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transmediale11: Radio Tactics – Radio Magics

RESPONSE:ABILITY lautete die kryptische Metapher der diesjährigen transmediale.11, die am Wochenende in Berlin zu Ende gegangen ist. Gemeint war damit das Zurechtfinden der Menschen innerhalb der digitalen Welt, in der wir uns ununterbrochen einer digitalen Stimulation ausgesetzt sehen. Über 200 Künstler, Kreative und Wissenschaftler stellten hierzu im Haus der Kulturen der Welt sowie über die ganze Stadt verteilt verschiedenste Performances, Installationen, Videoarbeiten und Konferenzen vor. Dabei wurde auch ein alter Staubfänger wiederentdeckt: das Radio! Das Netz als Echtzeit-Lebensraum und der Mensch mittendrin: die digitale Kultur hat unser Leben nicht nur technisch, sondern auch sozial radikal verändert. Mittlerweile sind wir gleichzeitig on- und offline, erstellen eine Vielzahl an virtuellen Identitäten und schaffen es so scheinbar mühelos, zur selben Zeit überall zu sein. Was aber bedeutet dieser permanente Zustand der Digitalen Liveness für uns Menschen in unseren Identitätskonzepten und sozialen Beziehungen? Welche politischen Fragestellungen ergeben sich daraus? Und überhaupt: trägt in diesem Gewusel eigentlich irgend jemand die Verantwortung? Auf dem diesjährigen Festival für Kunst und digitale Kultur transmediale wurden eine Vielzahl an Arbeiten vorgestellt, die den Menschen in diesen Entwicklungen positionieren…

Unter dem Motto „Das Netz ist hier und jetzt, es ist live. Andere haben es für uns gebaut – gestalten müssen wir es jetzt selbst“ erschien es zunächst etwas erstaunlich, dass ausgerechnet dem Radio als Medium gleich am zweiten Festivaltag eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Zwar gehört Radio auch heutzutage neben Internet noch immer zu den meistgenutzten Live-Medien weltweit. Als ältestes Massenkommunikationsmedium kommt ihm dabei aber die bemerkenswerte Rolle des Reliktes zu, dass als reines Audioformat in einer primär visuell ausgerichteten digitalen Welt mehr oder weniger standhaft überlebt zu haben scheint. Mit einer eigenen „Unter-Konferenz“ namens ´Test Signals´ rückte man dem Radio auf der transmediale.11 zu Leibe und versuchte in zwei Gesprächsrunden zu ergründen, wie sich das Radio in der digitalen Zukunft positionieren kann bzw. welches gesellschaftliche und politische Potential ihm zukünftig als freie Plattform zukommen könnte. Geraldine de Bastion, Projektmanagerin bei newthinking communications, hatte in der ersten Gesprächsrunde ´Radio Tactics´ klare Antworten: „Radio kann (mehr oder weniger als einziges Medium) die letzten noch unerschlossenen ländlichen und abgeschiedenen Gegenden an das globale Informationsnetz anschließen!“ Radio schlägt also die Brücke von der alten in die neue Welt der Kommunikationsmedien. Um technisch mitzuhalten muss es sich aber unbedingt den neuen Technologien gegenüber öffnen, so fuhr de Bastion fort, und das heißt: die Verwendung von “open source technologies“, “crowd sourcing“ und “cross media“! Was das im einzelnen bedeutet, wurde von den drei weiteren Rednern aufgegriffen. Douglas Arellanas von http://www.sourcefabric.com und Mitorganisator der ´Test Signals´-Reihe entwickelt eben jene open source Technologien für Radiomacher. Gerade für Journalisten und Radioprogrammierer ist eine frei verfügbare Software wichtig, da sie ihnen für ihre oft unter oder gar nicht finanzierten Projekte Unabhängigkeit und Qualität verspricht – egal ob terrestrisch oder online. Dass die Möglichkeiten des Rundfunks besonders in politischen Krisengebieten wie zur Zeit im arabischen Raum eine enorme Bedeutung erfährt, betonte Arellanas fast nebenbei: „radio still works when internet shuts down!“ Innovation und Eigensinn waren für Diana McCarthy, der zweiten Rednerin, Schlagworte ihres Radiosenders. Als Mitbegründerin der freien Berliner Radiosender Herbstradio und seinem Nachfolger Reboot FM steht sie für ein freies, unabhängiges Radioprogramm, dass – im Gegensatz zum Trend der Zusammenfassung von Hörerschichten bei kommerziellen Radiostationen – den speziellen Geschmack kleinerer Hörerschichten anvisiert, und das heißt: „crowd sourcing“. Als ein junges Berliner Nischenradio mit Fokus auf aktueller, experimenteller Musik setzt Reboot FM einen Hörer mit i-Pod-Gewohnheiten voraus, der bereits über ein großes Kontingent an aktueller Musik verfügt. Etwas Neues spielen, das auch Grenzen überschreitet und Interessant ist: für Diana McCarthy heißt die Zukunft Crossover innerhalb einer bestimmten Nische, der man sich voll und ganz verschreibt. Wie die Zukunft des Radios technisch nun konkret aussieht, wusste schließlich der letzte Redner Jonathan Marks: hybrid! Ein Zwitter namens “Cross Media“ wird sich entwickeln, indem sich Audio, Visuals und Text auf eine „relevante“ Art und Weise miteinander verbinden. Im Mittelpunkt des Ganzen steht natürlich der Empfänger bzw. Konsument: „Radioproduzenten werden lernen müssen, nicht für, sondern mit einem Publikum Radio zu machen!“ Denn frei nach dem Motto „if i want to harm you, i isolate you“ wird die soziale Vernetzung auch beim Radio zukünftig eine stärkere Bedeutung haben. Also Teilen statt reine Beschallung – doch wie soll das aussehen? Denn Radio „beschallt“ nicht nur oder donnert gar auf den unwilligen Hörer herab, sondern kommuniziert und – fasziniert! Diesem Aspekt widmete sich der zweite Teil der Gesprächsrunde mit dem schönen Titel ´Radio Magic´. Die eingeladenen Radiokünstler Sarah Washington, Knut Aufermann, Alejo Duque, Alejandra Perez Nuñez sowie die Gründerin des Wiener Radiosenders KUNSTRADIO-RADIOKUNST Heidi Grundmann zeigten hier, inwiefern die Faszination am Radioklang als künstlerisches Potential genutzt werden kann. Zusammen versuchte man zunächst in persönlichen Rückblicken den „Radiozauber“ sprachlich zu erfassen, aber bedauerlicherweise Weise begann hier die Diskussion zu verwässern und ins Plauderhafte abzudriften. Als später die Sound-Arbeiten der Künstler vorgestellt und angespielt wurden, wurde schnell klar, warum: Radio-Magie liegt wortwörtlich in der Luft! Das Magische ist das Ungewisse: wer sitzt hinter den Stimmen, Geräuschen und Klängen? Und wer kann sie alles hören? Und als schließlich Alejo Duque auch noch zu einer verbogenen Antenne griff und demonstrierte, wie zufällig vorbeifliegende Radiowellen in einem Auditorium klingen können, kroch die Faszination auch in die letzte Reihe des Publikums. Da irritierte dann auch das etwas fahrige Schlußplädoyer von Knut Aufermann nicht mehr, man möge nach der Veranstaltung einfach selber weiter nach Experimenteller Radiokunst suchen. Man macht es einfach. http://reboot.fm/ http://www.kunstradio.at/ http://resonancefm.com/ Fotos: Transmediale, Beate Stender

