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Doku: Steve Jobs Biografie in 60 Minuten

Die Reihe “60 Minuten” hat Walter Isaacson, den autorisierten Biografen von Steve Jobs interviewt. Ausgestrahlt wurde dieses zweiteilige Interview gestern Abend auf CBS. Es erscheint somit pünktlich zum Verkaufstart der Biografie in den USA und gibt schon einmal vorab einen Einblick in die Inhalte des Buches. Teil1 und Teil 2 haben wir unten einmal für euch eingebettet. Viel Spaß beim Anschauen.

TEIL 1

TEIL 2

October 24 2011, 10:14am

Video: Julian Assange at OCT8 Antiwar Mass Assembly

WikiLeaks-Gründer Julian Assange sprach am Samstag auf der Antiwar Demo in London zum 10. Jahrestag des Afghanistan-Krieges. Die Veranstaltung, die auf dem Trafalger Square von der “Stop The War Coaltition” veranstaltet wurde, war eine unter vielen weltweiten Demonstrationen. Sinn und Zweck des Krieges bleibt für viele nicht nachvollziehbar. Auf der Demo wurde besonders Tony Blair kritisiert, der mit dem Multimillionen-Geschäft am Krieg kräftig mitverdiente. “There is no enough water on the river Jordan to wash out the bloods from Tony Blair’s Hands”.

October 10 2011, 9:30am

Wenig Hoffnung für Steve Jobs

Der Mann, der Apple gegründet und zweimal geboren hatte, ist todkrank. Die Ärzte geben im noch 6 Wochen. Pankreas Krebs. Er war und ist umstritten. Nicht seine Leistung als Visionär wird bezweifelt- die Helmut Schmidt sicherlich dazu veranlasst hätte, ihn schon früher zum Arzt zu schicken. Es war die dogmatische Haltung, die Apple immer wieder verbreitete. Sie führte dazu, dass Applekäufer sich oft als Gemeinschaft fühlte. So wie Fahrer einer Ente 2CV oder Motorradfahrer sich per Geste auf der Straße grüßten, waren Apple-Kunden früher eine Art Sekte der besonderen Marketingbotschaften. Aber auch interne Mitarbeiterstrukturen waren umstritten. Wenngleich Guy Kawasaki und viele andere Marketingspezialisten daran herum gestrickt hatten, die wahre Botschaft bestand immer darin, dass alles wie warme Semmel verkauft wurde, was Jobs für wenig Minuten in die Luft hielt. Bis vor ein paar Jahren, war die Hardware sogar wirklich etwas Besonderes. Die Netzpiloten wünschen Steve Jobs noch eine schöne Zeit im Kreis seiner Familie, seiner engsten Freunde und Verwandten und ein Wunder. Denn ohne ihn würde der digitalen Gemeinde der Adelsstand abhanden kommen… Nach seiner Leberstransplantation und seinem siebenjährigen Kampf gegen den Krebs gilt Jobs nach Ansicht vieler Ärzte als austherapiert. Wer ihn aktuell gesehen hat, ist bestürzt. Es gibt wenig Hoffnung.

February 18 2011, 10:38am

TEDtalks: Brene Brown on connection and vulnerabilty

Dieser schöne Vortrag über menschliche Bindungen zäumt das Pferd von hinten auf: Anerkennung, Mut und Verletzbarkeit:

January 14 2011, 10:30am

Die Liste der Listen

Man nehme ein unbeschwertes, quietschfideles Ego und lasse es eine „To-Do-Liste“ schreiben. Man lasse Ego und „To-Do-Liste“ ein paar Tage miteinander allein und notiere sich nach ein paar Tagen der trauten Zweisamkeit das Ergebnis. Und man wird feststellen, dass meist nur eine der beiden Parteien das tête-à-tête unbeschadet überstanden hat. Meist ist es die „To-Do-Liste“ – um ein paar Zeilen länger, um ein paar Aufgaben schwerer. Egal, ob man sie auf „Hello-Kitty“-Papier oder in seinem sonstwas-Phone verfasst, sie wird fortan ein Klotz am Bein. Denn eine „To-Do-Liste“ hat stabile Allianzen. Mit einem Heer von Prioritäten, die wir nicht zu setzen wissen. Weiter nach dem MEHR-Klick… Ja, Prioritäten sind listige, kleine Biester mit einer einzigen Überlebensstrategie: gesetzt zu werden. Sie schlagen sich auf keine Seite, nicht auf die des Sollens, oder die des Wollens, sondern überlassen es ganz dem unsicheren, schwankenden Selbst, was zuerst getan, erledigt, abgehakt wird. Nun gut, denkt das unbeholfene Selbst bei sich. Priorisieren bedeutet ja erstmal nichts anderes, als einer Sache vor einer anderen den Vorrang einzuräumen. Aber da beginnt schon das Problem. Was zieht man denn dem einen vor, dem anderen aber nicht? Wenn auch das Prinzip der Gleichzeitigkeit beinahe jede Lebensdimension durchzieht, das prioritäre Ausrufezeichen zwingt auch dieses in die Knie. Stehen auf der unliebsamen Liste nun lediglich unangenehme Dinge, dann stellt sich zumindest die Frage nach dem Wollen nicht. Idealerweise erledigt man dann erst die Dinge, auf deren Ignorieren grösste Unannehmlichkeiten folgen würden. Unfreundliche Schreiben der Finanzbehörde oder chronischer Husten bei starken Rauchern sind ohne Frage von höherer Priorität als ein verstopfter Abfluss oder splissige Haare. Aber wie ist es, wenn neben existenziellen Baustellen auch schöne Notwendigkeiten aufgelistet sind, wie Café-Stunden mit einem verloren geglaubten Freund oder ein überfälliger Anruf bei lieben Frau Mama. In diesen Fällen offenbart sich die eigentliche Perfidie der „To-Do-Liste“. Denn schnell passiert es, dass sich alles, Schönes wie Leidiges, auf der Muss-ich-noch-erledigen-Sammelstelle zu einem unschönen, Blubberbrei vermengt. Und schon ist man umringt von Prioritäten, die alle flüstern: „Setz mich. Setz mich. Setz mich.“ Verflixte Liste. Und da mag man von sogenannten Selbsthilfeaufsätzen halten, was man will. Aber manchmal finden sich gerade dort kleine Perlen. In diesem Fall Platzkarten für Prioritäten. So erwähnt David Allen in seinem Buch „Getting Things Done. The Art of Stress-Free Productivity“ mehr als einmal den grundlegenden Ansatz seiner Priorisierungstaktik: Welcher Punkt auf der persönlichen Liste hat den grössten positiven Einfluss auf die wichtigsten Dinge des persönlichen Universums? Und so fällt die Wahl, das Setzen, die Entscheidung für einen Anfang, für ein Zuerst und für ein Danach vielleicht schon nicht mehr ganz so schwer. Cafe´-Stunde = Entspannung. Entspannung = ausgeglichenes Gemüt. Ausgeglichenes Gemüt = bereit für den Anruf beim Finanzamt. Falls da dann noch jemand am Platz ist. Und grundsätzlich gilt: „To-Do-Listen“ werden eindeutig überbewertet. Die haben absolut keine Priorität.

