangte 1916 an der Harvard University sowie dem MIT den Doktorgrad. Da hatte er schon ein Patent in der Tasche für ein analoges Gerät zur Aufzeichnung von Geländetopographie namens profile tracer. Ende der Zwanziger Jahre baute Bush am MIT den seinerzeit leistungsfähigsten Analogrechner den Differential Analyzer. Unter Präsident Roosevelt wurde Bush zum Direktor des OSRD (Office of Scientific Reseaarch and Development). Er koordinierte also alle militärischen Forschungsvorhaben der Amerikaner während des Weltkriegs. Vorher hatte er ein Gerät namens Rapid Selector konstruiert, das in der Lage war große Datenbestände (in Bibliotheken) automatisiert zu verarbeiten. Dies war eine wesentliche Grundlage seines Konzepts des Memory Extender, der eine der Grundlagen für das heutige Internet ist. Es handelt sich beim Memex um einen Analogrechner in Gestalt eines Tisches mit zwei berührungsensitiven Bildschirmen auf denen Mikrofilme dargestellt werden. Das “Blättern” durch dieses Filme sowie das Speichern von bestimmten Dokumenten sollte möglich sein. Kern aus heutiger Sicht wäre die Funktion der Verknüpfung einzelner Dokumenten unter dem Begriff associations. So sollten sich bestimmte Pfade (trails) durch spezifische Dokumente ergeben, die die Nutzung einzelner Personen wiedererlebbar machen sollten und auf diese Weise vorherige Suchvorgänge abspeichern würden. Wie viele andere Forscher rund um den Computer auch, hatte auch Bush das Verständnis des menschlichen Gehirns im Blick beim Entwickeln dieser Maschine: Der menschliche Geist arbeitet [...] mittels Assoziation. Kaum hat er sich eine Information beschafft, greift er schon auf die nächste zu, die durch die Gedankenverknüpfung vorgeschlagen wird, entsprechend einem komplizierten Gewebe von Pfaden, das über die Hirnzellen verläuft. [...] (Der Memex ist) ein Gerät, in dem ein Individuum alle seine Bücher, Aufzeichnungen und Kommunikation speichert und das mechanisiert ist, so dass es mit steigender Geschwindigkeit und Flexibilität zu Rate gezogen werden kann. Sie ist ein vergrößerter Anhang seines Gedächtnisses [...] Im Kontrast zu den Forschern der künstlichen Intelligenz sprach Bush nicht davon, das Denken im Rechner zu modellieren sondern nur das Gedächtnis. Wenn man das Konzept der mikrofilmbasierten Dokumentenmaschine auf die Ordnerstrukturen und Pfade des heutigen Computers bezieht, wird klar, dass abgesehen von der Vernetzung alle wesentlichen Komponenten des Hypertexts hier vorbereitet sind, so dass Ted Nelson einige Jahrzehnte später diese Neuheit in seinem Projekt Xanadu vorstellen konnte. Aber dazu später in dieser Reihe mehr. Bildnachweis: Wikipedia (Public Domain)

February 17 2010, 10:00am

Publizieren: “Warten, bis Dinosaurier aussterben”