February 11 2011, 9:47am

#CTM11: Live ist tot, es lebe die Liveness!?

Das mit der Transmediale (#TM11) verschwesterte und zeitgleich statt findende Festival Club Transmediale (#CTM11, 1. – 6.2.2011) in Berlin ist in diesem Jahr der Frage der “liveness” nachgegangen, vor allem mit einem zweitägigen Symposium zu Beginn des Festivals (1. – 2.2.) im HAU1, am Donnerstag dann mit Vorlesungen und einer Diskussion im Haus der Kulturen der Welt, gemeinsam mit der Transmediale. Die Frage, was eigentlich “live” ist, gehört zu den wichtigsten Fragen der “digital culture” (imho), entsprechend vielfältig und kontrovers ist der Begriff dann auch diskutiert worden. Während etwa für Wolfgang Ernst, Professor für Medientheorien an der Berliner HU und Eröffnungsredner des Symposiums, “live” mit den digitalen Medien endet, stellte gleich die erste anschließende Diskussionsrunde eine Renaissance des “live”, gerade durch die Verbreitung digitaler Medientechnologie, fest. Dieser Text wird sich hauptsächlich mit der Frage der Live-Musik und auditiver Medienkultur befassen, da mich einerseits die Frage der Laptop-Konzertsituation und des Computers als Musikinstrument persönlich beschäftigt und andererseits ein Blogeintrag über ein einwöchiges Festival eine gewisse Reduktion vorschreibt, wenn nicht einfach nur aus jedem Dorf ein Hund präsentiert werden soll. Verweise auf andere, artverwandte Live-Kontexte können jedoch immer leicht gezogen werden… Der Begriff “live” ist aus mehreren Perspektiven heraus schwierig. Einerseits ist eine direkte Übersetzung in die deutsche Sprache nicht möglich, andererseits gibt es auch keinen eindeutigen Begriff für sein Gegenteil. Auf der CTM tauchte unter anderem der Vorschlag “prerecorded” auf, damit scheint man sich unter anderem mit dem Werbetext für das neue Beatsteaks-Album einig zu sein, der in Berliner U-Bahnen zur Zeit über die Bildschirme flimmert. Dort wird verkündet, der größte Teil des Albums sei “live” eingespielt worden, was bedeutet, die Aufnahme der Instrumente erfolgte hauptsächlich zeitgleich, quasi in einer Performance der ganzen Band, nur einige “Overdubs” sind später hinzugefügt worden. Interessant ist hier, dass das Album ja als Studio-Album (nicht als Live-Album) verkauft wird,innerhalb dessen dann offenbar eine live/nicht-live Unterscheidung getroffen werden kann. Die Form live/nicht-live tritt dann, systemtheoretisch formuliert, auf der nicht-live-Seite wieder in die Form ein. Das kann natürlich auch auf der live-Seite passieren, wenn bei einem Konzert einige Spuren per Sequenzer eingespielt werden und so das Live-Konzert dann wieder nicht-live Elemente bekommt, oder wenn sich plötzlich herausstellt, dass der Sänger gar nicht “live” singt. Hier zeigt sich schon, dass eine rein medientechnische Definition problematisch ist. Die Laptopkonzerte, die ich ab und zu spiele, wären danach jedenfalls ziemlich unlive, und dies dürfte für den größten Teil elektronischer oder elektroakustischer Musikgeschichte gelten, in der “abgespielte” Elemente einer “halbfertigen Musik” (Loops, Grooves, Arpeggiatoren) immer schon eine große Rolle spielten. Der Zusatz “live” hinter den Acts der Lineups derzeitiger Clubkultur deutet dabei da diese Unterscheidung statt, wo ist der Unterschied, der einen Unterschied macht? Wenn man heute die Setups von DJs und Live-Musikern auf den Konzertbühnen vergleicht, scheint eine Trennung – wenn man sie überhaupt akzeptiert – anhand von Software, Hardware, Instrumenten oder Tools, schlicht unmöglich. Was genau soll der Begriff live eigentlich aussagen? Mit jeder Beobachtung oder Unterscheidung möchte man etwas bestimmtes beobachten und von etwas anderem unterscheiden. Jede Unterscheidung, die man bildet, um etwas zu untersuchen, verdeckt aber immer auch etwas, beobachtet etwas nicht. Und zwar wird dabei eine ganze Menge mehr nicht beobachtet, als beobachtet wird. Das gilt auch für den Begriff des “live”. Er suggeriert ja möglicherweise einen Verweis aus den allgegenwärtigen (und in Medien diskutierten) Medien heraus. Doch es geht nicht um die Unterscheidung medial/nicht-medial. In seinem Vortrag gleich zu Beginn des CTM-Symposiums zur Frage “What is live?” hat Wolfgang Ernst in diesem Sinne die wichtige Feststellung