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Video: Clay Shirky on Political Power of Social Media

Clay Shirky erklärt auf der TED 2010 digitalen Aktivismus u.a. am Beispiel ushahidi… natürlich verkauft er damit sein neues Buch. Trotzdem sehenswert als Ergänzung zu den seltsamen Erklärungen deutscher Experten und dem skeptischen Ansatz von Evgeny Morozov.

February 14 2011, 10:01am

Video: Clay Shirky Cognitive Surplus

June 30 2010, 10:15am

Shirky: Macht uns das Internet klüger?

Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im Wall Street Journal. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.

Einmal mehr wird die Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg zum Brandbeschleuniger der Emanzipation der Gesellschaft erklärt. Ohne den Buchdruck, so Shirky, wäre der Siegeszug der Reformation kaum so verlaufen. Das intellektuelle Leben Europas wurde durch die Flut an Publikationen in tausend Teile zerlegt und Chaos sei die Folge gewesen. Aus Shirkys Sicht ist das, was folgte, nämlich unsere neue Ordnung des Geschriebenen in fiktionale und nicht-fiktionale Druckwerke einfach eine neue Normierung, die das intellektuelle Leben befruchtete und nicht hemmte. In einem Analogieschluß sieht er auch das Web als so eine technisch inspirierte Revolution, die durch Wikipedia, ushahidi und andere Web-Projekte unser intellektuelles Leben auf eine neue Stufe hebe.

Da kommen mir doch erste Zweifel. Eine derart geringe mentale Differenzierungsleistung hatte ich Shirky gar nicht zugetraut. Ushahidi (swahili für Zeugenaussage) ist eine Web Plattform, die 2008 in Kenya während der Unruhen nach den Wahlen benutzt wurde, um in Echtzeit und mittels web oder Handy direkt auf einer Karte auf dieser Website anzuzeigen, wo gerade Gewaltverbrechen stattfinden. Der Ursprung liegt im Kenianischen Bürgerjournalismus. 45.000 Menschen machten damals Gebrauch von diesem Mittel, um dem eigenen Land, Journalisten und den Politikern den aktuellen Stand darüber zu zeigen, in welchen Regionen was passierte – politisches und soziales der Bürger Feedback in Echtzeit! Schutz und Kontrolle von und durch Menschen von nebenan.

Wikipedia ist ein sehr kleiner Zirkel von arrivierten Freiwilligen, die in jedem Sprachgebiet hoheitlich darüber wachen, was zu einem bestimmten Begriff im Online-Lexikon steht. Diese Texte sind sehr weit von einer Echtzeit-Dokumentation der Diskussionen über ihren Inhalt entfernt. Nicht selten werden die Modernisierungen und Korrekturen, die Fachleute durchführen wollen, durch diese “Alten Hasen” wieder zurückgenommen. Sie rekrutieren sich nicht selten aus akademischem Personal. In Deutschland funktioniert das akademische Leben noch immer sehr stark nach dem Prinzip Gehorsam. Das heißt, dass in nicht wenigen Fachbereichen diejenigen zügig einen Doktorvater bekommen, die sich seinen/Ihren Wünschen besonders gut anpassen. Das führt nicht selten dazu, dass die wirklich guten und klugen Köpfe ihre postgradualen Abschlüsse im Ausland oder an fremden Unis erwerben müssen – oder es einfach aufgeben. Diese Hierarchiestruktur aus dem 19. Jahrhundert hat sich auch zum großen Teil bei der Wikipedia etabliert. Bürgerjournalismus, bzw. in diesem Fall Bürgerexpertise findet also mitnichten in einer vergleichbaren Weise statt wie bei ushahidi. Auch wenn man die amerikanische Wikipedia etwas anders sehen muss hinsichtlich der Offenheit der Strukturen.

Der wesentlichw Punkt ist jedoch, dass man keine neue Art von intellektuellem Leben durch das Web postulieren kann, ohne die Normierungsphase (fiktionales und nicht fiktionales Schreiben) abzuwarten, die vom Web ausgeht, wenn der Vergleich zwischen Gutenberggalaxis und Webgalaxis überhaupt bestand haben soll.

