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Thesen über Next Society

Dirk Baecker ist einer der großen Gesellschaftsdenker dieses Landes: Wenn man den Denker-Hitparaden des Magazins Cicero Glauben schenken möchte. Der Soziologe hat 15 Thesen publiziert, die die nächste Gesellschaft charakterisieren oder gar vorbereiten sollen. Zur Einführung ins Thema muss man verstehen, dass alle Wissenschaftler, die sich dem Theoriegebäude der Systemtheorie verschrieben haben (so wie Baecker), ihren jeweiligen Untersuchungsgegenstand vollständig in der System-Terminologie auflösen. Dort wo die Romantiker noch eine “gewöhnliche” Alltagssprache zur Anwendung bringen oder Physiker jedes Detail in grundlegenden nomologischen Termini wie Raum, Zeit, Masse und Energie ausdrücken müssen, dort haben diese System-Wissenschaftler das Werkzeug der Operationen (Handlungen), der Strukturen sowie der Innen- und Außenwelt. Fortgeschrittene Vertreter dieser Zunft lassen noch die Erkläarungsebene der Organisation zu. Das Vorgehensmodell besteht kurz gesagt darin, Entitäten mit Inneren und Äußeren Eigenschaften und Mengen zu umschreiben, die Elemente, Operationen oder Strukturen umfassen. Neben den empirischen Daten erschaffen sie so eine zweite Ebene der qualitativen Mengenlehre in die die einzelnen Objekte zugeordnet werden. Die erste These Baeckers erscheint zunächst seltsam, da sie weder den Untersuchungsgegenstand, noch den Kontext oder die Veranlassung der Thesen einführt: (1) Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.

Da man ja nun nicht mehr Postmoderne sagen kann ohne an Lyotards mahnende Worte aus dem postmodernen Wissen wie einen vergifteten Pfeil wirken zu lassen, nutzt Baecker also das vermeintlich neutrale Wort “nächste”. Das beinhaltet daher also eine Entwicklung, einen evolutionären Charakter, der die Idee der Linearität freundlich aber bestimmt zugrunde legt. Dann wird in einem vermeintlichen Kniff ein qualitativer Unterschied der beiden linearen Stadien mit den Begriffen Elektrizität und Mechanik beschrieben. Leider wird dabei nicht bedacht, dass die ordinäre Lichtmaschine (Wandelgenerator), mechanische Energie in Strom wandelt. Der Zusammenhang oder der Abgrund zwischen den beiden physikalischen Bereichen sind unterschiedliche Beschreibungsweisen von Energie (kinetisch bzw. elektrisch). Die Antwort auf die Frage, wieso Schaltkreise als funktionale Struktur zum Einsatz von elektrischer Energie die Hebelkräfte als Beschreibungsmodell kinetischer Energie überlagern sollen und was das über Gesellschaft aussagt, bleibt uns Baecker schuldig. Instantaneität (Augenblicklichkeit) soll Vermittlung erübrigen. Was dabei wem vermittelt werden soll bleibt auch unausgesprochen. Da Systemtheorie gern naturwissenschaftliche Begriffe einsetzt, um gesellschaftswissenschaftliche Beobachtungen zu benennen, kommt zum “überlagern” (Interferenz ist aus der Wellentheorie das zeitliche zusammentreffen zweier Wellen, dies sind wiederum Erscheinungsmodelle für Energie in Form von Lichtwellen oder akustischen Wellen). Auch der folgende Begriff der Resonanz kommt aus dieser Welt und soll den Vorgang der Übertragung beschreiben, die offenbar etwas ganz anderes sein soll als die Vermittlung. Spannend wäre nun, zu erfahren, warum die Vermittlung erübrigt ist und warum statt des Buches nun das virtuelle Papier im Monitor die Resonanz auftauchen lässt. Zu fragen wäre, ob die Vermittlung als Routing aus der Nachrichten- und Datenwelt gemeint ist oder die Vermittlung, die wir als Unterweisung oder Lehre kennen. Und dann erscheint der Begriff der Zeit nicht mehr in der geordneten Form der mechanischen Kräfte (Dynamik) sondern in einem fluidmechanischen Begriff, dem der Turbulenz. Und dass, wo doch im ersten Satz die Mechanik als überkommener historischer Zustand erwiesen hat. Seltsame. Das Ganze scheint wie hermetisches Geraune, das wohl nur die Jünger der Systemtheorie in ihrem semantischen, epistemischen und phänomenologischen Gehalt überprüfen können. Wir normalen Menschen sind da außen vor. Denn es liest sich wie eine poetische Umschreibung eines subjektiven Empfindens des Herrn Baecker angesichts der – aus meiner Sicht ewig andauernden Umwälzungen – in dem Beschreibunsgmodell, das wir Gesellschaft nennen. Leider gibt es immer noch Menschen, die glauben, dass man nur lange genug auf die Karte starren muss, bis man das wirkliche Gebiet in allen Facetten erklären und beschreiben kann. Auch ihnen scheint es noch nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass die Dritte-Person-Perspektive der “harten” Wissenschaften und die Erste-Personen-Perspektive der Menschen einen noch zu klärenden Kontext haben. Solange der im Dunkeln liegt, sind solche Thesen über Beschreibungsmodelle in der nahen oder fernen Zukunft weder faktisch noch theoretisch aussagekräftig oder um es anders auszudrücken: Lieber Herr Baecker, Explanandum und Analysandum ihrer Thesen liegen beide im Bereich wissenschaftlicher Modellbildung. Es ist nett, Thesen über Thesen zu bilden, allein mir fehlt der empirische Bezug, der lebensweltliche Rahmen oder noch präziser der ontologische Grund ihrer Thesen. das wird auch in der zweiten These nicht besser: (2) Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Systeme sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