“Die Verlage haben Angst”, sagt Lukas Rieder. Angst davor, ihre Rechtfertigung für den Produktionsprozess zu verlieren. Rieder bietet bei “atoms&bits” eine Veranstaltung zum “Neuen Publizieren” an - naheliegend, denn er hat das Startup paperc gegründet, das wissenschaftliche Literatur leichter veröffentlichen und online zugänglich machen will. Viele Autoren würden heute einfach zu wenig verdienen – obwohl die Produktionskosten der Verlage ständig sinken würden. Bis zu 60 % Gewinnmargen streichen sie ein, sagt Rieder, und schlägt folgenden Ausweg vor: Autoren nehmen die Publikation ihrer Werke selbst in die Hand, kontrolliert mittels eines Peer Reviews. Ob Wissenschaftler überhaupt mit ihren Publikationen Geld verdienen müssten, wirft ein Kollege von Wikipedia ein. Schließlich seien viele Wissenschaftler Universitätsmitarbeiter, würden also mit Steuergeldern bezahlt. Warum also sollten sie mit ihren Publikationen Zusatzverdienste einstreichen? Es sei falsch, Verlagen zu unterstellen, Kosten vorzutäuschen, sagt Autorin Kathrin Passig. Produktions- und Organisationsprozesse seien tatsächlich hoch, wegen des “starrsinnigen Festhaltens an überholten Verfahren”. Genau aus diesem Grund werden auch viele Verlage sterben, meint Social–Media–Berater Igor Schwarzmann. “Wir sind alle sehr ungeduldig”, sagt er. Wie schnell die Entwicklung aber gehen könne, würde man am Beispiel der Lexika sehen, die innerhalb von wenigen Jahren mit Wikipedia eine echte Konkurrenz bekommen hat. Longtail-Effekte seien Verlagen egal: die Verlage würden einzelne Spitzentitel stark bewerben, andere kaum, klagt Autorin Passig. Es sei schwierig, Sachen zu publizieren, die nicht gestreamlined seien. Auch mit dem Lektorat ist sie häufig nicht zufrieden: Meist würden die Lektoren der Verlage nicht mehr stark an dem Text arbeiten, sagt sie. Viele Teilnehmer der Veranstaltung können sich gut vorstellen, dass Freiberufler das Lektorat übernehmen und das Buch dann direkt über Amazon oder ähnliche Plattformen vermarktet wird. Natürlich kommt die Debatte auch auf die Zukunft des gedruckten Buches zu sprechen. Schwarzmann glaubt, dass das Print-Buch künftig ein freakiger Gegenstand werden wird – ein Hobby wie Elektrische Eisenbahnen. Und zwar nicht nur im Unterhaltungs–, sondern auch im wissenschaftlichen Bereich. Das alles sei eigentlich nur noch eine Frage des Designs der Lesegeräte. Rieder widerspricht: Er glaubt, dass es gedruckte Bücher auch weiterhin geben wird: Wissenschaftlich wolle man eben auf vieles elektronisch zugreifen, im Urlaub aber dann doch lieber ein Buch dabei haben. Gerade im wissenschaftlichen Bereich setzt er aber große Hoffnungen in das digitalen Publizieren von Arbeiten und sieht dort auch große Vorteile. “Man muss nur warten, bis die Dinosaurier aussterben.” Gerade Print–on–demand–Dienste wie epubli vereinfachen den Produktionsprozess noch weiter: Teils ab 2, teils ab 500 Stück könne man bei der Druckerei in Auftrag geben, sobald ein Exemplar im Netz bestellt werde – ein Gegenentwurf zur Großlagerhaltung großer Verlage. “Der Veröffentlichungszeitpunkt spielt nicht mehr so die Rolle”, sagt Autorin Passig. Soll ein Text, der veröffentlicht wird, als fertig betrachtet werden oder nur als eine Version, die noch verändert, angepasst werden kann? Eine Frage, über die die “atoms&bits”-Runde streitet: Die einen lehnen es ab, Beta-Versionen eines Buches zu kaufen und später gesagt zu bekommen, welche Zeile darin falsch ist. Andere entgegnen: Darin liege doch gerade die Chance. Die Alternative sei: Die Zeile ist falsch und ich als Käufer des Buches erfahre es nicht. Positives Beispiel für ausführliches Feedback zum Manuskript sei hier der O’Reilly-Verlag. Mehr zum Thema: Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer über das Gefangenendilemma der Printverlage.

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September 29 2009, 8:02am

Publizieren:”Warten bis Dinosaurier aussterben”

“Die Verlage haben Angst”, sagt Lukas Rieder. Angst davor, seine Rechtfertigung für den Produktionsprozess zu verlieren. Rieder bietet bei “Atoms and Bits” eine Veranstaltung zum “Neuen Publizieren” an - naheliegend, denn er hat das Startup paperc gegründet, das wissenschaftliche Literatur leichter veröffentlichen und online zugänglich machen will.

