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SZ-Relaunch: Die Kür macht die Pflicht erst möglich

„Internetseiten haben ihr Aussehen in den vergangenen Jahren so stark verändert, wie die Möglichkeiten der Technik gewachsen sind.“ Das schreibt Stefan Plöchinger in seinem Artikel „Wie Blattmachen online funktioniert“. Zu lesen ist dieser im von Christian Jakubetz initiierten Lehrbuch Universalcode, aber auch online in Plöchingers Blog. Wie seine Thesen in der Praxis aussehen können, kann man derzeit bei sueddeutsche.de beobachten. Denn dort ist Plöchinger seit letztem Jahr Online-Chef. Das Meiste, was in seinem Universalcode-Kapitel beschrieben wird, ist handwerkliches Grundrüstzeug. Wie soll ein Teaser aussehen, wie ein Text? Wie das gelingt, ist logischer Weise auch bei sueddeutsche.de immer eine Momentaufnahme. Diese Sachen nennt Plöchinger aber auch die „Pflicht“. Der Rest, neben dem Themenmix sind das vor allem Design und Funktionalität, seien die „Kür“. Die sticht besonders hervor: Die Seite wirkt deutlich aufgeräumter als noch vor einem Jahr. Der sparsame Einsatz von Farbe macht die Seite angenehm schlicht. In „Wie Blattmachen online funktioniert“ sagt Plöchinger dazu, man solle „Seitenkopf, Navigation und Randspalte dezent halten“ und elegant sein. So können auch die Bilder besser wirken. Das Aufmacher-Bild soll zudem überraschen und ein Hingucker sein. „Wenn Sie sie richtig machen, bekommen Sie einen tollen First Screen, eine auffällige Eröffnung für Ihre Seite.“

Keep scrollin‘, scrollin‘, scrollin‘, scrollin‘ Seit ich dieses Kapitel noch einmal gelesen habe, achte ich besonders darauf und glaube Plöchingers Handschrift zu erkennen: Meist gibt es ein gutes, häufig von der Norm abweichendes Foto als Aufmacher. Gerade aus Agenturmaterial geschieht es nicht selten, dass mehrere Nachrichtenseiten mit dem gleichen Bild aufmachen. Laaaaaaaaaangweilig! Stattdessen ertappte ich mich neulich dabei, bei der SZ vorbei zu schauen, weil ich wissen wollte, wie sie dieses Dilemma nach dem Wulf-Interview zu lösen versuchte. Es gelang. Ein paar Tage später hatten Spiegel Online und sueddeutsche.de dann jedoch Stunden lang das gleiche Aufmacher-Bild. Die Hamburger hatten es zuerst. Da hatte das Ganze wohl nicht funktioniert. Abgesehen von diesem wohl eher unbeabsichtigten Kopieren von Spiegel Online gibt es im Layout von sueddeutsche.de einiges, das wohl eher gewollt an den Taktgeber im deutschen Online-Journalismus erinnert. Plöchinger: „Nicht zu Unrecht spottet mancher, Spiegel Online habe den Deutschen durch jahrelange Dominanz das Klorollen-Scannen gelehrt, also das Lesen von oben nach unten über viele, viele Bildschirmseiten hinweg.“ Wenn ich mir meine Scroll-Balken anschaue, ist was das herunterscrollen angeht die SZ sogar noch drastischer als Spiegel Online. So weit nach unten scrollen konnte man in Deutschland nur selten. Ich selbst bin eigentlich kein großer Fan davon. Ich habe es auf anderen Seiten eher selten gemacht. Bei der SZ fange ich nun damit an. Besonders gefällt mir der Bereich der Ressorts, unter den Top-Meldungen. Im Ressort-Bereich steckt jedoch noch mehr Potential. Es hört auf den Namen „mehr“. Ein kleiner Button mit dieser Aufschrift wartet nämlich bei jedem Resort auf der Startseite. Beim ersten Mal dachte ich „jawohl!“. Leider wurde ich beim Klick auf „mehr“ herbe enttäuscht: Drei weitere Meldungen erscheinen. Das war es. Das Design ist nicht die Kür Facebook und Google haben uns an Seiten gewöhnt, die nicht bei jedem Klick neu laden, sondern lediglich Elemente ausklappen lassen oder verschieben. Ajax heißt das Zauberwort. Das kleine „mehr“ könnte genau das auf Nachrichtenseiten übertragen. Ich träume von einer Seite mit einem Aufmacher und vielleicht noch zwei weiteren Top-Meldungen. Dann folgen die Ressorts mit ihrer jeweiligen Topmeldung und vielleicht zwei Zeilen mit weiteren News. So habe ich auf den ersten beiden Screens das Neuste aus allen Ressorts. Und wenn ich mehr aus zum Beispiel Politik wissen will, klicke ich auf „mehr“ und das Politik-Ressort klappt auf. Ist nichts dabei, klappe ich es wieder zu und es stört mich nicht weiter. Vielleicht werde ich in Zukunft damit überrascht. Denn: Die technischen Möglichkeiten sind bereits vorhanden, schließlich gibt es das „mehr“ mit dieser derzeit begrenzt genutzten Funktion bereits. Und Plöchinger schreibt in seinem Text, dass Seiten permanent weiter entwickelt werden sollten. Dadurch werde es unwahrscheinlicher, Leser mit zu krassen Änderungen zu verschrecken. Genau daran hält sich sueddeutsche.de zurzeit. Anders verhielten sich Konkurrenten, die 2011 vieles auf einen Schlag umsetzen. Das mögen Verlage lieber. So kann man eine Pressemitteilung raus hauen und sich mit der gemachten Arbeit selbst beweihräuchern. Die FAZ und im kleineren Maßstab das Darmstädter Echo haben es vorgemacht. Mit eher mäßigem Erfolg. In meinen Augen hat die SZ aktuell erstmals die Chance, Spiegel Online als Taktgeber abzulösen. Und zwar ironischer Weise, weil Plöchinger in einer Sache falsch liegt: Das Design ist eben nicht die Kür, sondern oberste Pflicht. Zumindest im deutschen Online-Journalismus. Zumindest für Online-Blattmacher. Alle orientieren sich an Spiegel Online. Nur Spiegel Online an Bild.de Plöchinger sitzt in einem Hochhaus mit welchen der besten deutschen Printjournalisten. Klar: Texte müssen für online anders aufbereitet werden. Aber auch dieses „anders“ ist journalistisches Grundgerüst. Das können SZ-Redakteure. Damit gute Print-Texte online funktionieren und vor allem wahrgenommen werden, müssen sie jedoch in einem angenehmen Umfeld präsentiert werden, das ich gerne besuche. Und das bedeutet: Erst die gute Kür ermöglicht es, dass die Pflicht überhaupt wahrgenommen wird. Ich denke, Spiegel Online ist deshalb so weit vorne, weil es das eigene Potential in mehrerlei Hinsicht am besten nutzt. Der Nachteil ist, dass in der neuerdings Ericusspitze deshalb vermutlich weniger Luft nach oben ist, als etwa bei der SZ. Großes Potential haben auch andere:

Zeit Online mit der Zeit im Rücken und einen sortierten Online-Auftritt

Die taz hat eine Reihe guter Analysten und häufig eigene Themen mit einem eigenen Zugang. Außerdem gibt es in der Rudi-Dutschke-Straße 23 flache Hierarchien, was für online vorteilhaft ist. Doch bei der taz schlummert viel des Potentials hinter einem technisch mittlerweile überholten Online Auftritt.

Die FAZ ist personell und fachlich sicher ähnlich gut bestückt wie die SZ. Doch die Frankfurter verstecken ihre„Pflicht“ hinter einem angelsächsischen Layout, welches Deutsche eher verwirrt. Bezeichnend, dass seit dem Relaunch, den Martin kommentiert hat, bereits ein Stück weit zurückgerudert wurde.

Die ARD, bzw. tagesschau.de arbeitet wenig überraschend auch an einem Relaunch. Die Seite wurde lange von vielen meiner Kollegen gelobt, ist mittlerweile aber auch nicht mehr up to date. Spiegel Online bekommt Konkurrenz. Und das sind sie selber schuld. Alle deutschen Onlinemedien orientieren sich an Spiegel Online. Nur Spiegel Online orientiert sich an Bild.de. Lange hat man in Hamburg, wohl auch weil die Konkurrenz tatsächlich schlief, die Zeit und die SZ online nicht als Konkurrenz gesehen, dafür das erfolgreiche Bild.de. Deshalb hat man sich in diese Richtung entwickelt und so auf dem „seriösen Flügel“ Platz gelassen, wo nun Konkurrenz durchbrechen kann. Und genau das versuchen vor allem SZ, FAZ und die Zeit aktuell. Bezeichnend, dass sie dabei häufig ehemalige Spiegel Online-Leute an Bord haben. Qualitätssteigerung möglich

Der Zeitpunkt ist günstig: 2010 war Wikileaks und Datenjournalismus. 2011 war das Jahr der Live-Ticker. Ich glaube, 2012 könnte für den (Online)-Journalismus das Jahr der Analysen werden. Themen wie die Euro-Krise oder der Iran schreien nach Einordnung. Das sieht man aktuell auch bei der Debatte um den Bundespräsidenten. Die SZ, die Zeit und die FAZ sind bereits seit Jahren in ihren Printprodukten erfahren darin, Einordnung und Kommentierung zu liefern. Daher können sie 2012, die passende Online-„Kür“ vorausgesetzt, kräftig punkten. Die neue Konkurrenzsituation wird im Idealfall die Qualität des deutschen Journalismus verbessern. Und sie könnte eine Chance für junge Journalisten sein. Im Netz ist die Markentreue geringer. Man wechselt schneller von Spiegel Online zur SZ, als das man ein Print-Abo ändert. Erfolg ist schneller messbar und der Druck, gut zu sein, höher. Das bedeutet im Idealfall, dass die Anbieter gezwungen sind, diejenigen einzustellen und gut zu bezahlen, die wirklich gute Arbeit leisten. Vitamin B und Seilschaften sieht der User im Frontend nicht. Sie fallen ihm zumindest nicht positiv auf.

Über den Autor Andreas Grieß studiert an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus und ist als freier Journalist tätig. Er ist, wenn man so will, der Gründer von youdaz.com, von wo aus wir diesen Crosspost mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen durften. Andreas Grieß beschäftigt sich unter anderen mit Medienwandel und dem Einfluss von Social Media. Homepage: http://www.andreasgriess.de Twitter: @youdaz

January 13 2012, 9:45am

Paid Content: Wie es klappt

Aus der Slowakei kommen gute Nachrichten für die Medienwelt: Paid Content funktioniert. Es gibt allerdings einen Haken, der keiner mehr ist, wenn der Bund Deutscher Zeitungsverleger einen großen Einfluß hätte. Alle Verleger ziehen an einem Strang. Die Idee von Pianomedia ist simpel, wie alles was gut funktioniert. Für 1,99 EURO im Monat (48,90 EUR pro Jahr) kann man im Piano-Abo fast alle wichtigen slowenischen Zeitungen im Internet lesen. Das Geld wird zentral eingesammelt. Die angeschlossenen Medienhäuser entscheiden selbständig, welche Inhalte kostenlos bleiben (wie tagesaktuelle Ereignisse etc.) und welche Inhalte nur für Pianomedia-Abonennten zugänglich sind. 9 Medienhäuser machen mit insgesamt 40 Marken mit. Bisher haben sie 1,3 Millionen Kunden geworben, was unglaubliche 65% der Bevölkerung in dem kleinen Land ausmacht, jetzt werden sie expandieren ins Nachbarland Slowenien.

