Universitätsprofessor Howard Rheingold ist in den Staaten schon lange eine Koryphäre in Sachen Internet und gemeinsames Lernen. Hier ist noch einmal sein Zusammenfassung der wesentlichen Fähigkeiten, die man braucht, um in und mit dem Internet Wissen und Erkenntnis zu schaffen…
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Rheingold: Medienkompetenz als Praxis
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July 12 2011, 9:33am
Schwarmdummheit: dullness of the crowd
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Forscher an der ETH Zürich meinen, einen Nachweis erbracht zu haben, dass sozialer Einfluss die Intelligenz der Vielen (Schwarmintelligenz) verschlechtern kann. Jan Lorenz und Heiko Rauhut extrapolieren aus ihren Studien die These, dass die Finanzkrise ein besonders gutes Beispiel dafür sei, dass Massenentscheidungen zu einem Fiasko führen können. Denn dort hätten sich viele unter dem Einfluß fremder Entscheidungen in die “falsche” Richtung beeinflussen lassen. Der locus classicus des Begriffs kommt aus England, wo Anfang des 20. Jahrhunderts Francis Galton alle Besucher einer Viehzuchtversteigerung die Viecher per Karte nach Gewicht und Größe schätzen ließ und zu seiner Verwunderung feststellte, dass im Mittel die Schätzungen näher am richtigen Wert lagen als die einzelnen Schätzungen für sich genommen. Damit war der Beweis erbracht, dass die Masse klüger war als das Individuum. Der weise Leser wird merken, dass hier das Mittel des Grundgesamts aller Schätzungen verglichen wird mit zufälligen einzelnen Bewertungen. Analog könnte ich sagen, ich kann eine bessere Aussage über die Klimazone eines mir unbekannten Ortes machen, wenn ich ein Jahresmittel der Temperatur habe als wenn ich einen beliebigen Wert aus dem Jahr nehme. Natürlich ist der Mittelwert aussagekräftiger, weil die Extremwerte wegfallen, was als Fehlerkorrektur zu bewerten ist. Bei einem einzelnen Wert kann ich gar keine Fehlerkorrektur ausführen…
Aber schon wenn man die Welt der quantitativen Aussagen verlässt und qualitative und kategorische Alternativen als Problemlösung einer Aufgabe zulässt, fällt das gesamte Kartenhaus der Statistik in sich zusammen. Denn es wird klar, dass Wissen und Probleme nur bedingt etwas mit besten und schlechten Lösungen zu tun haben. Jeder Mensch fasst einen Sachverhalt anders auf. Insofern sind Probleme auch immer vor dem individuelle Verstehenshorizont zu sehen. Statistische Forschung um die Qualität von Entscheidungen zu betreiben hat daher einen besonderen Haken. Der jeweilige Hintergrund des individuellen Vorwissens kann und soll gar nicht einfließen. Die Forscher der ETH Zürch nutzen folgendes Experiment, um die These der Weisheit der Massen ins Wanken zu bringen: Jede Versuchsperson musste sechs Fragen beantworten, allerdings mit unterschiedlichen Voraussetzungen: einmal ohne jedes Wissen, wie die anderen antworten, dann mit der Informationen, wie die anderen im Schnitt geantwortet hatten, und dann noch einmal mit dem Wissen, was jeder andere der zwölfköpfigen Versuchsgruppe als Lösung angegeben hatte. Um “Spaßantworten”, aber auch Anpassungen durch den Gruppendruck zu verhindern, bekamen die Studierenden Geld – je näher an der richtigen Antwort, desto mehr. Quelle: science@ORF.at
Als Ergebnis beschrieben die Wissenschaftler, dass die ersten unbeeinflussten Antworten weitgehend die besten Antworten waren und je größer der Einfluß durch andere Antworten wurde, die Nähe zum richtigen Ergebnis abnahm. Nun muss man aber sagen, dass Entscheidungen in den seltensten Fällen auf Faktenwissen beruhen. In Zürich fragte man aber nur reines Faktenwissen ab über die Bevölkerungszahl der Schweiz oder die Länge der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Die Finanzkrise aber nötigte den Entscheidern Heuristiken ab. Das bedeutet, aufgrund von Vorwissen wurde auf mögliche Szenarien extrapoliert. Je wahrscheinlicher dem Investor eines der Szenarien erschien, desto eher richtete er seine Entscheidung aus. Das Problem der Finanzkrise wäre aber nie eingetreten, hätten Menschen so etwas entschieden. In diesem Fall aber übernehmen das “Trading” der Aktien Computerprogramme, da nur diese die Sekundenbruchteile ausnutzen, die man braucht um mehr zu verdienen. Denn der postmoderne Börsenhandel funktioniert per Algorithmen. Dafür richten Händler ihre Rechnzentren direkt an Internetknotenpunkten ein, um ein paar Sekundenbruchteile beim digitalen Handel schneller zu sein als andere. Der menschliche Händler kann dann nur noch bestimmte Ober- und Untergrenzen (stop/loss) bestimmen. Aber um noch präziser zu sein. Ein großer Teil der Probleme um die Finanzwelt liegt ja nun in der Liberalisierung. Hätte Gerhard Schröder damals nicht für seine Freunde aus der Investmentwelt die Daumenschrauben gelockert (und Credit Default Swaps für alle und jeden erlaubt) und sogar steuerfreie Firmenkäufe ermöglicht, dann wäre zumindest in Deutschland wenig von der Finanzkrise angekommen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass für den zukünftigen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück die international frei flottierenden Heuschrecken ein Segen waren. Deswegen hat er ja kräftig mitgemischt in der Liberaliade (dem gegenseitigen Überbieten an Freiräumen für Spekulanten). Das war nicht in allen Ländern so. Kanada und Brasilien haben praktisch nichts von der Finanzkrise abbekommen. Schwarmintelligenz ist also mitnichten am Werk gewesen: weder bei der Finanzkrise noch beim Schätzen des Viehzeugs noch beim Abfragen der Fakten über die Schweiz. Denn wenn man die biologische Erklärung zugrunde legt, dann ist Schwarmintelligenz eher ein Orientierungsverfahren. Nur das gemeinsame und jeweils spezifische Handeln eines Bienen- oder Ameisenstaates hat die generationenübergreifende Fortpflanzung ermöglicht. Analog ist auch das Gehirn ein Schwarm an Neuronen, das seine Intelligenz erst in der Spezialisierung und der Plastizität erreicht. Wir haben also alle auch Schwarmintellgenz in uns. Und aus der technischen Auffassung der Schwarmintelligenz aus der KI-Forschung könnten wir eines lernen: SRNs, also rekurrente neuronale Netz lernen mithilfe von Informations-Filtern, die sich selbst programmieren. Das heißt, dass die einzelnen Neuronen nach einer bestimmten Zeit nur noch auf bestimmte Reize reagieren und andere Muster gar nicht unterscheiden. Es wäre gut, wenn wir endlich anfangen würden, die Muster einiger profilneurotischer Forscher zu ignorieren und uns einüben in egalitärer Kooperation und offener Kommunikation. Dazu müssten wir das Primat des Wettbewerbs als überholt ansehen. Dann und nur dann, wäre es wirklich möglich, angemessenes Strategiemanagement mit evolutionärem Charakter anzuwenden. Dazu müssen wir aber die aktuell Welt des Sammelns von Daten bis der Speicher bricht aufgeben. Denn die Entscheidungsposition ist nicht dann am besten, wenn man am meisten Informationen hat, sondern wenn das Vorwissen nicht andauernd alle Informationen, die relevant sein können vorfiltert. Diese Vorstufe des Filterns, die in rekurrenten neuronalen Netzen “einfach so” automatisiert funktioniert, die müssen wir zum Gegenstand der Reflexion machen. Dann klappt’s auch mit dem gemeinsamen Klugsein.