November 18 2010, 10:10am

Die Polizei und KiPo, das Gute und das Böse

Seit Jahr und Tag laufen die Gutmenschen durchs Land und propagieren Verbotsschilder und Netzsperren. Die Kriminalität im Internet. Es ist von rechtsfreien Räumen die Rede und manchmal schwingt sich jemand auf, die in eine der reichsten deutschen Familien eingeheiratet hat, im Qualitätssender RTL die Täter zu stellen. Dieses Thema kennt nur die Guten und die Bösen. Endlich mal etwas, was der mentalen Belastungsgrenze des deutschen Stammtisches angemessen ist. Aber wie sie es aus, wenn man in medias res geht. Denn seltsamerweise ist weder die Sauberkeit, noch die Höflichkeit und auch nicht der Reichtum dieses Landes am Stammtisch entstanden. Im BKA tummeln sich 6 Vollzeitäquivalente zum Thema Löschen von Kinderpornoseiten. Das macht bei 5000 Beschäftigten gerade mal ein gutes Promille aus. Offenbar ist den Sonntagsrednern und ihren Gattinen nicht klar, dass der Abbau des Sozialstaats nicht nur Integrationsunfähige produziert sondern auch eine riesige Brache an unbeobachteten Feldern der Kriminalität. Und es nützt nichts, den perspektivlosen Jugendlichen ohne Hauptschulabschluß ihre einzigen Chance auf Anerkennung (innerhalb der peergroup) als Dämonie unterzuschieben. Und es nützt auch nichts, wenn das Fräulein vom ehemals unbekannten und wenig beruflich profiliertem Fürsten so eben mal ein paar Pädophile vom Chat ins wahre Leben lockt. … Es wäre gut, wenn den Politikern klar würde, dass Infrastruktur nicht aus den Gläubigern der öffentlichen Banken, ein paar Bahnhöfen und Flughäfen besteht sondern aus einem funktionierenden Gemeinwesen. Dazu gehört auch, dass sich genug Menschen mit dem Leid dieser Kinder auseinandersetzen können. Das umfasst Ermittler, eine schlagkräftige Truppe an IT-Spezialisten, die die Spuren verfolgen und für das Löschen der Serverfestplatten sorgen. Denn Löschen vor Sperren klappt nur, wenn auch jemand anwesend ist und auf genug personelle und technische Ressourcen zurückgreifen kann. All das erinnert intensiv an die Tatsache, dass wir milliardenschwere Abfangjäger haben, die zu gefährlich zum Fliegen mit scharfen Bomben sind, weil sie nicht so richtig zuverlässig sind. Und am Boden in Afghanistan kaufen die Soldaten sich ihr Equipment von ihrem Sold, damit sie wenigstens ein bißchen den Eindruck haben, über eine durchschnittliche Ausstattung zu verfügen. Noch besser wäre es allerdings, die Afghanen würden echte Hilfe erhalten. Denn auch dort geht “Löschen vor Sperren”. Bevor man dort die “Bösen”, sollte man die Armut und den Drogenhandel löschen. Beides ginge nur mit Infrastuktur, die die Afghanen selbst aufbauen. Vor 10 Jahren gab es gute Anfänge und viel Ruhe im Norden Afgjanistans. Dann kamen ähnliche Gutmenschen wie das Fräulein vom Ministeramt und zeigten mit den Fingern auf die Bösen. Seit der Zeit geht es den Entwicklungsprojekten und Schulen vor Ort schlechter und die “Bösen” haben einen enormen Zulauf… Denn gerade die “Bösen” bezeichnen sich selbst als die Guten und kämpfen für eine gerechte Sache. Aber wer kämpft eigentlich für die Opfer – hüben wie drüben?

October 28 2010, 9:59am

Dialog der Kulturen

Am 23.11. startet die in New York Fotografie studierende gebürtige Saudi-Araberin Amira Al Sharif ein wie mir scheint wundervolles Projekt. Sie möchte das Leben junger amerikanischer Frauen dokumentieren und die so entstandenen Fotografien mit Bildern ihrer “Schwestern” aus Jemen, wo sie aufgewachsen ist, kontrastieren. Wie kleiden sie sich, wie sehen ihre Beziehungen zu Familie, Kollegen und “boyfriends” aus. Wo ähneln sie sich und womit unterscheiden sie sich voneinander? Sharif möchte dazu beitragen Vorurteile und Missverständnisse zwischen den Kulturen abzubauen…

October 13 2010, 12:43pm

Statistokratie?

Jetzt ist es passiert: CSU-Ministerpräsident Seehofer bekommt von Kanzlerin Merkel für dieselben Thesen Beifall, die Sarrazin in den vergoldeten Rentnerstatus bugsierten. Wohlmeinende Jünger der Sekte der Heiligen Fakten der Letzten Tage betonen demgegenüber die Notwendigkeit der Immigration von Ausländern angesichts der demografischen Entwicklung sowie der katastrophalen Schul- und Ausbildungssituation in Deutschland. Dass Roboter im Maschinenbau oder softwarebasierte Sachbearbeitung bei Versicherungen und Banken auch die gut ausgebildeten Menschen links liegen läßt, scheint unerklärbar und unwichtig. Und bevor ich einen Arbeitslosen in der Zeit schule, nehme ich lieber einen gut ausgebildeten Inder oder Chinesen, denn die haben jedes Jahr soviele Absolventen naturwissenschaftlicher Unis wie wir Langzeitarbeitslose. Außerdem haben deren Kinder dann vielleicht wieder (Sprach)Probleme und man kann in 15 Jahren die Xenophoben (Fremdenfeindlichen) dieser Welt mit den Beispielen der schlechten Integration beglücken. Genauso haben sich alle immer eine offene, aufgeklärte und menschenfreundliche Welt gewünscht, als der Weltkrieg vorbei war, oder…? Es hat einen Grund, dass Politiker so hilflos und servil wirken. Allen Ideen und Meinungen der Kanzlerin liegt das Grundgesamt der Meinungsinstitute zugrunde. Das ist der unhintergehbare Hintergrund allen politischen Entscheidens. Kurz gesagt: Die schwankenden Umfrageergebnisse regieren dieses Land. Und da der von vielen als Intellektueller geschätzte Ex-Kanzler persönliche Visionen in das Reich des Krankhaften verlegt hatte, fühlen sich viele Zeitgenossen endlich im Zustand der wahren Erkenntnis. Dass Erkenntnis und Wahrheit oft sehr wenig mit den Ergebnissen statistischer Analyse zu tun haben, wird im Fall der gesellschaftlichen Probleme klar. Denn statistisch betrachtet sind die allermeisten Ausländer gut integriert. Man spricht also über kaum signifikante Phänomene, wenn man die klassischen Aspekte der Integrationsdebatte ins Feld der Fernsehdiskussionen führt. Auch die Tasache, dass viele Bank- und Versicherungskaufleute mittlerweile arbeitslos geworden sind, läßt sich kaum Ausländern erklären. Genausowenig ließe sich das Problem des Fachkräftemangels adhoc mit ihnen lösen. All diese flachen Gedankensprünge gehorchen weniger der Substanz ihrer Argumentation als der Energie, die aufgewendet werden muss, um sie zu verstehen. Insofern bewegen wir uns nicht mehr in einem öffentlichen Diskurs, der herrschaftsfrei wird sondern innerhalb von Argumenten, die möglichst jeder zwischen zwei Happen vom Mettbrötchen mental erfassen kann. Das Problem liegt daher nicht darin, dass Merkel immer erst die Umfragen studiert, bis sie die Meinung vertritt, die momentan am meisten Kreuzchen erhält. Das muss sie tun, damit sie vom Volk die Macht erhält, die die Industrieverbände von ihrer Partei erwarten, damit sie Spenden und Posten für Ehemalige erhalten kann. Das Problem besteht in der Neigung von Medien, einfach Kochrezepte solange hochzukochen, bis alle glauben, dass es ein Problem gäbe, dass diese Rezepte lösen. Dass in der Zwischenzeit die Banken den Steuerzahler um Hunderte Milliarden erleichtern, unsichere Reaktoren praktisch ohne weitere Aufwände weiterlaufen und Ärzte und Pharmafirmen weiter die Bürger schröpfen, ist offenbar kalkuliert. Woher diese Neigung kommt? Die Medien bedienen doch nur die Themen, die die Menschen in der Breite der Bevölkerung beschäftigen. Und das Problem das Sarrazin benannt hatte gab es demnach ja schon jahrelang im Volk. Nur leider konnte es keiner dort statistisch erfassen, bis BILD und SPIEGEL die Texte kommentar- und kritiklos abdruckten. Danach gab es dann zufällig eine statistische Notwendigkeit, das Thema zu behandeln. Ein Schelm, wer…. Bildnachweis: Anita Patterson

October 12 2010, 9:36am

Dokumentation des Grauens: Gewalt im Kongo

Die Horrornachrichten aus dem Kongo, ein Land gebeutelt von den Kongokriegen und den bis heute andauernden Konflikten im Ostkongo, überschlugen sich in den letzten Monaten. Die Details zu den Greueltaten von 1993 bis 2003, inklusive der Mittäterschaft anderer afrikanischer Staaten wie Ruanda und Uganda, sind in dem gerade erschienen 550-seitigen UN-Bericht dokumentiert und sparen keine menschliche Untat aus: Folter, brutale sexuelle Gewalt, Mord… Das Einsetzen von systematischer sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe ist kein neues oder seltenes Phänomen (siehe: “Sexuelle Gewalt in Simbabwe“). In Kriegen wie im Kongo werden Frauen wie Kinder – zunehmend auch Männer – systematisch Massenvergewaltigungen ausgesetzt. Ob lokale Milizen oder die nationale Armee, Vergewaltigung wird als Zeichen von Macht und zur Demoralisierung der Bevölkerung eingesetzt. Und es wirkt. Die scheinbar vergangenen Kriegserfahrungen der 1990er sind auch heute noch bittere Realität. Die Zeit berichtet, dass Ende Juli und Anfang August dieses Jahres in 13 Dörfern in der Provinz Nord-Kivu binnen weniger Tage 242 Frauen und Kinder vergewaltigt wurden. Im Laufe des Augusts wurden 260 weitere Vergewaltigungen in anderen Teilen von Nord-Kivu sowie in der Provinz Süd-Kivu registriert. Aus Angst vor Rache und erneuter Gewalt hatten die Bewohner_innen eines Dorfes in Nord-Kivu die in der Nähe stationierten Blauhelmsoldaten (die Friedenstruppen der UN) nicht zur Hilfe gerufen. Nun haben die UN Fehler und Versäumnisse im Kongo zugegeben. So sollen nun vermehrt Patrouillen durch die Blauhelmsoldaten stattfinden, um die Kontakte zur Bevölkerung zu verbessern. Laut dieStandard.at wurde ein kongolesischer Milizenführer am Dienstag festgenommen – ein “erster, wenn auch kleiner Erfolg”.