January 10 2012, 11:25am

Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft…

… oder: Die drei Arten von Information im Internetzeitalter “Indem der Zeitungsleser beobachtet, wie exakte Duplikate seiner Zeitung in der U-Bahn, beim Friseur, in seiner Nachbarschaft konsumiert werden, erhält er ununterbrochen die Gewißheit, daß die vorgestellte Welt sichtbar im Alltagsleben verwurzelt ist.” Benedict Anderson

Lagerfeuer Zwei Sentenzen hört man immer wieder, wenn es um die gesellschaftliche Funktion von Medien geht. Der erste Satz lautet: “Das Fernsehen ist das Lagerfeuer der Nation”. Je nachdem, aus welcher Generation man stammt, mögen die Assoziationen unterschiedlich sein und von Wandervögeln über Pfadfinder bis Indianern reichen. Impliziert sind aber immer die folgenden Dinge: Geselligkeit, Gesang, manchmal: Bohnen aus der Dose. Immer jedoch geht es um ein Leuchten inmitten einer dunklen Nacht, das von irgendjemandem bewacht werden muss. Die kalte Einheit der Nation wird durch das Lagerfeuer zu einem spürbar warmen Zusammenhalt. So zumindest die Ideologie der Fernsehmacher, die diesen Satz gerne immer wieder aufwärmen. Klebstoff Der zweite Satz lautet: “Informationen sind der Kitt der Gesellschaft.” Immerhin, dieser Satz kommt ohne das wärmende Feuer des Fernsehbildes aus und beschränkt sich auf die formale Feststellung, dass Informationen die Gesellschaft zusammenhalten. Geht man von einigermaßen orthodoxen Interpretationen der Systemtheorie aus, ist der Satz eine bloße Tautologie. Wenn Gesellschaft zum Beispiel nach Luhmann das größte soziale System darstellt und soziale Systeme aus Kommunikationen bestehen, versteht sich der Satz von selbst. Aber meistens ist dieser Satz viel normativer gemeint (Luhmann würde diese normative Deutung nicht mit einer Zange anfassen). Dann geht es nämlich um den normativ guten Zusammenhalt, der bedroht ist, wenn die Information nicht mehr das leistet, was sie tut – integrieren. Das klingt bei Meckel dann so: “Es gäbe keinen kritischen Diskurs mehr, und damit würde unser System auseinanderfallen. Informationen sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. In meinem Buch treibe ich diese Idee auf die Spitze: Die Menschheit schafft sich durch die Perfektionierung der Algorithmen selbst ab.” Je mehr die Algorithmen uns in einer Filterblase einlullen, desto geringer die Chance der systemintegrierenden Informationen, uns noch zu erreichen. Irgendwann fällt die Gesellschaft dann auseinander. An dieser Stelle wird es aber spannend. Meckel hat gar nicht einmal Unrecht mit der gesellschaftlichen Funktion der Medien. Medien stützen, ja schaffen sogar Gesellschaften. Die ersten Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts waren Drucksachen. Erst die massenhafte Vervielfältigung immer derselben Informationen schaffte in den Köpfen der Menschen eine homogene Vorstellung von Gesellschaft und Nation. Aber Meckel verwendet die falsche Zeitform. Informationen waren dieser Kitt, haben diese Funktion aber in der Gegenwart verloren. Nach wie vor sind heute, im Informationszeitalter, Informationen eine Art Kitt. Aber, was dadurch zusammengeklebt wird, ist nicht mehr die eine Gesellschaft, sondern sind viele unterschiedliche, überlappende, große, kleinere, feste, lose Gemeinschaften. Oder wie es der Presseschauer formuliert: Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft. Vor allem hat sich die Art der Information verändert. Es geht nicht mehr um die journalistisch recherchierten und nach Maßgabe der Aufmerksamkeitsfaktoren aufbereiteten Nachrichten für ein durchschnittliches allgemein-gebildetes Publikum. Stattdessen spielen für die Gemeinschaften im Internetzeitalter folgende drei Formen der Information die zentrale Rolle: Die drei Arten von Information der Internetgesellschaft

Schwarmähnliche Status- und Positionsmeldungen, mit denen wir den anderen Mitgliedern unserer virtuellen Stämme mitteilen, wo wir uns gerade aufhalten und wie unsere Koordinaten relativ zu den anderen Mitgliedern aussehen. Diese Informationsaufnahme geschieht häufig gar nicht voll bewusst, sondern diese “ambient intimacy” wird reflexartig hergestellt. Wir merken vor allem das Fehlen eines Signals / einer Statusmeldung, zumal uns diese Aufmerksamkeit immer stärker von Technologien abgenommen wird. Wenn die Signale vorhanden sind, ist alles in Ordnung, die Gewissheit der (sozialen) Welt kann weiter bestehen.

Hermetische Symbolkommunikation, also Meme, die nur innerhalb einer bestimmten Community verständlich ist, außerhalb aber nur als Rauschen oder “Gibberish” wahrgenommen wird. Katzenbilder fallen in diese Kategorie, obwohl sie zu den exoterischsten Spielarten dieser Form von Informationen gehören. Sie können zumindest im Rahmen von Parametern wie “süß” oder “seltsam” auch außerhalb der Gemeinschaften dekodiert werden.

Kommunikative Feedbackschleifen, die sehr schnell zu kreisenden oder sich aufschaukelnden und schließlich eskalierenden Erregungszuständen führen können. Zahlreiche jüngere Beispiele zeigen die systemzersetzende Wirkung dieser Kommunikationsform. Hier ist die Information alles andere als Kitt, sondern gesellschaftlicher Sprengstoff.

Alle drei Arten taugen nicht recht als gesellschaftlicher Kitt, sondern lösen gesellschaftliche Strukturen auf oder stärken tribale Formen der Vergemeinschaftung. Die Statusmeldungen, weil sie reflexartig ablaufen, die Meme, weil sie soziale Substrukturen fördern und die Feedbackschleifen auf Grund der Neigung zur Eskalation. Autor: Benedikt Koehler (Twitter), seine Tags lauten: Social Media, Big Data, Social Network Analysis (SNA), Informationsvisualisierung, Brandtweet, Slow Media. Er arbeite als Chief Operating Officer bei dem Social Media Intelligence- und Monitoringanbieter ethority in Hamburg und München. 2006 hat er bei Ulrich Beck in Soziologie promoviert. Er betreibt den Blog “http://blog.metaroll.de” von wo aus wir diesen Crosspost mit freundlicher Genehmigung Benedikt Koehlers veröffentlichen durften.

December 28 2011, 9:45am

WikiLeaks Reportage – Rebellen im Netz

Dass WikiLeaks aus Geldmangel gescheitert ist, macht mich persönlich sehr betroffen. Dass die Schließung eine vorübergehende Sache ist, hoffe ich dennoch. WikiLeaks galt lange Zeit als demokratischer, als die meisten Parlamente, die sich diesen Stempel aufsetzten. Chefredakteure der wichtigsten Zeitungen der Welt tummelten sich um Assange und sein Projekt. Regierungen kührten WikiLeaks und die Macher zum Staatsfeind Nr. 1. Das Projekt jedoch gab vielen Menschen die Hoffnung zurück, dass man nicht nur etwas von oben nach unten, sondern auch von unten nach oben verändern kann. Dass WikiLeaks in der Tat ein starkes Vermächtnis in den Gedanken der Menschen und im Umgang mit Demokratie hinterlassen hat, versuchen viele Kritiker und Realisten derzeit zu relativieren. Zum absoluten Bedauern meinerseits. Diese 47-minütige Reportage, deren Link ich gestern mal wieder aus meinen Lesezeichen ausgegraben habe, spiegelt ganz gut die Geschichte Assanges und die von WikiLeaks von Beginn bis kurz vor Ende wider. Besonders schockierend ist dabei der Part des Colleteral Murder Videos, also die Aufnahmen des vorsätzlichen Mordes an Presseleuten und zivilen Bürgern, durch die Hand des amerikanischen Militärs. Die Veröffentlichung dieses Videos, dass einem jedes mal wieder einen Schauer über den Rücken laufen lässt, steht stellvertretend für sämtliche Missetaten, die durch WikiLeaks an die Oberfläche gebracht wurden. WikiLeaks hat viel erreicht und bedarf weiterer Unterstützung. Auch von euch!

November 21 2011, 9:35am

Journalismus heute – die richtige Denke

Vor allem nach den Umstürzen in der arabischen Welt und dem schweren Erdbeben in Japan hat sich die Haltung vieler Redakteure zu Social Media als Nachrichtenquelle geändert. Das Naserümpfen über Twitter und Facebook ist weniger geworden. Stattdessen fragen Kollegen, die einst am lautesten über das Internet schimpften, jetzt leicht verlegen an, wie man denn am besten in der “Onlinewelt” loslegen kann. Inzwischen ist vielen Journalisten klar geworden, dass sie gegenüber den neuen Entwicklungen eine Haltung einnehmen sollten, bei der sie sich nicht von der Frage leiten lassen, ob ihnen etwas gefällt oder nicht. Es geht vielmehr um Relevanz und um die Frage, inwiefern die Möglichkeiten des Internet den Journalismus besser machen können. Dieser Text richtet sich vor allem an jene, die einen Überblick darüber suchen, inwiefern das Internet denn nun konkret den Arbeitsalltag von Journalisten beeinflusst hat.

Die Rahmenbedingungen, in denen sich Journalismus abspielt, haben sich verändert:

Jeder, der über einen Internetzugang verfügt, kann heute über Social Media in Sekundenschnelle Nachrichten verbreiten. Keine tonnenschweren Druckmaschinen, keine teure Sendetechnik ist mehr nötig. Ein Mobiltelefon genügt. Laut ITU gibt es weltweit über 5,3 Milliarden Mobiltelefone, jeder neunte Erdbewohner hat Zugang zu einem mobilen Netzwerk. Die Regel, dass Journalisten die wichtigsten Gatekeeper für Nachrichtenereignisse sind, gilt nicht mehr. „Source kann go direct“. Jeder, ob Privatperson, Politiker, Unternehmer oder Organisation kann sich direkt an das Publikum wenden, ohne Intervention von Journalisten.

Trotz Information Overload: Nie war das Suchen und Zusammentragen von Information leichter. Oft ist die Information nur einen Link entfernt. Das Internet bietet nicht nur mächtige Tools, um Information aufzuspüren, sondern auch um Information zu kuratieren und organisieren. Auch wenn Open Government immer noch ein fernes Ziel ist. Immer mehr Regierungen und Organisationen stellen frei zugänglich riesige Datensätze ins Netz (Beispiele sind das http://data.gov.uk/ Projekt der britischen Regierung oder das Datenportal der UNO)

Die Kommunikation mit dem Publikum hat sich radikal verändert. Der Rückkanal im Kommunikationsmodell beschränkt sich nicht mehr auf Leserbriefe oder Zuschaueranrufe. Die Nutzer – oder wie Jay Rosen schreibt „People formerly known as audience“ – können unmittelbar, in Echtzeit mit Journalisten kommunizieren, sie bringen selbst Wissen ein. Andererseits können Journalisten das Wissen der Nutzer anzapfen. Der „Vater“ des Bürgerjournalismus und Autor des Buches We the Media Dan Gillmor bringt es so auf den Punkt: „Big Media, in any event, treated the news as a lecture. (..) Tomorrow’s news reporting and production will be more of a conversation, or a seminar.“ Das Wort Tomorrow sollte man aber inzwischen mit Today ersetzen.