May 18 2011, 10:40am
KLARTEXT: Was ist Freies Wissen
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Professor Martin Haase erklärt den Begriff “Freies Wissen”:
April 21 2011, 10:00am
Prof. M. Haase über Freies Wissen & Wikipedia
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Auf der re:publica11 hat uns Prof. Martin Haase seine Ansichten zu Wikipedia und freiem Wissen im Netz erklärt.
April 18 2011, 10:15am
Wer war’s: Wer hat’s gesagt?
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Wir stellen uns vor, es gibt eine Sendung/Event/Podiumsdiskussion zum Thema XYZ, das irgendwie mit dem Internet zu tun hat. Eingeladen sind ein paar Experten. Einer von Ihnen sagt die folgenden Begriffe, egal welche Frage ihm/ihr gestellt wird: - Resonanz - Aufschaukeln - System - Rückkopplung - Dynamik Wer, in drei Teufels Namen könnte das sein, dass er/sie es schafft, mit uraltem systemtheoretischem Geschwurbel aus den Achtziger heute hochdotierte Beraterverträge an Land zu ziehen, ohne vor Scham zu erröten. Und alle hören andächtig zu und nicken wissend, als hätten diese Sätzen ihnen wirklich den Nebel aus den Hirnen vertrieben. Nein, liebe Gemeinde, ich hacke nicht auf ihm/ihr herum. Ich mache mir Gedanken über sein Publikum. Offenbar hat keiner an der Uhr gedreht, und trotzdem ist es schon zu spät.
February 7 2011, 10:00am
Wissens-Workflow
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Howard Rheingold ist seit 20 Jahren den geneigten Web-Experten und Webadepten bekannt als Vor- und Nachdenker über Wissen, das Web und unsere Gesellschaft. Christiane Schulzki-Haddouti hat nun ein interessantes Screenr-Video ausgegraben, indem er zeigt wie er im Web seine Informationen aggregiert:
November 29 2010, 10:21am
Preferred Blogs: deus ex machina
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ἀπὸ μηχανῆς Θεός – apò mēchanḗs theós – heißt der Urspruch, um der Historie die Ehre zu gereichen. Denn da kommt tatsächlich eine Gottheit mithilfe einer Maschine auf die Bühne. Zumindest möchte man mit solch antikem Tand die Fassade des Humanismus exhumieren. Und so bemüht man sich ganz bildungsbürgerlich das Netz und seine Pestbeulen, Eiterpickel und wohlgeratenen Rundungen und Kurven larmoyant zu kommentieren – und das unter dem Dach der FAZ. Dass ich das noch erleben darf. Jetzt, wo das Bildungsbürgertum sozusagen zum neuen Proletariat verkommen ist – im Zeitalter der Vernutzung, die man früher gemeinhin noch als Pragmatismus brandmarken wollte. Aber seit Hilmar Koppers Bürovorsteher Nummer Eins Helmut Schröder die Kreditversicherungen ermöglicht und gewerbesteuerbefreit hatte und noch viele andere herrliche Wohltaten über die privaten Banken ausschüttete, damit sie in ihrem Wahn die öffentlichen Banken aber mal so richtig über den Tisch ziehen konnten, da wurde es im Frankfurter Pförtnerdienst des Marktliberalismus verdächtig laut. Nun, seit die FAZ bemerken konnte, dass sie sich zu Claqueuren der ewig selben Handvoll Familien mit Einfluß gemacht hatte, entdeckt sie, dass man doch nur mit mehr als 2000 Lesern überleben kann. Und so geriert man sich nun zum postmodernen Erasmus von Frankfurt und spricht täglich das bürgerlich-humanistische Credo. Tja, und einige Geisteswissenschaftler dürfen nun sogar bloggen. Mal sehen, ob die es ohne Antiquitäten und Wochenendtrips nach Meran schaffen, im Haifischbecken der allseits nachlassenden Aufmerksamkeit für das Web zu überleben. Einfach mal hinsurfen und rumlesen. Langatmig, oft mit Halbwissen protzend und immer einen halben Schritt zu hastig, aber gerade deshalb lesenswert. deus ex machina.