gemacht, dass “live” mit Blick auf elektronische Medien bezogen entstanden ist, auch Philip Auslander stellte das später fest. Die Unterscheidung live/ nicht-live verweist also auf keiner Seite aus den Medien heraus, sondern wird benutzt, um unterschiedliche mediale Settings voneinander zu unterscheiden. Kurz: ohne Medien bräuchte man den Begriff gar nicht (letztlich eine triviale Feststellung). Dabei erzeugen nach Ernst elektronische auditive Medien immer eine Form akustisch realer und gegenwärtiger Präsenz – der Moment des Erklingens ist immer live. Diese Präsenzerzeugung elektronischer Medien ist im Gegensatz zur mit Symbolen arbeitenden Schrift Teil einer radikal vergegenwärtigenden Technologie. Unsere Sinne, immer auf den aktuellen Moment bezogen, lassen sich dabei gewissermaßen täuschen, die Vergangenheitsverneinung der Medien, die im Vortrag leider bisweilen sogar noch ontologischer als Todesverneinung in Erscheinung trat, wird hier als Betrugsversuch verstanden. Das aktuelle, perzeptuell immer gegenwärtige Medienerlebnis kann und muss also im Nachhinein mit der Unterscheidung live/nicht-live behandelt werden. Digitale Übertragungen erfolgen bekanntlich leicht zeitverzögert (hier wird gerne das Beispiel der Übertragung eines Fußballspiels bemüht, bei der der analoge Nachbar schon jubelt, während man selbst erst den zuvor digitalisierten Pass auf den freistehenden Stürmer sieht). Solche Zwischenspeicherungen gibt es bei Medien wie dem Radio nicht. Ernst stellt in Folge die steile These auf, digitale Medien verlören durch diese Zwischenspeicherung das Attribut “live”: durch die zwischenzeitliche binäre Codierung endet dieses Konzept gewissermaßen. Da sich jedoch auch beim digitalen live-stream ein Live-Effekt einstellt – das kann kaum bestritten werden – bleibt ihnen die phänomenologische “liveness”. Die digitalen Medien zeigen uns also dankenswerterweise – so würde ich zusammenfassend formulieren, um aus diesem Dilemma noch irgendwie halbwegs unbeschadet herauszukommen und etwas Verwertbares abseits neuer sperriger Begriffe mitzunehmen – dass “live” als medientechnisches Konzept der scheinbar unmittelbaren Übertragung gestorben ist. Wenn wir das festgestellt haben, können wir zu den wirklich spannenden Fragen der liveness-Debatte übergehen. In der ersten Session des Symposiums wurde dann, durchaus konträr zum Vortrag von Wolfgang Ernst kurz zuvor, eine Renaissance des “live” diskutiert, etwa die momentan boomende Konzertkultur angesichts der andauernden Krise der Tonträgerindustrie, oder die strukturell im Web2.0 verwurzelte Feststellung, dass im Zeitalter von Skype, Ustream und auch Twitter jeder ein Sender, jeder also “live” sein kann – so jedenfalls die Perspektive von Andreas Bogk vom Chaos Computer Club. Hier ist man dann schnell bei der aktuellen und wichtigen Debatte zur Netzneutralität – “live” wird zum Politikum. Philip Auslander beschrieb in seinem Vortrag am Mittwoch, dass der Begriff “live” nicht mit Aufkommen der Möglichkeit der Tonaufnahme, dem Phonographen oder Grammophon, sondern vielmehr mit der Verbreitung des Radios notwendig wurde (in Kombination mit Aufnahmemedien, müsste man hinzufügen). Denn die Hörer konnten nicht feststellen, ob es sich bei den Klängen um eine Schallplattenaufnahme handelte, oder ob nicht eben doch das Runfunkorchester “live” zu hören war. Anstatt eine rein übertragungstechnische und so letztlich problematisch bleibende Definition zu entwickeln, stellt Auslander eher das Verhältnis von Künstler oder Sender und Publikum in den Blickpunkt des Interesses. “Live” haftet einer Aufführung, einem Objekt oder der bloßen Ansammlung von Menschen nicht ontologisch an, sondern wird immer durch die Akzeptanz der liveness einer Aufführung durch ein Publikum hergestellt. Liveness wird zur Beziehung zwischen Künstler und Publikum, eine Methode der Synchronisation zwischen Sender und Empfänger, die eben nicht nur zeitlich zu verstehen ist, aber natürlich bestimmte Bedingungen hat. In dieser Beziehung ist mir der Einwurf von Malcom Le Grice deutlich im Gedächtnis geblieben, der die Idee einstreute, dass in einer Live-Situationeine ausgeführte Entscheidung nicht zurückgenommen werden kann, es also kein “undo”, kein strg/cmd-z gibt.

