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Kassaei meets Kotler

Jetzt ist es raus. Der Verbraucher ist nicht nur Kunde, er ist sogar ein Mensch. Jahrzehntelang hat Philip Kotler das gesamte Arsenal der mathematsierten Gesellschaftswissenschaften, die so gern von den Naturwissenschaften anerkannt wären, auf die Nachfrager losgelassen. Sogar die Organisationstheorie war ihm nicht zu schade, etwas Übersicht in die Absatzförderung zu bringen. Nun ist Schluß. Auch er bläst in das Horn namens Ethik. Der mathematisierte Geist verspricht sich davon, dass es auf diese Weise menscheln sollte.”Die neue Dimension des Marketings. Vom Kunden zum Menschen” muss ja dann konsequenterweise auch von dem Handeln, was Philosophen und Theologen seit langem, erstere sogar seit Jahrtausenden behandeln. Denn da geht es nicht um soziale oder ökonomische Rollen, da geht es gleich um alles: den Menschen…

Im Web sind die Menschen drinnen Man könnte denken, die Wirtschaftswissenschaftler, vor allem die Marketinglehre holt nach, was seit den Siebzigern dernier cri ist. Die Ganzheit, der Holismus. Da wimmelt es seit 40 Jahren von Grenzen, Differenzen, Komplexität und Emergenz und all diesem Systemjargon. Aber da ist Gott vor, dass Kotler nicht sowas meint. Denn er ist ja sozusagen der Gottvater der menschlichen Bedürfnisse. Er hat mit ihnen in der Gosse gelegen, hat ihnen den Mund abgeputzt, als sie siechend auf dem Totenbett lagen. Er hat sie neu eingekleidet und ihnen virtuos kräftiges Make-Up in das fahle Gesicht geschmiert. Jetzt kommt er mit revolutionärem Gedankengut wieder aus den Tiefen der Menschheit, vulgo das Internet, denn dort steht drinnen, dass Marketing nicht mehr über Produkte oder für Verbraucher realisiert werden muss sondern. FÜR MENSCHEN. Da wird dann die unternehmerische Verantwortung zum Gegenpol der Rentabilität. Ja, er hat seinen Haque, Hagel III und sogar die Auguren der Corporate Social Responsibility gelesen. Das verkauft er uns nun als Zukunft: Mercedes und BMW behandeln plötzlich seine Leiharbeiter wie diejenigen, die seit Jahrzehnten im festen Arbeitsvertrag stecken. Kein Unternehmen verkauft mehr Ware, die in Asien unter unwürdigen Umständen produziert wird. Energieunternehmen nutzen Kernenergie erst dann, wenn die ganze Wertschöpfungskette kalkuliert und zuende geplant ist – inklusive der Endlagerfrage. Genau so wird es kommen her Kotler. Ich bin mir sicher, dass das Alterswerk der ehemaligen Gurus spannend ist. Leider verfallen viele Menschen angesichts des nahenden Todes genau in den Ton, den andere schon als junge Menschen anstimmen: Jeder Mensch ist nur soviel Experte, wie sich in seinem direkten Umfeld als deutliche Verbesserung der Verhältnisse abzeichnet. Kotler hätte sicher einiges tun können, um uralte Kernbotschaften, die in vielen Kulturen zum Standard gehören einfach mal umzusetzen. Sie jetzt als Marketinglehre zu verkaufen, grenzt vielleicht an Debilität oder enormen Sarkasmus. Kann man auch ohne Web den Menschen begegnen? Da lobe ich mir den Amir Kassaei, der noch immer daran glaubt, dass Firmen wie McKinsey Innovationen herstellen können. Er muss das, weil sie seine Häuser bezahlen und damit den Familiensegen lindern. Aber er hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Kotlers dieser Welt. Er kennt den Zustand, allein der gesamten Welt gegenüber zu stehen. Welche Schlüsse man aus diesem Zustand zieht, entscheidet darüber, welche Welt man vorfindet. Es geht dabei nicht um solche Tautologien wie Soziale Medien oder Glaubwürdigkeit. Es ist die klare Entscheidung, ob man eine soziale Maske trägt oder nicht. Wer das tut, soll sich nicht beschweren, wenn er oder sie die Hälfte des Lebens in sozialen Rollen eingeschnürt lebt. Es ist wie immer vor dem Tod: Stelle ich mich der existenziellen Angst und damit der Verantwortung oder lasse ich die Jahre dahinziehen und komme dann als alternder Menschen auf dieselbe Idee, die schon Kinder umtreibt: So wie es ist, kann es nicht blieben. Keiner darf liegenblieben. Aber wer von den Menschen um mich herum hilft? Etwa ich? Warum nicht?

