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Miriam Meckel: “Das Netz ist auch die Welt”. Aha.

Miriam Meckel gehört zu meinen Lieblingsexperten, wenn es um “das Web” geht. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, all den Leuten, die seit Jahren Google, E-Mail und Excel nutzen, die ganz neue Welt von twitter, blogs, wikis und sozialen Netzwerken zu erklären. Aktuell im Focus als Auftakt für die DLD. Ersteres ist nicht SMS an und für viele, Blogs sind nicht digitale Tagebücher und Wikis sind nicht gemeinsame Seminarhefte und soziale Netzwerke sind nicht offene Poesialben mit Adressliste. Nein. Es sind Teile der Welt. Das ist seltsam, da sie doch alle von Menschen erschaffen wurden. Und da der Mensch den Begriff Welt erschuf, wird immer alles, was er sagen wird, Teil der Welt sein. Bei Frau Meckel ist das einen ganzen Artikel wert. Was ist neu an dem Gemeinplatz, dass die Werkzeuge der Menschen teil der Welt sein sollen? Neu wäre es, wenn das Netz Teil der Heringwelt wäre oder Teil der Welt der Polarfüchse. Ich habe den Eindruck, dass eines Tages so viele Loblieder auf das gemeinsame Lesen und Schreiben im Web gesungen werden, dass keiner mehr Lust hat, es wirklich zu nutzen. Aber der Reihe nach: Die Frau ging zu David Weinberger an das Berkman Center an der Harvard Uni, um dort über das Web zu forschen. Sie kommt wieder mit einem Text über crowdsourcing und Journalismus. Das erinnert mich an die Tage, als noch über die HuffPost oder spot.us diskustiert wurde – das war 2009. Worum geht es Ihr? Journalistische Medien sind per se sozial, weil sie zur Verständigung der Menschen in einer Gesellschaft beitragen, indem sie etwas leisten, was auch in einer vernetzten und globalisierten Gesellschaft unerlässlich ist: die sachliche, zeitliche und soziale Synchronisation.

Dieser Satz ist falsch, wenn man damit Massenmedien einschließt, denn der Begriff “Sozial” beschreibt eine wechselseitige Beziehung. Das ist weder bei TV noch im Radio und schon gar nicht bei Zeitungen der Fall. Sehr oft wird der Begriff auch mit zugewandt oder fürsorglich assoziiert, auch das kann man keinem Medium unterstellen, das journalistisch aufbereitet wird. Außerdem werden nur die Informationen verteilt (synchronisiert), die bestimmten Kreisen sinnvoll erscheinen. Wer in einer Redaktion gesessen hat, weiß, dass bestimmte Infos über die Golffreunde des Verlegers nie in den Lokalteil kommen werden. Aber es kommt noch deutlich flacher: Zum anderen ist „Social Media“ ein Übergangsbegriff. Er wird sterben, weil er zum Normalfall wird. Es gibt bald keine sozialen und nicht sozialen Medien im Netz. Es gibt nur noch das Netz.

Dazu gibt es Folgendes zu anzumerken: Es wird normal, dass wir alle soviel Zeit haben, wie die wenigen Blogger und Berater, die die Zeit haben twitter und Blogs mit Perlen zu befüllen – für umme? Wer soll das bezahlen, wenn das alle täten. Wer sollte das lesen? Aussagenlogisch würde laut dem letzten Satz das Netz dann ohne soziale und nicht-soziale Medien auskommen. Gemeint ist wohl, dass die Heterogenität (Homogenität?) des Netzes alles andere absorbiert? Liebe Frau Meckel, es freut mich ja, zu sehen, dass Sie als Einzige im Wissenschaftsbetrieb dieser Welt statt Differenz Indifferenz schaffen wollen mit Ihrer Arbeit, aber das steigert nicht die Transparenz und Verständlichkeit ihrer Ideen. Mit ihm [dem Netz] wird alles verbunden sein, eingebettet in die vernetzen und interaktiven Kommunikationsplattformen, die wir derzeit noch als „Social Media“ unterscheiden.

