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Die unglaublichen Versprechen des Timothy F.

Schlanke Linie, dicke Muskeln, guter Schlaf und toller Sex

Für die einen ist er ein Scharlatan, für die anderen ein praktischer Philosoph des schöneren Lebens. Nachdem uns Timothy Ferriss im Jahr 2008 in der „4-Stunden-Woche“ erklärt hat, wie man mehr verdient, weil man weniger arbeitet, verspricht sein neues Buch: jeder kann zum Supermenschen werden….

„Der 4-Stunden-Körper“ ist gerade in der deutschen Übersetzung erschienen. Auf der Berliner Next-Konferenz hat Ferriss sein neues Werk vorgestellt. Ich hatte mir nur etwas Abwechslung von den drögen Business Talks erhofft und inhaltlich nicht viel erwartet. Ferriss – ist das nicht dieser US-amerikanische Aufschneider, der ein paar Allgemeinplätze und Ratgeber-Weisheiten zusammenfasst hat und damit verdammt viel Geld macht?

Sein Vortragsstil war nicht gerade geeignet, dieses Bild zu korrigieren: schreiende Präsentations-Folien, offensiv zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein und ein Dauergrinsen wie aus dem Verkaufs-Fernsehen. Doch irgendetwas an seinem Vortrag hat mich angefixt, und ich hab mir das Buch geholt (auf Englisch, zu der Zeit war die deutsche Übersetzung noch nicht auf dem Markt).

Auf stolzen 608 Seiten erklärt dieser Menschenfänger, wie man: 1. in kurzer Zeit gigantisch viel Fett abnimmt (9 Kilo in 4 Wochen) 2. im selben Zeitraum genau so viel reine Muskelmasse zulegt 3. als Mann den Trieb eines jugendlichen Stiers bekommt und als Hetero-Mann jede Frau zum Orgasmus bringt 4. weniger und erholsamer schläft.

Teilweise sind seine Tipps ein alter Hut: sein Abnehmprogramm ist eine abgewandelte Version der alt bekannten Atkins-Diät, Ferriss hat sie einfach von „Low-Carb“ in „Slow-Carb“ umgetauft: man meidet Kohlenhydrate wie der Teufel das Weihwasser. Brot, Reis, Nudeln sind verboten, und auch Obst, statt dessen gibt es Eiweiß und Gemüse. Damit man das durchhält und der Körper sich nicht auf ein Notprogramm umprogrammiert, darf man einen Tag in der Woche essen, was man will. Umso ungesünder, umso besser.

Auch das Rezept zum rasanten Muskelaufbau ist nicht unbedingt neu: nicht zu oft trainieren, da Muskel-Generation Zeit braucht. Man trainiert mit hohen Gewichten und wenigen Wiederholungen und reizt den Muskel so lange, bis dieser aufgibt. Einigermaßen innovativ ist sein Konzept der „Minimal Effective Dose“: das Ziel ist es, das Minimum an Trainingsfrequenz und Zeitaufwand zu finden, bei dem der Körper den Prozess des Muskelwachstums in Gang setzt. Mehr zu trainieren ist erstens Zeitverschwendung und erhöht zweitens die Wahrscheinlichkeit von „Nebenwirkungen“ durch Überlastung des Körpers.

Wie im Vorgängerbuch wird auch hier das Programm mit Kniffen zur Selbstmotivation und Selbstüberwachung garniert: man bringt ein Oberkörper-Foto am Kühlschrank an, fotografiert, was man isst und misst permanent seinen Fortschritt: das Gewicht, den Hüftumfang und wenn möglich noch den Körperfettanteil. Das klingt trivial, ist jedoch nicht dumm. Jeder Versuch, sich und seinen Körper zu verändern steht und fällt mit der Motivation und der Fähigkeit, das Vorhaben auch dann durchzuhalten, wenn es anfängt zu nerven. Die Überzeugung, so dick oder schlapp zu sein, weil die eigenen Gene das so vorbestimmt haben, sieht er als eine Entschuldigung für Nichtstun. Prädisposition ist nicht gleich Prädestination.