Philip Auslander, Foto: Katrina James, illgetyoumypretty.net Zuvor hatte bereits Rolf Großmann in seinem Vortrag zum Verhältnis von Medien und Musikinstrumenten in struktureller Übereinstimmung mit Positionen von Auslander festgestellt, dass es bei der Frage, ob ein Ding ein Instrument sei, im Grunde um Zuschreibungen und Erwartungen geht, nicht um Ontologie oder Technik eines bestimmten Gegenstandes, der “an sich” ein Instrument, oder vor allem “an sich” kein Instrument ist. Die Frage nach dem Musikinstrument und die Frage nach der Live-Situation im Zeitalter digitaler Virtualität sind aus dieser Perspektive heraus verwandt. Wendet man den Blick jedoch – ähnlich wie mit Auslander oben beschrieben – von Gegenständen oder Übertragungswegen ab, können rote Fäden kultureller Konfiguration der Aufführungspraxis, instrumentenspezifische Schulenbildung oder Phänomene der Virtuosität beobachtet werden, die das Instrument als kulturelles Setting treffender definieren. Medien sind also längst Teil aktueller Instrumentenkultur. Dabei wies Großmann in einem kulturhistorischen Ansatz darauf hin, dass die Grenzen zwischen Instrumenten und Medien nicht jetzt erst, sondern wieder, verschwimmen. Reproduktionsmedien, mechanische Musikautomaten und die ersten analogen Speichermedien (Phonograph, Grammophon) wurden als Instrumente wahrgenommen, waren Teil einer lebhaften Aufführungskultur. Diese “Liveness” des instrumentalen Spiels ist den Reproduktionsmedien in soziokulturellen Transformationsprozessen in der Mitte des letzten Jahrhunderts allerdings abhanden gekommen, die klangliche Vergegenwärtigung, die Präsenzerzeugung im medialen Moment wurde fortan als Verweis auf etwas Vergangenes, nicht als Eigenwert, verstanden. Die Frage, ob Medien Instrumente sind, hat uns (Musikwissenschaftlern) die aktuelle Musikkultur im Grunde abgenommen: Clubs feiern DJs als Interpreten einer klar definierten Aufführungskultur und die Instrumente dieser Aufführungskultur sind Musik(Medien)instrumente. Jede Wissenschaft, die dies vernachlässigt, koppelt sich von aktueller Musikkultur ab und agiert entweder rein historisch, oder entwickelt einen eigenen, normativen Instrumentenbegriff des “do und don’t”, der mit populärer Kultur letztlich nichts zu tun haben will (auch diese Perspektive fand sich auf dem Symposium) und sich wohl zu einem guten Teil aus Ängsten vor Kontrollverlust oder Paradigmenwechsel speist. Natürlich bedeutet dies nicht, dass nicht auch verschiedenste Veränderungen statt finden, die kritisch beleuchtet werden können (so wie es in der aktuellen systematischen Musikwissenschaft bereits geschieht, siehe etwa Harenberg/Weissberg (Hg.): Klang (ohne) Körper. Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik, Bielefeld: Transcript, 2010). Um beispielhaft noch einmal auf den Kontext der Konzertsituation zurück zu kommen: reinen Lautsprecherkonzerten, wie sie etwa sehr früh schon von Vertretern der musique concrète in Frankreich durchgeführt wurden, fehlte ein Interpret, fehlte die für das Publikum nachvollziehbare, musikalische Geste [steile These: in den heutigen Lautsprecherkonzerten der Clubs und Discos tanzt das Publikum deshalb selbst]. In eine ähnliche Richtung gingen jedenfalls am Donnerstag dann die Ausführungen Eric Kluitenbergs, der in seinem Vortrag über “Digital Liveness” den Kontext von Online-Symposien am Beispiel des 2010er Electrosmog-Festivals aufgegriffen hat. Wenn ein Vortrag per Videochat übertragen wird, blieben die Veranstaltungsräume leer, im Gegensatz zu Vorträgen mit körperlich anwesenden, gestikulierenden und mimenden Sprechern. Das auch auf der TM und CTM wieder angesprochene “Email-Paradigma” (Looking like I’m checking email, I’m not getting any female, Pascal Plantinga) zeigt, dass die Live-Situation im Konzert elektronischer Musik offenbar mehr erfordert, als die bloße Präsenz eines ausführenden Musikers, der mit einem winzigen Tastendruck jeden erdenklichen Klang erzeugen kann. Das funktionierte bei Kraftwerk noch alsgezielte Inszenierung einer kühlen Maschinenästhetik, ist heute aber nur noch ein Treppenwitz der Medienmusikgeschichte. Foto: Cover des Buches von Philip Auslander: Liveness: Performance in a Mediatized Culture. London, New York: Routledge, 1999.

February 10 2011, 9:45am

transmediale 2011

Wer möchte, kann ab jetzt wieder seine Arbeiten einreichen für den transmediale award. Die Jury steht bereits fest: Marisa Olson (New York), Matteo Pasquinelli (Amsterdam), Brandon Labelle (Berlin), Thomas Macho (Berlin), Defne Ayas (Shanghai). Eingereicht werden können visionäre Arbeiten aus dem gesamten künsterlischen Spektrum, die sich auseinandersetzen mit den schnell wechselnden Herausforderungen, die uns die digitale, technische und netzwerkorientierte Umgebung stellt. Mehr zum transmediale Award / Vilém Flusser Theory Award 2011 hier.

