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Digitaler Maoismus? Digitale Glatze!

Auch Visionäre kommen in die Jahre – niemand hat das in den vergangenen Monaten eindrücklicher demonstriert als Jaron Lanier. In den 80ern gehörte er zu den Cool Kids der Netzszene, schraubte an Ideen für „virtuelle Ideen“, begann, an diversen US-Eliteunis Computerwissenschaften zu unterrichten. Gut zwanzig Jahre später hat er sich vor allem aufs Ablehnen verlegt. Kollektive Projekte im Internet? Digitaler Maoismus, sagt der heute 50-jährige Dreadlockträger. Projekte wie Wikipedia oder Linux sind in seinen Augen antidemokratisch, weil sie der Idee anhängen, dass das Kollektiv über eine allwissende Weisheit verfüge, die man zentral bündeln und lenken müsse. An die Stelle eines kreativen Individuums würde ein digitaler Mob treten – doch historisch, so meint er, seien es stets Individuen gewesen, die den Fortschritt befeuert hätten.

Nicht viel besser weg kommt die Free Culture-Bewegung. Ein Holzweg, meint Lanier – Kreative würden ausgebeutet, kriechen finanziell so übel auf dem Zahnfleisch, dass ihnen weder Kraft noch Zeit bliebe, substantiell Neues zu erfinden. Stattdessen lebe die Mash-Up-Kultur hoch, die vergangene Musikinnovationen zu einem Mainstream-Einheitsbrei vermenge und in Endlosschlaufen weitervermarktete.

Schon seit 2006 bastelt Lanier an dieser Pauschalkritik, in diesem Jahr hat er sie gebündelt in seinem Buch „You are not a gadget“ zusammengetragen. Für Statements an die deutsche Presse, so sein Assistent, steht der Autor derzeit nicht zur Verfügung – im Herbst wieder, wenn Lanier sein Buch in der deutschen Übersetzung promote. Nein, auch Statements auf zwei Fragen per Mail seien nicht drin. Darum also hier eine Diskussion seiner Thesen auf Basis anderer Interviews, alter Artikel – und mit kritischen Gegenstimmen aus deutschen und US-Netzkreisen.

Es wäre ziemlich einfach, Lanier einfach als verbitterten Ergrauten abzutun, den die Entwicklung des kollaborativen Internets einfach links überholt hat. Denn tatsächlich ist das Netz nicht mehr die Garagen-Bastel-Veranstaltung, in der Lanier digital sozialisiert wurde. Heute gibt es Einzelne, die gute Ideen zur rechten Zeit hatten – und damit heute einen Batzen Geld machen, von Zuckerberg bis zu Brin und Page. Die deutsche Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig erfand im letzten Jahr einen hübschen Begriff für jene, die noch immer an ihren vor Jahren geprägten digitalen Weltbild festhalten, ohne zu bemerken, dass die Dinge sich seitdem rasant weiterentwickelt haben, sie mir ihren einstmals so visionären Ideen heute ziemlich gestrig aussehen: Digitale Glatzenüberkämmer. Im Spiegel habe man selbst den Eindruck, alles sehe aus wie immer – aber alle anderen würden deutlich sehen, dass es eben doch nur drei über den Kahlkopf gelegte Haare seien.

Doch tatsächlich gibt Lanier – zumindest mit seiner Free-Culture-Kritik – einem Reflex Ausdruck verleihen, der verständlich ist: Nach einer frühen Phase des Non-Profit-Optimismus, in der viele Netzkreative aus Idealismus oder im festen Glauben an das Dogma „kein Geld, aber Bekanntheit“ auf eigene Rechnung arbeiteten, scheinen derzeit viele auf den Trip zu kommen, dass ein bisschen Lohn für die eigene geistige Arbeit doch eigentlich auch eine feine Sache sei.

Doch ganz abgesehen davon, ob es infolge dessen angemessen ist, ein neues, netzadäquates Kooperationsmodell pauschal zu bashen (darauf werde ich später noch näher eingehen) macht der Lösungsvorschlag, den Lanier anbietet, doch einen recht verstaubten Eindruck. Er will ein universelles Micropayment-System installieren, über das Künstler entlohnt werden sollen. “We should effectively keep only one copy of each cultural expression—as with a book or song—and pay the author of that expression a small, affordable amount whenever it’s accessed.“ schreibt Lanier. Eingetrieben nicht von kommerziellen Anbietern wie iTunes natürlich, sondern von einer Art Verwertungsgesellschaft oder gar einer staatlichen Institution.

Eine derartige zentralistische Idee ist im Netz mit seinen Streubewegungen in Blogs, auf Webseiten etc. auf wenig Gegenliebe gestoßen. Slate-Autor Michael Agger schreibt noch relativ milde: not a bad concept, but a platonic idea that sounds great in theory. I don’t see the government opening an iTunes store anytime soon. Interessant daran: Eines von Laniers Anliegen ist, Geld den Künstlern zuzuführen statt es bei den großen Unternehmen liegenzulassen. Aber Geld an iTunes, Google und Co vorbeizuschleusen, indem man über eine staatliche oder semi-staatliche Behörde Kulturgüter monetarisiert, hat doch viel mehr von Enteignung, also Sozialismus als die Idee des kollaborativen Arbeitens an Ideen. Denn im Ernst: Natürlich kann man neidisch konstatieren, dass Apple im Musikbereich und Google im Nachrichtensektor mit einer frühen, guten Monetarisierungsidee geschafft haben, Geld zu scheffeln, das den Künstlern oft fehlt, und haben dabei sogar monopolartige Strukturen errichtet. Sie aber über zentralistische oder staatliche Behörden auszuhebeln, ist nicht gerade eine konsistente Idee von jemandem, der in anderer Hinsicht mit dem Kampfbegriff des Maoismus um sich wirft.

An alternativen Ideen für Web-Bezahlsysteme, die die Künstler stärker mit einbeziehen, denken derzeit viele herum – ohne bislang den goldenen Löffel gefunden zu haben, der Journalisten, Künstler, Musiker, Zeichner und alle anderen Netzkreativen in Zukunft füttern wird. Nicht überraschend, wie Clay Shirky in einem Aufsatz zur Erosion auf dem US-Printmarkt ausführte. Ähnlich wie nach der Erfindung von Gutenbergs Buchdruck revolutionieren auch digitale Vertriebswege das Pressewesen – und was an ihre Stelle tritt, sei aus heutiger Sicht noch vollkommen offen: When someone demands to know how we are going to replace newspapers, they are really demanding to be told that we are not living through a revolution. [...] They are demanding to be lied to. [...] “You’re gonna miss us when we’re gone!” has never been much of a business model. So who covers all that news if some significant fraction of the currently employed newspaper people lose their jobs? I don’t know. Nobody knows. We’re collectively living through 1500, when it’s easier to see what’s broken than what will replace it. [...] Any experiment, though, designed to provide new models for journalism is going to be an improvement over hiding from the real, especially in a year when, for many papers, the unthinkable future is already in the past. For the next few decades, journalism will be made up of overlapping special cases. Many of these models will rely on amateurs as researchers and writers.[...] Many of these models will fail. No one experiment is going to replace what we are now losing with the demise of news on paper, but over time, the collection of new experiments that do work might give us the journalism we need. Ein US-optimistischer Ansatz: Vieles ausprobieren, viel scheitern – um am Ende vielleicht eine Lösung zu finden. Das stiftungsgeförderte ProPublica, jüngst mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ist einer der Testballons, die Shirky hier meinen könnte, die crowdfunding-Seite spot.us oder die Huffington Post.

Auch auf dem Musikmarkt, um den es dem Unter-anderem-Musiker Lanier ja auch geht, ist es im Grunde ähnlich. Derzeit in einer Anarchiephase, wird sich nach dem Abhängen der großen Plattenmajors erst langsam herausstellen, wie das Ernähren einer breiten Musikermasse im digitalen Zeitalter funktionieren wird. Erfolgversprechend scheinen derzeit vor allem Systeme zu sein, die auf Spendenbasis funktionieren – etwa, indem Fans die Plattenproduktion einer Band via Crowdfunding vorfinanzieren, indem an Projekte und Musiker, die man gut findet, gespendet wird. Dass das funktionieren kann, zeigen die ewig zitierten Bands in diesem Zusammenhang: Nine Inch Nails, die Einstürzenden Neubauten, Radiohead oder auch – um mal ein unbekannteres Beispiel zu nehmen, die Kölner Schrammelindierocker von Angelika Express.

Nicht vernachlässigen sollte man aber zwei Aspekte: Lanier kritisiert, dass mittelgroße Bands sich heutzutage die Finger wund spielen müssen, um überhaupt überleben zu können. Das mag richtig sein. Diverse Studien belegen aber, dass “das Internet” daran nur bedingt Schuld trägt: Wer kostenlos Musik im Netz herunterlud, gab auch überdurchschnittlich viel Geld für Konzerte, Merchandising und ja, auch Kaufmusik aus. Außerdem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass mit dem Wegfall des Veröffentlichungs-Nadelöhrs Plattenindustrie die Zahl der Anbieter von Musik (im Sinne von Bands) deutlich in die Höhe geschossen ist – ohne dass die Bereitschaft der Hörer, immer mehr Geld für Musik auszugeben, im gleichen Maße gestiegen ist. Außerdem – um mal ein nicht mehr taufrisches Argument auszupacken – ist in allen künstlerischen Bereichen die Frage, wie lange und ausgiebig ein Künstler oder seine Erben das Recht haben soll, an seinem Werk zu verdienen. Natürlich wäre es ein Paradigmenwechsel, Autoren und Künstler wie einen Bäcker zu entlohnen – er verkauft sein Werk einmal, danach ist es frei zugänglich (zugegeben, der Vergleich hinkt, weil ein Brötchen sich nicht beliebig reproduzieren lässt). Dass das durchaus funktionieren kann, demonstrieren zahllose Free Culture-Anhänger wie der Berliner Designer Ronan Kadushin eindringlich, der die Baupläne seiner Möbel nach einmaligem Verkauf frei zur Verfügung stellt.

Klar ist: mit solchen Modellen wird man nicht reich werden. Natürlich lohnt es sich, über neue Methoden nachzudenken. Aber aus Ärger über finanzielle Unzulänglichkeiten pauschal alle kollektiven Netzprojekte als Mumpitz zu geisseln, so wie Lanier es tut, ist mit Sicherheit die am wenigsten konstruktive Variante, auf die aktuellen Netzbewegungen zu reagieren.

Geistreiche und auch prominente Entgegnungen auf Laniers Maoismus-Vorwurf finden sich im übrigen auf edge.org (bereits seit 2006). Geschrieben von etwas frischeren Netzavantgardisten als Lanier – Leuten wie Clay Shirky, Howard Rheingold, xxx und natürlich auch Jimmy Wales. So klug, dass ich sie nicht kopieren, sondern einfach nur darauf verlinken möchte. Manchmal loht es sich eben doch, eine Diskussion anzuzetteln und gemeinsam an einem Problem herumzudenken. Besonders, wenn nicht nur ein schlaues Individuum seinen Input gibt, sondern viele davon konstruktiv an etwas herumdenken. Oder warum eigentlich manchmal? Eigentlich so gut wie immer. Bildnachweis: Thomas Hawk

April 30 2010, 10:00am

Interview: Digitales Publizieren für Autoren

Ulrike Langer hat Leander Wattig zum Thema Digitales Publizieren für neue und alte Autoren befragt.

Leander Wattig über die Chancen des digitalen Publizierens from Ulrike Langer on Vimeo.

April 28 2010, 3:20pm

LOST – die Antworten

Jetzt ist es also amtlich. Die Antworten zu all den ungelösten LOST-Fragen sind aufgetaucht:

April 28 2010, 12:17pm

Klartext: Hyper Personal News Stream

Während der re:publica10 erklärte uns Jeff Jarvis Marissa Mayers (Google) Zukunftsvision der Informationsverbreitung und -organisation.

April 27 2010, 10:00am

Morgen wird ACTA veröffentlicht

Morgen, am 21. April wird der erste offizielle Entwurf des Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) veröffentlicht. Dieser internationale Vertrag soll dann die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen weltweit vereinheitlichen. Diese Entscheidung zur Veröffentlichung trafen die Unterhändler u.a. auf Druck vieler Netzaktivisten bei ihrer achten Verhandlungsrunde in Neuseeland. Dazu die EU: “Es wurde bei dieser Verhandlungsrunde Übereinstimmung darüber erzielt, dass die Verhandlungen jetzt einen Punkt erreicht haben, wo die Veröffentlichung des Entwurfstextes dazu beitragen wird, eine endgültige, gemeinsame Position zu erreichen. Aus diesem Grund und wegen des Impulses, der dem Treffen entspringt, sind die Teilnehmer einstimmig übereingekommen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um den im Ergebnis der Diskussionen konsolidierten Text der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, der den erreichten Fortschritt dokumentiert.”
Dann sollen die vielen Kritiker die Möglichkeit erhalten endlich direkt am autorisierten Text ihre teils heftige Kritik am überbordenden Regulierungswillen innerhalb von ACTA detailliert zu formulieren. Ob bis Jahresende, wenn der Vertrag schlußendlich unterzeichnet werden soll, noch genug Zeit für profunde Diskussionen ist, bleibt fraglich.

