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Creative Commons im Journalismus – ein Plädoyer

In der feinen, aber oft etwas isolierten Netzgemeinde sind Creative Commons schon gut etabliert. Immer wieder stößt man auf Bilder, Videos und Texte, die zur Weitergabe animieren, statt sie zu verdammen. Verlässt man aber diesen Kreis netzaffiner Menschen, sieht es ganz anders aus. Der Grund ist weniger fehlendes Wissen, sondern Angst. Ein paar Gedanken zur Verbesserung und Überzeugungsarbeit – mit Schwerpunkt auf Journalisten, aber auch für andere Bereiche einsetzbar. Creative Commons: Was ist das? Creative Commons (CC) – ein Name, der für eine Idee steht: Freie Lizenzen, die die Verbreitung und Weiterentwicklung kreativer Werke erlauben, ohne den Urheber zu enteignen. Die Regelung ist einfach und über ein eigenes Tool einzustellen. Alle CC-Lizenzen verlangen, den Urheber beim Namen zu nennen. Abgesehen davon gibt es zwei einfache Fragen, die man sich beantworten muss:

Möchte ich kommerzielle Verwendung meiner Arbeit zulassen? – Antworten sind ja oder nein. Möchte ich Abwandlungen und Weiterentwicklungen meiner Arbeit zulassen? – Antworten sind ja, nein und „ja, aber nur wenn die Abwandlungen auch unter einer CC-Lizenz stehen“.

Über einige Zusatzfelder lassen sich noch einige zusätzliche Angaben einstellen, etwa der Link, unter dem die Arbeit zu finden ist und der als Quellenangabe angegeben werden muss. Creative Commons: Was nützen sie? Diese Wissensaspekte sind meist recht schnell zu vermitteln. Ebenso sieht es mit den Vorteilen aus. Hier sind eine Reihe von Vorteilen, die für CC sprechen: Für den Urheber:

schnellere Verbreitung von Inhalten und dem eigenen Namen zahlreiche Anwender suchen von vorne herein nur nach CC-Werken, um sich die Arbeit der Nachfragerei zu sparen Erzeugung von Links auf eigene Inhalte

Für den Anwender:

schnellere Klärung von Rechten zahlreiche Einsatzszenarien, zum Beispiel schöne Bilder für eigene Texte

Die ganz realen Ängste – und wie man sie beseitigt Am einfachsten auszuräumen ist meist die Angst einiger Journalisten vor Enteignung. Creative Commons enteignen niemanden – weil sie freiwillig sind. Jeder Autor entscheidet selbst, ob er auf CC setzen möchte oder nicht. Und über die wenigen Parameter lässt sich flexibel steuern, unter welchen Umständen man zu einer Fremdverwertung bereit ist. Wählt man „keine kommerzielle Nutzung“, ist ausgeschlossen, dass andere mit den eigenen Inhalten Geld verdienen, ohne den Autor selbst dafür zu entlohnen. Wer Angst davor hat, dass das eigene Werk entstellt wird, setzt auf „keine Bearbeitungen“. Und mit „Weitergabe unter gleichen Bedingungen“ kann man sicherstellen, dass sich niemand an den eigenen Werken bereichert, ohne selbst etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Bei all dem gilt: Keine Creative-Commons-Lizenz schließt aus, dass ein Urheber Ausnahmen festlegt. Wer generell kommerzielle Nutzung ausschließt, kann sich natürlich trotzdem noch mit bestimmten Anbietern auf eine kommerzielle Nutzung einigen – hier gilt das, was auch bei jedem anderen Werk gilt: Nachfragen bei Unklarheiten.