Die Produktionsbedingungen für journalistische Produkte haben sich radikal verändert. Das Internet kennt keine Platzbeschränkung (das einzige Limit ist die Serverkapazität) und auch keinen Redaktionsschluss. Das Equipment für hochwertige Multimediaproduktionen ob Video, Ton oder Foto ist erheblich erschwinglicher geworden. Für Live-Berichterstattung reicht heute im Prinzip ein Smartphone aus. Das Internet ist deshalb eigentlich ein Medium der unbegrenzten Möglichkeiten. Neue Formen des Storytelling sind möglich.

Diese Entwicklung verlangen Journalisten eine neue Denke ab. Hier sieben Empfehlungen:

1) Baue Dir deine personalisierte Nachrichtenagentur auf Du suchst relevante Stimmen nicht nur in den klassischen Kanälen. Breaking News kommen nicht mehr zwangsläufig über den Ticker der Nachrichtenagenturen oder von klassischen Medienmarken. Twitter, Facebook und Blogs können interessante, alternative Nachrichtenquellen sein. Sie sind so seriös und unseriös wie jede andere Quelle auch, d.h. sie müssen verifiziert werden. Deshalb lohnt es sich, sich einen Social Circle seines Vertrauens aufzubauen. Wie effizient man das machen kann, hat der NPR-Journalist Andy Carvin in der Berichterstattung über die Umstürze in Nordafrika bewiesen. Die sozialen Netzwerke sind voll mit Experten zu allen möglichen Themen. 2) Du suchst den Dialog auf Augenhöhe mit den Nutzern Nach wie vor fällt es vielen Journalisten schwer, Selbstkritik zu üben. Hier wäre ein wenig mehr Demut und Kritikfähigkeit gefragt. Davon kann ein Journalist nur profitieren. Denn das Nutzerfeedback gibt oft interessante Anstöße, um neue Themen zu finden oder auch Lücken in der Recherche zu entdecken. Der Austausch mit dem Publikum hilft auch, die Bindung an das eigene Medium zu erhöhen. 3) Du nutzt die Weisheit deiner Leser Über die Leser der New York Times hat Jay Rosen einmal gesagt: „The most valuable thing the New York Times owns is its name and reputation. The second most valuable thing it has: the talent and experience of its staff. The third most valuable thing the Times “owns” is the knowledge and sophistication of its users.“ Unter den Nutzern befinden sich Experten aller Coleur: Anwälte, Ärzte, Lehrer, Unternehmer. Sie verfügen häufig über Fachwissen, das das der Journalisten weit übersteigt. Andererseits sind die Nutzer häufig da, wo der Journalist gerade nicht sein kann. Zapfe also das Wissen deiner Leser an. Betreibe Crowdsourcing. Wie gut das funktionieren kann hat der Guardian bewiesen. Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte die britische Tageszeitung, als sie Hunderttausende Spesenabrechnungen britischer Abgeordneter von seinen Lesern prüfen ließ. 4) Du machst deinen Arbeitsprozess transparent David Weinberger hat dargelegt, warum das Konzept der Objektivität im Zeitalter des Internet überkommen ist. Er kommt zu dem Schluss: Transparency ist the new objectivity. Vertrauen schaffen Journalisten in der verlinkten Welt von heute nicht mehr allein, indem sie schlicht behaupten, dass eine Information richtig ist. Sie schaffen es vielmehr, indem sie offenlegen, warum sie zu einer bestimmten Position gelangt sind. Dazu gehört es auch, soweit möglich, relevante Quellen zu verlinken. 5) Du kuratierst Information und managest den Information-Overload durch eine kritische Nutzung von Filtern (Suchmaschinen, Social Media, News Aggregatoren) Der Journalist von heute muss in der Lage sein, den gewaltigen Informationsstrom zu bändigen. Das Kuratieren ist ja gerade das, was professioneller Journalismus heute leisten muss. Vertrauensvolle, relevante Information herauszufiltern. Dazu gehört das Bewusstein, dass die Filter durch die automatisierte Auswahlverfahren zu verzerrten Ergebnissen führen können. Hier sei eine Auseinandersetzung mit Eli Parisers Theorie der “Filter Bubble” empfohlen. 6) Du begreifst Journalismus als Prozess Das Internet kennt keinen Redaktionsschluss. Process Journalismus geht im Gegensatz zum Produktjournalismus davon aus, dass Geschichten kein eindeutiges Ende haben. Der Chefredakteur des Guardian Alan Rusbridger hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. “A reporter may choose not to write a story at all, but to blog it. A blog need not “report” a story in the conventional way: It can link to other reports and to source materials. Within minutes of publication most stories will be subject to challenge or addition or clarification or correction. How we react to, or incorporate, that challenge is of basic concern. A “story,” thus told, may have no obvious natural finishing point. The resulting piece of journalism is more fluid than its predecessors. It more closely resembles the real world, which is rarely about neatly cut and dried events with only one narrative version and a finite ending.” Journalismus wird hier als Work in Progress verstanden, in dem schon früh die Nutzer mit einbezogen werden. Deshalb muss bloggen oder twittern auch kein Zeitfresser sein. Im Gegenteil: ein Blog ist ja oft nichts anderes, als ein öffentlicher Notizblog, der dem Reporter hilft, sein Wissen zu mehren und seine Kompetenz zu stärken sowie sich von Nutzern Anregungen zu holen. 7) Du betreibst Storytelling auf mehreren Kanälen Das Radio lebt, das TV auch und die Zeitung ist nicht tot. Das Internet bedeutet nicht das Ende der klassischen Medienformen. Es erweitert aber die Möglichkeiten, wie ich Geschichten erzähle. Wem daran liegt, seine Stories unters Publikum zu bringen, der wird diese Möglichkeiten nutzen. Man sollte sich fragen, auf welchen Kanäle man wie seine Story erzählen soll. Macht es Sinn, bereits einen Rechercheblog zu starten, lohnt sich die Einbindung der Nutzer über Social Media und wie präsentiere ich meine Geschichte letztendlich im Internet. Dabei sollte die visuelle Aufarbeitung der Story eine prioritäre Rolle spielen. Internet ist vor allem ein Medium fürs Auge. Das heißt keineswegs, dass wir nun immer Videos machen. Doch das visuelle Denken fängt schon beim Texten an: Es muss ja nicht immer der „lange Riemen“ sein. Warum nicht einmal ein Pro-Kontra- oder ein Frage-Antwort-Text, eine Chronologie, etc.. Wie man die Kraft der Fotografie nutzt zeigt beispielsweise das inzwischen viel kopierte Format des Bosten Globe Big Picture. Immer größer wird das Thema der Visualisierung von Datensätzen. Hier entstehen neue Berufsfelder in der Programmierer und Journalisten sich an einen Tisch setzen. Das Internet bietet Journalisten Freiräume für Kreativität. Deshalb sollte man sich bei jeder Geschichte die Frage neu stellen: Gibt es noch eine bessere, visuelle Idee die Geschichte zu erzählen. Autor: Steffen Leidel ist DW-World.de-Experte für Bolivien, Kolumbien, Venezuela und Peru mit den Schwerpunktthemen Entwicklungspolitik, Armutsbekämpfung, Drogenpolitik sowie Erdölwirtschaft und Energiepolitik. Außerdem ist er Experte für Europa in Sachen Migration (speziell Spanien). Er betreibt zusammen mit Marcus Bösch den Gemeinschaftsblog „lab“ von wo aus wir diesen Crosspost mit freundlicher Genehmigung Steffen Leidels veröffentlichen durften.

November 12 2011, 11:04am

Transparenz in den Medien

Wer hatte sich das nicht schon immer gewünscht: Auf Zeitungen könnten nun nette Labels prangen, die potentielle Leser auf die Verhältnisse hinweisen, wie bestimmte Inhalte in Zeitungen und Magazinen entstehen. Wer sich diese hilfreichen Etiketten herunter laden will, der findet hier mehr Beispiele und ein PDF, das direkt auf Avery-Etiketten ausdruckbar ist…

October 13 2011, 9:35am

Kann ein Blog ein Qualitätsmedium sein?