Aha, die Kindertagesstätte, der Bildhauer, der Koch, die Gerüstbauer, der Arzt, der Bestatter, der Anstreicher, der Schweinmäster, die Kläranlage – sie alle werden den ganzen Tag über mit und um das Netz verbunden sein – über twitter, Blogs und facebook? Aha. Das Dings mit der Induktion von der buchbesitzenden Bildungsbürgerreligion auf die ganze Menschheit ist schon immer ein schwieriges Unterfangen gewesen und wird auch als Behauptung nicht substanzieller. Auch die These, dass nun alle zum Journalisten zweiter Ordnung qua citizenship werden, ist aktuell eher weniger belegt als befürchtet:

Plötzlich hat das Netz die Verkehrsregeln geändert. Bürger mischen sich als „Citizen Journalists“ über die Kommunikationsplattformen des Web 2.0 ins Agenda Setting ein, liefern Informationen in Text und Bild zu aktuellen Ereignissen aus der lokalen Nachbarschaft und der Welt drumherum. Journalisten müssen sich plötzlich geballt mit den Reaktionen ihrer Leser auseinandersetzen, ihre Produkte werden ungefragt weiterverarbeitet, getagged, verlinkt, gemashed

Agenda Setting betreiben viele PR-Agenturen via social media. Bürger arbeiten im Büro und an der Werkbank oder dem Band. Abends kommen sie kaputt nach hause und schauen TV, gehen zum Fitness oder waschen die Wäsche, meist alles nacheinander. Da ist wenig Platz für citizen Dingsbums. So etwas könnte super bei Fachverlage funktionieren mit definierten Themen- und Fachcommunities, aber die schlafen den Schlaf der Gerechten, die seit Jahrzehnten weit über 15% Reingewinn erwirtschaften. Aber wie kommen die ciziens eigentlich zu ihren Themen? Die haben ja keine Redaktionskonferenz, wo der Redaktionsleiter die Themen auf die Journalisten verteilt. Da weiß Meckel Antwort: Rechercheprozesse finden nach einem beliebig gesetzten Initialreiz in Communities statt und fördern Ergebnisse zutage, für die traditionelle Redaktionen lange recherchieren müssen

Die kostenfreie Recherche, die ja total einfach für jeden Bürger ist, findet nach dem Reiz-Reaktionsschema statt und zwar per Willkür, scusi Beliebigkeit. Und, anders als der teure investigative Journalismus, können die einfachen Bürger viel schneller, billiger und besser recherchieren – wenn sie Julian Assange heißen beispielsweise und all die geheimen Dokumente in Kilogebinden bekommen wie alle Bürgerjournalisten. Das Netz ist ja die Welt, also ist auch alles mit allem verbunden, nicht wahr Frau Meckel? Nein, denn für solche Mengen reichen die Bürgerjournalisten nicht. Da müssen NEUE wissenschaftliche Journalisten her, wie es sie nur beim Guardian, dem Spiegel oder El Pais gibt: Und Datenmengen, wie sie durch Wikileaks zur Verfügung gestellt werden, verlangen eine ganz neue, wissenschaftlich orientierte journalistische Arbeit, die viel Zeit und Sorgfalt auf die Analyse und Aufbereitung von Daten verwenden muss, um so Neuigkeiten und Zusammenhänge ans Licht zu befördern.

Und dann kommt das Unvermeidliche aus der Ecke der preisgekrönten Medienexpertin: Die Liste der Neuerungen nochmal in bullets, sozusagen als executive summary für die Verleger: Dadurch verändert sich der Journalismus in neun Dimensionen paradigmatisch:

* Journalisten verlieren einen großen Teil ihrer Interpretationshoheit. [durch die Wünsche der Verleger, die Vorgaben der Anzeigenkunden oder die Lobbyisten?]
* Es entstehen neue journalistische Rollenbilder, z. B. als Aggregatoren oder Broker, die für die Sammlung relevanter Informationen im Netz oder als Schnittstelle zur Verbindung unterschiedlicher Communities zuständig sind. [Aggregatoren für Agenturmeldungen oder Broker die alle Texte eines Newsdesks auf die einzelnen Blätter eines Verlags verteilen?]
* Es gibt kein Publikum mehr, sondern mehr oder minder aktive Communities.[ Ach, die Reichweite heißt jetzt community, toll]
* Medienmarken werden durch individuelle Brands journalistischer Persönlichkeiten ergänzt oder ersetzt. [Wenn ich im Zusammenhang mit Menschen noch einmal den Begriff "brand" lese, bekomme ich Plaque. Übrigens, ist Sarrazin auch ein brand?]
* Es gibt keine fertigen „Stücke“ mehr. Journalistische Produkte werden zu „permanent content beta“. [genauso wie Medienexperten] 
* Es gibt keine „write-read“-Hierarchie mehr, sondern nur einen endlosen Wechselwirkungsprozess zwischen „write“ und „read“ einer unbegrenzten Zahl von Beteiligten. [ Frau Meckel hat das Wesen von Iteration erfasst Applaus.]
* Wer sich als Journalist nicht auf das Netz als Recherche-, Kollaborations- und Kommunikationsplattform einlässt, ignoriert seine publizistische Verantwortung.[Stimmt, das merkt man bei lettre deutlich. Ähem]
* Es gibt keine netzunabhängige journalistische Weltsicht. Das Netz ist auch die Welt. Es gibt nur eine arrogante Verweigerungshaltung derer, die glauben, schlauer zu sein als ihre Leser. [Nein, sie sind reicher und deswegen arroganter. Ausnahme: Aenne Burda.]
* Das Netz entlarvt jede noch so kleine journalistische Fehlleistung. Es dekonstruiert auch den Verweigerungsjournalismus. [Das Netz perpetuiert jede noch so kleine journalistische Leistung bis zum jüngsten Gericht. Was bitte ist Verweigerungsjournalismus: Das Beharren auf Gemeinplätzen aus dem Jahr 2009?]

January 14 2011, 10:15am

Brüder Grimm oder Blogger vs. Journalisten?

Die Journalisten der sogenannten klassischen Medien scheinen der Grabenkämpfe mit den Bloggern müde geworden. Lange Zeit stritten die zwei Lager hartnäckig gegeneinander, jedes überzeugt von der Dominanz seiner Sicht. Die klassischen Medien fühlten sich bedroht und irritiert durch die wachsende Zahl der Konkurrenten im Internet und ihrer Art, Informationen zu sammeln, zu verbreiten und vor allem meinungsstark und persönlich zu kommentieren. Blogger waren für sie eitle Möchtegerns ohne Reichweite und Geschäftsmodell, krankhafte Egos auf der Suche nach Anerkennung oder einfach nur irrelevant. Auf der anderen Seite standen die digitalen Publizisten, die den Kollegen aus dem althergebrachten Journalismus vorwarfen, sie würden das Netz in keinster Weise begreifen, der neuen Form der Kommunikation nicht annähernd gerecht werden und deshalb in nicht allzuferner Zeit arbeitslos sein. Der Witz am Rande: Gerade die kritischsten Blogger und Netzpublizisten sind oder waren selbst Journalisten oder professionelle Kommunikatoren…

Jetzt scheint zumindest die eine Seite den Schulterschluss zu suchen. Rhein-Zeitung, Welt Kompakt und Süddeutsche stimmen plötzlich ein Loblied auf die bislang so gefürchtete Zunft der Blogger an. Kannst Du den Feind nicht besiegen, verbünde Dich mit ihm – eine uralte Weisheit, die eben nie ihren Reiz verliert. So wird ein Paradiesvogel des digitalen Zeitalters, Sascha Lobo, für einen Tag Chefredakteur der Rheinischen ZeitungWelt Kompakt wagt sich unter der Anleitung von 25 Bloggern an eine Scroll Edition. Man wird in den Redaktionen nicht müde zu betonen, wie nahe die Blogger den klassischen Journalisten doch sind – zumindest was die Arbeitsweise und die Liebe zum sprachlichen Ausdruck betrifft. Die Welt stellt gar erleichtert fest, „Blogger sind auch nur Menschen“ und kehrt nach dem gewagten Experiment zufrieden zur gewohnten Routine zurück. Die Süddeutsche erklärt zum guten Schluss, der Journalismus löse sich zum Glück nicht auf, sondern verändere nur seinen Aggregatzustand zu einer Form, in der Blogger und Journalisten Seite an Seite bestehen dürfen. Werden die anfangs tiefen Gräben zwischen beiden Publikationsformen nun zugeschüttet? Vielleicht sogar mit Honoraren für Blogger von klassischen Medien? Was sagt eigentlich die andere Seite zum Friedensangebot einiger Medien? Sind die digitalen Publizisten ebenfalls bereit zum Schulterschluss? Und die Betroffenen? Meinungen aus berufenem Munde: Tanja Gabler, http://tanjagabler.blogspot.com/