Nun hat Tim Ferriss allerdings 600 Seiten vollgeschrieben – es bleibt die Frage, womit. Neben allem Talent, sich zu vermarkten und unterhaltsame Anekdoten aus dem eigenen Leben einzustreuen, ist Ferriss vor allem ein akribischer Journalist und ein genialer Laien-Wissenschaftler. Er hat alles verfügbare Wissen der Medizin und der Sportwissenschaft zusammengetragen, sich mit Professoren und Ärzten unterhalten, mit Bodybuildern und Trainern. Und er hat krude Selbsttests durchgeführt. Alle Maßnahmen, die er vorschlägt, hat er am eigenen Körper durchgeführt und dokumentiert.

Das neue Werk des umtriebigen US-Amerikaners wird vermutlich auch in Deutschland zum Bestseller werden. Das Versprechen, Menschen beider Geschlechter schlank zu machen und Männer zu athletischen Körpern zu verhelfen, kommt seit je her gut an. Ein ganzes Genre an Frauen- und Männerzeitschriften lebt davon. Auch die kommerzielle Web-Gemeinde hat den Braten gerochen und sich vorbereitet: fast alle denkbaren URLs, die mit dem Titel „4-Stunden-Körper“ spielen, sind schon vergeben und werden aktiv mit Inhalten bespielt – in der Hoffnung, dass jemand über Google auf die Seite gelangt und dem Seitenbetreiber über den Amazon-Partner-Link Provisionen einbringt.

Timothy Ferriss hat es also wieder geschafft. Er hat seinen eigenen Körper ausgetrickst, die Körper und die Leben seiner Leser optimiert und ist selbst um ein paar Millionen reicher geworden.

Wenn man sich durch die Videos seines Youtube-Kanals klickt, sieht man allerdings, dass ihm der Hack des eigenen Körpers nicht ganz gelungen ist. Seine Gene haben an einer empfindlichen Stelle zugeschlagen. Der Testosteron-überschwappende, schlanke, hypermuskulöse und ausgeschlafene Tim Ferriss hat auf dem Weg zum Superman die Haare verloren. Völlig überlisten lässt sich der menschliche Körper noch nicht.

Links und Credits: Die “offizielle” 4-hour-body-Website Das Buch auf Amazon: Der 4-Stunden-Körper, Riemann Verlag, 608 Seiten , 22,95 € The four-hour body, Crown Archetype, 574 Seiten, 14,95€ Oberes Foto, v.l.n.r.: Flickr by alancleaver_2000 (CC-Lizenz by/2.0), uggboy (by/2.0), Ed Yourdon (by-sa/2.0), Floris M. Oosterveld (by/2.0)  

June 24 2011, 9:48am

Rezension: Online-Marketing und Recht

Marketiers brauchen nicht erst seit dem Online-Boom verläßliche Handreichungen was den rechtlichen Rahmen ihrer Tätigkeiten angeht. Mit dem vorliegenden Handbuch aus dem mitp-Verlag sind in Bezug auf das Web gut bedient. Es stellt eine umfassende Sammlung aller relevanten Themen dar, die im Online-Marketing eingesetzt werden können. Für jede einzelne Maßnahmen erläutert der IT-Fachanwalt Dr. Martin Schirmbacher die Rechtsvorschriften und macht diese an zahlreichen Praxisbeispielen greifbar… Wer sich bislang noch nicht mit Online-Recht auseinandergesetzt hat, wird sicher überrascht sein, wo überall Vorgaben und Fallen lauern. Das fängt schon bei Domain-Namen an. Es ist interessant ist zu lesen, welche Ansprüche Namensinhaber gegenüber Domain-Inhabern durchsetzen können, wann das nicht funktioniert und welche Konsequenzen das für die Betroffenen haben kann. Und natürlich ist uns allen noch die Guttenberg-Affäre präsent. Nicht nur bei Doktorarbeiten sondern beispielsweise auch beim eigenen Webauftritt gilt: wer abkupfert, läuft Gefahr, erwischt zu werden. Dann drohen Abmahnungen und Geldstrafen. Das betrifft Text, Bildmaterial, Ton, Spiele, Stadtpläne etc.. Datenschutz ist ebenfalls ein heißes Thema. Wir kennen diese Problematik auch aus der aktuellen Diskussion über Apple zum iPhone und iPad. Für manche Marketingkampagne sind die ausgedehnten Datenschutzrichtlinien in der Tat ein Hindernis. Vor allem beim Email-Marketing, beim Tracking oder wenn ein Onlineshop dem User personalisierte Angebote zur Verfügung stellen will. Wer sich darüber hinwegsetzt und abgemahnt oder gar verklagt wird, kann mit saftigen Geldbußen rechnen. Jedoch, so eindeutig sehen die Gerichte Verletzungen beim Online-Marketing offenbar nicht. Laut Schirnbacher kommt es zu durchaus unterschiedlichen Gerichtsurteilen.