Am Donnerstag besuchte ich eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die Zukunft der Presse im digitalen Zeitalter“, im Rahmen einer Vorführung der Dokumentation „Page One – Inside The New York Times“, auf dem Filmfest Hamburg. Ich erhoffte mir einen Einblick hinter die Kulisse der klassischen Printmedien und besonders durch das Gespräch der Gäste ein paar Denkanstöße, wie Qualitätsmedien und die Anforderungen des Internets zusammen funktionieren könnten. Anstatt aber über mögliche Wege und Strategien zu sprechen, wurde ein Großteil der knappen Zeit leider dafür verwendet, die Dokumentation zu kommentieren und zu erklären, warum klassische Qualitätsmedien und digitale Medien unterschiedlicher nicht sein können… Was mir dabei bereits nach kurzer Zeit aufgefallen ist, war die einstimmige Meinung der beiden teilnehmenden Journalisten Frau Simone Schellhammer und Herr Prof. Dr. Volker Lilienthal, die beide die Rolle des Blogs als qualitatives Meinungsmedium tendenziell eher verneint haben. Ein Haltung, die ich in Anbetracht viel gelesener und einflussreicher Blogs wie Netzpolitik.org oder Lawblog.de im ersten Moment und auch nach etwas längerem Nachdenken nicht teile. Bei meiner Suche nach einer konkreten oder einheitlichen Definition, was ein Qualitätsmedium eigentlich genau sei und was es kennzeichnet, bin ich nicht eindeutig fündig geworden. Eine klare Aussage zu dem Begriff gibt es nicht. „When asked to define it, journalists and others have difficulties articulating its elements“ stellte Robert G. Picard einmal in seinem Artikel „Commercialism and Newspaper Quality“ fest. Und genau darin liegt wahrscheinlich auch das Problem. Das Gütesiegel wird im Grunde selber verliehen von denjenigen, die denken es verdient zu haben. Dabei ist auffällig, dass gerade etablierte Printmedien und die dahinter stehenden Journalisten diese Bezeichnung gerne vereinnahmen und sich als das Maß aller Dinge begreifen. Kriterien wie investigativ, originell sowie sorgfältig und vollständig recherchiert, sind die Indikatoren, die oftmals einstimmig von der Allgemeinheit genannt werden. Doch können diese Kriterien nicht von Bloggern erfüllt werden? Sind Blogartikel schlecht recherchierte und einfach dahin gerotzte Beiträge, die man nicht ernst nehmen kann, weil sie jeglichem Qualitätsanspruch nicht gerecht werden? Natürlich kann man nicht jeden Blog als qualitativ hochwertig bezeichnen, genauso wenig wie man jede Berichterstattung einer Tageszeitung als qualitativ hochwertig bezeichnen kann. Oftmals wird nur verlautbart, was sich im Tagesgeschäft der Nachrichten so tut. Was hier und dort auf der Welt passiert. Kalttexte, die mit der „heißen Nadel“ geschrieben worden, sind in den Printmedien wie der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung genauso allgegenwärtig, wie auf so manch einem Blog. Und genauso verhält es sich auch mit hochwertigen Texten. Wer an einen Blog denkt, der geht meistens erstmal davon aus, dass er von einer Person geschrieben wird. Diese Person nutzt dieses Medium dann – in den Gedanken der Leute – lediglich um seine eigenen Meinungen preiszugeben oder um es als digitale Visitenkarte zu betreiben, damit andere auf denjenigen aufmerksam werden. Der zweite Gedanke geht dann oftmals in die Richtung Corporate Blogs. Also Firmen-Blogs, die darauf ausgerichtet sind, mithilfe des Mediums eine größere Reputation ihrer Marke auszulösen. Ein Blog, auch wenn er sich mit gesellschaftlichen Themen oder Nachrichten beschäftigt, passt für die meisten nicht wirklich ins Bild des Qualitätsanspruches einer Tages- oder Wochenzeitung. Diese bieten nämlich eine breite Masse an größtenteils gut recherchierter Themen verschiedener Ressorts an und auch das ist ein (nirgends fundiertes) Kriterium, das Prof. Dr. Lilienthal einem Qualitätsmedium zu schreibt. „Ein Qualitätsmedium hat dem Leser eine breite Fülle verschiedener Themen anzubieten“ und „Blogs berichten zu einseitig“, entgegnete er mir auf die Frage hin, ob er sich vorstellen könne, dass Blogs vielleicht zukünftig zu Qualitätsmedien werden können. Für mich persönlich macht dieses zusätzliche Kriterium, dass der Journalistik-Professor der Universität Hamburg hervorbrachte lediglich aus, ob es sich um ein Massenmedium handelt, jedoch macht es kein Qualitätsmedium aus. Zumindest nicht dann wenn die Qualität des Inhaltes, also des darin enthaltenen Artikels, im Fokus des Betrachters liegt. Dass Blogs auch und gerade wegen Ihrer Neigung zu einem bestimmten Ressort durchaus einen hohen Qualitätsanspruch aufweisen können und damit sogar Skandale identifizieren, die von dem klassischen Medien ungesehen bleiben, bewies nicht zu letzt auch der Fall Horst Köhler. Der Skandal um die Formulierung der „freien Handelswege“, mit der Köhler militärische Mittel rechtfertigte, kostete dem Bundespräsidenten a. D. im Endeffekt sogar sein Amt. Die Debatte wurde hier maßgeblich durch den Blogger Stefan Gauke von Unpolitik.de losgetreten, der das Köhler-Interview auf Deutschlandfunk aufgriff und die Äußerungen unter dem Titel „Unser Volk braucht Markt!“ in Frage stellte. Kurz darauf wurde das Thema von etlichen anderen Blogs u.a. einem Blog vom Freitag und auch dem Querblog aufgefasst und thematisiert. Bis dahin gab es noch keine Regung der klassischen Medien dazu. Die Beobachter in den Redaktionen waren wohl voll beschäftigt mit dem Rücktritt Roland Kochs oder vielleicht war die Äußerung nicht wichtig genug. Laut Prof. Dr. Lilienthal waren die Redaktionen sogar „im Wochenende!“. Ein anderes aktuelleres Beispiel dafür, das Blogs mit Ihren Recherchen auch investigativ sein können, beweist die „Causa Kauder“. Der CDU-Politiker Siegfried Kauder, der mithilfe des sogenannten „Three-Strikes-Modell“ Urheberrechtsverletzern im Web den Zugang zum Netz sperren will, ging nach seiner Bekanntgabe des Vorhabens ebenfalls einem findigen Blogger auf den Leim. Tobias Raff empörte sich an diesem Vorhaben so stark, dass er dem Vorsitzenden des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages aufgrund eigener Verstöße des Urheberrechtes anzeigte. Der Blogger fand zuvor heraus, dass Kauder nicht-lizenzierte Bilder auf seiner eigenen Homepage veröffentlichte. Dieses Thema wäre wohl kaum zur Debatte gekommen ohne die ernstzunehmenden Vorwürfe Raffs und womöglich sogar vollkommen untergegangen. Dabei hat dieses Unterfangen weit mehr ausgelöst, als die pure Zurschaustellung der Unfähigkeit Siegfried Kauders. Es zeigt auch wie schnell man in Urheberrechtsfallen treten kann – selbst als Jurist – und wo tatsächlich Handlungsbedarf bedarf besteht. Der klassische Journalist und der zumeist unterschätzte Blogger geraten bei der Qualitätsfrage oft aneinander. „Internetschreiberling“ schimpft der eine, „Graue Eminenz“ schimpft der andere. Beide jedoch, bezeichnen sie sich selber gerne als „dritte Instanz“ und verdienen diese Bezeichnung auch. Schaut man sich um, dann wirkt dieses Zusammenspiel der beiden „Instanzen“ wie das Vater-Sohn-Verhältnis zweier konkurrierender Platzhirsche. Der Ältere fühlt sich bedroht durch den Anspruch auf Anerkennung des Jüngeren und der Jüngere fühlt sich denunziert durch das Niederreden seiner Leistungen durch den Älteren. Es ist ein Getue, wie man es eigentlich nur von rebellierenden Jungen und konservativen Alten erwarten würde. Dabei ist dieser Typus Mensch sich ähnlicher, als beide Parteien glauben, denn es fließt das gleiche Blut in deren Venen. Eine engere Zusammenarbeit jedenfalls könnte nicht schaden. Was nun tatsächlich ein Qualitätsmedium ist oder nicht, vermag auch ich nicht zu sagen. Ich sehe Qualität in beiden Gestalten. Sowohl im Blog als nach wie vor in den klassischen Medien. Wichtig ist für mich, womit sich das Medium beschäftigt, welchen Anspruch es an sich selber hat und wer da über was schreibt. Gerade bei dem Thema Internet und neue Medien, sehe ich jedenfalls höhere Kompetenzen bei den nennenswerten Bloggern wie Markus Beckedahl, als bei den klassischen Journalisten. Gleichwohl gibt es aber auch Themen, die ich eher der ZEIT oder dem Spiegel zuschreiben würde. Zum Ende hin würde mich nun einmal interessieren, was für euch Qualitätsmedien sind. Und ob Ihr Blogs zukünftig eine größere Bedeutung im Bezug auf die politische und gesellschaftliche Öffentlichkeit zuschreiben würdet. Kann ein Blog außerdem zum Qualitätsmedium werden? Ich bin sehr gespannt auf eure Meinung!

October 10 2011, 9:45am

Warum man auf Blogger nicht scheißen sollte

Wenn Twitter im Alltag der Journalisten unbekannt ist, dann nehmen sie die Wirklichkeit nicht mehr wahr. Zeit für die Medien, sich selbst weniger wichtig zu nehmen und das Internet zu verstehen.

Die liebwertesten Gichtlinge in Politik und Wirtschaft sollten Blogger nicht mehr unterschätzen. Ein Lehrbeispiel präsentierte der Journalist Richard Gutjahr auf dem DJV-Fachkongress „Besser Online“ im Bonner Post-Tower. Landläufig herrsche die Auffassung, dass Organisationen nur bei Anfragen etablierter Medien wichtige Informationen preisgeben. Gutjahr verwies auf die Besonderheit des Veranstaltungsortes. „Ich habe vor rund einem Jahr bei der Deutschen Post angerufen, bevor ich in die Sommerferien geflogen bin. In dem Telefonat mit der Pressestelle sagte ich, dass ich zwar für den Bayerischen Rundfunk arbeite, aber die Anfrage als Blogger stelle“, so Gutjahr. Die Recherche drehte sich um den legendären E-Postbrief mit dem Versprechen des Gelben Riesen, das Briefgeheimnis ins Internet zu bringen. Kompliziert, teuer und nicht besonders sicher, lautete das erste Urteil der Stiftung Warentest. Gutjahr wollte etwas zu den AGBs wissen. „Denn die verkaufen nämlich die Adressen der vermeintlich sicheren Geschäftsidee. Dann gab mir der Konzern-Pressesprecher sinngemäß folgende Antwort: ‚Wenn Sie für die ARD anrufen, gebe ich Ihnen eine Auskunft. Blogger interessieren uns nicht.‘ Dann habe ich denen danach noch einen Fragenkatalog per E-Mail geschickt und telefonisch nachgehakt. Der Herr hat nicht mehr reagiert“, erläuterte Gutjahr. Ignoranz führt zum Shitstorm Er teilte der Post mit, den Beitrag auch ohne eine Stellungnahme des DAX-Konzerns auf seinem Blog zu veröffentlichen. Wieder keine Reaktion. „Auf dem Weg zum Flughafen drückte ich den Publish-Button auf meinem iPhone. Als ich aus dem Flieger am Urlaubsort ausstieg, war der Server zusammengebrochen. Lesen Sie mal meinen Blogpost ‚Der E-Postbrief – Die Gelbe Gefahr?‘. Das ist ein Paradebeispiel, wie man auf keinen Fall mit Bloggern umgehen sollte“, sagte Gutjahr. Die Post habe an diesem Tag eine Menge Geld verballert, weil sie einem Blogger kein Interview geben wollte. Im Kommentarverlauf könne man sehr gut nachvollziehen, wie der Shitstorm sich ausbreitete und nicht mehr gekontert werden konnte. „Die mussten ihre AGBs ändern und eine sündhaft teure Kampagne hinterherschieben. So etwas wird denen nicht mehr passieren. Mittlerweile beantwortet die Post jede Blogger-Anfrage.“ Mittlerweile gebe es einige DAX-Konzerne, die ihren Pressestellen und Kundenberatern sogarDIN A3 große Flow-Charts an die Hand geben, damit sie wissen, wie man mit xy umgehen muss, wenn er eine Frage via Telefon, E-Mail, Twitter oder Facebook stellt, bestätigte der Berater und Blogger Don Dahlmann in der Gesprächsrunde zum Thema „Ich bin drin – und jetzt? Selbstvermarktung und Social Media“. Das Instrument der Abmahnung einzusetzen, um sich kritische Blogger vom Leib zu halten, sei wenig ratsam. „Das führt zum berühmten Streisand-Effekt. Im Moment der Abmahnung geht der Shitstorm erst so richtig los. Wer einen Blogger abmahnen will, kann ihm auch direkt auf den Rasen scheißen. Das kommt auf das Gleiche raus. Es führt zu einer Solidarisierung der Blogszene“, weiß Dahlmann. Da seien einige Firmen schon ganz böse hingefallen. Aber nicht nur Konzernsprecher unterschätzen die Möglichkeiten der digitalen Welt. Das gilt überraschenderweise auch für den journalistischen Nachwuchs. Digitale Inkompetenz im Journalismus „Junge Leute, die zur Journalistenschule kommen, sind nicht per se bei Twitter oder Facebook. Ich wundere mich, wie wenig die sozialen Netzwerke in den Arbeitsalltag integriert werden. Das gilt vor allem für Twitter. Als journalistisches Medium ist es unbekannt. Facebook ist für alle selbstverständlich – aber eher für die private Nutzung“, erklärte Matthias Spielkamp von iRights.info im Abschlussplenum von „Besser Online“. Der deutsche Journalismus im Umgang mit den neuen Medien sei noch sehr unterentwickelt, kritisierte Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de. Das Selbstbildnis vom allwissenden Journalisten habe sich durch die Social-Media-Ausdrucksformen in angelsächsischen Ländern schon sehr gut reduziert. Hier gebe es sehr interessante und kluge Ansätze für einen kuratierenden und moderierenden Charakter des Journalismus. „Es ist erstaunlich, dass wir das im Jahr 2011 in Deutschland noch nicht entdeckt haben. Wir reden über neue Kulturtechniken, die Journalisten erlernen müssen. Wir befinden uns in einem Ökosystem, das sich permanent ändert. Ich bekomme einen kalten Schauer, wenn ich in der Klasse einer Journalistenschule stehe und nach den Berufswünschen frage“, so Plöchinger. Die Hälfte wolle nicht digital arbeiten, sondern eher das berühmte Stück auf Seite drei schreiben. „Die haben aber noch 40 Jahre vor sich. Das wird nicht mehr passieren. Man wird digital arbeiten. Man wird sich damit auseinandersetzen müssen.“