August 30 2010, 10:05am
Was uns wirklich dumm macht
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Es ist mal wieder soweit. Die Mahner treten gegen die Wünscher an. Fast wäre ich vor Ermüdung eingeschlafen als ich in der FAZ (wo sonst?) den kritischen Artikel vom eigentlich geschätzten Geert Lovink zum Thema Zeit und Informationsüberflutung via Web las. Da ist die Rede von einem externen Zwang zu Echtzeitplattformen wie twitter und facebook. Da ist auch die Reden von all den Informationen, die zwar nicht das Hirn, aber unsere Zeit vermanschen. Auf die andere Seite der Wünscher haben sich Leute wie Clay Shirky und Jeff Jarvis gestellt und werfen mit ihrer Zuversicht und Hoffnung um sich, dass es nur so Feenstaub regnet…
Das Thema Informationsüberflutung ist nirgendwo besser studierbar als bei diesen beiden Gruppen der Ewiggestrigen. Sie haben so viele Bücher gelesen, Studien verfasst und Studentenarbeiten korrigiert, dass ihnen vor lauter kleinsten Differenzierungen Ablagerungen im persönlichen Wissenshorizont passiert sind. Mentale Plaque, an der die immer gleichen Ideen hängen bleiben: Man nimmt nur das als Information, was das eigenen Weltbild stützt. Man kann sich den persönlichen Wissenshorizont wie ein Flussbett vorstellen. Der Strom der Informationen und Daten knabbert anfangs an den Ufern, wenn aber erstmal große Überschwemmungen Auen geschaffen haben, dann ist das gesamte Flußbett auf ein überschaubares Gebiet beschränkt, weil die Geschwindigkeit herabgesetzt ist durch die Kurven des Mäanderns. Mit Glück wächst dann das Wissen in der Breite. Leider befleißigt sich bisher keiner fluidmechanischer Betrachtungen. Denn in der tiefen Mitte fließt der Fluß am schnellsten. Das erklärt auch, warum aus den bekannten Mündern nur noch bekannte Ansichten wiedergekäut werden.
In der Folge kann man behaupten, dass Expertise darin besteht, dass Experten nur wenig Informationen aus einem Schwall an Daten benötigen, um ihre kristallisierten Meinungen bestätigt zu sehen. Sie sind daher sehr schnell im Einordnen, aber sie sind auch die Sklaven ihres impliziten Wissens. Denn der Experten-Hintergrund ist ein sehr tiefes Flußbett, dass das Vorbeirauschen der Inhalte extrem beschleunigt.
Informationsverarbeitung ist im Gehirn bisher noch nicht postmechanistisch beschrieben worden. Die Ideen Zuses werden zunehmend von den Netz- und Intelligenzexperten auf Information und die Entstehung von Wissen angewandt. Aber es gibt keinerlei Anlass zu glauben, dass Wissen dadurch entsteht, dass Daten mit anderen Daten solange kalkuliert werden, bis Wahrscheinlichkeiten als Metadaten entstehen und damit quasi als Emergenzphänomen neue Zusatzinformation aus dem Nichts auftaucht. Allein der Gedanke, dass das Gehirn Informationen verarbeitet kann sich ja nur auf Sinnesdaten beziehen. Und spielt es keine Rolle, ob die im Fernseher, an der Straße oder auf der Kirmes einströmen. Das Problem könnte sein, dass Information nicht mehr als reines Außenweltsignal sondern nur noch als codifizierte Sprache oder gestaltete Filme oder Fotos auf uns einströmen. Dies sind dann vermittelte Reize, die nicht unmittelbar der Außenwelt sondern der Innenwelt anderer Menschen entspringen. Das in der Tat ist ein Problem, dass wird nur noch Gedanken und ästhetische Gestaltung als Reize aufnehmen. Da wird die Kultur zur Monokultur. Da hilft einfach ein Spaziergang im Wald. Aber da sind wir schon wieder bei dem grundsätzlichen Problem, das nicht erst seit dem Web entstanden ist. Die städtische Kultur nimmt sich besonders wichtig, weil sie enorm mit Bedeutung aufgeladen ist. Das Netz transportiert diese sensuelle Deprivation, die mit ästhetischer Überreizung einher geht in alle Ecken der Welt. Aber daran ist nicht das Netz schuld sondern die Gläubigen der Religion der Information. Dass diese Religion eine Sekte ist, steht außer Frage. Ob wir deren goldenem Kalb huldigen, bleibt jedem selbst überlassen. Lovink jedenfalls verharrt mit Berardi weiterhin bei den Grabenkämpfen. In diesem Fall gegen die marktliberalen Kräfte, wenn der den Italiener in der FAZ folgerndermaßen zitiert: “Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.“ Das ist nett gegenüber den Bedeutungsvermanschungen die Schirrmacher mit seiner Hirnvermanschung in die Welt tragen will. Aber es verstellt noch immer den Blick auf den Kern: unseren Umgang mit den mentalen Absonderungen der Mitmenschen. Es ist nämlich keineswegs so, dass man gezwungen ist jede Meinungsäußerung oder jedes Angebot zur Kommunikation einzuordnen. Es sei denn, man hat Angst etwas zu verpassen. Das allerdings ist eine längst bekannte behandelbare pathologische Eigenschaft des modernen Menschen. Intellektuelle haben sie mit Lyotards Buch über das Postmoderne Wissen behandelt: Man bewertet Wissen und seine Vorstufen einfach nicht mehr als Ware. Bildnachweis: FlyingPete
June 24 2010, 10:04am
Das unerbittliche Gedächtnis des WWW
