Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2010 oder gar 2009? In diesen beiden Jahren überboten sich die meisten Verleger und Herausgeber darin, auf die böse Firma Google einzuschlagen. All die Millionen Agenturmeldungen, die die Verleger mit einem minimalen Online-Mitarbeiterstab tausendfach umformulieren ließen. Sie wurden immer wieder neu publiziert und vom bösen Datenkraken einfach per Spider gescannt und für die Nutzer verfügbar und auffindbar gemacht. Ganz langsam dämmert es den Entscheidern, dass dies wahrscheinlich gar nicht so dumm war. Man wollte es mit dem nächsten König des Webs anders machen. Und so umarmte und bekniete man Steve Jobs exakt zu dem Zeitpunkt als sein Marketing die Experten ausreichend über die Potenz des heiligen iPad eingelullt hatte. Nach der 1001. Medien-App ist man etwas weniger umsatzstark als nach dem Google-Durchmarsch und noch umsatzschwächer als nach den Goldenen Siebzigern und Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Nun aber wird es seit ein paar Monaten extrem still um die Burdas, Döpfners und Schirrmachers. Der Grund ist in der obigen Grafik anschaulich. Sozusagen Infografik 1.0. Denn wenn die Wirklichkeit dich überholt hat, hast du keine Chance, nicht mal Alkohol. Du stehst in der Fremde… Quelle der Grafik
Lifestream » schirrmacher
Google oder Facebook
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May 27 2011, 10:00am
Google News: Schirrmachers Alptraum (Video)
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Sonst noch jemand zum Thema Leistungsschutzrecht und Algorthimen?
July 1 2010, 2:28pm
Shirky: Macht uns das Internet klüger?
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Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im Wall Street Journal. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.
Einmal mehr wird die Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg zum Brandbeschleuniger der Emanzipation der Gesellschaft erklärt. Ohne den Buchdruck, so Shirky, wäre der Siegeszug der Reformation kaum so verlaufen. Das intellektuelle Leben Europas wurde durch die Flut an Publikationen in tausend Teile zerlegt und Chaos sei die Folge gewesen. Aus Shirkys Sicht ist das, was folgte, nämlich unsere neue Ordnung des Geschriebenen in fiktionale und nicht-fiktionale Druckwerke einfach eine neue Normierung, die das intellektuelle Leben befruchtete und nicht hemmte. In einem Analogieschluß sieht er auch das Web als so eine technisch inspirierte Revolution, die durch Wikipedia, ushahidi und andere Web-Projekte unser intellektuelles Leben auf eine neue Stufe hebe.
Da kommen mir doch erste Zweifel. Eine derart geringe mentale Differenzierungsleistung hatte ich Shirky gar nicht zugetraut. Ushahidi (swahili für Zeugenaussage) ist eine Web Plattform, die 2008 in Kenya während der Unruhen nach den Wahlen benutzt wurde, um in Echtzeit und mittels web oder Handy direkt auf einer Karte auf dieser Website anzuzeigen, wo gerade Gewaltverbrechen stattfinden. Der Ursprung liegt im Kenianischen Bürgerjournalismus. 45.000 Menschen machten damals Gebrauch von diesem Mittel, um dem eigenen Land, Journalisten und den Politikern den aktuellen Stand darüber zu zeigen, in welchen Regionen was passierte – politisches und soziales der Bürger Feedback in Echtzeit! Schutz und Kontrolle von und durch Menschen von nebenan.
Wikipedia ist ein sehr kleiner Zirkel von arrivierten Freiwilligen, die in jedem Sprachgebiet hoheitlich darüber wachen, was zu einem bestimmten Begriff im Online-Lexikon steht. Diese Texte sind sehr weit von einer Echtzeit-Dokumentation der Diskussionen über ihren Inhalt entfernt. Nicht selten werden die Modernisierungen und Korrekturen, die Fachleute durchführen wollen, durch diese “Alten Hasen” wieder zurückgenommen. Sie rekrutieren sich nicht selten aus akademischem Personal. In Deutschland funktioniert das akademische Leben noch immer sehr stark nach dem Prinzip Gehorsam. Das heißt, dass in nicht wenigen Fachbereichen diejenigen zügig einen Doktorvater bekommen, die sich seinen/Ihren Wünschen besonders gut anpassen. Das führt nicht selten dazu, dass die wirklich guten und klugen Köpfe ihre postgradualen Abschlüsse im Ausland oder an fremden Unis erwerben müssen – oder es einfach aufgeben. Diese Hierarchiestruktur aus dem 19. Jahrhundert hat sich auch zum großen Teil bei der Wikipedia etabliert. Bürgerjournalismus, bzw. in diesem Fall Bürgerexpertise findet also mitnichten in einer vergleichbaren Weise statt wie bei ushahidi. Auch wenn man die amerikanische Wikipedia etwas anders sehen muss hinsichtlich der Offenheit der Strukturen.
Der wesentlichw Punkt ist jedoch, dass man keine neue Art von intellektuellem Leben durch das Web postulieren kann, ohne die Normierungsphase (fiktionales und nicht fiktionales Schreiben) abzuwarten, die vom Web ausgeht, wenn der Vergleich zwischen Gutenberggalaxis und Webgalaxis überhaupt bestand haben soll.
Der Hinweis von Shirky, dass Peer Review (also das Begutachten von wissenschaftlichen Arbeiten im Kreis der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinde) die Qualität oder Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Revolution via Web regelt, hinkt. Man braucht dieses Argument gar nicht per Wikipedia zu verlängern. Denn schon im postmodernen Methodenkanon der Wissenschaftstheorie klappt dieses Postulat als Verbesserungsmechanismus nur allzu selten. Denn es wird enorm viel publiziert. Und diejenigen, die wirklich Erfahrung, Expertise und akademische Renomée (also die Mittel haben) um Zweifel zu überprüfen, müssen ihrerseits sehr viel Zeit aufwenden, um selber viel Neues zu publizieren. Zeitmangel und Oberflächlichkeit sind die Folge. Die Flut der Wissensausflüsse in Wissenschaftsmagazinen hat es schon vor dem Web gegeben. Und auch die Ohnmacht vieler Fachbereiche, all die Arbeiten wirklich ausreichend mit Experimenten oder anderen Prüfverfahren auf Herz und Nieren zu validieren. Da hat das Einbeziehen Freiwilliger bei Wikipedia in keiner Weise eine neue Qualität entfacht, die auf das intellektuelle Leben neuartig normierend zurückwirkt. Lediglich der Ton der “internen” Diskussionen wird bei Wikipedia nicht selten unsachlich, persönlich und prädemokratisch geführt. Es liegt also eher eine Regression als eine Weiterentwicklung vor.