Am Anfang führt das Buch auf ca. 15 Seiten die häufigsten Fehler auf, die man im Online-Marketing begehen kann. Immer nur mit kurzer Beschreibung und dann dem Hinweis auf das Kapitel, in dem das Thema ausführlich besprochen wird. Kapitel 2 bis 9 befasst sich mit den Geboten und Verletzungen bei den einzelnen Online-Maßnahmen wie Domainnamen, Webseiten, Online-Shops, Tracking, Werbung, Suchmaschinen-, Affiliate- und Email-Marketing. Die letzten beiden Kapitel geben wertvolle Hinweise zu den verschiedenen Arten von Verträgen im Online-Geschäft und zur Durchsetzung und Abwehr von Ansprüchen. Beendet wird der Themenkreis durch Quellenangaben zu Gerichtsentscheidungen, auf die der Autor in den verschiedenen Kapiteln verwiesen hat. Das Buch ist wirklich verbrauchergerecht geschrieben. Man muss sich also nicht mit Anwaltsdeutsch auskennen. Eher schon mit Online-Marketingbegriffen, wobei sich diese aber aus dem Zusammenhang ergeben. Der Lesefluss wird angenehm unterbrochen durch optisch mit Piktogrammen abgesetzte Beispiele, Checklisten, Hinweise und Warnungen zu den einzelnen Themen. Hin und wieder sind die Passagen für Otto Normalverbraucher nicht ganz einfach verständlich. Beispielsweise beim Thema Urheberrechte musste ich zweimal lesen, wie sich das bei Bildern und Videos verhält. Aber das kommt wirklich selten vor. Fazit Alles in allem betrachte ich das Buch als gutes Nachschlagewerk für Fragen, die den Internet-Marketier umtreiben. Das Online-Business-Leben birgt viele Fallen. Das Buch klärt umfangreich auf. Bei kniffligen Fragen wendet man sich lieber gleich an den Spezialisten. Langes Suchen nach Antworten ist zeitaufwändig und Gerichte entscheiden ohnehin individuell nach Sachverhalten, die der Laie in der Komplexität nicht erfassen kann. Da Web 2.0 sich ständig weiter entwickelt, erweiterte Möglichkeiten bietet und neue Fragen entstehen, ist dieses Buch sicher als Momentaufnahme zu betrachten.

Beatrice Brenner ist Leserin von netzpiloten.de und freie Marketingberaterin mit einer sehr langen Berufserfahrung in allen Sparten und Branchen. Sie ist über ihre Website mbs-brenner.com zu erreichen.