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In der WoZ, der „Wochenzeitung„, habe ich einen ausgezeichneten Artikel gelesen über die langfristige Speicherung von Informationen im Internet, insbesondere bei Google, und was das für die Nutzer und unsere Gesellschaft als Ganzes für Folgen haben kann. Eine mit Einzelheiten vollgestopfte Welt Unter dem Titel „Googles gnadenloses Gedächtnis“ wird der Leserin, dem Leser geradezu ein Lehrstück über Erinnerung und Vergessen geboten. Am Beispiel von Ireneo Funes, dem Protagonisten einer Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges, wird aufgezeigt, dass ein perfektes Erinnerungsvermögen, das Funes als Folge eines Reitunfalls erlangt, mehr Fluch denn Segen sein muss. Ohne Vergessen ist Denken nur schwer möglich, denn „Denken heisst, Unterschiede vergessen, heisst verallgemeinern, abstrahieren. In der vollgepfropften Welt von Funes gab es nichts als Einzelheiten.“ Google stellt im Grossen eine mit Einzelheiten vollgestopfte Welt dar, die nicht vergessen kann. Dies musste Andrew Feldmar, ein Psychoptherapeut aus Vancouver bei seiner Einreise in die USA erfahren. Er hatte in einem wissenschaftlichen Artikel 2001 geschrieben, in früheren Jahren LSD probiert zu haben. Bei seiner Einreise in die USA fünf Jahre später googelte ein Grenzbeamter seinen Namen, worauf er auf den erwähnten Artikel stiess. Da Feldmar gegenüber dem Beamten seine Aussage im Artikel bestätigte, wurde ihm beschieden, er gelte hiermit als Drogenkonsument und dürfe deshalb nicht in die USA einreisen. Auch später war ihm die Einreise in die USA nur mit einer Sondergenehmigung möglich…
Tatoos auf unserer digitalen Haut Sobald wir am Internet teilnehmen, hinterlassen wir digitale Spuren, die sich dank geschickter Verknüpfung von Logindaten, Cookies und IP-Adressen und dank der ungeheuren Datenspeichermöglichkeiten, etwa von Google, zu Profilen zusammenbauen lassen, die uns selbst und unseren digitalen Gewohnheiten in erschreckender Weise entsprechen. Indem wir am Internet teilnehmen, „verlieren wir sozusagen die Verfügungsgewalt über uns selbst“, die Vergangenheit „ritzt sich wie ein Tattoo in unsere digitale Haut“. So lasse sich aufgrund der gespeicherten Verbindungsdaten der letzten drei Monate das Online-Verhalten eines Nutzers mit mindestens achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit voraussagen (gemäss dem Netzwerktheoretiker Albert Laszlo Barabasi in einer Studie in der Zeitschrift „Science“). Erinnern und Vergessen Während früher das Vergessen einfach und das Erinnern aufwendig war, verhält es sich heute umgekehrt: Das Tattoo der Vergangenheit auf unserer digitalen Haut lässt sich kaum mehr entfernen. Wir sind so verwundbarer einer möglichen Überwachung gegenüber. Unsere Worte und Taten sind archiviert und in der digitalen Öffentlichkeit voraussichtlich über Generationen hinweg verfügbar. In vorauseilender Wachsamkeit üben wir dadurch womöglich Selbstzensur; wir überlegen uns zweimal, was wir sagen und was wir tun. „Dann beginnt die Zersetzung der Demokratie von innen.“ Vergessen ist eine Gnade. Es schafft freien Platz im Kopf, ist ein Mittel gegen Informationsüberflutung. Und indem wir vergessen, erlangen wir Fähigkeiten – und Intelligenz. Denn erst wenn wir Einzelheiten verknüpfen, weglassen, abstrahieren, beginnen wir zu verstehen. Erst dadurch schaffen wir Raum für Zusammenhänge. Deshalb und angesichts der inzwischen allgegenwärtigen Erinnerungsmaschinen, genannt Internet, plädiert der Autor des Artikels für eine Kunst des Vergessens, die in die juristische Debatte über Privatsphäre, Urheberrechte und Datenschutz in der digitalen Öffentlichkeit einfliessen muss. Auch sollen digitale Daten technisch mit einem Verfalldatum versehen werden können. Ziel ist, dass sich der Mensch nicht immer mehr der Maschine anpasst, sondern dass die Maschine ein Werkzeug in der Hand des Menschen bleibt. Den klugen Artikel von Eduard Kaeser möchte ich zur Lektüre wärmstens empfehlen. Er ist in der „Wochenzeitung“ erschienen und hier zu finden: „Googles gnadenloses Gedächtnis“ von Eduard Kaeser. Bildnachweis: imagefactory
June 22 2010, 10:00am
Der Unterschied zwischen Information und Wissen
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Dietrich Schwanitz erklärt mit dem von mir sehr geschätzten Hans Magnus Enzensberger einen nicht ganz so kleinen, aber umso feineren Unterschied. Dieses Wissen könnte die Ängste des Herrn Schirrmacher zum Verschwinden bringen.
June 8 2010, 11:35am
Shirky: Macht uns das Internet klüger?
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Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im Wall Street Journal. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.
Einmal mehr wird die Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg zum Brandbeschleuniger der Emanzipation der Gesellschaft erklärt. Ohne den Buchdruck, so Shirky, wäre der Siegeszug der Reformation kaum so verlaufen. Das intellektuelle Leben Europas wurde durch die Flut an Publikationen in tausend Teile zerlegt und Chaos sei die Folge gewesen. Aus Shirkys Sicht ist das, was folgte, nämlich unsere neue Ordnung des Geschriebenen in fiktionale und nicht-fiktionale Druckwerke einfach eine neue Normierung, die das intellektuelle Leben befruchtete und nicht hemmte. In einem Analogieschluß sieht er auch das Web als so eine technisch inspirierte Revolution, die durch Wikipedia, ushahidi und andere Web-Projekte unser intellektuelles Leben auf eine neue Stufe hebe.
Da kommen mir doch erste Zweifel. Eine derart geringe mentale Differenzierungsleistung hatte ich Shirky gar nicht zugetraut. Ushahidi (swahili für Zeugenaussage) ist eine Web Plattform, die 2008 in Kenya während der Unruhen nach den Wahlen benutzt wurde, um in Echtzeit und mittels web oder Handy direkt auf einer Karte auf dieser Website anzuzeigen, wo gerade Gewaltverbrechen stattfinden. Der Ursprung liegt im Kenianischen Bürgerjournalismus. 45.000 Menschen machten damals Gebrauch von diesem Mittel, um dem eigenen Land, Journalisten und den Politikern den aktuellen Stand darüber zu zeigen, in welchen Regionen was passierte – politisches und soziales der Bürger Feedback in Echtzeit! Schutz und Kontrolle von und durch Menschen von nebenan.