Disclaimer: Ich finde das Netz toll. Ich brauche kein Auto mehr, um zur Arbeit zu fahren. Das Web könnte auf einen Rutsch Hunderttausende Autos und Abermillionen Quadratmeter unnütz geheizter Bürofläche überflüssig machen und damit die Energieeffizienz Deutschlands verdoppeln ohne einen Handschlag (außer LTE oder Wimax auf dem Lande). Was ich aber eigentlich meine, denn dieser Effizienz-Vorschlag wäre ja zu einfach: Man sollte die Potenz des Web nicht unterschätzen, aber dieses ganze Begegnunggefasel rund um das Web als soziales Medium kommt mir langsam vor wie ein willkommener Anlass der Besserwisser, Dinge zu erklären, die sie nicht erlebt haben.

Bildnachweis: darrenhester

September 22 2010, 9:32am

Kampf vs. Vergewaltigung ist Kampf vs. Betroffene

Am Donnerstag letzter Woche beschäftigte sich das TV-Magazin “Monitor” mit dem Thema Vergewaltigung. Anlass gab die Äußerung des Staatsanwaltes Hansjürgen Karge bei Anne Will, der selbst seiner eigenen Tochter davon abraten würde, im Fall einer Vergewaltigung Anzeige zu erstatten (wir berichteten). “Monitor” ging der Frage nach, was es Opfern in Deutschland erschwere, eine Tat vor Gericht zu bringen beziehungsweise Anzeige zu erstatten. Die Fakten, die das Magazin vorbringt, sind nicht neu und dennoch ernüchternd. Auf etwa 100.000 Deutsche gäbe es nur neun Anzeigen wegen Vergewaltigung. Die nicht gemeldeten Vorfälle dürften allerdings um ein Vielfaches höher liegen, legt man lediglich die Statistiken zu Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen zu Grunde…

Die Gründe für das Opfer, sich gegen eine Anzeige zu entscheiden, sind vielfältig: Da etwa 85 bis 90 Prozent aller Täter_innen aus dem persönlichen Umfeld des Opfers stammen, ist das Schamgefühl, der soziale Druck und die Angst vor Einschüchterung durch den/die Täter_in besonders hoch. Hinzu kommt, dass die Vorgehensweise der Polizei und ermittelnden Behörden eine zusätzliche Hemmschwelle bieten: Im Regelfall wird ein Vergewaltigungsopfer nur dann professionell untersucht, wenn es Anzeige erstattet. Aber genau davor scheuen viele Opfer erst einmal zurück. Für sie beginnt deshalb ein Vernehmungsmarathon, bei Polizei, Gericht und Gutachtern. Wieder und wieder müssen sie die Tat schildern und durchleben. Weil es bei Beziehungstaten meist keine objektiven Beweise gibt, zählt die Glaubwürdigkeit des Opfers. Gutachter wie Thomas Weber sind verpflichtet, dem mutmaßlichen Opfer zu unterstellen, dass es nicht die Wahrheit sagt. Perfide, denn ein Gutachter gesteht im Monitorbeitrag, dass diese Vorgehensweise die Opfer nachhaltig psychosozial schädigen kann. Etwa 80 Prozent aller Vergewaltigungsopfer benötigen zum Teil jahrelange psychologische Betreuung. Entscheidet sich das Opfer dennoch, direkt nach der Tat Anzeige zu erstatten, kann es in einigen Fällen sogar passieren, dass die Polizei keine Gerichtsmedizin hinzuzieht, um das Opfer zu untersuchen und Beweise zu sichern, berichtet “Monitor”. Stattdessen wird das Opfer zur hausärztlichen Untersuchung geschickt. Die Folge: mangelnde Beweise und damit ein fehlende Glaubwürdigkeit vor Gericht – sollte der Fall überhaupt dort landen. 80 Prozent der Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung werden wieder eingestellt. Einen Lichtblick gibt eines der wenigen Modellprojekte in Mainz. Dort können sich Opfer anonym untersuchen lassen, ohne Anzeige zu erstatten. Die Beweismittel werden zehn Jahre eingelagert, so lange hat das Opfer Zeit sich zu überlegen weitere rechtliche Schritte einzuleiten. Finanziert wird das Projekt vom Innenministerium Rheinland-Pfalz. Nationale, flächendeckende Strukturen gibt es allerdings nicht. Keines der Bundesministerien fühlt sich in dieser Sache zuständig. Anders in England: Dort sind die anonymen Opferzentren seit Jahren selbstverständliche Anlaufstelle für Betroffene, die Regierung will die  Zentren um 50 Prozent ausbauen, denn die Zahl der Anzeigen habe sich mit den Opferzentren erhöht. Sie liegt dreimal höher als in Deutschland. Crosspost von maedchenmannschaft.net von Nadine