April 28 2011, 10:00am

Buchrezension: Die neuen Marketing- und PR-Regeln im Web 2.0

Satte 418 Seiten habe ich durchgearbeitet und einiges an neuen Erkenntnissen zum Umgang mit den neuen Medien und zur Pressearbeit mitgenommen. Bei dem Buch Die neuen Marketing- und PR-Regeln im Web 2.0 von David Meerman Scott handelt es sich um die zweite Auflage mit den neuen Regeln aus der social media Welt. Anfänger müssen sich erst einmal zurechtfinden in dem Dschungel der Medienvielfalt. Aber es ist absolut lohnenswert. Auch für Fortgeschrittene halte ich das Buch für einen wichtigen Impulsgeber. Man kann es gut querlesen und ausgesuchte Kapitel genauer studieren. Das Web 2.0 bietet zwischenzeitlich einen ganzen Katalog an Möglichkeiten, wie wir uns beim Kunden, bei Interessenten und in der Öffentlichkeit präsentieren können. David Meerman Scott stellt sie alle vor: Foren, Wikis, Blogs, Netzwerke, Website, Online-Presse, Audio und Video. Er weist immer wieder darauf hin, dass diese nicht nur ein neues Denken bei den Business Ownern und Marketing Verantwortlichen erfordern, sondern auch eine Ressourcen-Umstellung. Mitarbeiter brauchen andere Qualifikationen und der Informationsgehalt muss sich verändern. Ich denke, alten Marketinghasen fällt das Umdenken nicht grad leicht. Sie sind ja nicht durchweg mit Twitter, YouTube, Facebook & Co. im Einklang und können oder wollen meist auch nicht damit umgehen. Was sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen zieht ist der Grundsatz: keine Vermarktung eigener Dienstleistung oder Produkte sondern Informationen bereitstellen und sich dadurch das Vertrauen der Kunden und Interessenten erarbeiten. Seine Kunden also verstehen lernen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, wird in der Praxis trotzdem von einigen nicht gelebt. Unterhaltsam wird es, wenn Scott beispielsweise Geschichten erzählt wie die von Sony und einem beliebten Fotozubehör-Händlers. Ein verärgerter Käufer hat sich in einem Blog über einen verkorksten Auftrag geärgert und die Vertriebspolitik von Sony angeprangert. Das hat zu einer Lawine von weiteren entrüsteten Blogbeiträgen geführt. Sony hat die Blog- und Foreneinträge schlichtweg ignoriert. Pech für Sony. Der Ruf hat ziemlich gelitten. Der Zubehör-Händler dagegen hat sich viele Sympathien geholt, weil er sehr positiv reagiert hat. Das war aber nur eines von mehreren Beispielen, die die Macht der Internetgemeinde demonstrieren. Der Leser erfährt viel Grundlegendes für seine Online-Marketing- und Pressearbeit. Immer wieder geht David Meerman Scott auf die Wahlkampagne von Barak Obama ein und analysiert deren Erfolg. Die Erkenntnisse lässt er dann in die Regeln zu Erstellung eines PR- und Marketingplans einfließen. Beim Thema Pressemitteilungen kommt er auf Umfragen zu sprechen, in denen Journalisten aber auch andere Leser die nervigsten Kauderwelschwörter genannt haben, die schon keiner mehr ernst nimmt. Dazu gehören: Marktführer, innovativ, bahnbrechend, Best of Breed, kosteneffizient etc. Natürlich hat er die Umfrage in USA und nicht im deutschsprachigen Raum durchgeführt. Aber aus meiner eigenen Erfahrung beim Übersetzen von US Pressemeldungen kann ich sagen: Recht hat er. Die Leser und vor allem die Journalisten wollen keine Selbstbeweihräucherung von Unternehmen lesen sondern wollen Informationen, mit denen sie etwas anfangen können und die für sie wertvoll sind. Und immer kommt wieder der Hinweis: sprich die Sprache Deines Kunden. Das Kapitel News Release Strategie halte ich daher wirklich für lesenswert. Der Übersetzer liefert gleich noch eine Auswahl deutscher Distributionsservices für News Releases dazu Bevor der Autor uns mit den neuen Regeln für Marketing und PR vertraut macht, erklärt er erst einmal, was sich durch das Web für unsere Arbeit verändert hat. Schnell wird klar, dass die alten Regeln hier nicht mehr funktionieren. Die Interaktion durch Foren, Blogs und ähnliche Instrumente machen das Unternehmen angreifbar, weil es seine Außendarstellung nicht mehr alleine bestimmen kann. Aber genau darin liegt auch eine große Chance, wie wir am Beispiel von Sony und dem Online-Händler gesehen haben. Scott beschreibt in den Kapiteln 2 bis 20 ausführlich, wie der Leser vorgehen kann, wenn er die neuen Regeln einsetzen möchte, und wie er mit den Medien kommuniziert. Das Buch ist im Erzählstil geschrieben durchzogen mit ausführlichen Beispielen und Hintergrundinformationen. Ich finde die Übersetzung sehr gut gelungen. Die Besipiele von David Meerman Scott stammen leider überwiegend aus dem amerikanischen Markt. Der Übersetzer versucht aber in Anmerkungen, auf europäische Beipiele zu verweisen. Jeder, der für Marketing und Vertrieb verantwortlich ist, kann sich aus diesem Buch hilfreiche Informationen und Anregungen rausholen. Für mich ist daraus ein Arbeitsbuch geworden, ich habe es mit vielen Fähnchen und gelben Markierungen versehen. Mich stört auch nicht, dass ich immer wieder auf Redundanzen stoße. Ich sehe das unter dem Aspekt: steter Tropfen höhlt den Stein. Das Bewusstsein, wie neues Marketing funktioniert, stellt sich ja nicht durch einmaliges Lesen ein.