Wikipedia ist ein sehr kleiner Zirkel von arrivierten Freiwilligen, die in jedem Sprachgebiet hoheitlich darüber wachen, was zu einem bestimmten Begriff im Online-Lexikon steht. Diese Texte sind sehr weit von einer Echtzeit-Dokumentation der Diskussionen über ihren Inhalt entfernt. Nicht selten werden die Modernisierungen und Korrekturen, die Fachleute durchführen wollen, durch diese “Alten Hasen” wieder zurückgenommen. Sie rekrutieren sich nicht selten aus akademischem Personal. In Deutschland funktioniert das akademische Leben noch immer sehr stark nach dem Prinzip Gehorsam. Das heißt, dass in nicht wenigen Fachbereichen diejenigen zügig einen Doktorvater bekommen, die sich seinen/Ihren Wünschen besonders gut anpassen. Das führt nicht selten dazu, dass die wirklich guten und klugen Köpfe ihre postgradualen Abschlüsse im Ausland oder an fremden Unis erwerben müssen – oder es einfach aufgeben. Diese Hierarchiestruktur aus dem 19. Jahrhundert hat sich auch zum großen Teil bei der Wikipedia etabliert. Bürgerjournalismus, bzw. in diesem Fall Bürgerexpertise findet also mitnichten in einer vergleichbaren Weise statt wie bei ushahidi. Auch wenn man die amerikanische Wikipedia etwas anders sehen muss hinsichtlich der Offenheit der Strukturen.
Der wesentlichw Punkt ist jedoch, dass man keine neue Art von intellektuellem Leben durch das Web postulieren kann, ohne die Normierungsphase (fiktionales und nicht fiktionales Schreiben) abzuwarten, die vom Web ausgeht, wenn der Vergleich zwischen Gutenberggalaxis und Webgalaxis überhaupt bestand haben soll.
Der Hinweis von Shirky, dass Peer Review (also das Begutachten von wissenschaftlichen Arbeiten im Kreis der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinde) die Qualität oder Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Revolution via Web regelt, hinkt. Man braucht dieses Argument gar nicht per Wikipedia zu verlängern. Denn schon im postmodernen Methodenkanon der Wissenschaftstheorie klappt dieses Postulat als Verbesserungsmechanismus nur allzu selten. Denn es wird enorm viel publiziert. Und diejenigen, die wirklich Erfahrung, Expertise und akademische Renomée (also die Mittel haben) um Zweifel zu überprüfen, müssen ihrerseits sehr viel Zeit aufwenden, um selber viel Neues zu publizieren. Zeitmangel und Oberflächlichkeit sind die Folge. Die Flut der Wissensausflüsse in Wissenschaftsmagazinen hat es schon vor dem Web gegeben. Und auch die Ohnmacht vieler Fachbereiche, all die Arbeiten wirklich ausreichend mit Experimenten oder anderen Prüfverfahren auf Herz und Nieren zu validieren. Da hat das Einbeziehen Freiwilliger bei Wikipedia in keiner Weise eine neue Qualität entfacht, die auf das intellektuelle Leben neuartig normierend zurückwirkt. Lediglich der Ton der “internen” Diskussionen wird bei Wikipedia nicht selten unsachlich, persönlich und prädemokratisch geführt. Es liegt also eher eine Regression als eine Weiterentwicklung vor.
Auch der Hinweis auf open source, die ohne Managerkontrolle sozusagen einfach so aus einer Gemeinschaft Freiwilliger emergiert, läßt den Hinweis zu, dass Shirky entweder wirklich glaubt was er schreibt oder eine Mission hat, die er nicht verrät. Gerade die bekannten Open Source Projekte sind deshlab noch immer erfolgreich, weil sehr wenige Köpfe entscheiden und kontrollieren, was wie realisiert und integriert wird. Stellvertretend möge sich der geneigte Leser die Entwcklung von Linux genauer ansehen. Die Anwesenheit von “managerial control” wie sie Shirky beschreibt ist dort mitnichten nachweisbar.
Das Problem der Zerstreuung des intellektuellen Fokus, dass schon Schirrmacher wie eine Monstranz vor sich hertrug, bewertet Shirky als eien historische Konstante, die auch schon den Buchdruck begleitet hatte, als er schreibt, dass es bereits 100 Jahre vor den ersten wissenschaftlichen Magazinen erotische Literatur gab. Ich würde da zwar eher an anthropologische Konstanten denken oder an Maslows Bedürfnispyramide, aber Schwamm drüber. Shirky meint, dass die Antwort auf die mentale Zerstreuung durch die vielen Informationsquellen in sozialen Strukturen läge. Schirrmachers Ängste würden unterstellen, dass in der Vergangenheit alles perfekt gelaufen ist hinsichtlich des Umgangs mit Wissen, dass wir aktuelle Leser nur dummen Quatsch vorfinden und dass die aktuelle Generation keine neuen Normierungsvorgänge realisiere.
Shirky erklärt, dass wir kurz vor dem Siegeszug des Web, also in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts deutlich weniger gelesen haben, weil wir mehr vor der Glotze saßen, womit das erste Argument der Webpessimisten widerlegt sei. Der gegenwärtige (verwerfliche) Fokus auf Wegwerf-Medieninhalte hätte anders als sonst eben den Vorzug zum Wegwerfen gemacht zu sein – man könne also sowohl in Buchläden wie auch im Web verfolgen, dass der Mist, der überflüssig sei, sehr schnell wieder verschwinde. Man müsse sich also nur auf das konzentrieren, was bliebe. Der einzige Stress, dem wir ausgesetzt seien, sei der, dass wir die Generationen seien, die erlebten, dass alte und neue Institutionen parallel um unsere Aufmerksamkeit buhlten. Dieser Überfluß aber sei kein Übel. Wir müssten einfach angesichts der neuen technischen Möglichkeiten neue Institutionen und neue Fähigkeiten entwickeln wie wir das schon einmal taten.
Ja, das haben wir eigentlich schon vor 10 Jahren ziemlich genauso überall gelesen. Leider tun sich gerade diejenigen, die sehr hoffnungsfroh und voller Zuversicht über die Chancen des Web sprechen, sehr schwer damit, neuen Fähigkeiten und Institutionen klar zu benennen. Shirky bleibt ein weiteres Mal im Nebel, den auch schon sein Counterpart Nicholas Carr verbreitet. Einfach ein paar Projekte aufzuzählen und in eine Argumentationkette einzubauen, erinnert stark an das Schirrmachersche Indienstnehmen beliebiger Experimente, um seinen Meinungen einen positivistischen und damit irgendwie faktischen Anstrich zu verleihen. Aber Meinungen werden durch Fakten nicht zu begründeten Annahmen oder gar Hypothesen. Sie müssen auch eine Fähigkeit haben, Phänomene zu erklären. Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer – sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht. Bildnachweis: JOI
June 7 2010, 10:39am
Klartext: Was ist Cloud Intelligence?