April 20 2010, 8:10am

Buchverlosung: Das Tomatensaft-Mysterium

“Wie wäre es, wenn wir alle gleichzeitig unsere angesparten Bonusmeilen spenden und zum Beispiel 700 Milliarden Dollar in Afrika investieren würden?” Wer Thomas Herrmanns’ Buch über die Irrungen und Wirrungen im alltäglichen Flugverkehr liest, wird nicht selten wissend schmunzeln, zuweilen laut auflachen oder – bei zarten Gemütern – auch mal eine Kloß im Hals schlucken müssen. Denn die Beobachtung der professionellen Flieger, der Passagiere und der Zustände drumherum ist nicht nur brüllend komisch – sondern sehr realistisch. Insofern könnte auch mal der eine oder andere Kundenbeauftragte reinschauen und sehen, was man noch verbessern könnte. Wir verlosen 15 Bücher an 15 Kommentatoren/innen bis Sonntag – per Zufallsgenerator, die eine funktionierende E-Mail angeben über die man ihre Adresse erfahren kann. Mit persönlicher Widmung von Thomas Herrmans!

April 14 2010, 9:30am

Flattr: “Geld verdienen ist kein Recht, sondern eine Möglichkeit”

Früher war Peter Sunde Sprecher der Bittorrent-Tracker-Seite thepiratebay.org. Nach dem spektakulär verlorenen Prozess gegen die Granden der US-Unterhaltungsindustrie zog Sunde sich von dem Projekt zurück und startete nun mit flattr.com einen Micropayment-Dienst für Kulturgüter im Netz. Was ist da los? Ein Gespräch.

Warum hast Du ein Dienst wie flattr.com gestartet?

Peter Sunde: Da gab es immer diese lange Diskussion: “Wie werden wir die Künstler für die Verluste kompensieren, die sie durch das Internet haben?” Nie wurde sich Gedanken darüber gemacht, was die veranschlagen Einbußen sind oder ob sie überhaupt eine Rolle spielen. Wir würden Öl-Konzerne doch auch nicht Abfindungen zahlen, wenn wir eine Methode entwickeln würden, dank der Autos mit Wasser fahren, oder? Ich wollte die gesamte Frage umdrehen: Wie können wir ein System schaffen, dass es den Leuten erlaubt, Geld im Internet zu teilen – auf eine Art und Weise, die dazu passt, wie wir uns im Internet verhalten. Und daraus wurde flattr.

Ein ehemaliger Pirat denkt sich ein System aus, wie online Geld mit Kulturgütern verdient werden kann – heisst dass, dass Du eine Notwendigkeit darin siehst, Geld für kulturelle Dienstleistungen online zu verlangen?

Nein. Geld ist keine Notwendigkeit. Geld ist kein Ziel. Geld ist ein Instrument. Geld ist eine Form der Wertschätzung. Aber die Verteilung des Geldes ist der interessante Teil – da hat es ein Oligopol für die Verteilung von Inhalten gegeben. The Pirate Bay hat das erschüttert. Und ich rüttle jetzt die Dinge an dem Punkt auf, an dem es um die Oligopole geht, darum, welche Parteien das Geld bekommen. Mit dem Internet haben wir viele Fortschritte gemacht, aber nicht, wenn es darum geht, Geld zu verteilen. und das wird gebraucht – um die wirtschaftlichen Muskeln von den Mega-Konzernen zu den Leuten zu verlagern, die Dinge gestalten.

Viele Pioniere scheinen das Konzept von freien Inhalten im Netz derzeit in Frage zu stellen. Würdest Du das als generellen Trend betrachten? Sind wir jetzt an einem Punkt, an dem wir über das Monetarisieren von Kulturgütern im digitalen Zeitalter nachdenken müssen?

Ich stelle das alles nicht in Frage. Manche Informationen müssen kostenlos und frei zugänglich sein. Inhalte zu monetarisieren ist heute nicht wichtiger geworden, aber wir könnten einen Punkt erreichen, ab dem es möglich wird. Das große Problem war immer, wie man das anstelen soll, das ist es, was wir überdenken müssen. Geld verdienen mit Dingen, die man tut, ist kein Recht, es ist eine Möglichkeit.

Viele Micropayment-Dienste scheitern doch nicht an der mangelnden Bereitschaft der Menschen, für Musik, Blogs etc. zu bezahlen, sondern weil man für diese Microbezahlsysteme eine Menge Informationen preisgeben muss, um am Ende 90 Cent zu spenden. Würdest Du das ähnlich sehen? Und wie will flattr dieses Problem angehen?

Die Idee von flattr ist, genau diese Grenze einzureißen. Es macht zu viel Ärger, einen kleinen Betrag zu teilen – von den Kosten ganz zu schweigen. Wenn Du 0,40 Euro über Paypal losschickt, bekommt der Empfänger gar nichts – aufgrund der anfallenden Kosten. Und zehn Euro für eine einzige Sache, die Du mochtest, zu geben, könnte ein bisschen viel sein. Flattr bewegt sich dazwischen – wir nehmen einfach die Idee des Preisschildes weg. Der Preis ist, was auch immer Du entscheidest, monatlich dafür auszugeben – geteilt durch die Dinge, die Du magst. So bekommen mehr Leute Geld, dass sie sonst niemals zu Gesicht bekommen hätten!

Viele Blogger stellen in Frage, ob flattr es schaffen wird, als Netzwerk groß genug zu werden, so dass Künstler in einem wirklich nennenswerten Umfang von den Kleinspenden profitieren. Fürchest Du das auch?

Es ist defintiv nötig, eine “kritische Masse” zu erreichen. Aber so groß ist die erforderliche Zahl gar nicht. Und wenn wir scheitern, dann haben wir es zumindest versucht. Aber wir glauben, dass die Zeit reif ist, um so etwas zu machen.

April 13 2010, 10:00am

Was ist eigentlich: Jugenmedienschutz-Staatsvertrag

Die Regelung mit dem sperrigen Namen “Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien” gibt es schon seit April 2003 – aktuell wird die jüngste Novellierung des Vertrags behandelt. Deren Zweck ist es, einen einheitlichen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor nicht altersgerechten Angeboten in Rundfunk und Telemedien zu gewähren. Es geht also um Inhalte, “die deren Entwicklung oder Erziehung beeinträchtigen oder gefährden, sowie der Schutz vor solchen Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die die Menschenwürde oder sonstige durch das Strafgesetzbuch geschützte Rechtsgüter verletzen”, wie es in §1 des Vertrags heißt. Ob der Vertrag eingehalten wird, überprüfen die Landesmedienanstalten gemeinsam mit der Kommission für Jugendmedienschutz (KMJ) – und darum werden die Neuerungen daran auch auf Länderebene verhandelt.

Was das bedeutet: Bei der Novellierung geht es vornehmlich darum, den Jugenschutz nicht nur im Rundfunk, sondern auch im Internet zu stärken. Laut dem Entwurf des JMStV sollen künftig Webseiten-Betreiber freiwillig kennzeichnen, ob ihre Inhalte für Kinder und Jugendliche ab 6, 12, 16 oder eben 18 Jahren geeignet sind. So ähnlich wie heute schon bei Filmen oder Computerspielen im Rahmen der Freiwiligen Selbstkontrolle (FSK). Außerdem verpflichten sich die Betreiber, auch nutzergenerierte Inhalte dahingehend zu filtern – was besonders Soziale Netzwerke vor eine größere Herausforderung stellen dürfte. Bei falschen Angaben drohen den Seitenbetreibern Geldstrafen. Wer eine Website betreibt, sich hierzu nicht äußert, dessen Seite kann blockiert werden – auch wenn die Eltern über Jugenschutzfilter Inhalte blockieren lassen, die für ihre Kinder nicht altersgemäß sind. (§ 5 Abs. 1 und Abs. 2 JMStV-E). Ob Eltern sich für oder gegen den Einsatz eines entsprechenden Jugendschutzprogramms entscheiden, sei ihnen selbst überlassen, so Martin Stadelmaier, der die Vertragsverhandlungen als Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei federführend leitet. Alternativ könnten Webseiten-Betreiber – etwa die Homepages von TV-Sendern – sich entscheiden, bestimmte Inhalte ähnlich wie im Fernsehen oder Radio erst ab einer bestimmten Uhrzeit zur Verfügung zu stellen – ARD-”Tatorte” nach 20 Uhr, explizitere Gewalt- oder Sexdarstellungen erst ab 23 Uhr. Außerdem steht in dem Gesetzesentwurf: Access-Provider sollen dazu herangezogen werden, “leicht auffindbar” Jugendschutzfilterprogramme anzubieten (§ 11 JMStV-E).

Was bisher geschah: Im Dezember 2009 wurde ein aktualisierter Entwurf des Vertrags vorgestellt. Am 25.Januar 2010 gab es eine öffentliche Anhörung dazu in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, im Vorfeld war aus Netzkreisen Kritik an dem Vorhaben laut geworden. Insbesondere seitens des AK Zensur. Daraufhin wurden einige Details verändert und am 12.März die Version vorgelegt, die am heutigen Donnerstag in den Länderparlamenten zur Abstimmung gestellt werden. Es wird allgemein erwartet, dass dort keine größeren Widerstände gegen das Gesetz laut werden und es verabschiedet wird. Dabei gibt es von recht unerwartbarer Seite durchaus aus Kritik gegen das Gesetz: Auf dem Politcamp 2010 in Berlin kritisierte der CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere NRW-Politiker Thomas Jarzombek das “Friss oder Stirb”-Verfahren, mit dem das Gesetz durchgepeitscht worden sei: Es sei hinter verschlossenen Türen von Rundfunkreferenten ausgehandelt worden, das Beteiligungsverfahren sei eine Farce gewesen, Jarzombek sprach von einem “Sieg der Bürokratie über die Parlamente“.

Knackpunkte des Gesetzes:

  • Netzzensur: Auch wenn der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag weniger Aufmerksamkeit bekommt als die Zugangserschwernisgesetze, die die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr anstrebte, ziehen einige Netzaktivisten einen direkten Vergleich zwischen beiden Gesetzesvorhaben – und erfinden für die Novellierung des JMStV den Spitznamen “Kindernet”. Alvar Freude vom AK Zensur gehört zu den schärfsten Kritikern des Vorhabens. Er sieht darin einen neuen Versuch zur Netzzensur und fordert: Der Entwurf muss vom Tisch. Freude befürchtet: Sollte die Selbsteinstufung der Webseiten aus Sicht der Jugendschützer nicht den gewünschten Erfolg bringen, werde “die nächste Eskalationsstufe” greifen – also restriktivere Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.

    Auch Constanze Kurz vom Chaos Computer Club kritisiert: “Filtersoftware ist aus technischer Sicht ohnehin kein adäquates Mittel”. So schrieb sie in ihrer FAZ-Kolumne: Wir müssen uns angesichts des kontrollwütigen Grundtenors des Vertragswerks aber auch als Gesellschaft Fragen stellen: Können und sollen Anbieter von Internet-Dienstleistungen elterliche Pflichten übernehmen? Ist es nicht ein Armutszeugnis, Aufsichts- und Erziehungspflichten im digitalen Raum an den Staat delegieren zu wollen? (…) Das Netz ist eben kein Babysitter. Wie viele andere fordert auch Kurz, mehr Wert und Engagement auf die Förderung von Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu legen. Die Politiker, die an dem Vertragsentwurf mitgearbeitet haben, fühlen sich von dererlei Zensur-Interpretation missverstanden.

  • Anbieter-Begriff: Auch wenn in diesem Punkt bereits nachgebessert wurde, kritisieren Netzaktivisten, dass der Begriff des Anbieters von Inhalten in dem Vertrag zu “schwammig” sei. Ursprünglich war die Kommission für Medienjugendschutz (KMJ) für eine Ausweitung des Anbieterbegriffes eingetreten. So hieß schrieb sie in einer Stellungnahme vom Januar 2010: “Die KMJ vertritt die Auffassung, dass administrative Ansprechpartner, Suchmaschinenbetreiber, Internetplattformenbetreiber (bspw. von Social Communities), Linksetzer oder Anbieter von fremden Inhalten (…) den Jugendschutz bei den von ihnen verantworteten Angeboten durchsetzen müssen.”

Ein erster Entwurf ließ Interpretationsspielraum auch tatsächlich offen, ob auch Internet-Zugangsanbieter, also Access-Provider, ISPs und Hosting-Provider, also die Anbieter von Webspace, für die Inhalte ihrer Kunden verantwortlich gemacht werden können. In einer Neufassung vom Februar heisst es nun in § 3: Anbieter seien “Rundfunkveranstalter und Anbieter von Telemedien”. Im Klartext: Internetprovider haften im Jugendschutz nicht als Anbieter. (Auch wenn sie weiterhin nach § 59 Rundfunkstaatsvertrag zur Sperrung von Angeboten im Inland gezwungen werden können, sofern sich andere Maßnahmen gegen die Anbieter als wirkungslos erwiesen haben – eine Maßnahme, die laut Carta-Autor Robin Meyer-Lucht jedoch so gut wie nie angewendet werde).

Dies dürfte wohl einer der Gründe sein, warum der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), der die “Anbieter”-Regelung, die noch im Januar im Gesetzesentwurf stand, kritisiert hatte, die Novelle in ihrer jetzigen Form einen “Schritt in die richtige Richtung” unterstützt. 1&1-Justiziarin Saskia Franz lobt: Das Zurückrudern der Bundesländer beim Anbieterbegriff “dürfte der vielfältigen und anhaltenden Kritik zu verdanken sein.”