Die Grabenkämpfe zwischen Onlinejournalisten und Bloggern habe ich nie verstanden. Ich sehe beide Seiten als Kollegen, die mit unterschiedlichen Stilmitteln beziehungsweise mit anderen Textformen arbeiten. Viele Journalisten betreiben eigene Blogs – und viele Blogger werden längst in den klassischen Medien zitiert. Das liegt einerseits daran, dass die Qualität der Blogbeiträge gestiegen ist, und andererseits daran, dass viele (Online-)Medien ihr Misstrauen gegenüber dieser Gattung verloren haben. Einen Schulterschluss zwischen Bloggern und klassischen Medien kann ich dennoch nicht erkennen. Dazu gehört weit mehr, als Sascha Lobo für einen Tag zum Chefredakteur zu ernennen oder eine sogenannte “Scroll Edition” der Welt zu drucken. Wenn die linke tageszeitung Kai Diekmann für einen Tag ihre Redaktion leiten lässt, bedeutet das auch noch lange keine gemeinsame Linie zwischen Bild und taz.“ Thomas Knüwer, http://www.indiskretionehrensache.de/

August 23 2010, 10:00am

Studie: Paid Content in freier Wildbahn gesichtet

Fink & Fuchs hat die Oriella Studie Digital Journalism 2010 vorgestellt. Kaum überraschend sind die dort gezeigten Ideen, wie man Content per Bezahlung verteilt.

Die Agentur betont in ihrer Meldung den Verlust der Scheu der Verlage gegenüber Kommunikation im Web via twitter oder Blogs.

Die Studie belegt zudem, wie stark Neue Medien und Social Media, etwa Blogs, audiovisuelle Medien und Twitter Einzug in Redaktionen halten: Weniger als 15 Prozent der befragten Journalisten geben an, keine Inhalte in multimedialer Form oder via Social Media anzubieten – ein schwindender Anteil, denn noch vor zwei Jahren schenkte rund ein Viertel der Befragten bei der Bereitstellung von Inhalten neuen Medienformaten keinerlei Beachtung. Vor allem das Angebot von Blogs und Twitter hat seit 2008 an Bedeutung gewonnen. Rund 49 Prozent der Befragten berichten, dass ihre Verlage selbst redaktionell betreute Blogs betreiben und immerhin 41 Prozent nutzen aktiv Twitter.

Leichte Unterschiede offenbar in den europäischen Nachbarländern…

Bilder: http://www.ffpr.de

July 8 2010, 10:00am

HuffPost almost takes the lead

Beim businessinsider gibt es diesmal eine Besonderheit beim chart of the day, die einige Verlage in Deutschland beruhigen wird. Denn hier haben wir (noch) keine Huffington Post. Falls doch, könnte die bequeme Position der Zeitungsverlage, einfach auf das Millionenheer der Billigschreiber in diesem Lande zuzugreifen und dann noch über die geringen Einnahmen im Web zu jammern, ein jähes Ende haben.

May 19 2010, 10:59am

Livestream: Future Face Of Media

Frankfurt: Die Zukunft der Medien in der Diskussion. Stream by carta.info.

Watch live streaming video from cartalive at livestream.com

May 18 2010, 10:32am

Springer-Verlag auf dem iPad

The Iconist ist das iPad-Flaggschiff des Springer Verlags, das quartalsweise erscheinen soll. Gute Idee. Das nenn’ ich mal slow media wörtlich genommen. Wenn ich mir das Video ansehe, dann ist mein Problem weniger die sehr langsame Publikationsfrequenz sondern die Idee, einfach Papier hinter Glas einzusperren. Ich bin wohl zu alt für solche Sachen:

via ipony

May 17 2010, 1:03pm

Niiu – individuelle Zeitung auf Wunsch?

Digitale und gedruckte Information – inhaltlich ein zwingender Widerspruch des Mediums? Ich würde gerne mal wieder morgens nicht am Computer, sondern bei einem Kaffee mit einer Zeitung sitzen. Allerdings finde ich in der momentanen Zeitungslandschaft kein Produkt, das meinen Ansprüchen und Gewohnheiten entgegenkommen könnte. Meine Informationsstrategie hat sich in den letzten Jahren durch die Entwicklungen im Internet entscheidend geändert.