Beatrice Brenner ist Leserin von netzpiloten.de und freie Marketingberaterin mit einer sehr langen Berufserfahrung in allen Sparten und Branchen. Sie ist über ihre Website mbs-brenner.com zu erreichen.

January 25 2011, 10:00am

Rezension: Social Media Relations

Bernhard Jodeleit fehlt auf keinem social media event. Er ist aber auch im Netz unterwegs, wenn es um relevante Diskussionen zum Thema PR und Social Media geht. Zum Vorteil gereicht ihm dabei die Tatsache, dass er sich zwar fast immer beteiligt, aber nie in den Vordergrund spielt. Genau so funktioniert auch sein Buch zum Thema: Social Media Relations, erschienen im dpunkt Verlag. In bester Beratermanier umkreist er zunächst die Ausgangslage, um möglichst viele Leser abzuholen, die mit einer gewissen Skepsis dem Thema gegenüber stehen. Mit einem distanzierten Ansatz führt er in Chancen, Herausforderungen und kritische Pfade ein, die in diesem Themenfeld lauern. Methode Dankenswerterweise ist es ihm gelungen an den wichtigen Stellen einige Checklisten für Praktiker zu platzieren, die den Gesamteindruck des Buches nicht zu einem Kochbuch für Social Media degradieren, wie es sie schon allerorten auf dem Grabbeltisch gibt. Allerdings gelingt der Spagat zwischen praktischem Nutzen und theoretischem Rüstzeug nicht immer. Denn der mahnende Hinweis, dass ein frischer Aktionismus ohne strategische Basis wenig hilft, wird nur mit wenig Substanz wirklich unterfüttert. Das mag aber auch an der jahrelangen Praxis liegen die Jodeleit im Agenturumfeld gesammelt hat. Denn viele Kunden können mit langfristigen Strategien wenig anfangen und kommen oft mit extrem trivialen Vorgaben wie Umsatzsteigerung oder besserem ROI ins Haus und winken mit Jahresverträgen. Insofern fehlt leider dem noch immer virulenten Hinweis auf eine nachhaltige Ausrichtung von Kommunikation eine gute und nachvollziehbare theoretische Begründung – im Zeitalter von Social Media ist dieses Thema aber eher noch essenzieller als es das früher war und unter dem Stichwort integrierte Kommunikation in die Fachdiskussionen Eingang hielt…

