Es kam, wie es kommen musste. Der Algorithmus. Eine Handlungsvorschrift, die sequentiell, also nacheinander abgearbeitet wird, um ein Problem zu lösen bzw. eine Aufgabe zu erfüllen, wird zum Spielball der Dichter und Denker. Als Miriam Meckel darüber geschrieben hat – und nichts anderes fand als die fade recommendation engine aus dem eCommerce – war es mir der Mühe zu gering, darauf zu antworten. Als aber nun die geschätzte Kathrin Passig in der SZ sich bemüßigt sah, auf die am Boden argumentierende Meckel auch noch einzuschlagen, da wurde der Beschützerinstinkt in mir geweckt…
Liebe Kinder und Kinderinnen, es ist nicht an dem. Ich freue mich ja, wenn normale Leute sich mit mathematischen Verfahren abmühen oder zumindest deren ingenieursmäßige Ausbeutung in der Informatik betrachten. Aber mal unter uns: Tausende Sachbearbeiter in Banken und Versicherungen wurden entlassen, weil die automatische Posteingangsbearbeitung und Klassifikation die Schadensbearbeitung und viel trivialere Aufgaben in wenigen Jahren in die Hände von Robotern legten. Der Hochfrequenzhandel ist ein dicker Brocken bei der Ursachenforschung rund um die Finanzkrise. Und Überwachung im großen Stil geht ohne algorithmische Textanalyse gar nicht mehr. Manche können sich ja bis heute nicht vorstellen, dass der Einzug der Roboter in der Industrie nur ein Fliegenschiß war gegenüber dem, was in der Dienstleistungswelt passiert und noch passieren wird. Da war das sarkastische Wort vom Bildschirmrückseitenberater von Günter Dueck auf der re:publica nur ein geschniegelter Anfang der Entlassungswelle, die schon länger durch den dritten Sektor rollt. Und alle die mit ihm darüber gelacht haben, werden sich noch umschauen, was es heißt, wenn die IBMs und HPs dieser Welt die Arbeitswelt vollständig umgekrempelt haben, auf dass nur noch Experten und 400-EURO-Jobber übrig bleiben.
Eine Recommendation Engine steckt in jeder Suchmaschine, die den Namen verdient und analysiert das Bedienerverhalten und optimiert daraufhin seine Ergebnislisten, was Eli Pariser zu der so schönen wie falschen Annahme verleitet hat, dass wir alle im Web in einer Filter Blase vegetieren. Wir tun das sowieso schon immer in der Medienwelt, weil sie eine vermittelte Welt ist. Das eigentliche Problem, das er gar nicht erkannt hatte und das hier weder bei Meckel noch bei Passig auftaucht, ist die Frage, wie wir vernetzte Informationen überhaupt sinnvoll einsetzen können – und zwar in bezug auf aktuelle und künftige Aufgaben.
Denn unser Gehirn filtert freundlicherweise fast alle aktuellen Informationen aus. Die Intuition behandelt die Gegenwart und reagiert, das Bewußtsein ist nur für die Planung, also die Zukunft zuständig. Philosophen und Neurowissenschaftler behandeln im Zuge des Libet-Experiments dieses selbe Problem mit der unzureichenden Frage nach dem freien Willen. Es geht aber nur um Gegenwart und Zukunft. Und das ist auch der Kern bei den Algorithmen. Würden wir im Web frei agieren, gäbe es keine Vorbehalte gegenüber den unsichtbaren Regelwerken. Aber im Web wird unser zukünftiges Handeln extrapoliert, nachdem unsere Intuition die Software der Webdienste mit Daten über unser unbewusstes und vorbewusstes Entscheiden füttert. Die reflektierende Ebene ist ein Automat geworden.
Die Vorwürfe der Kulturjournalisten gegenüber den Algorithmen sind bisher einfach schlecht formulierte und unzureichend durchdachte, aber intutiv richtig erfasste Ängste gegenüber einer Black Box, also einem unkontrollierbaren Verfahren namens Algorithmus, das unseren Entscheidungen im Web in einer Schleife Informationen entnimmt und damit neuronale Netze füttert, die ihrerseits die Gestalt und die Inhalte im Web neu strukturieren, um uns angepasster zu sein. Diese Form der gelenkten Evolution ist aber keineswegs eine Selektion, die erwünschte gesellschaftliche Entwicklungen verstärkt. Es geht dabei also nicht um das Abbilden unserer gemeinschaftlichen Schlenker, die wir als soziales Wesen vollführen. Es geht um kommerzielles Verfügbarmachen und Optimieren der Strukturen im Web unter der Knute des Populären. Damit wird der Kern des Web falsch bewertet und vom Wesentlichen abglenkt. Denn das Web ist der erste Kulminationspunkt, in dem eine orale und eine schriftliche Kultur zusammenfallen. Es ist damit die Essenz der letzten Jahrtausende unserer Kulturgeschichte. Der Algorithmus jedoch ist ein Hersteller künstlicher Düfte und Aromen, die uns zu etwas locken sollen. Die Folgen sind unabsehbar für die Gärtnertätigkeit bei geistigen Schöpfungen. Es geht im Zweifel alles das verloren, was uns an unvermittelter Kommunikation bleibt. Im Mindesten wird diese fantastische Hochzeit von Sprach- und Schriftkultur einfach im Optimierungswahn der Werbewelt zu einer Las-Vegas-Hochzeit mit Elvis-Presley-Double und Musik vom Band.
Es geht also darum schlauer zu werden und den Algorithmen auf die Finger zu schauen. Transparenz? Nee, so platt kommt ihr mir nicht davon. Es muss eine Diskussion geben darüber wie unsere Gesellschaft das Web strukturieren und nutzen will. Die Anbieter müssen ihre Pfründe bekommen, meinetwegen Milliarden, aber wir müssen das Erbe der Menschheit pflegen: Sprache und Schrift und nicht zuletzt unser Nachdenken über unsere eigene Zukunft. Und das soll nicht allein an unseren unbewußten Entscheidungen im Web ausgerichtet werden sondern an Visionen, Werten und einem breiten Diskurs.
Lifestream » netztheorie
Dem Algorithmus ein natürlicher Feind sein?
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January 11 2012, 9:45am
Netzwerk oder Stahlwerk?
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Um die Kulturtechnik Internet zu verbessern, sollten Programmierer und Nutzer sich besser verstehen. Viele Standardbegriffe verhindern dies jedoch. Vielleicht vernebeln sie sogar ganze Bedeutungsbereiche in Sachen Kommunikation.
Gerade Wörter wie Netzwerk oder Datenflut sind ständige Begleiter der Diskussionen über technologische Gegenwart und kulturelle Zukunft. Aber helfen uns diese Begriffe überhaupt beim Formulieren und Verstehen aktueller Probleme und Wünsche?
Will man ein Netzwerk beschreiben, muss man in die Tiefen der Mathematik hinabsteigen: in die Graphentheorie. Dieser Teil der Mathematik ist nicht ganz zufällig die Basis vieler Algorithmen oder der Komplexitätstheorie. Damit sind wir im Kern der Informatik. Aber auch das Zusammenleben der Menschen wird auf diese Weise formuliert. Graphentheoretische Modelle bildeten die erste Grundlage für Soziologen, um Soziale Netzwerke zu analysieren. Auf diese Weise haben Wissenschaftler eine naturwissenschaftlich fundierte Struktur an der Hand, um die soziale Ordnung einer Gruppe nachvollziehbar zu beschreiben. Die einzelnen Akteure solcher Gemeinschaften werden dabei als Knoten (vertices) betrachtet. Ihre Beziehungen zueinander werden als Kanten (edges) formuliert. Diese beiden Elemente bilden gemeinsam große oder kleine Strukturen: die Netzwerke. Schon lange vor der Soziologie wurden in der Ethnologie Verwandtschaftsverhältnisse bei Naturvölkern auf diese Weise aufgezeichnet. Die Vorläufer solcher Analysen stammen von britischen Forschern, die afrikanische Stämme untersuchten. Heutzutage schauen wir differenzierter auf Beziehungen als nur unter dem Aspekt der Verwandtschaft.
Denn neben den Sozialwissenschaften und der Psychologie haben auch die Wirtschaftswissenschaften und die Systemtheorie diesen Begriff in ihren Methodenkanon aufgenommen. Interessant ist dabei vor allem der Blick auf die Betriebswirtschaftslehre, die als Netzwerkorganisation einen informellen Zusammenschluss von Menschen mit ähnlichen Interessen beschreibt, die voneinander profitieren. Doch genau das fehlt in der Beschreibungswelt der Graphentheorie: Eine Dimension der Organisation, also eine inhaltliche Beschreibung der Motive und Handlungen der ordnenden Hand. Denn Graphen sind eine Menge von Punkten. Zugegeben, die Knoten als Verbindung mehrerer Graphen sind besondere Elemente, aber wie weit reicht diese Metapher des Netzwerks, um aktuelle Zustände oder zukünftige Vorhaben zu gestalten?
Denn anders als die Institution der Organisation ist der Prozess des Organisierens eine ganz andere Kategorie, die nicht als Element oder Struktur beschreibbar ist, sondern auf beide einwirkt. Die Handlungen der Beteiligten sind an dieser Stelle eine mögliche Dimension. Deutlich interessanter muss für uns jedoch der Aspekt des Sinns sein, der diese steuernden Handlungen lenkt.
Dieser Blick wird besonders gern unterschlagen, wenn Datennetzwerke zur Diskussion stehen. Ob Datenschutz, Bundestrojaner oder Terroristendateien – in den allermeisten Fällen werden Beziehungen und Knotenpunkte diskutiert. Die Knoten sind entweder private Datenendeinrichtungen, die aus geschäftlichen Gründen geheim bleiben sollen oder es sind persönliche Kommunikationsapparate einer Privatperson, die dort einen geschützten Raum für ihre persönlichsten Informationen wünscht. Wenn Datennetzwerke und soziale Netzwerke ineinander fallen wie bei Facebook oder Google+, dann wird aus dem Fachbegriff Netzwerk eine metaphorische Beschwörungsformel, die zu allerlei Spekulationen Anlass liefert. Leider fallen in vielen Talkshows und Podiumsdiskussionen vor allem die Experten mit einem metaphorischen Gebrauch von basalen Fachtermini wie Daten oder Netzwerke auf. Denn je ungenauer die Knoten, Verbindungen und Daten beschrieben werden, desto eher verkommen die Begriffe zu reiner Wortmalerei.
Die Diskussionen um Facebook-Parties, Datenschutz, Fotos mit betrunkenen Jugendlichen und den Abermilliarden an Werbeeinnahmen werden durch schwammige Begriffe wie eben das Netzwerk weder verständlicher noch präziser. Denn die sogenannten social networks vornehmlich amerikanischer Herkunft sind ein Goldesel, der uns verkleidet als hölzernes Pferd ins Dorf geschoben wurde mit dem Hinweis, dass wir mit dieser Software Identitätsmanagement betreiben können. Der Nutzer listet seine Freunde (Knoten) auf und die Kanten werden durch die Interaktionen mit diesen Leuten täglicher präziser beschrieben. Fragt sich nur, für wen die Präzision zunimmt.
Aber die Organisation solcher Netzwerke bleibt unsichtbar und undiskutiert. Jeden Monat kommen neue Funktionen hinzu. Ihre Aufgabe ist es, den einzelnen Knoten – sei es der Nutzer oder ein Inhalt wie verlinkte Artikel oder Videos – besser zu beschreiben. Die Sinnhaftigkeit und die Präzision geben die Programmierer vor. Jedes Mal wenn wir gegenüber Vertretern der Webgiganten wie Facebook und Google die Interessen der Nutzer einklagen wollen, kommt es nur zu einem Austausch über die Elemente und Verbindungen. Die Sinnebene erreichen wir nicht. Die Sprache fehlt.
Das liegt aber auch an uns. Denn innerhalb der Gesellschaft brauchen wird Denker und Praktiker, die die neue Kulturtechnik der Echtzeitkommunikation mitten in einer mobilen Bücherei mit Abermillionen von Dokumenten und Kommentaren mit uns und für uns gestalten. Wenn Sicherheitsbehörden, Politiker, Funktionäre und Firmenlenker unisono von anhaltenden Kommunikationsproblemen sprechen, während wir alle gemeinsam in dieser mobilen, allwissenden Datenhalde stehen, die Dutzende Megawatt Storm täglich verschlingt, dann müssen wir den Programmierern offenbar bessere Aufträge erteilen und unsere Wünsche angemessener ausdrücken.
Leider entwickeln die Computerfreaks meistens ohne unser Zutun, weil wir einfach nicht richtig unseren Bedarf formulieren. Und leider beschreiben sie gern alle Aufgaben im Rahmen der Graphentheorie. Auf diese Weise kann man zwar phantastische Routenplaner erstellen, aber schon die Aufgabe, ein Rundreise zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu errechnen, die kurze Fahrzeiten beachtet, also möglichst wenig gefahrene Kilometer zum Ziel hat, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Wenn man also Sinn hinzufügen will zu den Kanten und Knoten, dann purzeln die mathematischen Verfahren durcheinander und Computer-Software als das Land der unbegrenzbaren Wirklichkeiten wird schnell zum Flaschenhals für einfach menschliche Bedürfnisse.
Eine ähnliche Betrachtung kann man auch für den Begriff der Datenflut anstellen. Hierbei handelt es sich um die Tatsache, dass eine unvorstellbare Anzahl an Buchstaben und Zahlen weltweit auf Computern gespeichert ist, die alle an das Internet angeschlossen sind. Wer aber den Speicherort nicht kennt, wird nie auf diese Flut zugreifen können. Suchmaschinen durchsuchen jede Sekunde das gesamte Datennetz und ermöglichen erst das Wissen über die Unzahl an möglichen Informationen – die man ohne sie nie erfahren hätte. Dann erst haben sie ihre Existenzberechtigung, indem sie uns erklären, dass ihre Arbeit darin liegt, die einzelnen Treffer zu gewichten. Sie schaffen also erst das Problem, dass sie nachher großzügig lösen. Zumindest sollen wir glauben, dass sie das Problem lösen. Da sie nicht wissen, was für uns wichtig ist, müssen sie auch noch Informationen über unsere Interessen sammeln, damit sie uns präzisere Lösungen für Probleme anbieten können, die wir ohne sie nicht hätten. Auch hier begegnen wir wieder dem Phänomen, dass die Sinnebene gar nicht erörtert wird. Denn die Pioniere haben das weltweite Datennetz früher auch ohne globale Suchmaschine genutzt: Sie haben mit anderen kommuniziert. Gemeinsam hat man Lösungen gefunden. Das hat zwar länger gedauert als einfach ein paar Worte zu googeln, aber wer sagt denn, dass mehr Geschwindigkeit ein erstrebenswertes Ziel ist.
Es wäre an der Zeit, dass wir Talkshows, Stammtischsitzungen und Familienmeetings nutzen, um über Sinn und Unsinn der digitalen Informationswelt und deren Nutzen im Alltag zu diskutieren. Tausende Firmen mussten ihre Arbeitsprozesse an Betriebssoftware anpassen. Das passiert nicht immer zum Wohl der Firma. Und auch das Anpassen der Kommunikationsgewohnheiten an die Modellierfähigkeiten der Programmierer findet nicht immer uneingeschränkte Zustimmung. Auf der anderen Seite steht der Unwillen vieler Nutzer, sich auf die neuen Herausforderungen offen einzulassen und neue Fähigkeiten und einen verantwortungsvollen Umgang mit Technik auszubilden. Denn man kann ein Smartphone am Wochenende einfach ausstellen. Und dann zählen wieder so archaische Kantenbeziehungen wie Verwandtschaft und Freundschaft.
Will man jedoch, dass die Ängste und Unsicherheiten rund um digitale Kommunikation und Arbeitsorganisation eingedämmt werden, dann muss ein offener Austausch über Wünsche und Möglichkeiten stattfinden. Viele Begriffe der Webexperten kommen aber weder im Alltag noch in der Vorstellungswelt der Nutzer vor. Genau genommen entstammen sie zumeist einer technischen Herkunft. Und so reden weiter alle aneinander vorbei, wenn sie überhaupt reden. Denn vor der Technikfolgenabschätzung haben die höheren Wesen die Entwickler und Ingenieure gesetzt. Der Kunde oder Nutzer darf höchsten beim Testen dabei sein, ob die Erfindungen bedienbar sind. Und man darf dem Nutzer bis auf die Innenseite der Fußsohle schauen – zu seiner Sicherheit. Da ist das Gerede von der schlimmen Datenflut ein Hohn. Und das Netzwerke andere Produkte als Stahlwerke ausstoßen, dürfte auch klar sein.