Eines Abends beim Diskutieren vor dem newthinking store streifte mein unruhiges Auge ein Plakat: Niiu – stell Dir Deine individuelle Zeitung zusammen (oder so ähnlich). Das war nach 5 Minuten wieder vergessen. Was ich nicht in meiner Twitter-Timeline anklicken kann, nehme ich nicht nachhaltig war. Dort tauchte vor einigen Monaten die Twittertimes auf: eine individuelle Echtzeit-Zeitung, die auf meinem Twitter-Netzwerk basiert. Auf der Titelseite erscheinen die Inhalte von Links, die in meinem Netzwerk prominent zirkulieren. Was ich für einen echten Mehrwert halte, erspart die Twittertimes einerseits mir, meine Timeline selbst zu durchforsten und andererseits meinem Netzwerk, daß ich einen ohnehin schon weit verbreiteten Link redundant einspeise. Allerdings wird die Twittertimes nicht gedruckt ausgeliefert, allenfalls könnte ich mir das PDF ausdrucken.

Aufgrund einer kontroversen Diskussion mit einem Verleger auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen landete der Link zu einem Artikel über Niiu in meiner Inbox. Könnte das meine Twittertimes in gedruckter Form sein? Einen Versuch wäre es wohl wert, also habe ich eine Verabredung: 6 Tage kostenlos testen. Account anlegen und los geht’s durch 7 Einrichtungsschritte. Um den Einstieg zu erleichtern gibt es 8 vordefinierte Ausgaben-Schwerpunkte, ich wähle Lokales (Berlin) für den Anfang und 2 Ausgaben International am Schluß.

In den nächsten 2 Schritten erfolgt die Zusammenstellung der Inhalte: erst mit Zeitungen, dann mit Online-Inhalten. Die Bild fliegt gleich mal raus, für lokale Inhalte reicht mir ein wenig Berliner Zeitung. Aus den Zeitungen lassen sich Titelseite, Feuilleton oder Seite 2 & 3 etc. wählen. Die Online-Inhalte sind ebenfalls in Ressorts gegliedert, die Blogpiloten fliegen gleich mal raus aus meiner Niiu. Über die Reihenfolge lässt sich eine Gewichtung der eigenen Vorlieben herstellen, schließlich ist nie gesichert, daß auch wirklich in allen Bereichen von allen zur Verfügung stehenden Anbietern Inhalte geliefert werden. 5. Schritt zur eigenen Zeitung: Layout auswählen. Die Niiu kommt in Blau oder Rot, der Titel kann frei eingegeben werden, genauso wie ein Motto und eine Grußbotschaft. Als ergänzende Gadgets können Aktien, Wetter oder ein Sudoku auf erster oder letzter Seite platziert werden. Zusätzlich darf ein eigenes Bild hochgeladen werden. Bestellung aufgeben, noch ein paar Daten wie die Adresse eingeben, fertig.

Das hört sich alles recht einfach und schlüssig an, schauen wir mal, wie sich eine solche Zeitung liest und was so an Technik dahintersteckt. Das fängt an bei der Druck-Technik, benötigt werden Maschinen, die sich schnell und kostengünstig auf unterschiedliche kleine Auflagen einrichten lassen. Die Entwicklung solcher Drucker ist noch recht neu. Und die Inhalte: einerseits muss der rechtliche Rahmen und die Vergütung für die Nutzung geregelt werden, andererseits müssen die Inhalte in einem Format vorliegen, das die Zusammenstellung in einer neuen Zeitung ermöglicht. Bei der Vorstellung, mit wievielen unterschiedlichen Redaktions- und Veröffentlichungssystemen Zeitungen und Blogs arbeiten, lässt sich erahnen, daß die Vereinheitlichung unterschiedlicher Formate zur Weiterverwendung keine triviale Frage ist.