Viele Autoren würden heute einfach zu wenig verdienen - obwohl die Produktionskosten der Verlage ständig sinken würden. Bis zu 60 % Gewinnmargen streichen sie ein, sagt Rieder, und schlägt folgenden Ausweg vor: Autoren nehmen die Publikation ihrer Werke selbst in die Hand, kontrolliert mittels eines Peer Reviews.

Doch müssen Wissenschaftler überhaupt mit ihren Publikationen Geld verdienen? wirft ein Kollege von Wikipedia ein. Schließlich seien viele Wissenschaftler Universitätsmitarbeiter, werden also mit Steuergeldern bezahlt. Warum also sollten sie mit ihren Publikationen Zusatzverdienste einstreichen?

Es sei falsch, Verlagen zu unterstellen, Kosten vorzutäuschen, sagt Autorin Kathrin Passig. Produktions- und Organisationsprozesse seien tatsächlich hoch, wegen des “starrsinnigen Festhalten an überholten Verfahren”. Genau aus diesem Grund werden auch viele Verlage sterben, meint Social Media-Berater Igor Schwarzmann. “Wir sind alle sehr ungeduldig” sagt er. Wie schnell die Entwicklung aber gehen könne, würde man am Beispiel der Lexika sehen, die innerhalb von wenigen Jahren mit Wikipedia eine echte Konkurrenz bekommen hat.

Longtail-Effekte seien Verlagen egal: die Verlage würden einzelne Spitzentitel stark bewerben, andere kaum, klagt Autorin Passig. Es sei schwer, Sachen zu publizieren, die nicht gestreamlinet zu sein. Auch mit dem Lektorat ist sei häufig nicht zufrieden: Meist würden die Lektoren der Verlage nicht mehr stark an dem Text arbeiten, sagt sie. Viele Teilnehmer der Veranstaltung können sich gut vorstellen, dass Freiberufler das Lektorat übernehmen und das Buch dann direkt über Amazon oder ähnliche Plattformen vermarktet wird.

Natürlich kommt die Debatte auch auf die Zukunft des gedruckten Buches zu sprechen. Schwarzmann glaubt, dass das Print-Buch künftig ein freakiger Gegenstand werden wird - ein Hobby wie Elektrische Eisenbahnen. Und zwar nicht nur im Unterhaltungs- als auch im wissenschaftlichen Bereich. Das alles sei eigentlich nur noch eine Frage des Designs der Lesegeräte. Rieder widerspricht: Er glaubt, dass es gedruckte Bücher auch weiterhin geben wird: Wissenschaftlich wolle man eben auf vieles elektronisch zugreifen, im Urlaub aber dann doch lieber ein Buch dabei haben. Gerade im wissenschaftlichen Bereich setzt er aber große Hoffnungen und Vorteile beim digitalen Publizieren von Arbeiten. “Man muss nur warten, bis die Dinosaurier aussterben.”

Gerade Print on demand-Dienste wie epubli vereinfachen den Produktionsprozess noch weiter: Teils ab 2, teils ab 500 Stück könne man bei der Druckerei in Auftrag geben, sobald ein Exemplar im Netz bestellt werde - ein Gegenentwurf zur Großlagerhaltung großer Verlage.

“Der Veröffentlichungszeitpunkt spielt nicht mehr so die Rolle”, sagt Autorin Passig. Soll ein Text, der veröffentlicht wird, als fertig betrachtet werden oder nur als eine Version, die noch verändert, angepasst werden kann? Eine Frage, über die sich die “Atoms and Bits”-Runde streitet: Die einen lehnen es ab, Beta-Versionen eines Buches zu kaufen und später gesagt zu bekommen, welche Zeile darin falsch ist. Andere entgegnen: Darin liege doch gerade die Chance. Die Alternative sei: Die Zeile ist falsch und ich als Käufer des Buches erfahre es nicht. Positives Beispiel für ausführliches Feedback zum Manuskript sei hier der O’Reilly-Verlag.