June 8 2010, 9:52am

Brille auf: Kunst statt Werbung

Was für eine Vorstellung: Ein persönlicher Ad-Blocker für die Innenstadt! Eine Vision, die die Macher von „The Advertiser“ wahr werden lassen: Sie scannen Plakate und Logos von Calvin Klein bis Budweiser ein, blenden die Werbung dort aus und ersetzen sie mit Kunstinstallationen. Natürlich nicht wirklich, sondern nur für den Nutzer ihrer Ferngläser, Kunst auf Werbeflächen einblenden.

Julian Oliver ist einer der Initiatoren des Projekts. “Die Stadt ist ein Raum der verdichteten Reize”, sagt er. Er wolle sich nicht damit zufrieden geben, dass die Bewohner Städte nur Lesen und nicht schreibend neu gestalten können – anders als Unternehmen, die sich optische Beeinflussung ihrer Städte mit Geld erkaufen können. Bürgern hingegen bleibt der Zugang verweigert. Darum setzte er und seine Mitstreiter sich daran, Computern das Widererkennen von Werbeflächen beizubringen.

So werden teils Werbemotive gehackt, indem aus „Dunkin’ Donuts“ „Fucking Donuts“ wird – oder aber es werden kontextfreie Animationen oder Frisurenhelme auf die ursprüngliche Werbung projeziert. Und es gibt ein magenta-farbenes Plakat der „The Artvertiser“-Gruppe, in der sie in schönster MoMa-Optik für „your art here“ werben.

Für Olivers Mitstreiter Damian Stewart bedeutet das Projekt auch noch etwas anderes – nämlich Hirnfrieden. Forschung hat ergeben, dass die Hirnaktivität beim Konsum einer Google-Seite wesentlich aktiver ist als beim Lesen eines Buches – weil ständig neue Entscheidungen getroffen, neue Reize auftauchen. Das sei nicht gut für das Hirn, ziehe zu viel Energie, sagt XY – eine andere Begründung dafür, Werbung zu blocken, eine Art Hirnurlaub also.

Die Arbeit der „Artvertisers“ war Teil der Camera Obscura-Ausstellung zur Transmediale zu sehen – und darüber hinaus auf theartvertiser.com.

Foto: screenshot theartvertiser.com

February 8 2010, 12:50pm

Feudalherren, Irokesen und kein Gespräch

Körpersprache, die Bände spricht: Sascha Lobo (v.l.n.r.) verkrampft, Tiziana Terranova im verzweifelten Versuch, Dialog herzustellen, Steve Lambert beleidigt und Matteo Pasquinelli unterfordert bis genervt. (Foto: Anja Krieger)

Drei Männer, drei Themen und keines davon war tatsächlich Liquid Democracies – auch wenn das ursprünglich im Programm gestanden hatte. So diskutierten am Sonntag abend Matteo Pasquinelli, Steve Lambert und Sascha Lobo an einander vorbei.

Steve Lambert präsentierte, dass jeder deutsche Powerpointuser blass vor Neid werden muss: Kurzweilig, bilderstark und witzig stellt der Amerikaner sein Konzept von “utopian fiction” vor: Statt herumzuunken, wie die Zukunft aussehen könnte, kann man sich einfach eine Zukunft ausdenken und sie öffentlich machen, dann kommt die öffentliche Debatte darüber von ganz allein, meint Lambert. Und er weiss, wovon er spricht – immerhin war er unter den Menschen, die in einer gefakteten New York Times-Ausgabe aus der Zukunft das Ende des Irakkriegs verkündeten. “Wir haben das gemacht, weil wir es wollten”, sagt er. Es geht Lambert darum, die Gesellschaft wiederzubeleben, um Demokratie zu stärken. Demonstrationen funktionierten heute nicht mehr, statt dessen müsse man versuchen, die Leute mit fiktionalen Utopien zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Statt Kunst zu machen, solle man die Leute dort abholen, wo sie sind, in einer Sprache, die sie verstehen: Wie würden sie den US-Haushalt gestalten? Wie fänden sie Bars in der U-Bahn? Was halten sie vom Irakkrieg? “Wir brauchen keine neuen Ideen, sondern die Visionen und Motivation dafür, die guten Ideen da draußen umzusetzen”, sagt er. Und endet mit einem dicken “Do something!!

Auf eine derart schmissige Darbietung will sich sein Nachredner Matteo Pasquinelli nicht einlassen. Er nimmt in seiner ökonomiehistorischen Rede dafür auf eine interessante Art und Weise die digitale Kreativindustrie unter Beschuss. Anders als vor zehn Jahren, als man mit dem Auftauchen von Indymedia glaubte, das Internet würde partizipativer, diversifizierter, freier werden, sieht man heute, dass es vor allem der Monopolbildung Vorschub leistet. “Statt über liquid democracies sollten wir über digitalen Neo-Feudalismus im Netz sprechen”, sagt Pasquinelli. Wenige Großfirmen etablierten sich immer weiter, der Mittelstand bröckelt weg, und diejenigen, die das Netz als Tempel der kognitiven Intelligenz feiern, vermeiden in Wahrheit nur die Frage, wie sie sich in den ökonomischen Prozess mit einbringen wollen. Zahlen also eine Art Rente an die großen ökonomischen Feudalherren des digitalen Zeitalters. Pasquinelli kritisiert die free culture-Bewegung dafür, sich parallel zur Wirtschaft vor sich hin zu existieren, Interaktionen mit der Wirtschaft zu vermeiden und sich so von den großen Firmen ausbeuten zu lassen. Er zeigt sich von Lamberts Vortrag wenig beeindruckt: Aktivismus sei für ihn, den Wissenschaftler mit der Linksaktivisten-Vergangenheit, eine alte Geschichte. Aktivismus wie Lambert ihn vertrete, habe in den vergangenen zehn Jahren nichts bewirkt. “Ich würde jetzt einfach gerne mal Politik machen. Taktiken entwerfen. Da passiert heute nicht genug”, mahnt er.