Am 16. Oktober finden in Köln und Berlin Solidaritätsaktionen statt, die den Zusammenhang zwischen Militarisierung, Krieg und sexualisierter Gewalt sichtbar machen sollen. Mehr Informationen gibt es im Aufruf Solidarisch mit Kongo (PDF), unter MarcheMondiale oder info[at]marchemondiale.de.

Crosspost von Magda Albrecht auf maedchenmannschaft.net

October 11 2010, 10:03am

WeFail

Liebe Werber, Social-Media-Berater, Webprominente und Diplom-Internetze, jetzt hat es mal wieder brouhaha gemacht und ein kleiner, rundlicher Geschäftsführer einer Firma, der den Mund in punkto tablet-PC sehr voll nahm, ist von seiner Funktion als Obermufti des WeTab zurückgetreten. Stolperstein war mal wieder Astroturfing, also das hirnlose Verbreiten von Jodeldiplomen für Produkte, die entweder keiner kennt, keiner braucht oder niemand benutzen kann ohne größere Probleme. Das Netz ist ja mittlerweile voll von tollen Kommentaren, die Werkstudenten und andere Praktikanten über 1001 Produkt in die schöne neue Welt der Social Media gießen. Dabei scheint all den Marketinggurus völlig entgangen zu sein, dass word-of-mouth und das Fluten von Kommentarfunktionen dann doch noch so einige Unterschiede aufweist. Dem hübsch pomadisierten Werbeverantwortlichen mögen die beiden Bücher von Emanuel Rosen ans Herz gelegt sein. Aber es geht um mehr…

Ulrike Langer hat an diesem Vorfall die Idee des Journalismus präzise vorgeführt. Aus kostenfreien Convenience-Bauteilen etwas zu produzieren, was die Verlage ins Web stellen können, damit man angesichts der selbst deformierten Werbeeinnahmen im Web wenigstens noch mit fast kostenloser Produktion jeden Tag was Neues auf den Tisch bringt, wenn die Kinderchen um 13 Uhr ins Netz gucken beim Rucolasalat, der Wurststulle oder dem leckeren Müsliriegel. Ich kann mich leider nicht mehr bei den Skandalrufen beteiligen. In vielen Redaktionen sitzen noch ein oder zwei Männchen und Weibchen, die die Beiträge der Freien Autoren für ein Honorar von 50 EUR verwalten. Dann und wann kommt ein preisgekrönter Journalist daher und darf solches Gewese als Online-Redaktion “führen” und als Qualitätsjournalismus etikettieren. Diese Simulation einer ehemals demokratischen Institution entspricht exakt genau der Simulation die wir bei den Firmen sehen, wo früher mal Generationen von Familien Verantwortung übernahmen. Dieselbe Vorstellung liefern die Politiker, die eifrig die Interessen derjenigen verwalten, die die höchsten Parteispenden verteilen und dabei pflichtschuldig eine ernste Miene über den Marktplatz der Volksvertretung tragen. Da ist Helmut Hoffer von Ankershoffen für mich bei längerer Betrachtung der ganzen Misere nur ein banaler Clown, der das geglaubt hat, was die Medien geschrieben haben: Wann kommt endlich einer und bricht das Monopol von Apple von Google? Der hatte das tatsächlich nicht als rhetorische Frage verstanden sondern ernst genommen. Wer etwas länger Zeitung liest oder Fernsehen schaut, sollte wissen, dass man das nicht tun soll: Das Ernstnehmen der heißen Eisen, die die Medien anpacken. Wir sahen das bei Sarrazin, als die Atomlobby en passant ihren Willen bekam, wir sehen das bei Stuttgart 21 als die Privatversicherungen, die Pharmaindustrie und die Ärzte en passant ihre Milliarden bekamen und es wird so weiter gehen. Es ist wie im Krieg – links lärmen und rechts zuschlagen.

October 7 2010, 12:17pm

Startbahn Mitte #s21

Jetzt ist es passiert. Viele Politiker erleben am Beispiel Stuttgarter Hauptbahnhof (S21) zum allerersten Mal live und in Farbe, wie Demokratie funktioniert. Das Volk versucht zu herrschen und die Volksvertreter belehren das Volk darüber, wie die wahren Verhältnisse sind. Denn die Mitglieder des Volkes sind verwöhnt, gewaltbereit, unanständig, uneinsichtig, verbohrt und grundsätzlich diffamierend all jenen gegenüber, die anderer Meinung sind. Genau deswegen hat sich auch das verbohrte Volk gegen die Eingaben der Politiker durchgesetzt, dass die AKW-Betreiber einen Teil der Staatsschulden bezahlen müssen, wenn sie weiterhin marode Atommeiler betreiben wollen. Genau deswegen hat das gewaltbereite Volk auch gegen unzählige Demos der Politiker den Einsatz in Afghanistan von einem humanen zu einem militärischen Einsatz umgewidmet. Und deshalb werden auch vom uneinsichtigen Volk gegen den Willen der rechtschaffenen Politiker Hunderte Milliarden Steuergelder in öffentliche Banken gepumpt, damit deren Gläubiger ihr Geld wieder bekommen. Und deshalb wird ein großer Teil der Milliarden, die der Staat für den Ausbau des bundesdeutschen Schienennetzes bereithält in den Ausbau des Stuttgarter Bahnhofs fließen. Wer will schon, dass die großen bestehenden Strecken gewartet werden, die aktuell unter den Jahren der Ignoranz und der Belastung ächzen. So könnte man anfangen. Aber in Wirklichkeit geht es noch nicht mal um den Skandal, dass wenig fachlich Begründetes für diese St.-Florians-Begießung in Stuttgart spricht. Es geht um die Mitte…

Seit der große Hannoveraner und fast alkoholkranke Verfechter der lupenreinen Demokratie seine Partei in die Mitte der Gesellschaft führte, war die CDU/CSU in Duldungsstarre. Als er dann zufällig in einen bequemen russischen Posten verklappt war, besann man sich dieser bürgerlichen Mitte und klebte fürderhin das Copyright-C der CDU an den Begriff der Mitte©. Die wollte man adressieren. In Stuttgart hat man sie sozusagen volles Rohr… getroffen. Schüler, Rentner, CDU-Wähler, ein paar verirrte und ewiggestrige Müslifresser und eben eine große Menge ganz normaler Bürger der Schwäbischen Metropole. Nicht lachen. Wenn es keine Metropole wäre, würde man ja keine Paris-Budapest-Magistrale dadurch bauen. Da man verdiente polizeiliche Demonstrationsprofis aus den angrenzende Nachbarbundesländern samt Weihwasserwerfer eingeworben hatte, führten die sich auf wie Söldner das eben so tun. Man kann spekulieren, ob das Zufall, Kalkül oder klare Strategie war. Angesichts der wachsenden Kosten, die für S21 budgetiert werden, muss man davon ausgehen, dass die Expertise so gering ist, dass primäre Kenndaten wie Kosten oder eben das Verhalten der Polizisten nur geschätzt werden können von der Obrigkeit, da man ja nie genau wissen kann, wie das was man plant eigentlich überhaupt passieren kann. Deshlab hat man ja diese vielen hocbezahlten Berater, Finanzplaner, Strategieorganistoren und Durchführungsexperten: Damit man später, wenn das Unausprechliche eingetreten ist, mit dem Finger auf sie zeigen kann. In der Welt der Berufsdemokraten, also der gewählten Politiker, nennt man dies Teilhabe an der Macht. Und die Bevölkerung soll sich nicht noch einmal dabei erwischen lassen, dass sie Entscheidungen beeinflussen will. Denn Macht ist laut Joschka Fischer, dem großen jovialen Demokraten und liebevollen Gutmenschen, das Treffen von harten Entscheidungen, die auch mal gegen einen selbst gerichtet sein können. Liebe Stuttgarter, ihr versteht das zwar nicht, aber die CDU will die Mitte treffen. Das ist eine parteipolitische Strategie. Und wenn man dabei mal hart gegen sich selbst ist, also gegen das Volk, dann ist das einfach eine unausweichliche Nebenwirkung der Macht, die ihr den Politikern verleiht. Nehmt das nicht persönlich, das ist wie mit den Pillen der Pharmaindustrie: Eine Pille ohne Nebenwirkungen ist ein Placebo. Nur bittere Medizin hilft auch. Wenn ihr die Politiker endlich ernst nehmt, dann werdet ihr das auch verstehen. Ihr müsst Euch verletzten lassen, damit ihr geheilt werdet von der Wohlstandsverwöhnung. Schaut mal, die Finanzkrise hat euch in Gestalt der Banken schon ganz viel von dem schädlichen Wohlstand weggenommen. Und die Deutsche Bahn nimmt Euch auch einen großen Teil von der Last weg. Dass dabei Eure Bürgerrechte und die alten Bäume im Schlosspark mit Reizgas, Füßen und Worten getreten werden ist Teil der Heilung. Effektiver wäre es, einfach die Mehrwertsteuer auf 50% zu erhöhen und alle übrigen Steuerentlastungen zu kürzen. Aber das kommt dann auch noch. Wenn der Bundestag aus 6.000 Abgeordneten besteht und die Landesadministrationen auf dieselbe Größe wie die Diakonie und die Caritas aufgebläht worden sind. Erst wenn der letzte Bürger verarmt, wenn der letzte Taler für Polizeimaßnahmen ausgegeben und die letzte Abgabe für in der 1001. Entschuldung der Deutschen Bahn verschwunden ist, werdet ihr merken, dass der Ölpreis bei 4 Euro liegt. Und dann haben all wieder einen gemeinsamen Feind, den bösen Ausländer, der sich am Öl, Gas, Gold, Diamanten, Silber, Erz, XYZ bereichert! Bildnachweis: cymaphore