Crosspost von theeuropean

September 20 2011, 10:00am

Rezension: Wired auf deutsch

Wild, wilder, Wired Die deutsche Zeitschriften-Landschaft ist im internationalen Vergleich außerordentlich beweglich. Neue Objekte werden gegründet, andere gehen ein, und meistens geschieht das außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Doch dann gibt es ab und zu Magazin-Projekte, auf die alle schauen, so als würde sich hier die Zukunft einer ganzen Branche entscheiden. Das Neon war eines und die in Deutschland glücklose Vanity Fair. Jetzt ist es wieder so weit. Eine deutsche Ausgabe des Wired-Magazins wurde aus dem Boden gestampft…

Seit gestern liegt sie, als Test-Pilot, dem Herren-Magazin GQ bei. Sie erscheint im Condé-Nast-Verlag, der sich erfolgreich auf Hochglanz-Magazine spezialisiert hat, Neben Vanity Fair, erscheint hier auch die einflussreiche Mode-Gazette Vogue. Der Chefredakteur der neuen Verlags-Tochter ist ein alter Bekannter der Blogosphäre: Thomas Knüwer war einmal Handelsblatt-Redakteur und betrieb dort den erfolgreichen Blog „Indiskretion Ehrensache“. Dann hat er gekündigt, um sich als freiberuflicher Blogger und vor allem als Berater selbständig zu machen. Das Heft ist spannend – und respektabel: 130 Seiten, die einen klaren thematischen Fokus haben (das Web, das Web, und nochmals das Web). Innerhalb dieses Kosmos wird aber eine Vielfalt geboten, für die im klassischen Print-Journalismus der Platz und vor allem das Gespür fehlt. Die bunte und breite Online-Welt wird gespiegelt durch soliden und sorgfältig recherchierten Journalismus. Und daran fehlt es vielen Blogs. Hier schließt sich der Kreis. Neon meets Netzwertig. Im Heft trifft man viele der üblichen Verdächtigen: die bloggenden Journalisten Richard Gutjahr und Mario Sixtus sowie der IBM-Wunderknabe Gunter Dueck schreiben als Kolumnisten. Über Markus Beckedahl wird berichtet, der unausweichliche Jeff Jarvis sinniert über Johannes Gutenberg und das Silicon Valley. Es sind einige richtig gute Sachen dabei. Freche und sinnvoll konzipierte Grafiken informieren über die Globalisierung des Verbrechens, die Demontage vom Atom-Kraftwerken und das Oktoberfest. Das Highlight ist ein Bericht über Dark Nets, den finsteren, illegalen Underground des Netzes. Doch leider ist der Artikel mit zwei großzügig gelayouteten Seiten viel zu kurz. Einen längeren Text hätte man dem Leser schon zumuten können. Das Heft ist in Ressorts unterteils, die ganz den aktuellen Magazin-Gepflogenheiten folgen, das heißt hip und lebendig klingen: „View“, „Think“, „Fetisch“, „Play“ … Allerdings tragen die Ressort-Namen nicht unbedingt zur Klarheit bei, weswegen das (noch dazu visuell überfrachtete) Inhaltsverzeichnis mehr verwirrt als erhellt. Vom Neon-Magazin mit seinen intuitiven Ressort-Namen könnte da noch einiges gelernt werden. Zukunftsaussichten Definitiv füllt das deutsche Wired eine Lücke. Es gibt das t3n-Magazin, doch das ist sehr, sehr technisch, die zwei-wöchentlich erscheinende Internet World Busines hat hingegen einen reinen Wirtschafts-Fokus, und das „Business-Lifestyle“-Magazin Business Punk hat einen interessanten Ansatz, die Umsetzung ist aber einfach nur albern. Die große Frage ist, ob sich die Wired in Deutschland halten kann. Zumindest dafür, dass sich Werbekunden hier wohl fühlen, wird gesorgt: eine Produktstrecke mit Gadgets im Hochpreis-Segment sorgt für die richtige Stimmung bei der Leserschaft. Wenn das nicht reicht, gibt es ein Advertorial-Format, mit dem Anzeigen den Look eines regulären Artikels verpasst bekommen. In Heft 1 etwa wird der BMW i, ein Canon-Drucker und das Bezahlfernsehen Sky Go im Rahmen einer jeweils mehrseitigen „Wired Promotion“ vorgestellt. Im BMWi-Artikel heißt es zum Beispiel.: „Noch nie waren sich pure Fahrfreude und verantwortungsvolle Mobilität so nahe.“ Wie der Lesermarkt reagiert, lässt sich schwer voraussagen. Das Scheitern der mit viel Talent und einem riesigen Marketing-Budget gestarteten Vanity Fair hängt als Damoklesschwert über jedem ambitionierten Zeitschriften-Projekt. Ich wünsche viel Glück und hoffe, dass ich die deutsche Wired No. 2, No. 3, No. 4 bald in den Händen halten kann.

September 9 2011, 10:00am

Medienwoche@IFA 2011 – Digital is now!

Morgen beginnt sie, die Medienwoche@IFA 2011 in Berlin. In den Tagen vom 2. Sept. bis zum 8. Sept. 2011 werden Events und Kongresse ablaufen, die von den wichtigsten Akteuren der Medienwelt besucht und geführt werden. Die Medienwoche besteht aus der IFA – der wichtigsten Messe für Unterhaltungselektronik – und dem internationalem Medienkongress, der mit jeder Menge international besetzten Keynotes, Podien und Screenings für große Beachtung sorgen wird. Mit dabei wird z.B. auch Julian Assange sein, der mit seiner Keynote „Die Zukunft der digitalen Öffentlichkeit: Über Transparenz und was diese für die Welt bedeutet“ per Liveschaltung aus England teilnehmen wird. Diese Bestandteile und weitere hochkarätigen Gäste machen die Medienwoche zu dem Branchenhighlight Europas in diesem Jahr.

IFA 2011 – Get in Touch with Consumer Electronics Unlimited (2. Sept. – 7. Sept. 2011) Die IFA ist und bleibt das Event für Fans von Unterhaltungselektronik. Kaum ein Bereich wächst schneller und ist innovativer als dieser. Kein Wunder steckt doch hier auch eine Menge Umsatz für die Entwickler dahinter. Eines der wichtigsten Themen wird die Verbindung von Fernsehen und Internet sein. So ist es nicht mehr lange hin bis man über seinen Fernseher das TV-Programm, aber auch YouTube-Videos oder Inhalte von Social Networks oder anderen Diensten und Webseiten empfangen kann. Eine Revolution, die das Beste beider Welten vereint, sagte schon der Internet-Riese Google zu dem Thema, als er im vergangenen Jahre Google TV vorstellte. Weitere Themen sind die Verbindung von Medien und Geräten in 3D und HD, die enormen Fortschritte der Tablet-PCs oder auch die Themengebiete Apps und Smartphones. Für interessante Hintergrundinformationen werden Top-Manager aus der Branche mit Keynotes einige Entwicklungen und Strategien präsentieren die zukünftig Anwendung finden. So wird z.B. Masaaki Osumi – u.a. CEO von Toshiba Corporations – eine Opening Keynote mit dem Titel „Die nächste Herausforderung für Japan – eine neue Symbiose zwischen digitalem Wohnen & Energie“ halten. Man darf gespannt sein! Außerdem wird der neue Ausstellungsbereich iZone, der sehr erfolgreich 2010 an den Start ging, wieder einige sehenswerte Entwicklungen im Bereich Mac, iTech und Apps präsentieren. Hier haben sich bisher 76 Aussteller angemeldet wie z.B. iSkin Inc. oder Sony Europe Limited. Die komplette Ausstellerliste findet Ihr hier. Ebenfalls ein erfolgreicher Teil der Messe ist das IFA Zukunftslabor TechWatch. Die Veranstalter beschreiben TechWatch als: “eine einzigartige Kombination aus Fachausstellung sowie Kommunikations- und Business-Plattform für Innovationen.” Der Teil soll vornehmlich als Wissensplattform verstanden werden in der man gerade für Fachhändler und Technikbegeisterte zukünftige Geschäftsfelder aufzeigt. Themen werden hier u.a. sein: Easy Living (von der Gestensteuerung bis zum vernetzten Heim, mit der Möglichkeit zum Probewohnen in einem sogenannten virtuellen Smart Home) oder Interaktive Medien. Mehr zu den Themen hier.

Internationaler Medienkongress (5. Sept. – 6. Sept. 2011 – ICC) Digital is now! Unter diesem Credo wird der internationale Medienkongress Chancen und Risiken der Digitalisierung für Deutschland beleuchten und mögliche Wege dorthin aufzeigen. Aktuelle Themen werden u.a. der gesellschaftliche Auftrag der Medien im Internetzeitalter sowie die Weichenstellung für netzpolitische Entwicklungen sein. Bekannte Gesichter werden hierzu referieren. Mit dabei wird der WikiLeaks-Gründer Julian Assange zum Thema “Die Zukunft der digitalen Öffentlichkeit: Über Transparenz und was diese für die Welt bedeutet”, der Zukunftsforscher William Uricchio vom MIT Boston mit dem Thema “When the Social Becomes Civic: The Emerging Power of Networked Media” und der Chefredakteur von Wired UK, David Rowan, zum Thema “The New Rules of Media. Winning Strategies for New Business Models” sein, um nur ein paar Redner zu nennen. Die komplette Keynoteliste findet Ihr hier. Die Medienwoche ist dieser Jahr weiterentwickelt worden und soll internationaler, visionärer und sich stärker als bisher der Start-up- und Gründerszene widmen. Wer sich noch eines der begehrten Tickets aneignen will, der kann sie hier bestellen!

Jetzt seid Ihr gefragt! Leider sind wir Netzpiloten bei diesem Spektakel nicht anwesend, würden uns aber freuen, wenn vielleicht der eine oder andere anwesende Leser uns einige Impressionen oder Kommentare hinterlassen würde. Auch einen Platz für einen Bericht als Gastautor würden wir gerne vergeben. Bei Interesse schreibt mir einfach an andreas.weck@netzpiloten.de.