Und dann ist da noch Sascha Lobo auf dem Podium. Sein Auftritt ist von einigen Konferenzteilnehmern mit Spannung erwartet worden. Mal sehen, wie er sich gegenüber dem italienischen Linken schlägt, hat einer gesagt. Ich persönlich habe gehofft, dass er vielleicht auf seine speziellen Freunde von der Piratenpartei eingehen wird. Doch nichts davon: Noch kurz vor Start der Veranstaltung bastelt Lobo an seiner Slideshow, begründet auf der Bühne wortreich, warum er auf Deutsch vortragen wird (höhö, will ja nicht den Oettinger machen – ich wäre interessiert an der Übersetzung dieses Gags gewesen) – und hält dann einen typisch-generischen Sascha Lobo-Vortrag über das Spannungsfeld zwischen sozialen und klassischen Medien. Kurz: Er macht im Vergleich zu den anderen beiden Panel-Teilnehmern keine besonders gute Figur.

Schrecklich wird es allerdings erst, als alle drei mit ihrer Moderatorin Tiziana Terranova auf Sofas sitzen, möglichst weit von einander entfernt, und jeder in seinem ganz eigenen Film monologisiert. Lobo hat sich an der Idee festgebissen, dass sein Englisch zu schlecht sei für diese Veranstaltung und krampft sich daraufhin von Statement zu Statement – völlig ohne das Selbstbewusstsein, mit dem er sonst so häufig auftritt. Pasquinellis Körper- und Mundsprache lassen wenig Zweifel daran, wie intellektuell unterkomplex ihm diese Diskussion vorkommt und wiederholt seine Thesen wieder und wieder – allerdings ohne eine interessante Debatte provozieren zu können. Denn auch der eben noch so lockere Lambert macht einen ziemlich verkrampften Eindruck, nachdem Pasquinelli seine utopischen Aktivismus-Ideen so böse hat auflaufen lassen.

So wurde es doch ein ziemlich anderer Nachmittag, als ich es mir im Vorfeld gedacht hatte. Eigentlich hatte ich erwartet, endlich einmal eine interessante, nicht nur im deutschen Saft schmorende Debatte über liquid democracies zu hören – und diese Ideen einmal mit der gelebten politischen Wirklichkeit innerhalb der deutschen Piratenpartei abzugleichen. Was aber nicht weiter schlimm ist: Zumindest die geschichtsökonomischen Betrachtungen von Matteo Pasquinelli haben für diesen Mangel klar entschädigt. Hoffentlich erscheint das Video heute hier im Medienarchive der transmediale. Bildnachweis: Anja Krieger

February 8 2010, 9:45am

Langsamkeit, Duchamps und jede Menge Jetzt: Futurity Long Conversation auf der Transmediale

Neun Stunden Zeit, um über Zukünftigkeit zu sprechen – eigentlich nicht übermäßig viel angesichts dieses Themas. Die allerdings ziemlich lang werden kann, wenn man im dämmrigen Auditorium des Hauses der Kulturen der Welt sitzt. Gegen 20 Uhr fragt Andy Cameron, der Chef des Benetton-Kommunikationsforschungscenters “Fabrica”, wie viele Menschen eigentlich schon von Beginn an im Saal sitzen. Es heben sich etwa fünf Hände. “You have my admiration”, sagt er.

22 Künstler, Designer, Theoretiker und Journalisten diffundieren auf und von der Bühne. 22 Minuten haben sie je Paarung Zeit, ein Gespräch zu führen, bis per Gong einer die Bühne verlassen muss und ein neuer Diskussionspartner die Bühne betritt. Das kann spannend sein – oder aber auch sehr langwierig, ganz nach Paarung auf der Bühne. Um kurz vor 17 Uhr konstatiert der indonesische Künstler und Kurator Gustaff Harrimann Iskandar aus Indonesien er könne mit dieser ganzen Diskussion hier kaum etwas anfangen: Wegen der wechselvollen Geschichte in Indonesien seien immer wieder neue Zukunftsvisionen von der niederländischen Kolonialmacht bis zum Suharto-Regime aufgetaucht. Zu viele, meint Harrimann Iskander: “Die Zukunft ist bedeutungslos für uns, man muss erst einmal die Gegenwart verstehen. Man muss seinen Körper auf die Gegenwart einstellen, denn Veränderung kann jederzeit stattfinden.”

Zuvor hatte der niederländische Softwareprogrammierer Jaromil sich – ganz Linux-Verfechter – für mehr Kooperationen in der Zukunft ausgesprochen und beklagt, wie monopolisiert viele Entscheidungsprozesse noch heute sind. Er sei stolz, Dinge zu tun, mit denen andere etwas anfangen können, zu dem sie etwas beitragen können. Auch wenn das nicht immer der schnellste Weg sei. “Das Feiern von Hast und Geschwindigkeit sind die Probleme des futuristischen Ansatzes”, sagt er. “Ich mag es, nicht der Erste zu sein.” und die Wiederentdeckung der Langsamkeit angeregt. Und beschämt den einen oder anderen Zuschauer ein wenig, wenn er mit Harrimann Iskander beginnen will, ein Gespräch über die grandiose DIY-Kultur in Indonesien anstößt – denn das hat bekanntlich wenig mit Bastel-Schick zu tun als vielmehr mit der blanken Notwendigkeit.