Im journalistischen Umfeld höre ich oft die Befürchtung, Creative Commons könnten den Wert journalistischer Arbeit herabsetzen – nämlich dann, wenn aus journalistischen Texten weitere Werke entstehen, die journalistischen Ansprüchen nicht genügen. Mit dieser Angst ist nicht einfach umzugehen – ein Ansatz könnte sein, die Frage von der anderen Seite anzugehen. Ein Beispiel dazu: Wie viele Bildkritiken gibt es in den Medien zu lesen? Meistens sind es nicht viele. Ich finde das seltsam: Wir beschäftigen uns immer wieder mit tendenziöser Berichterstattung und kritisieren derart unsaubere Arbeit. Doch auch Bilder können tendenziös sein. Sie können über bildliche Gestaltungsmittel eine Deutung nahelegen, die nicht den Tatsachen entspricht. Ebenso nimmt die Auswahl der Bilder und deren Ausschnitt Einfluss auf die Deutung – was gezeigt wird, besonders aber auch was eben nicht gezeigt wird. Ich habe den Eindruck, dass diese Aspekte selten aufgegriffen werden in der journalistischen Arbeit. Und ich glaube, einer der Gründe liegt in der schwierigen Auslegung des Zitatrechts auf Bilder – Udo Vetter hat in seinem Vortrag auf der re:publica darauf hingewiesen, wie schwierig das Zitieren von Bildern ist, obwohl es eigentlich rechtlich zulässig ist, wenn man sich inhaltlich mit Bildern auseinandersetzt. Creative Commons sind also ein Weg, uns die Auseinandersetzung mit den Werken anderer zu vereinfachen und wichtige journalistische Formen zu ermöglichen, die sonst allzu leicht unter den Tisch fallen. Und damit sind die Chancen, die Creative Commons dem Journalismus öffnen, um ein Vielfaches höher als die Risiken. Eine andere Angst hört sich meistens so an: „Warum sollte ich CC verwenden, wenn jeder weiß Gott was mit meiner Arbeit machen darf?“ Die fand ich immer schwer zu beruhigen. Zunächst ist, wie schon erwähnt, über drei Parameter eine bemerkenswert gute Steuerung möglich, in welchem Umfeld Werke eingesetzt werden können. Zudem setzen sich Creative Commons nicht über andere Rechte hinweg: Selbstverständlich darf auch mit einer CC-lizensierten Arbeit niemand verleumdet werden. Außerdem kann ich sowieso nicht kontrollieren, was andere Menschen mit meiner Arbeit anfangen, wenn ich sie veröffentlicht habe. Ob sie meine Ansichten teilen, meine Texte ausdrucken und verbrennen, mein Blog aus dem Feedreader werfen: All das liegt nicht in meiner Hand. Aber ich finde es gut, ihnen die Chance zu geben, sich damit auseinanderzusetzen – denn dann besteht wenigstens die Möglichkeit, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Creative Commons haben also nichts mit Diebstahl zu tun: Weder sind meine Werke von dort verschwunden, wo ich sie eingestellt habe, noch gibt sie irgendjemand anderes als seine eigenen aus. Creative Commons sind vielmehr eine gesellschaftliche (und journalistische) Vision, wie Wissensaustausch geregelt werden kann. Manchmal ist für diese Vision aber auch grundsätzliche Überzeugungsarbeit notwendig. Ideen sind nicht wie Äpfel. Wenn ich einen Apfel habe und du ebenfalls einen Apfel hast, und wir diese Äpfel tauschen, dann hat jeder am Ende einen Apfel – im besten Fall einen vergleichbaren. Leider ist es aber meistens so, dass einer der Äpfel kleiner, weniger lecker oder etwas weniger frisch ist. Ganz anders bei Ideen und Wissen: Wenn ich eine Idee habe und du ebenfalls eine Idee, und wir die Ideen austauschen, dann hat im schlechtesten Fall jeder von uns zwei Ideen. Meistens ist es aber so, dass aus zwei Ideen drei Ideen werden – weil sie sich gegenseitig befruchten. Creative Commons ist der Versuch, diesen Ideenaustausch zu vereinfachen. Bildnachweis: “My CC stickers have arrived!!!” von Laihiu (CC BY),  ”Banjo Libre” von andyket (CC BY) Zum Abschluss eine Sache, die klar sein dürfte: This Werk bzw. Inhalt is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported License.