Für Kritik sorgt weiterhin die Verpflichtung der ISPs, Jugendschutzprogramme, oder konkreter: Zugangssysteme “leicht auffindbar” anzubieten. Damit werde die Neutralität der ISP weiter ausgehöhlt, die Internetprovider würden zu “Hilfssheriffs” gemacht, argumentieren die einen. Andere kritisieren daran, dass das Gesetz zwar entsprechende Jugendschutzprogramme fordere, bislang aber kein einziges davon von der zuständigen KMJ anerkannt worden ist.

– Blogger und Soziale Netzwerke: Die Anbieter-Frage beinhaltet jedoch noch ein weiteres Problem: Nicht nur Betreiber professioneller Homepages, auch Blogger sollen für die Inhalte auf ihrer Homepage verantwortlich gemacht werden können – und zwar auch für die Inhalte der Kommentare auf ihrer Seite. Diese sollen “zeitnah” entfernt werden, wenn sie den genannten Standards nicht entsprechen – was nichtkommerziellen Betreibern sowohl zeitlich wie in der inhaltlichen Bewertung (was ab 12, was ab 16 Jahren) schwer fallen dürfte. Auch auf Social Networks könnten schwere Zeiten zukommen: Heise berichtete im Februar, dass es nach wie vor eine Auflagen für Soziale Netzwerke gebe, nachzuweisen, dass “die Einbeziehung oder der Verbleib von Inhalten im Gesamtangebot verhindert wird, die geeignet sind, die Entwicklung von jüngeren Personen zu beeinträchtigen”.

– das White-List-Prinzip: Statt schwarze Schafe unter den Anbietern herauszufiltern, werden Positivlisten, “White Lists”, davon erstellt, welche Inhalte für Jugendliche bestimmter Altersstufen geeignet sind. Das heisst: Websites, die sich selbst nicht mit einer Alterskennzeichnung versehen, wären auf Rechnern mit Filterprogrammen nicht mehr sichtbar – und zwar egal ob sie jugendgefährdende Angebote beinhalten oder nicht. Das dürfte für viele ausländische Seiten gelten, die von der deutschen Regelung keine Notiz nehmen, aber auch für zahlreiche inländische – da es wie bereits erwähnt für nichtkommerzielle Webseiten und Blogs mit jeder Menge Aufwand verbunden ist, zu prüfen, für welche Altersgruppe ihre Inhalte geeignet sind. Insgesamt ergibt sich daraus eine Situation, die Internet-Law-Blogger Thomas Stadler zu der Analyse hinreißt, dass der Entwurf des Staatsvertrags als Beschneidung des Rechts auf Informationsfreiheit (Art. 5 Grundgesetz) für Kinder und Jugendliche interpretiert werden könnte.

  • Sendezeiten-Beschränkung: In der Bewertung der Internet-”Sendezeiten” für bestimmte, potentiell jugendgefährdende Inhalte besteht in Netzkreisen weitgehende Einigkeit: CCC-Frau Constanze Kurz schimpft über diese “Röhrenradio-Weltsicht”: “Es wird versucht, das Internet so zu behandeln wie Radio oder Fernsehen.” Generell wird seitens der Netzgemeinde kritisiert, dass der JMStV versuche, Jugendschutzmaßstäbe aus den alten Medien auf das Netz zu übertragen – was nach Ansicht der Community an vielen Punkten schlicht nicht funktioniere. Sie fordern statt dessen einen neuen Anlauf für die Novellierung des Gesetzes – mit Einbindung von Netzexperten von Anfang an.

- Generelle Wirksamkeit: Der Jurist Thomas Stadler wundert sich in seinem Blog seit Monaten über den Wirbel um das Gesetz: Die Aufregung ist schon insofern etwas überraschend, als der Großteil dessen, was jetzt kritisiert wird, bereits seit Jahren im Gesetz steht. (…) Allein der Umstand, dass die bisherigen Fassungen des Staatsvertrags vielfach gar nicht wahrgenommen worden sind, belegt, dass die Auswirkungen auf das Netz bislang eher marginal waren. Was natürlich nicht zwingend heißt, dass es auch so bleibt.

Carta-Autor Robin Meyer-Lucht sieht das im Grunde ähnlich, warnt aber trotzdem vor dem Vorhaben: “Dieser JMStV-Entwurf ist ein disfunktionales, schlecht gearbeitetes Gesetz, das kaum etwas für den konkreten Online-Jugendschutz nutzt, aber dafür sonst viele Kollateralschäden bringt.”

Denn eines darf man schließlich auch nicht vergessen: Digital Natives unter 18 sind häufig technisch wesentlich fitter als ihre Eltern – und sind gegebenenfalls versiert genug, um die Netzfilter, die ihre Eltern ihnen voll guter Absicht verpasst haben, zu überlisten. Das bestätigten jüngst wieder Mitglieder der “Jungen Piraten” bestätigten auf der Politcamp 2010-Tagung.

Disclaimer: Die gesamte Debatte um den JMStV ist äußerst vertrackt – selbst Politiker und Netzexperten geben freimütig zu, beim Durchkämmen der Versionen ihre Schwierigkeiten gehabt zu haben. Und auch die Diskussion im Netz darüber ist vielschichtig, besonders aufgrund der vielen Entwurfsversionen des JMStV, die in den letzten Monaten kursierten und kommentiert wurden. Sollte dieser Artikel also in einigen Punkten nicht hundertprozentig auf dem aktuellen Stand der Diskussion sein, freuen wir uns über Anmerkungen und Ergänzungen.

March 25 2010, 11:00am

Niiu – individuelle Zeitung auf Wunsch?

Digitale und gedruckte Information – inhaltlich ein zwingender Widerspruch des Mediums? Ich würde gerne mal wieder morgens nicht am Computer, sondern bei einem Kaffee mit einer Zeitung sitzen. Allerdings finde ich in der momentanen Zeitungslandschaft kein Produkt, das meinen Ansprüchen und Gewohnheiten entgegenkommen könnte. Meine Informationsstrategie hat sich in den letzten Jahren durch die Entwicklungen im Internet entscheidend geändert.

Eines Abends beim Diskutieren vor dem newthinking store streifte mein unruhiges Auge ein Plakat: Niiu – stell Dir Deine individuelle Zeitung zusammen (oder so ähnlich). Das war nach 5 Minuten wieder vergessen. Was ich nicht in meiner Twitter-Timeline anklicken kann, nehme ich nicht nachhaltig war. Dort tauchte vor einigen Monaten die Twittertimes auf: eine individuelle Echtzeit-Zeitung, die auf meinem Twitter-Netzwerk basiert. Auf der Titelseite erscheinen die Inhalte von Links, die in meinem Netzwerk prominent zirkulieren. Was ich für einen echten Mehrwert halte, erspart die Twittertimes einerseits mir, meine Timeline selbst zu durchforsten und andererseits meinem Netzwerk, daß ich einen ohnehin schon weit verbreiteten Link redundant einspeise. Allerdings wird die Twittertimes nicht gedruckt ausgeliefert, allenfalls könnte ich mir das PDF ausdrucken.

Aufgrund einer kontroversen Diskussion mit einem Verleger auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen landete der Link zu einem Artikel über Niiu in meiner Inbox. Könnte das meine Twittertimes in gedruckter Form sein? Einen Versuch wäre es wohl wert, also habe ich eine Verabredung: 6 Tage kostenlos testen. Account anlegen und los geht’s durch 7 Einrichtungsschritte. Um den Einstieg zu erleichtern gibt es 8 vordefinierte Ausgaben-Schwerpunkte, ich wähle Lokales (Berlin) für den Anfang und 2 Ausgaben International am Schluß.

In den nächsten 2 Schritten erfolgt die Zusammenstellung der Inhalte: erst mit Zeitungen, dann mit Online-Inhalten. Die Bild fliegt gleich mal raus, für lokale Inhalte reicht mir ein wenig Berliner Zeitung. Aus den Zeitungen lassen sich Titelseite, Feuilleton oder Seite 2 & 3 etc. wählen. Die Online-Inhalte sind ebenfalls in Ressorts gegliedert, die Blogpiloten fliegen gleich mal raus aus meiner Niiu. Über die Reihenfolge lässt sich eine Gewichtung der eigenen Vorlieben herstellen, schließlich ist nie gesichert, daß auch wirklich in allen Bereichen von allen zur Verfügung stehenden Anbietern Inhalte geliefert werden. 5. Schritt zur eigenen Zeitung: Layout auswählen. Die Niiu kommt in Blau oder Rot, der Titel kann frei eingegeben werden, genauso wie ein Motto und eine Grußbotschaft. Als ergänzende Gadgets können Aktien, Wetter oder ein Sudoku auf erster oder letzter Seite platziert werden. Zusätzlich darf ein eigenes Bild hochgeladen werden. Bestellung aufgeben, noch ein paar Daten wie die Adresse eingeben, fertig.

Das hört sich alles recht einfach und schlüssig an, schauen wir mal, wie sich eine solche Zeitung liest und was so an Technik dahintersteckt. Das fängt an bei der Druck-Technik, benötigt werden Maschinen, die sich schnell und kostengünstig auf unterschiedliche kleine Auflagen einrichten lassen. Die Entwicklung solcher Drucker ist noch recht neu. Und die Inhalte: einerseits muss der rechtliche Rahmen und die Vergütung für die Nutzung geregelt werden, andererseits müssen die Inhalte in einem Format vorliegen, das die Zusammenstellung in einer neuen Zeitung ermöglicht. Bei der Vorstellung, mit wievielen unterschiedlichen Redaktions- und Veröffentlichungssystemen Zeitungen und Blogs arbeiten, lässt sich erahnen, daß die Vereinheitlichung unterschiedlicher Formate zur Weiterverwendung keine triviale Frage ist.

Und wie fügen sich die Inhalte nun in der Niiu zusammen? Antwort: Gar nicht! Von meinen 6 Test-Ausgaben landen nur die letzten 3 bei mir, auf die deutsche Post ist ja schon länger kein Verlaß mehr. Daher wird für alle regulären Abos ein Extra-Lieferservice mitgeliefert, über den sichergestellt wird, daß die Niiu pünktlich bis 8 im Briefkasten steckt. Auf der Titelseite meiner Ausgabe vom 9.3.2010 lächelt mir Christoph Waltz mit Oscar entgegen. Der Rest der Seite ist gefüllt mit Blog-Einträgen, z. B. über polyextremophile Tardigrades, die in extremen Umgebungen überleben können. Der Artikel endet mit 3 kryptischen Sätzen – achso, da wären jetzt Bilder online! Ähnlich ergebnislos ist der Versuch, die nicht vorhandenen Links zu klicken. Für die klassischen Print-Inhalte ergibt sich jedoch auch kein besseres Bild: Artikel enden mit dem Verweis auf Seite Sowieso, natürlich ausgerechnet da, wo’s grad spannend wird!

Jede Seite hat ein anderes Erscheinungsbild, andere Typographie und in meine internationale Ausgabe haben sich tatsächlich 2 Seiten in Kyrillisch eingeschlichen … ich ertappe mich dabei, zur Orientierung erstmal die ursprüngliche Zeitung zu erfassen, dann die Seitenstruktur zu erkennen und dann erst entscheiden zu können, was ich nun lesen möchte. Irgendwo in meinem Hinterkopf blinkt das Wort “Leistungsschutzrecht” auf. Ist es das, was Verlage geschützt haben wollen? Wie wollen sie damit als Distributoren wettbewerbsfähig werden in einem zukünftigen Zeitungsmarkt, für den die Niiu eine erste Manifestation sein könnte? Besser sieht es da für die Online-Inhalte aus, die sauber gesetzt im Niiu-Layout erscheinen. Wobei sich hier gleichberechtigerweise die Frage stellt, warum das Online-Layout nicht übernommen wird.

Verhandlungspartner für die Übernahme der Inhalte sind Verlage und Online-Content-Anbieter wie z. B. Qype oder Wikipedia. Da im Voraus nicht klar ist, welche Autoren erscheinen werden, ist es schwierig, direkt mit den Inhaltserstellern oder Autoren zu verhandeln. Ausserdem befindet sich Niiu noch in einem 6-monatigen Test-Stadium, um die Entwicklung im Allgemeinen und die Frequenz von abgefragten Inhalten im Besonderen zu beobachten.

Mein Fazit: Reizen würde es mich, noch mehr mit den Online-Inhalten zu spielen, gerne hätte ich hier ein größeres Spektrum an Blogs. Für meinen Gebrauch könnte ich mir vorstellen, daß Niiu hier einen Teil Feedreader-Funktionalität ersetzen könnte. Zumal, wenn in Zukunft wie z. B. bei der eingangs erwähnten Twittertimes Nachrichten aus der Peergroup bzw. dem Social Graph automatisch beigemischt würden. Die Gestaltung des Niiu-Online-Interfaces und den Ablauf des Zusammenstellens der Inhalte finde ich irgendwie holprig. Die Ausgabe, die morgens um 8 im Briefkasten sein soll, muss bis 14 Uhr des Vortages fertig konfiguriert sein. Eine für mobile Endgeräte optimierte Version, iPhone- oder Android-Application gibt es nicht. Sinnvoll wäre das schon, z. B. um im allgemeinen Alltagsstreß bei einer Verschnaufpause in der U-Bahn rechtzeitig Änderungen vorzunehmen. Eine Ausgabe für ePaper oder Kindle ist auch nicht geplant, konsequent, denn es geht in erster Linie um das Print-MashUp. Allerdings, so verrät Wanja Oberhof im Gespräch, könnte durchaus eine Application für das iPad mit dessen Markteintritt kommen.