Die Behauptung, dass eine Gesellschaft auf einem Gleichgewicht beruht, halte ich für gewagt. Interessant ist, dass an dieser Stelle der Grundbegriff der Lehre der Gesamtheiten (Holismus) namens System, der auch als “Schema” oder “Lehrgebäude” verstanden werden kann einfach als Form des Beschreibungsmodells Gesellschaft übergestülpt wird. Das erhöht damit zwar die Impertinenz und Wichtigkeit der Systemtheoretiker, erklärt aber in keiner Weise ihre hervorgehobene Stellung bei dem Verstehensmodell namens Gesellschaft, das wir eingeführt haben, um einen Begriff zwischen die Wörter Gruppe und Masse zu schieben. Denn wenn man den Systemtheoretikern darin folgt, alles auf Biologie und Physik bzw. deren Begriffe zurückzubeziehen, dann ist System nichts Anderes als die Gesamtheit aller in einem Modell zusammengefassten Objekte und Eigenschaften. Der locus classicus der modernen soziologischen Systemtheorie liegt bei Luhmann. Ich schenke mir hier das Eingehen auf seinen Lehrer Parsons, zumal er noch heute seltsamerweise als Strukturfunktionalist gilt: Von System im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet. ( Aus N. Luhmann: Soziale Systeme, 1984)

Es handelt sich also nur um einen Begriff, der eine Beschreibungsebene zusammenfasst. Offenbar sind die Anhänger Luhmanns noch immer nicht dem linguistic turn entwachsen. Es ist sicher sehr hilfreich, analytisch vorzugehen, es war auch eine hilfreiche Annahme, die Sprache als Weltproduzenten zu verstehen. Aber neben den repäsentationalen Inhalten gibt es auch intentionale Gehalte in der Welt und mehr noch im Menschen selbst. Hatte Parsons noch streng an der biologistischen Orientierung entlang evolutionistische Erklärungen abgeliefert zum Zusammenleben der Menschen, hat sich nun offenbar das ganze Begriffswerk auf Repräsentationen von sozialen Menschenhandlungen (Operationen) verlagert. Es soll also einen einheitlichen Menschen gegeben haben, der im Gleichgewicht mit seiner Umgebung lebte und seine Abweichungen von (dieser, diesen?) Normen als Identität kreiert. Ob dieser Begriff nun streng logisch aufgefasst wird als Merkmalsgleichheit mit diesen Abweichungen oder als die so benannte systemtheoretische Außenwelt der Gesellschaft, also das Werden von Individuum durch Identifzierung, kann hier nur geahnt werden. Gleichgewichten wird dann ein intentionaler Akt unterstellt, nämlich das Warten auf Störung. Es mag sein, dass ein falsch verstandenes Bewußtseinsmerkmal, die Diskrimination, also das Erkennen von Unterschieden, Baecker zu solchen Behauptungen hingerissen hat. Es kann aber auch sein, dass dies wieder ein Ausweis für poetisches Geraune im Mantel physikalischer Terminologien ist.