Der Hinweis von Shirky, dass Peer Review (also das Begutachten von wissenschaftlichen Arbeiten im Kreis der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinde) die Qualität oder Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Revolution via Web regelt, hinkt. Man braucht dieses Argument gar nicht per Wikipedia zu verlängern. Denn schon im postmodernen Methodenkanon der Wissenschaftstheorie klappt dieses Postulat als Verbesserungsmechanismus nur allzu selten. Denn es wird enorm viel publiziert. Und diejenigen, die wirklich Erfahrung, Expertise und akademische Renomée (also die Mittel haben) um Zweifel zu überprüfen, müssen ihrerseits sehr viel Zeit aufwenden, um selber viel Neues zu publizieren. Zeitmangel und Oberflächlichkeit sind die Folge. Die Flut der Wissensausflüsse in Wissenschaftsmagazinen hat es schon vor dem Web gegeben. Und auch die Ohnmacht vieler Fachbereiche, all die Arbeiten wirklich ausreichend mit Experimenten oder anderen Prüfverfahren auf Herz und Nieren zu validieren. Da hat das Einbeziehen Freiwilliger bei Wikipedia in keiner Weise eine neue Qualität entfacht, die auf das intellektuelle Leben neuartig normierend zurückwirkt. Lediglich der Ton der “internen” Diskussionen wird bei Wikipedia nicht selten unsachlich, persönlich und prädemokratisch geführt. Es liegt also eher eine Regression als eine Weiterentwicklung vor.

Auch der Hinweis auf open source, die ohne Managerkontrolle sozusagen einfach so aus einer Gemeinschaft Freiwilliger emergiert, läßt den Hinweis zu, dass Shirky entweder wirklich glaubt was er schreibt oder eine Mission hat, die er nicht verrät. Gerade die bekannten Open Source Projekte sind deshlab noch immer erfolgreich, weil sehr wenige Köpfe entscheiden und kontrollieren, was wie realisiert und integriert wird. Stellvertretend möge sich der geneigte Leser die Entwcklung von Linux genauer ansehen. Die Anwesenheit von “managerial control” wie sie Shirky beschreibt ist dort mitnichten nachweisbar.

Das Problem der Zerstreuung des intellektuellen Fokus, dass schon Schirrmacher wie eine Monstranz vor sich hertrug, bewertet Shirky als eien historische Konstante, die auch schon den Buchdruck begleitet hatte, als er schreibt, dass es bereits 100 Jahre vor den ersten wissenschaftlichen Magazinen erotische Literatur gab. Ich würde da zwar eher an anthropologische Konstanten denken oder an Maslows Bedürfnispyramide, aber Schwamm drüber. Shirky meint, dass die Antwort auf die mentale Zerstreuung durch die vielen Informationsquellen in sozialen Strukturen läge. Schirrmachers Ängste würden unterstellen, dass in der Vergangenheit alles perfekt gelaufen ist hinsichtlich des Umgangs mit Wissen, dass wir aktuelle Leser nur dummen Quatsch vorfinden und dass die aktuelle Generation keine neuen Normierungsvorgänge realisiere.

Shirky erklärt, dass wir kurz vor dem Siegeszug des Web, also in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts deutlich weniger gelesen haben, weil wir mehr vor der Glotze saßen, womit das erste Argument der Webpessimisten widerlegt sei. Der gegenwärtige (verwerfliche) Fokus auf Wegwerf-Medieninhalte hätte anders als sonst eben den Vorzug zum Wegwerfen gemacht zu sein – man könne also sowohl in Buchläden wie auch im Web verfolgen, dass der Mist, der überflüssig sei, sehr schnell wieder verschwinde. Man müsse sich also nur auf das konzentrieren, was bliebe. Der einzige Stress, dem wir ausgesetzt seien, sei der, dass wir die Generationen seien, die erlebten, dass alte und neue Institutionen parallel um unsere Aufmerksamkeit buhlten. Dieser Überfluß aber sei kein Übel. Wir müssten einfach angesichts der neuen technischen Möglichkeiten neue Institutionen und neue Fähigkeiten entwickeln wie wir das schon einmal taten.