March 25 2010, 10:00am

The Future of Publishing: Eine Frage der Lesart

Genial gemachtes Video zur Zukunft des Publishing. Ich verrate nicht, was die Pointe ist. Einfach bis zum Ende anschauen….

March 22 2010, 4:57pm

Social Media Broadcast

Eigentlich widerspricht das Broadcastmodell der Idee von Social Media, dass man einfach eine Nachricht in 1000 Kanäle bläst. Eigentlich widerspricht der Ansatz von social media überhaupt dem aktiven Verteilen einzelner Botschaften an viele, denn die Nutzer sollen selbst dafür sorgen, dass sie das Verteilen übernehmen. Das tun sie natürlich nur, wenn sie den Inhalt verteilenswert finden. Aber die Marketeers wären nicht auf der Welt, wenn es nicht für alles ein Werkzeug gäbe, und so haben sie die Social Media Management Systems ins Leben gerufen. Jeremy Owyang (Altimeter Group) stellte sie am Freitag auf seiner Seite vor; einige Bekannte sind da vertreten aber auch neue Player.

Hier seine kleine Liste: Liste der Social Media Management Systems (SMMS)

Social Marketing Hub (Awareness Networks) bereits großer Player im Geschäft, der eigene Tools für  Facebook, youtube, flickr und Twitter anbietet CoTweet (Exact Target) ist das Tool, was fast alle PR-Agenturen nutzen, die für mehrere Kunden twittern bzw. alle tweets in deren Namen auswerten Distributed Engagement Channel (DEC ) Content publizieren, tracken und beobachten und Performanceberichte KeenKong Natural Language Processing für twitter und facebook – cool aber nur für englischsprachige Länder sinnvoll. MediaFunnel Facebook und Twitter werden über verschiedene Rollen und Workflows bedient und überwacht. Objective Marketer Diese hier sind mit Social Media Kampagnen und deren Überwachung dick im Geschäft. Was Kamagnen im Social Media bEreich sollen ist mir schleierhaft… SocialTalk Twitter, Facebook, WordPress und MoveableType werden hier bespielt und überwacht – wieder mit Workflow und diversen Planungs/Kontroll-Tools SpredFast Noch einer mit  Collaborative Campaign Management und Planungs/Kontroll-Tools für den social stream Sprinklr Owyang hebt hervor, dass deren Website empfiehlt, die Tools zunächst zum Zuhören (Beobachten) einzusetzen und dann erst zum Verteilen. Klingt irgendwie…na…1000-Mal-gehört, ja das war’s Vitrue: Diese hier können auch mit Facebook und Twitter und haben Planungstools UND können sogar mehrere Seiten bei Facebook bespielen, indem sie sie verbinden…

Ich werde das Ganze weiter beobachten. Es scheint schon jetzt der eigentliche Gedanke des uralten cluetrain in Klump gehauen zu sein. Ein Glück, dass es noch Gonzo Marketing gibt, aber wer hat das schon gelesen. Also wird nun die Social Media Trommel malträtiert bis das Fell reißt oder die Stöcker zerbrechen. Ich gestehe, dass ich es kaum erwarten kann, bis die Karawane weiter gezogen ist…

March 22 2010, 10:30am

SXSW10: Is WordPress Killing Web Design?

Ein paar Gedanken zu CMS und Webdesign und deren Kontext und Hindernisse. “The web is not paper behind glass.”

March 19 2010, 1:30pm

SXSW10: Danah Boyd on privacy & publicity

8 minutes with a gifted mind. Boyd works at Microsoft Research New England and also serves as a Fellow at the Harvard University Berkman Center for Internet and Society. Boyd recently completed her PhD in the School of Information at the University of California-Berkeley.

March 19 2010, 1:15pm

Eine Religion der Ungläubigen

In einem lesenswerten Beitrag zur Reihe der Süddeutschen Zeitung Wozu noch Journalismus hat Jakob Augstein von der freitag Stellung genommen. Er hat eine Abhandlung über Gay Talese geschrieben, den amerikanischen Journalisten, der durch solche Sätze polarisiert:

“Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen.”

Klingt super. Auch der Text von Augstein liest sich gut. Allein, mir kommen Zweifel. Es tönt wirklich alles wie die Wiedergänger der Religion der Aufklärung. Ganz vorn klingt mir das gebetsmühlenartig wiederholte Mantra des Qualitätsjournalismus in den Ohren. Dann kommen immer wieder die lustigen Schirrmacherschen Sätze von Aufmerksamkeitsdefizit oder Clay Shirkys Filterdysfunktion wie alte streitende Senioren auf der Parkbank in den Sinn. Und so verwundert es auch nicht, wenn Augstein die Gegnerschaft der Journalisten und der Politiker zu einem ethos oder gar agens der journalistischen Tätigkeit emporhebt. Bei genau Betrachtung wäre dies eine kaum erwähnenswerte Selbstverständlichkeit, lebten wir in einer funktionierenden Demokratie, die noch über alle fünf Sinne verfügt.

Die Ebene der Politiker ist als eine vermittelnde anzusehen. Einflußreiche Gruppen, die durch wirtschaftliche Macht Druck ausüben können, “beraten” die Politiker, die die Aufgabe haben, in Talkshows, bei Parteitagen und in diversen Gremien dieses Wünsche umzusetzen. Da es ein Mehrheitsprinzip gibt, müssen zu diesem Zweck Nebenkriegsschauplätze eröffnet werden, um die Diskurskultur in unwesentliche Scheindebatten zu entladen. Die Volksseele bekommt dann immer wieder dieselben Gründe für die immer schlechter werdende Situation vorgesetzt (Schuldenabbau, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Rentenkosten). Am Schluß kommt man der Volksseele 2cm entgegen in marginalen Posten und besetzt an wesentlichen Stellen das Territorium quadratkilometerweise – wir kennen das schon vom lupenreinen Bundeskanzler Schröder mit dem Derivathandel und den steuerfreien Firmenverkäufen. Auch die FDP wird das Überleben der privaten Krankenversicherungen noch in dieser Legislaturperiode sichern, genau wie die 200 Milliarden für die Lieblingspuppenspieler der ältlichen Puppe aus dem evangelischen Pfarrhaus.

Wenn ein Journalist sich nun als Gegner der Politiker versteht, dann bedient er genau das Muster des Debattenverneblers. Er schreibt dann jahrzehntelang über die oben benannten Themen und die Auf- und Abschwünge ziehen vorbei. Seltsamerweise steigen während dieser Zeit die Einkommen der einflußreichen Gruppen um einige Größenordnungen in Relation zu denen die lauthals krakeelen und Wandel herbeidiskutieren wollen.

Deutlich schlimmer ist jedoch, dass das eigentliche Pflegekind der Politiker das Gemeinwohl ist, dass in unserem Land in vielen oft kommunalen Institutionen organisiert ist. Und so verwundert es nicht, dass die Einen immer mehr Chalets im Tessin besitzen, während die Schule zerbröseln, die Bundeswehr mit 30 Jahre altem Equipment in den kriegsähnlichen Zustand zieht und die Universitäten einer Legebatterie immer ähnlicher werden.

Es sind die Verhältnisse, die die Gegner des Journalisten sein müssen und nicht die Puppen, die uns die einflußreichen Gruppen zum Draufschlagen hinhalten. Denn wenn Journalisten sich von den Vordergrunddebatten über die verdeckten Hintergrundhandlungen täuschen lassen, ist etws faul im Staate Dänemark.

Bildnachweis: Bühnen-Halle

March 18 2010, 9:46am

Management-Berater: Das große Gefasel

Kaum hat jemand erfolgreich das Thema Banken und Finanzkrise aus der Öffentlichkeit entfernt, springen auch schon die ersten virtuosen Faselmeister in die offen stehende Bresche. Es dauert für den Steuerzahler mindestens 20 Jahre, um die Schäden der Bankenkrise abzuzahlen. Schon heute verdienen die meisten Banken wieder fast soviel wie vor der Krise. Und sie haben jetzt ein bombensicheres Risikomanagement. Den Staat. Und nun treten die großen Namen auf den Plan und beginnen das große Einpeitschen wie seinerzeit als das libertäre Mantra des staatlichen Rückzugs auf allen Kanälen erklang. Der Erste, der sich aus den Büschen traut, ist der allseits beliebte Fredmund Malik, Gründer und Leiter des Malik Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen. Auf die Frage im Interview auf buchreport.de, ob die aktuellen Bedingungen den Rahmen für Managemententscheidungen ändern, antwortet er mit einem dreifachen “Komplexität”. Ein Mega-Trend ist die Komplexifizierung der Welt, d.h. das Entstehen der neuen Welt hochdynamischer Systeme und der Komplexitätsgesellschaft. Das bedeutet das Ende von Gewissheit, Vorhersehbarkeit und herkömmlichen Mitteln der Unternehmenslenkung. Aha. Was genau war wann eine Gewissheit? Gab es jemals irgendjemanden, der im ökonomischen Umfeld Gewissheiten erkannt hatte? Würde das den Primat der Wahrscheinlichkeitstheorie erklären? Würde das die Binse erklären, die da sagt, der Aktienmarkt besteht zu 50% aus Psychologie? Wenn Märkte jemals vorhersehbar gewesen wären, wären wir alle Risikokapitalgeber gewesen, weil es nie ein Risiko gegeben hätte. Herkömmliche Mittel der Unternehmenslenkung werden immer dann abgeschafft, wenn neue Vorstände berufen werden. Die Unternehmenskultur einer Firma ändert sich ständig aber immer nur im Zeitlupentempo. Firmen lassen sich ähnlich lenken wie große Containerschiffe, jede Lenkbewegung wird erst mit enormer Verzögerung eine Wirkung zeigen – außer Entlassungen. Mit Verlaub, diese Erklärung ist weitgehend inhaltsleer. Deshalb wird er offenbar nochmal formuliert: Ein weiterer Mega-Trend ist die Entstehung gänzlich neuer komplexitätsgerechter Lenkungs-, Leitung- und Führungssysteme für Organisationen.
Wirklich spannend, wird es dann in einem kleinen Zusatz, der eine postdemokratische und posthabermasche Grundhaltung verrät:

Der kleinste gemeinsame Nenner und diesem entsprechende Kompromisse genügen heute nur noch selten für die Lösung politischer Probleme. Kaum fragt man jemanden nach Managemenentscheidungen, schon landet er bei der Politik. Man versteht langsam, warum die teuren PR-Agenturen, die man uns als politische Parteien verkauft, längst auf internationale Anwaltskanzleien zurückgreifen muss. Denn Managemententscheidungen sind offenbar neuen Gesetze. Man nennt das auch “profit by regulation”. Die Verlage führen das gerade mit dem Leistungsschutzrecht an allen deutschen Bühnen auf. Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine Periode des vielleicht tiefgreifendsten Wandels, den es je gab. Die aktuelle Krise, in ihrer Natur weitgehend missverstanden, sind die Geburtswehen der neuen Welt. Und was glaubt der geneigte Leser, was movens und agens dieser neuen Welt sind? Der wichtigste Treiber des Wandels ist die immense Komplexität der vernetzten Systeme, die rund um die Welt ihre Dynamik entfalten. Wenn jemand mehrfach auf multikausale Zusammenhänge eines ganzen Konglomerats an Teilproblemen angesprochen wird und permanent mit einem einzelnen Begriff antwortet, der auch noch derart schwammig ist, wie der der Komplexität, dann wird es Zeit, genauer hinzusehen. Der Begriff erklärt sich aus einem Modell der gesamten Welt, das man aus der Biologie entlehnt hatte. Dort führte man das große Gesamte unserer bekannten Welt, also Natur und Kultur auf Elemente und Strukturen zurück, die durch ein Etwas organisiert werden. Man erkennt daran, dass die Erklärungspotenz dieses Modells vor allem daran scheitert, dass schnell sehr viele Elemente und Strukturen zusammengefasst werden. Kategorienfehler bleiben nicht aus und was noch bedeutsamer ist, die Organisation als wichtigstes, weil ordnendes Moment, kann ab einer bestimmten Menge an Elementen und Strukturen gar nicht mehr erkannt, ermessen oder in Relation gesetzt werden. Genau dann spricht man von Komplexität. Man könnte also sagen, dass die Theorie der Systeme die Grenze ihres Erklärungshorizonts im diffusen Begriff der Komplexität zur Stärke umdefinieren. Daher erklärt sich auch, dass Komplexität je nach Wissenschaftsgebiet oder Forscher völlig unterschiedlich definiert und begriffen wird. Es scheint sich dabei eher um eine Art Glaubenscredo zu handeln. In der Wirtschaftstheorie ist Komplexitätsmanagement der Einbruch der Historie, also der Zeiteiste in das Lenkunsggeschehen, denn man erkennt darin ein Modell der Dynamik, das in der Philosophie schon lange Kontingenz heißt. Und dieses ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass man kausale Zusammenhänge eher als zufällig denn als erklärbar darstellt. Schlichte Menschen, die nicht 5000€-Tagessatz verdienen nennen dies Ungewissheit.

Auf dieser Basis der Ungewissheit rät Malik der Medienbranche zu Folgendem: Die Herausforderung auf einen Satz gebracht und keineswegs nur für die Medienbranche: Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes. Für herkömmliches Denken ist das zwar unvorstellbar, aber es entspricht im Kern den Leistungsfortschritten in vielen anderen Bereichen, z. B. in Technik und Medizin. Wer etwa in Kategorien des früheren Telefons denkt, wird die Welt des Handys nicht für möglich halten. Das Unmögliche von heute ist häufig der selbstverständliche Standard von morgen.