Und dann kommen ein paar Behauptungen, die viel über seine Vorstellungen von Systemen belegen. Aber aktuell ist nicht nachgewiesen, dass Urkulturen, die keinen Kontakt mit der Zivilsation haben einfach so verschwinden, nur weil sie noch genauso leben wie der Mensch vor 10.000 Jahren. Aber vielleicht meint er mit Anschluß auch Telefonanschluß oder Anschluß an animalische “Tierkulturen” wie der Affen oder Elefanten. Letztere haben einen regelrechten Totenkult und besondere Platz, wo sie Sterben und ihre Toten “besuchen”. Totenkult ist übrigens eines der Merkmale, das Völkerkundler als Beginn der menschlichen Kultur ansehen. Kultur ist Praxis, so etwas riecht nach Empirie.

Wieso erklären uns die Systemtheoretiker nicht mal Phänomene mit eigenen Voraussagen, die man nachher auch in der realen Welt überprüfen kann, wie es die Philosophen mit der Philosophie des Bewusstseins seit 30 Jahren immer wieder erfolgreich gemacht haben? Was also meint Baecker nun mit der nächsten Gesellschaft? Schauen wir uns eine Rede von ihm zu diesem Thema an. Offenbar hat Baecker seinen Harold A. Innis genau gelesen: Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung der Sprache konstituiert die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft.

Die Sprache also ist es noch immer, die Ursache aller Kultur sein muss. Hier ist er ganz nah an Habermas. Wo liegt der locus classicus des Begriffs nächste Gesellschaft? Peter F. Drucker hat die Gesellschaft, die auf die Einführung des Computers zu reagieren beginnt, „next society“ genannt, weil sie sich in allen ihren Formen der Verarbeitung von Sinn, in ihren Institutionen, ihren Theorien, ihren Ideologien und ihren Problemen, von der modernen Gesellschaft unterscheiden wird. Darüber hinaus jedoch steckt im Stichwort des Nächsten möglicherweise ein genauso wichtiger Kern der Wahrheit wie im Stichwort des Modernen. Als „modern“ war zu verstehen, was sich innerhalb einer unruhig gewordenen, dynamisch stabilisierten Gesellschaft als Modus seiner selbst, als modischer, das heißt vorübergehender Zustand in der Auseinandersetzung mit anderen Zuständen verstehen ließ. Möglicherweise steckt auch in der Referenz auf das „Nächste“ eine solche strukturelle Problemformel. Möglicherweise bekommen wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die nicht mehr auf die Gleichgewichtsfigur des Modus, sondern auf die Orientierungsfigur des Nächsten geeicht ist. Die nächste Gesellschaft, wenn sie sich denn durchsetzt, wird in allen ihren Strukturen auf das Vermögen fokussiert sein, einen jeweils nächsten Schritt zu finden und von dort aus einen flüchtigen Blick zu wagen auf die Verhältnisse, die man dort vorfindet. Sie wird sich nicht mehr auf die soziale Ordnung von Status und Hierarchie und auch nicht mehr auf die Sachordnung von Zuständen und ihren Funktionen verlassen, sondern sie wird eine Temporalordnung sein, die durch die Ereignishaftigkeit aller Prozesse gekennzeichnet ist und die jedes einzelne Ereignis als einen nächsten Schritt in einem prinzipiell unsicheren Gelände definiert.