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April 21 2010, 12:00pm
DRadio Wissen gestartet
http://blog.cast.zhdk.ch/?p=206
Mit DRadio Wissen ist ein neuer Radiosender gestartet, der sich ganz dem Thema Wissen verschrieben hat. In Zeiten von Quotendruck und immer seichter werdenden Inhalten ein klares Gegenstatement. Die Website von DRadio Wissen bietet Streams, Podcastangebote und eine Fülle von Hintergrundinfos.
January 20 2010, 11:30am
Fluch oder Segen? - Wissen im Überfluss
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David Weinberger, Forscher am Berkman Center for Internet and Society (Harvard Law School) ist Co-Autor des 1998 erschienen Cluetrain Manifesto, dass auf prophetische Weise die Grundlagen der heutigen Nutzung des Web als Geschäfts- und Demokratiewerkzeug beschrieb. Der geneigte Leser wird dort das lesen, was wir heute in sehr vereinfachter und reduzierter Form als Web 2.0, also der Netz der Nutzer, kennen. Was denkt der große Denker heute - 10 Jahre später? Sein neues Buch Everything Is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder kann man jedem ans Herz legen, der sich mit dem Umgang mit Information und Wissen im digitalen Zeitalter auseinandersetzt. Weinberger geht davon aus, dass Wissen für unser Selbstverständnis zentral ist, da wir uns als wissende Kreaturen bezeichnen und unsere ganze westliche Kultur auf das Anhäufen von Wissen in jeder Form aufbauen. Das wird vor allem dann klar, wenn es uns fehlt. Wenn also Dinge passieren, denen wir keine Bedeutung zumessen können, weil uns schlicht das nötige Wissen über den Kontext fehlt. Das heißt auch, dass Wissen und vor allem das Zurückhalten von Wissen, Macht und Einfluß ermöglichen. Auch in Bezug auf Medien kann Wissen finanziellen Erfolg bedeuten (ich erspare uns allen jetzt eine Randbemerkung s.u.). Zusammenfassend hält Weinberger eines für essentiell, wenn sich rund um das Wissen irgend etwas Grundlegendes ändert, wird das wohl auch auf unsere Kultur direkten Einfluß haben. Das Web ist offenbar so etwas Grundlegendes. Was ist dieses Wissen? Zunächst ist Wissen etwas Singuläres. Es gibt in der westlichen Welt keine Sprache mit einer Mehrzahlform für Wissen (ähnlich Mehl, Wasser, Himmel). Dann ist Wissen binär (zweiwertig). Entweder man weiß etwas oder eben nicht. Es können nicht zwei sich widersprechende Wahrheiten über dasselbe Ding in der Welt existieren. Wissen ist daher ebenso binär wie die kleinste Informationseinheit in der Computerwelt: AN oder AUS. Wissen ist einfach Alles in der Welt hat seinen einen Platz zur selben Zeit und ist auch nicht an zwei Orten gleichzeitig. Das liefert eine grundlegende Ordnungsstruktur. Wissen ist ein knappes Gut, aber wenn es einmal erreicht ist, dann ist es fest und in Stein gemeißelt, bis ein neues Wissen das alte ablöst. Wer aufmerksam mitgelesen hat, wird feststellen, das all diese Kriterien nicht zufällig auch auf Bücher zutreffen. Das Medium Buch reflektiert also unser Verständnis von Wissen in körperlicher Form. Im Rahmen der Evolution hat der Mensch sich des Wissens vergewissert, indem er Dinge wie Tafeln oder Papier oder Computer benutzte, um einige Teile des Wissens aufzuschreiben oder auszugliedern, um sich zu entlasten und das Denken zu vereinfachen — wie beispielsweise das Rechnen mit Taschenrechnern. Um diese Hilfen des Denkens zu verbessern, haben die Menschen das Wissen zunächst aufgeschrieben und fangen nun an möglichst alles zu digitalisieren und das so gespeicherte Wissen dann zu verbinden. Wenn man eines Tages ein eBook erfände, das sich mit anderen verbinden würde sowie mit dem Netz, hätte man eine Chance soziales Lesen einzuführen. [Warum das nicht mit dem normalen PC, Mobile Phones und Netbooks geht, verstehe ich nicht so ganz... aber weiter im Text, vielleicht kennt er die Handyromane der Japaner nicht]. Das Digitalisieren und Verbinden von Informationen hat enorme Auswirkungen auf das Wissen: Überfluss Wir leben in den Zeiten des Überflusses, nicht Überfluss an Geld oder Wasser aber eben an digitalisiertem Wissen. Es gibt aber auch einen Überfluss an Mist, an Überflüssigem. Leider sind wir gut darin, mit dem Überfluss des Schlechten und Unnützen umzugehen (Spamfilter) nicht aber darin, mit dem vielen hilfreichen Wissen etwas anzufangen. Denn wir haben immer und zu allen Zeiten festgelegt, dass es nur wenige gute Leute gibt, dass nur wenig gute Inhalte zur Verfügung stehen, dass all dies sehr teuer ist, wenn man dazu einen Zugang haben wollte. Jetzt gibt es viele sehr gute Texte und Ideen überall im Web kostenfrei. Die Institutionen, die versucht haben darauf ein Geschäftsmodell aufzubauen, zerfallen gerade [man beachte meinen Hinweise ganz am Anfang]. Sie können mit diesem Überfluss nicht umgehen und sind zu wenig flexibel ihn zu begrüßen, zu nutzen oder konstruktiv einzusetzen. Denn sie können ihre Vorteile nicht skalieren mit den Mengen an Inhalten. Und sie können sie auch nicht kontrollieren. Auch das ist offenbar, da Kontrolle nie skalierbar ist. Kontrolle ist eine Operation des 1. und 2. Jahrtausends. Sie funktioniert nicht in Zeiten des Überflusses von Wissen. Links/Verbindungen Früher hatte alles Wissen seinen Platz und konnte durch seine Registrierungs- oder Archivnummer gefunden werden. Jetzt ist alles mit allem verbunden. Keiner weiß, was wirklich wichtig ist und was wichtig sein wird und vor allem warum. Wenn man die alte Datenbankstruktur hinter sich lässt, kann alles mit allem verbunden sein. Alle Zusammenhänge werden offenbar. So sind ja auch Menschen