Auch der Hinweis auf open source, die ohne Managerkontrolle sozusagen einfach so aus einer Gemeinschaft Freiwilliger emergiert, läßt den Hinweis zu, dass Shirky entweder wirklich glaubt was er schreibt oder eine Mission hat, die er nicht verrät. Gerade die bekannten Open Source Projekte sind deshlab noch immer erfolgreich, weil sehr wenige Köpfe entscheiden und kontrollieren, was wie realisiert und integriert wird. Stellvertretend möge sich der geneigte Leser die Entwcklung von Linux genauer ansehen. Die Anwesenheit von “managerial control” wie sie Shirky beschreibt ist dort mitnichten nachweisbar.
Das Problem der Zerstreuung des intellektuellen Fokus, dass schon Schirrmacher wie eine Monstranz vor sich hertrug, bewertet Shirky als eien historische Konstante, die auch schon den Buchdruck begleitet hatte, als er schreibt, dass es bereits 100 Jahre vor den ersten wissenschaftlichen Magazinen erotische Literatur gab. Ich würde da zwar eher an anthropologische Konstanten denken oder an Maslows Bedürfnispyramide, aber Schwamm drüber. Shirky meint, dass die Antwort auf die mentale Zerstreuung durch die vielen Informationsquellen in sozialen Strukturen läge. Schirrmachers Ängste würden unterstellen, dass in der Vergangenheit alles perfekt gelaufen ist hinsichtlich des Umgangs mit Wissen, dass wir aktuelle Leser nur dummen Quatsch vorfinden und dass die aktuelle Generation keine neuen Normierungsvorgänge realisiere.
Shirky erklärt, dass wir kurz vor dem Siegeszug des Web, also in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts deutlich weniger gelesen haben, weil wir mehr vor der Glotze saßen, womit das erste Argument der Webpessimisten widerlegt sei. Der gegenwärtige (verwerfliche) Fokus auf Wegwerf-Medieninhalte hätte anders als sonst eben den Vorzug zum Wegwerfen gemacht zu sein – man könne also sowohl in Buchläden wie auch im Web verfolgen, dass der Mist, der überflüssig sei, sehr schnell wieder verschwinde. Man müsse sich also nur auf das konzentrieren, was bliebe. Der einzige Stress, dem wir ausgesetzt seien, sei der, dass wir die Generationen seien, die erlebten, dass alte und neue Institutionen parallel um unsere Aufmerksamkeit buhlten. Dieser Überfluß aber sei kein Übel. Wir müssten einfach angesichts der neuen technischen Möglichkeiten neue Institutionen und neue Fähigkeiten entwickeln wie wir das schon einmal taten.
Ja, das haben wir eigentlich schon vor 10 Jahren ziemlich genauso überall gelesen. Leider tun sich gerade diejenigen, die sehr hoffnungsfroh und voller Zuversicht über die Chancen des Web sprechen, sehr schwer damit, neuen Fähigkeiten und Institutionen klar zu benennen. Shirky bleibt ein weiteres Mal im Nebel, den auch schon sein Counterpart Nicholas Carr verbreitet. Einfach ein paar Projekte aufzuzählen und in eine Argumentationkette einzubauen, erinnert stark an das Schirrmachersche Indienstnehmen beliebiger Experimente, um seinen Meinungen einen positivistischen und damit irgendwie faktischen Anstrich zu verleihen. Aber Meinungen werden durch Fakten nicht zu begründeten Annahmen oder gar Hypothesen. Sie müssen auch eine Fähigkeit haben, Phänomene zu erklären. Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer – sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht. Bildnachweis: JOI
June 7 2010, 10:39am
Was soll nur aus unseren Experten werden?