Ja, das haben wir eigentlich schon vor 10 Jahren ziemlich genauso überall gelesen. Leider tun sich gerade diejenigen, die sehr hoffnungsfroh und voller Zuversicht über die Chancen des Web sprechen, sehr schwer damit, neuen Fähigkeiten und Institutionen klar zu benennen. Shirky bleibt ein weiteres Mal im Nebel, den auch schon sein Counterpart Nicholas Carr verbreitet. Einfach ein paar Projekte aufzuzählen und in eine Argumentationkette einzubauen, erinnert stark an das Schirrmachersche Indienstnehmen beliebiger Experimente, um seinen Meinungen einen positivistischen und damit irgendwie faktischen Anstrich zu verleihen. Aber Meinungen werden durch Fakten nicht zu begründeten Annahmen oder gar Hypothesen. Sie müssen auch eine Fähigkeit haben, Phänomene zu erklären. Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer – sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht. Bildnachweis: JOI

June 7 2010, 10:39am

Digitaler Maoismus? Digitale Glatze!

Auch Visionäre kommen in die Jahre – niemand hat das in den vergangenen Monaten eindrücklicher demonstriert als Jaron Lanier. In den 80ern gehörte er zu den Cool Kids der Netzszene, schraubte an Ideen für „virtuelle Ideen“, begann, an diversen US-Eliteunis Computerwissenschaften zu unterrichten. Gut zwanzig Jahre später hat er sich vor allem aufs Ablehnen verlegt. Kollektive Projekte im Internet? Digitaler Maoismus, sagt der heute 50-jährige Dreadlockträger. Projekte wie Wikipedia oder Linux sind in seinen Augen antidemokratisch, weil sie der Idee anhängen, dass das Kollektiv über eine allwissende Weisheit verfüge, die man zentral bündeln und lenken müsse. An die Stelle eines kreativen Individuums würde ein digitaler Mob treten – doch historisch, so meint er, seien es stets Individuen gewesen, die den Fortschritt befeuert hätten.

Nicht viel besser weg kommt die Free Culture-Bewegung. Ein Holzweg, meint Lanier – Kreative würden ausgebeutet, kriechen finanziell so übel auf dem Zahnfleisch, dass ihnen weder Kraft noch Zeit bliebe, substantiell Neues zu erfinden. Stattdessen lebe die Mash-Up-Kultur hoch, die vergangene Musikinnovationen zu einem Mainstream-Einheitsbrei vermenge und in Endlosschlaufen weitervermarktete.

Schon seit 2006 bastelt Lanier an dieser Pauschalkritik, in diesem Jahr hat er sie gebündelt in seinem Buch „You are not a gadget“ zusammengetragen. Für Statements an die deutsche Presse, so sein Assistent, steht der Autor derzeit nicht zur Verfügung – im Herbst wieder, wenn Lanier sein Buch in der deutschen Übersetzung promote. Nein, auch Statements auf zwei Fragen per Mail seien nicht drin. Darum also hier eine Diskussion seiner Thesen auf Basis anderer Interviews, alter Artikel – und mit kritischen Gegenstimmen aus deutschen und US-Netzkreisen.

Es wäre ziemlich einfach, Lanier einfach als verbitterten Ergrauten abzutun, den die Entwicklung des kollaborativen Internets einfach links überholt hat. Denn tatsächlich ist das Netz nicht mehr die Garagen-Bastel-Veranstaltung, in der Lanier digital sozialisiert wurde. Heute gibt es Einzelne, die gute Ideen zur rechten Zeit hatten – und damit heute einen Batzen Geld machen, von Zuckerberg bis zu Brin und Page. Die deutsche Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig erfand im letzten Jahr einen hübschen Begriff für jene, die noch immer an ihren vor Jahren geprägten digitalen Weltbild festhalten, ohne zu bemerken, dass die Dinge sich seitdem rasant weiterentwickelt haben, sie mir ihren einstmals so visionären Ideen heute ziemlich gestrig aussehen: Digitale Glatzenüberkämmer. Im Spiegel habe man selbst den Eindruck, alles sehe aus wie immer – aber alle anderen würden deutlich sehen, dass es eben doch nur drei über den Kahlkopf gelegte Haare seien.