Und wie fügen sich die Inhalte nun in der Niiu zusammen? Antwort: Gar nicht! Von meinen 6 Test-Ausgaben landen nur die letzten 3 bei mir, auf die deutsche Post ist ja schon länger kein Verlaß mehr. Daher wird für alle regulären Abos ein Extra-Lieferservice mitgeliefert, über den sichergestellt wird, daß die Niiu pünktlich bis 8 im Briefkasten steckt. Auf der Titelseite meiner Ausgabe vom 9.3.2010 lächelt mir Christoph Waltz mit Oscar entgegen. Der Rest der Seite ist gefüllt mit Blog-Einträgen, z. B. über polyextremophile Tardigrades, die in extremen Umgebungen überleben können. Der Artikel endet mit 3 kryptischen Sätzen – achso, da wären jetzt Bilder online! Ähnlich ergebnislos ist der Versuch, die nicht vorhandenen Links zu klicken. Für die klassischen Print-Inhalte ergibt sich jedoch auch kein besseres Bild: Artikel enden mit dem Verweis auf Seite Sowieso, natürlich ausgerechnet da, wo’s grad spannend wird!

Jede Seite hat ein anderes Erscheinungsbild, andere Typographie und in meine internationale Ausgabe haben sich tatsächlich 2 Seiten in Kyrillisch eingeschlichen … ich ertappe mich dabei, zur Orientierung erstmal die ursprüngliche Zeitung zu erfassen, dann die Seitenstruktur zu erkennen und dann erst entscheiden zu können, was ich nun lesen möchte. Irgendwo in meinem Hinterkopf blinkt das Wort “Leistungsschutzrecht” auf. Ist es das, was Verlage geschützt haben wollen? Wie wollen sie damit als Distributoren wettbewerbsfähig werden in einem zukünftigen Zeitungsmarkt, für den die Niiu eine erste Manifestation sein könnte? Besser sieht es da für die Online-Inhalte aus, die sauber gesetzt im Niiu-Layout erscheinen. Wobei sich hier gleichberechtigerweise die Frage stellt, warum das Online-Layout nicht übernommen wird.

Verhandlungspartner für die Übernahme der Inhalte sind Verlage und Online-Content-Anbieter wie z. B. Qype oder Wikipedia. Da im Voraus nicht klar ist, welche Autoren erscheinen werden, ist es schwierig, direkt mit den Inhaltserstellern oder Autoren zu verhandeln. Ausserdem befindet sich Niiu noch in einem 6-monatigen Test-Stadium, um die Entwicklung im Allgemeinen und die Frequenz von abgefragten Inhalten im Besonderen zu beobachten.

Mein Fazit: Reizen würde es mich, noch mehr mit den Online-Inhalten zu spielen, gerne hätte ich hier ein größeres Spektrum an Blogs. Für meinen Gebrauch könnte ich mir vorstellen, daß Niiu hier einen Teil Feedreader-Funktionalität ersetzen könnte. Zumal, wenn in Zukunft wie z. B. bei der eingangs erwähnten Twittertimes Nachrichten aus der Peergroup bzw. dem Social Graph automatisch beigemischt würden. Die Gestaltung des Niiu-Online-Interfaces und den Ablauf des Zusammenstellens der Inhalte finde ich irgendwie holprig. Die Ausgabe, die morgens um 8 im Briefkasten sein soll, muss bis 14 Uhr des Vortages fertig konfiguriert sein. Eine für mobile Endgeräte optimierte Version, iPhone- oder Android-Application gibt es nicht. Sinnvoll wäre das schon, z. B. um im allgemeinen Alltagsstreß bei einer Verschnaufpause in der U-Bahn rechtzeitig Änderungen vorzunehmen. Eine Ausgabe für ePaper oder Kindle ist auch nicht geplant, konsequent, denn es geht in erster Linie um das Print-MashUp. Allerdings, so verrät Wanja Oberhof im Gespräch, könnte durchaus eine Application für das iPad mit dessen Markteintritt kommen.

March 25 2010, 10:00am

Interview: Jeff Jarvis über die Zukunft der Zeitungen

Holger Schmidt, Netzökonom-Blogger bei der F.A.Z., hat am Rande des DLD (Digital Lifestyle Day 2010) mit Medienexperte und Verlagsberater Jeff Jarvis ein Interview zur Zukunft der Verlage geführt. Darin geht es unter anderem um Paid Content, die Link-Ökonomie nach dem Google-Modell und Wege, die Zeitungshäuser mit neuen Medienanbietern im Web kooperieren könnten. Für Jarvis ist bei alledem eines klar: Die Zeitungshäuser müssen sich radikal wandeln.

January 25 2010, 10:45am

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