Ich denke, dass das geistige Niveau meiner Leser an dieser Stelle um einige Größeneinheiten unterschritten wird. Ich freue mich, dass Herr Malik ab jetzt die doppelte Zeit für die Hälfte des früheren Honorars arbeitet (also zwei Tage arbeiten für einen halben Tagessatz). Aber ich befürchte, dass eine Übertragung dieser genialen Idee an der Wirklichkeit scheitert. Wenn das ein berühmter Managementpapst öffentlich verbreiten läßt, dann ist klar, warum es aktuell so ist, wie es ist.

Bildnachweis: flickr

March 16 2010, 10:00am

Karrierebibel.de mit viraler Video-Werbung

Jochen Mai von der Karrierebibel macht aufwendige Werbung für sein neues Buch:

March 8 2010, 3:22pm

PaperC: Fachbuch-Mashup zum Drucken

Mass Customization ist das Individualisieren von Turnschuhen oder T-Shirts mit eigenen Sprüchen oder Logos. Nett, und für spreadshirt und deren Vorbilder und Nachahmer ein ganz gutes Geschäft – vor allem für das Merchandising. Eine Stufe weiter geht das Remixen vorhandener Komponenten zu neuen Produkten. Schon mal was von User Selected Content gehört? Die Jungs von paperC haben das verfeinert und mithilfe einer großen Digitaldruckmaschine können Rechercheure nun aus Teilen verschiedenster Bücher inklusive eigener Kommentare eigene Bücher drucken lassen. Man macht also ein mashup seiner Recherchearbeit und nimmt die wochenlangen Sitzungen aus einer Unibibliothek, die paperC schon an den heimischen Rechner verlegt hatte, einfach als physikalische Dokumentation in gebundener Form mit. Aus der Pressemitteilung: “Das mit der Unterstützung von HP-Indigo realisierte Print-On-Demand-Portal ist ein spannendes Beispiel für den „User Selected Content“, bei dem die Leser selbst entscheiden, was für sie relevant ist. Das Interessante an der Kooperation von PaperC und HP ist, dass sich Nutzer verlags- und publikationsübergreifend eigene Fachbücher zusammenstellen und gleich in gebundener Form drucken lassen können.” Was die Verlage dazu sagen? Offenbar haben die paperC-Leute gut verhandelt, als sie ihre Universal-Bbliothek aufgebaut haben.

March 8 2010, 11:44am

Studie zur Nutzung partizipativer Medienangebote

March 2 2010, 11:37am

David Gelernter: Das Web als Strom

Da schau her, eben noch als Counterpart zu Schirrmachers Thesen auf der DLD im Panel “informavore”, heute schon assimiliert in der FAZ bzw. der FAS, der Boulevardausgabe der Frankfurter. Die Verdauung der Ansichten scheint eher einem Schlingen denn genüßlichem Kauen zu ähneln. Worum geht es? In seinem Buch versuchte Schirrmacher das Verhältnis des Menschen zu den digitalisierbaren Informationen, die aus ihm entweichen und in ihn eindringen, zu dokumentieren. Er fokussiert dabei auf die Organisation dieser Informationen, die sich seit Jahr und Tag die Informatiker quasi per Berufsbezeichnung auf die Fahnen geschreiben haben. Schirrmacher folgt ihnen darin und erweitert dieses Feld auf das Internet als Marktplatz und Informationsmaschinengewehr. Im Grunde fordert er einen Waffenschein für diese automatischen Buchstabenwaffen und stößt dabei oft auf Zustimmung manchmal aber auch auf Ablehnung.

Nun, Schutz der Privatsphäre ist für das Informations- und Wissenszeitalter, was Umweltschutz für das Industriezeitalter war. Es stört die Firmen beim Ausbeuten der (fast) kostenfreien Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Es müsste sowohl Gelernter als auch Schirrmacher klar sein, dass allein die Wissenschaft täglich ganze Fantastillionen Informationseinheiten mehr produziert, als gespeichert werden – die Naturwissenschaften mit ihren massiven Messapparaten sind an dieser Flut von Daten, die täglich ins Nirwana gekippt werden, nicht ganz unschuldig. Wer entscheidet also, welche Daten es wert sind aufgehoben zu werden? Wenn dies das Informationszeitalter ist, worüber sind wir dann so gut informiert? Was wissen unsere Kinder, das unsere Eltern nicht wussten? Natürlich wissen sie mit ihren Computern umzugehen, aber das ist eine leichte Übung etwa im Vergleich damit, Auto zu fahren. David Gelernter Diese Frage beinhaltet denselben Kategorienfehler, dem auch schon Schirrmacher erlegen ist. Es geht um ethische und ästhetische Fragen wie “gute” oder “erhabene” Datenakkumulation als Mehrwert einer Technologieplattform Internet. Sie glauben beide, dass das Netz den Überschuß produziere. Dabei war der Computer das Hilfsmittel, dass man erfand, um den enormen Anstieg an Daten, der durch die Arbeitsteilung in der Industrie entstand (Planung und Verwaltung der Ressourcen) irgendwie zu bändigen, ohne mehr Verwaltungsangestellte als Produktionsmitarbeiter zu haben. Dann folgte die Inflation der Physikdaten in den Experimenten durch neue Messgeräte, die ihrerseits wieder durch Speichermaschinen, die aus der Geschäftswelt kamen, beherrscht wurden.

Das Neue am Internet ist also vielmehr die Tatsache, dass man den Computer nicht einfach nutzt, um Datenberge abzuspeichern und per Datenbank zu katalogisieren, sondern man nutzt mit dem Web den PC als Mittel, eigene Daten aus dem persönlichen Umfeld ins Netz und damit der Welt zur Verfügung zu stellen. Man schreibt selbst und teilt es umgehend allen mit, die es mitlesen wollen. Diese kommunkative Seite wird weder bei Gelernter noch bei Schirrmacher als Chance gesehen sondern als Informationsflut zweiter Ordnung, weil sie ja keinen offiziellen Grund hat. Man kann also nicht wie beim Large Hadron Collider in der Schweiz täglich Petabyte an Daten in der Orkus schicken, weil keiner einen Überblick hat, was alles an Daten entsteht – außer Google und Microsoft/Yahoo Bing.

Es schwingt also immer ein leichtes Unbehagen am Kontrollverlust mit, wenn man solche intellektuell gemeinten Texte über das Netz und das Informationszeitalter liest. Sie erklären nicht, warum die Gefahren des Internet so breit verteilt sind und gleichzeitig die Gewinne so derart stark konzentriert werden.

Und so verfährt auch Gelernter in dem alten Schema des Oberlehrers, dass wir via Textverarbeitung mehr schreiben aber nicht besser. Auf den ersten Blick fällt auf, dass hinter diesem Allgemeinplatz entweder eine sehr dummer Erwartungshaltung steht (fahre ich mit dem neuen Auto besser?) oder aber eine grundsätzliche Angst einfach nur eine Rationalisierung gefunden hat (Alle fahren so neue Autos – ob die wirklich besser sind als mein altes, die haben doch auch nur 4 Reifen und ein Lenkrad?). Übrigens glaube ich nicht, dass Textverarbeitungen dazu geführt haben, dass wir mehr schreiben (Belege fehlen offensichtlich). Wenn überhaupt, lag das an der Einführung von E-Mail als schnellem und unkompliziertem Postwesen.

Und dann wird der Kategorienfehler von Schirrmacher und Gelernter offen angesprochen: Aber es war immer schon schwieriger, die passende Person zu finden als die passende Tatsache. Die wertvollste Ressource, die im Internet zur Verfügung steht, ist die Erfahrung und das Wissen von Menschen. Selbst heute, wo uns das Schreiben leicht gemacht wird, wissen die Experten so viel mehr, als sie jemals schriftlich festhalten.David Gelernter Ich erinnere mich noch an den unseligen Titel einer brandeins Ausgabe zum Thema Wissen (Wissen ist der erste Rohstoff, der sich bei Gebrauch vermehrt). Wissen oder gar Erfahrung sind keine Ressourcen. Letztere werden in Einheiten eingekauft, gelagert und dann dem Wertsschöpfungsprozess zugeführt, wo sie unter Anwendung von manueller oder geistiger Arbeit zu einem Produkt veredelt werden. Genau dieses Veredeln der Ressourcen ist unter anderem im handwerklichen Geschick, im Wissen selbst und in der Erfahrung begründet. Im Internet aber steht davon nichts.

Das Internet ist voller gesammelter Daten, die eine Beobachtung dokumentieren und voller Meinungen der Nutzer. Google waren nach Kenneth Culkier (s.u. das Interview vom economist) die Ersten, die aus den Daten über die Datennutzung (Logdaten) und mittels einer Mustererkennung neue Einsichten erreichten. Culkier nennt das Beispiel der Falschschreibungen bei der Sucheingabe, die über die Zeit eine enorme gute Fehlerkorrektur ermöglichte, sodass man auf dieser Basis die bestmögliche Rechtschreibkorrektur für Dutzende Sprachen verkaufen könnte. Oder das Loggen der Seiten, die man aufgrund eines bestimmten Suchbegriffs aufsucht bzw. eben nicht aufsucht. All dies ist eine Information zweiter Ordnung, die vorher nicht möglich war, da Firmen und Nutzer das Verhalten der Menschen beim Umgang mit Dokumenten und enthaltenen Informationen nicht speichern wollten oder konnten – außer Firmen, die schon immer alles über ihre Kunden wussten wir Direktvertrieb oder der Versandhandel, der aber selten und nur extensiv Gebrauch davon machte und nicht ein ganzes Geschäftsmodell darauf aufbaute. Kurz: Google ist seine eigene Marktforschung ohne Probanden – dafür mit dem echten Leben und in direkter Abbildung aller aktuellen Trends.

Gelernter erkennt auf eine ebenso falsche wie einseitige Weise die Informationsflut. Er nutzt das übliche Modell aus der Nachrichten/Informationstheorie, das eigentlich den ganz jungen Studentent und Elektrikerazubis den Strom erklären soll, der von der Quelle zum Ozean fließt. So erklärt man den Unterschied zwischen Spannung und Stromstärke durch Rohre aus denen Wasser schießt, wobei dann die Stärke, die maximale Menge des Wassers ist, das pro Sekunde durch einen Teil des Rohrs fließt, also sozusagen der Rohrdurchmesser, und die Spannung enspricht dann dem Gefälle. Wenn man nun bei Information oder gar Wissen von Quellen und Mündungen sprecht, muss man das Bild zuende führen. Dann wären die Konsumenten und Leser aber genau das, was man als Verwässerungseffekt bezeichnen könnte. Denn im Ozean verdünnt sich die Information recht schnell, genau wie irgendwelche Dinge, die man in einen Bach kippt. Das von Schirrmacher so ausführlich beschriebene Syndrom der Informationsflut und der einhergehenden Übermacht an Aufmerksamkeitsräubern wäre auf diese Weise nicht erklärbar. Tatsächlich ist das Bild irreführend. Denn jede Information verändert nur dann den Menschen, wenn sie eine Differenz darstellt. Was keinen ausreichend großen Unterschied ausmacht ist auch keine Information und wird als solche einfach nicht verarbeitet. Und die erhöhte Schlagzahl an Mitteilungen per twitter, Blogs oder Kommentare ist einfach nur ein Zeichen der breiteren Teilhabe an öffentlich geführten Gespräche, die aber zum geringsten Teil für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Oft sind sie so privat, dass sie nur von wenigen überhaupt als Differenz erkannt und eingeordnet werden können.

Maschinentheoretiker und die Adepten der mechanisierten Welt bezeichnen diese Indifferenz als Rauschen. Offenbar ist ihnen nicht klar, dass Relevanz ein Dreisprung aus persönlicher Geschichte, persönlicher Erwartung und dem externen Angebot darstellt. Die Flut ist also nur für den eine Flut, der alle im Netz verteilte Information in einer Hyperneurose auf sich selbst bezieht. Dies ist wahrlich krankhaftes Verhalten. Aber die Ursache liegt weder im Netz, noch bei Google oder anderen Beteiligten im großen Prozess des ewigen Umherschaufelns von Information. Und dann kommt noch mehr Naivität oder gar fahrlässiger Unsinn ins Spiel: Virtuelle Universitäten sind eine gute Sache, virtuelle Nationen nicht. Virtuelle Nationen, deren Angehörige irgendwo leben können, solange sie übers Internet miteinander verbunden sind, drohen die Menschheit wie eine Glaskugel in tausend tödliche Splitter zu zerbrechen. Von virtuellen Nationen haben wir bereits eine erste Vorstellung bekommen: Al Qaida hat sie uns vermittelt.David Gelernter Was für ein Unsinn ist das? Es gibt Lesungen und Seminare, die als Kommunikationsmittel und gemeinsame Plattform des mündlichen und schriftlichen Erarbeitens das Web in derselben Weise nutzen wie die mittlerweile völlig überfüllten Hörsäle. Man kann so thematisch und in einem überschaubaren Kreis ein Seminar effektiv und übersichtlich zu einem Ende bringen, wobei offline-Treffen eigentlich unabdingbar sind. Auch Videokonferenzen sind nicht das Allheimittel für nonverbales Einschätzen und Kennenlernen. Es gibt also nur virtuelle Seminare, die sogenannten virtuellen Unis haben sehr wohl manifeste Verwaltungen und normale Einstellungsgespräche oder Inkassoverfahren für das Eintreiben der Gebühren. Es ist also sehr wohl möglich, die Elemente der demokratischen Organisation von Bürgerbeteiligung aus den Parteien in bestimmte Onlineverfahren zu überführen. Dadurch werden die Ministerien und Botschaften nicht obsolet oder gar 100% virtuell. Gelernter verwechselt hier die Kontakt- und Austauschplattform mit den Institutionen. Al Qaida hat ohne lokale Institutionen vor Ort wie Finanzverwalter, lokale Organisatoren und Meetings gar keine Chance zu existieren. Das Netz ist nur einer der Wege um gemeinsames Handeln zu koordinieren. Früher hatte man eben nur die gseprochene Sprache per Funk oder Telefon sowie die langsamen Briefe, heute findet alles in einer Plattform statt und heißt Kollaboration. Der französische Widerstand im zweiten Weltkrieg ist genauso Schuld an Al Qiada wie das Web. Dezentrale Strukturen sind eben den zentralisierten überlegen, das war schon vor dem Siegeszug des Web klar. Diese Dinge zu vermischen ist schlicht einfältig.

