Jetzt ist es passiert: CSU-Ministerpräsident Seehofer bekommt von Kanzlerin Merkel für dieselben Thesen Beifall, die Sarrazin in den vergoldeten Rentnerstatus bugsierten. Wohlmeinende Jünger der Sekte der Heiligen Fakten der Letzten Tage betonen demgegenüber die Notwendigkeit der Immigration von Ausländern angesichts der demografischen Entwicklung sowie der katastrophalen Schul- und Ausbildungssituation in Deutschland. Dass Roboter im Maschinenbau oder softwarebasierte Sachbearbeitung bei Versicherungen und Banken auch die gut ausgebildeten Menschen links liegen läßt, scheint unerklärbar und unwichtig. Und bevor ich einen Arbeitslosen in der Zeit schule, nehme ich lieber einen gut ausgebildeten Inder oder Chinesen, denn die haben jedes Jahr soviele Absolventen naturwissenschaftlicher Unis wie wir Langzeitarbeitslose. Außerdem haben deren Kinder dann vielleicht wieder (Sprach)Probleme und man kann in 15 Jahren die Xenophoben (Fremdenfeindlichen) dieser Welt mit den Beispielen der schlechten Integration beglücken. Genauso haben sich alle immer eine offene, aufgeklärte und menschenfreundliche Welt gewünscht, als der Weltkrieg vorbei war, oder…? Es hat einen Grund, dass Politiker so hilflos und servil wirken. Allen Ideen und Meinungen der Kanzlerin liegt das Grundgesamt der Meinungsinstitute zugrunde. Das ist der unhintergehbare Hintergrund allen politischen Entscheidens. Kurz gesagt: Die schwankenden Umfrageergebnisse regieren dieses Land. Und da der von vielen als Intellektueller geschätzte Ex-Kanzler persönliche Visionen in das Reich des Krankhaften verlegt hatte, fühlen sich viele Zeitgenossen endlich im Zustand der wahren Erkenntnis. Dass Erkenntnis und Wahrheit oft sehr wenig mit den Ergebnissen statistischer Analyse zu tun haben, wird im Fall der gesellschaftlichen Probleme klar. Denn statistisch betrachtet sind die allermeisten Ausländer gut integriert. Man spricht also über kaum signifikante Phänomene, wenn man die klassischen Aspekte der Integrationsdebatte ins Feld der Fernsehdiskussionen führt. Auch die Tasache, dass viele Bank- und Versicherungskaufleute mittlerweile arbeitslos geworden sind, läßt sich kaum Ausländern erklären. Genausowenig ließe sich das Problem des Fachkräftemangels adhoc mit ihnen lösen. All diese flachen Gedankensprünge gehorchen weniger der Substanz ihrer Argumentation als der Energie, die aufgewendet werden muss, um sie zu verstehen. Insofern bewegen wir uns nicht mehr in einem öffentlichen Diskurs, der herrschaftsfrei wird sondern innerhalb von Argumenten, die möglichst jeder zwischen zwei Happen vom Mettbrötchen mental erfassen kann. Das Problem liegt daher nicht darin, dass Merkel immer erst die Umfragen studiert, bis sie die Meinung vertritt, die momentan am meisten Kreuzchen erhält. Das muss sie tun, damit sie vom Volk die Macht erhält, die die Industrieverbände von ihrer Partei erwarten, damit sie Spenden und Posten für Ehemalige erhalten kann. Das Problem besteht in der Neigung von Medien, einfach Kochrezepte solange hochzukochen, bis alle glauben, dass es ein Problem gäbe, dass diese Rezepte lösen. Dass in der Zwischenzeit die Banken den Steuerzahler um Hunderte Milliarden erleichtern, unsichere Reaktoren praktisch ohne weitere Aufwände weiterlaufen und Ärzte und Pharmafirmen weiter die Bürger schröpfen, ist offenbar kalkuliert. Woher diese Neigung kommt? Die Medien bedienen doch nur die Themen, die die Menschen in der Breite der Bevölkerung beschäftigen. Und das Problem das Sarrazin benannt hatte gab es demnach ja schon jahrelang im Volk. Nur leider konnte es keiner dort statistisch erfassen, bis BILD und SPIEGEL die Texte kommentar- und kritiklos abdruckten. Danach gab es dann zufällig eine statistische Notwendigkeit, das Thema zu behandeln. Ein Schelm, wer…. Bildnachweis: Anita Patterson
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Medien in Geiselhaft
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“Lieber eine sichere Kirche voll von Gläubigen als die unsichere ganze Welt.“ Elias Canetti
Wer die letzten Tage eine Zeitung aufgeschlagen hat oder den Fernseher abends einschaltete kam nicht umhin, an das Stockholmsyndrom zu denken. Da war ein Mann zu sehen oder zu lesen, der kostenlos mit aufwendig abgezirkelten Stammtischparolen für ein Machwerk werben konnte, das weder inhaltlich noch methodisch Innovatives zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann. Und die Geiseln hatten ein wirkliches Interesse an den unlauteren Motiven des Geiselnehmers – sie waren fast versucht, etwas zutiefst Menschliches in ihm zu finden. Fast wie der schwarze Ring, der brandneue Verein der philantropischen Täterschützer.