December 12 2011, 10:00am
Der Begriff Privacy
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Im Jahr 1890 hatten der amerikanische Richter Louis Brandeis und der Anwalt Samuel Warren den Begriff privacy zum ersten Mal als Recht formuliert, den Schutz des privaten Bereichs als Teil der persönlichen Freiheit durchzusetzen. Es handelte sich dabei vor allem um ein Abwehrrecht gegen die anstürmenden Kräfte der Presse, des Staates und öffentlicher Behörden. Denn zu jenem Zeitpunkt begann ein organisatorischer und technischer Fortschritt bei Medien und behörden den Bereich der persönlichen Aktivitäten zu beobachten, die vorher schlicht nicht der öffentlichen Hand zugänglich waren und auch die Presse bis dato unangetastet gelassen hatte. Zwar war das eigene Land und die körperliche Unversehrtheit schon vorher geschützt, die beiden Juristen sahen jedoch in der zunehmend ökonomisch agierenden Presse sowie den Aufzeichnungsmöglichkeiten für Bild und Ton eine neue Form des externen Übergriffs auf die persönliche Schutzzone. Sie mahnten daher an in ihrem Grundsatzartikel The Right To Privacy an, das Recht an der eigenen Person müsse angesichts der modernen invasiven Praktiken durch Staat und Firmen gestärkt werden, damit die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben gewahrt blieben…
Heutzutage wird an dieser Stelle oft und gerne über Datenschutz gesprochen und geschrieben. Allerlei abenteuerliche historisch oft einseitige Herleitungen für diesen Schutz persönlicher Informationen werden bemüht, um einen künstlichen Keil zwischen die Selbstbestimmung des Menschen über seine Daten und die invasiven und zum großen Teil stillen Aktionen von Firmen zu treiben, um an eben diese persönlichen Daten zu kommen. Dabei werden oft aktive und passive Aktionen miteinander verwechselt oder gar nicht erst differenziert. Vergessen wird dabei nicht selten, dass es einen großen Unterschied zwischen öffentlichem Leben und Öffentlichkeit gibt. Analog werden auch Privatheit und privates Leben vermengt. Habermas sieht in der Öffentlichkeit im weitesten Sinne das Publikum als mehr oder weniger große Masse von Menschen mit mehr oder weniger koordiniertem Willen zur Meinungsbildung über die Dinge, die alle etwas angehen. Das Private umfasst eher den willkürlichen Bereich des Lebensnotwendigen. Wenn man in Betracht zieht, dass beide Sphären im Lebensvollzug erst ihren Wert für die Person erhalten, dann bekommt die theoretische Diskussion überhaupt erst einen praktischen Sinn, nämlich einen ethischen. Hierbei ist dann zu bedenken, welche Informationen wem dienen sollen. Die Interessenlage der Person muss sich dabei nicht gegenüber dem öffentlichen Leben begründen. Es muss reichen, dass im allgemeinen Persönlichkeitsrecht festgelegt ist, dass bei Personen, die nicht im öffentlichen Leben stehen (Politiker, Schauspieler etc.) alle privaten Informationen schützenswert sind. Wer nun denkt, dass jeder, der im Internet seine Fotos oder Statusmeldungen verbreitet, damit ein Angebot an das öffentliche Leben unterbreitet, ein ähnliches Interesse an der Person zu entwickeln wie wir es bei Hollywood-Stars unterstellen, der begeht einen kategorialen Fehler. Denn es ist im allgemeinen Fall davon auszugehen, dass er oder sie dies nur gegenüber seinen Freunden tun möchte, die er präzise zu diesem Zweck in seine Liste im Sozialen Netzwerk eingeladen hat. Noch offensichtlicher sind staatliche Eingriffe wie das SWIFT-Abkommen über Bankdaten oder der Austausch von Reisedaten mit den USA. Dort kommen immer wieder höhere Werte als Begründung vor, um die Datenübermittlung einzuordnen. Was Brandeis und Warren noch auf die moderne Presse und das mechanische Bannen von Menschen und ihren Worten bezogen (in dieser Linie können wir ihre Argumente um Google und Facebook erweitern), muss nun aber vor allem auf die Geheimdienste und transnationalen Intermediäre wie etwa SWIFT übertragen werden. Einfach nur darzulegen, dass jederzeit alle versierten Informatiker jedes Datum, das an das Internet angeschlossen ist, immer und überall ausgelesen können, liefert keine positive oder negative Bestimmung einer Grenze des privaten Lebens. Es sei denn, man negiert diese Grenze für das Internet. Dann allerdings bedarf es einer konstruktiven Zusammenschau beider Sphären. Denn dann ist das Netz ein Drittes. Besonderen Reiz dürfte in diesem Fall eine Ethik dieser neuen Sphäre ausüben auf alle, die sowieso Abgrenzungsprobleme haben. Dies könnte psychologische Gründe haben. Hoffen, wir dass die Diskussionen rund um post-privacy nicht auf diese Weise motiviert sind. Ein Erörtern der Frage, ob der persönliche Computer oder das Smaprtphone nun dem eigenen Haushalt zuzuordnen ist, klingt verlockend historisch. Aber es geht dabei wieder nicht um das Leben sondern nur um die Sphären in denen es sich abspielt. Eine umfassende Diskussion sollte aber nicht nur Element und Strukturen eines Phänomens betrachten sondern vor allem die Organisation derselben. Das ist in diesem Fall der Wille der Person und der Wille des Staates bzw. der Firma. Eine Willkür der Firma mit ihrem Geschäftsmodell zu erklären hat in etwa denselben erklärenden Gehalt wie das Morden eines Serientäters mit dem Vorhandensein seiner Waffe zu begründen. Analog sollten wir den persönlichen Schutzwillen bzw. den behördlichen Willen zum Datenaustausch diskutieren. Alle. Bald.
November 24 2011, 10:10am
Digitales Sein und Echtzeit
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Kann die Kommunikation in Echtzeit unsere Vorstellungen von Information und Wissen wirklich sprengen? Der Philosoph Martin Heidegger würde auf unseren kulturellen Überlieferungen zurückschauen.
Subjekte – also die Träger von Bewusstsein – sind gerichtet auf Gegenstände wie Kaffeetassen, Freudenhäuser oder sündhaft teure Schuhe von Manolo Blahnik. Bewusstsein wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden als Ort der eigenen Absichten eines Menschen. Diese intentionale Bestimmung ist geschuldet der Distanz zwischen Subjekt und Objekt. Hier der Wunsch und dort das Chalet in der Schweiz oder der Porsche. Seit Descartes war dieses Verhältnis hauptsächlich ein Problem zwischen Ich und der räumlichen Umwelt. Erst im letzten Jahrhundert begann ein Deutscher die Zeit und ihre Auswirkungen grundlegend in den Blick zu nehmen…
Denn erst der Philosoph Martin Heidegger hat den Zusammenhang dieser Erkenntnislehre um persönliche Absichten zur Lebensweise begründet. Er erweitert unsere Begrifflichkeit für die Dinge um eine historische Perspektive. Das Besondere daran ist sein Fokus auf den aktuellen, einzigartigen Moment. Das Absolute, das für Heidegger in Gott bestand, ist nur für das Individuum im Gegenwärtigen erkennbar. Wer die vielgestaltige und indifferente Gegenwart zum Untersuchungsgegenstand machen will, der muss sich gewahr sein, das sie geprägt ist durch eine Überlieferung. Denn alles das, was sich jetzt mitteilt, tut dies in Gestalt erlernter, traditioneller Mitteilungsformen. Heideggers Form der Dekonstruktion kritisiert damit weniger die Tradition als viel mehr die Rolle, die Überlieferungen gegenwärtig für jeden Einzelnen spielen. Dieser Fokus auf das Wie muss nun bei der Betrachtung des Internet zuallererst kritisiert werden.
Denn wir betrachten auch im digitalen Zeitalter noch immer alle Ansammlungen von Buch- und digitalen Staben als ein mehr oder weniger kompaktes Abbild einer Wissenssammlung, die wir als Bibliothek oder Enzyklopädie im Alltag kennen und nutzen.
Nur am Beginn dieser Tradition der Wissenssammlungen ist eine kritische Betrachtung möglich. Nur so wird der Maßstab sichtbar, der uns die Ängste, Probleme und Bewertungen zum Komplex Internet einflüstert: Laufende Meter an Regalen, die zu ganzen Rechenzentren mutierten.
Am Anfang war: der Himmel
Die Schrift entstand historisch aus dem Motiv, die sprachliche Übermittlung von Inhalten von der Person des wandernden Erzählers zu lösen. Denn viele erzählte Mythen und Geschichten enthielten sowohl kulturelle als auch persönliche Anteile der Erzählperson die der Übermittlung eines Aussagekerns nicht dienlich erschienen.
Die Anfänge der Schrift gehen weit zurück. Bestimmte Schnitzereien auf Knochen oder Holz dokumentierten die Beobachtung der Gestirne über lange Zeiträume, sodass beobachtbare Phänomene in abstrakte Symbole überführt wurden. Einige aufmerksame Beobachter lernten so den Stand der Gestirne zu bestimmten Zeiten vorherzusagen, in dem sie Gesetzmäßigkeiten in ihren Aufzeichnungen erkannten. Damit begann auch die Geschichte der Mustererkennung ihre ruhmreiche Entwicklung. Später im antiken Ägypten konnten die Pharaonen mit diesem Verfahren ihre Gottesnähe dokumentieren. Da sie offenbar mit den Gestirnen “kommunizierten“, konnten sie die Vorhersagen über die Nilfluten anhand der Mondstellung dem gemeinen Volk als göttliche Botschaften glaubhaft machen. Die Naturgesetze waren Treibstoff des Pharaonenkults geworden. Die Ägypter konnten weder vor den Fluten noch den Vorhersagen der Himmelsbeobachter (Priester) weglaufen.
Genauso entkommen wir auch nicht der besonderen Situation, in die wir geworfen sind. Unser jeweils besonderes Leben, das wir als das unsere wählen, bei Heidegger heißt es dann Dasein, ist Schicksal und Aufgabe zugleich – wir halten Stand in der jeweiligen Situation, in der wir sind. Wer angesichts der Millionen von Informationen, die auf uns einprasseln, vergisst, dass sie alle “die Gestirne vorhersagen wollen“, der gibt seine Macht über die Staben dieser Welt an der Garderobe des eigenen Lebens ab. Man verfällt dann den Symbolen und Chiffren, die andere wie einen Mantel über uns werfen oder wie die sprichwörtlichen Schuhe, die man sich eben (nicht) anzieht.
Wenn wir das Phänomen der Information und der Wissenssammlungen in digitalen Kanälen betrachten, dann finden wir zunächst die alte Form des Papiers, dass nachgebildet wird als Dokument oder Tabelle. Im digitalen Feld wird es getrennt in Daten, also semantisch codierten Text in natürlichen Sprachen, die wir schreiben und lesen können und Maschinencode, der das Layout und zusätzliche Operationen mit diesen Textschnipseln ermöglicht. Uns gegenüber zeigt sich etwas ganz Anderes als einem Kalkulationsapparat wie dem Prozessor des Computers.
Sinn-Produktion
Das Neue am Internet und in der Folge dem WWW ist daher, dass die Staben für uns eine Existenzform der Sammlung von Wissensbeständen darstellen und für die Maschinen, die unser Kalkulationsvermögen simulieren, sind die enthaltenen Texte Halbfabrikate. Sinn und Grund all der Informationen, die wir gern als Wissenselemente speichern, liegen in dieser zweifachen Existenzform vor. Die zweite, verschleierte Form des Vorprodukts zeigt auf den Warencharakter der Texte, den Verlage, Buchautoren, Lehrer und Werbenetzwerke in klingende Münze und damit in den Broterwerb umsetzen. Der eigentliche und menschliche Sinn und Grund der Sprache liegt jedoch in der Herrschaft über das Beobachtbare zum Zweck der Beherrschung der Welt. Die Königsdisziplin der Vorhersage treffen wir in jedem naturwissenschaftlich-positiven Experiment an. Denn nur, wer Vorhersagen über seinen Untersuchungsgegenstand machen kann – die dann auch eintreffen – der hat Macht bewiesen über das verborgene Wesen der Welt. Er hat hinter die Himmelsscheibe geguckt und die Mechanik der Gestirne entschlüsselt. Hier treffen sich die praktische Klugheit (phrónesis) und die Weisheit (sophía). Denn nur das täglich Handeln im Schnitzen der Beobachtungen in den Mondkalender der frühen Kulturen kann dann die Weisheit erweisen, die im Erkennen der Gesetzmäßigkeit liegt.
Im Internet können sich die Menschen gegenseitig ihrer Sicht auf die Welt bestätigen oder widerlegen. Das Verunsichern oder Bestätigen der Sicht auf die Welt kann zu einer Manie werden. Der Blick auf die Gegenwärtigkeit ist Zentrum des digitalen Kanals. Nur im weltweiten Netz begegnet man sich quasi synchron und symmetrisch. Es gibt keine Torwächter, die bestimmten Staben den Eintritt verwehren. Das hat Folgen für unser Verständnis der Schrift.
Denn traditionell war Schrift ein Mittel, um persönliche und kulturelle Eigenarten der Erzähler zu objektivieren. Jetzt ist Schrift jedoch ein Mittel des Gegenwärtigen. Die alte Tradition der Sammlung wertvoller Gedanken und Lehrmeinungen in Inkunabeln (mittelalterliche Handschriften) ist in zwei Richtungen überholt: Texte sind persönliche Wissensbekundungen als Annahme oder Meinung und im Speicher der Computer sind sie Vorprodukte von immateriellen Gütern. Damit hat sich sowohl der Markt als auch das Individuum der Schrift bemächtigt.
Die Echtzeitphänomene sind seither nur die eine Seite der Medaille, denn aus jedem ad-hoc geäußerten Wortbeitrag im Netz kann im Handumdrehen ein wichtiger Artikel entstehen, der Firmen, Staaten oder Persönlichkeiten in Erklärungsnot bringt, Aktienpakte wertlos macht oder gar Kriege auslöst. Und hier löst sich Heidegger von Aristoteles und das Netz von unseren tradierten Überlieferungen. Denn Sein ist nicht im Fertigen und final Geformten sondern eben genau davor, in der Bewegung, im Entstehen, sozusagen in statue nascendi. Heidegger ging es genau nicht um das tote Wesen eines Dings an sich sondern um das lebende Wesen in seinem historischen Werden. Genau das erleben wir im Netz: Es ist kein information overload, denn man in Gänze begreifen könnte. Das Internet ist die Möglichkeit, dem humanen Gras beim Wachsen zuzuhören.
Das Internet lässt sich folglich nicht absperren und es unterhält auch keine genuine Schnittstelle zum Bewusstsein. Es ist eine Frage des Einzelnen an sich selbst und alle Mitleser, ob das was man formuliert, auch ein Teil des (All)Gemeinen sein kann. Dabei ist das Gemeine, das, was uns alle verbindet.
Wir alle teilen bisher nur – schamhaft verhüllt – die Eigenschaft, das andere Geschlecht zu beabsichtigen. Der Gottesersatz namens Individuum legt daher das Feigenblatt über diese gemeinsame Eigenschaft. Jetzt lernen wir eine neue Gemeinsamkeit kennen: Jeder Mensch erlebt jeweils eine eigene Sicht auf die Welt. Und im Netz merkt man gerade im Banalen wie ähnlich die vielen Welten der vielen Individuen sind. Wir begegnen uns selbst im Leben der Anderen. Diese gemeine Erkenntnis möchten viele schnell hinter einem Pseudonym verstecken. Aber diese moderne Form des Feigenblatts ist eigentlich überflüssig.
October 7 2011, 10:00am
Das Zwischenreich
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Bisher galten die Natur und die Kultur als unversöhnliche Geschwister der Schöpfung höherer Wesen. Aber in dem vermeintlichen Abgrund lebt eine Subkultur: Die Komplexität und die Emergenz. Als Kain und Abel ihre Bruderzwistigkeiten ins dramatische Fach verlegten, hatten sie noch keine Vorstellung davon, dass ihre Urenkel Tausende Jahre später den alten Streit noch immer ausfechten müssen. Je nach Bedürfnislage kriegen sich die Streithähne über Ackerland, Vieh, Frauen und seit einigen Jahrhunderten sogar wegen ihrer Götter in die Haare. Und dass, obwohl bis zum heutigen Tag noch niemand einem Gott begegnet ist. Aber auch der Natur und der Kultur hat bis heute noch keiner die Hand geküsst oder ein Haar gekrümmt. Und doch ist das Tischtuch zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern zerschnitten – und zwar mit Gründen…
Im Vordergrund liegen genau auf den möglichen Begegnungstätten unverrückbare Steine wie der naturwissenschaftliche Glaube an die strikte Trennung zwischen Erkenntnissubjekt und dem Erkenntnisobjekt, also dem Beobachter und seinem Untersuchungsgegenstand. Aber schon der Atomforscher Heisenberg konnte nachweisen, dass der Experimentator keinen kleinen Einfluss auf seine Untersuchung hat. Das war Wasser auf die Mühlen des ungeliebten Bruders. Denn dem Geisteswissenschaftler genügen die Erkenntnisse über grundlegende Gesetze der Natur nicht. Er hält der anderen Fraktion vor, nur Beziehungen zwischen den Sachen zu betrachten. Das Verstehen der Sache selbst, das soll die wahre Aufgabe sein. Außerdem sei es schlicht unmöglich, den Beobachter vom Objekt zu trennen, da man nur die Inhalte der Wahrnehmung zur Verfügung habe. Wie die Sachen wirklich seien, könne man doch sowieso nicht von außen erkennen. Und fortan vertrieb man sich die Zeit mit allerlei Interpretationen und Auslegungen des Menschen. Die Naturwissenschaftler kümmerten sich um den beträchtlichen Rest der Schöpfung.
Doch als man dann langsam aber sicher auf die letzten Fragen stieß, wurde es unruhig im Staat der Naturbetrachter: Was ist unser Ursprung? Und wer denkt ihn uns?
Im Rahmen des anhaltenden Siegeszuges der Biologie wurde kurzerhand alles, was zuviele Daten im Labor produzieren würde, um sie sinnvoll zu analysieren in große Beutel gepackt. Dort klebte man dann Etiketten wie“Komplexität“ drauf. Diese Beutel enthielten alles, was sehr viel war. Auf anderen Beuteln kam das Etikett “Emergenz“. Das waren die Sammel-Beutel, in die man die einzelnen Komplexitätssäcke gepackt hatte. Denn es zeigte sich, dass vor allem dort wo sehr viel zu beobachten war, auch ganz neue Wirkungen auftauchten, die man im Labor weder vorhergesagt noch erzeugt hatte. Diese Inflation an möglichen Untersuchungsgegenständen packte man in geräumige Keller. Jede Kellertür bekam ein Türschild mit einem zusammengesetztem Wort, das mit dem Grundwort System endete. Damit waren alle Gesetze der Welt erkannt und benannt. Und der Rest, wir kennen das alle von der Division, den könnte man zwar nochmal genau aufdröseln. Aber was nützt schon die sechste Zahl nach dem Komma, wenn man das große Ganze im Blick hat.
Die Geisteswissenschaftler waren eine zeitlang perplex. Gerade aus der Biologie, die als besonders strenge und präzise Disziplin bekannt war, kam nun die neue Kunde, alles was eine enorme Fülle an Daten und damit potenzieller Information zu produzieren drohte , wurde nun einfach beachränkt, in der Fachsprache: normalisiert. Normalisieren ist ein Vorgang, den die Biologie aus der Mutterwissenschaft aller Naturwissenschaften entlehnt hatte. In der Mathematik und Statistik bedeutet die Skalierung eines Wertebereichs einer Variablen auf einen bestimmten Bereich zu beschränken. Auf diese Weise kann man Ergebnisse vergleichen, deren Vergleich sonst seltsam erscheinen würde – also etwas das Bruttosozialprodukt eines Landes pro Kopf und die Geburtenrate. Denn wenn man vergleichen kann, ob das Bruttosozialprodukt eines Landes pro Kopf steigt und gleichzeitig die Geburtenrate sinkt, dann kann jeder Leser oder Zuschauer prima erkennen, dass auf einer Zeitleiste beide Zahlen eine gegenläufig Entwicklung durchmachen. Vor allem wenn gar kein kausaler Zusammenhang anderweitig erklärbar wäre, könnte man allein durch die beiden Zahlenreihen den Menschen sonstwas damit plausibel machen. Zum Beispiel die Tatsache, dass westliche Länder wegend es hohen Pro-Kopf-Einkommens so wenig Kinder bekommen. Schlichten Gemütern kann man mit solchen Intuitionspumpen eine Menge “Information“ einflößen. Politiker tun das gern. Sie lieben Statistik. Geht das Einkommen gegen eins, geht die Geburtenrate gegen null. Ist natürlich Quatsch, ist ja auch nur ein Beispiel. Ähnliches könnte man – rein theoretisch – mit dem Bildungsgrad von Frauen und ihrer Kinderzahl durchführen.