Und kaum hat Gelernter diesen Aspekt des Web, also den Austausch von Meinungen zu einem gemeinsamen Handeln kurz gestreift, wendet er sich wieder der Speicherebene zu und singt eine Hohelied auf die Wolke als tollstem aller Speicherverfahren. Er kennt offenabr nicht die Problematik, dass bei virtuellen Maschinen der Datenaustusch nicht mehr über das Netzwerk läuft (das überwacht wird) sondern direkt von einem virtuellen Webserver auf die andere virtuelle Datenbank stattfindet und daher nur mit sehr wenigen Anbietern überhaupt absicherbar und kontrollierbar ist. Denn und das schreibt Gelernter auch nicht, das Mitloggen von allem Zugriffen kann sich außer Google keiner leisten. Die Firmen verbieten den Datenbankherstellern sogar diese Sicherheitsmaßnahme, das sie die Datenbanken extrem langsam macht. Die Probleme liegen also keineswegs in einem virtuosen Können der Informatiker sondern viel eher in deren bescheidenen Künsten, die durch Bücher wie die des FAZ-Feuilletonchefs künstlich aufgeblasen werden. Und dann stößt Gelernter im FAZ-Text wieder in das Horn des Informationsflusse (Quelle-Mündung)

Alle diese Ströme oder Flüsse sind Spezialfälle jener digitalen Struktur, die wir Mitte der 1990er Jahre als „Lebensstrom“ bezeichneten: ein Strom von digitalen Dokumenten jeglicher Art, die nach ihrer Erstellungszeit oder nach ihrem Eingang sortiert sind und sich in Echtzeit verändern; ein Strom, den man durchsuchen oder „fokussieren“ kann. David Gelernter Das Kategorisieren anhand der Zeitleiste funktionierte schon bei E-Mails als probates Mittel der Ordnung – auch und gerade mit Filterbegriffen, die eine thematische Ordnung oder ein Trennen von privatem und beruflichem erlauben. Warum soll das also im modernen Echtzeitweb anders sein. Waren E-Mails nicht Echtzeit? Das Thema ist doch eher, das das alte Echtzeitweb nur an einen oder einige Empfänger gerichtet war und moderne Tools, wie twitter, tumblr oder posterous viele Leute und viele Meinungen untereinander vernetzen ohne Ansicht der starken oder schwachen Bindungen die sie haben könnten. In den sozialen Netzwerken sind die Statusmeldungen ja nicht monopolisiert.

Das Bild des Stroms der Informationen mithilfe des Organisationsprinzips der Chronologie reduziert das Web. Gelernter mißachtet offenbar Kairos als andere Seite des Zeitbegriffs – was aus Sicht der Strommetapher verständlich ist. Aber auch wenn man nur Chronos χρόνος beachtet, dann zeigt uns dieser alte griechische Mythos, dass es hier um den Lebenslauf geht, also den Ablauf eines Menschenlebens – darin schwingt unweigerlich auch die Vergänglichkeit mit. Genau das aber ist im supranaturalen Gedächtnis Internet zum Teil außer Kraft. Ander ist es bei dem Begriff, ohne den Chronos keinen wahren Sinn macht: Kairos. Er ist der Begriff für den rechten Moment – neudeutsch Timing. Hier könnte man dann an Immanuel Wallersteins unthinking social science anknüpfen, wenn einer der Herren Experten der modernen Soziologie mächtig wäre. Man könnte dann die Dependenztheorie Wallersteins auf das Web anwenden und daraus neue Erkenntnisse schöpfen für eine Relevanzdebatte oder das Thema Wissen und Web.

So erhält man bei den Protagonisten der aktuellen Debatte den Eindruck, das unfertige Gedanken ohne klare Abgrenzung zu Gemeinplätzen mit quasiwissenschaftlichen Erkenntnissen vermengt werden um persönliche Antipathien oder Sympathien zu rationalisieren. Das ist schick aus Sicht des Herausgebers einer Zeitung aber weitgehend ohne Belang für einen öffentlichen oder ernsthaften Diskurs über das eigentliche Thema: Emanzipation des menschlichen Verstandes und der Vernunft mit anderen im öffentlichen Raum, damit das Zusammenleben friedlicher, sinnvoller oder gar freundlicher gestaltet werden kann.

Aber zum Schluß erkennt auch Gelernter, dass das Netz nur ein Vehikel ist. Ein Glück. Man möchte ihm und Schirrmacher zurufen: “Die Landkarte ist nicht das Gelände.” So sagt es der Erfinder der Allgemeinen Semantik Graf Alfred Władysław Augustyn Korzybski in seinem lesenwerten Werk Science and Sanity.

March 1 2010, 5:54pm

DLD Video-Interview: Ben Hammersley – wired.uk

Chefredakteur von wired.uk Ben Hammersley über das Web als Medium im Speziellen sowie die Unterschiede zu Print.

via dctp.tv

February 26 2010, 1:20pm

Was ist social media?

Wer den Begriff “social media” schon mal gehört hat, der wird ein ähnliches Gefühl dabei entwickelt haben wie bei “proaktiv”, “außerhäusig” oder “zeitnah”. Man hat den Eindruck, dass alle es benutzen, aber im Grunde führen diese Begriffe keine neuen Bedeutungen in die Sprache ein. Man empfindet dahinter keine Innovation wie etwa hinter “Regensensor”, “Navi” oder gar “Euro”. Die Gründe für das leichte Unbehagen mit solchen Modewörtern ohne erkennbaren Sinnzugewinn liegen tiefer. Die Artikel, die sich über Social Media Berater lustig machen sind mittlerweile Legion und enthüllen eigentlich nicht mehr als das Loch, dass die Leere der Massenmedien in postmodernen Zeiten hinterlassen haben.

War früher noch das Fernsehen als elektrische Oma für Hausfrau, Kind und Hund zu gebrauchen und das Radio ständiger Begleiter auf den täglichen Arbeitswegen, ist seit dem Einzug des Internet alles anders. Saß früher der “King of Remote” noch zwischen Chips, Bier und pupsendem Hund vor der Glotze und konnte jederzeit herannahende spannende Fernsehabende mit einem Klick zunichte machen, ist der Mensch vor seiner Tastatur Herrscher über 6712 Kanäle und 8723 Zeitungen im Web. Und was noch besser ist: Die postmoderne Fernbedienung namens Tastatur hat nicht nur Programmtasten und eine Lautstärkewahl. Sie hat Schraubenzieher, Zange und Säge für den Heimwerker in Dir und Mir.

Und so heimwerken wir uns unsere eigenen Zeitungen, Comics, Talkshows, Testmagazine, Strickseiten und Ratgebermagazine für gelungenes Kerzenziehen, vollendetes Weinöffnen oder die aufrechte Katzenpflege. Als die Internetblase vor 10 Jahren zum ersten Mal platzte, hatten alle Unkenrufer gegen das digitale Brimborium plötzlich eine Figur wie der Terminator persönlich. Sie hatten recht, das Webdings war Blödsinn. Das war herrlich für diejenigen, die gemerkt hatten, dass man sich im Web ungezwungen eine eigene Welt mit eigenen globalen Freunden und Bewunderern zusammenbauen konnte, ohne dafür Unsummen auszugeben oder sich fragwürdige Marotten wie ein Guru anzueignen.

Diese normalen Menschen mit einem Tick messianischem Sendungsbewußtsein entwickelten die kruden Werkzeuge der Softwarewelt zu halbwegs bedienbaren nutzerfreundlichen Publikations- und Diskussionsplattformen. Themen gab und gibt es genug, wenn die Sprache weit verbreitet ist. Und so findet sich zu allerlei Krimskrams, der Menschen interessieren könnte, immer auch eine Website, ein Beitrag oder ein Diskussionsstrang in einem Online-Forum. Damit spiegelt diese Buchstabenflut im Grunde das große Spektrum all der Diskussionen und Meinungen, die Menschen haben, die lesen und schreiben können und einen Zugang zum Web haben. Das ist aber nicht unbedingt die Mehrheit der Menschheit.

Was aber ist das Besondere an social media? Im Prinzip wendet sich ein Massenmedium von einer Institution an viele Zuhörer oder Zuschauer. Das Verhältnis ist also eins zu Vielen, was im formalen Jargon als 1:n beschrieben wird. Wenn diese Medien interaktiv sind mit dem berühmten TED aus dem ZDF, dann gibt es ein n:1 Verhältnis. Ein Gespräch zwischen Nachbarn wäre dann logischerweise 1:1. Im Bereich social media nun wird in einem geflügelten Wort der Konsument (Zuschauer) gleichzeitig immer auch per Kommentar oder eigenem Blog oder via Youtube-Video auch zum Produzenten und Sender einer Botschaft (n:n).

In der Theorie klingt das ganz einleuchtend. Aber Medien senden ja nicht einfach mal eine Sendung nach Belieben. Sie haben einen Sendeplan, ein Programm, viele Sendeplätze. Die Zuschauer haben sich daran gewöhnt, dass es um 20 Uhr die Tagesschau gibt. Und bei social media? Ja, und genau hier beginnt die Arbeit der vielgeschmähten social-media-Berater: Denn wer mal ein Blog anfängt und nach änfänglicher Durststrecke merkt, dass ihm oder ihr Leser folgen, der bekommt nach ein paar Monaten eine Sinnkrise. Warum tue ich das? Stundenlang sitze ich vor dem Rechner, um für nichts und wieder nichts Texte ins Nichts zu senden. Wenn Firmen ihre Kommunikation mit den Kunden umstellen wollen, dann müssen sie aufhören, Rundfunksender (1:n) zu spielen. Sie sollten sich darauf einlassen, dass in einer Firma viele Meinungen zu einem Thema herrschen. Das muss erstmal intern gelernt werden. Da sind Akzeptanz und eine gewisse Streitkultur nur die einfachste Übung. Denn n:n bedeutet auch, dass niedere Elemente in einer Hierarchie plötzlich eine klare und anerkannte Meinung sehr präzise formulieren vor den Augen aller. Im Umkehrschluß kann es passieren, dass ein gewichtiges Mitglied der Geschäftsleitung eine ähnliche Glanzleistung hinlegt wie unser neuer Europa-Kommissar Oettinger neulich im besten Kinderenglisch – und das schriftlich dokumentiert vor aller Augen und Ohren!

Man begegnet in den Firmen etwas, dass man Transparenz und Öffentlichkeit nennt. Die ganz Mutigen wagen diesen Schritt sogar nach außen. Wer jahrelang nur mittels Gehorsam und Geduld seine Karriere aufbaute, wird geschockt sein. Der geneigte Leser wird mir glauben, dass man sehr viel therapeutisches Feingefühl braucht, um die Herren und Damen aus dem Himmel der Hierarchie, in die sich viele unsichere Persönlichkeiten gerettet haben, auf den Boden eines offenen Dialogs zu holen. Software und Webanwendungen sind bei dieser Aufgabe das allerletzte Glied einer Kette, die man mit Neuorganisationen nur sehr vage angedeutet hat. Das Anwenden von Plattformen in denen jeder die belanglosesten Dinge des Alltags seinen Freunden mitteilt, ist ein mutiges Unternehmen. Oft sind Firmen in mehr oder weniger privaten Räumen der Freundschaft wie bei facebook oder twitter alles andere als willkommen. Es jeden Tag Hunderte Gelegenheiten, sich peinlichst die Kommunikationsfinger zu verbrennen und alle machen reichlich Gebrauch davon – ob mit oder ohne Berater. Nur wer Persönlichkeit und eine Stimme hat, kann gewinnen oder verlieren, alle anderen verschmelzen im Rauschen der Kakophonie.

Andrew Keen schreibt in seinem Buch “Cult of the Amateur: “Out of this anarchy, it suddenly became clear that what was governing the infinite monkeys now inputting away on the Internet was the law of digital Darwinism, the survival of the loudest and most opinionated. Under these rules, the only way to intellectually prevail is by infinite filibustering.”