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Gestern gab es in der FAZ einen Text “Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?”, der die Schirrmachersche These vom schädlichen Buchdruck, Radio, Fernsehen, Walkman, Internet bestätigen wollte. Ein Neurobiologe der TU Braunschweig namens Matthias Korte sollte es richten. Wir erinnern uns: War die Leitwissenschaft in den Siebzigern die Physik, kam in den Achtzigern mit dem Siegeszug der Biologie auch die Psychologie zum Zuge. Sie wollte sich schnell eingliedern in die Reihe der harten Faktenwissenschaften, die aus dem Positivismus hervorgegangen sind. Doch in den Neunzigern wurde klar, dass keiner an der Mathematik und ihren Trivialformen wie Rechnungswesen oder Informatik vorbeikommen konnte. Die Psychologie wurde immer mehr zur Hilfswissenschaft der Neurowissenschaftler aus der Medizin und der Biologie und die Physik bekam grundlegende Problem über ihren eigentlichen Untersuchungsgegenstand, der sich zunehmend aus der Welt des Messbaren entfernte. Umso angestrengter versuchte man in den Neurowissenschaften mithilfe bildgebender Verfahren das Loch der Messbarkeit von Intelligenz, Wissen oder Lernen durch physiologische Vorgänge in den Bereich des Faktischen als Beweismittel zu erheben. Die dort angewandten Deutungsmethoden der Bildchen bleiben intransparent. Korrelationen zwischen Gedankentätigkeiten und beobachtbaren Stoffwechselvorgängen werden über Nacht in den Stand der Kausalität erhoben. Da verwundert es nicht, wenn so ein Deutungspriester uns das Neueste über das Monster “Multitasking” nahezubringen versucht. Er muss kognitive Dissonanzen (Unterschiede zwischen Überzeugung und Alltag) abbauen und das kann man am besten via Medien. Die Psychologisierung des Alltags erlebt fröhliche Urständ auf der Basis von Schädelbildern in Echtzeit. Begeben wir uns in die Text-Exegese: Zweifeln hilft beim Lernen, beim Philosophieren, und auch naturwissenschaftlicher Fortschritt wäre ohne ihn kaum denkbar. Darüber hinaus lässt uns diese Geistestätigkeit langsamer altern, da man Entscheidungen bewusster treffen muss, wenn man über den Zweifel den Autopiloten des Handelns und routinierten Denkens verlässt. Bedingt durch den Umstand, dass das Gehirn an seinen Aufgaben wächst und nicht etwa durch eine Schonhaltung gestärkt wird, ist Zweifeln kognitiv lohnend, eine Geistestätigkeit, die uns nicht verlorengehen sollte. Der erste Satz ist eine Verballhornung von Descartes* methodischem Zweifel. Der Satz über den Alterungsprozess ist in keiner Weise validierbar. Auf dieses Niveau gehe ich nicht weiter ein. Was routiniertes Denken und Autopilot des Handelns bedeuten mag, läßt sich schwer erahnen. Offenbar ist dem Autor Martin Korte bewußt, dass Routinen in der Verarbeitung von Reizen zu einen Verlust von Negentropie führt. Denn Ordnung der Gedanken entsteht durch Offenheit für das täglich Neue im Leben. Das kann jeder Meditationsforscher bestätigen. Routine im Denken ist im Gegenteil das Abprüfen auf bereits Gewußtes, wodurch sehr viel Differenz verloren geht. Jede Gestaltheoretiker oder dessen triviale Form namens Systemtheorie wird das ebenfalls bestätigen. Der Autopilot des Handeln bezieht sich offenbar auf die Tatsache, dass die mentale Instanz in uns, die das Selbstmodell entwirft mitnichten identisch ist mit der Person. Dieser Instanz jedoch mit Begriff Autopilot eine Autonomie abzusprechen bzw. eine Fremdsteuerung zuzudichten basiert auf einem Kategorienfehler in der Deutung der neuobiologischen Befunde. Nicht das Selbst oder das Subjekt ist das Zentrum eines Menschen, sondern die Instanz, die zum Zweck der Informationsverarbeitung ein konsistentes Modell des Selbts aufbaut. Dies geschieht bereits im Mutterleib und in den ersten Stunden nach der Geburt anhand der Zuwendung bzw. Vermeidung der Mutter durch Stimulusintensität (T.C. Schneirla 1959). Das Gehirn wächst nicht an seinen Aufgaben. Es verbreitert die Basis der Informationsverarbeitung mit zunehmender Differenz der Stimuli. Aufgaben gibt es nicht auf der Hirnebene. Jeder aktuelle Zustand ist immer dann neu, wenn er neu bewertet wird, Das geschieht, wenn er den Brei des abgefilterten Hintergrunds aufgrund intentionaler Akte verläßt oder der Stimulus so intensiv ist, dass kein Element des Subjektmodells zur Relevanz beitragen muss, um “durchgelassen” zu werden. Schon allein unter diesem Gesichtspunkt scheint es gerechtfertigt, unsere Mediennutzung, insbesondere das Internetsurfen, genauer – das heißt: aus neurobiologischer und psychologischer Sicht – unter die Lupe zu nehmen. Ein Hirnforscher verfügt hierbei über eine Perspektive außerhalb der üblichen Diskussion zwischen hysterischer Technikphobie und den Überzeugungen der digital natives, die das Internet längst als Teil ihrer normalen Umwelt akzeptiert haben. Bisher erfolgte noch keine stringente Argumentation, warum das Zweifeln mit dem Surfen im Internet gemeinsam betrachtet, verglichen oder korreliert werden muss. Der Zweifel selbst als Untersuchungsgegenstand hat noch keine Veranlassung erfahren, als Referenz hätte wenigstens in seinem intensionalen und extensionalen Gehalt erklärt werden müssen. Die von Schirrmacher initialisierte Diskussion um den Schaden durch das Internet bewegt sich also zwischen hysterischer Phobie und grauem Alltag. Aha. Ein Glück, dass hier neutral und objektiv argumentiert wird. Was macht das Internet mit unserem Gehirn? Wie bei allen menschlichen Tätigkeiten, die wir intensiv betreiben, verändert sich bei jeder Benutzung das Gehirn, manchmal sogar dauerhaft und oft länger, als wir dies wahrnehmen. Selbst wenn wir eingeübte Tätigkeiten lange nicht mehr ausgeführt haben, behält das Hirn eine strukturelle Erinnerung an diese Aktivitäten. Aber möglicherweise verändert die Internetnutzung weit mehr als nur unsere Gedächtnisspeicher. Das jedenfalls legen Experimente des Neurowissenschaftlers Gary Small von der University of California in Los Angeles nahe. Seine Ausgangsfrage war simpel: Gibt es sichtbare Unterschiede in der Gehirntätigkeit von internetunerfahrenen Probanden gegenüber den Aktivierungsmustern erfahrener Websurfer? Das war in der Tat der Fall, vor allem in bestimmten Stirnlappengebieten der Großhirnrinde. Aber das war gar nicht der Clou des Experimentes: Small und seine