miteinander verbunden. Jeder kennt jeden über fünf Ecken [S. Milgram: Small world phenomena]. Und wenn man solche unübersichtlichen Zusammenhänge visualiseren würde, wäre in diesen unzähligen Verbindungen schon wieder viel neues Wissen enthalten. Wer all dieses entwirren wollte, würde etwas Wesentliches zerstören: Wissen und Relationen. Man könnte nun eine Übersicht durch Tagging/Schlagworte einführen, was ganz nett ist, aber Weinberger erklärt, dass zum Beispiel in der Encyclopedia Britannica der Artikel über Philosophie 180.000 Wörter enthält, wogegen der Artikel bei Wikipedia “nur” 9000 Wörter umfasst, was für deren Verhältnisse immer noch sehr viel ist. Jetzt könnte man denken, dass die Engländer viel schlauer sind, weil sie ja 20 Mal mehr Wissen unter den Begriff untergebracht haben. Aber bei Wikipedia sind unzählige Links hinter den wenigen Wörtern und damit ist bedeutend mehr und spezifischerer Inhalt vorhanden. Das heißt, das meiste Wissen bei Wikipedia liegt hinter der Fassade. Jeder kann also je nach Kontext in die Tiefe der Bedeutung von Teilbereichen einsteigen, wo er oder sie es braucht und möchte. Links erlauben also einen viel besser vernetzten Zugang zu dem Wissen, das im Moment gebraucht wird. Diese Politik der “losen Enden” entspricht mehr unserer Art zu Denken und Verbindungen im Wissen zu knüpfen oder zu stärken. Links sind aber noch etwas Anderes, sie sind freigiebig. Auf jedem Blog sind viele Links, die den Besucher woanders hin verweisen, obwohl der Blogschreiber doch viel lieber selber gerne Leser hätte. Insofern sind Links ein Zeichen für eine freigiebige Kultur. Transparenz als neue Autorität Wer also Einsicht in seine Methoden liefert, wie man auch bei Wikipedia erkennen kann, an den teilweise leidenschaftlichen Diskussion, der erhält auch Authorität. Weil man eben alles nachvollziehen kann. Es steht ja auch jedem frei selbst an die Texte Hand anzulegen, wenn man meint, es besser zu wissen. Ein Lexikon eines großen Verlages tritt immer auf, als wäre das enthaltene Wissen irgendwo im Weltraum entstanden, wir können nicht erkennen, warum eine bestimmte Behauptung aufgestellt wurde. Bei Wikipedia ist das möglich. Fast jeder Satz wird umfassend diskutiert - zumindest bei vielen wichtigen Einträgen. Und genau das unterscheidet ja auch unser Selbstverständnis jetzt im Gegensatz zu der Zeit vor dem Internet. Weil wir uns unserer Möglichkeiten und Verbindungen miteinander immer wieder im Web versichern können und damit einerseits mehr Wissen schaffen, das mit anderen zusammen erstellt wurde und gleichzeitig damit eine Verbindung der Menschen untereinander und mit dem Wissen immer wieder neu aktualisiert wird. Das ist das Neue am Internet. Es ist immer in Bewegung und hält durch genau diesen vermeintlichen Mangel an Halt viel besser alles zusammen, weil wir eben auch immer in einem Status des Übergangs sind. Bildnachweis: Copyright liegt bei Steffen Büffel Verwandte Artikel
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May 19 2009, 2:11pm
Fluch oder Segen? - Wissen im Überfluß
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David Weinberger, Forscher am Berkman Center for Internet and Society (Harvard Law School) ist Co-Autor des 1998 erschienen Cluetrain Manifesto, dass auf prophetische Weise die Grundlagen der heutigen Nutzung des Web als Geschäfts- und Demokratiewerkzeug beschrieb. Der geneigte Leser wird dort das lesen, was wir heute in sehr vereinfachter und reduzierter Form als Web 2.0, also der Netz der Nutzer, kennen. Was denkt der große Denker heute - 10 Jahre später? Sein neues Buch Everything Is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder kann man jedem ans Herz legen, der sich mit dem Umgang mit Information und Wissen im digitalen Zeitalter auseinandersetzt. Weinberger geht davon aus, dass Wissen für unser Selbstverständnis zentral ist, da wir uns als wissende Kreaturen bezeichnen und unsere ganze westliche Kultur auf das Anhäufen von Wissen in jeder Form aufbauen. Das wird vor allem dann klar, wenn es uns fehlt. Wenn also Dinge passieren, denen wir keine Bedeutung zumessen können, weil uns schlicht das nötige Wissen über den Kontext fehlt. Das heißt auch, dass Wissen und vor allem das Zurückhalten von Wissen, Macht und Einfluß ermöglichen. Auch in Bezug auf Medien kann Wissen finanziellen Erfolg bedeuten (ich erspare uns allen jetzt eine Randbemerkung s.u.). Zusammenfassend hält Weinberger eines für essentiell, wenn sich rund um das Wissen irgend etwas Grundlegendes ändert, wird das wohl auch auf unsere Kultur direkten Einfluß haben. Das Web ist offenbar so etwas Grundlegendes. Was ist dieses Wissen? Zunächst ist Wissen etwas Singuläres. Es gibt in der westlichen Welt keine Sprache mit einer Mehrzahlform für Wissen (ähnlich Mehl, Wasser, Himmel). Dann ist Wissen binär (zweiwertig). Entweder man weiß etwas oder eben nicht. Es können nicht zwei sich widersprechende Wahrheiten über dasselbe Ding in der Welt existieren. Wissen ist daher ebenso binär wie die kleinste Informationseinheit in der Computerwelt: AN oder AUS. Wissen ist einfach Alles in der Welt hat seinen einen Platz zur selben Zeit und ist auch nicht an zwei Orten gleichzeitig. Das liefert eine grundlegende Ordnungsstruktur. Wissen ist ein knappes Gut, aber wenn es einmal erreicht ist, dann ist es fest und in Stein gemeißelt, bis ein neues Wissen das alte ablöst. Wer aufmerksam mitgelesen hat, wird feststellen, das all diese Kriterien nicht zufällig auch auf Bücher zutreffen. Das Medium Buch reflektiert also unser