Und hier hat Keen unbewußt das auf social media bezogen, was schon lange im Elfenbeinturm der Akademiker gang und gäbe ist, das ewige Publizieren endloser Tiraden und Studien sowie Bewertungen und Metabetrachtungen. Man kann also zusammenfassen, der citation index war früher Vorrecht der C4-Professuren und nun ist der whuffie-index oder die Anzahl der verlinkten Blogbeiträge das Zeichen für Relevanz einer Meinung. Im Grunde ist es daher schon verständlich, dass die ehemalige Deutungshoheit der ehemaligen Meinungsführer keinen Gefallen an der Entwicklung findet: Denn der Kuchen der Aufmerksamkeit ist begrenzt – aber der willkürlichen Aneinanderreihung von Buchstaben sind keine Grenzen gesetzt als das große Universum der möglichen Verbindungen von 26 Symbolen…

Und um das Ganze abzurunden zu einem realistischen Bild, gibt es hier noch zwei Links, wie das Ende des Social Dingsbums eingeleitet wurde, einmal bei den adbusters und natürlich für alle, die es nicht kennen, den virtuellen Selbstmord. Bildnachweis: msquanna

February 19 2010, 10:00am

Video: Wired Magazine auf dem iPad

Auf der TED-Konferenz in Long Beach vorgestellt und nun per Video sichtbar. Der Traum aller Verlage:

via Wired

February 18 2010, 12:57pm

Digitale Seuche: Plaque im Netz

Plaque bedeutet Schild. Es ist bekannt als Belag aus Speiseresten und unseren ganz persönlichen Bakterien. Genau dasselbe Zeug finden wir auf jeder Website im Netz. Reste aus erlerntem Wissen und unser persönlicher Senf oben drauf. Wer in der letzten Zeit die Diskussionen rund um Chancen und Gefahren der digitalen Speisen im Netz verfolgte, wunderte sich nicht selten. Allen Ernstes diskutierten Wissenschaftler und Experten den inhaltlichen Kontext von menschlicher Sinnbildung und Mustererkennungsprozessen beim Durchforsten von Tabellenzellen in Datenbanken.

Um die Verwirrung noch zu steigern, wurde ein Wort aus der Informatik, das nebenläufige Berechnungsprozesse beschreibt (multitasking), auf den Menschen transponiert, wobei allerdings Sinn und Bedeutung des Begriffs flöten gingen. Nicht genug, dass man früher glaubte, aufgrund des immer noch sehr vagen Verständnisses der Informationsverarbeitung im Gehirn, Computer programmieren zu können; setzt man sich nun hin und übernimmt aus der Computerwissenschaft Begriffe, um den Menschen zu beschreiben. Dieser Diskussion das Etikett Kategorienfehler anzukleben, erscheint so langsam fahrlässig verharmlosend.

Der Mensch und seine Algorithmen Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind, zu tun, was wir nicht tun wollen… So lautet der Untertitel des Schirrmacher-Buches. Es geht also um einen Zwang. Man reitet im Namen der Freiheit. Dort werden Adaptionshandlungen des Menschen in Bezug auf elektrisch dargestellte Buchstaben und Bilder beschrieben. Wer keine Kindheit ohne das Web hat, hat keinen Vergleich und daher keine Wahl mehr. Aha. Und das Netz ist erobert worden durch die Werbung. Offenbar ist es beim Netz schlechter wenn es Werbemillionen abwirft als bei Printmedien oder dem Fernsehen. Früher wurden Zielgruppen per Sinusmillieus (Konsumentenkategorien) organisiert. Heute tun sie dieses nun ganz von selbst über ihre Onlineeinkäufe und ihre Kontakte in sozialen Netzwerken. Dieselbe Entwicklung des Auslagerns von Leistungen an den Kunden kennen wir auch von Banken (Überweisungs-/Geldautomaten). In Amerika ist das schon seit Jahrzehnten der Drive-In. Anders als bei den Rabattkarten, die jede Kassiererin mal eben durch den Leser zieht sei dieses im Netz schlimm und verwerfliche Mikroarbeit der Nutzer. Und was machen die Kreditkartenfirmen mit den Profildaten ihrer Kunden, die sie teuer bezahlen, damit sie ihre persönlichen Daten sammeln? Ob da nicht vielleicht auch kleine Programme durch die Datenberge sausen und 1 + 4 zusammenzählen? Der böse und allmächtige Algorithmus? Der Journalist Frank Schirrmacher sieht das Organisieren von Inhalten von Algorithmen beherrscht, wie sie beispielsweise die Suchmaschine Google einsetzt. Aber auch sie blieben im linearen Abarbeiten von einzelnen Schritten stecken. Es gibt noch Schleifen, die Zwischenergebnisse zu bestimmten Inhalten bewerten können. Aber alles bleibt in einer sehr elementaren mathematischen Struktur. Diese Verfahren verarbeiten die Daten von Menschen zu Mustern, die dann zu bestimmten Aussagen gedeutet werden. Die Verfahren und die Qualität dieser Deutungen der Muster wird leider nicht hinterfragt. Denn die semantische Ebene auf der Basis dieser Muster ist das eigentliche Problem. Denn sie wird von den Firmen vorgegeben. Gelernt wurde das schon vor den Rabattkarten auf der Basis von Daten der Marktforscher. Google tut nichts anderes als das Nutzen dieser bekannten Deutungsmethoden. Aber so entsteht weder Bedeutung noch Wissen. Denn die besagten Algorithmen (präziser müsste man von Text-Mining bzw. Data Mining sprechen) sortieren Daten anhand bestimmter Bedingungen. Sie analysieren also vorhandene Texte bzw. Datenbanken. Das maschinelle Synthetisieren, also das Erstellen neuer Information auf dieser Basis, hat bisher noch keinen Reifegrad erreicht, denn man als Information oder gar Wissen bezeichnen könnte.

Zweiter Gedankenfaden Schirrmachers ist die Überlastung des Menschen durch ein Zuviel und Zuschnell an Daten und Dokumenten. Das Verhältnis von Inhalten die Nutzer zuordnen und denen, die dem Nutzer direkt auf seine Geräte geschoben werden (E-Mail, twitter, Statusmeldungen etc.) ist ein ungesundes in Bezug auf das, was der Mensch verarbeiten kann. Beleg für dieses Wissen über die Kategorie Mensch ist nicht eine Studie der Marsianer sondern sind zwielichtige Papiere von kaum bekannten Wissenschaftlern, die in keiner Weise epidemiologisch verifiziert wurden. Er zieht tatsächlich die Analogie zum Zeitalter der Industrialisierung, wenn er sagt, dass sich im Webzeitalter das Gehirn an die Menge der Inhalt im Netz adaptiert in der Art, wie sich die Muskeln damals an die Industriearbeit anpassen mussten (Leider geht Schirrmacher nicht auf das Dreischichtsystem und die Wissenschaft der Ergonomie ein). Auch der Begriff der Plastizität wird ähnlich trivialisiert wie wir das schon im Umfeld der Bücher über die digital natives erleben mussten. Da Computer über Multitasking verfügen (was nicht stimmt, da auch die Prozessoren alle nur seriell ihre Register abarbeiten), müsste sich das Gehirn an diese Parallelablaäfe anpassen, sei aber nur zu serieller Verarbeitung von Symbolen fähig. Insgesamt erscheint das Buch eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen, die selten einer profunden Bewertung standhält. Aber der größte Marktplatz der Welt und der gigantischste Stammtisch des Universums ist und bleibt Anlaß einer bisher “kaum” diskutierten Erörterung: Was ist eigentlich Qualität und wie kann man das feststellen, was Qualität ist und wer tut das auf welche Weise? Es geht also um Herrschaftswissen.

Social Media: Von der Volksnähe geküsst zu werden Und schon machen sich die Adepten der Geisteswelt oder der Weltmechanik auf und versuchen auf dem Rücken dieser herbeigestolperten Diskussion ihre Pfründe zu sichern. “Information ist entfremdete Erfahrung.” tönt es aus dem Mund von Jaron Lanier in der FAZ. Dieser Satz hat in etwa soviel klärende Potenz wie der Satz “Energie ist das, was nie verschwindet”. Und dann rettet Lanier die kalte Information mit der menschlichen Erfahrung. Er erkennt in dem Glauben an den Text, der seit der Thora, der Bibel und dem Koran die monotheistischen Religionen die Offenbarung Gottes darstellt, nicht ein menschliches Verlangen nach Überschreitung des Hier und Jetzt – ganz so wie die Höhlenmaler der Vorzeit. Er will Erfahrung. Aber nicht zuviel. Deshalb moniert er auch, dass die Menschen im Web zum Mob werden, wie er in den Kommentaren feststellt, die er liest. Diese Meinungsexkrementik mißfällt ihm zutiefst. Diese Art von Erfahrung schmeckt im nicht. Denn diese Art von Erfahrung hat er weder an der Uni, noch in den Klubs in denen er verkehrt noch in seinem Viertel gehabt. Noch weitaus schlimmer sei die Werbung als Trampelpfad des Geldes, dass alles wie ein negativer Midas in seinen Bann der Vernutzung zieht und nichts als die ökonomischer Auswertung übriglässt.

Wieso der Club der Anonymen Enthüllungskommentatoren seine Triebabfuhr über unflätige und persönliche beleidigende Kommentare regelt? Vielleicht haben diese garstigen Wichte gar kein Auto, mit dem sie jemandem die Vorfahrt nehmen können. Einfach mal wild mit der Lichthupe den Frust vom Berufsalltag loswerden, oder schlicht die Frau oder die Kinder zusammenmöbeln, sagt ihnen nicht zu. Zugegeben, es sind zumeist wenig wertvolle Beiträge, oft entlarven sie sogar eine unterdurchschnittliche Fähigkeit im Umgang mit widersprüchlichen Informationen. Dass anonyme Kommentare aber weniger Ausdruck von tumbem Mob ist sondern eher Darstellung von Angst in der Berufswelt, ist anscheinend eine Denkunmöglichkeit. Die einen schreiben muitg alle Texte unter Klarnamen und andere haben schlicht Angst, weil viele Menschen Teile ihrer Person nicht im Netz zeigen dürfen, weil sie in der Berufswelt ein Avatarleben führen müssen. Würden Sie ihre wirkliche Meinung im Web unter ihrem Namen darlegen, müssten sie im Berufsleben unangenehme Folgen befürchten. Es ist also bestes Recht des Knechts, anonym zu bleiben. Der Verweis auf die Algorithmen und Scanprogramm der Geheimdienste, Polizei und Marktforscher erscheint da eher Rationalisierung als wahre Ursache. Es liegt an der Angst vor eigener Persönlichkeit im Berufsleben, die gab es schon früher und sie wurde nur im ewigen Archiv des Web offenbar. Und die Herren der ersten Stunde rund um John Perry Barlow haben das Erstellen von Avataren und digitalen Personae nicht als Schutz der beruflichen Laufbahn verstanden sondern als Weg, die etablierten Mächte zu unterminieren. Diese Kamingesprächs-Revoluzzer, die mit der Rolex am Arm und dem Oldtimer in der Garage etwas vom anderen Leben faseln, verstehen das Web als Ort des Gesprächs gar nicht. Sie leben noch im Zeitalter des Dokuments. Dieser dokumentenzentrierte Ansatz der Emanzipation zeigt sich noch heute in öffentlichen Verlautbarungen wie etwa Manifesten, ähnlich wie das öffentliche Vorlesen in royaler Vorzeit von den Reichsverwesern und Erklärbären. Die Herrschaft spricht, das Gesinde schweigt.

All das Gehabe des Achtung-Wir-veröffentlichen-etwas-mit-Belang sieht man ja nicht in einem Web, das den Stammtisch oder den Dorfplatz ersetzt hat. Könnte es vielleicht sein, dass wir im Web immer mehr die Seiten einer Gesellschaft erkennen, die vorher für uns verborgen waren? Die Mediokren begegnen den ziselierten Gedanken der bombastischen Rationalisierer. Und die Experten erleben den Instinkt der Straße. Oder um es krasser zu formulieren: Das Web ist ein Agens, das die Verdrängung und Sublimierung Hundertausender sozial und mental prekärer Lebensentwürfe verunmöglicht. Nicht umsonst hat Danah Boyd vor über 2 Jahren gezeigt, dass es durchaus Sinn macht, die Nutzungsarten des Web mit der sozialen Herkunft und Ausbildung zu korrelieren. Das hat durchaus mehr als zwei Seiten, wenn man bedenkt, dass in anderen Ländern eben die bisher verfemten Seiten ein Segen sind. In muslimischen Ländern artikulieren sich die Frauen im Web, in Russland – einer lupenreinen Demokratie – wird das Web zur einzig verläßlichen Quellen für Nachrichten aller Art. Hier müssen die Damen und Herren Intellektuellen auf der einen Seite Volkes Stimme und auf der anderen Seite Volkes Halsband namens Konsumismus ertragen.

Schreiben ist das Endprodukt der Weltverdauung Und die Algorithmen? Analog zum Albumin, das den Druck im Körper regelt, ist der Algorithmus nichts anderes als ein Verfahren, das eine Homöostase (Gleichgewicht) zum Ziel hat. Das, was die Einen ins das Netz werfen um sich zu artikulieren, wollen die Anderen in einen Kontext stellen, der nicht demjenigen des Autors/Kommentators entspricht. Warum?

Betrachten wir nochmal das Bild der Assimilation, das oben in dem Begriff Meinungsexkrementik zum Ausdruck kommt. Der geschriebene Inhalt, dessen ein Mensch sich entledigt, soll für den anderen Nahrung sein. Diese Wiederverwertung gekauter Nahrung (verdautes Welterlebnis als Text ), die oft nichts anderes als ein Versuch des Verstehens der alltäglichen Geschehnisse ist, soll ökonomisch sinnvoll ablaufen. Deshalb wird mit viel mathematischem Brimborium ein Mehrwert in diese Exkremente einsuggeriert. Man könnte sagen, dass in der Algorithmusküche, Sätze und Daten solange zerkocht werden, bis aus dem vorherverdauten Brei wieder ganze Stücke werden. Man kann aber aus einem zerkauten Essensbrei auch mit den aufwendigsten Algorithmen nicht wieder einen Apfel oder ein Hühnchen zaubern.