October 5 2010, 10:00am

Innenminister: “Schülerdemo ist äußerster Notfall”

“Wenn Kinder in die vorderste Linie gebracht werden von ihren Müttern… ” helfen den armen hochgerüsteten Polizisten, die in diversen Castordemos verzärtelt wurden nur noch Reizgas und Wasserwerfer. Dies ist der Sargnagel der CDU in Baden-Württemberg für jahrzehnte.

October 1 2010, 10:30am

Murphys Murmel

Ja, jeder von uns ist schon mal in Murphys Chaoskugel hilflos durch die Gegend gekullert. Wie eine farbensprühende, wahnsinnige Murmel auf LSD. Nun, von aussen betrachtet, sozusagen aus dem fallsicheren Kinderstuhl mit selbsthaftendem Besteck, da lässt es sich leicht gefällig mit dem Kopf wippen und sagen.“Jaja, Murphy‘s Law, das kennt man ja. Whatever can go wrong, will go wrong. Muss so.“. Und dann streichelt man sich das Bäuchlein und blickt mitleidig auf das arme Würstchen, das sich da mit stumpfer Machete durch seinen persönlichen Desasterdschungel schlägt… Bis man selbst mal der Esel vor Murphy‘s Karren ist. Und das Einspannen, nein, das muss nicht notwendigerweise in Sekunden vonstatten gehen, das kann sich über Monate ziehen. Fängt mit Schimmel in der Bude an und hört mit akademisch bedingtem Berufsexil auf. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Und man läuft und schuftet und prustet und raucht zwischendurch eine, ein geistig verklapperter, keuchender Esel. Murphy wusste es und nun weiss man es auch: Früher oder später wird die schlimmstmögliche Verkettung von Umständen auftreten. Es ist alles eine Frage der Zeit. Und der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Was hilft? Packen. Gesicht waschen. Den elenden Karren bis in die Garage ziehen. Es hilft nämlich eben nichts. Man muss das Chaos zu Ende denken und leben. Wenn man schon die Gründe nicht erkennt, nicht erschließen kann, warum alles in einer so immensen Welle den Bach heruntergerauscht ist, dann sollte man wenigstens in würdevoller Perfektion seinen temporären Niedergang abschreiten und zwischendurch ruhig mal in den Spiegel blinzeln. Man sieht doch noch erstaunlich gut aus, auch wenn man sich kaum wiedererkennt. Vielleicht sieht man nach dieser Besichtigung extremer persönlicher Verzweiflung sogar manche Dinge anders. Das wieso, weshalb, warum, diese ganze verflixte, schlechtgenähte Selbstbezogenheit steht einem einfach nicht zu Gesicht. Und wenn’s mal wieder länger abwärts ging, finanziell, sexuell, existenziell und selbstreferenziell, dann ist geradeaus mal wieder eine echte Alternative. Nach einer Weile natürlich wieder mit der angemessenen Portion Exzess, Leichtsinn und Überheblichkeit. Oh du lieber Augustin. Nein. Murphy. Nein. Esel.

September 29 2010, 11:02am

Holocaust-Gedenken

Die Künstlerin Michaela Melián hat ein virtuelles Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in München installiert. 300 Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München zwischen 1933 und 1945 werden wie ein Netz mit der Stadt München verknüpft. Sie sind seit Dienstag den 23.09.2010 – auf einer virtuellen Stadtkarte verortet – abrufbar. Die Besucher der Seite können sich eine Trackliste auf ihren MP3-Player herunterladen, um mit dem Kopfhörer auf den Ohren, einen Rundgang durch die Stadt München zu starten. Aber auch ohne einen eigenen Player kann man sich führen lassen. Im Öffentlichen Raum der Stadt München werden Schilder mit Telefonnummern zu finden sein, wo man sich zum Ortstarif die entsprechenden Tonspuren anhören kann.

September 22 2010, 2:46pm

Helmut Schmidt zu PR und Markenbildung

Gestern sah ich einen CDU-Menschen, der im Fernsehen etwas über den Markenkern der CDU faselte. Zuerst war ich amüsiert über die Naivität. Dann merkte ich, dass er es ernst meinte. Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein, dass die CDU wahrscheinlich 600.000 EUR an eine Agentur überwiesen hat, um etwas über Branding und Markenbildung zu erfahren. Das erinnert mich daran, dass ich mich neulich im Selbstversuch bei einem Online-Dating-Portal angemeldet hatte. Auch dort traf ich auf Frauen, die sich offenbar einen Markenkern erarbeitet hatten: Die Mehrheit der Erfahrungen. Wenn man zwanzig mal erlebt hat, dass Motorradfahrer viel netter sind als sie zunächst aussehen, Christen gerne CDU wählen oder Konservative Ausländer als Problem ansehen, dann bilden sich kleine oder große Markenkristalle im Verhalten…

Schon sucht man immer wieder Situationen auf, um diese Vorurteile zu bestätigen und kann nachher mit Fug und Recht behaupten, dass man sich einen Kern aufbaut. Genauso bildet sich ja auch eine Perle in einer Muschel – um einen Fremdkörper. Man kann das auch das Wachsen am Fremdbild bezeichnen. Wer sich selber nicht spüren kann, erlebt auf diese Weise wenigstens ein bißchen Lebendiges. Und man braucht gar nicht zu Extremsportarten zu greifen wie noch in den Achtziger, wo alle diejenigen, die den Kontakt zu sich selbst nicht aufbauen konnten, einfach zu Adrenalinjunkies wurden. Unter dem Gesamtmotto “Es lebe der Sport” konnte man sich sogar zu der Gesundheitswelle zählen. Genauso verhalten sich auch nicht wenige Ü40-Singles und die CDU. Die ist ja auch Ü40. Dass diese Markenkerne eigentlich aus der Warenwelt kommen und zur Herstellung künstlicher Bedürfnisserweckung erfunden wurden, scheint niemanden zu stören. Dass haben wir in Mannheim so gelernt und das setzen wir jetzt so um. Brand Management. Dass es den Leuten unter ihrem Hut im Oberstübchen gehörig brennt, scheint niemanden zu stören. Ist ja schön warm. Denn man ist ja jetzt sozusagen im selben Boot wie Tampons, Autoreifen, Gardinen, Schokoriegel und Lebensversicherungen. Ob Parteien und partnerlose Menschen sich da wohlfühlen? Die Frage ist obsolet. Denn wer nichts fühlt, wenn er oder sie allein ist, der hat eben kein Problem. Oder man rettet sich in eine Gemeinschaft und saugt das dort vorherrschende oder per Agentur erzeugte Gefühl auf und betrügt sich mit dem Einfall, es sei das eigene Gefühl. Sogar Helmut Schmidt, der Peter Sloterdijk unter den Bundeskanzlern, hat das verstanden, als er in dem Bahn-Magazin im Rahmen eines Interviews Folgendes zum besten gab :