In der Mathematik bedeutet dieser Vorgang das Ausblenden von sogenannten Skaleneffekten. Mit dem müssen sich vor allem Physiker rumschlagen, denn Metalle und elektrische Ströme verhalten sich auf Mikroebene ganz anders als auf Makroebene. Die Wissenschaftler, die sich um System kümmern, haben angesichts dieser Effekte allerdings keine bedenken. Das hat seinen Grund. Denn in den Achtziger Jahren, als die Systemtheorie ihren ersten Aufschwung erlebte, da gab es noch gar keine Untersuchungsgeräte für die kleinste Mikro- oder gar Nanoebene, die einen zeitlichen Prozess darstellen konnte. Das heutige Problem der Skalierung gab es so noch nicht. Dass die Schwerkraft in dieser Welt des kleinsten praktisch zu vernachlässigen ist, war damals nicht von Belang.
Und so entstand aus der biologischen Systemtheorie in der ersten Hälfte des 2o. Jahrhunderts die Theorie der Systeme aus der Betrachtung des Lebens. Ludwig von Bertalanffy konzipierte seine Systemtheorie als übergreifende Methode, die gemeinsame Gesetzmäßigkeiten in physikalischen, biologischen und sozialen Systemen finden und formalisieren sollte. Wichtige Prinzipien aus seinem Erklärungsmodell sind vor allem das Gleichgewicht die Selbstorganisation, Rückkopplungen und Komplexität. Ging es hier noch darum, einfach die anwesende Kräfte der Natur im Organismus zu betrachten in Bezug auf einen angenommenen idealen Zustand, kam später eine übergeordnete steuernde Ebene dazu. Es wurde sozusagen der Wille ins Spiel gebracht: Denn die Kybernetik als Theorie des Steuerns von Kreisläufe erweiterte die reine Naturbetrachtung in Richtung auf Motive, denn sowohl Organismen wie auch Maschinen sollten in Handlungen oder Prozessen beschrieben werden. Und an dieser Stelle kommt der Lieblingsbegriff des letzten Jahrhunderts ins Rennen: die Information. Die mathematische Informationstheorie bringt nun einen besondere Idee mit, die Entropie, dass ist ein Maß an universaler Unordnung, die man zuerst erkannt hat bei der Betrachtung von Wärmeenergie, die unwiederbringlich frei wird. Es ist also eine Energieform, die man nicht mehr nutzen kann im Rahmen eines Systems. So wie der heiße Atem im Winter, der noch als nutzloser Dampf verpufft, der aber in England bereits in Bahnhöfen genutzt wird, um Heizkosten zu sparen.
Information ist demgegenüber der Wert an Ordnung oder Dichte in einem Strom von Zeichen. Dabei geht es nicht um Bedeutung sondern um die Anzahl der Zeichen in Bezug zu ihrer Wahrscheinlichkeit des Auftretens. Zufällige Zahlenfolgen sind als Entropie bekannt, im gebildeten Volksmund nennt man es eher Rauschen. Es kann von weitem wie Komplexität aussehen. Auch das ist ein Skaleneffekt. Eines Tages könnte man vielleicht sogar die Ordnung des Zufälligen als absichtsvoll und informativ erkennen. Bis dahin müssen wir noch mehr Werte als wahr und unwahr erarbeiten, wenn wir einen sinnvollen Kontext zwischen Realität und Wirklichkeit herstellen wollen.
Foto: Rick Lamesa
October 4 2011, 9:45am
Netz-Helfer: bitcoins
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Einige wenige Netz-Ideen krempeln die Gesellschaft um. Wikipedia etwa hat den Umgang mit öffentlichem Wissen verändert. Auch Bitcoin hat das Zeug, viel zu erreichen. Das Open-Source-Projekt hat sich einen großen Brocken vorgenommen, den es reformieren will: das weltweite Währungs- und Finanzsystem. Bitcoins könnten die neue Verkehrswährung im Netz werden. 1 Was leisten Bitcoins? Bitcoins ermöglichen eine anonyme Transaktion von virtuellem Geld, direkt von Nutzer zu Nutzer. Sie kommen ohne eine vermittelnde Stelle wie PayPal oder ein Kreditkarten-Unternehmen aus, die Gebühren entfallen somit…
2 Wie funktionieren sie? Man lädt den Bitcoin-Client herunter und installiert ihn, das System weist einem eine eigene Bitcoin-Adresse zu. Bitcoins kann man auf eigens dafür eingerichteten Börsen kaufen, privat von anderen Nutzern erwerben oder über ein aufwändiges Mining mit dem eigenen PC selbst berechnen. Bei einer Transaktion wird der jeweilige öffentliche Schlüssel des Empfängers an die Zeichen-Abfolge des Bitcoins angehangen. Ein am System beteiligter Mining-Rechner überprüft die Transaktion, gibt sie frei, und das Geld gelangt zum Empfänger.
3 Hintergrund Bitcoins basieren auf einem unendlich komplizierten mathematischen Modell, das kryptographische Verfahren mit der Peer-to-Peer-Technologie verbindet. Bitcoins bestehen aus einer Menge an Bits, also einer Zeichen-Abfolge. Die Gesamtmenge ist auf eine absolute Zahl von 21 Mio. Bitcoins beschränkt, zur Zeit sind bereits 7 Mio. berechnet. Der Rest wird durch Netzwerk-Teilnehmer, die ihre Rechenleistung an das System anschließen, berechnet. Das geschieht, indem eine Art kryptographisches Rätsel geknackt wird. Die beteiligten Rechner überprüfen gleichzeitig anstehende Transaktionen auf Unstimmigkeiten. Das ist möglich, da die Historie aller Transaktionen in Netzwerk gespeichert ist. Der Gegenwert aller im Moment fluktuierenden Bitcoins entspricht etwa 100 Mio. US-$. Zu Beginn war ein Bitcoin nur wenige Cent wert, die Währung hat aber einen rasanten Aufstieg erlebt und lag im Juni 2011 bei etwa 30 $. Sie ist dann innerhalb weniger Tage auf die Hälfte des Werts abgestürzt und Anfang August noch einmal auf 7 $. Seitdem hat sie sich wieder leicht erholt. Es gibt einige Börsen, die sich auf den Tausch von Bitcoins und klassischen Währungen spezialisiert haben. Die Zahl der Händler, die Bitcoins akzeptieren, ist noch begrenzt. Größtenteils sind es Firmen im Umfeld von Netz-Technologie und -Dienstleistungen (im deutschen Bitcoin-Wiki gibt es eine Übersicht). 4 Risiken und Nachteile Die extremen Kursschwankungen von Bitcoins schaffen eine große Unsicherheit, vor allem wenn man echtes Geld, also Euro oder Dollar, eintauscht.
Kurs Bitcoin-Dollar, Quelle: bitcoin-charts.com Bitcoins werden aus vielen Richtungen attackiert: US-Senatoren fordern ein Verbot, die renommierte Zeitschrift The Atlantic sieht das Ende von Bitcoins kommen (allerdings mit eher schwachen Argumenten). Der deutsche Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) warnt drastisch vor der Verwendung und wählt dabei einen Ton, der an Kalte-Kriegs-Propaganda erinnert: „Auch in Zukunft werden einzelne, zersetzende Kräfte immer wieder ihr Interesse bekunden, eine eigene neue Währung losgelöst von staatlicher Kontrolle zu schaffen.“ Die zwei am häufigsten vorgetragenen Argumente contra Bitcoins lassen sich bei genauerer Betrachtung schnell relativieren: (1) Eine Währung ohne staatliche Kontroll-Möglichkeit befördert Kriminalität: Vom Segen aller Anonymisierungs-Tools im Netz können auch Bösewichter profitieren. Moralisch fragwürdige Geschäfte lassen sich somit vielleicht leichter abwickeln, da Kriminelle nicht auf PayPal oder komplizierte Konten-Konstrukte angewiesen sind. Doch auch Bargeld hat schon immer eine anonyme und kaum nachvollziehbare Bezahlung ermöglicht. Menschenhandel, Drogen- und Waffengeschäfte in größerem Stil wurden bevorzugt in Dollarscheinen abgewickelt. (2) Der Währung steht kein eigener Wert entgegen, sie ist ausschließlich auf ihre Legitimität angewiesen: Auch das ist eine eher schlichte Logik. Zwar kann man natürlich mit Gold nach einem Wertverfall immer noch schöne Schmuckstücke basteln, wie das Wirtschaftsmagazin Forbes argumentiert, das ist mit einer Abfolge von Bits nicht möglich. Doch auch Papiergeld besitzt keinerlei Eigen-Wert, außer dem, den es Kraft seiner Legitimität symbolisch trägt. Ein wirkliches Problem sind die verschiedene Sicherheitspannen, die in den letzten Wochen aufgetreten sind. Zwar ist die Bitcoins-Technologie nach einhelliger Meinung (bis jetzt) manipulationssicher, doch das gilt nicht für die beteiligten Akteure. Bei der größten Börse Mt. Gox hat ein Hacker Mitte Juni Bitcoins entwendet, die etwa 7% der weltweiten Gesamtmenge ausmachten. Die polnische Börse Bitomal.pl hat durch einen Konfigurationsfehler bei der Umstellung ihrer Server den kompletten Datensatz verloren, und damit auch die Bitcoins der Kunden. 5 Fazit Wie bei jeder anderen Währung ist der eigentliche Knackpunkt die Akzeptanz als Zahlungsmittel und die Verbreitung. Steigt diese, steigt der Wert der eigenen Bitcoins, sinkt sie, sind große Verluste möglich. Der eher mäßige Erfolg des Micro-Bezahlsystems Flattr zeigt, dass auch ein geniales Konzept scheitern kann, weil einfach zu wenige mitmachen.Während bei Flattr, genau wie beim Wettbewerber Kachingle, die Vorteile für die meisten Nutzer aber rein ideell sind, bieten Bitcoins auch Anreize jenseits des Glaubens an die gute Sache. Da wären zum Beispiel die hohen Gebühren von Finanzdienstleistern, die wegfallen, oder eine Umgehung der selektiven Sperrpolitik von PayPal. In jedem Fall trägt das Bitcoin-Projekt das Potenzial in sich, die Welt auf eine Art zu verändern, die wir jetzt noch nicht einmal abschätzen können.
August 29 2011, 9:45am
Wir Netz-Zombies – Emanzipation des Menschen von den Maschinen
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Das Leben im Internet ist eine seltsame Sache: Auf-dem-Bildschirm-Starren, digitale „Kontakte“, Kommunikationsfragmenten und eine durch Links verbundene unendliche Abfolge von Dokumenten. Anders als Fernsehen erfordert Online-Sein Aktivität: permanente Entscheidungen und sogar soziale Interaktionen. Doch nach der Arbeit vor dem Rechner kann sich das eigene Gehirn so weich anfühlen, als hätte man sich genau so lange durch‘s private Nachmittagsprogramm gezappt…
Wenn man sich nach drei Stunden Fernseh-Konsum die Frage stellt, was man in der Zeit getan hat, lautet die die Antwort selbstverständlich: „nichts“. Seltsamerweise kann sich das Gefühl, nichts getan zu haben, auch nach drei Stunden Internetnutzung einstellen. Ach ja, da war doch was … man hat etwa 20 Blogposts überflogen, zweimal auf Facebook gepostet und bei Freunden kommentiert, mindestens 5-Mal Mails gecheckt und beantwortet, und auf Twitter war man auch noch unterwegs. Die nicht-endende Fülle an Mini-Tasks und Mikro-Aktivitäten formt sich zum Gefühl, seine Zeit vergeudet zu haben, obwohl man doch so viel gemacht hat. Doch man hat nichts „erreicht“, denn dafür fehlt ein greifbares Ergebnis – und man hat sich nicht entspannt, denn der Kopf fühlt sich leer und gleichzeitig hoffnungslos überfüllt an. Die Art, wie das Netz funktioniert, scheint aus dem Gehirn eine Art Brei zu machen und Menschen zu Zombies, die gleichzeitig tätig und untätig sind. Egal was wir tun, die Aufgabe wird erledigt, indem wir auf den Bildschirm starren, mit der rechten Hand die Maus steuern und auf die vor uns liegende Tastatur einhämmern. Eine der am meisten durchs Netz gereichten Bilder hat das mit wenigen Zeichen-Strichen illustriert.
Quelle: http://i.imgur.com/PUHZo.jpg (Ausschnitt) Das Internet erzieht mich zu seinem idealen Nutzer, einem hirn- und gefühllosen Multitasker. Die Frage ist: Nutze ich das Netz, oder nutzt das Netz mich? Wer bin ich online? Der Journalist und Buchautor Nicholas Carr hat eine ähnliche Veränderung bei sich selbst beobachtet. Als Reaktion darauf hat in „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn so lange?“ (Blessing-Verlag) alle verfügbaren Studien zum Thema durchgearbeitet. Sein Fazit: - Das Netz reduziert tatsächlich erheblich die Konzentrationsfähigkeit. - Menschen verstehen online weniger, als wenn sie gedruckt lesen. - Multitasking führt zu weniger Kreativität und Produktivität. - Wir lernen schnell wechselnde Signale zu verarbeiten, doch gleichzeitig verflacht unser Denken. - Multimedial geschulte Multitasker sind weniger in der Lage, wichtiges von unwichtigen zu unterscheiden und haben weniger Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit. - Durch die Plastizität des Gehirns verändern sich Strukturen unseres Denkapparats, so dass die kognitiven Defizite auch in der Offline-Welt bestehen bleiben. Das bedenkliche ist, dass es nicht kleine Schönheitsfehler des Netzes sind, die unsere kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen, nein: jeder Link reduziert die Verständlichkeit gegenüber gedruckten Texten. Dabei bilden Hyperlinks so etwas wie die Blutbahn des World Wide Web. Und gerade die Instant-Kommunikation, auf der Twitter, Facebook & Co. basieren, fragmentiert unsere Aufmerksamkeit, bis nur noch Rudimente übrig bleiben. Was tun? Natürlich ist ein Abschied vom Internet kaum möglich. Dafür ist es zu wichtig, sei es im beruflichen oder im privaten Leben, und dafür ist es trotz allem auch zu schön und zu praktisch. Das Ziel ist es statt dessen, vom Netz-Maschinen-Zombie wieder zum souveränen Akteur im Internet zu werden. Der US-Autor Timothy Ferriss hatte im Jahr 2008 einen Bestseller zur Optimierung des eigenen Lebens in Zeiten der Digitalität geschrieben: die 4-Stunden-Woche (Ullstein). Größtenteils geht es darum, wie man im Internet viel Geld verdienen kann, doch am Anfang des Buchs schlägt er einige Maßnahmen vor, mit denen man es schafft, trotz Bildschirmarbeit ein klar denkender und souverän Menschen zu bleiben. Bei aller berechtiger Kritik an seinem Optimierungswahn sind doch einige kluge und praktikable Überlegungen dabei. Sie haben, neben eigenen Erfahrungen als Web-Worker, die folgenden Tipps inspiriert. Back to life 1. Der Umgang mit Emails Ein permanent geöffneter Email-Client ist der größte Verursacher permanenter Ablenkung. Mit jeder Meldung über eine neue Mail ist man versucht, in den Posteingang zu schauen, ob sie wichtig war oder nicht und wenn möglich gleich zu antworten. Ich habe mein Mail-Programm meistens geschlossen und checke höchstens alle zwei Stunden den Posteingang. Dann lese ich alle Mails und beantworte sie sofort. Schon dieses kleine Veränderung hat das Arbeitsleben sehr viel weniger stressig gemacht. 2. Social Media ist keine Pause Man hat zwei Stunden auf den Bildschirm gestarrt, und Körper und Geist brauchen eine Pause. In einer Mischung aus Trägheit und mangelndem Mut gönnt man sich aber nur die „kleine“ Erholungs-Variante man geht auf Facebook, überfliegt seine Pinnwand, kommentiert bei Freunden, man likt ihre Status-Mitteilungen und postet selbst etwas. Das Problem ist, dass Social Media nicht als Pause von der Bildschirmarbeit funktioniert. Die körperliche Tätigkeit ist die selbe, und wie schon zuvor reagiert der Geist auf eine Reihe von Mini-Reizen. Also: lieber aufstehen, in die Küche gehen und sich einen Tee machen, einen kurzen Smalltalk mit Kollegen führen. Dann ist der Kopf auch wieder wirklich bereit für weitere zwei Stunden produktive Bildschirmarbeit. 3. Dem Endlosen einen klaren Rahmen setzen Netz-Recherchen haben per se keinen organischen Endpunkt. Jeder Blogpost führt zu einem nächsten, unter jedem Wikipedia-Artikel sind weitere spannende Quellen verlinkt. Es hilft, sich einen klaren zeitlichen Rahmen zu setzen. Das interessante ist, dass Tätigkeiten oft genau so viel Zeit brauchen, wie man sich dafür nimmt. Eine zeitlich begrenzte Netz-Recherche von einer halbem Stunde ist verblüffenderweise oft genau so effektiv wie ein anderthalb-stündiges Navigieren durchs Netz. 4. Mut zur Ignoranz Nur ein kleiner Teil der im Netz verfügbaren Informationen hat irgend eine Relevanz für uns. Timothy Ferriss hat dafür folgende Analogie gefunden: so wie wir unseren Körper zu viele Kalorien zuführen und dann noch aus den falschen Quellen, konsumieren wir in unserer Gesellschaft zu viele Informationen, und oft solche, die keinerlei Bedeutung für uns haben. Bei einer „Low-Information-Diet“ widerstehen wir der Verlockung etwas nur des Wissens wegen wissen zu wollen. Die Folge ist, dass wir mehr auf Sachen fokussieren können, die uns tatsächlich konkret weiter bringen. Lasst uns den Netz-Zombie überwinden und wieder zum Menschen werden. Quelle oberes Bild: Quelle: http://i.imgur.com/PUHZo.jpg (Ausschnitt und eigene Montage)
August 24 2011, 9:55am
Hacker-Revolte gegen die Maschinen-Diktatur
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Mit Professor Joseph Weizenbaum und Professor Wolfgang Wahlster disputierten vor einigen Jahren auf der Berliner Fachmesse „Call Center World“ zwei der profiliertesten Informatiker über Chancen und Grenzen der Mensch-Maschine-Kommunikation. Weizenbaum, der in den 60er-Jahren zu den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Informatik zählte und unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, stellte sich im Lauf seiner Karriere immer kritischere Fragen über die gesellschaftlichen Folgen der Fortschritte in der Computertechnik. Was ihn im Kern immer mehr bewegte, war die Frage nach der Wechselwirkung zwischen technischer Entwicklung und gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Hauptvorwurf: „Die Extremisten, die Ideologen der Künstlichen Intelligenz, versuchen, Gott zu spielen. Da muss man von Größenwahn, buchstäblich von Wahnsinn sprechen.“