Der geneigte Leser mag hier einen verklausulierten Hinweis auf eine evolutionäre Erklärung der Entwicklung von Gesellschaft hineinlesen. Spannend, dass Baecker gerade die zeitlich enorm auseinander liegenden Entwicklungen der Moderne in geistesgeschlichtlicher, politischer, ökonomischer und ästhetischer Hinsicht zu einem Modus zusammenfassen kann. Es muss eine enorme Höhe sein, von der aus der argumentiert. Es ist die Höhe der zusammenfassenden Sicht auf Merkmale, die die Systemtheorie ermöglicht. Warum Baecker nun gerade die funktionale Ebene der Kausalität abzulösen meint durch eine diskontinuierliche Abfolge von diskriminierten Schritten kann man nur verstehen, wenn man die Abbildungsleistungen von Analog-Digital-Wandlern kennt. Sie tasten ein Ereignis wie einen Klang oder ein Bild in vielen Tausenden Schritten pro Sekunde ab und komprimieren die Daten durch das Weglassen oder Mitteln benachbarter ähnlicher Informationen oder das bloße Aufzeichnen von Zustandsänderungen. Auf diese Weise schafft Baecker offenbar eine digitale Betrachtungsweise, die ihn berechtigt, eine nächste Gesellschaft heruafzubeschwören, die auf eben diesem Prinzipen beruht. Das ist eine besondere Form des Zirkelschlusses. Nicht die Prämisse enthält bereits die Konklusion sondern die gewählte Perspektive.

June 10 2011, 11:00am

Wer war’s: Wer hat’s gesagt?

Wir stellen uns vor, es gibt eine Sendung/Event/Podiumsdiskussion zum Thema XYZ, das irgendwie mit dem Internet zu tun hat. Eingeladen sind ein paar Experten. Einer von Ihnen sagt die folgenden Begriffe, egal welche Frage ihm/ihr gestellt wird: - Resonanz - Aufschaukeln - System - Rückkopplung - Dynamik Wer, in drei Teufels Namen könnte das sein, dass er/sie es schafft, mit uraltem systemtheoretischem Geschwurbel aus den Achtziger heute hochdotierte Beraterverträge an Land zu ziehen, ohne vor Scham zu erröten. Und alle hören andächtig zu und nicken wissend, als hätten diese Sätzen ihnen wirklich den Nebel aus den Hirnen vertrieben. Nein, liebe Gemeinde, ich hacke nicht auf ihm/ihr herum. Ich mache mir Gedanken über sein Publikum. Offenbar hat keiner an der Uhr gedreht, und trotzdem ist es schon zu spät.

February 7 2011, 10:00am

Das Internet ist neutral ist neutral ist neutral

Seit einiger Zeit verfolge die engagierten Diskussionen rund um das Web als Mittel um zu (der Leser setze hier eine große Idee ein). Da die Gesellschaft, in der wir leben, einem ständigen Wandel unterliegt, fallen damit schon mal die Experten aus dem Raster meiner Anerkennung, die sich nicht zu schade sind, diese ewigen sozialen Veränderungen auf das Netz als Ursache zu beziehen. Noch weitaus größere Probleme habe ich, wenn der Begriff der Kultur in diesem Zusammenhang fällt. Denn Kultur kommt nicht nur aus dem Latinischen cultura (Pflege und Ausbilden), sondern hängt auch eng mit Kolonie zusammen. Die Wissenschaft ist sich nicht einig darüber, ob damit eher das gemeint ist, was allen Menschen zu kommt oder eher das, was bestimmten Gruppen oder Epochen aus einer distanzierten Perspektiven als einheitliche Eigenschaften von außen zugesprochen wird. Da wir als aktive Netznutzer keine Außenperspektive haben und das Netz sowieso nur 5-10% der Weltbevölkerung zur gewünschten Nutzung zur Verfügung steht, ist dieser Begriff im Kern ein Fehlgriff. Ähnlich verhält es sich ja mit dem Begriff der Intelligenz, der sich bis heute einer verständlichen und vor allem weitgehend übereinstimmenden Definition entzogen hat. Leider ist das für einige Zeitgenossen kein Grund, diesen kaum wissenschaftlich bezwingbaren Gedanken der Intelligenz nicht als Basis für andere Erklärungen zu nutzen. Mit dem Mikroskop auf die Bevölkerung zielen

Aber kommen wir zurück zu der Gesellschaft. Diese Zusammenfassung von rund 80 Millionen Deutschen zu einem Untersuchungsgegenstand ist in bezug auf das Web eine meistens unzulässige Verallgemeinerung, denn rund 40 Millionen, also rund die Hälfte nutzen das Web kaum bis gar nicht. Trotzdem finden sich immer wieder seriöse Wissenschaftler, die ihren Werkzeugkoffer mit Messinstrumenten aufschlagen, ein wenig an der Bevölkerung herum messen und dann eine Diagnose stellen, die verblüffend oft auch von einer Diagnose begleitet wird. Diese ungefragten Anamnesehelden und Sozial-Therapeuten verfolgen Ziele, die selten über das Profilieren als Berater oder Experte hinaus gehen.