“Vertrauen kann man nur herstellen, indem man sich selber anständig, durchsichtig und ehrlich benimmt. Vertrauen gewinnt man nicht durch Public Relations und auch nicht durch Schaffung einer Marke. Es geht um das Vertrauen von Menschen. Und dafür gibt’s seit Jahrtausenden dieselben Rezepte, nämlich: Sei Beispiel und Vorbild!“

Bildnachweis: hardo

September 15 2010, 9:55am

Helmut Schmidt zu PR und Markenbildung

Gestern sah ich einen CDU-Menschen, der im Fernsehen etwas über den Markenkern der CDU faselte. Zuerst war ich amüsiert über die Naivität. Dann merkte ich, dass er es ernst meinte. Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein, dass die CDU wahrscheinlich 600.000 EUR an eine Agentur überwiesen hat, um etwas über Branding und Markenbildung zu erfahren. Das erinnert mich daran, dass ich mich neulich im Selbstversuch bei einem Online-Dating-Portal angemeldet hatte. Auch dort traf ich auf Frauen, die sich offenbar einen Markenkern erarbeitet hatten: Die Mehrheit der Erfahrungen. Wenn man zwanzig mal erlebt hat, dass Motorradfahrer viel netter sind als sie zunächst aussehen, Christen gerne CDU wählen oder Konservative Ausländer als Problem ansehen, dann bilden sich kleine oder große Markenkristalle im Verhalten…

Schon sucht man immer wieder Situationen auf, um diese Vorurteile zu bestätigen und kann nachher mit Fug und Recht behaupten, dass man sich einen Kern aufbaut. Genauso bildet sich ja auch eine Perle in einer Muschel – um einen Fremdkörper. Man kann das auch das Wachsen am Fremdbild bezeichnen. Wer sich selber nicht spüren kann, erlebt auf diese Weise wenigstens ein bißchen Lebendiges. Und man braucht gar nicht zu Extremsportarten zu greifen wie noch in den Achtziger, wo alle diejenigen, die den Kontakt zu sich selbst nicht aufbauen konnten, einfach zu Adrenalinjunkies wurden. Unter dem Gesamtmotto “Es lebe der Sport” konnte man sich sogar zu der Gesundheitswelle zählen. Genauso verhalten sich auch nicht wenige Ü40-Singles und die CDU. Die ist ja auch Ü40. Dass diese Markenkerne eigentlich aus der Warenwelt kommen und zur Herstellung künstlicher Bedürfnisserweckung erfunden wurden, scheint niemanden zu stören. Dass haben wir in Mannheim so gelernt und das setzen wir jetzt so um. Brand Management. Dass es den Leuten unter ihrem Hut im Oberstübchen gehörig brennt, scheint niemanden zu stören. Ist ja schön warm. Denn man ist ja jetzt sozusagen im selben Boot wie Tampons, Autoreifen, Gardinen, Schokoriegel und Lebensversicherungen. Ob Parteien und partnerlose Menschen sich da wohlfühlen? Die Frage ist obsolet. Denn wer nichts fühlt, wenn er oder sie allein ist, der hat eben kein Problem. Oder man rettet sich in eine Gemeinschaft und saugt das dort vorherrschende oder per Agentur erzeugte Gefühl auf und betrügt sich mit dem Einfall, es sei das eigene Gefühl. Sogar Helmut Schmidt, der Peter Sloterdijk unter den Bundeskanzlern, hat das verstanden, als er in dem Bahn-Magazin im Rahmen eines Interviews Folgendes zum besten gab :

“Vertrauen kann man nur herstellen, indem man sich selber anständig, durchsichtig und ehrlich benimmt. Vertrauen gewinnt man nicht durch Public Relations und auch nicht durch Schaffung einer Marke. Es geht um das Vertrauen von Menschen. Und dafür gibt’s seit Jahrtausenden dieselben Rezepte, nämlich: Sei Beispiel und Vorbild!“

Bildnachweis: hardo

September 14 2010, 10:42am

Historie des Bösen – Vom Teufel bis in die Neuzeit

“Mentalitäten sind Gefängnisse von langer Dauer” F. Braudel Sehr gutes Video-Interview von Alexander Kluge mit Wolfgang Wippermann, dem Autor von “Agenten des Bösen: Verschwörungstheorien von Luther bis heute”. “Mein” letzter Beitrag zur Sarrazin-Debatte.

Link:

September 9 2010, 10:44am

Du bist nicht mehr mein Freund!

Wer über Facebook Hunderte Freunde hat, der oder die hat seine Liebe Not. Manchen schreibt man zweimal im Jahr, was so los ist. Andere schreibt man immer dann an, wenn man mal in der Gegend der Welt vorbeikommt, wo sie wohnen. Und nicht wenige wollen immer mitmischen. Als gäb es kein Morgen mehr. Wie wird man die am besten los? So ganz stressfrei geht es offenbar auch via facebook nicht. Einfach “entfolgen” ist gar nicht so ohne, wie eine amerikanische Wissenschaftlerin herausgefunden hat. Irene Levine von der New York School of Medicine, ist der Meinung, dass das Beenden von virtuellen Freundschaften unter Umständen sogar reale Emotionen verursachen kann. Ach. Na sowas. Dafür braucht man heutzutage ein Medizinstudium? Eine Folge sei beispielsweise emotionaler Stress. Gibt es auch rationalen Stress?
Vergleichen lässt sich dies laut der Wissenschaftlerin mit dem Gefühl, verlassen zu werden. Primär habe dies Gefühl etwas mit der Einseitigkeit zu tun, sagte Levine. Während eine Seite schon länger darüber nachdenkt, den virtuellen Kontakt abbrechen zu wollen, so kommt es hingegen für die andere Seite völlig überraschend. Fast wie im richtigen Leben könnte man denken. Es ahnt also der Eine oder die Andere, dass das Web nur ein Abbild der physikalischen Menschenwelt ist und nicht eine Parallelwelt. Schon komisch, wenn man einfach den Brief mit dem Laptop ersetzt und trotzdem glaubt, es wäre eine andere Welt. Vielleicht sollte mal einer die Wissenschaftler untersuchen.