August 19 2010, 11:06am

Interview: Ich vermisse das Nachhaken im Journalismus

Christiane Schulzki-Haddouti ist freie Journalistin und führt das Blog Kooptech. Im Blogpiloten-Interview spricht sie über die Wandel der Medienbranche, die Misere im (Online-)Journalismus und ihre Studie zu “Kooperativen Technologien”. Christiane, auf KoopTech bloggst Du über den Wandel in der Mediengesellschaft. Wie hast Du die Veränderungen und den Wandel in den letzten Jahren in Deinem eigenen Leben und Arbeiten wahrgenommen? Ich bin seit 13 Jahren Online-Journalistin - die Veränderungen waren für mich erstmals mit der Wirtschaftskrise nach 2001 deutlich zu spüren, doch jetzt nehmen sie dramatische Ausmaße an. Um zu begreifen, was passiert und wie man den Veränderungen pragmatisch begegnen kann, habe ich mich daher mit den Hintergründen des Wandels in einer Analyse namens “Kooperative Technologien” auseinandergesetzt, die bald erscheinen wird. Kannst Du schon ein paar Kernergebnisse verraten? Schwierig, das in kurzen Worten zu fassen. Letztlich zeigt die Analyse, dass Kooperation und Kommunikation von Anfang an in der Entwicklung des Internet eine zentrale Rolle gespielt haben und wie sich entsprechend verschiedene Dienste und Techniken in den letzten Jahren evolutionär entwickelt haben. Sie analysiert über 1000 Anwendungen kooperativer Technologien nach ihren Hauptfunktionialitäten, entwirft ein Benchmarking und destilliert hieraus sieben Akzeptanz- und Erfolgsfaktoren, die in einem Modell sinnhaft dargestellt werden. Außerdem zeigt sie in fünf Szenarien (Online-Redaktion, Wissensmanagement in Unternehmen, Forschungsgruppen, Betriebliche Weiterbildung, Nicht-Regierungsorganisationen), dass diese je nach Anwendungsbereich unterschiedlich sind. Dabei stellt sie fest, dass kooperative Technologien in allen beschriebenen Bereichen als dynamische, sich rasch weiterentwickelnde Werkzeuge fungieren, die viele Lebensbereiche beeinflussen, indem sie die Art und Weise der Kommunikation und Koordination, das Planen und Managen, das Teilen und das Entstehen neuer Erkenntnisse sowie die Kollaboration kontinuierlich verändern. Damit verändern sich auch Verhaltensweisen rund um das individuelle Identitäts-, Reputations- und Beziehungsmanagement. Mit Deinem Themenfokus bist Du sehr nah an technischen, medialen und gesellschaftlichen Entwicklungen dran, die in der breiten Masse noch nicht angekommen sind. Und auch unter Journalisten scheinen diese Themen noch nicht sehr populär zu sein. Oder? Irgendwie mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Themen, die ich im Moment sehr spannend finde, erst Jahre später im Mainstream landen - wenn überhaupt. Was das journalistische Arbeiten im Online-Bereich anbelangt konnte ich etwa vor zehn Jahren im Zuge der Recherche zur Kryptografie-Debatte und den so genannten Enfopol-Papieren, die der Vorläufer der Vorratsdatenspeicherung waren, eine grenzüberschreitende kollegiale Zusammenarbeit von freien Journalisten erleben, die jetzt im digitalen Mainstream zu spüren ist. Ich glaube, dass Journalisten sich nicht entlang von Marken, sondern entlang von Interessen besser untereinander vernetzen und damit auch wirksamer unterstützen könnten. Wichtig dafür ist natürlich auch ein vertrauensvoller Umgang. Natürlich gibt es heute neue Tools, aber wir haben noch immer kein umfassendes journalistisches Online-Modell entwickelt, das den kompletten Workflow von der Recherche bis zur Produktion sowie zum Feedback umfasst. Wir setzen daher diese Tools noch nicht bewusst genug ein. Was sind nach Deiner Erfahrung im Privaten wie im Beruf die größten Barrieren, wenn Du anderen versuchst zu erklären, wie die digitale Kultur “funktioniert?” Es gibt verschiedene Reaktionen, die ich in Summe nicht sehr ermutigend finde. Die eine typische Reaktion ist, alles als Hype zu verschreien, aber nicht genau hinzugucken, was genau passiert. Die andere besteht in purem Desinteresse. Beidem kann man nur durch einfache, pragmatische Erklärungen begegnen. Zum Beispiel? Im journalistischen Umfeld gibt es hier das Beispiel Twitter. Am Anfang hat man diejenigen belächelt oder sogar hart kritisiert, die das Tool einfach nur einmal ausprobiert haben. Jetzt ist der Umgang durch die alltägliche