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September 27 2009, 11:57am

Interview: “Wissenschaft muss öffentlicher werden”

Die Themen Wissenschaft, Bildung, Lebenslanges Lernen und Co. blitzen immer mal wieder in der öffentlichen Debatte auf. Gerade in Wahlkampfzeiten wird gerne mehr Geld für Forschung und Lehre, Wissenschaft und Bildung gefordert oder von der Politik versprochen. Egal, ob aus diesen Absichtsbekundungen auch tatsächlich Projekte werden oder nicht, lassen sich neben diesen politisch motivierten und medial plakativ inszenierten Bildungsoffensiven beim wissenschaftlichen Nachwuchs im Bildungssektor selbst Innovatoren ausmachen, die wirklich etwas bewegen. So zum Beispiel Dr. Christian Spannagel, Juniorprofessor von der PH Ludwigsburg. Im Interview mit den Blogpiloten erläutert er sein Selbstverständnis als “öffentlicher Wissenschaftler” und erklärt, wie er durch das Social Web zusammen mit anderen Innovatoren ein Netzwerk aufgebaut hat, das die Art und Weise wie wir über Lehren und Lernen nachdenken revolutionieren könnte. Christian, im April hat das 3. EduCamp - ein BarCamp zur Zukunft des Lernens - stattgefunden. Du warst bei allen drei Camps dabei. Business as usual oder neue Impulse? Wie sind Deine Eindrücke? Ich würde sagen beides, also business as usual und neue Impulse - wobei ich ersteres positiv meine: Das dritte EduCamp war - genau wie die beiden EduCamps zuvor - eine einfach gut gemachte Veranstaltung mit äußerst interessanten Teilnehmern und inspirierenden Gesprächen. Wie immer gehe ich sehr gestärkt und mit vielen Ideen aus dem EduCamp heraus, was enorme gedankliche und vernetzungsmäßige Auswirkungen auf meinen Alltag hat. Das Zentrale beim EduCamp ist für mich mittlerweile die Tatsache, dass ich mich hier zahlreichen Menschen vernetzen kann - auch virtuell übers EduCamp hinaus -, und dass ich dieses Netz für meine Innovationen in der Lehre brauche. Mit einem starken Netz aus Top-Leuten im Hintergrund ist man einfach mutiger, neue und außergewöhnliche Wege im Bildungsbereich zu gehen. Sollte man mal auf die Nase fallen, wird man von seinem “Netz aufgefangen”. Und wenn es klappt, wird man von den Menschen in seinem Netzwerk bestärkt - und das macht unglaublich stark. Wie sehen diese Innovationen in der Lehre aus, die Du in den vergangen Jahren selbst und mit Hilfe Deines Netzwerkes geschaffen hast? Eine ganz wesentliche Veränderung meiner Arbeit hat sich durch die Tatsache ergeben, dass ich mich als “öffentlicher Wissenschaftler” begreife. Dabei handelt es sich um ein Konzept, das sich u.a. durch Anregungen aus deiner “Hard Blogging Scientists”-Bewegung und aus Gesprächen mit dir und EduCamp-Teilnehmern wie Jean-Pol Martin und anderen entwickelt hat. Darüber hinaus hat sich meine Lehre grundlegend verändert. Die Methode “Lernen durch Lehren“, die Neuronenmetapher, Weltverbesserungsprojekte, die zahlreichen Möglichkeiten des Web 2.0: Das alles sind Aspekte, die meine Lehre grundlegend umgekrempelt haben. Ich kann also sagen: Die EduCamps - und damit meine ich insbesondere auch die Menschen im EduCamp-Kontext - haben mein wissenschaftliches und auch mein persönliches Leben komplett verändert. Das ist etwas, was ich nie im Leben vermutet hätte! Lernen durch Lehren? Neuronenmetapher? “Lernen durch Lehren” - oder kurz LdL - ist eine Methode, die von Jean-Pol Martin entwickelt wurde. In dieser Methode unterrichten sich die Schüler gegenseitig. Dies bedeutet nicht, dass sie nur Referate halten. Sie “halten Unterricht”, d.h. sie überlegen sich auch Aufgaben für ihre Mitschüler