September 7 2010, 1:38pm

Medien in Geiselhaft

“Lieber eine sichere Kirche voll von Gläubigen als die unsichere ganze Welt.“ Elias Canetti Wer die letzten Tage eine Zeitung aufgeschlagen hat oder den Fernseher abends einschaltete kam nicht umhin, an das Stockholmsyndrom zu denken. Da war ein Mann zu sehen oder zu lesen, der kostenlos mit aufwendig abgezirkelten Stammtischparolen für ein Machwerk werben konnte, das weder inhaltlich noch methodisch Innovatives zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann. Und die Geiseln hatten ein wirkliches Interesse an den unlauteren Motiven des Geiselnehmers – sie waren fast versucht, etwas zutiefst Menschliches in ihm zu finden. Fast wie der schwarze Ring, der brandneue Verein der philantropischen Täterschützer. Man könnte an die alten Interessensgruppen denken, die Ressentiments schüren wollen, um von ihren Geschäften abzulenken, man könnte auch an die hochnotpeinliche Bewegung der heiligen Inquisition denken, die im Gewand des ewigen Bürgerlichen auf der Suche nach der Mitte den Einen oder Anderen auf den Scheiterhaufen der traditionellen Presseerzeugnisse stellt. Alles was im Wandel begriffen ist, muss ja dort sowieso schon seit Jahrzehnten immer wieder mit mental fragwürdigen Brandbeschleunigern zum Lodern gebracht werden… Das Schlimmste an dieser ganzen Misere ist die Indienstnahme aller (Qualitäts)Medien zum Zwecke der Profilneurose. Der arme Mann ist offensichtlich verwirrt. Seine Thesen sind in keiner Weise aus dem Zettelkasten der souveränen Gedankentätigkeit erwachsene Bonmots oder gar luzide Hinweise auf übersehene Gegebenheiten, die der aktuellen Debatte über den demografischen Wandel, das besondere urbane Leben oder die kulturtheoretischen Metabetrachtungen einen besonderen Spin oder etwa ein neue Perspektive liefern. Es ist eine lustige Verhohnepipelung statistischer Analyseverfahren zum Zwecke der fadenscheinigen Substantiierung kruder Meinungen. Damit schafft er Sicherheit in amorphen Zeiten. Es ist sicher so, dass viele Menschen sich freuen, dass ihre eigenen Projektionen aka Ängste endlich von einem Outlaw der Politikszene inszeniert werden. Mit seinem Sprachtick, also, und der offensichtlich, also, vom Anerkennungszwang geschundenen Seele, also, erscheint er so unangreifbar, dass man ihm, dem krakeelenden Kranken, eigentlich nichts krumm nehmen dürfte. Wer wollte schon auf einem seelisch Beeinträchtigten rumtrampeln? Aber er sublimiert seine Phobien öffentlich zu einem Bestseller. Respekt, oder? Aber an genau dieser Stelle versagen fast alle Medien. Denn ganz wie das Rezept der Bildzeitung funktioniert auch diese Simulation eines öffentlichen Diskurses. Es wird einfach eine strategische Projektion vorgenommen: Man schaut dem Volk aufs Maul (oder tut zumindest so) und erklärt der Bevölkerung seine ganzen Phobien als rational begründetes Verhalten in einer irren Welt. Dass die Mehrfachbelastung, die enorm niedrige Kaufkraft der Löhne und der Leistungsdruck die Menschen zermürbt steht zu keiner Zeit zur Debatte. Dass es am einfachsten ist, die Schwächsten einer Gesellschaft mit den projektionen der eigene Ängsten zu belästigen, ist Journalisten auch nicht eingefallen. Also bläst man in das Horn, das Sarrazin den Herren und Damen Qualitäts-Informationsfiltern hinstellt. Damit stellt man dann eine kognitive Konsonanz im Volk her. Und mit der ewige schmerzende Dissonanz mit dem rationalen aufgeklärten Umfeld der rhetorisch geschulten und souveränen Journalisten, Lehrer, Politiker und anderen Menschen des öffentlichen Lebens ist es vorbei. Der Mob wird zum thinktank. Die Angst ist ja da, wenn sogar die Medien das sagen, dann muss sie ja von dem Fremden an sich her kommen. Wie sollte sie auch von den inneren Antrieben herkommen, die man aus Gründen der sozialen Masken jahrelang verdrängt hat? Das innnere Kind, der Freiheitswille, der Wunsch aus dem Alltagstrott ausbzubrechen, der stille Haß auf den Ehepartner, die Unlust am Job – für all das müssen jetzt die Fremden gerade stehen. Endlich sagt mal einer, wie es wirklich ist. Und an genau dieser Stelle zerfällt das gesamte Kartenhaus des herrschaftsfreien Diskurses von Herrn Habermas. Denn das Caféhaus ist aufgeklärt und spiegelt sich nur seine Sattheit auf dem Boden der hart arbeitenden Malocher. Wenn aber Einer diese heiligen Räume betritt und deren Ängste in ein rationales Kleid einnäht mithilfe der Statistik, die aus Blut und Scheiße Wahrheit zaubern kann, dann ist der Diskurs auf einmal zu einer Satire seiner selbst verkommen. Denn die Grundlage der Herrschaftsfreiheit lag in einem unausgesprochenen Egalitarismus, einer mentalen Apartheit qua Schulbildung. Dieser Zwang liegt nicht auf so einem Herrn. Er ist vogelfrei und er weiß das. Deshalb schürt er die sowieso vorhanden Ressentiments, die auf der Basis von Unterlassung gedeihen konnten. Unterlassung in den Schulen, in den Amtsstuben, in den Personalbüros, in den Vereinen, in den Parteien und in der Regierungsarbeit ganzer Dekaden von Politikern.
Wer das verstehen will, der möge sich noch einmal Elias Canettis Hauptwerk “Masse und Macht” aufmerksam ansehen.

September 3 2010, 10:58am

„Töte nicht den Boten“ – Denn das macht ihn berühmt

Schon in der Antike wurden die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft. Im Falle Thilo Sarrazins, das derzeitige enfant terible der politisch-kulturellen Szene, ist das Schafott schon poliert und strammgezogen, die sterile Plane schon ausgelegt, damit der schön polierte Boden auch keinen unansehlichen Spritzer abbekommt, wenn er rollt, der Kopf des Bundesbank-Vorstandes. Ein SPD-Politiker. Auch das noch. Und so ganz nebenbei auch Autor des in Deutschland wahrscheinlich (un)populärsten Sachbuchs: „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Im Angesicht der geschliffenen Klinge spricht Sarrazin inzwischen auch mal von beachtlichem psychischem Druck. Fest steht, dass ihm, dem zähen Sysiphos der politischen Provokation, der Kopf abgeschlagen wird. Ja, Provokateur Sarrazin ist die derzeit nachhaltigste Störfrequenz in unserer korrektsauren Diskurskultur. Da kann sogar der frisch gebackene Bundespräsident Wulff gleich mal mächtig mitmischen und das internationale Ansehen Deutschlands in der aktuellen Diskussion gleich auch noch mit auf die Bühne heben. Denn Schwester Thilo ist im Fetisch-Fummel in unser Integrationskloster gelaufen und hat die Nietenpeitsche knallen lassen. Dass er mit dieser Aktion tatsächlich schwerwiegende Verfehlungen begeht, steht ausser Frage und soll hier nicht entschieden werden. Ist es doch viel interessanter zu beobachten, wie die Hinrichtung des Besessenen arrangiert und exekutiert wird… Da kommt dann auch mal der Islamratsvorsitzende Ali Kizilkaya im „Hamburger Abendblatt“ dringlich zu Wort. Da warnt der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, vor der Mobilisierung Rechtsradikaler durch einen überstürzten Rauswurf aus seinen öffentlichen Ämtern. Vielleicht sollte man das Buch aber doch lieber gleich auf den Index setzen, weil es sich durchaus als neuer Bestseller volksverhetzender Schriften eignet? Wobei, der Mann ist Bundesbanker, kein Literat. Er hat sich, wie es einer akademischen Erziehung entspricht, mit Zahlen und Statistiken auseinandergesetzt, teils konfuse, teils überambitionierte Schlussfolgerungen gezogen und seine eigene Interpretation der dargestellten Realität in einer extrem unbeholfen formulierten Weise niedergekritzelt. „Radikale Lösungsvorschläge“ eben. Es dürfte ihm inzwischen mehr als bewusst sein, dass sein Kopf nach angemessener Besichtigung abgeschlagen wird. Vor der finalen Exekution und der Verbannung aus der Nachrichtenschleife gewährt man ihm einen letzten furiosen Ritt auf seinem Buch über den ausgebreiteten Medienteppich. Unser Thilo, auf das Beste aller Feste auf der Gästeliste eingeladen. Thilo, Thilo, Thesenthilo. Meister des integrationsviralen Marketing. Vielleicht ist unsere Fetisch-Schwester ja so sadistisch veranlagt, dass sie das Schafott billigend in Kauf nimmt. Und wir, wir müssen unserem Monster political correctness natürlich ein Opfer bringen, einen fein zerschnibbelten Sarrazin ohne Kopf.

September 3 2010, 10:03am

Kampf vs. Vergewaltigung ist Kampf vs. Betroffene

Am Donnerstag letzter Woche beschäftigte sich das TV-Magazin “Monitor” mit dem Thema Vergewaltigung. Anlass gab die Äußerung des Staatsanwaltes Hansjürgen Karge bei Anne Will, der selbst seiner eigenen Tochter davon abraten würde, im Fall einer Vergewaltigung Anzeige zu erstatten (wir berichteten). “Monitor” ging der Frage nach, was es Opfern in Deutschland erschwere, eine Tat vor Gericht zu bringen beziehungsweise Anzeige zu erstatten. Die Fakten, die das Magazin vorbringt, sind nicht neu und dennoch ernüchternd. Auf etwa 100.000 Deutsche gäbe es nur neun Anzeigen wegen Vergewaltigung. Die nicht gemeldeten Vorfälle dürften allerdings um ein Vielfaches höher liegen, legt man lediglich die Statistiken zu Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen zu Grunde…