Praxis Wer aber wissen will, wie man twitter und Konsorten sinnvoll einsetzen kann und dabei nicht den Überblick verliert, der wird in keiner Weise enttäuscht. Im Gegenteil: In wenigen Büchern wird ein so guter Überblick über den professionellen Einsatz von twitter bei Agenturen gegeben. Facebook kommt etwas zu kurz und auch das Thema “eat your own dogfood first” kommt eigentlich nur bei blogs ausführlicher zur Sprache. Insofern ist der bereits angestaubte Ansatz der integrierten Kommunikation noch nicht ganz von der akademischen Welt in die Agenturpraxis eingeflossen. Aber die Themen Social Media Newsroom und Corporate Blogs könnten eigentlich das Vehikel sein, an dem man diese Diskussion neu führen sollte. Leider scheint die Kommunikation zwischen Lehre, Forschung und Praxis hier noch nicht so ganz koordiniert abzulaufen. Und so läuft auch dieses Buch Gefahr – genau wie die Ausbildung der PR-Verbände – immer nur eine Momentaufnahme des Hinterherhechelns der Kommunikationsbranche abzuliefern. Das mag im im Büroalltag ausreichend sein und auch den Verlagen in die Hände spielen, weil sich so immer wieder zweite und dritte Auflagen rechnen. Ob auf diese Weise allerdings die nötige Kompetenz gefördert wird, selbständig Neues einzuordnen und vor allem strategische Entscheidungen zu treffen, mag dahin gestellt sein. Fazit Jodeleits Buch gehört sicher zu den besten im Bereich Social Media für Agenturen, wenn es um das Beleuchten der praktischen Belange geht. Aber gerade von jemandem wie ihm – mit all der Erfahrung – wünschte ich mir einen stärkeren Fokus (vielleicht in einem weiteren Buch?) auf globale und grundlegende Überlegungen. Denn wenn man es genau betrachtet, dann sollten Agenturen neben dem Beherrschen der postmodernen Kommunikations-Klaviatur vor allem die gesellschaftlichen Diskurse und Entwicklungen in die Elfenbeintürm der Konzerne rückkoppeln. Denn im allgemeinen Hierarchie-Bergsteigen der abgeschlossenen Konzernkulturen dringt wenig Internes nach draußen und genauso wenig Externes nach innen. Und genau das könnte sich mittels social media ändern. Aber dazu braucht es eben eine grundlegend andere Sicht auf den Komplex Firma und ihre stakeholder.

July 16 2010, 10:30am

Rezension: Facebook – Marketing unter Freunden II

Nach der ersten Rezension des Buches aus PR-Sicht, folgt nun eine Rezension unserer Leserin Beatrice Brenner aus Sicht des Marketing: Das Buch hat mir anhand von Zahlen, Fakten und Erfolgsstories erst klargemacht, welchen Stellenwert mittlerweile das Social Web und speziell Facebook haben.

Die rund 250 Seiten lesen sich leicht, flüssig und unterhaltsam. Wer sich wie ich, ständig verleiten lässt, auf der Facebook-Seite rumzuklicken, um das gerade Erfahrene auszuprobieren, schaut sich besser vor Lesebeginn das Inhaltsverzeichnis genau an. Die „Geheimnisse“, hinter die man selbst nicht kommt, werden in späteren Kapiteln nämlich meist aufgeklärt. Die Lektüre ist ein idealer Leitfaden für Einsteiger, Unternehmen und Marketingverantwortliche, die Facebook strategisch einsetzen wollen (siehe Seite 15). Die Autoren erklären zunächst das Prinzip des Social Web, bevor sie den Leser langsam darauf vorbereiten, selbst aktiv zu werden…

Gerade, wer Facebook in seine Marketingstrategie integrieren will, sollte die Anfangskapitel zum Verständnis wirklich aufmerksam lesen. Fehler, die andere gemacht haben, muss man ja selbst nicht wiederholen.

„Erfolg ist, wenn Controlling ihn nachweisen kann.“ Wie bei Google so finden sich auch bei Facebook Möglichkeiten zur Erfolgsmessung der Facebook-Aktionen. Geradezu unglaubliche ROI Zahlen von bekannten Unternehmen findet man auf Seite 156. Das ist absolut beeindruckend.

Ein bisschen sollte man sich schon auskennen in der Welt der Internet-Sprache und –Tools, denn die Autoren adressieren doch hin und wieder ein internet-technisch versiertes Publikum, das mit Fachbegriffe vertraut ist. Wer aber Ajax lediglich als Putzmittel kennt und mit RSS nichts anfangen kann, sollte sich am besten gleich ein Glossar anlegen. Das würde dem Buch übrigens ohnehin gut tun.

Als fleißiger XING-Nutzer bin ich an die XING-Menuführung und Funktionen gewöhnt und finde diese auch logisch. Da ich die sozialen Netzwerke hauptsächlich business-orientiert nutzen will, bin ich mit Facebook gar nicht klargekommen. Dass ein Mann meine Freundin sein kann, leuchtet mir einfach nicht ein. Dass mich eine wildfremde Person ohne Erklärung als Freundin hinzufügen will, ist gewöhnungsbedürftig. Das Buch der Holzapfels hat mir nun den Weg durch den Dschungel gezeigt und mir die Facebook-Philosophie näher gebracht. Endlich bin motiviert, für mich ein Profil und für meine Firma eine Seite anzulegen und Facebook auch für meine Kunden einzusetzen.