Das ist insoweit nett, da auf diese Weise die Entscheider aus Politik und Wirtschaft jeglicher Verantwortung enthoben sind, da sie bei Nichtgefallen oder Fehleinschätzung einfach auf den Kreis der Experten verweisen (Ausschuß, Kommission oder Arbeitskreis) und schulterzuckend und mit vollem Ernst darlegen können, dass man die besten Köpfe eingekauft hatte. Was sind nun aber diese besten Köpfe?

Ich hatte auf der re:publica10 die Gelegenheit, eine Menge an Sprechern zuzuhören. Einige bezeichnen sich selbst als erfahrene Berater, weil sie eine Vergangenheit mitbringen, die sich leicht mit einem gegebenen Thema assoziieren läßt. Andere tragen einfach das Thema vor, das ihnen seit langem im Kopf und im Handeln umgeht und eine dritte Gruppe scheint zu den Universalgenies zu gehören. Die werden binnen Jahresfrist zu jeder Sau Chefexperte, die die Medien durchs Dorf jagen. Die vierte Gruppe rekrutiert sich oft aus der ersten oder der letzten Gruppe und versucht, selber Themen zu setzen. Wer ein Schlagwort erfindet, das andere lang und breit diskutieren, der gilt im nachhinein als kompetent genug, eine seriöse Bewertung abzugeben. Je Experte desto weniger Alltagsnutzer

In Bezug auf das Web und die Gesellschaft werden dabei meistens diejenigen vergessen, um die es sich drehen soll: Die Nutzer und mehr noch die Noch-Nicht-Nutzer. Und, liebe Leute, Befragungen sind mitnichten ein Akt der Erkenntnis sondern das Zeichnen von Blättern für die Rorschachtests der akademischen Deuter. Als die alte Frontlinie zwischen konservativen Kräften und linksliberalen Aufklärungshelden zerbrach und in den 70er und 80er Jahren in Kalifornien die technolibertären Hippies das marktliberale Credo der Konsumisten mit dem Freiheitsgedanken der bürgerlichen Revolution verbanden, schien die Welt in Ordnung. Ein dritter Weg war gefunden: Das Individuum musste nur durch strenge Selbstbefreiung, dazu gehörte auch ungezwungener Konsum von immateriellen Gütern wie Therapiewochenenden oder Befreiungskursen und das Genießen guter Produkte sein Karma in eine Balance bringen und schon waren die Marktwirtschaft und revolutionäre Menschenverbesserungstheorien vereint.

Auf dieser Basis gedieh das subversive Konsumieren von Netzcommunity zu einer Mischung aus Revolution und Selbstentblößung. Denn über die Telefonnummer des Modems mit dem man sich einloggte, war fast jeder 1:1 identifizierbar. Da half weder das anonyme usenet noch abenteuerliche Kampfnamen aus der Komikwelt. Aber die Illusion des freien Raumes im virtuellen Netz war perfekt. Da aber einige Hacker und Cracker wirklich die Freiheit erlangten und machen konnte, was sie wollten und mit welchen Daten sie wollten, wurde schnell allen klar, dass es vielleicht doch eine ordnende Instanz gibt, die auch im digitalen Netz die alten Regeln bewahrte. Im Kern hatte sich also nichts an den Machtverhältnissen geändert, nur das die freien Datennutzer recht bald eine Armada an polizeilichen Institutionen an die Seite gestellt bekamen, die exakt dasselbe abbildeten, was wir auch in der berührbaren Gesellschaft der menschlichen Körper vorfinden.