August 27 2010, 10:05am

Von Tellerwäschern und Millionären

„The problem of our age is the proper administration of wealth, that the ties of brotherhood may still bind together the rich and the poor in harmonious relationship.“
Es ist das Jahr 1889, als Stahl-Magnat Andrew Carnegie dies im ersten Kapitel seines vielzitierten Essays „The Gospel of Wealth“ („Das Evangelium des Reichtums“) niederschreibt und fortan in der Ahnengalerie bedeutender Philantropen hängen darf.

Und nun, im Jahr 2010, erklären sich einige der reichsten Menschen der USA bereit, die Hälfte ihrer Milliardenvermögen für wohltätige Zwecke zu spenden. Rockefeller, Hilton, Turner, Bloomberg, Pickens, Lucas. Sie alle folgen dem Aufruf von Microsoft-König Bill Gates und Investor Warren Buffet. Denn die Nummern 2 und 3 der surrealen „Forbes-Liste“ wollen eine neue karitative Dimension erschließen. Ihre Vision: The Giving Pledge. Das Ziel: die Superreichen ihres Landes davon zu überzeugen, einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod zu spenden und dies via öffentlicher Absichtserklärung auch kundzutun. Die Zusage zur Abgabe von mindestens 50 Prozent ihres Vermögens ist dabei kein juristisches Vertragszugeständnis, sondern eine Frage der Moral: „to commit to giving the majority of their wealth to philantrophy.“ Ein kategorischer Spenden-Imperativ für einen guten, dem Gemeinwesen dienenden Zweck…

Ganz nach Carnegie-Manier, die da festschreibt, all jenes Vermögen, das zur Versorgung der Familie nicht unbedingt notwendig sei, in den karitativen Kreislauf einzubringen und zum Wohle der Gesellschaft zu verwalten. Und so hofft The Giving Pledge auf mindestens 600 Milliarden Spenden- und Sitftungsgelder. So weit, so wohltätig. Allerdings scheint die transatlantische Spendenverständigung noch manche Defizite aufzuweisen. Stieß Gates doch mit seiner Anfrage bei ihm persönlich bekannten Milliardären in Deutschland offensichtlich auf Ablehnung. Sind wir also bockige Knauserhammel, die nicht anerkennen wollen, dass eine zivilgesellschaftliche Beteiligung auch die Öffnung privater Geldquellen beinhaltet? Liegt es an der langewährenden vollständigen Tabuisierung von Sex und monetären Angelegenheiten in unserer Kultursphäre? Ein „Man zeigt nicht, was man hat“, weder das Holz vor der Hütte, noch die Kröten in der Tasche? Nein. Dann vielleicht schon eher die Angst vor Neidern oder dem Vorwurf möglicher Verquickung privater und öffentlicher Interessen. Eventuell ein fehlendes Gen zur Marktschreierei. Seht her, ich habe gespendet! So ist die bevorzugte Art, sich in Deutschland einen wohltätigen Namen zu machen, der Stiftungsweg. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen dienen 90 Prozent der etwa 17 400 Stiftungen hierzulande rein gemeinnützigen sozialen und kulturellen Zwecken. Natürlich darf auch hier angenommen werden, dass die Spendierhosen des Gebers um so lockerer sitzen, je grösser der Einfluss auf den Verwendungszweck ist. Zudem stehen sich bei dem Vergleich deutsch-amerikanischer Spender-Mentalitäten zwei grundsätzlich verschiedene Sozial- und Bildungssysteme gegenüber. Pauschalisiert trifft das deutsche Verständnis von Verantwortungsabgabe in Umverteilungsfragen an den Staat auf eine eher grossmannssüchtige „Do it yourself“-Mentalität der Amerikaner. Doch letztendlich ist es aus einer zweckgerichteten Perspektive egal, warum und unter welchen Bedingungen das Geld „von oben nach unten“ fliesst. Ob nun dem öffentlichkeitswirksamen Spenderpathos eines Forbianers oder einer adäquaten Erbschafts- und Vermögensbesteuerung des Staates geschuldet: Es geht um die Wahrnehmung gegenseitiger Verantwortung. In einer ungleichen Gesellschaft. Bildnachweis: Wikipedia (gemeinfrei)

August 13 2010, 10:03am

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