„Mein Ausgangspunkt ist der Mensch“ Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken und einziges deutsches Mitglied des Nobelpreiskomitees, spricht hingegen von einer „Informatik für den Menschen“: Eine der wichtigsten Herausforderungen für die zukünftige Wissensgesellschaft sei die Schaffung intelligenter Technologien für die Mensch-Technik-Interaktion, die den natürlichen Kommunikationsstil von Technik-Laien akzeptieren, einen direkten Dialog mit der Technik unterstützen und damit Hemmschwellen bei der Nutzung von Hochtechnologie abbauen. „Semantische Technologien überbrücken die Lücke zwischen der Fachsprache der Informatik und den Sprachen ihrer Anwender, weil sie es erlauben, verschiedene Begriffssysteme ohne Bedeutungsverlust ineinander zu übersetzen. Automobilingenieure, Medizintechniker oder Logistikexperten sind mit semantischen Technologien in der Lage, sein Wissen und seine Prozessmodelle digital in der eigenen Fachsprache zu formulieren, ohne die speziellen künstlichen Sprachen zur maschinellen Wissensrepräsentation erlernen zu müssen“, betonte Wahlster in Berlin. Der Computer, die Maschine müsse im Kommunikationsverhalten dem Menschen entgegenkommen, ist Wahlster überzeugt. „Mein Ausgangspunkt ist der Mensch“, so die Position des inzwischen verstorbenen Informatikveteranen Weizenbaum. Der „Pionier, Dissident und Computerguru“ der KI-Forschung stellte den Begriff des „Verstehens“ infrage: „Heute ist es Mode geworden, über ‚computer understanding of natural language’ zu sprechen. Dem Computer soll also beigebracht werden, die natürliche Sprache – zum Beispiel Deutsch oder Englisch – und nicht nur die künstlichen Sprachen wie eben spezifische Computersprachen zu verstehen. Das beinhaltet die Idee, dass ein Satz eine bestimmte Bedeutung hat.“ Maschinen fehle aber der menschliche Erlebnishintergrund. Sie können sogar zu Vollstreckern von Befehlen werden und wesentlich brutaler agieren. Da lohnt die Lektüre des Werkes „Mythos der Maschine“ von Lewis Mumford. Jedes System, jeder Automat, jede Maschine ist ein Produkt des menschlichen Geistes, bemerkt Lewis Mumford in seinem Werk „Mythos der Maschine“. So kann sich anfänglich hilfreiche Technik sehr schnell zum repressiven Oberlehrer wandeln – mit und ohne semantische Technologien. Es ist aber höchst bedenklich, wenn Systeme, Geräte oder Suchmaschinen darüber entscheiden, was richtig und was falsch für uns ist, unser Verhalten einschränken oder sogar sanktionieren. In einer Debatte über die Abschaltung eines Google+-Accounts verwies ein Diskutant auf das merkwürdige Serviceverständnis der liebwertesten Internet-Gichtlinge auf der Anbieterseite: Shoot first, ask later. Wer gegen die Regeln von Internet-Konzernen verstößt, wird erst einmal mit der Auslöschung seiner virtuellen Existenz bestraft und kann erst danach nachweisen, ob er überhaupt würdig ist, wieder in den Kreis des Netzwerkes aufgenommen zu werden. Wer ist in diesem Spiel eigentlich Knecht und wer König? Mit der Web-2.0-Revolution sollte die Über- und Unterordnung doch vorbei sein. Mit den Peer-to-peer-Technologien wollte man die alte Leitdifferenz zwischen Herrschaft und Dienerschaft überwinden – wie es Markus Krajewski in einer interessanten Untersuchung darlegt: „Der Diener – Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient“ (S. Fischer Verlag) Der König ist tot, lang lebe der Kunde, der ohne weitere Kosten – seine Informationen aus dem Netz zu fischen und weiter zu verschenken vermag. Krajewski vergleicht das mit der Revolution von 1848 und dem berühmten Zitat der Köchin Trina, die im Hause Buddenbrook diente: „Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt ick doar up’m Sofa in‘ sieden Kleed, und Sei bedeinen mich denn …“ Ob dieser Rollentausch heute nicht mehr notwendig sei, wie Krajewski meint, halte ich für fragwürdig. Im Virtuellen würden nunmehr nur Gleichrangige kommunizieren. Das sehen die ausgestoßenen digitalen Existenzen wohl etwas anders. Diktatur der Algorithmen Kippen die Machtverhältnisse in sozialen Netzwerken zugunsten der Anbieter von Netzinfrastrukturen, so besteht die Gefahr einer neuen Diktatur der Maschinen und Algorithmen. Der Anwender mutiert zum Knecht und der Anbieter zum König. Eine Automaten-Diktatur könnte sich nachhaltiger auswirken als das paternalistische Verhalten unter Menschen, warnen die Wissenschaftler Sarah Spiekermann und Frank Pallas: Zum einen würden Maschinen automatisch und autonom reagieren. Sie lassen den Betroffenen nur wenig Möglichkeiten zur Antizipation oder Reaktion – Google und „Shoot first, ask later“-Prinzip. „Zum anderen ist Technik absolut. Hat beispielsweise ein Fahrer Alkohol in der Atemluft, so ist es ihm gänzlich unmöglich, das entsprechende Auto zu starten – auch in Notfällen, in denen das Fahren unter Alkoholeinfluss üblicherweise akzeptiert würde.“ Der Paternalismus der gut meinenden Kontrolleure sei bei Technologien nicht nur mit Gehorsam oder Obrigkeitshörigkeit verbunden, sondern erzeuge einen Zwang zu absoluter Konformität. Autonom agierende Maschinen werden zu absoluten Kräften, deren Entscheidungen und Handlungen nicht umgangen oder missachtet werden können. Wer hat nun wirklich die Macht, das Werkzeug oder der Meister, fragt sich der Multimedia-Regisseur Jean-Noel Lafargue. Wie kann man sein digitales Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen? Vielleicht brauchen wir mehr Hacker-Revolutionäre, die Programme so einsetzen, wie es weder vorgesehen noch erlaubt ist. So kann der Nutzer nach Auffassung von Lafargue erfahren, wie ein Programm funktioniert und wie man es verbessern kann – nicht nur technisch, sondern auch politisch.
Crosspost von http://www.ne-na.de
August 16 2011, 9:30am
Scheitern am Gerät
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Durch das Leben des Bloggers Sascha Lobo zieht sich ein roter Faden, und es ist kein schöner. „Er taugt so gerade eben noch zum Kokettieren auf Partys, aber nur für ein paar Sekunden. Dann wird die Wirkung des Mitleids wieder vom Schmerz verdrängt. Dieser rote Faden ist das Scheitern am Gerät. Ein gerätebezogenes Lebensmotto von mir könnte sein: ‘Hier stehe ich, ich kann nicht.’ Und zwar weder so noch anders, sondern gar nicht“, schreibt Lobo in seiner Mensch-Maschine-Kolumne. Vom Handy bis zum Kaffeevollautomaten habe er schon an fast jedem Apparat die abstrakte Nachrichtenformulierung „menschliches Versagen“ mit lebendigem Inhalt gefüllt. „In beeindruckender Geschwindigkeit bin ich in der Lage herauszufinden, wie Dinge schon mal nicht funktionieren“, so Lobo. Dabei sei er in technologischen Dingen doch überhaupt nicht unbegabt. Aber sein Wissen und Können in der direkten Konfrontation mit dem Gerät kommt ihm vor wie die funzelige Beleuchtung in einem ansonsten stockfinsteren Riesenlabyrinth. „Schon Zentimeter außerhalb des Lichtkegels stoße ich im besten Fall auf massiven Widerstand. Der schlechteste Fall ist ein Fall ins Nichts: vor einem Apparat zu sitzen, der offensichtlich eingeschaltet ist, aber einfach nicht reagiert. Auf nichts. Gibt es überhaupt eine Steigerung der Verhöhnung, wenn eine unbelebte Maschine einen Menschen ignoriert“, fragt sich der Kolumnist von Spiegel Online. Generalverdacht der Hersteller und die Dummheit des Benutzers Beim Wechselspiel von Mensch und Gerät geht es um einen Wettstreit, bei dem nie eindeutig gesagt werden kann, wer eigentlich wem dient. Aber nicht nur Versagensängste und die tägliche Plage im Umgang mit Geräten werden als schmerzliche Erfahrung der Moderne empfunden. Der Benutzer ist zudem einem Generalverdacht der Hersteller ausgesetzt. Er ist ein potentieller Störenfried. Diese Botschaft vermittelt schon die Bedienungsanleitung und spätere Disputationen beim Umtausch der Ware. Der Benutzer verendet in einer „Zirkulation von Schuldzuweisungen und Unterstellungen“, wie es Jasmin Meerhof in ihrem Buch „Read me! Eine Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung“ ausdrückt. Schuldig ist nicht das Gerät, sondern der Benutzer, dieser Idiot. Die Über- und Unterordnung zwischen Gerät und Benutzer werden über zahlreiche Ge- und Verbote, Vorsichtsmaßnahmen und Hinweise zur Garantiert zementiert. Das Ganze ist eine Demonstration der Macht und das Scheitern am Gerät soll uns in die Rolle der Demut pressen. Glücksmomente, oder Flow, wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet, entstehen in dieser Konstellation nicht. Alle Bewegungsabläufe werden im Flowzustand in harmonischer Einheit durch Körper und Geist mühelos erledigt. Ob Kommunikationsdienste, Endgeräte oder Serviceprovider: Die Auswahl ist unüberschaubar, die Bedienung unübersichtlich und kompliziert. Hier wäre eine Umkehrung des Machtverhältnisses vonnöten. Als Flow-Qualitätssiegel könnte der Oma-und-Opa-Test fungieren. Wie die Technologien der Zukunft konzipiert sein sollten, skizzierte Bernd Stahl auf dem Innovationsforum von Harvey Nash und Nash Technologies in Stuttgart. „Jeder Mensch ist auf der Suche nach einfachen, eleganten und effektiven Lösungen“, sagt der Systemarchitekt von Nash Technologies. Genau das würden Kunden aber immer nicht ausreichend geboten bekommen: Versende ich meine Nachricht per SMS, Facebook-Message, Chat oder Mail? Warum brauche ich immer fünf Schritte, bis die Nachricht versendet ist? Warum wird mein Netzzugang gedrosselt? Die meisten Technologien sind selbst für den IT-Spezialisten immer noch zu umständlich. „Erst wenn ein Fünfjähriger und ein 95-Jähriger Mensch die gleiche Technik wie selbstverständlich nutzt, sind wir am Ziel“, erläutert Stahl. Die technologische Basis dafür ist schon vorhanden. Rechnerleistungen sind bald allgegenwärtig – Stichwort „Ubiquitous Computing”. Immer mehr Technik wird mit dem Internet ausgestattet. Eine Uhr mit den Funktionen eines Smartphones sei bald ebenso selbstverständlich wie ein Anorak mit GPS-Notfallsender, sagt Stahl. Per UMTS oder LTE umgibt uns das Internet wie eine Wolke. „Zuerst ist es für viele ein Schock. Aber wenn man es willkommen heißt, gibt es ganz neue Möglichkeiten“, sagt der Systemarchitekt. Der High-Tech-Umgang der Zukunft: „Flow“ statt Ärger Stahl denkt an ein Ende der unzähligen, sich in ihren Funktionen überschneidenden Endgeräte, er denkt an ein Ende des Wirrwarrs. Alle Applikationen verschwinden unter der Haube eines Systems – gesteuert durch die Sprache und den Handlungen des Menschen. „Ich spreche meine Frage aus wie in einem Gespräch. Die jeweilige Technik, zum Beispiel in meiner Armbanduhr, versteht, was ich möchte und liefert mir die passende Antwort.“ Die Antwort besteht nicht mehr aus 500 Millionen Ergebnissen wie eine derzeitige Google-Suche, sondern aus einer präzisen, brauchbaren Aussage – ermittelt aus dem über die Zeit gewachsenen eigenen sozialen Profil. „So wie wir einem Kind das Sprechen beibringen, werden wir unserer Technik beibringen, wie wir denken und handeln.“ Neue High-Tech-Entwicklungen würden so auch für Menschen nutzbar, die kein Interesse daran haben, unbrauchbare Antworten auszusortieren und Bedienungsanleitungen durchzulesen, so wie es fast jeder in Gesprächen mit seinen Großeltern erlebe. „Wir wollen aber alle den Flow erleben – den angenehmen, lockeren, inspirierenden Umgang mit Technik.“ Für Unternehmen erweitert Stahl seine Formel „einfach, elegant, effektiv“ um ein „G“. Und das steht nicht für Google, sondern für „Geschäftsmodell“.
Foto: Gunnar Sohn
August 4 2011, 10:00am
Die digitale Existenz als Menschenrecht
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Ob uns das Internet nun dümmer oder schlauer macht, ob die Dominanz des Digitalen zu negativen neuronalen Effekten führt oder nicht, zählt zu den Fragen, die den Bildungsbürger Frank Schirrmacher seit einiger Zeit umtreiben. Sein jüngst entworfenes Szenario über bevorstehende Gedächtnis-Deformationen durch die Alleinherrschaft des Suchmaschinen-Giganten Google ist letztlich nur eine Fortsetzung der Thesen des liebwertesten FAZ-Gichtlings, die er in seinem Buch „Payback“ ausgebreitet hat. Es geht um die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es ist die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die den FAZ-Herausgeber umtreibt: Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. In einer interessanten Disputation im sozialen Netzwerk Google+ ist Schirrmacher dann noch etwas deutlicher geworden. Vielleicht sollten wir diese Fragen nicht so sehr auf der Meta-Ebene von neurologischen Feuilleton-Beiträgen und Science Fiction-Romanen diskutieren, sondern uns an die Fakten halten. Ob sich unser Bewusstsein verändert und wir zu Abziehbildern von Computerprogrammen degradiert werden, ist ein höchst unterhaltsamer Ansatz für Kinofilme. Das hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückte. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht. Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“, „Alarm“ zu brüllen. „Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Maschinen in vielen Teildisziplinen stärker und besser sind als Menschen. Angefangen bei der Muskelkraft. Heute käme niemand auf den Gedanken, mit einem Industrie-Roboter sich im Armdrücken zu messen“, erläutert Systemingenieur Bernd Stahl von Nash Technologies. Beim Schach oder bei Quizsendungen würde es ähnlich aussehen. Gegen den IBM-Watson sei kein Kraut gewachsen. „Eins darf allerdings in der Schirrmacher-Debatte aber nicht verdrängt werden. Die Petabytes lösen nicht das semantische Problem, sondern sind nur die Hardware-Basis-Voraussetzungen. Kann ein Computer prinzipiell zur Sprache kommen, oder bleibt er nur bestenfalls ein semantischer Blechtrottel? Ob das Internet vergesslich oder dumm macht, hängt nicht mit dem Internet zusammen, sondern liegt an dem, der es benutzt. Hier wabert viel Spekulatives und man begibt sich auf wackeligen Grund. Was allerdings wichtig ist, sind dezentrale Lösungen im Netz. Vielleicht braucht man eine Gewaltenteilung des Wissens, so wie wir es aus der Demokratietheorie kennen und umsetzen“, erläutert der Netzwerkexperte Stahl. Notwendig wäre wohl auch eine breitere Debatte über die politische Netzneutralität von Infrastrukturanbietern wie Google, Apple oder Facebook. Also nicht die Frage nach dem gleichberechtigten Transport von Datenpaketen, sondern die Zurückhaltung von Konzernen in politischen, moralischen und ethischen Angelegenheiten. Was passiert, wenn digitale Existenzen von Google und Co. einfach ausgelöscht werden? Hier liegt Schirrmacher richtig: „Man existiert nicht, wenn man nicht im Netz existiert“. Das hat jüngst das Magazin t3n beleuchtet: „Google löscht sieben Jahre des digitalen Lebens eines Nutzers und zuckt nur mit den Schultern“. Immer wieder werden Fälle bekannt, wo Google ohne erkennbaren Grund den Stöpsel aus dem Google-Account gezogen hatte. „Gut möglich, dass die meisten Nutzer sich zwar kurz darüber aufregen, sich dann aber woanders ein neues Konto zulegen, weil sie nicht ihre ganze digitale Existenz in die Hände eines einzelnen Anbieters gelegt hatten, wie Dylan es tat“. Hier sollte netzpolitisch der Erregungspegel nach oben gehen: Es geht um das Menschenrecht auf eine digitale Existenz. Ein Suchmaschinen-Anbieter kann nicht vermeintliche Verstöße gegen Nutzungsbedingungen ins Feld führen und das digitale Leben eines Menschen vernichten. Google, Facebook oder Apple dürfen sich nicht zur richterlichen Instanz aufschwingen und entscheiden, was im digitalen Leben richtig oder falsch ist, für welche Produkte geworben werden darf oder welche Nacktfotos über Apps auf Smartphones erscheinen dürfen. Sie sind nicht die Hohepriester, die Urteile fällen können für „Lawful Content“, der selbstverständlich nicht behindert wird. Im Umkehrschluss heißt das ja, was die Web-Giganten als illegal einstufen, kann behindert werden. Liebwerteste Silicon Valley-Bubis, Ihr seid aber nicht Justitia. Hier muss das ordnungspolitische Regelwerk geändert werden. Die Wahrung der Netzneutralität wäre in Deutschland ein Fall für die Bundesnetzagentur. Funktionieren könnte das wie bei den nervenden Werbeanrufen der Call Center.
July 28 2011, 9:45am
Idioten sind die besseren Experten
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Das Internet funktioniere nach Auffassung des Philosophen Ludwig Hasler wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüßt „Hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie!“ Die Profis seien beurlaubt, die Laien übernehmen – nicht allein die Küche, auch die Medien, den Kommerz, das Sozialnetz. „Das Internet, die Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben fischen“, so Hasler. Der Laie sei – frei nach Max Frisch – ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt. „Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als ‚Idioten’ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota.