Mitarbeiter ließen die Novizen für lediglich fünf Tage das Internet nach einem vorgegebenen Arbeitsplan benutzen. Diese kurze Zeit reicht offensichtlich aus, um die Aktivitätsmuster von Anfängern den Aktivitätsmustern erfahrener Nutzer anzugleichen. Das Hirngebiet, welches hier Anpassungsprozesse zeigt, trägt den Namen dorso-lateraler präfrontaler Cortex – es liegt im hinteren seitlichen Teil des vorderen Bereichs des Stirnlappens. Wichtiger noch als seine Lage sind dessen Funktionen: Es wird in Verbindung gebracht mit strategischem Denken, logischen Analysen und dem Treffen von Entscheidungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine der Kommandozentralen des menschlichen Gehirns. Der erste Satz deutet daraufhin, dass das Internet wie auch das Gehirn ein überschaubares und homogenes Geschehen darstellt. Beides ist in keiner Weise belegbar. Zumal es zu beidem keine für uns zugängliche Außenperspektive gibt. Das Denken kann nicht gedacht werden. Genausowenig wie man das Hören hören kann. Solche Versuche begehen einen grundlegenden formalen logischen Fehler: Sie wollen das zu Beweisende mit sich selbst begründen. Das Web ist ein virtueller Raum. Virtualität ist das Gegenteil von physisch und nicht das Gegenteil von real. Physische Entitäten wie Raum, Zeit, Ausdehnung oder Energie greifen hier gar nicht als beschreibende Elemente. Wir benutzen das Gehirn nicht. Es entwirft eine Person, ein Subjekt, damit die Koordination mit der Umwelt konsistent ablaufen kann. Man müsste also folgerichtig sagen, dass das Hirn uns benutzt. Der Begriff der strukturellen Erinnerung ist ein Fehlgriff, der dies plastisch darstellt. Entweder erinnert man sich als Teil des aktuellen Geschehens aktiv an etwas oder außerhalb des Selbstmodell erscheint ein Reiz, der eine Erinnerung auslöst. In beiden Fällen ist der aktuelle Vorgang Auslöser der Erinnerung. Die Struktur als Modell für Zusammenhang liegt außerhalb von uns. Denn das Selbstmodell hat weder aktiven Zugriff auf die uns zufällig gegebene Kontingenz noch ist es in der Lage, Erinnerungsinhalte zu filtern und so nur Bestimmtes regenerieren. Die neuronalen Korrelate sind aktuell mitnichten kausal begründbar. Und die Frage, ob es sichbare Unterschiede gibt deutet wieder auf das alte Dilemma. Da man nichts empirisch nachweisen kann, müssen die physikalischen, bildgebenden Apparate herhalten, die allerdings in einer post-mechanistischen Erklärwelt deutlich lächerlicher wirken als die Erklärung, dass seit den verschiedenen Konstruktivismen der letzten Jahrzehnte solche Fragestellungen allein daran scheitern, dass jedes Selbst eine eigene Realität, eine eigene Wirkwelt zu jedem gegebenen Moment mit erschafft. Es gibt demzufolge gar keine reine Information ohne subjektives Genese, die wir zu einem abstrakten kategorischen Bewertungsmuster verarbeiten könnten. Dies schafft eben nur die formale Welt der Mathematik. Das heißt in der Folge, um allgemeinverbindliche Aussagen über die Internetnutzung zu erhalten, müsste man handfeste organische Defekte des Gehirns mit dem Web korrelieren, um Aussagen auf organischer Basis zu tätigen. Alles andere ist schlicht das Deuten von Bildern. Das war zwar als Rorschach-Test ganz aufschlußreich. Aber aus Sicht der community of scientists ist das Publizieren solcher Deutungen sehr individuelle und hält keiner Wiederholung stand. Wir halten also fest. Das Gehirn ist plastisch und passt sich den Gegebenheit der Präsentation von Reizen an. Dazu brauchte man aber kein Internet. Man hätte dies einfach mit verschieden aufgebauten Lerninhalten per Video, Radio mit struktriertem Lernen und Egenrecherche auf der anderen Seite erreichen können. Das Setting hat in diesem Fall keine Aussagekraft außer der bekannten Weisheit, dass das Hirn sich eben gut anpassen kann. P.S. Das ganze Gehirn ist eine Kommandozentrale. Die verschiedensten Areale können verschiedene Funktionen übernehmen. Was die Durchblutung bestimmter Hirnareale über den Einfluß des Web auf den Mensch aussagen soll bleibt nebulös. Welche Schlüsse kann man aus dem Experiment ziehen? Einerseits ist es erschreckend, wie schnell sich das Gehirn durch neue Tätigkeiten verändern lässt, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn es zeigt, wie formbar und flexibel dieses vornehme Organ in unserem Kopf ist. Man könnte nun einwenden, dass das Ergebnis trivial ist: Natürlich ändern sich im Gehirn Verarbeitungswege und Aktivitätsmuster, wenn wir etwas lernen und dieses Gelernte abspeichern – wo sollte das Gelernte sonst abgespeichert werden? Bemerkenswert aus meiner Sicht ist jedoch nicht, dass man Veränderungen feststellt, sondern wo sie stattfinden. Die durch den Internetkonsum beeinflussten Areale in der Hirnrinde bestimmen nämlich unsere Art und Weise, Probleme zu lösen, Emotionen zu kontrollieren oder zu erkennen, ebenso wie unsere Konzentration und die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und langfristige Ziele zu verfolgen. Die Bewertung, dass die enorme Plastizität des Gehirns erschreckend oder beruhigend sei, halte ich nicht für einen Schluß sondern eben für eine Deutung eines Sachverhalts unter einer gegebenen Erwartung. Man nennt dies auch Atrribution. Dadurch, dass verstärkte Durchblutung in den besagten Arealen auftritt ist in keiner Weise belegt, dass unsere Art und Weise der Problemlösung durch das Web bestimmt ist. Erhöhter Metabolismus ist in keiner Weise ein eindeutige Ursache für einen bestimmenden Effekt. Aktuell weiß man noch gar nicht, wie Informationsverarbeitung im Gehirn und Stoffwechseln zusammenhängen. Qualitative Aussagen der Kategorie “Dort im Areal ist mehr Stoffwechsel als hier, also ist das Areal bestimmend oder seine von uns zugeschrieben Aufgabe dominant” sind reine Spekulation und halten keiner wissenschafttheoretischen Prüfung stand. Solches Ummünzen von Korrelationen zu manifesten Kausalitäten ist der Religion näher als der Wissenschaft. Untersuchungen haben auch gezeigt, dass der Internetgebrauch unsere analytischen Fähigkeiten und unsere Leistung, mehrere Aufgaben praktisch gleichzeitig auszuführen – Multitasking – ebenso verbessert wie die Geschwindigkeit der Bildverarbeitung im Gehirn. Die schlechte Nachricht dabei ist aber, dass wir Menschen generell schlecht im Multitasking sind. Gemeint ist