Es gibt auch Längen in der Diskussion. Etwa, wenn sich die britischen Professoren Steve Benford und Gabriella Giannachi über Myspace-Selbstmorde, Datamining bei Amazon und das 10 Jahre alte Google-Maps-Bild von Giannachis Haus austauschten. Was daran liegen mag, dass sie beide gemeinsam am Horizon-Projekt der Universität Nottingham mitarbeiten. Giannachi fragt sich, ob archivierte Dokumente des Alltagslebens einen Wert haben – besonders vor dem Hintergrund, dass ihre siebenjährige Tochter einer Generation angehört, deren Leben komplett digital eingefangen und gespeichert wird.

Die großen Minuten hat die Long Futurity Conversation allerdings dann, wenn sich auf der Bühne mal ein wenig gezofft wird. Etwa, als der bärtige und bemützte Künstler Warren Neidich sich mit der zarten Professorin Denisa Kera anlegt. Neidich, der Kunstwerke schafft, die vor dem geistigen Auge seiner Zuschauer stattfinden (indem er auf ihre Vorstellungskraft abzielt), koffert Kera an, als sie mit ihm darüber diskutieren möchte, ob die Zukunft noch das Individuum brauchen wird – oder über soziale Netzwerke und ihre Auswirkungen. Er beschimpft sie wie sich selbst als romantisch. Während Kera über das eigentliche Thema der Veranstaltung, Zukünftigkeit sprechen will, versteigt sich Neidich in einen nicht uninteressanten, aber doch ganz eigenen Gedanken – über den Effekt, den Kultur und Architektur auf unsere Entwicklung als Individuum haben, über Duchamps Pissoir, die Musik von Cage. Kera fürchtet um den Erhalt des Individuums, denkt darüber nach, ob man es künftig mit seinem ganzen geistigen Potential noch benötigt werden wird – oder ob nicht eine versklavte Masse ausreicht. Woraufhin Neidich beginnt, die Kraft der Kunst zu preisen: “Wissenschaftler suchen Konstanz, reproduzierbare Ergebnisse. Aber ein Künstler wie Andy Warhol kann alles verändern.” Und beide sich darin versteigen, was für eine Gattung Barcodes sind, die doch in Supermärkten immer miteinander sprechen. Er wisse nicht, ob er mit denen leben wolle, sagt Neidlich. Kommt drauf an, ob man das interessant gestalten kann, meint Kera.

Wirkliches Highlight der langen Unterhaltung (wahrscheinlich neben den Beiträgen von MIT-Professor Sharpio, die ich leider verpasst habe), ist allerdings das aufeinandertreffen von Designer Jimmy Loizeau mit Bloggerin Regine Debatty. Loizeau, der auf der Transmediale seine fleischfressenden Hausroboter in Möbeloptik präsentiert, hält ein Plädoyer für Design, das nicht nur hübsch ausschaut, sondern Fragen aufwirft. Und Debatty, angetan mit einem hübschen französischen Akzent und einem rosa Smiley-Pullover, verkündet, dass sie keine Lust mehr ihr Blog hat – und wie langweilig sie Design eigentlich findet. Und auch auf Bücher will sie nicht schreiben: “Ich mag es nicht, meinen Text gedruckt zu sehen, ich fühle mich einfach nicht wohl damit, wenn man ihn nicht mehr verändern kann, es nicht mehr “work in progress” ist.” Loizeaus Sachen aber nicht – von denen weiss sie nicht wirklich, was sie davon halten soll. Geräte, die Mäuse und Fliegen, vielleicht irgendwann auch Menschen essen können? Für die Tierversuchsgegnerin und Veganer-Freundin Debatty schwierig. Loizeau sagt, er wolle ganz im Gegenteil wieder sensibilisieren – nachdem wir im Mikrokosmos unseres Zuhauses ja sonst auch ganz locker differenzieren, wer, von der Fruchtfliege bis zur Katze, leben darf und wer zu sterben hat. Und nachdem (gähn), uns das Fernsehen für den Tod desensibilisiert hat. Einziges Problem an diesem munteren Geplauder: Mit Zukunftsvisionen hat das Gespräch auf der Bühne auf einmal nicht mehr viel zu tun – höchstens dort, wo es um die Entwicklung von Biotech-Künstlern ging. Und die diskutierte Debatty auch gleich mit ihrer nächsten Gesprächspartnerin, der studierten Physikerin und Künstlerin Nicola Triscott, weiter, die sich für die Schnittstelle und Kooperation von Wissenschaft und Kunst interessiert.

Flacher wird die Diskussion, als die humorvolle Triscott auf den etwas steifen Benetton-Kommunikationsforscher Andy Cameron trifft – und er darüber plaudert, wie Benetton mit einer Social Media-Kampagne die neuen Models für die nächste Werbekampagne finden will – ausgewählt von der Masse. Und wie er die “Zukunft von Shops” gestalten will. Triscott versucht, darüber zu diskutieren, warum unsere Zeit so risikofrei geworden ist. Von Experimenten aus ihrer Schulzeit habe sie noch immer Narben an den Beinen. Heute wäre so etwas undenkbar, der Jugend werde beigebracht, sich Regeln zu fügen, es richtig zu machen. “Leuten das Scheitern erlauben – das sagt uns etwas über die Zukunft”, sagt Triscott. Lobt die Darwin-Awards. Sagt, die Leute müssten anfangen, “Expertise”, die ihnen vor die Nase gesetzt wird, zu hinterfragen. Oder zumindest die Personen, die sie präsentieren. Gedanken, auf die Cameron leider kaum einsteigt.