Die pessimistische Lamentiererei sogenannter Experten und Intellektueller fällt also noch hinter die allzu optimistischen Wünsche der Bedeutungsingenieure zurück und lädt sie nur unnötig mit Macht auf. Man könnte denken, dass es sich um einen Versuch handelt, an dem Glorienschein teilzuhaben, den die bobos, Neurophysiologen und Teilchenbeschleuniger in langen Jahrzehnten gezüchtet haben – und zwar unter tatkräftiger Mithilfe der Journalistengarde auf der Suche nach dem allerneusten Neu. Dabei ist neu im Grunde nichts anders als das Indifferenteste, was wir kennen. Vielleicht lassen uns deshalb all diese wortgewaltigen Predigten für und wider das Netz so unbeteiligt zurück.

Mit was für einer Dreistigkeit die Welt auf der anderen Seite des Bildschirms sich in selbigem widerspiegelt mag für einige ein kritischer Schock sein – für andere ist er sehr heilsam. Denn wer alle Gespräche eines Tages in einem gewöhnlichen Restaurant oder Café aufzeichnen uns auswerten wollte, würde als irre abgestempelt. Im Web soll das also normal und sogar gefährlich sein? Es ist schlicht Unsinn und Ausdruck eines grassierenden Irrtums: Text ist nicht gleich Kontext.

Und wie geht man nun mit den Problemen des Ablenkens um? Es ist eine Disziplin der persönlichen Reife, Achtsamkeit, awareness, Konzentration und Gerichtetheit der Aufmerksamkeit zu erlernen. Sensuelle Deprivation gehört allerdings nicht zu den Trainingseinheiten. Oder um es in einen Witz verkleiden: ” Ich konnte gestern den ganzen Nachmittag nicht meditieren!” “Wieso denn nicht?” “Dauernd klingelte das Telefon.”

Und behüte mich vor meinen Fans… Dr. Christian Stöcker von Spiegle Online nun kommt von einer anderen Seite. Er möchte die neutrale und wertfremde, also technoliberale Seite des Web als sympathisches Bild der digitalen Kommunikation darstellen. Am 08.02.2009 hat er stellvertretend für viele folgende Thesen dargelegt. Die sieben Thesen lauten: 1. Das Internet ist dumm und das ist auch gut so. Tja, nun müsste man zunächst erklären, ob eine Maschine oder ein Programm überhaupt wissend sein kann. Ob eine Armada von Maschinen, die miteinander interagieren nun wissender oder dümmer würden, wäre eine theoretische Frage. Denn das Netz enthält lauter gespeicherte Symbole, die Menschen oder Prozessoren Anreize für Aktionen oder Unterlassungen liefern. Das Internet ist also genauso dumm oder schlau wie eine Armada von Heizungsventilen. Der wesentliche Anteil an Schläue wäre die Negentropie, also die gerichtete Organisation der Elemente und Strukturen. Denn Entropie ist im Grunde die Summer der erreichbaren Zustände. Angesichts der großen Menge an Elementen und Strukturen im Internet ist es also sinnvoll, diese potenziellen Zustände einzuschränken, um sinnvoll Gebrauch von der Technologie zu machen. Netzkünstler treiben dieses Vorhaben an das andere Ende zu treiben. Die Kategorie “dumm” im Kontext mit der Dimension Netz ist also ähnlich ertragreich wie die Kategorie “virtuos” mit der Dimension Musikinstrument. 2. An vielem, was das Netz gefährlich macht, sind die Nutzer selbst schuld. Vor allem die Nutzer, die mit den Fingern auf andere zeigen. Aber ach… Schuld. Also die Schuld. Das ist eine religiöse Kategorie. Aus dem Unbill der Naturgewalten extrahierten die Kulturen einen Bändigungszauber namens Religion. Nach Einführung des Individuums und der abgeleiteten göttlichen Macht auf den Menschen blieb nur noch die Schuld als abgeschwächte Form des wütenden Schöpfergottes übrig. Was der im Netz zu suchen hat, überlasse ich dem geneigten Leser. Aber man kann schon feststellen, dass Stöcker erkannt hat, dass dieser Schöpfergott namens Nutzer einigen Einfluß auf die Technologie hat, die er nutzt. Ein Beispiel: Man kann einen Hammer als Flaschenöffner, Werkzeug oder Tatwaffe einsetzen. Aber, das ist eigentlich ein Gemeinplatz und kann getrost als überflüssige Aussage disqualifiziert werden. 3. Die Staaten dieser Welt werden sich nicht darüber einigen, wie das Netz sein sollte. Aber ein Minimalkonsens in Sachen Verbrechensbelämpfung lässt sich herstellen. Das ist keine steile These, wenn man bedenkt wie Entscheidungsprozesse in den multinationalen Gremien funktionieren, zumal bei der ICANN, der Internet-Regierung. Ob und was ein Verbrechen ist, läßt sich kaum ernsthaft staatenübergreifend diskutieren wie man am Beispiel Steuerhinterziehung in der Schweiz und in Deutschland erkennen kann. Übereinstimmung wird nie erreicht, also erfindet man etwas Ähnliches: Konsens ist an dieser Stelle nichts Anderes als das alte Bild von Lyotard, der den Diskurs von Habermas als Akt der Aggression bezeichnete. Denn Konsens ist das Erzwingen einer gemeinsamen Erklärung zum Wohle aller Teilnehmer. Allzuoft nehmen aber die Betroffenen an diesen Diskursen gar nicht teil… 4. Wir sollten aufhören, vermeintlichen Exhibitionismus anzuprangern, solange wir den Menschen ins Wohnzimmer starren. Wir brauchen eine neue Definition von Öffentlichkeit. Nein. Was wir brauchen ist eine Einsicht in die Tatsache, dass im netz genau dieselben Menschen agieren wie außerhalb des Netzes. Dort herrscht allerdings das Primat des Vergessens und der Vergänglichkeit. Das Netz ist eine Gefriertruhe der Worte. Jeder Satz wird schockgefrostet. Jeder Mensch hat sich schon mal vor Zeugen zum Narren gemacht. Es ist allerdings früher nie aufgezeichnet worden. Es bedarf also einer genauen historischen und ethnologischen Betrachtung dieses Kühlraums der Symbole. Auch eine ethische Risikofolgenabschätzung steht noch aus. Leider auch aufgrund der naiven Netzkritik, die sich im sogenannten bürgerlichen Lager formiert. Grundsätzlich wäre zu verweisen auf das Thema Identitätsmanagement angesichts des neuen Personalausweises und ELENA. Aber Herr Stöcker hält es für angemessen, lustige Anekdoten über die Holländer und ihre Gardinenlosigkeit als Metapher anzubieten. 5. Jugendschutz ist wichtig, aber nicht wichtiger als alles andere. Mit Providern als Zensor wäre das Ende des freien Netzes gekommen. Das Netz ist nicht frei und wird es nie sein. Freiheit, gleich ob negative oder positive, ist ein Wert, den es gilt anzustreben im Handeln der Menschen. Es gibt keine Manifestation der Freiheit in der Mechanik der Nullen und Einsen. Es gibt höchstens eine Freiheit im Zugang, im Gebrauch und in der Selbtsbestimmung über die eigenen Exkremente im Netz wie Kommentare, Artikel und Bilder… 6. Urheberrechte sind wichtig, aber nicht wichtiger als Bürgerrechte. Warum müssen immer die Rechte des Dreiecks, Nutzer, Autor und Werkmittler gegeneinander ausgespielt werden? Hat es Sinn, wenn unterschiedliche Kategorien von Rechten aus dem Immaterialrecht und den “kleinen” Menschenrechten namens Bürgerrecht? Nein, denn Autos unterliegen auch anderen Regulierungen als Flugzeuge. Was soll eigentlich so besonders sein am elektrischen Versand von beweglichen Lettern? Richtig, es ist der Zugang zu dem Sinn, der damit gestiftet wird. Wer den beschränken will, soll das mit seinen eigenen Inhalten tun können – aber nicht im Auftrag Dritter. 7. Die Vorteile des freien Internets überwiegen seine Nachteile. Wer das Internet für überwiegend schädlich hält, muss ein Menschenfeind sein. Siehe Kommentar zu These 5. Es wäre schön, wenn die Menschen selbst entscheiden dürfen, was, wo und warum ein Vorteil oder ein Nachteil des Web ist.

Bildnachweis: deanjenkins

February 10 2010, 9:30am

Piraterie reicht nicht als Erklärung für Preisdruck

Bei Techdirt ist vor ein paar Tagen ein interessanter Beitrag erschienen, der sich mit der Frage auseinander setzt, ob die Major-Labels im Musikmarkt ihren Bedeutungsverlust hätten verhindern können, wenn sie das iTunes-Modell früher angewandt hätten: Did The Recording Industry Really Miss The Opportunity To ‘Monetize’ Online Music?

Besonders treffend finde ich die Betonung, dass der durch die Verfügbarkeit quasi kostenloser digitaler Inhaltekopien ausgelöste Preisdruck im Musikmarkt unabhängig von Piraterie entsteht:

“Tim Lee, who pointed us to this piece in the first place, tacks on the point that “the economic argument for free music is unrelated to ‘piracy.’” This is, indeed, a key point and one we’ve tried to make in the past, but one that sometimes gets lost in the shuffle. The basic economics of music suggest that it was going to face downward pricing pressure all along. That has little to do with unauthorized access to music or whether or not the major record labels sucked it up and did licensing deals with Napster. It was just where the market was going to head one way or the other — because, over time, more and more people would begin to realize that free music was an excellent promotional tool for other things, and that would drive more business to those other areas. That, in turn, would lead more and more musicians and their business partners to recognize the benefit as well. In fact, we’re seeing that happen today. The fact that unauthorized access to files online may have helped push that realization forward doesn’t change the fact that those pressures were going to come one way or the other.”

Das ist in der Argumentationsform auch auf den Buchmarkt übertragbar, wo häufig Debatten geführt werden, die von diesem Gesichtspunkt ablenken. Das ist vor allem deshalb schade, weil die Buchbranche noch mehr Zeit zum Handeln hat/hätte als die Musikindustrie. Immerhin gibt es aber inzwischen schon einige innovative Plattformen wie PaperC. Ich halte es jedenfalls mit Gerd Leonhard, der sehr zu Recht sagt: ‘protection’ is in the business model not the technology

Crosspost: leanderwattig.de Bildquelle: artemuestra (CC-Lizenz)

February 8 2010, 1:45pm

Wikileaks Finanzloch gestopft

UPDATE: Offenbar ist die Whistleblower-Seite wikileaks vorerst gerettet: Achieved min. funraising goal. ($200k/600k); we’re back fighting for another year, even if we have to eat rice to do it. verkündete das Projekt via Twitter.

Finanzielle Engpässe sind ja seit geraumer Zeit bekannt, seit Anfang des Jahres werden offensiv Spenden gesammelt, der aktive Betrieb der Seite ging offline – und dabei wird es erst einmal noch bleiben. $200,000 braucht die Seite nach eigenen Angaben, um die technischen Kosten zu decken. Um permanent weiterarbeiten zu können, also nicht nur fünf Mitarbeiter zu bezahlen sondern auch die vielen, die sich ehrenamtlich engagieren, werden insgesamt $600,000 benötigt. Auf der Wikileaks-Seite heisst es außerdem: We have received hundreds of thousands of pages from corrupt banks, the US detainee system, the Iraq war, China, the UN and many others that we do not currently have the resources to release. You can change that and by doing so, change the world. Even $10 will pay to put one of these reports into another ten thousand hands and $1000, a million. .

Diverse – nicht deutsche – Zeitungen setzen sich für den Erhalt von Wikileaks ein, wie das Wired Magazine berichtet: The Guardian and The Spectator are among the titles that have run editorials urging people to donate to keep the website running after it was crippled by its own running costs. Auch viele andere Blogs rufen natürlich dazu auf, Wikileaks jetzt zu unterstützen.

In den vergangenen Tagen hatte es in Deutschland Probleme mit Wikileaks Spendenkonto bei Paypal gegeben, wie die taz berichtete: Dem Non-Profit-Archiv für Dokumente, Wikileaks, wurde am Samstag das Konto beim Online-Bezahlsystems Paypal gesperrt. Im Zuge einer Spendenaktion, die den Fortbestand des Projekts finanziell für das kommende Geschäftsjahr sichern soll, ist über zwei Tage lang kein Geldtransfer über das Konto möglich gewesen. Am Montag verkündete Paypal Deutschland auf Nachfrage der taz, dass die Sperre am Nachmittag aufgehoben wurde. [...]

Die Folgen der Sperre für Wikileaks sind am Montag noch nicht absehbar: „Die Sperrung des Kontos am Samstag kam vollkommen unerwartet, und mitten in unserem Fundingdrive. Piratebay hatte gerade einige Stunden vorher auf ihrer Homepage begonnen, zu Spenden für uns aufzurufen.“ so der deutsche Wikileaks-Mitarbeiter Daniel Schmitt. Über ihn und Wikileaks hat die Zeit übrigens einen wirklich guten Artikel veröffentlicht. Ein sehenswertes TV-Stück hat auch die BBC zu wikileaks gemacht:

Redaktion: Eure Spende ist also dringend erbeten unter diesem Link (nach unten scrollen)…

February 5 2010, 10:30am

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