Die Autoren erklären die Idee, Funktionsweisen und Plugins von Facebook ganz locker anhand von Metaphern. Das macht Spaß zu lesen und man versteht das Ganze spielerisch. Ab Seite 166 geht’s los mit Kampagnen-Beispielen aus der Business-Praxis. Beschrieben werden Erfolgsstories von etlichen B2C Unternehmen und einer Klinik, die statt Krankheiten das Thema Gesundheit in den Vordergrund stellt. Endlich mal eine positive Darstellung der Arbeit eines Krankenhauses bzw. „Gesundheits“hauses! Zum Glück gibt’s dann auch noch ein B2B Beispiel. Die beiden Autoren sind mit ihrem eigenen Unternehmen auf Facebook unterwegs und plaudern fröhlich aus dem Nähkästchen. Genau darauf habe ich gewartet. Ich halte die Zielgruppe Endverbraucher im Social Web als leichter erreichbar als Business-Kunden und bin daher für dieses letzte Beispiel mit Anregungen sehr dankbar.

Zum Schluss weist uns eine kleine Facebook-Knigge darauf hin, was man tut und was lieber nicht. Auch das ist wichtig und spart Zeit, wenn man die Erfahrungen nicht erst selbst machen muss. „facebook – marketing unter freunden „ ist nicht als Handbuch zu Facebook zu verstehen, es liefert aber sehr hilfreiche Aufklärung und eine Konzept-Anleitung für die eigene Facebook-Strategie. Wenn ich mit meinem Business in der Web 2.0 Welt bestehen will, muss ich mir darüber in Klaren sein, dass ich mich auf Augenhöhe mit dem Kunden, Interessenten und Kritiker einlasse. Hier geht es um Beziehungsaufbau und Kommunikation und nicht um klassisches Marketingdenken.

Das Buch liefert viele Hinweise, Tipps und Anregungen für die Marketing-Kreativität in Facebook. Für mich ist es zum Arbeitsbuch geworden und ich habe mir eine Checkliste und einen Ideenpool angelegt für zukünftige Aktionen. Wenn ich mir die Trends und Voraussagen am Endes des Buches anschaue, wird klar: Social Web und generell Facebook lassen sich nicht aufhalten. Web 2.0 ist kein Hype, es ist neues Marketing. Auch hier gilt: statt Aktionismus zu betreiben, die Sache lieber mit einer gut überlegten Strategie und Zielsetzung angehen. Und genau dabei hilft dieses Buch. Beatrice Brenner ist Leserin von netzpiloten.de und freie Marketingberaterin mit einer sehr langen Berufserfahrung in allen Sparten und Branchen. Sie ist über ihre Website mbs-brenner.com zu erreichen.

July 7 2010, 12:02pm

Review: Die paranoide Maschine

Nur eine neue Art der Logik kann den Computer als echte Hilfe für unser Denken nutzbar machen. Bisher sind die Datenmaschinen starrsinnig, nicht anpassungsfähig und zunehmend ineffizient. So lauten einige gut begründete Thesen des Buchautors Peter Krieg in seinem Buch “Die paranoide Maschine”. “Die Gefahr der Computer besteht nicht darin, dass sie eines Tages so klug wie die Menschen werden, sondern darin, dass wir bereit sind, ihnen bis dahin auf halbem Wege entgegen zu kommen.“ Mit diesem weisen Satz beginnt ein spannendes Buch von Peter Krieg über die Hoffnungen und Illusionen rund um den Versuch, Intelligenz und Denken mithilfe von Technik umzusetzen. In “Die paranoide Maschine“ zeigt er auf, welchen Einflüssen und Erwartungen wir unterliegen, wenn Maschinen unser Problemlösen übernehmen sollen. Das Buch ist bereits 2005 erschienen, wurde aber bisher kaum beachtet. Den Einstieg wählt der Autor sehr leserfreundlich mit 10 Computerplagen wie “Computer sind starrsinnig“ oder “Computer können nicht ihre eigene Software schreiben“. Das große Thema des Buchs verschließt sich jedoch hinter der großen Menge an Versatzstücken zu allen Themen der Postmoderne wie der Systemtheorie, Kybernetik zweiter Ordnung und dem radikalen Konstruktivismus: Es ist Kriegs Plädoyer für eine neuartige, mehrwertige Logik.