hier vor allem die Fähigkeit unseres Arbeitsgedächtnisses, parallel Probleme zu bearbeiten, eigene Gedankengänge zu protokollieren oder sich beispielsweise Gegenstände und Zwischensummen bei Kopfrechenaufgaben zu merken. Dieser Teil unserer Gedächtniswerkstatt hat erstaunlich geringe Kapazitäten. Leider werden wir nie erfahren, welche Untersuchungen auf welche Art durchgeführt wurden. Aber um es mal basaler auszudrücken. Der “Internetgebrauch” ist eine reichlich hilflose Beschreibung der Tatsache, dass wir mit einem PC lesen, Bilder und Filme ansehen und zuhören. Die Art und Weise, wie das Internet unsere Art des Lesens, des Sehens und des Zuhörens verändert, wäre in der Tat interessant. Denn ich würde gerne wissen, wie in den Achtziger Jahren eine Hausfrau vor dem Fernseher bügelte, dabei die Kinder bei den Hausaufgaben beaufsichtigte und nebenbei dem muskulösen Nachbarn beim Rasenmähen zusah, ohne ernste Probleme im Arbeitsgedächtnis zu bekommen. Im Ernst: Wir beginnen gerade, die verschienden Arten der Gedächtnisse des Menschen zu erkunden. Wir sind noch lange nicht soweit, dass wir diese Arten mit direkten Tätigkeiten aktuell und in Echtzeit korrelieren können. Ich muss außerdem zugeben, dass ich nur Computer mit einem einzigen Monitor benutze. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es den Bankern ergeht, die auf vier oder fünf Monitore achten müssen und dabei noch Devisen, Aktien und ähnliches ein- und verkaufen. Aber ich vermute, dass das Gehirn dieser Leute schon vor dem Internet trefflich adaptiert war für diese Aufgaben. Ich breche hier die Exegese ab, weil substanziell nichts wirklich Neues dazukommt, wer mag, kann das Pamphlet ja hier weiterlesen Bildnachweis: alles-schlumpf
May 4 2010, 10:00am
ZDF-nachtstudio zu “Information Overkill”
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Heute abend wird in der ZDF-Sendung nachtstudio über das Thema “Information Overkill” gesprochen und darüber wie das Internet unsere Kommunikation und unsere Gesellschaft verändert. Im Grund genommen scheint die von Frank Schirrmacher angestossene Debatte (vgl. sein Buch PayBack) nun auch das Fernsehfeuilleton erreicht zu haben. Das ZDF bietet die Sendung in voller Länge bereits vorab in seiner Mediathek an. Wer reinschauen möchte, bitte hier entlang!
April 11 2010, 11:13am
Digitale Seuche: Plaque im Netz
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Plaque bedeutet Schild. Es ist bekannt als Belag aus Speiseresten und unseren ganz persönlichen Bakterien. Genau dasselbe Zeug finden wir auf jeder Website im Netz. Reste aus erlerntem Wissen und unser persönlicher Senf oben drauf. Wer in der letzten Zeit die Diskussionen rund um Chancen und Gefahren der digitalen Speisen im Netz verfolgte, wunderte sich nicht selten. Allen Ernstes diskutierten Wissenschaftler und Experten den inhaltlichen Kontext von menschlicher Sinnbildung und Mustererkennungsprozessen beim Durchforsten von Tabellenzellen in Datenbanken.
Um die Verwirrung noch zu steigern, wurde ein Wort aus der Informatik, das nebenläufige Berechnungsprozesse beschreibt (multitasking), auf den Menschen transponiert, wobei allerdings Sinn und Bedeutung des Begriffs flöten gingen. Nicht genug, dass man früher glaubte, aufgrund des immer noch sehr vagen Verständnisses der Informationsverarbeitung im Gehirn, Computer programmieren zu können; setzt man sich nun hin und übernimmt aus der Computerwissenschaft Begriffe, um den Menschen zu beschreiben. Dieser Diskussion das Etikett Kategorienfehler anzukleben, erscheint so langsam fahrlässig verharmlosend.
Der Mensch und seine Algorithmen Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind, zu tun, was wir nicht tun wollen… So lautet der Untertitel des Schirrmacher-Buches. Es geht also um einen Zwang. Man reitet im Namen der Freiheit. Dort werden Adaptionshandlungen des Menschen in Bezug auf elektrisch dargestellte Buchstaben und Bilder beschrieben. Wer keine Kindheit ohne das Web hat, hat keinen Vergleich und daher keine Wahl mehr. Aha. Und das Netz ist erobert worden durch die Werbung. Offenbar ist es beim Netz schlechter wenn es Werbemillionen abwirft als bei Printmedien oder dem Fernsehen. Früher wurden Zielgruppen per Sinusmillieus (Konsumentenkategorien) organisiert. Heute tun sie dieses nun ganz von selbst über ihre Onlineeinkäufe und ihre Kontakte in sozialen Netzwerken. Dieselbe Entwicklung des Auslagerns von Leistungen an den Kunden kennen wir auch von Banken (Überweisungs-/Geldautomaten). In Amerika ist das schon seit Jahrzehnten der Drive-In. Anders als bei den Rabattkarten, die jede Kassiererin mal eben durch den Leser zieht sei dieses im Netz schlimm und verwerfliche Mikroarbeit der Nutzer. Und was machen die Kreditkartenfirmen mit den Profildaten ihrer Kunden, die sie teuer bezahlen, damit sie ihre persönlichen Daten sammeln? Ob da nicht vielleicht auch kleine Programme durch die Datenberge sausen und 1 + 4 zusammenzählen? Der böse und allmächtige Algorithmus? Der Journalist Frank Schirrmacher sieht das Organisieren von Inhalten von Algorithmen beherrscht, wie sie beispielsweise die Suchmaschine Google einsetzt. Aber auch sie blieben im linearen Abarbeiten von einzelnen Schritten stecken. Es gibt noch Schleifen, die Zwischenergebnisse zu bestimmten Inhalten bewerten können. Aber alles bleibt in einer sehr elementaren mathematischen Struktur. Diese Verfahren verarbeiten die Daten von Menschen zu Mustern, die dann zu bestimmten Aussagen gedeutet werden. Die Verfahren und die Qualität dieser Deutungen der Muster wird leider nicht hinterfragt. Denn die semantische Ebene auf der Basis dieser Muster ist das eigentliche Problem. Denn sie wird von den Firmen vorgegeben. Gelernt wurde das schon vor den Rabattkarten auf der Basis von Daten der Marktforscher. Google tut nichts anderes als das Nutzen dieser bekannten Deutungsmethoden. Aber so entsteht weder Bedeutung noch Wissen. Denn die besagten Algorithmen (präziser müsste man von Text-Mining bzw. Data Mining sprechen) sortieren Daten anhand bestimmter Bedingungen. Sie analysieren also vorhandene Texte bzw. Datenbanken. Das maschinelle Synthetisieren, also das Erstellen neuer Information auf dieser Basis, hat bisher noch keinen Reifegrad erreicht, denn man als Information oder gar Wissen bezeichnen könnte.