September 1 2011, 9:45am

Boulevardjournalismus zweiter Ordnung

Die Aufklärung ist der heilige Gral vieler professioneller Informationisten. Vor allem Journalisten und Publizisten tragen ihre Insignien im eigenen Wappen, wenn es zu Felde geht. Wenn man aktuell die sozialen Netzwerke und Zeitungen durchforstet, findet man viele, die vorschnelle Ursachenzuschreibungen geißeln. Einige sind besonders weit voraus und erkennen den Unabomber im Manifest des norwegischen Attentäters. Sie werden bald arbeitslos. Denn exakt diese Tätigkeit übernimmt schon der Computer. Das Erkennen von Mustern anhand von Texten. Dann werden bestehende und dokumentierte Fälle rausgesucht und wie im amerikanischen Case Law wird einfach subsummiert. Und ganz im Sinne der positiven Sozialwissenschaften wird die Erklärung gewählt, die die geringsten Annahmen und Parameter voraussetzt. Neuerdings (seit den 80ern) werden prägende historische Überlieferungen, die nicht reflektiert sondern perpetuiert werden ab einem bestimmten Stadium als Pfade bezeichnet. Solche Pfade tun sich hier auch wieder auf. Die Aufklärung, die angetreten war, die Leute anzuleiten, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen ist verkommen zu einem Pfade entlang der Laternen, die schon jemand hingehängt hat. Das ist aus Sicht des Journalismus fatal, weil ständig Bekanntes auf neue Einzelfälle angewandt wird. Der Wert dieser Texte geht gegen null. Das Gehirn des Lesers erhält keine neue Perspektive auf Altbekanntes sondern alte Perspektiven auf Neues… Will man den Adepten des Internet und der Wissensgesellschaft Glauben schenken, müssten wir aktuell wieder eine Querelle des Anciens et des Modernes vorfinden, um alte Traditionen über Bord zu werfen. Doch viele Journalisten und Millionen von Kommentatoren im Netz tun nichts anders als der Google-Algorithmus: Sie verknüpfen Zufälliges mit bereits abgespeicherten Mustern. Sie mißachten dabei freie Assoziation, sie untergraben das, was eine humane Kultur wirklich entwickelt: Die Integration fremder Ideen, das Zulassen wesenfremder Morphologien in den Denkmustern – Individualität der alten Schule. Nietzsche hat die Ewige Wiederkehr des Gleichen als Spirale gedacht, wir haben in diesem Bild die dritte Dimension vergessen. Wir leben in Kreisen. Sie klingt dennoch in dem lustigen Begriff der Komplexität an. Aber auch dort heben viele Denker nichts Anderes als zukünftige Erklärungen auf. Und so werden auch die Psychologen nicht müde entwicklungspsychologisch und tiefenpsychologisch auf Störungen in der Kindheit, auf Ich-Schwäche und Ähnliches abzuheben. Bald kommen Serotonin- und Dopamin-Spiegel dazu. Wenn man die Wurzeln des Fundamentalismus untersucht oder die Sozialisation wird man nicht die Ursachen der Gewalt finden. Man wird hinter der Simulation eines mündigen Verstandes das finden, was sich bei jedem anderen Menschen auch befindet. Es ginge daher eher darum, den Attentäter in uns zu finden und nicht mittels einfacher Welterklräungen wie Fundamentalismus und Rechtsextremisums das ganze Thema als defiziente Persönlichkeitsentwicklung abzuspalten von der Gesellschaft und der postmodernen Kultur. Die Räder der aufgeklärten Denkmaschinen sind einfach zu schnell mit dem Zeigen auf dumme, unverbesserliche Boulevardjournalisten. Diese Ebene der Reflexion ist zu flach, um Information oder gar Wissen zu transportieren. Sie ist höchstens Boulevardjournalismus zweiter Ordnung. Es ist aus unserer distanzierten Sicht auch nicht maßgeblich, die geistigen Brandstifter aufzuzählen oder sich mit Wissen über die alte Unabomber-Geschichte oder Timothy McVeigh zu brüsten. Denn wir haben jetzt alle Wikipedia. Und Google könnte uns eigentlich direkt beim Eingeben des Begriffs Norwegen oder Oslo in diesen Tagen aktuell mit Hunderttausenden assoziierten Inhalten zum Thema automatisiert versorgen. Das reflexhafte Verhalten der Journalisten zeigt eigentlich nur, wie nahe die automatisierte Presse den lebenden Vorbildern ist. Es geht nicht um den Algorithmus als Gefahr sondern den zu schnell zu Ende gedachten Text mit den hübschen rhetorischen Ranken, die kleine Notionen so geschmeidig ins Gehirn pumpen. Trotzdem oder gerade deswegen halte ich an einem anderen Mantra fest, bis mir das Gegenteil evident ist. Es gibt kein System, das Universum ist indifferent. Crosspost von multiasking.net

July 26 2011, 10:30am

Schwarmfinanzierter Fotojournalismus

Dem anspruchsvollen Fotojournalismus ergeht es nicht anders als dem investigativen Journalismus: Die entsprechenden Budgets der etablierten Medien werden ausgedünnt. Immer weniger Auftraggeber sind bereit, etwa eine längere Reportagereisen zu finanzieren. Aufwändige Formen des Journalismus fallen mehr und mehr dem Spareifer zum Opfer – und mit ihnen ein besonderer Blick auf die Welt… Dem hält ein neues Finanzierungsmodell für den Fotojournalismus entgegen: Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) im Internet. Auf der Webseite emphas.is stellen Fotojournalisten ihre geplanten Projekte mit dem Ziel vor, diese vom Publikum finanzieren zu lassen. Interessierte sind eingeladen, das Projekt mit einem Betrag ab 10 Dollar zu unterstützen. Jedes Projekt erhält eine Frist von 60 Tagen. Der Stand der Finanzierung ist jederzeit einsehbar. Kommt die angepeilte Finanzierung nicht zustande, so wird das eingesetzte Geld zurückerstattet. Das Erstaunliche: Seit März dieses Jahres ist so die Finanzierung von sieben Projekten gelungen – im Gesamtwert von immerhin gut 85’000 Dollar. Die Unterstützer kommen – Web 2.0 machts möglich – in direkten Kontakt mit dem Journalisten und erhalten je nach Höhe ihrer Unterstützung auch eine symbolische Gegenleistung. Diese reicht vom Zugang zu aktualisierten Informationen über den Fortgang des Projekts bis hin zu einem Kunstdruck oder einem Buch. Nur die direkten Kosten, also die Reise- und Materialkosten, werden über emphas.is finanziert. Erst durch den Verkauf der Reportage oder einzelnen Fotos erhält der Journalist seine eigentlichen Einkünfte. Der Fotojournalismus erhält so ein weiteres Standbein, eine zusätzliche Finanzierungsmöglichkeit, damit er uns auch weiterhin einen besonderen Blick auf die Welt ermöglicht. Übrigens: Ein analoges Finanzierungsmodell ist auch für den investigativen Journalismus durchaus sinnvoll, ermöglicht es doch nicht zuletzt einen anspruchsvollen Journalismus zu Themen, die von den etablierten Medien stiefmütterlich behandelt werden. Und das Modell ist auch in Gebrauch. Ein Beispiel ist die Webseite Media Funders.

Bild (CC-Lizenz): Baseco – Manila, Parc Cruz via flickr

July 26 2011, 9:45am

Warnintelligenz

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Google ein gefährlicher Datenkrake und Apple ein nimmersatter Verkäufer digitaler Spielzeuge ist. Diese Archetypen der digitalen Ökonomie haben mittlerweile sogar schon einen Urahn: Der Großvater Microsoft röchelt noch ein wenig auf dem Sofa des weltweiten Datennetzes vor sich hin. Aber auch dieser Methusalem hatte einst richtige Feinde. Vor 10 Jahren hatten Legionen von Journalisten vor den Konsequenzen der digitalisierten Arbeitswelt gewarnt. Die Menschen wurden krank vor schlechten Monitoren und Bürostühle genügten nicht mehr den ergonomischen Anforderungen. Vor allem der Aufbau der Oberfläche von Microsofts Bürolösungen galt als steinzeitlich. Heute ist das alles vergessen. Seit wir den Monitor auf ein Zehntel verkleinert haben und darauf herumwischen, geht es uns so gut, dass die wahren Gefahren nur noch von den Datenbanken der Werbenetzwerke ausgehen. ZEIT und Süddeutsche Zeitung hatten Mitte der Woche berichtet, dass die kapitalistische Großinvasion namens Google ihre giftigen Arme auf uns gerichtet habe. In einer Datenbank mit dem mysteriösen Kürzel DDP sollten die Interessen der Werbekunden an den Meistbietenden verhökert werden. Der Datenschutz – die goldenen Bulle der letzten Jahre – war in Gefahr. Offenbar hatte Google vor, uns alle zu verwanzen… Man schrieb von der Website des amerikanischen Marketing-Fachblatts AdAge ab. Zumindest glaubte man, den Artikel dort verstanden zu haben. Dort wurde eine neue Lösung der Googlianer für das Target-Markting von Bannerwerbung auf Websites vorgestellt. Das Ziel bei dieser Form der Werbung liegt darin, den älteren Semestern im Internet Werbung für Kreuzfahrten auf den Leib zu schneidern und dem siebzehnjährigen Enkel die neueste CD seiner Lieblingsband zu präsentieren. Die Süddeutsche zog ihre Schlüsse etwas voreilig:“Künftig sollen Werber bei Google Daten von Verbrauchern kaufen können, mit Name, Adresse und, vor allem, nach Interessen sortiert.“ Google hat solche Adressen in den allermeisten Fällen vermutlich gar nicht. Und wenn sie die hätten, wäre es das Ende des Werbegeschäfts, wenn sie sie verkauften. Das Vertrauen wäre dahin – weltweit. Im Gegenteil sind es nicht selten dessen Kunden, die Online-Shops und Versandhändler, die ein einträgliches Geschäft mit der Vermietung von Adressen betreiben. In Wirklichkeit geht es bei Googles Plattform namens AdExchange um die Werbeplätze auf einer Website, auf denen die sogenannten Banner erscheinen, die uns so freundlich blinkend den letzten Nerv rauben, wenn wir einen Artikel in einem Online-Magazin verstehen wollen. Das Dementi von Google kam dann auch kurze Zeit später auf Google+, dem sozialen Netzwerk des Werbemonopolisten: „Wir verkaufen keine Nutzerdaten oder -profile und werden das auch in Zukunft nicht tun. Richtig ist, dass wir zusammen mit anderen Werbenetzwerken an Initiativen arbeiten, das Datenmanagement von Interessenskategorien zu vereinfachen, indem die vorhandenen Daten aus verschiedenen Werbenetzwerken auf einer Plattform zusammengefasst werden.“ Man will dort sogar dem Nutzer ermöglichen, aus der personalisierten Werbung anhand von Interessensgebieten auszusteigen. Genau dieser Datenbank gegenüber soll der Nutzer dann erklären können, dass er keine persönliche maßgeschneiderte Werbung haben will. Ein totales Aus der Werbung hätte fatale Folgen. Denn das würde automatisch zur Folge haben, dass 90% aller professionellen Webangebote Abonnementkosten erheben müssten. So gesehen ist eine personalisierte Werbung das kleinere Übel. Und es ist für viele junge Männer eine gute Entwicklung, dass im Web keine Werbung mehr für Damenbinden, Treppenlifte und ausgefallene Hüte um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Frauen verzichten dafür gern auf hübsche Bildchen über Rasierschaum, Sportwagen und Tennissocken. Aber die Alarmglocken vieler Journalisten klingeln häufig, wenn die digitale Trias aus Google, Werbung und Nutzer eine neue Verknüpfung erlebt. Dass sich viele Firmen viel lieber bei den fein justierbaren Datenbanken von Facebook bedienen, scheint noch nicht so ganz bis in die heiligen Hallen der Recherche gedrungen zu sein. So wird Facebook immer mehr zum McDonalds der Sozialen Netzwerke. Die Flut an sinnlosen Spielen und unerwünschter Werbung nimmt dort epische Ausmaße an. Aber man verdient noch immer nur einen Bruchteil des Suchmaschinenmonopols. Google will alles. Wer Mitglied im neuen Netzwerk ist, der wird feststellen, dass alle je verfügbaren Dienste nun ein Dach bekommen haben. Das gemeinsame Erstellen von Dokumenten im Web, das Verwalten von Fotos und viele andere Dienste, die wir mit unserem Computer täglich verrichten, bietet Google im Rahmen seiner Cloud-Services an. Das bedeutet, dass man eigentlich keine Festplatte mehr braucht, weil alle Daten irgendwo auf einer der Serverfarmen von Google liegen. Konsequenterweise bietet man seit diesem Sommer dafür sogar eigene Laptops an. Diese Chromebooks genannten mobilen PCs kommen ganz ohne Windows oder Linux als Betriebssystem aus. Was für uns sinnlos erscheint, ist für die neue Generation der digitalen Konsumenten schon eingeprägt: Computer ohne Internet sind wie Licht ohne Strom. Ob der röchelnde Senior namens Microsoft dem noch irgendetwas entgegenzusetzen hat? Einige größere europäische Verlage haben ihre Zusammenarbeit bereits in die virtuellen Arbeitsräume von Google Docs verlegt. Dort hat man sehr still gehalten, als die Google-Suada durch den deutschen Blätterwald zog. Vielleicht stürzten dort aber auch immer die virtuellen Dokumente ab, als die Redakteurinnen etwas Schlechtes über den Suchgiganten schreiben wollten?