Verständnis von Wissen in körperlicher Form. Im Rahmen der Evolution hat der Mensch sich des Wissens vergewissert, indem er Dinge wie Tafeln oder Papier oder Computer benutzte, um einige Teile des Wissens aufzuschreiben oder auszugliedern, um sich zu entlasten und das Denken zu vereinfachen — wie beispielsweise das Rechnen mit Taschenrechnern. Um diese Hilfen des Denkens zu verbessern, haben die Menschen das Wissen zunächst aufgeschrieben und fangen nun an möglichst alles zu digitalisieren und das so gespeicherte Wissen dann zu verbinden. Wenn man eines Tages ein eBook erfände, das sich mit anderen verbinden würde sowie mit dem Netz hätte man eine Chance soziales Lesen einzuführen. [warum das nicht mit dem normalen PC, Mobile Phones und Netbooks geht, verstehe ich nicht so ganz... aber weiter im Text, vielleicht kennt er die Handyromane der Japaner nicht]. Das Digitalisieren und Verbinden von Informationen hat enorme Auswirkungen auf das Wissen: Überfluß Wir leben in den Zeiten des Überflusses, nicht Überfluß an Geld oder Wasser aber eben an digitalisiertem Wissen. Es gibt aber auch einen Überfluß an Mist, an Überflüssigem. Leider sind wir gut darin, mit dem Überfluß des Schlechten und Unnützen umzugehen (Spamfilter) nicht aber darin, mit dem vielen hilfreichen Wissen etwas anzufangen. Denn wir haben immer und zu allen Zeiten festgelegt, dass es nur wenige gute Leute gibt, das nur wenig gute Inhalte zur Verfügung stehen, dass all dies sehr teuer ist, wenn man dazu einen Zugang haben wollte. Jetzt gibt es viele sehr gute Texte und Ideen überall im Web kostenfrei. Die Institutionen, die versucht haben, darauf ein Geschäftsmodell aufzubauen zerfallen gerade [man beachte meinen Hinweise ganz am Anfang]. Sie können mit diesem Überfluß nicht umgehen und sind zu wenig flexibel ihn zu begrüßen, zu nutzen oder konstruktiv einzusetzen. Denn sie können ihre Vorteile nicht skalieren mit den Mengen an Inhalten. Und sie können sie auch nicht kontrollieren. Auch das ist offenbar, da Kontrolle nie skalierbar ist. Kontrolle ist eine Operation des 1. und 2. Jahrtausends. Sie funktioniert nicht in Zeiten des Überflußes von Wissen. Links/Verbindungen Früher hatte alles Wissen seinen Platz und konnte durch seine Registrierungs- oder Archivnummer gefunden werden. Jetzt ist alles mit allem verbunden. Keiner weiß, was wirklich wichtig ist und was wichtig sein wird und vor allem warum. Wenn man die alte Datenbankstruktur hinter sich läßt, kann alles mit allem verbunden sein. Alle Zusammenhänge werden offenbar. So sind ja auch Menschen miteinander verbunden. Jeder kennt jeden über fünf Ecken [S. Milgram: Small word phenomena]. Und wenn man solche unübersichtlichen Zusammenhänge visualiseren würde, wäre in diesen unzähligen Verbindungen schon wieder viel neues Wissen enthalten. Wer all dieses entwirren wollte, würde etwas Wesentliches zerstören: Wissen und Relationen. Man könnte nun eine Übersicht durch Tagging/Schlagworte einführen, was ganz nett ist, aber Weinberger erklärt, dass zum Beispiel in der Encyclopedia Britannica der Artikel über Philosophie 180.000 Wörter enthält, wogegen der Artikel bei Wikipedia “nur” 9000 Wörter umfasst, was für deren Verhältnisse immer noch sehr viel ist. Jetzt könnte man denken, dass die Engländer viel schlauer sind, weil sie ja 20 Mal mehr Wissen unter den Begriff untergebracht haben. Aber bei Wikipedia sind unzählige Links hinter den wenigen Wörtern und damit ist bedeutend mehr und spezifischerer Inhalt vorhanden. Das heißt, das meiste Wissen bei Wikipedia liegt hinter der Fassade. Jeder kann also je nach Kontext in die Tiefe der Bedeutung von Teilbereichen einsteigen, wo er oder sie es braucht und möchte. Links erlauben also einen viel besser vernetzten Zugang zu dem Wissen was im Moment gebraucht wird. Diese Politik der “losen Enden” entspricht mehr unserer Art zu Denken und Verbindungen im Wissen zu knüpfen oder zu stärken. Links sind aber noch etwas Anderes, sie sind freigiebig. Auf jedem Blog sind viele Links, die den Besucher woanders hin verweisen, obwohl der Blogschreiber doch viel lieber selber gerne Leser hätte. Insofern sind Links ein Zeichen für eine freigiebige Kultur. Transparenz als neue Authorität Wer also Einsicht in seine Methoden liefert, wie man auch bei Wikipedia erkennen kann, an den teilweise leidenschaftlichen Diskussion, der erhält auch Authorität. Weil man eben alles nachvollziehen kann. Es steht ja auch jedem frei selbst an die Texte Hand anzulegen, wenn man meint, es besser zu wissen. Ein Lexikon eines großen Verlages tritt immer auf, als wäre das enthaltene Wissen irgendwo im Weltraum entstanden, wir können nicht erkennen, warum eine bestimmte Behauptung aufgestellt wurde. Bei Wikipedia ist das möglich. Fast jeder Satz wird umfassend diskutiert - zumindest bei vielen wichtigen Einträgen. Und genau das unterscheidet ja auch unser Selbstverständis jetzt im Gegensatz zu der Zeit vor dem Internet. Weil wir uns unserer Möglichkeiten und Verbindungen miteinander immer wieder im Web versichern können und damit einerseits mehr Wissen schaffen, das mit anderen zusammen erstellt wurde und gleichzeitig damit eine Verbindung der Menschen untereinander und mit dem Wissen immer wieder neu aktualisiert wird. Das ist das neue am Internet. Es ist immer in Bewegung und hält durch genau diesen vermeintlichen Mangel an Halt viel besser alles zusammen, weil wir eben auch immer in einem Status des Übergangs sind. Bildnachweis: Copyright liegt bei Steffen Büffel
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