Zweiter Gedankenfaden Schirrmachers ist die Überlastung des Menschen durch ein Zuviel und Zuschnell an Daten und Dokumenten. Das Verhältnis von Inhalten die Nutzer zuordnen und denen, die dem Nutzer direkt auf seine Geräte geschoben werden (E-Mail, twitter, Statusmeldungen etc.) ist ein ungesundes in Bezug auf das, was der Mensch verarbeiten kann. Beleg für dieses Wissen über die Kategorie Mensch ist nicht eine Studie der Marsianer sondern sind zwielichtige Papiere von kaum bekannten Wissenschaftlern, die in keiner Weise epidemiologisch verifiziert wurden. Er zieht tatsächlich die Analogie zum Zeitalter der Industrialisierung, wenn er sagt, dass sich im Webzeitalter das Gehirn an die Menge der Inhalt im Netz adaptiert in der Art, wie sich die Muskeln damals an die Industriearbeit anpassen mussten (Leider geht Schirrmacher nicht auf das Dreischichtsystem und die Wissenschaft der Ergonomie ein). Auch der Begriff der Plastizität wird ähnlich trivialisiert wie wir das schon im Umfeld der Bücher über die digital natives erleben mussten. Da Computer über Multitasking verfügen (was nicht stimmt, da auch die Prozessoren alle nur seriell ihre Register abarbeiten), müsste sich das Gehirn an diese Parallelablaäfe anpassen, sei aber nur zu serieller Verarbeitung von Symbolen fähig. Insgesamt erscheint das Buch eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen, die selten einer profunden Bewertung standhält. Aber der größte Marktplatz der Welt und der gigantischste Stammtisch des Universums ist und bleibt Anlaß einer bisher “kaum” diskutierten Erörterung: Was ist eigentlich Qualität und wie kann man das feststellen, was Qualität ist und wer tut das auf welche Weise? Es geht also um Herrschaftswissen.
Social Media: Von der Volksnähe geküsst zu werden Und schon machen sich die Adepten der Geisteswelt oder der Weltmechanik auf und versuchen auf dem Rücken dieser herbeigestolperten Diskussion ihre Pfründe zu sichern. “Information ist entfremdete Erfahrung.” tönt es aus dem Mund von Jaron Lanier in der FAZ. Dieser Satz hat in etwa soviel klärende Potenz wie der Satz “Energie ist das, was nie verschwindet”. Und dann rettet Lanier die kalte Information mit der menschlichen Erfahrung. Er erkennt in dem Glauben an den Text, der seit der Thora, der Bibel und dem Koran die monotheistischen Religionen die Offenbarung Gottes darstellt, nicht ein menschliches Verlangen nach Überschreitung des Hier und Jetzt – ganz so wie die Höhlenmaler der Vorzeit. Er will Erfahrung. Aber nicht zuviel. Deshalb moniert er auch, dass die Menschen im Web zum Mob werden, wie er in den Kommentaren feststellt, die er liest. Diese Meinungsexkrementik mißfällt ihm zutiefst. Diese Art von Erfahrung schmeckt im nicht. Denn diese Art von Erfahrung hat er weder an der Uni, noch in den Klubs in denen er verkehrt noch in seinem Viertel gehabt. Noch weitaus schlimmer sei die Werbung als Trampelpfad des Geldes, dass alles wie ein negativer Midas in seinen Bann der Vernutzung zieht und nichts als die ökonomischer Auswertung übriglässt.
Wieso der Club der Anonymen Enthüllungskommentatoren seine Triebabfuhr über unflätige und persönliche beleidigende Kommentare regelt? Vielleicht haben diese garstigen Wichte gar kein Auto, mit dem sie jemandem die Vorfahrt nehmen können. Einfach mal wild mit der Lichthupe den Frust vom Berufsalltag loswerden, oder schlicht die Frau oder die Kinder zusammenmöbeln, sagt ihnen nicht zu. Zugegeben, es sind zumeist wenig wertvolle Beiträge, oft entlarven sie sogar eine unterdurchschnittliche Fähigkeit im Umgang mit widersprüchlichen Informationen. Dass anonyme Kommentare aber weniger Ausdruck von tumbem Mob ist sondern eher Darstellung von Angst in der Berufswelt, ist anscheinend eine Denkunmöglichkeit. Die einen schreiben muitg alle Texte unter Klarnamen und andere haben schlicht Angst, weil viele Menschen Teile ihrer Person nicht im Netz zeigen dürfen, weil sie in der Berufswelt ein Avatarleben führen müssen. Würden Sie ihre wirkliche Meinung im Web unter ihrem Namen darlegen, müssten sie im Berufsleben unangenehme Folgen befürchten. Es ist also bestes Recht des Knechts, anonym zu bleiben. Der Verweis auf die Algorithmen und Scanprogramm der Geheimdienste, Polizei und Marktforscher erscheint da eher Rationalisierung als wahre Ursache. Es liegt an der Angst vor eigener Persönlichkeit im Berufsleben, die gab es schon früher und sie wurde nur im ewigen Archiv des Web offenbar. Und die Herren der ersten Stunde rund um John Perry Barlow haben das Erstellen von Avataren und digitalen Personae nicht als Schutz der beruflichen Laufbahn verstanden sondern als Weg, die etablierten Mächte zu unterminieren. Diese Kamingesprächs-Revoluzzer, die mit der Rolex am Arm und dem Oldtimer in der Garage etwas vom anderen Leben faseln, verstehen das Web als Ort des Gesprächs gar nicht. Sie leben noch im Zeitalter des Dokuments. Dieser dokumentenzentrierte Ansatz der Emanzipation zeigt sich noch heute in öffentlichen Verlautbarungen wie etwa Manifesten, ähnlich wie das öffentliche Vorlesen in royaler Vorzeit von den Reichsverwesern und Erklärbären. Die Herrschaft spricht, das Gesinde schweigt.