July 15 2011, 9:45am

TEDx: Power of Personal Narrative

Robert Terceks explained at TEDx in May 2011: The evolution from one-way broadcasting to social media has changed the landscape for storytellers. It’s now possible for individual activists to tell industrial-strength stories that can change the world. His TEDx speech focuses on four activists who are using media to create significant social impact.

July 13 2011, 9:45am

Objektivität: Der Fall Kachelmann

Wettermoderator Jörg Kachelmann wurde am Dienstagmorgen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Das Mannheimer Gericht machte in seiner Urteilsverkündung klar, dass eine zweifelsfreie Unschuld nicht bewiesen werden konnte und deshalb “in dubio pro reo” – im Zweifel für den Angeklagten – auf einen Freispruch entschied. Das Urteil, der gesamte Prozessverlauf, die Untersuchungen gegen Kachelmann im Vorfeld sowie die mittlerweile über ein Jahr andauernde Medienberichterstattung über den Fall werfen Fragen auf… Es ist nicht das erste Mal, dass einem vor Gericht verhandelten Vergewaltigungs- vorwurf keine Verurteilung des Angeklagten folgt. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Opfer in ihren Aussagen in Widersprüche verstricken, am Ende Aussage gegen Aussage steht. Es ist nicht das erste Mal, dass ein solcher Prozess von einem Diskurs begleitet wird, der Rechtsstaatlichkeit und Unschuldsvermutung betont, die Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Opfer in Frage stellt und das Sexleben von mutmaßlichem Täter und Opfer ausschlachtet. Doch wie sind diese Dinge zu bewerten? Die Fakten sprechen für sich: Nur ein Bruchteil von sexualisierten Übergriffen wird überhaupt zur Anzeige gebracht, noch weniger Fälle landen vor Gericht, noch weniger enden mit einer Verurteilung. Die Strukturen für Opfer sexualisierter Gewalt sind mäßig bis schlecht, Polizist_innen unzureichend ausgebildet, Gutachter_innen darauf aus, die Integrität des mutmaßlichen Opfers solange zu prüfen, bis Widersprüche aufgedeckt werden können. Die Betroffenen sexualisierter Gewalt sind in der Bringschuld. In der Bringschuld zu sein in einem System, in dem Sexismus und Frauenfeindlichkeit offen ausgelebt werden können und institutionell verankert sind, bedeutet, in einer nicht gleichberechtigten Position zu sein gegenüber denen, die überzeugt werden müssen von der Schuld des vermeintlichen Täters. Wenn wir über sexualisierte Gewalt reden und verhandeln, müssen wir auch die Verhältnisse, Normen und Strukturen bedenken, in denen sie passiert. Dass das Gericht im Fall Kachelmann nach Gesetzes- und Beweislage auf einen Freispruch entschieden hat, ist davon nicht unabhängig zu sehen. Geschweige denn können sich die Medien auf die Fahnen schreiben, objektiv und nach bestem Wissen und Gewissen berichtet zu haben. Es muss offen kritisiert werden, dass Sabine Rückert für die Zeit und Gisela Friedrichsen für den Spiegel auch nach dem Urteil nicht davon ablassen konnten, die Integrität des Opfers radikal in Frage zu stellen und Kachelmann als hauptsächlich Geschädigten zu konstruieren. Obwohl beide, wie die Faz zu berichten weiß, im Prozess einen nicht unwesentlichen Anteil am Freispruch hatten. Es muss nachdenklich stimmen, wenn die einzige stimmgewaltige Feministin in diesem Fall Alice Schwarzer ist, die das mutmaßliche Opfer für ihre Selbstdarstellung instrumentalisiert – in der Bildzeitung. Es geht nicht darum, Rechtsstaatlichkeit generell in Frage zu stellen oder die Unschuldsvermutung abzuschaffen. Sondern sich bewusst zu machen, dass beide Prinzipien in einer liberalen Gesellschaft, die formale Gleichheit für alle Individuen als Maxime setzt, soziale Ungleichheit und Machtverhältnisse nur unzureichend berücksichtigen können. Das heißt: Gesetze werden in diesem Kontext gemacht und Recht wird in diesem Kontext gesprochen. Für wen gilt die Unschuldsvermutung? Wer kann sie vollumfänglich in Anspruch nehmen? Wem helfen rechtsstaatliche Prinzipien zu einem freieren Leben, wenn es zur Disposition steht? Wer Recht das Potenzial gesellschaftlicher Signalwirkungen abspricht und sich auf Rechtssprechung als letztgültigen Wahrheitsfinder verlässt, verhilft Machtverhältnissen zum Status Quo und imaginiert alle Individuen als Gleiche. Letztendlich kommt damit nicht nur bei den Rechtsgläubigen zum Ausdruck, dass die nachhaltige Bekämpfung von sexualisierter Gewalt und sexistischen Strukturen nicht erwünscht ist. Ob in Sachen Vergewaltigung in Zukunft Recht und Gerechtigkeit vorherrscht, geht nicht nur Gerichte, Prozessbeteiligte und Journalist_innen etwas an. Sexualisierte Gewalt ist dabei keine Frage objektiver Beurteilung und sollte nicht allein auf dem Feld sexpositiver Debatten erfolgen. Eine öffentlich geführte und auf Sensibilisierung ausgelegte Auseinandersetzung mit rape culture wäre ein Anfang.

Autorin: Nadine Lantzsch

June 3 2011, 10:30am

Google oder Facebook

Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2010 oder gar 2009? In diesen beiden Jahren überboten sich die meisten Verleger und Herausgeber darin, auf die böse Firma Google einzuschlagen. All die Millionen Agenturmeldungen, die die Verleger mit einem minimalen Online-Mitarbeiterstab tausendfach umformulieren ließen. Sie wurden immer wieder neu publiziert und vom bösen Datenkraken einfach per Spider gescannt und für die Nutzer verfügbar und auffindbar gemacht. Ganz langsam dämmert es den Entscheidern, dass dies wahrscheinlich gar nicht so dumm war. Man wollte es mit dem nächsten König des Webs anders machen. Und so umarmte und bekniete man Steve Jobs exakt zu dem Zeitpunkt als sein Marketing die Experten ausreichend über die Potenz des heiligen iPad eingelullt hatte. Nach der 1001. Medien-App ist man etwas weniger umsatzstark als nach dem Google-Durchmarsch und noch umsatzschwächer als nach den Goldenen Siebzigern und Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Nun aber wird es seit ein paar Monaten extrem still um die Burdas, Döpfners und Schirrmachers. Der Grund ist in der obigen Grafik anschaulich. Sozusagen Infografik 1.0. Denn wenn die Wirklichkeit dich überholt hat, hast du keine Chance, nicht mal Alkohol. Du stehst in der Fremde… Quelle der Grafik

May 27 2011, 10:00am

Eltern & Web: Fernsehen im Kindergartenalter

Katrin Viertel von medienlotse.com beantwortet Fragen rund ums Thema Erziehung und digitale Medien. Heute geht es ums Fernsehen für Kinder: Sollten Kindergartenkinder schon fernsehen dürfen? Im Kindergarten meiner Tochter gucken fast alle Kinder mindestens das Sandmännchen, viele aber auch deutlich mehr. Bei uns zu Hause ist das nicht erlaubt, obwohl die Kleine (4) quengelt, sie wolle auch gucken – alle dürften schließlich, nur sie nicht. Sollte ich ihr das Fernsehen gestatten?

Kleinkinder unter drei Jahren brauchen kein Fernsehen und sollten tatsächlich auch nicht gucken. Hier sind sich die Fachleute einmal völlig einig. Nun ist ihre Tochter aber schon ein Kindergartenkind. Und wenn dort alle das Sandmännchen gucken und ihre Tochter das auch möchte, frage ich Sie: Warum soll sie nicht? Zum einen steigern rigorose Verbote meist das Begehren, außerdem ist gerade der Sandmann ja aus gutem Grund ein klassisches Erfolgsformat. Ich denke, dass auch Kinder bis zum Vorschulalter sicher kein Fernsehen brauchen. Aber schadet es ihnen, wenn sie mal gucken? Hier heißt es dann wieder: Kommt drauf an, nämlich auf die Auswahl der Sendungen, darauf, wie viel geguckt wird, und darauf, ob die Kinder das Gesehene mit einem Erwachsenen besprechen können. Echte Nachteile hat Ihre Tochter mit vier Jahren wohl kaum zu befürchten, wenn sie nicht das Sandmännchen oder andere für ihr Alter geeignete Sendungen gucken darf. Hilfe bei der Programmauswahl gibt es zum Beispiel bei Flimmo. Der strikte Wunsch, etwas zu tun oder zu haben, nur weil es alle anderen tun oder haben (oder man dies glaubt), kann Eltern in den Wahnsinn treiben. Andererseits ist er nur allzu menschlich und wird Sie in den kommenden Jahren ohnehin begleiten. Wahrscheinlich werden sich die Wünsche auf weitere Objekte und Unternehmungen ausdehnen: Kleidung, Gadgets, Musik – Gruppenzwang eben. Sind die Kinder älter, kann es ihnen in der Tat zum Nachteil gereichen, wenn sie systematisch nie dasselbe tun und haben dürfen wie die anderen. Häufig wird dies zum Ansatzpunkt für Ausgrenzungen. Das soll nun nicht heißen, dass Kindergartenkinder aus Furcht vor Mobbing zum Fernsehen angehalten werden sollten. Aber auch hier hilft es, mit den Kindern zu sprechen. Warum genau möchte ihre Tochter fernsehen? Warum gerade diese Sendung? Auch kleine Kinder können dazu schon recht gut Auskunft geben. Wahrscheinlich ist sie einfach nur neugierig, dem Alter angemessen eben. Wenn Sie befürchten, dass aus dem einmaligen Gucken des Sandmanns schnell ein Vor-dem-Zubettgehen-Terror werden könnte à la „Ohne Sandmann kann ich auf keinen Fall schlafen“, liegt ein Kompromiss nahe: Sie zeichnen einige Folgen auf und diese dürfen geguckt werden, wenn es in Ihren Familienalltag passt? So können Sie steuern, was und wann geguckt wird, Sie entziehen sich der am Audience Flow orientierten Programmstruktur des Fernsehens, die ja nur darauf aus ist, Zuschauer möglichst lange am Bildschirm zu halten, und konfrontieren ihr Kind nicht mit Werbung oder ungeeigneten Inhalten. Wenn Sie dann noch mit dem Kind gemeinsam fernsehen und über das Gesehene sprechen, wird das Sandmännchen ihrer Tochter nichts als Freude bereiten. Und Ihnen hoffentlich auch.