Doch tatsächlich gibt Lanier – zumindest mit seiner Free-Culture-Kritik – einem Reflex Ausdruck verleihen, der verständlich ist: Nach einer frühen Phase des Non-Profit-Optimismus, in der viele Netzkreative aus Idealismus oder im festen Glauben an das Dogma „kein Geld, aber Bekanntheit“ auf eigene Rechnung arbeiteten, scheinen derzeit viele auf den Trip zu kommen, dass ein bisschen Lohn für die eigene geistige Arbeit doch eigentlich auch eine feine Sache sei.

Doch ganz abgesehen davon, ob es infolge dessen angemessen ist, ein neues, netzadäquates Kooperationsmodell pauschal zu bashen (darauf werde ich später noch näher eingehen) macht der Lösungsvorschlag, den Lanier anbietet, doch einen recht verstaubten Eindruck. Er will ein universelles Micropayment-System installieren, über das Künstler entlohnt werden sollen. “We should effectively keep only one copy of each cultural expression—as with a book or song—and pay the author of that expression a small, affordable amount whenever it’s accessed.“ schreibt Lanier. Eingetrieben nicht von kommerziellen Anbietern wie iTunes natürlich, sondern von einer Art Verwertungsgesellschaft oder gar einer staatlichen Institution.

Eine derartige zentralistische Idee ist im Netz mit seinen Streubewegungen in Blogs, auf Webseiten etc. auf wenig Gegenliebe gestoßen. Slate-Autor Michael Agger schreibt noch relativ milde: not a bad concept, but a platonic idea that sounds great in theory. I don’t see the government opening an iTunes store anytime soon. Interessant daran: Eines von Laniers Anliegen ist, Geld den Künstlern zuzuführen statt es bei den großen Unternehmen liegenzulassen. Aber Geld an iTunes, Google und Co vorbeizuschleusen, indem man über eine staatliche oder semi-staatliche Behörde Kulturgüter monetarisiert, hat doch viel mehr von Enteignung, also Sozialismus als die Idee des kollaborativen Arbeitens an Ideen. Denn im Ernst: Natürlich kann man neidisch konstatieren, dass Apple im Musikbereich und Google im Nachrichtensektor mit einer frühen, guten Monetarisierungsidee geschafft haben, Geld zu scheffeln, das den Künstlern oft fehlt, und haben dabei sogar monopolartige Strukturen errichtet. Sie aber über zentralistische oder staatliche Behörden auszuhebeln, ist nicht gerade eine konsistente Idee von jemandem, der in anderer Hinsicht mit dem Kampfbegriff des Maoismus um sich wirft.

An alternativen Ideen für Web-Bezahlsysteme, die die Künstler stärker mit einbeziehen, denken derzeit viele herum – ohne bislang den goldenen Löffel gefunden zu haben, der Journalisten, Künstler, Musiker, Zeichner und alle anderen Netzkreativen in Zukunft füttern wird. Nicht überraschend, wie Clay Shirky in einem Aufsatz zur Erosion auf dem US-Printmarkt ausführte. Ähnlich wie nach der Erfindung von Gutenbergs Buchdruck revolutionieren auch digitale Vertriebswege das Pressewesen – und was an ihre Stelle tritt, sei aus heutiger Sicht noch vollkommen offen: When someone demands to know how we are going to replace newspapers, they are really demanding to be told that we are not living through a revolution. [...] They are demanding to be lied to. [...] “You’re gonna miss us when we’re gone!” has never been much of a business model. So who covers all that news if some significant fraction of the currently employed newspaper people lose their jobs? I don’t know. Nobody knows. We’re collectively living through 1500, when it’s easier to see what’s broken than what will replace it. [...] Any experiment, though, designed to provide new models for journalism is going to be an improvement over hiding from the real, especially in a year when, for many papers, the unthinkable future is already in the past. For the next few decades, journalism will be made up of overlapping special cases. Many of these models will rely on amateurs as researchers and writers.[...] Many of these models will fail. No one experiment is going to replace what we are now losing with the demise of news on paper, but over time, the collection of new experiments that do work might give us the journalism we need. Ein US-optimistischer Ansatz: Vieles ausprobieren, viel scheitern – um am Ende vielleicht eine Lösung zu finden. Das stiftungsgeförderte ProPublica, jüngst mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ist einer der Testballons, die Shirky hier meinen könnte, die crowdfunding-Seite spot.us oder die Huffington Post.