Wir kannten bisher nur zweiwertige logische Systeme, die Aussagen in wahr und falsch eingruppieren konnten und auf diese Weise die Hierarchie (von der Wurzel zu den Ästen) als ordnendes Wesen hervorbrachten. Diese Architektur der formalen Logik ist Grundlage und zugleich Gefängnis des menschlichen Schöpfergeistes. Denn man geht immer von einem Axiom aus und schließt mit Hilfe strenger logischer Verfahren auf weitere Folgerungen. Die Axiome selbst können nicht hergeleitet werden. Dieses geschlossene System, bei dem der Anfang seltsam unbegründet in der “Luft baumelt“, ist die Grundlage aller Naturwissenschaften. Es ist das Verfahren, um Objektivität zu gewährleisten. Sogar Psychologen versuchen mit allerlei Tricks die vielgestaltige Welt der menschlichen Seele in objektive Strukturen zu drängen und klammern alles aus, was dem mechanischen Weltbild oder Formalisierung widerspricht. Diese Verfahren lassen die akademische Sicht auf die Welt verarmen. Sie wird reduziert. Oder um es im Jargon der Postmoderne zu sagen: die Komplexität wird auf der Schlachtbank der Objektivität geopfert. Krieg nennt dies mono-logisch. Er setzt dieser reduzierten Perspektive die Gedanken von Heinz von Foerster und Gotthard Günther entgegen. Vor allem Letzterer versuchte sich an mehrwertigen logischen Systemen, um das Schwarz-Weiß-Bild der Objektivität zu erweitern. Noch bekannter sind die Arbeiten von Gilles Deleuze zu diesem Thema. Noch spannender sollen die Arbeiten von Erez Elul zum Thema mehrwertige Logik sein, die das klassische zweiwertige System umfasst und sinnvoll erweitert. Elul erkennt das Problem des streng logischen Naturwissenschaftlers: „Er hat den Frosch als Ganzes in seine Teile zerlegt, aber die eigentliche Qualität des Frosches ging dabei verloren und lässt sich auch durch erneute Zusammensetzung seiner Teile nicht mehr wieder herstellen“. Elul nun versucht durch die Relation eines Gegenstands mit dem, was es offenbar nicht ist mehr auszusagen als nur A ist A und damit Nicht-B und auch Nicht-C. Er verlässt damit den alten Satz des „Tertium non datur“: Alles muss entweder A sein oder eben Nicht-A. Ein Drittes ist ausgeschlossen. Erez Elul lässt zu, dass etwas beides sein kann. Für uns Alltagsmenschen ist das völlig klar, weil uns alles immer im jeweiligen Kontext erscheint. Die Naturwissenschaften verlangen sich selbst aber ab, alles zu reduzieren. Damit verlieren sie die Möglichkeit, komplexe Sachverhalte darzustellen. Peter Krieg lernt den jungen Israeli Elul kennen, der auf der Basis dieser neuen Logik ein Computerprogramm geschrieben hat. Er erklärt uns diesen neuen Schritt in eine echte Chance, mit Computern echte Komplexität mit dynamischen Datenbanken darzustellen und zu ordnen. Diese spannenden Gedanken werden dann leider nicht weiter ausgeführt. Was aber bleibt, ist ein kleines Guckloch in ein Universum außerhalb der verfahrenen und oft sinnentleerten Diskussionen um semantische Suchmaschinen, Wissensgesellschaft und Neues Denken. Peter Krieg: Die paranoide Maschine. ISBN 3-936931-20-8. 205 Seiten. Preis: 16 € Das Buch gibt es nur direkt beim dpunkt Verlag unter http://www.dpunkt.de. Leider ist es bei amazon nicht erhältlich.

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June 17 2009, 11:01am

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