Luther fand, die unverbildete ‚Albernheit des Laien’ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das ‚Lob der Torheit’ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, so Hasler. Er stellt die richtigen Fragen: Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbewegungen ein? Das Internet als Maschine zur Umverteilung der Macht – weg von den Experten, hin zu den Idioten? Wann zuvor waren Kunden so sehr Könige? Und er gibt die richtige Antwort: „Nie hatten plebiszitäre Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Amateur.“ Experten bevorzugen störrische Esel Die Warnungen der so genannten Profis und Experten sind häufig nur elitäres Gehabe. „Seriöse“ Bewertungen von politischen Ereignissen, Wirtschaft, Finanzen, Büchern, Restaurants verlören gegen User-Sternchen und YouTube-Filmchen an Bedeutung. Die „Stunde der Stümper“ sieht Andrew Keen angebrochen, ein Internetpionier. Im Aufstieg der Dilettanten wittert er eine „kulturelle Verflachung, die die traditionelle Trennung von Künstler und Publikum, von Urheber und Verbraucher verwischt“. Entscheidend ist ja wohl, dass jeder (selbsternannte) Experte auf vielen Gebieten zugleich Idiot und Laie ist. Der eine kennt sich mit Naturwissenschaften aus und ist in der Philosophie oder Wirtschaftswissenschaft ein blindes Huhn und umgekehrt. Die Gedankenwelt der Experten sei zudem oft von Vorurteilen behaftet, nicht von vertrauenswürdig und der Kontrolle von außen bedürftig, so das Credo des Philosophieprofessors Paul K. Feyerabend. Er hasste den elitären Wortschwall der Experten. Ihre Dogmatik könne dazu verführen, dass sie anstelle von Pferden, störrische Esel besteigen und somit auf wirre Wege geraten. „Solche Fehler können von Laien und Dilettanten entdeckt werden und sind oft von ihnen entdeckt worden“, erklärt Feyerabend. Einstein, Bohr und Born waren Dilettanten und sie haben das bei zahlreichen Gelegenheiten gesagt. Schliemann, der die Vorstellung zurückwies, Mythos und Legende hätten keinen Tatsachengehalt, begann als erfolgreicher Kaufmann, bevor er als erster Forscher Ausgrabungen im kleinasiatischen Hissarlik durchführte und die Ruinen desbronzezeitlichen Trojas fand. Wie ist es möglich, dass die Unwissenden oder schlecht Informierten mehr zuwegebringen als diejenigen, die einen Gegenstand in- und auswendig kennen, fragte sich Feyerabend. „Eine Antwort hängt mit der Natur des Wissens selbst zusammen. Jede Einzelinformation enthält wertvolle Elemente Seite an Seite mit Ideen, die die Entdeckung von Neuem verhindern.“ Zählebige Gerüchte und überflüssige Ratingagenturen Außerhalb ihres Spezialgebietes seien Experten von weitverbreiteten und zählebigen Gerüchten abhängig. Viele Gerüchte, die mit anmaßender Gewissheit aufgetischt werden, seien nicht anderes als simple Fehler, die aus einer Mischung von Selbstgefälligkeit und Ignoranz entstehen. Besonders eklatant sei das in der Finanz- und Wirtschaftswelt: „Makroökonomen, Statistiker, Planungsbürokraten, Analysten und selbst ernannte Wirtschaftsexperten sind überhaupt nicht in der Lage, das Unvorhergesehene zu prognostizieren. Sie schauen zu oft in den Rückspiegel, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Friktionen, Zufälle, bahnbrechende Entdeckungen, konjunkturelle Bewegungen oder politische Katastrophen kann man nicht mit statistischen Methoden berechnen“, erklärt der IT-Experte Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf. Die meisten Kassandra-Rufer würden in Börsensendungen, Talkshows oder Büchern mit dem Titel „Wie ich den Crash vorgesehen habe“ nach dem Motto verfahren: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“. „Sie kommen mir vor, wie moderne Wanderheilige, die Rezepte gegen den drohenden Weltuntergang verkünden“, so Nadolski. Besonders zweifelhaft seien die Ratingagenturen, die vor knapp vier Jahren für Griechenland noch beste Bewertungen abgegeben haben und nunmehr eine Einstufung auf dem Niveau von Pakistan oder Jamaika vornehmen. Die Forderung des Hamburger Ökonomen Thomas Straubhaar sei deshalb richtig: „Entmachtet die Ratingagenturen.“ Man dürfe das Treiben dieser Agenturen nicht ernst nehmen. Es seien Einschätzungen unter vielen. Zufall statt Planung „Das Management der Zukunft findet unter den Bedingungen der Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer in seinem Buch „Der kreative Zufall – Wie das Neue in die Welt kommt“. In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen könnten Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden und nicht als homo oeconomicus. Der Laplacesche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei deshalb zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne. „Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer. Zufall führe zu einer Ethik der Bescheidenheit. Es gebe keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues. „Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer. Politiker, Entdecker und Unternehmer sollten weniger auf Top-down-Planung setzen, sondern sich auf maximales Herumprobieren und das Erkennen der Chancen, die sich ihnen bieten, konzentrieren, rät der frühere Börsenhändler Nassim Taleb, Autor des Opus „Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“. Die beste Strategie bestehe darin, möglichst viel auszuprobieren und möglichst viele Chancen zu ergreifen, aus denen sich Schwarze Schwäne ergeben könnten. „Dass wir in Umgebungen, in denen es zu Schwarzen Schwänen kommen kann, keine Vorhersagen machen können und das nicht einmal erkennen, bedeutet, dass gewisse ‚Experten’ in Wirklichkeit gar keine Experten sind, auch wenn sie das glauben. Wenn man sich ihre Ergebnisse ansieht, kann man nur den Schluss ziehen, dass sie auch nicht mehr über ihr Fachgebiet wissen als die Gesamtbevölkerung, sondern nur viel bessere Erzähler sind – oder, was noch schlimmer ist, uns meisterlich mit komplizierten mathematischen Modellen einnebeln. Außerdem tragen sie mit größter Wahrscheinlichkeit Krawatten“, bemerkt Taleb. Bild: Gunnar Sohn (Hans-Arp-Museum)
June 27 2011, 9:35am
#140conf: Press should be the immune system of democracy
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Craig Newmark, Gründer von craigslist.com (die Killerwebsite, die fast alle Kleinanzeigen amerikanischer Zeitungen absaugt). erklärte hier auf der #140conf sein Verständnis von Geben und Nehmen im digitalen Echtzeit-Universum und anderswo… Leider keine tolle Tonqualität…
June 22 2011, 9:55am
Navigation in Daten: Vom Suchen und Finden
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Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Diese Weisheit gilt nicht erst im digitalen Zeitalter, sondern hat auch schon die Archivare und Intellektuellen der Prä-IT-Ära geprägt. Eine Spurensuche bei Leibniz, Eco und Herder…
Die Klage über Datenfluten, Neurostress und technologische Überforderung ist kein Phänomen des Internetzeitalters und der mobilen Arbeitswelt, meint Peter B. Záboji, Chairman des After-Sales-Spezialisten Bitronic. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht. „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen.“ Die Folgen der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen habe der Informatiker Professor Karl Steinbuch vor über 30 Jahren treffend beschrieben. Ein Wissenschaftler stehe beispielsweise ständig vor dem Dilemma, ob er seine Zeit der Forschung widmen soll oder der Suche nach Ergebnissen, die andere schon gefunden haben. Versuche er, fremde Publikationen erschöpfend auszuwerten, dann bleibe ihm kaum Zeit zu eigener Forschung. Forsche der Wissenschaftler jedoch ohne Beachtung fremder Ergebnisse, dann arbeitet er möglicherweise an Erkenntnissen, die andere schon gefunden haben. „Mit den Recherchemöglichkeiten, die das Internet heute bietet, reduziert sich allerdings der Aufwand für das erste Szenario erheblich“, sagt Záboji. Die Jagd wirkt anregend Aber auch mit Kombinatorik kann man sich aus der Datenflut befreien. Das bewies Gottfried Wilhelm Leibniz als Bibliothekar der berühmten Barockbibliothek in Wolfenbüttel. Er erwandert die Werke ohne Katalog. Auf ausgedehnten Spaziergängen und zufälligen Bahnungen durch die Säle und Kabinette der Bibliothek findet er vergessene und unvermutete Bücher. Er entdeckt mit Zufallsverfahren im unüberschaubaren Fundus jene außergewöhnlichen Schriften, um deren Aushebung ihn die Fachwelt noch heute lobt. Ohne ein helfendes Register, ohne extra erstellte Übersichten zur Hand zu nehmen, geraten seine Funde zum Produkt eines zufallsgesteuerten Zugriffs. Die Büchersammlung wandelt sich zu einem Depot für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern die Schriftsteller Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartografie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“. Ertränkt von Wissen Ob nun eine Vorauswahl in Bibliotheken getroffen und Bestände ordentlich katalogisiert werden oder nicht, für Gottfried Herder stellt sich im 18. Jahrhundert die Frage, wie man eine ganze Bibliothek und das gesamte Weltwissen lesen kann. Zum Zeitpunkt seiner Abreise aus Riga zu einer langen Seefahrt ist Herder gerade einmal 24 Jahre alt. „Er beklagt sein Gelehrtenschicksal und sieht sich geradezu ertränkt von Büchern. Er sei ‚ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften‘. Herder beschreibt sich als trockenen Gelehrten, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei ‚ein Tintenfass von gelehrter Schriftstellerei‘. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt“, so Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrer Abhandlung „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“, im Kadmos Verlag erschienen. Was Herder mit seinem privaten Archiv erlebe, ist im Kleinen das, was im Fall des gelehrten Wissens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum generellen Problem wird: der Buchmarkt als Massenmarkt. Die Bibliotheka universalis von Gessner sei zwar komplex und umfangreich, eine Kombination und Quervernetzung von Sachgebieten werde nicht ermöglicht. Eine Suche, die nicht bereits weiß, in welches Gebiet der akademischen Klassifikation das Gesuchte gehöre, hat keine Aussicht auf Erfolg. Die Unzulänglichkeit der Kataloge ist ein Bibliotheksproblem. Das Auffinden der Bücher war weitgehend auf den Gesamtüberblick des Bibliothekars, auf sein persönliches Gedächtnis angewiesen. Es gab weder eine Lösung, um Neueingänge schnell eingliedern zu können, noch wusste man, wie Misch- und Sammelbände zu klassifizieren oder wie Zeitschriftenbeiträge bibliografisch festzuhalten waren. „Deutlich wird, dass eine Bibliothek zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht“, führen Bickenbach und Maye aus. Die Suchläufe kennen keinen Abschluss Herder entwickelt in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der sogenannten „percursio“ – im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus. Herder befreit sich aus der Flut der Bücher. Er konnte nur noch zählen, registrieren, auflisten, was es alles gibt und was noch möglich wäre. Seine Seereise ist der Aufbruch für eine Abweichung. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Der liebenswerteste Gichtling Herder als Netznavigator könnte uns helfen in der Datenflut. Photo: grafixar
May 31 2011, 10:15am
Die Intuitionspumpe “Filter Blase”
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Auf der TED Longbeach im März 2011 hat Eli Pariser für Furore gesorgt: Vor versammelter Webprominenz forderte er Sergey Bring und Larry Page von Google auf, die Algorithmen der Ergebnispräsentation ihrer Websuche kontrollierbar zu gestalten. Denn er hatte festgestellt, dass die Personalisierung der Suchergebnisse anhand früherer Klicks zu einer einengenden Weberfahrung führen soll. Denn Webfirmen wie Google und Facebook beobachten sehr genau welche Links man klickt und welche man links liegen liegen lässt. Anhand des eigenen Verhaltens auf diesen Websites ordnen Google und Facebook die Inhalte zukünftig genauso wie es aus Sicht der erkannten Präferenzen für uns am wahrscheinlichsten ist, dass uns Inhalte interessieren könnten. Ein ähnliches Verfahren kennen wir von den Einschaltquoten. Auch dort wird das tatsächliche Sehverhalten der TV-Zuschauer gemessen und dann werden sogenannte Programmschienen etabliert, die die Bedürfnisse der Zuschauer besonders gut erfüllen sollen. Das Ziel ist natürlich ein hohes Ranking bei den Einschaltquoten, zum einen um mehr Werbung zu verkaufen und zum anderen, um den Verantwortlichen Argumente an die Hand zu geben, von Erfolg oder gutem Journalismus zu sprechen. Die Printwelt der Zeitungen und Zeitschriften kennt Ähnliches aus dem Umfeld er Copytests. Im allerdings geschieht all dies ständig und in Echtzeit, sodass eine Änderung des eigenen Klickverhalten auch Auswirkungen auf die zukünftige Präsentation der Inhalte bei Google und Konsorten hat… Eli Pariser nun bastelt aus diesem Umstand eine Diskussion um Relevanz. Anders als das unterkomplexe Gefasel um Algorithmen wie wir es von Fritze Schirrmacher oder Mercedes Bunz erlebt haben, steigt Pariser sofort in Ring: Er beschreibt die “Filter Blase” als ein Informationsuniversum, dass uns das personalisierte Web präsentiert. Anders als Clay Shirkys hohes Lied auf das Filtern der Informationsflut im Web, hebt Pariser damit direkt auf die Idee ab, dass die Entwickler der Personalisierung anhand von mehr als 50 Parametern wie Monitorgröße, Browsertyp, Ort, bisher besuchten Websites und vielem mehr eine Vorstellung von Relevanz in Software gießen, die uns nicht gut tut, weil sie ständig unsere Erwartungen erfüllt und uns nicht mit herausfordernden und neuartigen Ideen in Kontakt bringt. Das Web wird mithilfe der Personalisierung daher aus seiner Sicht zu einem Haufen von Informationen, die sich dauernd selbst bestätigen. Content-Aggregatoren, Suchmaschinen und Soziale Netzwerke verhelfen uns also zu einem autistischen Surferlebnis im weltweiten Netz mit unsichtbaren Grenzen, den eigenen Vorurteilen und Vorlieben. Zum Glück hat auch Eli Pariser erkannt, dass es Ausnahmen gibt, zum Beispiel Wikipedia. Der zweite Teil seiner Idee ist interessant, denn er vergleicht Journalisten, die früher für uns die Inhalte sortierte und angepasst hatten, mit den Algorithmen der Personaliserung. Er bewertet die Journalisten als die bessere Lösung der Filterung, da nur sie eine ethische Bewertung vornähmen. Dass diese ihrerseits durch weltanschauliche Vorgaben der Herausgeber gebunden sind bzw. durch vorauseilenden oder nachgeschaltetem Gehorsam gegenüber Anzeigenkunden, ist bei ihm noch nicht angekommen. Aber eines müssen wir dieser Diskussion entnehmen: In Zukunft kann nur ein Mix aus beiden Welten eine sinnvolle Strategie sein, um Menschen und Inhalte sinnvoll zusammen zu bringen. Insofern verwundert es auch nicht, wenn in diesem Kontext der Begriff “curation” auftaucht. Denn genauso wie ein Kurator die Kunstwerke einer Ausstellung unter einem Thema zusammenfasst und den einleitenden Katalogtext schreibt, um seine Wahl zu erklären, könnten auch Magazine und Zeitungen Dossiers erstellen mit Fremdtexten und in der Einführung transparent die Auswahl erklären. Leider erfüllt in Deutschland aktuell keines der großen Qualitätsmedien den humanistischen Auftrag der Objektivität durch Transparenz. Denn weder die FAZ-Stiftung noch die Eigentümer der BILD-Zeitung oder der ZEIT erklären, die Grundlagen auf denen sie offensichtlichen Tendenzen ihre weltanschaulich-volksdidaktischen Tätigkeit als Inhalteverbreiter darlegen. Jeder weiß, dass sie die Produkte ihrer subalternen Schreiberlinge nur dann veröffentlichen, wenn sie Bestimmtes subtil bejubeln und dafür Anderes grandios abstürzen lassen. Die Einflussnahme auf politischer Ebene ist immens. Wenn man bedenkt, dass größte Teil der im Web veröffentlichten Inhalte mit weit über 80% aus Agenturmeldungen besteht, und die Verleger es geschafft haben auf dem Boden dieser Tatsache eine Leistungsschutzrechtdebatte zu etablieren, die die Rechte der Autoren und Verlage im Web sichern soll, dann wird offenbar, warum die Relevanzdebatte nicht nur eine technische Komponente hat, sondern warum Relevanz immer dann in das Reich des Web verschoben wird, wenn die Relevanz für die Lebenswelt echte geldwerte Vorteil bereit hält. Pariser scheint so intensiv auf Google abzuheben, dass man den Eindruck gewinnen kann, auch er schreibt im Rahmen einer Agenda, die Verleger vorgegeben haben. Denn bei allem wissenschaftlichen Anstrich, den er sich gibt (wir hatten diese pseudowissenschaftliche Aneinanderreihung von “harten Fakten” schon bei Schirrmacher erlebt) versagt beim völlig die Klärung des eigentlichen Untersuchungsgegenstandes. Ein kardinaler Fehler für jemanden, der sich wissenschaftlicher Methoden zu bedienen scheint (auch hier wieder eine Parallele zu Schirrmacher). Alfred Schütz hat ein sinnvolle Aufteilung der drei Aspekte der Relevanz geliefert: Die thematische Relevanz ist der Ausschnitt der Welt, dem ich mich zuwende. Auf diese Weise macht der Mensch sich etwas aus der Wirklichkeit zu eigen. Er entwertet auf diese Weise den Rest zum Hintergrund. Dies ist eine Leistung der aktiven Differenzierung, des Hervorhebens. Esoterische Lehren bezeichnen dies als Achtsamkeit und Hinwendung. Die Interpretationsrelevanz ist das aktive Heraussuchen einer Schablone (einer Typisierung) aus meinen Erfahrungen und dem Wissenshintergrund, der sich in meinem Leben gebildet hat. Auf diese Weise kann ich herausfiltern, was vertraut und was fremd ist. Der dritte Aspekt ist der Bereich einer motivationalen Relevanzstruktur. Hier geht es um die Zukunft. Der Mensch entwirft eine Um-Zu-Struktur, die er einen Plan nennt. Damit kann der Mensch seine Selbstbeobachtung mit einer Art Handlungsrahmen zu seiner Perspektive machen. Er tritt aus sich heraus und legt vor sich selbst Rechenschaft ab, dies ist der Teil der Relevanzstruktur, der – aus meiner Sicht – am weitesten vom Selbst entfernt ist. Er findet in einer objektivierenden Sprache statt. Dieser Teil ist es auch, der in vielen psychopathologischen Theorien und Methoden als innere Stimmen oder ähnliches bezeichnet wird und bei den unzähligen Motivationstrainern für sprudelnde Einnahmen sorgt. Denn die Legende geht, dass man dann vorwärts kommt, wenn man seine Motivation aktiv beeinflussen kann. Quelle
Wer das Werk von Alfred Schütz liest, dem wird offenbar, dass wir Menschen ständig in unserem Umfeld dazu neigen andere als Repräsentation bestimmter Typen wahrzunehmen, die wir durch unsere Erfahrungen bilden. Wittgenstein oder Polanyi sprechen in diesem Umfeld vom Hintergrund des Wissens oder dem impliziten Wissen, das uns nicht bewußt zugänglich ist, da es eben durch seine Filterfunktion die aktuellen Gegebenheiten in Hintergrund und Vordergrund trennt. Das was wir schon irgendwie kennen, suchen wir nach Differenzen ab. Das, was wir überhaupt nicht einordnen können, fällt durchs Raster. Was Eli Pariser also am Personalisierten Web kritisiert passiert exakt genauso in uns. Wir sind uns unserer Filter gar nicht bewußt, denn sie sind Ergebnis der jeweils individuellen Geschichte. Genau diesen Vorgang bilden die Algorithmen ab. Es wäre schlau, wenn wir endlich anfangen würden, und Wissen, Erfahrungen und Fakten als das einzuordnen, was sie tatsächlich sind: Es sind Gestelle und Geländer auf freiem Feld. Sie verstellen uns den Zugang zur Welt. Das ist im Web so und im realen Leben. Wenn Pariser fordert, dass wir die Algorithmen bei Google selbst beeinflussen sollen, in dem wir Parameter zum Anklicken bekommen, die unsere Suchergebnisse verändern, dann sollte er eines klar vorraussetzen: Dies klappt nur, wenn Demokraten einen aufmerksamen Umgang mit den Argumenten von Monarchisten und Anarchisten pflegen, wenn Konservative die Argumente von Liberalen oder Sozialisten achten, wenn Reiche die Probleme der Armen ernst nehmen und umgekehrt. Pariser fordert damit einen Respekt vor dem Fremden ein, den wir bewundern können. In Wirklichkeit bedient er sich aber eines Tricks: Er verwendet eine sogenannte Intuitionspumpe: Mit der Beschreibung der Bevormundung des mündigen Webnutzers bedient er sich einer weit verbreitete Ansicht der Leute über Google und Facebook, um eine Nachricht einzupflanzen, die so nicht real ist: Wir haben prinzipiell einen neutralen Zugang zu Informationen. Diese Prämisse ist falsch. Denn wir können auch ohne böses Google und auch ohne tendenziöse Verleger keine Information neutral oder objektiv erfassen, da wir alles immer vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen filtern. Und so verwundert seine Quintessenz auch nicht: Gute Redakteure und Journalisten können uns mit Inhalten füttern, die wir so nicht erwartet haben. Und aktive gewendet rät er uns, ständig unsere Gewohnheitn zu ändern, damit wir im Netz alles vorgesetzt bekommen, was angeboten wird – auch und gerade Unerwünschtes, Herausforderndes und Revoltionäres aus Sicht unseres Selbstverständnisses. Aber ist dieses Fazit nicht im eigentlichen Sinn extrem banal? Wir sind Sklaven unserer Gewohnheiten – und das ist im Netz nicht anders.