Und so plätschert die Long Conversation weiter vor sich hin. Mal schlauer, mal weniger Visionär. Über Fahrräder als Autos der Zukunft, Kunst statt Werbung und Konferenzen ohne Teilnehmer. Mal sehen, wie es dann tatsächlich wird. Später in der Zukünftigkeit.

February 7 2010, 9:41am

“Fuck Google!” Das F.A.T. Lab auf der Transmediale

Eine “Fuck Google!”-Woche hat das Free Art and Technology (F.A.T.) Lab auf der Transmediale ausgerufen. Mit Aktionen, Browser-Plugins und subversiven Anwendungen will das internationale Künstlerkollektiv die Aufmerksamkeit für die Allgegenwärtigkeit und Marktmacht des Internet-Konzerns schärfen.   “Jeder mag Kätzchen, und jeder mag Google”, sagt Randy Sarafan. Auf http://www.googlingwithkittens.com hat er jetzt beides installiert: Google und die Kätzchen.  

  Damit spielt Sarafan auf das cleane Image an, das sich Google trotz seiner Marktdominanz bisher bewahren konnte.   Programmierer und F.A.T. Lab-Mitglied Jamie Wilkinson zählt einige der vielen Dienste auf, die zu Google gehören: “Youtube, Google Analytics, Google Alerts, Google Search, Google Homepage, Gmail. Wir benutzen alle diese Produkte und verlassen uns auf sie. Das ist keine gute Idee. Sie könnten von der einen auf die nächste Sekunde weg sein. Google hat unsere gesamte Email und kann damit tun, was immer es will. Google ist verantwortlich, (aber) nur seinen Teilhabern verpflichtet.”   Auch der Fotodienst Picasa gehört zu Google. Deshalb hat die Mexikanerin Geraldine Juarez digitale Wasserzeichen für Fotos gebastelt, auf denen “Fuck Picasa” steht (siehe Foto oben). “Host your own data!” fordert Juarez. Um zu zeigen, dass das funktioniert, gehen die Mitglieder des F.A.T. Lab mit gutem Beispiel voran und stellen ihre Transmediale-Bilder bei “FuckPicasa” und “FuckFlickr” ein.   Wer sich krank fühlt, googelt oft erstmal die Symptome. “Würdest du deine medizinische Akte oder deine Polizeiakte jedem zeigen? Google weiß das alles”, behauptet Jamie Wilkinson provokant. Sein F.A.T.-Kollege Greg Leuch hat deshalb speziell für e-Diagnosen “Dr. Google” programmiert. Den kann man jetzt fragen, wenn man sich mal wieder “icky” fühlt, oder auch sonst. Mir hat Dr. Google gerade H1N1 diagnostiziert.   Mit “Google Alarm” soll der Nutzer von Google loskommen. Jamie Wilkinsons Browser-Plugin geht los, wenn man im Netz auf Google stößt: Lasergeräusche zeigen an, wenn eine Seite Google Tracking Code enthält, bei einer Google-Suche heulen ohrenbetäubende Sirenen. Das Plugin kann man demnächst auf dem F.A.T-Blog herunterladen.   Ein weiteres Ziel des F.A.T.-Lab: Den Google-Search für “Fuck Google” zu dominieren. Am Dienstag waren sie noch auf Platz sieben, mittlerweile haben sie sich auf Platz drei vorgearbeitet.   Am Wochenende werden die Künstler des F.A.T. Lab auf besonderer Mission sein und das Google Street View Car verfolgen, das sie eigenen Aussagen zufolge in Berlin gesichtet und mit einem GPS-Gerät ausgestattet haben. Man darf gespannt sein, was sie von ihrer angeblichen Verfolgungsjagd des Google-Autos am Samstag und Sonntag twittern und bloggen.   Google ist übrigens auch Sponsor der Transmediale. Hashtag für die Aktionen des F.A.T.-Labs auf Twitter ist #fffffat  

February 6 2010, 11:11am

Palestine läutet zur Transmediale

Dienstag, 2.2.2010

Charlemagne Palestine sitzt im Glockenturm des Carillion vor dem Haus der Kulturen der Welt. Draußen fegt ein Schneesturm durch die Dunkelheit. Wir stapfen durch den frischen Pulverschnee, bleiben vor dem Kanzerlinnenamt stehen und schauen rüber zum Carillion, dem Glockenturm vor dem Haus der Kulturen der Welt. Normalerweise stellt ihn die schwangere Auster in den Schatten. Doch heute ist die Nacht des Glockenturms, alle werden sich an ihn erinnern.   Es ist kurz nach Acht, die Performance zur Eröffnung der Transmediale beginnt. Von einem Moment auf den anderen steht ein Regenbogen aus Lasern in der Luft. Eine horizontale Straße vom Raumschiff aus, das das Haus der Kulturen der Welt ist. Charlemagne Palestine fängt an zu spielen. Glocke für Glocke, Ton für Ton webt er langsam repetitive Muster mit minimaler melodischer Variation. Der Schnee tanzt in den Lasern, und wirbelt in Rot, Gelb, Blau, als ob ihn Palestines Musik umherweht. Langsame schwellen die Klänge an, dann wieder ab, kommen zurück in neuen Farben und setzen wieder an, wenn man denkt, es sei schon vorbei. Eine sonderbar-schöne Mischung aus Sonntagsglocken, “Pace!” und Sci-Fi zum Auftakt der Transmediale.10.   Ein Stück der “Tintinnabulations for Tommorrow and Tommorow” kann man bei 12seconds.tv sehen und hören. Charlemagne Palestine spielt außerdem noch einmal am Freitag, den 4.2.2010, im Rahmen der Transmediale im Französischen Dom in Berlin: Spectral Continuum 2010.

February 4 2010, 11:00am

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