Nun hat sich auf technologischer Ebene in deutlich langsamerem Tempo die Verbreitung von Buchstaben per Papier zu einer Verbreitung per Bits im Netz gewandelt. Und schon kommen die ersten Experten und deuten uns die gesellschaftlichen Auswirkungen. Aus meiner Pespektive kämpft im Mantel der Netzdiskussion noch immer der konservative Flügel in Gestalt der neuen Bürgerlichkeit gegen den fortschrittsgläubigen Flügel der professionellen Aufklärer und Menschenverbesserer. Dazwischen stehen die technolibertären Menschen (zumeist Männer) die noch immer glauben, dass mehr Technologie auch mehr Potenz realisiert. Wofür diese Potenz eingesetzt werden soll, hängt dann von Einflüsterungen der anderen beiden Seiten ab. Die Einen wollen die Welt verbessern, die anderen möchten diese beste aller Welt so schön wie möglich erhalten.

Während wir diese leeren Diskussionen und noch leereren Weltdefinitionen in Dutzenden Reden über uns ergehen lassen müssen, werden Blogger in China oder im Iran eingesperrt oder gar ermordet. In Russland übernimmt die Führungselite klammheimlich die Meinungsführerschaft in der Bloggerwelt und Amerika ist sich nicht zu dumm, eine 5-Millionen-Dollar Initiative für Bürgermedien ausgerechnet mithilfe des Außenministeriums im Mittleren Osten zu implementieren. Eine Bitte um etwas mehr Rücksicht mit Leuten, die echte Risiken eingehen

Es ist also deutlich erkennbar, dass die neue Transparenz der Sozialen Medien deutlich Anzeichen erkennen lässt, dass Dissidenten und Andersdenkende sich mit diesen Mitteln um Kopf und Kragen bringen, weil sie so schön leicht identifizierbar sind. Und uns fällt nichts Besseres ein, als Projekte wie wikileaks als “ganz nett” zu bezeichnen, die als Einzige überhaupt versuchen, den Informantenschutz in dieser schönen neuen post-privacy Welt durchzusetzen. Und dann höre ich mir von einem Organisationspsychologen verstaubte systemtheoretische Kenntnisse aus den Achtziger Jahren an, die und den “brandneuen” Kulturkampf im Internet zwischen Konservativen und Linken als neues gesellschaftliches Phänomen verkaufen. Ich höre mir an, wie technoliberale Web-Experten noch immer den Glauben an die gute akademische Verursachung  des dezentralen Netzwerks namens Arpanet verkaufen und nicht wenige junge und alte Denker glauben, es wäre gut für alle, was ihrer Karriere zu mehr Schwung verholfen hat. Gerade diese Adepten der neuen Offenheit, von Mark Zuckerberg über Jeff Jarvis bis Christian Heller scheinen in keiner Weise zu verstehen, dass es Millionen von Menschen gibt, die extrem negative Folgen erleben würden, wenn sie alle Daten und Gedanken in ihrem Kopf einfach selbstlos der Allgemeinheit übereignen. Aber am meisten wurmt mich deren Unterstellung, dass es offenbar ein böser Wille ist, der ihnen kritisch vorhält, dass nicht jeder profitiert von einer Selbstentblößung. Nur weil sie daran glauben, dass einem immer dann Gutes widerfährt, wenn man selber Gutes will, muss man ihnen ja nicht auf diesem messianischen Weg folgen in das heilige Land, wo aus Daten und Informationen einfach so eine emanzipierte und machtvolle Gesellschaft erwächst. Etwas mehr Differenzierung könnte man schon erwarten. Aber die dialektische Vorgehensweise der Systemtheorie mag vielen den Blick auf die mehrwertige Bedeutung von Beobachtetem und Erdachtem verunmöglichen. Manchmal ist die Reduktion von Komplexität in Modellen und Metaphern eben der erste Schritt in Irre… Bildnachweis: pjhudson, ardelfin

April 23 2010, 11:47am

Hugo E. Martin on Media + Marketing: Walter Ludwig: Essays zur Systemtheorie, Wirtschafts- und Medienkrise

Schwer aber sehr lesenswerte Kost wird hier bei Hugo E. Martin verlinkt. Walter Ludwigs Essay-Reihe.

March 3 2009, 12:02pm

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