und planen Methodenwechsel ein. Die Neuronenmetapher gibt Hinweise, wie man sich in Gruppendiskussionen und in vernetzten Umgebungen verhalten sollte: Es ist wichtig, dass man seine Ideen und Fragen nicht für sich behält - etwa aus Angst, etwas Falsches zu sagen - sondern dass man seine Gedanken einfach “wie ein Neuron abfeuert”. Diese Information wird dann im Netz in Interaktion mit den anderen Neuronen - also Leuten, die ebenfalls angstlos ihre Ideen preisgeben - verarbeitet. So kann in der Gruppe neues Wissen entstehen. Und was genau verstehst Du unter einem “öffentlichen Wissenschaftler”? Ein öffentlicher Wissenschaftler arbeitet nicht im Elfenbeinturm und praxisfern, sondern er vernetzt sich mit Menschen auch außerhalb der Hochschule, um im direkten Erfahrungsaustausch wissenschaftlich zu arbeiten. Er publiziert also nicht nur öffentlich, sondern er bindet andere Menschen auch direkt in den Prozess der wissenschaftlichen Wissenskonstruktion mit ein. Gerade im Bildungssektor halte ich es für wichtig, dass man nicht an der Hochschule vor sich hin forscht, sondern dass man in intensivem, unmittelbarem Austausch mit Lehrern, Schülern, Studenten, Referendaren, Lerncoaches, E-Learning-Experten usw. steht. Und dies erreicht man über Web-2.0-Tools. So kann man beispielsweise an einem Text in einem Wiki arbeiten und lädt alle über Twitter ein, daran mitzuwirken oder Ideen und Anregungen zu geben. Oder man reflektiert seine eigene Arbeitsweise in seinem Weblog, denkt dadurch tiefer über sich und seine Arbeit nach und erhält über Kommentare auch noch Anregungen von außen, um nochmal den Begriff “hard blogging scientists” aufzugreifen. Es hat also einerseits etwas mit der persönlichen Haltung und Überzeugung zu tun. Andererseits aber auch etwas mit Kommunikationstools im Web 2.0. Welche Rolle spielen die Techniken und Praktiken des Social Web? Das Social Web spielt eine überaus wichtige Rolle. Es ermöglicht es mir, mich mit den Menschen z.B. aus dem EduCamp-Kontext auch außerhalb der EduCamp-Realtreffen zu vernetzen. Twitter beispielsweise ist ein Tool, mit dem ich mich auch im “Alltag” mit meiner Peer Group intensiv austausche - sei es wissenschaflich oder privat. Das Ganze findet natürlich öffentlich statt, so dass sich auch neue Personen einklinken und mitmischen können. Das ist eine sehr dynamische Web-2.0-Umgebung, in der man sich da bewegt. Gerade diese Dynamik setzt sich für mich auch im Alltag fort: Neue Ideen, Innovationen und Anregungen aus Diskussionen nehme ich aus der virtuellen Welt mit in meinen Alltag und speise meine Erfahrungen wieder in die Netze ein. Ich habe so den Eindruck, sehr viel schneller voranzukommen als alleine: 1000 Gehirne können eben doch kreativer sein als ein einziges. Gerade das ist ein starkes Argument dafür, öffentliche Wissenschaft zu betreiben. Wir wird das in Deinem Umfeld wahrgenommen? Ist ja schließlich ein Bruch mit den bestehenden Gepflogenheiten… Wie nehmen Deine Kollegen und wie Deine Studenten Deinen Ansatz wahr? Kommt das bei allen gut an, ob gibt es Kritik? Der Ansatz des öffentlichen Wissenschaftlers wird von Kollegen und Studierenden eigentlich sehr positiv aufgegriffen. Ernsthafte negative Kritik habe ich von direkten Kollegen nie erhalten. Im Web wird öfter das Problem diskutiert, dass andere einem Ideen “klauen” können, wenn man öffentlich arbeitet. In gewissen Bereichen kann ich diese Bedenken nachvollziehen, beispielsweise wenn es um Patente o.