Die Gründe für das Opfer, sich gegen eine Anzeige zu entscheiden, sind vielfältig: Da etwa 85 bis 90 Prozent aller Täter_innen aus dem persönlichen Umfeld des Opfers stammen, ist das Schamgefühl, der soziale Druck und die Angst vor Einschüchterung durch den/die Täter_in besonders hoch. Hinzu kommt, dass die Vorgehensweise der Polizei und ermittelnden Behörden eine zusätzliche Hemmschwelle bieten: Im Regelfall wird ein Vergewaltigungsopfer nur dann professionell untersucht, wenn es Anzeige erstattet. Aber genau davor scheuen viele Opfer erst einmal zurück. Für sie beginnt deshalb ein Vernehmungsmarathon, bei Polizei, Gericht und Gutachtern. Wieder und wieder müssen sie die Tat schildern und durchleben. Weil es bei Beziehungstaten meist keine objektiven Beweise gibt, zählt die Glaubwürdigkeit des Opfers. Gutachter wie Thomas Weber sind verpflichtet, dem mutmaßlichen Opfer zu unterstellen, dass es nicht die Wahrheit sagt. Perfide, denn ein Gutachter gesteht im Monitorbeitrag, dass diese Vorgehensweise die Opfer nachhaltig psychosozial schädigen kann. Etwa 80 Prozent aller Vergewaltigungsopfer benötigen zum Teil jahrelange psychologische Betreuung. Entscheidet sich das Opfer dennoch, direkt nach der Tat Anzeige zu erstatten, kann es in einigen Fällen sogar passieren, dass die Polizei keine Gerichtsmedizin hinzuzieht, um das Opfer zu untersuchen und Beweise zu sichern, berichtet “Monitor”. Stattdessen wird das Opfer zur hausärztlichen Untersuchung geschickt. Die Folge: mangelnde Beweise und damit ein fehlende Glaubwürdigkeit vor Gericht – sollte der Fall überhaupt dort landen. 80 Prozent der Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung werden wieder eingestellt. Einen Lichtblick gibt eines der wenigen Modellprojekte in Mainz. Dort können sich Opfer anonym untersuchen lassen, ohne Anzeige zu erstatten. Die Beweismittel werden zehn Jahre eingelagert, so lange hat das Opfer Zeit sich zu überlegen weitere rechtliche Schritte einzuleiten. Finanziert wird das Projekt vom Innenministerium Rheinland-Pfalz. Nationale, flächendeckende Strukturen gibt es allerdings nicht. Keines der Bundesministerien fühlt sich in dieser Sache zuständig. Anders in England: Dort sind die anonymen Opferzentren seit Jahren selbstverständliche Anlaufstelle für Betroffene, die Regierung will die  Zentren um 50 Prozent ausbauen, denn die Zahl der Anzeigen habe sich mit den Opferzentren erhöht. Sie liegt dreimal höher als in Deutschland. Crosspost von maedchenmannschaft.net von Nadine

August 27 2010, 10:05am

“Das Rad des Wissens und des Imaginären”

Anläßlich des neuen Buches über die Zukunft desselben treten die beiden ausgewiesenen bibliophilen 80jährigen Druckerschwärzesüchtigen Umberto Eco und der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière an, um dem Journalisten de Tonnac alles über Vergangenheit, Wirkung und Zukunft des Buches zu erklären. Ähnlich wie die positiven Stimmen der vier Energieweisen aus dem Abendland zur Atomkraft, finden auch die beiden Bücherwürmer nur lobende und preisende Worte zu zukünftigen Entwicklung des Buches. Mit Grausen berichtet Carrière über das Verdikt vom Weltwirtschaftsforum 2008, dass in 15 Jahren alle Bücher verschwunden sind. Ja, liebe Leute, genauso wie die Langspielplatte. Vinyl ist in. Oh, eine tote Technologie erlebt seit 5 Jahren ihren phönixartigen Aufstieg Und so wird nach dem Siegeszug der U-Literatur auf e-ink in den nächsten Jahren auch bald wieder ein Umschwenken auf das gute alte Buch kommen. Warum sind die alten Autos ohne ABS, Steuergeräte und Sicherhheitsgurte nochmal eine Geldanlage? Richtig, weil sie selten sind. Weil sie begehrt sind und weil Menschen in die Objekte ihre Projektionen ungestört hineinlegen können. Manche holen sie da wieder raus und müssen deshalb Unsummen zahlen für “technisch überholte” Maschinen. Natürlich erzählen sich die beiden älteren Herren auch die Geschichte, dass das Gedächtnis seit dem Computersiegeszug seine Funktion geändert hat. Achja, erinnert mich an die seelige Uroma meiner Ex-Frau, die erzählte auch allen und jedem, das seit ein paar Jahren die Bäume deutlich höher wachsen würden als früher. “Ob das mit dem Atom und so” zusammenhing, wollte sie wissen. Ich hätte ihr damals erzähle sollen, dass unser Auge seit der Erfindung des Fernsehers einfach ganz anders sieht…

August 17 2010, 1:28pm

Von Tellerwäschern und Millionären

„The problem of our age is the proper administration of wealth, that the ties of brotherhood may still bind together the rich and the poor in harmonious relationship.“
Es ist das Jahr 1889, als Stahl-Magnat Andrew Carnegie dies im ersten Kapitel seines vielzitierten Essays „The Gospel of Wealth“ („Das Evangelium des Reichtums“) niederschreibt und fortan in der Ahnengalerie bedeutender Philantropen hängen darf.

Und nun, im Jahr 2010, erklären sich einige der reichsten Menschen der USA bereit, die Hälfte ihrer Milliardenvermögen für wohltätige Zwecke zu spenden. Rockefeller, Hilton, Turner, Bloomberg, Pickens, Lucas. Sie alle folgen dem Aufruf von Microsoft-König Bill Gates und Investor Warren Buffet. Denn die Nummern 2 und 3 der surrealen „Forbes-Liste“ wollen eine neue karitative Dimension erschließen. Ihre Vision: The Giving Pledge. Das Ziel: die Superreichen ihres Landes davon zu überzeugen, einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod zu spenden und dies via öffentlicher Absichtserklärung auch kundzutun. Die Zusage zur Abgabe von mindestens 50 Prozent ihres Vermögens ist dabei kein juristisches Vertragszugeständnis, sondern eine Frage der Moral: „to commit to giving the majority of their wealth to philantrophy.“ Ein kategorischer Spenden-Imperativ für einen guten, dem Gemeinwesen dienenden Zweck…

Ganz nach Carnegie-Manier, die da festschreibt, all jenes Vermögen, das zur Versorgung der Familie nicht unbedingt notwendig sei, in den karitativen Kreislauf einzubringen und zum Wohle der Gesellschaft zu verwalten. Und so hofft The Giving Pledge auf mindestens 600 Milliarden Spenden- und Sitftungsgelder. So weit, so wohltätig. Allerdings scheint die transatlantische Spendenverständigung noch manche Defizite aufzuweisen. Stieß Gates doch mit seiner Anfrage bei ihm persönlich bekannten Milliardären in Deutschland offensichtlich auf Ablehnung. Sind wir also bockige Knauserhammel, die nicht anerkennen wollen, dass eine zivilgesellschaftliche Beteiligung auch die Öffnung privater Geldquellen beinhaltet? Liegt es an der langewährenden vollständigen Tabuisierung von Sex und monetären Angelegenheiten in unserer Kultursphäre? Ein „Man zeigt nicht, was man hat“, weder das Holz vor der Hütte, noch die Kröten in der Tasche? Nein. Dann vielleicht schon eher die Angst vor Neidern oder dem Vorwurf möglicher Verquickung privater und öffentlicher Interessen. Eventuell ein fehlendes Gen zur Marktschreierei. Seht her, ich habe gespendet! So ist die bevorzugte Art, sich in Deutschland einen wohltätigen Namen zu machen, der Stiftungsweg. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen dienen 90 Prozent der etwa 17 400 Stiftungen hierzulande rein gemeinnützigen sozialen und kulturellen Zwecken. Natürlich darf auch hier angenommen werden, dass die Spendierhosen des Gebers um so lockerer sitzen, je grösser der Einfluss auf den Verwendungszweck ist. Zudem stehen sich bei dem Vergleich deutsch-amerikanischer Spender-Mentalitäten zwei grundsätzlich verschiedene Sozial- und Bildungssysteme gegenüber. Pauschalisiert trifft das deutsche Verständnis von Verantwortungsabgabe in Umverteilungsfragen an den Staat auf eine eher grossmannssüchtige „Do it yourself“-Mentalität der Amerikaner. Doch letztendlich ist es aus einer zweckgerichteten Perspektive egal, warum und unter welchen Bedingungen das Geld „von oben nach unten“ fliesst. Ob nun dem öffentlichkeitswirksamen Spenderpathos eines Forbianers oder einer adäquaten Erbschafts- und Vermögensbesteuerung des Staates geschuldet: Es geht um die Wahrnehmung gegenseitiger Verantwortung. In einer ungleichen Gesellschaft. Bildnachweis: Wikipedia (gemeinfrei)

August 13 2010, 10:03am

Klassiker: Sherry Turkle

Im Rausch der zumeist halbgebildeten Web-Experten dieser Tage, die von einem Kongress zum anderen gereicht und bewundert werden, ist leider eine “frühe” Denkerin rund um das Verhältnis Computer/Mensch in Vergessenheit geraten: die Soziologin Sherry Turkle. Dabei hat sie schon in dem im Jahr 1995 in Deutschland erschienenen Werk “Leben im Netz” sehr viel von dem vorweggenommen, was heute in Trivialform immer wieder diskutiert wird:

Aber ist es wirklich vernünftig anzunehmen, wir könnten den Gemeinschaftsgedanken dadurch neues Leben einhauchen, dass wir allein in unseren Zimmern sitzen, Botschaften in unsere vernetzten Computer eingeben und unser Leben mit virtuellen Freunden füllen?