May 24 2011, 10:15am
Massenmedien vereinsamen die Menschen
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Wer in den letzten Jahren eine öffentliche Diskussion verfolgt hat, der hat früher oder später den Halbsatz gehört, “dass die Politik ein Problem hat, ihre Inhalte zu kommunizieren”. Man lastet dies gern den Politkern an, die nicht im Stammtischdeutsch sprechen. Manchmal sind auch die Verbände, PR-Abteilungen oder die Journalisten die Schuldigen. Aber so ganz klar ist der eigentliche Sachverhalt offenbar nicht. Verschwörungstheoretiker könnten auf die Idee kommen, diese Nebelschwaden um Entscheidungen und politische Machtausübung seien strategischer Natur, um das Volk unwissend zu lassen. Das Problem liegt leider tiefer.
Welt und Markt Im Rahmen der endlosen Diskussion um den guten Qualitätsjournalismus der druckmaschinenbesitzenden Bewahrer des guten Wissens versus den guerillaähnlichen Blogger im Netz kristallisierten sich zwei Kernpunkte heraus. Es gibt eine Pflicht, die Wahrheiten und Erlebnisse so zu filtern, dass alle im Volk sie verstehen können im Rahmen des Markenkerns den jede Zeitung/Sender/Magazin darstellt. Der zweite Kernpunkt ist der Inhalt als handwerkliches Produkt. Das bedeutet, dass man nicht einfach die Erlebnisse 1:1 abfilmt oder aufzeichnet. Es muss alles dem professionellen Handwerk der Kameraleute, Radioreporter oder Zeitungsjournalisten entsprechen. In dieser Diskussion rund um das Verbreiten der Inhalt via analoge Druckmaschine oder per Internet fiel sehr oft das Wort Content. Manche bezeichneten die atomisierten Erzeugnisse der journalistischen Profis als Information. Die Befürworter des neu erfundenen Qualitätsjournalismus – als Etikett gegen die schludrige Webwelt – kennzeichneten die hoheitliche Aufgabe der wahren Medien als das Filtern (gatekeeping) bestimmter Informationen angesichts der enormen Flut an täglich einprasselnden Geschehnissen in der Welt. Die Freunde der digitalen Plattform stellten die einfach zu erlernende Publikationsplattform sowie das dialogische Prinzip der Blogs in den Mittelpunkt. Da man gemeinhin Medien als ein Werkzeug für die Verbreitung von Inhalten an viele Menschen betrachtet, fingen also auch die Politiker an, mit diesen neuen niedrigschwelligen Medien den Kontakt zum Volk zu suchen. Regierungschefs bedeutender Länder haben monatliche Videobotschaften im Netz, sie twittern vielleicht sogar Ideen und Ansichten ohne den Filter namens Qualitätsjournalismus direkt in die Welt. Trotzdem behaupten alle, dass es ein Kommunikationsproblem der Politker gibt. Und ich neige zu der Annahme, dass dasselbe Problem auch den Verlagen droht. Warum? Die Welt ist voller Geschehnisse. Manches passiert vor der Kamera oder den gezückten Bleistiften. Es ist kein Geheimnis, dass Menschen sich anders verhalten, wenn sie dabei beobachtet werden oder gar dieselbe Tätigkeit mehrmals durchführen müssen, damit der Kameramann mehrere Kameraeinstellungen davon aufzeichnen kann. Es bleibt also die alte Frage: Wieviel von dem was Medien abbilden haben sie eigentlich selbst ausgelöst oder kreiert? Es ist sicher nicht falsch anzunehmen, das viele Menschen die Welt außerhalb ihrer Arbeitsumgebung ausschließlich durch Fernsehen, Zeitungen und Radio zu sich nehmen. Ich habe dieses Verb bewußt gewählt, denn die Menschen assimileren diese Welt in genau den Bruchteilen und Stücken, die ihnen die Journalisten ausgewählt in exakt der Form, die die Profis den Geschehnissen gegeben haben. Deshalb auch das Wort INFORMATION. Die Welt wird in Form gebracht. Dadurch wird sie zu einem Produkt, das in Bündeln (Zeitungen) oder in Strömen (Fernsehen und Radio) verkauft wird. Zurück bliebt ein Medienkonsument in dem Gehäuse seiner privaten Welt. Die Krönung ist, dass er dann auch noch “on demand” die Welt zu sich ins Haus holt. Leider wird auf die Art der professionellen Filter (gatekeeper) die Begegnung mit der Welt ausgeschlossen. Nicht wenige Medientheoretiker bezeichnen die Arbeit der Journalisten auch als Produzenten von Welt bzw. ihren Geschehnissen eben genau deshlab, weil so professionell Ausschnitte, Perspektiven und Meinungen zu einem Ganzen komponieren. Medien produzieren Welt Den Leser dieser Zeilen könnte also die Einsicht beschleichen, dass nicht die Kommunikation das Problem ist, sondern die Tatsache, dass nicht nur Journalisten Welt generieren, sondern die Welt auch die Mittel der Journalisten benutzen kann, um ein Abbild von etwas zu erstellen was eigentlich in einer ganz anderen Weise existiert. Die nach außen transportierten Inhalte sollen etwas erschaffen, was noch gar nicht da ist oder niemals da sein wird (Schein). Oder sie sollen von einer vorhandenen Existenz ablenken (Täuschung). Das ist bis dato der Stand der Kritik. Was aber wäre, wenn grundsätzlich das Modell in Frage gestellt würde, dass eine veröffentlichte Sicht auf einen Teil der Welt den Empfänger der Botschaft zum Zuhören, Lesen oder Zuschauen verdammt und damit von der Welt ablenkt. Denn immer dann, wenn der Mensch nicht selbst auf große Fahrt geht, und die Welt entdeckt, dann muss er oder sie still im Kämmerlein hocken und sich mit den Ausscheidungsprodukten der Profis befasssen. Die sind ästhetisch nach allen Regeln der Kunst und des Marktes geformt, also professionell. Die Medien verschleiern diese Bevormundung, beispielsweise durch einen optionalen Wahlmodus: Denn es gibt viel Sender und viele Zeitungen. Jeder Sender und jede Zeitung kann die Geschehnisse mit eigenen Eigenschaften anreichern, sodass sie zum Markenkern passen. Es geht dabei offensichtlich nicht um Teilhabe am Weltgeschehen sondern um das Profil des spezifischen Mediums, das auf dem Rücken der Information in das Gehirn des Zuschauers und Lesers getragen wird und dort als “Nachricht aus der Welt” abgelegt wird. Auf diese Weise entsteht keine Gehirnerweichung. So entsteht eine Welt als Warenlager im Kopf der Leute. Jeder Produzent von Nachrichten kann seine Geschehnisse – je nach Wunsch des Verlegers montiert, bewertet und gefärbt – in das endlose Gedächtnis dieser Menschen schieben. Dort baut sich aus den medialen Produkten eine Welt zusammen, die natürlich mit dem wahren Geschehen draußen nur noch wenig gemein hat. Dadurch sinkt die Orientierungsfähigkeit der Menschen. Sie bekommen Angst. Schutz finden sie in den Puzzleteilen die aus den Zeitungen und dem Fernseher kommen und zufällig zum Weltbild passen, dass man schon zu großen Teil im Gehirn hat. Das erklärt auch die Treue der Leser und Zuschauer zu “ihren” Zeitungen und Fernseh/Radiosendern. Denn man kann nur das als Information erkennen, dass in gewissem Bezug zum Vorwissen steht, alles andere ist indifferent oder neudeutsch noise(Rauschen). Es ist also offensichtlich, dass Politiker ein Problem haben, wenn sie neue Dinge in eine harmonische Welt der Medienprofile bringen wollen, die die Profis dort aber nicht vorbereitet haben. Diese Puzzleteile passen nicht. Da erscheint es schon schlau, dass Politker mittlerweile via Internet ihre Idee direkt in die Gedankenwelt der Menschen bringen wollen. Nur leider sind dort oft keine Ankerpunkte, weil die Welt in der Politiker leben nicht aus den Bausteinen bestehen, die die Journalisten in die Köpfe der Bevölkerung gepflanzt haben. So entsteht dieser enormen Graben zwischen medial verankerter Welt und dem realen Geschehen. Manchmal, wenn beides aufeinandertrifft entsteht ein öffentlich sichtbarer Hiatus Spalt, der die künstliche Herkunft der Medien offenbar macht. Das Internet ist mittlerweile Anlass für ein häufiges und andauerndes Betrachten dieser Kluft. So entstanden u. A. auch die Revolutionsbewegungen in Nordafrika. Normale Menschen haben aus ihrem eigenen Alltag berichtet und damit die Armada der professionell gelenkten aber täuschenden Medien entlarvt. Das Netz erfüllt also viel eher die Kritikfunktion, die sich die Qualitätsjournalisten auf die Fahne schreiben: Unerbittliche Transparenz und Offenheit durch Teilhabe am eigenen Erleben. Je unprofessioneller desto eher Abbild der wahren Welt. Leider wird auch das schon wieder simuliert als ästhetisches Mittel für echte Dokumentation. Menschen produzieren Welt Insofern ist das Web sowieso eine Höllenmaschine. Nicht erst in Nordafrika haben wir gesehen, wenn die Menschen sich selbst begegnen in den Videos, Diskussionen und Meinungen, die via facebook, youtube und twitter jedem zugänglich sind: Und zwar als Produzent wie als Konsument. Offenbar ist das das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Denn jetzt kann jede Sicht eines Menschen auf seine Welt publiziert werden. Massen von Menschen schreiben, filmen und reden über das was sie erleben. Damit existiert zum ersten Mal das, was wir ein öffentliches Massenmedium nennen können. Davor gab es nur Makler, die kleine Teile der Welt gegen Gebühr verbreiteten und das jemand Einfluß auf ihr Angebot nehmen konnte. Für diese Begrenzung der Auswahl wurde sie bezahlt, weil sie es verstanden haben dies als Leistung zu verkaufen. Jetzt wird uns erst klar, dass Journalismus eigentlich bedeutet, dass wir jemanden dafür bezahlen, dass er einen möglichst offenen Blick auf die Welt ermöglicht. Mit dem Web könnten die Menschen ihre Welt selbst gemeinsam produzieren in endlosen Diskursen. Sie bräuchten dann keine professionellen Ausschnitte aus der Welt, die sie am Stammtisch diskutieren sondern könnten direkt reden. Sie bräuchten dann wahrscheinlich auch keine professionellen Vertreter, die Meinungen theatralisch am Rednerpult solange aufrecht erhalten bis die Umfragen sich ändern. Vielleicht wird dann sogar klar, was der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen ist. Photo: xenia Crosspost von multiasking.net
May 2 2011, 10:15am
Heimarbeit als Energiewende
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Pendeln macht dumm. Pendeln macht arm. Und es verschwendet jedes Jahr Milliardensummen, die wir besser investieren könnten. Leider haben wir eine große Tradition darin, die falschen Töpfe mit Geld zu füllen. Die Finanzkrise scheint vorbei. Alle Zeichen deuten daraufhin, dass es auch eine Bedeutungskrise war. Zuviel Entscheidungspotential wurde an automatisierte Intelligenz abgegeben. Wir nennen das gern Prozessautomation. So konnten Versicherungen und Banken viele Sachbearbeiter in Software gießen. Die Konsequenz in einer unsicheren Marktsituation war Folgendes: Kaskadenartig expandierten Fehlentscheidungen. MIT-Professor Peter Senge hatte doch die Lernende Organisation auf Rezept verschrieben. Wissen musste auf Teufel komm raus integriert werden. Leider glaubte man damals noch, dass Wissen in Datenbanken und Projektmanagementtools speicherbar sei. Leider glaubt man noch heute, dass mehr Wissen zu besseren Entscheidungen führt. Dabei ist ein heuristisches Vorgehen nach Intuition in unsicheren Zeit immer dem Sammeln von Fakten überlegen. Außerdem ist es deutlich schneller. Wie die digitale Arbeitswelt unsere Zivilisation rettet Aber Schnelligkeit ist etwas anderes als Geschwindigkeit. Denn unseren bisherigen Organisationsstrukturen droht das Aus. Keiner kann es sich ökologisch und ökonomisch leisten, enorme Büroräume vorzuhalten, wo die Angestellten effektiver in einer Work-Life-Balance arbeiten und dabei auch noch dem Unternehmen Emissionen einsparen helfen. Weniger Pendler in der Firma und schon kann man Emissionstitel handeln. Noch nicht jetzt, aber in 2020. Der Computer ist das Büro der Zukunft – auch und gerade wenn er ins Telefon hinein wächst. 1. Warum wir das weltweite Netz und viele kleine Zugangsgeräte überall brauchen Mobilität ist ein Märchen der Vergangenheit. „Wenn wir unseren Ölverbrauch auf dem aktuellen Niveau befriedigen wollen, dann müssen wir jetzt schon Quellen nutzen, die viermal so groß sind wie die Vorkommen in Saudi Arabien“, sagt Matthew Simmons ehemaliger Berater der US-Regierung in Sachen Energiepolitik. Wenn wir bedenken, dass in Europa und Amerika zwischen 700 und 800 Menschen pro Tausend Einwohner ein Auto besitzen und in China nur 19 oder in Indien nur 8, dann sind unsere Zukunftsaussichten gelinde gesagt illusorisch. Und die Experten denken bei Zukunft an eine Zeit nach 2020! Es gibt Rettung. Wir müssen sofort die Abermillionen gefahrenen Kilometer sein lassen, die jeder Mitarbeiter jeden Morgen und Nachmittag zur Arbeit und nach Hause pendelt. So könnten wir uns noch einige Dekaden lang das lebenswichtige Öl leisten. Wofür? Über 90% der chemischen Industrie basiert auf Erdöl: Pharmaunternehmen, Gebrauchsgüter, Plastikherstellung und vieles mehr. Home-Offices – also die Arbeit im trauten Heim – ist keine alternative Form der Gestaltung innovativer Arbeitsumgebungen sondern ein Akt des Überlebens unserer modernen Zivilisation. Wir können es uns in 15 Jahren finanziell und ökologisch gar nicht mehr erlauben, die riesigen Bürotürme zu beheizen während zuhause die eigene Heizung acht Stunden lang viele unbewohnte Zimmer bei konstant 20 Grad Celsius vorhält. Es geht hier nicht um Schreckensszenarien von Ökospinnern sondern um rationale Erwägungen. Zum Glück wurde rechtzeitig ein Mittel erfunden, um den enormen Bedarf an Kommunikation einer arbeitsteiligen Arbeitswelt ohne den Verbrauch enormer fossiler Ressourcen zu realisieren: das Internet. Videokonferenzen, E-Mail, Chat und das Verfügbarmachen des eigenen Desktops für Kollegen, die einige Zeitzonen entfernt sitzen, ist aktuell das einzige Szenario, wie eine globalisierte Wirtschaft denkbar ist. Denn auf absehbare Zeit werden wir es uns nicht mehr leisten können, dass irgendwo in der Welt ein armer Teufel sitzt und für uns Geräte zu einem Hungerlohn zusammenbaut. Wegen der extrem teuren Transporte, wird diese Art der Globalisierung sehr schnell ein Ende finden. China? Überlegen Sie mal, was im Rentensystem passiert, wenn 3 Milliarden Senioren von 1,5 Milliarden Kindern finanziert werden müssen. Der asiatische Riese wird 15 Jahren an seinem Sozialsystem implodieren. Brasilien ist da deutlich weiter und reicher an Bodenschätzen. Leider will niemand die Abermilliarden der Brasilianer haben. Außerdem sind sie ein sehr kommunikatives Volk. Das hilft, die persönlichen, sprachlichen und mentalen Barrieren zwischen Menschen abzubauen. Das können wir in Deutschland nicht mit dem 101. Intranetprojekt schulen. Da hilft auch kein Pfadmanagement oder andere innovative Formen der Organisationsentwicklung. Kultur kann man nicht lernen. Sie entsteht nur in Abwesenheit von Angst. 2. Wovon sprechen wir, wenn im Arbeitsalltag Kommunikation stattfindet? Aktuell laufen den Entscheidern viele Social Media Berater über den Weg. Sie erklären das Zeitalter des Taylorismus für beendet und negieren die Prozessperspektive, die SAP und Business Process Management über uns gebracht haben für gescheitert. An deren Stelle setzen sie ein neues Paradigma des kommunikativen Austauschs. Wenn man das vorhandene interne oder das weltweite Datennetz nur intelligent genug einsetzt, dann helfen sich alle Mitarbeiter gegenseitig in einem riesigen Akt altruistischer Unterstützung. So werden Blogs, Wikis und Microblogging als Massenschöpfungswaffen einer neuen Arbeitswelt angesehen. Die Webkonferenzen sind voller Fachleuten aus der Informatik, BWL und den Sozialwissenschaften, die uns erklären, wie Enterprise 2.0 – also das Arbeitsumfeld im Webzeitalter – eigentlich konstruktiv genutzt werden kann. Aber was kann das Netz wirklich? Zuerst haben wir jeden Brief im Posteingang abgefangen, gescannt und dann per virtuellem Postkorb auf den Bildschirm der Sachbearbeiter gezaubert. Dann haben wir diese Abbilder der Korrespondenz mit Metadaten aufgeladen und mit ihrer Hilfe Prozesse definiert, die das Bearbeiten halbautomatisch erledigten. Riesige Datenbanken wurden mit Konvoluten über Kundenprojekte, Teillösungen und stundenlangen Debriefingsitzungen gefüttert um in einem Fanal des Wissensmanagements alles und jeden an das Firmenwissen anzuschließen. Schließlich und endlich sahen wir ein, dass Wissen in Datenbanken schneller schlecht wird als Rohmilch im Hochsommer. Dann traten die Damen und Herren mit Social Software auf den Plan und erzählten uns, was wir sowieso schon ahnten: Wir haben teure Wissenssilos. Wir haben kein Kontextwissen, um das gespeicherte Wissen mehrfach zu nutzen. Und wir sind zu langsam. Wir alle aber wissen, dass das eigentliche Problem darin liegt, dass wir keine Zeit mehr haben. Selbst wenn wir unseren Kollegen mit Blogs, Wikis und twitter helfen wollten, wer sollte in der Zwischenzeit unsere eigentliche Arbeit erledigen? Denn die Gewinnsteigerungen der letzten Jahre beruhten schlicht darauf, dass dieselbe Arbeit, die noch in den Neunzigern mit 40 Leuten geschafft wurde, nun mit 18 Kollegen geleistet werden muss. Da ist der tägliche Kampf gegen Warenwirtschaftssysteme, E-Mail und das Intranet noch gar nicht eingerechnet. Und dabei leisten wir uns noch immer zwei Stunden am Tag An- und Abreise von und zur Arbeit. Wo ist da auch nur der Ansatz zu einer Work-Life-Balance? Das Lied der inneren Kündigung wird auch mit Tischfußball und Yoga morgens in der Kantine nicht lieblicher. Um wirklich im Team zu arbeiten, reicht nicht ein jour fix am Mittwochnachmittag. Um erfolgreich neue Märkte zu erobern, hilft es auch nicht, einfach mal die Suchmaschinen von twitter oder Google danach zu durchforsten, was die anderen so tun. 1998 wurde im cluetrain manifesto postuliert, dass Märkte Gespräche seien. Wer also vor gar nicht allzu langer Zeit, diese Gespräche aus der Firma und in die Firma gekappt hatte durch eine straffes Zeitmanagement, der braucht heute keine neuen basisdemokratischen Social Software Tools einzuführen. Verängstigte Mitarbeiter werden in keiner Weise offenen Dialog mit ihren Kollegen führen. Und da sie das intern nicht tun, werden sie auch mit den Kunden und Partnern ihres Unternehmens genauso wenig offen sein. 3. Unternehmenskultur ändert sich in Jahrzehnten kaum. Keiner hat eine Lösung im Schreibtisch.