Man könnte an die alten Interessensgruppen denken, die Ressentiments schüren wollen, um von ihren Geschäften abzulenken, man könnte auch an die hochnotpeinliche Bewegung der heiligen Inquisition denken, die im Gewand des ewigen Bürgerlichen auf der Suche nach der Mitte den Einen oder Anderen auf den Scheiterhaufen der traditionellen Presseerzeugnisse stellt. Alles was im Wandel begriffen ist, muss ja dort sowieso schon seit Jahrzehnten immer wieder mit mental fragwürdigen Brandbeschleunigern zum Lodern gebracht werden…
Das Schlimmste an dieser ganzen Misere ist die Indienstnahme aller (Qualitäts)Medien zum Zwecke der Profilneurose. Der arme Mann ist offensichtlich verwirrt. Seine Thesen sind in keiner Weise aus dem Zettelkasten der souveränen Gedankentätigkeit erwachsene Bonmots oder gar luzide Hinweise auf übersehene Gegebenheiten, die der aktuellen Debatte über den demografischen Wandel, das besondere urbane Leben oder die kulturtheoretischen Metabetrachtungen einen besonderen Spin oder etwa ein neue Perspektive liefern. Es ist eine lustige Verhohnepipelung statistischer Analyseverfahren zum Zwecke der fadenscheinigen Substantiierung kruder Meinungen. Damit schafft er Sicherheit in amorphen Zeiten.
Es ist sicher so, dass viele Menschen sich freuen, dass ihre eigenen Projektionen aka Ängste endlich von einem Outlaw der Politikszene inszeniert werden. Mit seinem Sprachtick, also, und der offensichtlich, also, vom Anerkennungszwang geschundenen Seele, also, erscheint er so unangreifbar, dass man ihm, dem krakeelenden Kranken, eigentlich nichts krumm nehmen dürfte. Wer wollte schon auf einem seelisch Beeinträchtigten rumtrampeln? Aber er sublimiert seine Phobien öffentlich zu einem Bestseller. Respekt, oder?
Aber an genau dieser Stelle versagen fast alle Medien. Denn ganz wie das Rezept der Bildzeitung funktioniert auch diese Simulation eines öffentlichen Diskurses. Es wird einfach eine strategische Projektion vorgenommen: Man schaut dem Volk aufs Maul (oder tut zumindest so) und erklärt der Bevölkerung seine ganzen Phobien als rational begründetes Verhalten in einer irren Welt. Dass die Mehrfachbelastung, die enorm niedrige Kaufkraft der Löhne und der Leistungsdruck die Menschen zermürbt steht zu keiner Zeit zur Debatte. Dass es am einfachsten ist, die Schwächsten einer Gesellschaft mit den projektionen der eigene Ängsten zu belästigen, ist Journalisten auch nicht eingefallen. Also bläst man in das Horn, das Sarrazin den Herren und Damen Qualitäts-Informationsfiltern hinstellt. Damit stellt man dann eine kognitive Konsonanz im Volk her. Und mit der ewige schmerzende Dissonanz mit dem rationalen aufgeklärten Umfeld der rhetorisch geschulten und souveränen Journalisten, Lehrer, Politiker und anderen Menschen des öffentlichen Lebens ist es vorbei. Der Mob wird zum thinktank. Die Angst ist ja da, wenn sogar die Medien das sagen, dann muss sie ja von dem Fremden an sich her kommen. Wie sollte sie auch von den inneren Antrieben herkommen, die man aus Gründen der sozialen Masken jahrelang verdrängt hat? Das innnere Kind, der Freiheitswille, der Wunsch aus dem Alltagstrott ausbzubrechen, der stille Haß auf den Ehepartner, die Unlust am Job – für all das müssen jetzt die Fremden gerade stehen.
Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist. Und an genau dieser Stelle zerfällt das gesamte Kartenhaus des herrschaftsfreien Diskurses von Herrn Habermas. Denn das Caféhaus ist aufgeklärt und spiegelt sich nur seine Sattheit auf dem Boden der hart arbeitenden Malocher. Wenn aber Einer diese heiligen Räume betritt und deren Ängste in ein rationales Kleid einnäht mithilfe der Statistik, die aus Blut und Scheiße Wahrheit zaubern kann, dann ist der Diskurs auf einmal zu einer Satire seiner selbst verkommen. Denn die Grundlage der Herrschaftsfreiheit lag in einem unausgesprochenen Egalitarismus, einer mentalen Apartheit qua Schulbildung. Dieser Zwang liegt nicht auf so einem Herrn. Er ist vogelfrei und er weiß das. Deshalb schürt er die sowieso vorhanden Ressentiments, die auf der Basis von Unterlassung gedeihen konnten. Unterlassung in den Schulen, in den Amtsstuben, in den Personalbüros, in den Vereinen, in den Parteien und in der Regierungsarbeit ganzer Dekaden von Politikern.
Wer das verstehen will, der möge sich noch einmal Elias Canettis Hauptwerk “Masse und Macht” aufmerksam ansehen.
September 3 2010, 10:58am
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