Das Internet ist zu einem wichtigen Soziallabor für Experimente mit jenen Ich-Konstruktionen und -Rekonstruktionen geworden, die für das postmoderne Leben charakteristisch sind.

Von Anfang an war der Begriff der wissenschaftlichen Objektivität nicht zu trennen von der Vorstellung einer aggressiven Beziehung des Forschers zur Natur. Und von Anfang an war das Streben nach wissenschaftlicher Objektivität mit der Metaphorik männlicher Herrschaft und weiblicher Unterwerfung verknüpft. Francis Bacon benutzte das Bild vom männlichen Wissenschaftler, der die weibliche Natur auf die Folter spannt.

Turkle hatte schon früh die Psychoanalyse mit der Computerwelt verglichen, da beide einen eigenen Jargon der Mensch-Beschreibung mitbrachten, die es den Anhängern der jeweiligen Lehre erlaubten, eine besondere Form der Erklärung und der Metaphern zu finden, die den Menschen sich selbst erklären sollten. Auf der einen Seite war da das Vokabular der Tiefenpsychologie und auf der anderen die formale Welt der künstlichen Intelligenz, da sich bereits in den 70er Jahren das Primat des Gehirns abzeichnete. Eine anthropologische Konstante, die bis heute als letztgültiges Erklärmodell der besonderen Stellung des Menschen gültig ist.

Besonders berühmt ist Turkle für ihre Untersuchungen über das, was man uns derzeit abgewöhnen will. Die Anonymität im Netz. Webexperten aus der dritten und vierten Reihe bezeichnen ja die Offenheit einer jeden Person im Netz via Soziale Netzwerke als das selbstgewählte Ende der Privatsphäre. Turkle beschreibt u.a. einen Fall, in dem ein 43jähriger, verheirateter Mann online einer Nutzerin namens Fabulous Hot Babe flirtete und sich wohl zumindest zeitweise in diese Online-Bekanntschaft verliebt. Dann stellt sich jedoch heraus, dass auf der anderen Seite ein 80jähriger Mann in einem Altersheim saß. Turkle sieht in diesem Fall die ganze Spannweite zwischen der Freiheit der Erwachsenen mit den Möglichkeiten im Netz zu spielen (eher aus der Sicht des alten Mannes) und der Tatsache, dass auf der anderen Seite ja auch ein sehr junges Mädchen hätte sitzen können. Dann wäre die Reaktion kaum eine lachende gewesen. Aus ihrer Sicht ist die Potenz der Textbotschaften enorm. Denn es hängt sehr von den Erwartungen des Lesenden ab, wie die zum Teil belanglosen Sätze aufgefasst und emotional aufgeladen werden. In dieser Hinsicht ist es aus ihrer Sicht schon sehr sinnvoll, Kindern den Zugang zu bestimmten Kanälen zu verwehren, bzw. sie nicht damit allein zu lassen. Viele Inhalte können sie zwar lesen aber nicht angemessen einordnen. Auf der anderen Seite hatte der alte Mann über das Netz echte Beziehungen zu echten Menschen und konnte so aus seiner Einsamkeit entkommen, was ihm ein enormen Zugewinn an Lebensqualität bedeutete.

Turkle war auch die erste, die uns zeigte, dass es keinen Sinn macht, einfach nur verächtlich auf den Computer zu deuten und ihn als ein Werkzeug unter vielen zu entwerten. Denn der vernetzte Computer ist ein Mittel zur Kommunikation. Aus ihrer Perspektive macht er vor allem darin Sinn, weil man auf diese Weise vieles erfahren kann, was sonst unter der Decke der Konventionen bliebe. Denn die Menschen fühlen sich in der geborgenen Situation zuhause oder im Büro sicher und können so offener kommunizieren. Das hat natürlich nicht nur positive Aspekte. Denn das Aufteilen des eigenen Selbst in viele verschiedene Rollen, die durch das Netz noch weiter ausgefächert werden, erfordert natürlich ein festes Selbstbild. In den letzten Dekaden wurde ja vermittelt, man müsse sich einen stabilen Selbstkern erarbeiten, der in vielen Psychotechniken unter dem Stichwort Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung und vieles mehr erreicht werden konnte. Turkle vertritt ein postmodernes Bild des Menschen indem sie ein variables und fluides Bild des Selbst erlaubt bei dem diese vielen Rollen einfach nur Fragmente sind, in denen zum Teil widerstrebende Anteile der Person zur Geltung kommen können. Sie bildet damit inhaltlich den Gegenpol zur Zerstreungs- und Vermanschungstheorie eines Schirrmacher.

Das Leben mit und im Internet kann es uns erlauben, über die vielen, unterschiedlichen Rollen nachzudenken, die wir im alltäglichen Leben spielen. Denn viele von uns leben im Alltag in diversen unterschiedlichsten sozialen Rollen und verstecken viele ihrer persönlichen Wünsche unter verschiedenen Masken, deren Summe die Persönlichkeit bestimmt: “... a person for example, .. wakes up as a lover, makes breakfast as a mother, and drives to work as a lawyer.” Das Leben im Internet erweitert und realisiert diese Verhältnisse auf eine andere Weise. So kann man einem Avatar der Schüchterne sein, während man in einem anderen Netzwerk heftig flirtet, und im dritten Online-Bereich oder Blog fachsimpelt über aktuelle politischen Ereignisse.

Bildnachweis: Wikipedia

August 2 2010, 10:02am

Gaffer-Küken

Ka|ta|stro|phe, die: unerwartet eintretendes, viele Menschen betreffendes, verhängnisvolles Geschehen. gaffen: mit weit geöffneten Augen und offenem Mund in als aufdringlich empfundener Weise auf jmdn., etwas blicken.

Nein – richtige Gaffer im herkömmlichen Sinne sind wir wirklich nicht mehr. Dank Apple, Blackberry & Co. tragen wir unser handliches Gaffer-Monokel nun griffbereit in der Hosentasche. Einfach draufhalten, aufnehmen, hochladen. Mit unseren mobilen Kameras können auch wir bei diversen Katastophen eine Live-Schaltung starten. Denn von einer Katastrophe erwartet man auch katastrophale Bilder. Und zwar pronto… Nicht nur versierte Netz-Flaneure haben die Bedeutung des Social Web bei Katastrophen und Großereignissen begriffen. Die Möglichkeit, „die Realität“ sekundengenau einzufangen und per Multiplikatoren-Plattform zu teilen, dürfte längst Bestandteil eines generationsübergreifenden common sense geworden sein. Der Boom des „Desaster-Sharings“ ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich – wie auch dieser Tage wieder – nicht nur der Boulevardjournalismus am großen Buffet von Youtube, Flickr und anderen Social Media Portalen den fetten Wanst voll schlägt und Bereitgestelltes auf dem Teller der eigenen Berichterstattung unappetitlich stapelt. Dass damit nicht nur ein wahrhaftiger Einblick in das jeweilige Geschehen publiziert wird, sondern die Verwendung solcher Quellen auch die allgegenwärtige Gier nach sichtbarem Elend in unmittelbarer Nähe legitimiert, scheint auf der presserechtlichen Tagesordnung unter „ferner besprochen“ gerutscht zu sein. Von der Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Beteiligten und Opfern abgesehen. Solange es genug aufgerissene Schnäbel zu stopfen gilt, werden diese privaten, „exklusiven“ Versatzstücke eines neuen Gaffertums emsig verfüttert. Auf Rezipientenseite lassen sich etliche Motive zum Konsum von authentischen Katastrophen-Shots identifizieren. Erleichterung (weil man selbst nicht betroffen ist), Empathie, Verarbeitung, Solidarisierung mit Betroffenen via Kommentarfunktion, ein Cocktail aus allem. Und so legitimieren soziale Vorwände das massive Eindringen voyeuristischer Verhaltensmuster in die Privatsphäre Dritter. Katastophen-Voyeurismus als soziale Kategorie. Nun also räkelt sich dieser makabere Bodensatz unserer Unterhaltungskultur, das privat gedrehte und publizierte Zeugnis einer Katastrophe, salonfähig auf der breiten Mediencouch, bestaunt und beklatscht von einem dispersen Publikum. Man muss nicht Habermas, Arendt oder Sennett bemühen, um zu erkennen, dass diese elende Entwicklung die Konsequenz eines fortgeschrittenen Verfalls der Trennlinien zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sind. Und so zerspringt gerade einmal mehr der Resonanzboden eines zum öffentlichen Gebrauch des Verstandes erzogenen Medien-Publikums. Bildnachweis: dominic

July 29 2010, 10:02am

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