Wissenschaftler wie Dr. Gerd Gigerenzer laufen durch die Republik und verkünden das Zeitalter der Intuition. Ein Zuviel an Information hindert uns an den richtigen Entscheidungen. Ein Zuviel an Nachdenken hindert uns ebenso. Ist das so? Vor dem Siegeszug der Systemtheorie gab es eine vielversprechende Idee in der Dialogphilosophie: das Zwischen. Es ist ein freier Ort, der nötig ist, damit sich Ich und Du begegnen können. Wer ihn kontrollieren will, zerstört ihn. Von erfolgreichen Startups können wir eines lernen. Schnelle Iterationen sind besser als gründliche Prüfungen. Wer die kritische Masse von 20-30 Menschen in einer Abteilung überschreitet muss Gruppenbildung aktiv unterstützen. Das geht am schnellsten über Gestaltungsspielräume. Was soll die Gruppe gestalten? Als Erstes die Schnittstelle zur Umwelt.
Nochmal: Das erfordert eine Kultur, die nicht auf Angst und Gehorsam basiert. Dann werden die inneren Kündigungen abnehmen. Wir kennen die Effizienzdiskussion aus der Energiedebatte. Haben wir sie schon in Bezug auf die Milliarden ungehobener Euros diskutiert, die in den Mitarbeitern schlummern, die angstfrei einfach mal ihre Meinung sagen und damit neue Wege ebnen. Haben erfahrene Mitarbeiter genug Gestaltungsspielraum? Die wahren Schätze sind auf demselben Flur wie wir. Nutzen sie internes Storytelling mit unabhängigen Kräften – in der Not auch anonym.
Oder lassen Sie den Menschen mit Avataren und anonymen Kommentaren im Intranet die Chance zu sagen, was wichtig ist. Es mag zunächst seltsam anmuten, aber dieser Schutz liefert wahre Perlen ins Firmennetz. Haben Sie Geduld.
Die Manager müssen mit dem Meckern den Anfang machen. Nach dem Meckern beginnt die konstruktive Phase, dann kommt das Besondere: Mitarbeiter übernehmen Verantwortung wo es vorher nur ein Schwarzer-Peter-Spiel gab. Vertrauen entsteht nur, wenn in Grenzsituationen keiner gekündigt wird. Vertrauen kann Leute zu Leistungen beflügeln, die sie nie mit Belohnung erreichen würden. Das Web ist nur eine permanente Telefonkonferenz mit allen Mitarbeitern über alle Themen – nicht mehr und nicht weniger. Und es rettet unsere Natur, wenn der Strom mit Wind oder Sonne produziert wird. Und es rettet unsere zerberstenden Familiensituationen.
Photo: clarita
Crosspost von multiasking.net.
Dieser Text erschien zuerst in Ruisinger D.: Online Relations, 2. Auflage, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 2011,
April 27 2011, 10:00am
TEDx: Lawrence Lessig über Demokratie
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Aus aktuellem Anlass der re:publica11 hier ein SEHR guter Vortrag vom Januar von Lawrence Lessig zum Thema Demokratie und der Einflußnahme einiger besonders Gleicher auf die Gesetzgebung (Lesiglative) am Beispiel des Essens . Es geht sogar mit meinem Lieblingsautor Thoreau los…:
April 14 2011, 10:30am
Video: How much information…
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In a short video, Martin Hilbert, a Provost’s Fellow at the USC Annenberg School for Communication & Journalism, talks about how much information the world stores, communicates, and computes.
via Leander Wattig
March 16 2011, 2:46pm
Wer war’s: Wer hat’s gesagt?
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Wir stellen uns vor, es gibt eine Sendung/Event/Podiumsdiskussion zum Thema XYZ, das irgendwie mit dem Internet zu tun hat. Eingeladen sind ein paar Experten. Einer von Ihnen sagt die folgenden Begriffe, egal welche Frage ihm/ihr gestellt wird: - Resonanz - Aufschaukeln - System - Rückkopplung - Dynamik Wer, in drei Teufels Namen könnte das sein, dass er/sie es schafft, mit uraltem systemtheoretischem Geschwurbel aus den Achtziger heute hochdotierte Beraterverträge an Land zu ziehen, ohne vor Scham zu erröten. Und alle hören andächtig zu und nicken wissend, als hätten diese Sätzen ihnen wirklich den Nebel aus den Hirnen vertrieben. Nein, liebe Gemeinde, ich hacke nicht auf ihm/ihr herum. Ich mache mir Gedanken über sein Publikum. Offenbar hat keiner an der Uhr gedreht, und trotzdem ist es schon zu spät.
February 7 2011, 10:00am
Das Web ist das Cafehaus des 3. Jahrtausends?
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Einer vielzitierten Geschichte des Philosphen Habermas nach entstand die moderne Öffentlichkeit in den Caféhäusern des 19. Jahrhunderts. Dort traf sich das Bildungsbürgertum und konnte sich analog dem antiken griechischen Bürgertum eines gewissens Reichtums und der daraus folgenden Muße befleißigen, um in Disputen und Diskussionen aus einer literarischen Kultur eine politische Öffentlichkeit zu entwickeln. Der geneigte Leser erkennt schnell in diesem Gedankengut, dass Habermas keineswegs davon ausging (ausgeht?), dass Öfffentlichkeit eine repräsentative Auswahl an Bevölkerung als notwendige Bedingung braucht. In den “emerging democraties”, die so wenig Unterstützung in ihrem Freiheitswillen erhalten wie Somalia Beachtung für seine Hungernden, wird das historisierte Modell des wenig lebenserfahrenen Habermas auf den Kopf gestellt. Konnte man dem “großen” Philosophen schon früher vorwerfen, dass Öffentlichkeit kein Begriff ist der in einer ständischen Gesellschaft besonders gut zu verankern ist. Da macht sein Hinweis auf die literarischen Quellen der politischen Öffentlichkeit im psychologisierenden Roman sowie der Belletristik überhaupt die ganze Sache auch nicht besser. Er hatte ein Vorhaben, dass er ex ante in die historischen Fakten hinein gelegt hatte: Die Vernunft muss am Werk sein. Denn er ist Rationalist und kann die Öffentlichkeit nur als Ausfluss der Vernunft begründen. Und so musste er die Balken der Historie zurechtbiegen. Ägypten weist noch weiter in eine ganz andere Richtung… Würde er aufmerksam die Geschehnisse im Iran, in Tunesien oder in Ägypten beobachten – soweit es die amerikanischen, britischen und katarischen Sender zulassen – dann würde er seine Meinung revidieren müssen. Denn dort ist erkennbar, dass Medien wie das Internet oder früher die Flugblätter nur dazu dienen können, eine Zivilgesellschaft zusammenzuführen. Aktivisten schließen sich via Internet zusammen. Und und diesem Fall sind Aktivisten junge Familien, weibliche und männliche Singles, Großväter und Witwen aus allen Schichten. Habermas könnte erkennen, dass die Schergen des Mubarak auf den bestehenden Verhältnissen als etablierter Struktur aufbauen. Sie sitzen in den modernen Teehäusern und disputieren den Verfall der Sitten bis sie aufgerufen werden, sich für “die gerechte Sache” einzusetzen. Der Ausdruck der Vernunft liegt – das verklausulieren viele repräsentative Politiker des Westens in diversen vernünftigen Statements – in der Stabilität des verhassten Regimes. Dafür reiten sie dann in die Menge wie die apokalyptischen Reiter… Es ist erkennbar, dass es keinen herrschaftsfreien Diskurs mehr gibt, wenn die eine “Hälfte” der Bevölkerung auf den bestehenden Verhältnissen beharrt und der Rest assoziiert wird mit unruhigen oder gar chaotischen Verhältnissen. Der “zwanglose Zwang des besseren Arguments” könnte nach Habermas nur eingelöst werden, wenn es eine äußere Referenz gibt/gäbe, die darüber entscheide, welche der Ansichten wahrhaft und richtig sei. Habermas behauptet sogar, dass eine Verbreiterung der Öfffentlichkeit eine Schwächung der kritischen Kraft zu Folge habe und die bürgerliche Öffentlichkeit auflöse. Dass können wir aktuell am Beispiel in Ägypten in keienr Weise erkennen. Wael Abbas ging für seine kritischen Blogeinträge ins Gefängnis, er gilt in Ägypten als Instanz. Neben den vielen Diskussionen die überall stattfanden, sind es aber solche Stimmen, die die Massen orientieren. Der Grund liegt in der Übereinstimmung von Wort und Tat. Man nennt diese Glaubwürdigkeit. Dafür ist das Internet der beste Lackmus-Test: Jeder kann dort vieles schreiben, aber die Leser erkennen an den Taten, wer welche Absichten mit seinem Tun verfolgt. Die Politische Öffentlichkeit entsteht aktuell also nicht im herrschaftsfreien Diskurs unter der Knute des Konsens. Sie versammelt sich rund um glaubwürdige Personen und formiert eigene Ideen rund Leute, die diese besonders nachvollziehbar leben. Das ist keine literarische Quelle (1:n), die sich in Urteilen schult. Hier darf und soll jeder egalitär seine Ideen erzählen, vorleben und von anderen überprüfen lassen. Die Gemeinsamkeiten liegen schon vor jeder Diskussionen offen und unversöhnlich auf dem Tisch des Hauses: Beharrung im Bestehenden oder tabula rasa für neue Konzepte, die sich erst im Laufe der Zeit und der Gedanken- und Meinungsfreiheit kristallisieren. Insofern entsteht politische Öffentlichkeit erst dann, wenn der Wandel der Werte neue Institutionen schaffen darf und soll.
February 3 2011, 10:16am
Wikileaks 2.1: P2P-Journalismus
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Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte sich in den letzten Jahren im Kreis von Medienjournalisten und Webexperten eine Diskussion um die Vierte Gewalt im Staat verselbstständigt. In einer frühen Phasen entwickelten sich einige Fachblogs zu Quellen aus denen sich seriöse Journalisten gerne und fast immer ohne Angabe von Quellen bedienten. Als die Leserschaft diese Aktionen bemerkte, schwenkte die Wertung gegenüber Blogs um. Die Reichweitenbeschaffer alias Leser, die Verlage an ihre Anzeigenkunden verkaufen, schauten nun immer öfter selber nach, was fefes blog, Don Alphonso, netzpolitik.org oder Bildblog sich ausdachten oder recherchierten bzw. zugetragen bekamen. Das war schmerzlich, weil die Verlage eine Deutungshoheit beanspruchen, die sie mit dem Begriff Qualitätsjournalismus gegenüber diesen Emporkömmlingen abgrenzen wollten und wollen. Das größte Problem waren die Diskussionen im Web rund um Artikel, die nicht selten lawinenartig neue Artikel auslösten. Neben der Deutungshoheit verloren die klassischen Medien also auch noch ihre Funktion des Agendasettings, die sie gekonnt im Umgang mit Politikern und PR-Agenturen einzusetzen gewöhnt sind. Einige Verlage haben sich schon verdächtig nahe an die PR-Ausbildung herangerobbt wie die FAZ mit dem FAZ Institut beweist oder arbeiten auf halbseidenen Wegen mit Detektiven, um Fakten, Fakten und Fakten zu schaffen, wo vorher keine waren oder die Privatsphäre einen Schirm aufspannte. Der Begriff Qualitätsjournalismus ist also eher ein Potemkinsches Dorf hinter dem man gegenüber Politikern einen enormen Aufwand (trotz radikaler Entlassungen) als Medienapparat im Dienste der Demokratie verkaufen kann. Im Grunde geht es dabei um ein Ringen nach Subventionen, oder präziser einem Beamtenstatus für alles, was man selbst so qualifiziert. Was nicht Qualitätsjournalismus ist (und das definieren immer die Verlagsvertreter!) – zum Beispiel die Blogger und selbsternannten Journalisten im Web – muss nicht staatlich geschützt werden, weil es keine zwölfstöckigen Denkmäler für die Vierte Gewalt erbaut und außerdem auch noch die hoheitliche Aufgabe der Qualitätsjournalisten vermissen lässt: Man entwertet diese Onlineschreiberlinge mit dem Hinweis darauf, dass sie nicht Agenturmeldungen filtern und umschreiben, dass sie kein Fact-Checking betreiben (wie viele deutsche Verlage auch) und dass sie ja immer nur Meinungen verbreiten… Und dann kam wikileaks. Weiterlesen beim Click auf MEHR…
Vor einigen Jahren war es der Anlass für viele Leser überhaupt die Existenz des Begriffs whistleblower zur Kenntnis zu nehmen. Es gab also noch eine andere Welt als die Agenturen. Investigativer Journalismus kann ohne sie gar nicht existieren. Anders als viele glaubten, haben die Mitarbeiter von “Report” oder “Monitor” gar nicht wie der selige Wallraff falsche Bärte angeklebt und recherchierten als verdeckte P-Männer und -Frauen (V-Mann=Verfassungsschutz-Mann und P-Mann=Presse-Mann). Und nun kommen so ein paar Irre Hacker daher (wer kennt den Unterschied zwischen Hacker und Cracker?) und ermöglichen whistleblowern das Publizieren ihrer heimlich entwendeten Dokumente über die Scheinheiligkeit von Politikern, multinationalen Konzernen und die bösartigen Greueltaten zu denen Menschen Menschen treiben. Und nun? Jetzt überschlagen sich plötzlich alle in der Ansicht, dass ein neues Zeitalter angefangen hätte? Die Masse der Daten, die ins Web gekippt werden sollen nun über den Grad der Freiheit der Menschen entscheiden. Wie immer glauben die Adepten aus dem Lager der Webexperten, dass Quantität (Speicherplatz, Bandbreite, Userzahlen etc) über Freiheit, Erfolg und Demokratie entscheiden. Sie sind damit sehr nahe an den klassischen Verlagen: Reichweite=Leserschaft=Relevanz für Demokratie. Und in der anschließenden Diskussion purzeln die Begriffe nur so durcheinander. Sind Verleger (Veröffentlicher) wie wikileaks nicht eigentlich die neuen Journalisten? Sind Staaten wie die USA oder Frankreich, die Schwächere schon immer gern via Währungsfonds und Weltbank drangsaliert haben und mit economic hitman Weltgeschichte schreiben, sind solche Staaten eigentlich genauso schlimm wie China, die so ein Verhalten ganz offen und schroff zeigen? Nun die Antworten liegen im WIE. Denn es gibt große Unterschiede, nicht nur wenn man ins Detail guckt. Anders als es Reporter ohne Grenzen mit ihrem Vergleich zwischen USA und China Glauben machen wollen, sind die USA ein Land mit weitgehender bürgerlicher Freiheit und sehr pingelig, wenn es um ihre nationale Souveränität geht. China ist in allem mit einer extremen Art von Kontrollzwang. Aber Details interessieren viele gar nicht, die mal wieder den Teufel am Werk sehen? Es ist verständlich, wenn sie Assange in Schutz nehmen wollen, obwohl ich nicht weiß, ob er wirklich die Lichtgestalt ist, die man aus ihm gemacht hat und an die er jetzt offenbar sogar selber glaubt. Eigentlich wäre es schlau aus den Daten und Informationen Erkenntnisse zu gewinnen. Aber das setzt Wissen voraus und nicht jedes Urteil ist Ausdruck oder Folge von Wissen. Wissen entsteht nur auf dem Hintergrund dessen, was jeder schon vorher kannte. Angesichts so eines Datentsunamis wie bei wikileaks liest jeder – auch und gerade die Qualitätsjournalisten - nur das heraus, was ihm oder ihr als fehlendes Puzzle zum vorhandenen Hintergrundwissen passend erscheint. Es macht also Sinn, das alte Modell des Filesharings namens peer-to-peer heraus zuholen. Ein Peer ist eine Bekannter oder Freund. In den Peer-to-Peer oder P2P-Netzwerken sind Daten immer auf allen angeschlossenen Rechnern gemeinsam gespeichert. Keiner weiß wo eine Datei wirklich liegt und wie oft ihre Kopie bei anderen vorhanden ist. Wie sollten dieses Modell für wikileaks nutzen um dieses tolle Werkzeug nicht in persönlichen Ränkespielen Einzelner zu trivialisieren. Ich kenne Assange nicht, aber das Werkzeug wikileaks sollte aus seinen Händen genommen werden, um ihn und uns zu entlasten. Wie? Es gibt ein tolle Projekt namens dot-p2p dazu, dass wir alle unterstützen sollten: URLs, die auf .p2p enden werden in dieser P2P-Cloud von uns allen gehostet und können nicht mehr von einzelnen Providern abgeschaltet werden. Dies ist erst der Anfang der wahren Diskussion um Netzneutralität, denn es geht um den Ort der Daten: Sie müssen da sein, wo auch das Wissen ist – bei uns allen.