All das Gehabe des Achtung-Wir-veröffentlichen-etwas-mit-Belang sieht man ja nicht in einem Web, das den Stammtisch oder den Dorfplatz ersetzt hat. Könnte es vielleicht sein, dass wir im Web immer mehr die Seiten einer Gesellschaft erkennen, die vorher für uns verborgen waren? Die Mediokren begegnen den ziselierten Gedanken der bombastischen Rationalisierer. Und die Experten erleben den Instinkt der Straße. Oder um es krasser zu formulieren: Das Web ist ein Agens, das die Verdrängung und Sublimierung Hundertausender sozial und mental prekärer Lebensentwürfe verunmöglicht. Nicht umsonst hat Danah Boyd vor über 2 Jahren gezeigt, dass es durchaus Sinn macht, die Nutzungsarten des Web mit der sozialen Herkunft und Ausbildung zu korrelieren. Das hat durchaus mehr als zwei Seiten, wenn man bedenkt, dass in anderen Ländern eben die bisher verfemten Seiten ein Segen sind. In muslimischen Ländern artikulieren sich die Frauen im Web, in Russland – einer lupenreinen Demokratie – wird das Web zur einzig verläßlichen Quellen für Nachrichten aller Art. Hier müssen die Damen und Herren Intellektuellen auf der einen Seite Volkes Stimme und auf der anderen Seite Volkes Halsband namens Konsumismus ertragen.
Schreiben ist das Endprodukt der Weltverdauung Und die Algorithmen? Analog zum Albumin, das den Druck im Körper regelt, ist der Algorithmus nichts anderes als ein Verfahren, das eine Homöostase (Gleichgewicht) zum Ziel hat. Das, was die Einen ins das Netz werfen um sich zu artikulieren, wollen die Anderen in einen Kontext stellen, der nicht demjenigen des Autors/Kommentators entspricht. Warum?
Betrachten wir nochmal das Bild der Assimilation, das oben in dem Begriff Meinungsexkrementik zum Ausdruck kommt. Der geschriebene Inhalt, dessen ein Mensch sich entledigt, soll für den anderen Nahrung sein. Diese Wiederverwertung gekauter Nahrung (verdautes Welterlebnis als Text ), die oft nichts anderes als ein Versuch des Verstehens der alltäglichen Geschehnisse ist, soll ökonomisch sinnvoll ablaufen. Deshalb wird mit viel mathematischem Brimborium ein Mehrwert in diese Exkremente einsuggeriert. Man könnte sagen, dass in der Algorithmusküche, Sätze und Daten solange zerkocht werden, bis aus dem vorherverdauten Brei wieder ganze Stücke werden. Man kann aber aus einem zerkauten Essensbrei auch mit den aufwendigsten Algorithmen nicht wieder einen Apfel oder ein Hühnchen zaubern.
Die pessimistische Lamentiererei sogenannter Experten und Intellektueller fällt also noch hinter die allzu optimistischen Wünsche der Bedeutungsingenieure zurück und lädt sie nur unnötig mit Macht auf. Man könnte denken, dass es sich um einen Versuch handelt, an dem Glorienschein teilzuhaben, den die bobos, Neurophysiologen und Teilchenbeschleuniger in langen Jahrzehnten gezüchtet haben – und zwar unter tatkräftiger Mithilfe der Journalistengarde auf der Suche nach dem allerneusten Neu. Dabei ist neu im Grunde nichts anders als das Indifferenteste, was wir kennen. Vielleicht lassen uns deshalb all diese wortgewaltigen Predigten für und wider das Netz so unbeteiligt zurück.
Mit was für einer Dreistigkeit die Welt auf der anderen Seite des Bildschirms sich in selbigem widerspiegelt mag für einige ein kritischer Schock sein – für andere ist er sehr heilsam. Denn wer alle Gespräche eines Tages in einem gewöhnlichen Restaurant oder Café aufzeichnen uns auswerten wollte, würde als irre abgestempelt. Im Web soll das also normal und sogar gefährlich sein? Es ist schlicht Unsinn und Ausdruck eines grassierenden Irrtums: Text ist nicht gleich Kontext.
Und wie geht man nun mit den Problemen des Ablenkens um? Es ist eine Disziplin der persönlichen Reife, Achtsamkeit, awareness, Konzentration und Gerichtetheit der Aufmerksamkeit zu erlernen. Sensuelle Deprivation gehört allerdings nicht zu den Trainingseinheiten. Oder um es in einen Witz verkleiden: ” Ich konnte gestern den ganzen Nachmittag nicht meditieren!” “Wieso denn nicht?” “Dauernd klingelte das Telefon.”