ä. geht, aber im Bildungsbereich sehe ich hier z.B. überhaupt kein Problem. Wenn jemand Anderes meine Idee aufgreift und weiterführt, dann kommen wir gemeinsam doch schneller vorwärts, als wenn ich es alleine angehen würde. Die Aussage “Das war aber meine Idee” hat im Bereich öffentlicher Wissenschaft nur eine geringe Berechtigung: Man fasst sich eher als Community auf, die gemeinsam Probleme angeht und löst. Ein Spin-Off-Projekt, das aus Deiner Arbeit, Deiner Einstellung und auch ein bisschen im Dunstkreise der EduCamp-Community entstanden ist, ist die Maschendraht-Community. Wie kam es zur Gründung und was ist die Motivation? Zunächst einmal möchte ich betonen, dass nicht ich die Maschendraht-Community gegründet habe. Zwei Studentinnen von mir - Melanie Gottschalk und Ulrike Kleinau - haben die Community ins Leben gerufen, es handelt sich also um ein studentisches Projekt. Es ist aus einer Erfahrung in einem Seminar heraus entstanden: Ich habe über die Aktionen meines Informatikdidaktik-Seminars gebloggt und getwittert, was dazu geführt hat, dass sich ganz viele Menschen in das Seminar eingebracht haben u.a. “EduCamper” wie Jean-Pol Martin, Lutz Berger, Jana Hochberg und andere. Es wurde zum “öffentlichen Seminar”, und das war sehr motivierend für die teilnehmenden Studenten. Ihre Aktivitäten haben auf einmal Aufmerksamkeit von überall her genossen! Entscheidend hierfür war, dass ich bereits eine gewisse “Grundvernetzung” besessen habe, über die die anderen Menschen “angelockt” wurden. Die Maschendraht-Community ist entstanden, um diese Erfahrung auch anderen Lehrern und Dozenten zugänglich zu machen mit der Message: Verschafft euch eine Grundvernetzung (im Web 2.0), schreibt dort über eure Aktivitäten an der Schule oder Hochschule, und öffnet dadurch eure Seminare für die Zusammenarbeit mit Menschen außerhalb der Bildungsinstitution. Hierdurch können tolle “Weltverbesserungsprojekte” angestoßen werden, die für alle Beteiligten äußerst motivierend sein können! Eine Herausforderung, die die Community der “Öffentlichen Wissenschaftler” und die erweiterte EduCamp-Community noch meistern möchte, ist, mehr Öffentlichkeit herzustellen und die Leute für Innovationen im Bildungssektor zu begeistern - die politischen Entscheidungsträger nicht zu vergessen. Welche Wege und Möglichkeiten siehst Du hier? Politische Entscheidungsträger sind außerhalb meines Fokus - hier sehe ich nur wenig Möglichkeiten für erfolgreiche Überzeugungsarbeit, da in diesem Bereich auch ganz andere Interessen eine Rolle spielen. Ich arbeite lieber im Kleinen - d.h. ich versuche, Projekte zu machen - z.B. mit meinen Studenten - und dadurch erst einmal selbst Erfahrungen zu sammeln. Das Ganze wird dann ins Web 2.0 eingespeist via Weblog, Twitter und Co., um andere darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht lässt sich ja noch jemand anders dadurch inspirieren - das ist in der Vergangenheit schon mehrmals passiert! Das heißt: Ich möchte nicht missionieren oder überreden, sondern ich möchte Beispiele geben und diese verbreiten. Und das darf nicht nur innerhalb des Web 2.0 geschehen, sondern muss auch offline passieren (damit auch “Offline-Menschen” Ideen bekommen, wie man online arbeiten kann. Daher richten wir beispielsweise am 9. Mai an der PH Ludwigsburg einen “Lernen-durch-Lehren (LdL)”-Tag aus, an dem Lehrer, Studenten und Dozenten zusammenkommen und gemeinsam über die Methode LdL und die Möglichkeiten des Web 2.0 beim Lernen diskutieren. Ich bin gespannt, wie es weiter geht! :-)    Verwandte Artikel

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May 4 2009, 12:33pm

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