ers
December 10 2010, 10:04am
Wikibeast
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Es dürfte inzwischen jedem mehr oder minder eifrigen Nachrichtenrezipienten nicht entgangen sein, dass das aktuelle Schreckgespenst der US-amerikanischen Aussen- und Informationspolitik einen prominenten Namen trägt: WIKILEAKS. Den einen mag die Plattform als gekonnte Umsetzung des Robin Hood‘schen Prinzips der strategischen Umverteilung machtrelevanter Werkzeuge (früher: Besitz, jetzt: Information) erscheinen. Für die anderen ist es schlicht ein erschreckend unreflektiertes, politisch kurzsichtiges Portal, dass jedem ernstzunehmenden Versuch von investigativem Journalismus die Schamesröte ins Gesicht treiben muss. Seit Tagen nun rauscht Wikileaks also im Dokumentengewand durch die Schlossruine der US-Diplomatie. Und offenbart der Weltöffentlichkeit, was hinter dem aussenpolitischem Verhandlungsgeschick der United States of America tatsächlich verborgen liegt: nämlich dass der nette Onkel USA in seiner politischen Gesamtheit ein hinterhältiger Heuchler ist. Aha…
Die Liste der hehren Ziele, die Wikileaks mit seiner Veröffentlichungsplattform zu verfolgen sucht, liest sich wie ein rebellisches Flugblatt in einer medienzensierten Realität: Die Publikation delikater Informationen von „ethischer, politischer und historischer Bedeutung“ soll den geneigten Leser aus seiner real-politischen Unmündigkeit und Unwissenheit befreien. Oh ha. Dass dies mehr als heiter werden kann, sieht man am aktuellen informationspolitischen Supergau der US-Regierung, kurz „Cablegate“. Und wie das so ist, wenn man den Wald vor lauter Depeschen nicht mehr sehen kann, wird eine der dringlichsten Frage in diesem Zusammenhang immer noch nicht laut und beharrlich genug gestellt: Die Frage nach den zu befürchtenden Konsequenzen für das globalpolitisch unabdingbare Konzept der Diplomatie. Denn konsequenterweise hat Wikileaks nicht nur dem US-Regierungs-Onkel die Hosen runtergezogen, sondern in einem Rutsch auch noch das Notwendigste der Diplomatie gleich mit in die Tonne getreten: die Möglichkeit, durch Verhandlungsgeschick und der Zurückhaltung persönlichen Werturteile und Wesenseinschätzungen delikate Gleichgewichtsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Genützt haben die Veröffentlichungen in der öffentlichen Diskussion vor allem einem: Hui-Buh respektive Wikileaks. Denn das Netzwerk um Julian Assange, dessen zweifelhafter Lebenswandel hier nicht zur Debatte steht, hat sich vom medialen „Emporkömmling mit unklarem Antrieb“ zu einem ernstzunehmenden Politikgespenst gemausert. Denn fest steht: die „durch Wikileaks geöffnete Material-Fundgrube (…) wirft Licht auf die Art und Weise, wie innerhalb und zwischen politischen Organisationen und Institutionen kommuniziert worden ist.“ Es bleiben allerdings begründete Zweifel, ob es tatsächlich diese kritische Ausleuchtung politischer Hinterzimmer ist, die Wikileaks im Sinn hat. Denn sowohl die Art der Aufbereitung, als auch die Ankündigung, die delikaten Dokumente schrittweise zu veröffentlichen, sprechen eher für einen öffentlichkeitswirksam zelebrierten Akt des Tratschens, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Und derer bleibt es abzuwarten. Sorgenvoll.
December 3 2010, 10:02am
Video: Rethink Identity & Participation
http://feedproxy.google.com/~r/blogpiloten/~3/_8DojKMS63g/
Ein tolles Video mit Seltenheitswert.
Sherry Turkle, Professor of the Social Studies of Science and Technology, MIT und Henry Jenkins, Professor of Communication, Journalism, and Cinematic Arts, USC, diskutieren über den besonders heiklen Part der Partizipation mit dem noch heikleren Bereich der Identität(en) im Web… Wundert Euch nicht, wenn Ihr die Namen nicht kennt, die aktuell gehandelten Webgurus haben noch studiert als diese hier ihre ersten Bücher über Menschen am Computer und in Datennetzen publizierten. MIT Tech TV
September 6 2010, 9:51am
“Das Rad des Wissens und des Imaginären”
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Anläßlich des neuen Buches über die Zukunft desselben treten die beiden ausgewiesenen bibliophilen 80jährigen Druckerschwärzesüchtigen Umberto Eco und der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière an, um dem Journalisten de Tonnac alles über Vergangenheit, Wirkung und Zukunft des Buches zu erklären. Ähnlich wie die positiven Stimmen der vier Energieweisen aus dem Abendland zur Atomkraft, finden auch die beiden Bücherwürmer nur lobende und preisende Worte zu zukünftigen Entwicklung des Buches. Mit Grausen berichtet Carrière über das Verdikt vom Weltwirtschaftsforum 2008, dass in 15 Jahren alle Bücher verschwunden sind. Ja, liebe Leute, genauso wie die Langspielplatte. Vinyl ist in. Oh, eine tote Technologie erlebt seit 5 Jahren ihren phönixartigen Aufstieg Und so wird nach dem Siegeszug der U-Literatur auf e-ink in den nächsten Jahren auch bald wieder ein Umschwenken auf das gute alte Buch kommen. Warum sind die alten Autos ohne ABS, Steuergeräte und Sicherhheitsgurte nochmal eine Geldanlage? Richtig, weil sie selten sind. Weil sie begehrt sind und weil Menschen in die Objekte ihre Projektionen ungestört hineinlegen können. Manche holen sie da wieder raus und müssen deshalb Unsummen zahlen für “technisch überholte” Maschinen. Natürlich erzählen sich die beiden älteren Herren auch die Geschichte, dass das Gedächtnis seit dem Computersiegeszug seine Funktion geändert hat. Achja, erinnert mich an die seelige Uroma meiner Ex-Frau, die erzählte auch allen und jedem, das seit ein paar Jahren die Bäume deutlich höher wachsen würden als früher. “Ob das mit dem Atom und so” zusammenhing, wollte sie wissen. Ich hätte ihr damals erzähle sollen, dass unser Auge seit der Erfindung des Fernsehers einfach ganz anders sieht…
August 17 2010, 1:28pm
Ich bin in der Überzahl
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“2007 wurden nach dem rätselhaften Mord an einer Polizistin die Gen-Spuren einer weiblichen Person gefunden, deren DNA in den vergangenen 15 Jahren an 26 weiteren Tatorten festgestellt worden war. Es ging um weitere Morde, aber auch um Einbrüche. Die Opfer waren alt wie jung, männlich wie weiblich. Es gab keine Strategie, kein Muster, kein Motiv, keine Kohärenz, keine inneren, keine äußeren Zusammenhänge. Das folgende Psychogramm erschien letztendlich am wenigsten spekulativ: Eine sehr flexibel agierende Person, die in Gartenhäusern nächtigt, gerne aus zurückgelassenen Flaschen trinkt und sich gelegentlich anderen Ganoven anschließt. Sie hat Bezugspunkte in Rheinland Pfalz, Baden-Württemberg und Oberösterreich, ist möglicherweise drogenabhängig und zwischen 25 und 50 Jahre alt. Eine Frau, die kein bestimmtes Milieu bevorzugt, ein gutes Gespür für Tatorte vor allem in Vororten und Kleinstädten hat, ab und an gezielt Motorräder, Elektrowaren oder Autos stiehlt und sich unliebsamer Beobachter äußerst brutal entledigt, wenn sie bei ihren Verrichtungen überrascht wird. Aber die Frau hatte kein Gesicht und keine Gestalt, kein Alter, keinen Namen, keine Nationalität, keine Muttersprache. 3000 Spuren wurden erfasst und 2400 bearbeitet, darunter nicht einen einziger konkreter Hinweis auf die Identität der Frau. Tausende von lauwarmen, kühlen und kalten Spuren, die sich untereinander widersprechen. Statt sich scharf zu stellen, zerfiel das Bild in tausend Pixel. Das Bild der Frau war das Bildnis einer monströsen Leere.” (Süddeutsche Zeitung Online, Zitat stark komprimiert)…
“Ich bin in der Überzahl!” (#) Ich bin martinlindner auf Twitter. Ich bin Martin_Lindner14 auf Xing und MicrolearningOrg auf delicious.com. Erst seit einem Jahr bin ich “Martin Lindner” auf Facebook. Vorher war ich dort mit meinem Bildschirm-Pseudonym angemeldet. Den bürgerlichen Namen habe ich erst angenommen, als sich herausgestellt hatte, dass ich Facebook eher halbberuflich und kaum privat nutze. Ich habe eine ID bei Facebook, Xing, Twitter, LinkedIn, Yahoo, Flickr, YouTube, MyBlogLog, Wordpress, Wikispaces, pbworks, mixxt, Microsoft Live, Amazon und bei vielen, vielen anderen Services. Ich habe keine ID bei World of Warcraft, Second Life und StudiVZ. Ich habe drei IDs bei Google. Ich bin identisch bin mit dem Autor des sehr lange schon vergriffenen Buchs “Leben in der Krise”. Mein Leben vor 1999 gehört nicht mehr zu meiner Identität, weil nichts davon im Web steht. Ich habe seit Ende 2003 unter wechselnden Namen in einigen Blogs geschrieben. Am meisten über mich erfährt man im Web, wenn man meine 11920 öffentlichen Bookmarks auf delicious.com genau durchsieht, aber natürlich macht das kein Mensch, nur der Google-Robot vielleicht. Ich bin verheiratet. Ich habe keine Vorstrafen. Ich habe keine besonderen Kennzeichen. In meiner Brieftasche habe ich einen Personalausweis, einen Führerschein, eine EC-Karte von meiner Sparkasse, eine Amazon-Visa-Kreditkarte, eine IKEA family card, eine Bahncard, eine Bibliothekskarte, eine Krankenversicherungskarte der AOK, einen Impfausweis. Diese Karten verweisen auf ein Konto, auf eine Adresse, auf einen Eintrag im Melderegister … und letzten Endes auf meinen einmaligen Körper. Das letzte Mittel ist die DNA-Probe. Ich weiß nicht, wieviele Karten, Nummern und Ausweise es im “richtigen Leben” gab und gibt, die genau auf mich verweisen, aber es können nicht so furchtbar viele sein: vielleicht 30 in fast 50 Jahren. Und wieviele IDs habe ich im Internet-Leben angehäuft? Keine Ahnung. Mindestens 200 in 10 Jahren, sehr vorsichtig geschätzt. All that is solid melts into the air “Die fortwährende Umwälzung, … die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die [Internet]-Epoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse … werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles … Stehende verdampft… und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.” (Kommunistisches Manifest, geringfügig verändert) Identitäten veränderten sich immer schon, je nachdem, in welchem Kreis man gerade verkehrte: unter den Fußballfreunden oder im Büro, im Elternhaus oder auf dem Metallica-Konzert, bei der nachmittäglichen Dessous-Einkaufsparty im Reihenhaus oder im Bordell nach der Baumaschinen-Messe. Und das gilt nicht nur in solch grob unterschiedlichen Kontexten. Im Prinzip wird mit jedem einigermaßen stabilen Kommunikationszusammenhang auch eine eigene Identität erzeugt: ein Spiegelbild, das die Umwelt auf mich zurückprojiziert. Aus den Überlagerungen und Wechselwirkungen dieser Spiegelbilder entsteht dann so etwas wie meine Gesamt-Identität – aber die ist nicht der Ursprung von allem, sondern die unklarste Identität von allen, weil es ja gar keine konkrete Situation gibt, zu der sie gehört. Was ist also das Neue? Was verändern die digital-vernetzten Medien?
Mehr ist anders: Es ist viel einfacher geworden, eine neue Identität anzulegen. Ein paar Klicks genügen, und schon steht man in einem neuen Kommunikationszusammenhang. Schon kann man anfangs neu darüber bestimmen, wie man auftreten will. Und dann bilden sich mit jeder Lebensäußerung Muster aus, bis man sich am Ende wieder eingesponnen findet und sich fragt: Bin das noch ich? Will ich so sein? Räume werden durchlässig: Bisher waren Identitäten noch an Orte gebunden. An die Nachbarschaft, die Kleinstadt, die Metropole, die Nation. Jetzt kann jede/r DorfbewohnerIn Beziehungen in anderen Erdteilen anknüpfen und sich alternative Identitätsmuster heraussuchen aus einem unendlich vielfältigen Katalog. Das Handfeste wird flüchtig: Bisher musste man seinen Körper einsetzen, um eine Identität zu beglaubigen. Darum konnte man auch nur schwerfällig aus einem Zusammenhang in den nächsten wechseln. Jetzt ist die Kommunikation selbst viel abstrakter: Sie besteht nicht mehr zuerst aus mündlicher, verkörperter Sprache, sondern aus Text. Aus dunklen Zeichen auf hellem Grund. Blogposts, Kommentare, eMails, Twitter, SMS. Darin wird dann ab und zu auch die eigene Stimme, das eigene Bild eingebettet. Aber das Bindegewebe besteht aus Text. Der schwere Körper dagegen verschwindet zwischen den Zeilen. Aber eben auch umgekehrt: Das Flüchtige wird greifbar. Früher gab es momentane Identitäten, die dann gleich wieder verwehten mit der mündliche Rede und dem vorübergehenden Auftritt. Aber im Web hinterlassen auch flüchtige Äußerungen mediale Spuren, die sich verselbständigen. Über unseren Köpfen schwebt gleichsam eine verselbständigte Partikelwolke aus Äußerungen und Gesten und Daten. Gelegentlich verdichten diese Partikel sich wieder zu Identitäten. Das Web ersetzt nicht das “richtige Leben”, aber es polt das Verhältnis um. Free your mind, your ass will follow. Treffen und Aktionen in der Körperwelt werden sich in Zukunft viel stärker aus scheinbar gestatlosen Netz-Verbidnungen ergeben
Bring deinen Körper auf die (Web 2.0-) Party (#) Die rätselhafte Polizistenmörderin gab es übrigens nicht. Ihre Phantom-Identität war ein Effekt von 2400 Spuren, die nichts miteinander zu tun hatten. Die DNA, die an den 30 Tatorten gefunden worden waren, stammte von einer Packerin aus der Wattestäbchen-Fabrik, deren Produkte die Polizei nutzte, um Spuren zu sichern. Der Mord ist noch immer unaufgeklärt. So ähnlich ist das auch mit der Identät im Web: Wer einen Namen googelt, findet viele verschiedene Spuren, aus denen sich in der Such-Perspektive dann so etwas wie eine Phantom-Persönlichkeit herauskristallisiert. So wie wir als Romanleser sofort das Bild einer Figur entwickeln, obwohl diese Figur eigentlich nur durch wenige Adjektive und Sätze charakterisiert ist, zusammen mit ein paar eigenen Äußerungen und den Wirkungen und Reaktionen der Romanwelt um sie herum. Das Wort “Identität” ist ein Widerspruch in sich: Es beschwört Eindeutigkeit, aber wird nur da benötigt, wo Identität in Frage steht. Und es bezieht sich zuerst auch gar nicht auf das einmalige Wesen eines besonderen Menschen, sondern immer auf irgendein soziales System, das eine bestimmte Position für Akteure ausspart und dann feststellen will, ob ein Individuum dazu passt oder nicht. Identitäten werden immer von anderen verliehen, aufgrund bestimmter Merkmale, die im jeweiligen Zusammenhang gerade wichtig sind. Meine Bank schreibt mir eine andere Identität zu als der Türsteher im “Berghain”. Einmal bin ich eine Konfiguration von Zahlen, das andere Mal ein Stück Fleisch. Aber keine dieser Identitäten ist deshalb echter als die andere. Der arme, echte, plumpe, alternde Körper hat selbst keine Identität. Er braucht gar keine, er ist ja einfach da. Identitäten werden daran nur aufgehängt. Und seit einiger Zeit werden sie eben hineintätowiert, hineinoperiert und hineintrainiert, in dem verzweifelten Versuch, so einen festen Ankerpunkt herzustellen. Das Netz kehrt die Verhältnisse um. Das selbstgewählte Bild, das für eine Web-Identität steht, heißt “Avatar”: der hinduistische Begriff für ein eigentlich formloses Gott-Wesen, das die äußere Gestalt eines Menschen oder Tieres nur annimmt. Primär geht es im Netz ja nicht um das, was man ist, sondern um das, was man äußert. Es geht zuerst um soziale Objekte in Form von Text, Ton und Bild, und erst sekundär um die sozialen Beziehungen. Mit den Worten der großartigen Kathrin Passig: “Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. Der zuverlässige Ebayverkäufer ist vielleicht andernorts ein Gliedvorzeiger, der Forentroll ein hilfreicher Berater in Fragen der Reptilienzucht, der kluge Essayist ein randalierender Blogkommentator. Es gibt keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.” Wichtig ist in einem solchen Zusammenhang dann nicht mehr das “unordentliche Konglomerat der ganzen Person”, sondern nur die Frage: “Welche Lebensäußerungen eines Menschen sind für dessen Umwelt in einem spezifischen Kontext von Interesse, welche nicht?” Woraus entsteht eine positive Reaktion, auf die andere (und man selbst) weiter aufbauen können? Bildnachweis: FlyingPete Crosspost von evideo.htw-berlin.de
July 1 2010, 10:03am