Auch auf dem Musikmarkt, um den es dem Unter-anderem-Musiker Lanier ja auch geht, ist es im Grunde ähnlich. Derzeit in einer Anarchiephase, wird sich nach dem Abhängen der großen Plattenmajors erst langsam herausstellen, wie das Ernähren einer breiten Musikermasse im digitalen Zeitalter funktionieren wird. Erfolgversprechend scheinen derzeit vor allem Systeme zu sein, die auf Spendenbasis funktionieren – etwa, indem Fans die Plattenproduktion einer Band via Crowdfunding vorfinanzieren, indem an Projekte und Musiker, die man gut findet, gespendet wird. Dass das funktionieren kann, zeigen die ewig zitierten Bands in diesem Zusammenhang: Nine Inch Nails, die Einstürzenden Neubauten, Radiohead oder auch – um mal ein unbekannteres Beispiel zu nehmen, die Kölner Schrammelindierocker von Angelika Express.

Nicht vernachlässigen sollte man aber zwei Aspekte: Lanier kritisiert, dass mittelgroße Bands sich heutzutage die Finger wund spielen müssen, um überhaupt überleben zu können. Das mag richtig sein. Diverse Studien belegen aber, dass “das Internet” daran nur bedingt Schuld trägt: Wer kostenlos Musik im Netz herunterlud, gab auch überdurchschnittlich viel Geld für Konzerte, Merchandising und ja, auch Kaufmusik aus. Außerdem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass mit dem Wegfall des Veröffentlichungs-Nadelöhrs Plattenindustrie die Zahl der Anbieter von Musik (im Sinne von Bands) deutlich in die Höhe geschossen ist – ohne dass die Bereitschaft der Hörer, immer mehr Geld für Musik auszugeben, im gleichen Maße gestiegen ist. Außerdem – um mal ein nicht mehr taufrisches Argument auszupacken – ist in allen künstlerischen Bereichen die Frage, wie lange und ausgiebig ein Künstler oder seine Erben das Recht haben soll, an seinem Werk zu verdienen. Natürlich wäre es ein Paradigmenwechsel, Autoren und Künstler wie einen Bäcker zu entlohnen – er verkauft sein Werk einmal, danach ist es frei zugänglich (zugegeben, der Vergleich hinkt, weil ein Brötchen sich nicht beliebig reproduzieren lässt). Dass das durchaus funktionieren kann, demonstrieren zahllose Free Culture-Anhänger wie der Berliner Designer Ronan Kadushin eindringlich, der die Baupläne seiner Möbel nach einmaligem Verkauf frei zur Verfügung stellt.

Klar ist: mit solchen Modellen wird man nicht reich werden. Natürlich lohnt es sich, über neue Methoden nachzudenken. Aber aus Ärger über finanzielle Unzulänglichkeiten pauschal alle kollektiven Netzprojekte als Mumpitz zu geisseln, so wie Lanier es tut, ist mit Sicherheit die am wenigsten konstruktive Variante, auf die aktuellen Netzbewegungen zu reagieren.

Geistreiche und auch prominente Entgegnungen auf Laniers Maoismus-Vorwurf finden sich im übrigen auf edge.org (bereits seit 2006). Geschrieben von etwas frischeren Netzavantgardisten als Lanier – Leuten wie Clay Shirky, Howard Rheingold, xxx und natürlich auch Jimmy Wales. So klug, dass ich sie nicht kopieren, sondern einfach nur darauf verlinken möchte. Manchmal loht es sich eben doch, eine Diskussion anzuzetteln und gemeinsam an einem Problem herumzudenken. Besonders, wenn nicht nur ein schlaues Individuum seinen Input gibt, sondern viele davon konstruktiv an etwas herumdenken. Oder warum eigentlich manchmal? Eigentlich so gut wie immer. Bildnachweis: Thomas Hawk

April 30 2010, 10:00am

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