Praxis schon etwas souveräner. Bei welchen wichtigen gesellschaftlichen Themen im Zusammenhang mit medialen Veränderungen versagt der Journalismus aktuell? Hier gibt es unterschiedliche Ebenen - zum einen die thematische, zum anderen die methodisch-praktische. Bei den Themen vermisse ich das Nachhaken. Vieles wird nur vermeldet, aber man bleibt dann nicht mehr wirklich am Ball. Entsprechend gefallen mir natürlich Formate wie “Was macht eigentlich xy?” oder “Nachgehakt”. Ich vermisse auch im politischen Raum eine Vorfeldberichterstattung. Oft habe ich schon gehört, dass man das Thema erst machen möchte, “wenn es aktuell ist” bzw. wenn die Entscheidung kurz bevorsteht. Aber dann ist der Entscheidungsprozess ja schon so gut wie abgeschlossen. Die Medien können so nicht wirklich einen öffentlichen Diskurs gestalten. Was den Umgang mit digitalen Medien anbelangt, finde ich manches Verhalten in sozialen Netzwerken verantwortungslos. Wenn hier nach Katastrophen wie etwa dem Amoklauf von Winnenden die Bilder von minderjährigen Opfern einfach verwendet werden, ist das eine Art von digitalem Witwenschütteln, die nicht mehr akzeptabel ist. Warum glaubst Du ist der Qualiätsjournalismus bedroht? Ein Grundthema, das ich immer wieder in meinen Arbeiten finde, sind die digitalen Bürgerrechte sowie Partizipationsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft. Das hängt wohl damit zusammen, dass ich die Demokratie als etwas eher zerbrechliches empfinde, das nur durch mündige Bürger lebendig gehalten werden kann. Mündigkeit speist sich aus Wissen und umfassender Partizipation. Wenn das Lernen und die Teilhabe auf irgendeine Weise behindert werden, dann finde ich das alarmierend. Im Moment beispielsweise erlebe ich, dass Zeitungen aufgrund der schlechten Anzeigensituation nur sehr wenig Platz haben und viele Themen, die mir wichtig sind, nicht berücksichtigen können. Auch Online-Medien haben wenig Platz, weil sie ihren Honorartopf am Anzeigenvolumen orientieren. Diese Entwicklung bedroht nicht nur jetzt schon die Existenzgrundlage vieler freier Journalisten, sondern mittelfristig auch die Medienvielfalt, die für unsere Demokratie so wichtig ist. Hoffentlich können die Blogs und Social Networks sich so weiter entwickeln, dass sie einen Teil des so entstehenden Informationsdefizits wieder auffangen. Welche Potentiale und Einsatzfelder siehst Du für den (Online-)Journalismus in den Social Media Tools? Die Anwendungen werden sich so weiter entwickeln, dass jeder bzw. jede Gruppe oder jedes Unternehmen sich seine persönliche Öffentlichkeit, sein informationelles Ökosystem schaffen und optimieren kann. Insofern werden auch neue Player in der Medienöffentlichkeit auftauchen. Nicht nur Leute oder Dienste, die Aggregationen auf vielfältigste Weise vornehmen, sondern auch Menschen, Gruppen und Unternehmen, die aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit das Vertrauen ihrer Öffentlichkeit gewonnen haben und so als wichtige Netzwerkknoten ein eigenes Agenda-Setting betreiben können. Um diese Knoten herum werden sich neue ökonomische Verwertungsmöglichkeiten entwickeln. Schon heute spielen Werbung und Sponsoring eine Rolle, vorstellbar sind beispielsweise auch Spin-Off-Produkte wie etwa eine gezielte Zusammenstellung von Informationen in ausdruckbaren Handbüchern oder Magazinen oder die Organisation exklusiver Konferenzen, die beispielsweise nur für Premium-Mitglieder stattfinden. Was das journalistische Arbeiten anbelangt, kann ich mir vorstellen, dass Journalisten gezielt für aufwändige und anspruchsvolle Recherchen engagiert werden. Neue Aufgaben gibt es sicherlich auch im Bereich technisch unterstützter Aggregationsdienstleistungen oder eines Communitymanagements, das mit einer Art Crowd Reporting umgehen muss. All dies wird sich vermutlich zunächst in thematischen Nischen abspielen und über eine Kombination von crossmedialem Verlagsengagement, Sponsoring und Werbung finanzieren. Aber all diese Veränderungen werden wir nicht von einem auf den anderen Tag erleben, sondern nur in einem eher schleppenden, teilweise auch mühsamen Prozess, der sicherlich auch zahlreiche Umbrüche mit sich bringen wird.    Verwandte Artikel

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