Und behüte mich vor meinen Fans… Dr. Christian Stöcker von Spiegle Online nun kommt von einer anderen Seite. Er möchte die neutrale und wertfremde, also technoliberale Seite des Web als sympathisches Bild der digitalen Kommunikation darstellen. Am 08.02.2009 hat er stellvertretend für viele folgende Thesen dargelegt. Die sieben Thesen lauten: 1. Das Internet ist dumm und das ist auch gut so. Tja, nun müsste man zunächst erklären, ob eine Maschine oder ein Programm überhaupt wissend sein kann. Ob eine Armada von Maschinen, die miteinander interagieren nun wissender oder dümmer würden, wäre eine theoretische Frage. Denn das Netz enthält lauter gespeicherte Symbole, die Menschen oder Prozessoren Anreize für Aktionen oder Unterlassungen liefern. Das Internet ist also genauso dumm oder schlau wie eine Armada von Heizungsventilen. Der wesentliche Anteil an Schläue wäre die Negentropie, also die gerichtete Organisation der Elemente und Strukturen. Denn Entropie ist im Grunde die Summer der erreichbaren Zustände. Angesichts der großen Menge an Elementen und Strukturen im Internet ist es also sinnvoll, diese potenziellen Zustände einzuschränken, um sinnvoll Gebrauch von der Technologie zu machen. Netzkünstler treiben dieses Vorhaben an das andere Ende zu treiben. Die Kategorie “dumm” im Kontext mit der Dimension Netz ist also ähnlich ertragreich wie die Kategorie “virtuos” mit der Dimension Musikinstrument. 2. An vielem, was das Netz gefährlich macht, sind die Nutzer selbst schuld. Vor allem die Nutzer, die mit den Fingern auf andere zeigen. Aber ach… Schuld. Also die Schuld. Das ist eine religiöse Kategorie. Aus dem Unbill der Naturgewalten extrahierten die Kulturen einen Bändigungszauber namens Religion. Nach Einführung des Individuums und der abgeleiteten göttlichen Macht auf den Menschen blieb nur noch die Schuld als abgeschwächte Form des wütenden Schöpfergottes übrig. Was der im Netz zu suchen hat, überlasse ich dem geneigten Leser. Aber man kann schon feststellen, dass Stöcker erkannt hat, dass dieser Schöpfergott namens Nutzer einigen Einfluß auf die Technologie hat, die er nutzt. Ein Beispiel: Man kann einen Hammer als Flaschenöffner, Werkzeug oder Tatwaffe einsetzen. Aber, das ist eigentlich ein Gemeinplatz und kann getrost als überflüssige Aussage disqualifiziert werden. 3. Die Staaten dieser Welt werden sich nicht darüber einigen, wie das Netz sein sollte. Aber ein Minimalkonsens in Sachen Verbrechensbelämpfung lässt sich herstellen. Das ist keine steile These, wenn man bedenkt wie Entscheidungsprozesse in den multinationalen Gremien funktionieren, zumal bei der ICANN, der Internet-Regierung. Ob und was ein Verbrechen ist, läßt sich kaum ernsthaft staatenübergreifend diskutieren wie man am Beispiel Steuerhinterziehung in der Schweiz und in Deutschland erkennen kann. Übereinstimmung wird nie erreicht, also erfindet man etwas Ähnliches: Konsens ist an dieser Stelle nichts Anderes als das alte Bild von Lyotard, der den Diskurs von Habermas als Akt der Aggression bezeichnete. Denn Konsens ist das Erzwingen einer gemeinsamen Erklärung zum Wohle aller Teilnehmer. Allzuoft nehmen aber die Betroffenen an diesen Diskursen gar nicht teil… 4. Wir sollten aufhören, vermeintlichen Exhibitionismus anzuprangern, solange wir den Menschen ins Wohnzimmer starren. Wir brauchen eine neue Definition von Öffentlichkeit. Nein. Was wir brauchen ist eine Einsicht in die Tatsache, dass im netz genau dieselben Menschen agieren wie außerhalb des Netzes. Dort herrscht allerdings das Primat des Vergessens und der Vergänglichkeit. Das Netz ist eine Gefriertruhe der Worte. Jeder Satz wird schockgefrostet. Jeder Mensch hat sich schon mal vor Zeugen zum Narren gemacht. Es ist allerdings früher nie aufgezeichnet worden. Es bedarf also einer genauen historischen und ethnologischen Betrachtung dieses Kühlraums der Symbole. Auch eine ethische Risikofolgenabschätzung steht noch aus. Leider auch aufgrund der naiven Netzkritik, die sich im sogenannten bürgerlichen Lager formiert. Grundsätzlich wäre zu verweisen auf das Thema Identitätsmanagement angesichts des neuen Personalausweises und ELENA. Aber Herr Stöcker hält es für angemessen, lustige Anekdoten über die Holländer und ihre Gardinenlosigkeit als Metapher anzubieten. 5. Jugendschutz ist wichtig, aber nicht wichtiger als alles andere. Mit Providern als Zensor wäre das Ende des freien Netzes gekommen. Das Netz ist nicht frei und wird es nie sein. Freiheit, gleich ob negative oder positive, ist ein Wert, den es gilt anzustreben im Handeln der Menschen. Es gibt keine Manifestation der Freiheit in der Mechanik der Nullen und Einsen. Es gibt höchstens eine Freiheit im Zugang, im Gebrauch und in der Selbtsbestimmung über die eigenen Exkremente im Netz wie Kommentare, Artikel und Bilder… 6. Urheberrechte sind wichtig, aber nicht wichtiger als Bürgerrechte. Warum müssen immer die Rechte des Dreiecks, Nutzer, Autor und Werkmittler gegeneinander ausgespielt werden? Hat es Sinn, wenn unterschiedliche Kategorien von Rechten aus dem Immaterialrecht und den “kleinen” Menschenrechten namens Bürgerrecht? Nein, denn Autos unterliegen auch anderen Regulierungen als Flugzeuge. Was soll eigentlich so besonders sein am elektrischen Versand von beweglichen Lettern? Richtig, es ist der Zugang zu dem Sinn, der damit gestiftet wird. Wer den beschränken will, soll das mit seinen eigenen Inhalten tun können – aber nicht im Auftrag Dritter. 7. Die Vorteile des freien Internets überwiegen seine Nachteile. Wer das Internet für überwiegend schädlich hält, muss ein Menschenfeind sein. Siehe Kommentar zu These 5. Es wäre schön, wenn die Menschen selbst entscheiden dürfen, was, wo und warum ein Vorteil oder ein Nachteil des Web ist.
Bildnachweis: deanjenkins
February 10 2010, 9:30am
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