May 27 2011, 9:30am

Death of Printmedia

Das ist der Tod der Printmedien als hübsche Inforgrafik von getsatisfaction (draufklicken macht sie ganz groß): Vorsicht, es ist eine 2,3 MB-Datei, dauert als ein paar Sekunden…

May 13 2011, 9:53am

Massenmedien vereinsamen die Menschen

Wer in den letzten Jahren eine öffentliche Diskussion verfolgt hat, der hat früher oder später den Halbsatz gehört, “dass die Politik ein Problem hat, ihre Inhalte zu kommunizieren”. Man lastet dies gern den Politkern an, die nicht im Stammtischdeutsch sprechen. Manchmal sind auch die Verbände, PR-Abteilungen oder die Journalisten die Schuldigen. Aber so ganz klar ist der eigentliche Sachverhalt offenbar nicht. Verschwörungstheoretiker könnten auf die Idee kommen, diese Nebelschwaden um Entscheidungen und politische Machtausübung seien strategischer Natur, um das Volk unwissend zu lassen. Das Problem liegt leider tiefer.

Welt und Markt Im Rahmen der endlosen Diskussion um den guten Qualitätsjournalismus der druckmaschinenbesitzenden Bewahrer des guten Wissens versus den guerillaähnlichen Blogger im Netz kristallisierten sich zwei Kernpunkte heraus. Es gibt eine Pflicht, die Wahrheiten und Erlebnisse so zu filtern, dass alle im Volk sie verstehen können im Rahmen des Markenkerns den jede Zeitung/Sender/Magazin darstellt. Der zweite Kernpunkt ist der Inhalt als handwerkliches Produkt. Das bedeutet, dass man nicht einfach die Erlebnisse 1:1 abfilmt oder aufzeichnet. Es muss alles dem professionellen Handwerk der Kameraleute, Radioreporter oder Zeitungsjournalisten entsprechen. In dieser Diskussion rund um das Verbreiten der Inhalt via analoge Druckmaschine oder per Internet fiel sehr oft das Wort Content. Manche bezeichneten die atomisierten Erzeugnisse der journalistischen Profis als Information. Die Befürworter des neu erfundenen Qualitätsjournalismus – als Etikett gegen die schludrige Webwelt – kennzeichneten die hoheitliche Aufgabe der wahren Medien als das Filtern (gatekeeping) bestimmter Informationen angesichts der enormen Flut an täglich einprasselnden Geschehnissen in der Welt. Die Freunde der digitalen Plattform stellten die einfach zu erlernende Publikationsplattform sowie das dialogische Prinzip der Blogs in den Mittelpunkt. Da man gemeinhin Medien als ein Werkzeug für die Verbreitung von Inhalten an viele Menschen betrachtet, fingen also auch die Politiker an, mit diesen neuen niedrigschwelligen Medien den Kontakt zum Volk zu suchen. Regierungschefs bedeutender Länder haben monatliche Videobotschaften im Netz, sie twittern vielleicht sogar Ideen und Ansichten ohne den Filter namens Qualitätsjournalismus direkt in die Welt. Trotzdem behaupten alle, dass es ein Kommunikationsproblem der Politker gibt. Und ich neige zu der Annahme, dass dasselbe Problem auch den Verlagen droht. Warum? Die Welt ist voller Geschehnisse. Manches passiert vor der Kamera oder den gezückten Bleistiften. Es ist kein Geheimnis, dass Menschen sich anders verhalten, wenn sie dabei beobachtet werden oder gar dieselbe Tätigkeit mehrmals durchführen müssen, damit der Kameramann mehrere Kameraeinstellungen davon aufzeichnen kann. Es bleibt also die alte Frage: Wieviel von dem was Medien abbilden haben sie eigentlich selbst ausgelöst oder kreiert? Es ist sicher nicht falsch anzunehmen, das viele Menschen die Welt außerhalb ihrer Arbeitsumgebung ausschließlich durch Fernsehen, Zeitungen und Radio zu sich nehmen. Ich habe dieses Verb bewußt gewählt, denn die Menschen assimileren diese Welt in genau den Bruchteilen und Stücken, die ihnen die Journalisten ausgewählt in exakt der Form, die die Profis den Geschehnissen gegeben haben. Deshalb auch das Wort INFORMATION. Die Welt wird in Form gebracht. Dadurch wird sie zu einem Produkt, das in Bündeln (Zeitungen) oder in Strömen (Fernsehen und Radio) verkauft wird. Zurück bliebt ein Medienkonsument in dem Gehäuse seiner privaten Welt. Die Krönung ist, dass er dann auch noch “on demand” die Welt zu sich ins Haus holt. Leider wird auf die Art der professionellen Filter (gatekeeper) die Begegnung mit der Welt ausgeschlossen. Nicht wenige Medientheoretiker bezeichnen die Arbeit der Journalisten auch als Produzenten von Welt bzw. ihren Geschehnissen eben genau deshlab, weil so professionell Ausschnitte, Perspektiven und Meinungen zu einem Ganzen komponieren. Medien produzieren Welt Den Leser dieser Zeilen könnte also die Einsicht beschleichen, dass nicht die Kommunikation das Problem ist, sondern die Tatsache, dass nicht nur Journalisten Welt generieren, sondern die Welt auch die Mittel der Journalisten benutzen kann, um ein Abbild von etwas zu erstellen was eigentlich in einer ganz anderen Weise existiert. Die nach außen transportierten Inhalte sollen etwas erschaffen, was noch gar nicht da ist oder niemals da sein wird (Schein). Oder sie sollen von einer vorhandenen Existenz ablenken (Täuschung). Das ist bis dato der Stand der Kritik. Was aber wäre, wenn grundsätzlich das Modell in Frage gestellt würde, dass eine veröffentlichte Sicht auf einen Teil der Welt den Empfänger der Botschaft zum Zuhören, Lesen oder Zuschauen verdammt und damit von der Welt ablenkt. Denn immer dann, wenn der Mensch nicht selbst auf große Fahrt geht, und die Welt entdeckt, dann muss er oder sie still im Kämmerlein hocken und sich mit den Ausscheidungsprodukten der Profis befasssen. Die sind ästhetisch nach allen Regeln der Kunst und des Marktes geformt, also professionell. Die Medien verschleiern diese Bevormundung, beispielsweise durch einen optionalen Wahlmodus: Denn es gibt viel Sender und viele Zeitungen. Jeder Sender und jede Zeitung kann die Geschehnisse mit eigenen Eigenschaften anreichern, sodass sie zum Markenkern passen. Es geht dabei offensichtlich nicht um Teilhabe am Weltgeschehen sondern um das Profil des spezifischen Mediums, das auf dem Rücken der Information in das Gehirn des Zuschauers und Lesers getragen wird und dort als “Nachricht aus der Welt” abgelegt wird. Auf diese Weise entsteht keine Gehirnerweichung. So entsteht eine Welt als Warenlager im Kopf der Leute. Jeder Produzent von Nachrichten kann seine Geschehnisse – je nach Wunsch des Verlegers montiert, bewertet und gefärbt – in das endlose Gedächtnis dieser Menschen schieben. Dort baut sich aus den medialen Produkten eine Welt zusammen, die natürlich mit dem wahren Geschehen draußen nur noch wenig gemein hat. Dadurch sinkt die Orientierungsfähigkeit der Menschen. Sie bekommen Angst. Schutz finden sie in den Puzzleteilen die aus den Zeitungen und dem Fernseher kommen und zufällig zum Weltbild passen, dass man schon zu großen Teil im Gehirn hat. Das erklärt auch die Treue der Leser und Zuschauer zu “ihren” Zeitungen und Fernseh/Radiosendern. Denn man kann nur das als Information erkennen, dass in gewissem Bezug zum Vorwissen steht, alles andere ist indifferent oder neudeutsch noise(Rauschen). Es ist also offensichtlich, dass Politiker ein Problem haben, wenn sie neue Dinge in eine harmonische Welt der Medienprofile bringen wollen, die die Profis dort aber nicht vorbereitet haben. Diese Puzzleteile passen nicht. Da erscheint es schon schlau, dass Politker mittlerweile via Internet ihre Idee direkt in die Gedankenwelt der Menschen bringen wollen. Nur leider sind dort oft keine Ankerpunkte, weil die Welt in der Politiker leben nicht aus den Bausteinen bestehen, die die Journalisten in die Köpfe der Bevölkerung gepflanzt haben. So entsteht dieser enormen Graben zwischen medial verankerter Welt und dem realen Geschehen. Manchmal, wenn beides aufeinandertrifft entsteht ein öffentlich sichtbarer Hiatus Spalt, der die künstliche Herkunft der Medien offenbar macht. Das Internet ist mittlerweile Anlass für ein häufiges und andauerndes Betrachten dieser Kluft. So entstanden u. A. auch die Revolutionsbewegungen in Nordafrika. Normale Menschen haben aus ihrem eigenen Alltag berichtet und damit die Armada der professionell gelenkten aber täuschenden Medien entlarvt. Das Netz erfüllt also viel eher die Kritikfunktion, die sich die Qualitätsjournalisten auf die Fahne schreiben: Unerbittliche Transparenz und Offenheit durch Teilhabe am eigenen Erleben. Je unprofessioneller desto eher Abbild der wahren Welt. Leider wird auch das schon wieder simuliert als ästhetisches Mittel für echte Dokumentation. Menschen produzieren Welt Insofern ist das Web sowieso eine Höllenmaschine. Nicht erst in Nordafrika haben wir gesehen, wenn die Menschen sich selbst begegnen in den Videos, Diskussionen und Meinungen, die via facebook, youtube und twitter jedem zugänglich sind: Und zwar als Produzent wie als Konsument. Offenbar ist das das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Denn jetzt kann jede Sicht eines Menschen auf seine Welt publiziert werden. Massen von Menschen schreiben, filmen und reden über das was sie erleben. Damit existiert zum ersten Mal das, was wir ein öffentliches Massenmedium nennen können. Davor gab es nur Makler, die kleine Teile der Welt gegen Gebühr verbreiteten und das jemand Einfluß auf ihr Angebot nehmen konnte. Für diese Begrenzung der Auswahl wurde sie bezahlt, weil sie es verstanden haben dies als Leistung zu verkaufen. Jetzt wird uns erst klar, dass Journalismus eigentlich bedeutet, dass wir jemanden dafür bezahlen, dass er einen möglichst offenen Blick auf die Welt ermöglicht. Mit dem Web könnten die Menschen ihre Welt selbst gemeinsam produzieren in endlosen Diskursen. Sie bräuchten dann keine professionellen Ausschnitte aus der Welt, die sie am Stammtisch diskutieren sondern könnten direkt reden. Sie bräuchten dann wahrscheinlich auch keine professionellen Vertreter, die Meinungen theatralisch am Rednerpult solange aufrecht erhalten bis die Umfragen sich ändern. Vielleicht wird dann sogar klar, was der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen ist. Photo: xenia Crosspost von multiasking.net

May 2 2011, 10:15am

CUNY: The Future of News in USA

CUNY Graduate School for Journalism (wo Jeff Jarvis seit Jahren sein Unwesen treibt) hatte vor einem Monat die Knight Foundation zu Besuch. In diesem Video ab Minute 14 diskutiert Jeff Jarvis mit Marissa Mayer (Google) und Tim Armstrong (AOL) über News und Medien allgemein unter vielen Gesichtspunkten – auch angesichts der beiden brennenden Aspekt mobil und lokal. (Das ganze Gespräch ist circa 45 Minuten lang plus 15min Vorredner)

April 12 2011, 11:05am

Frei zugängliche Inhalte will kein Mensch

Was ist vor ein paar Tagen passiert? Die Meldung des Tages aus Sicht der Buchverlage kam aus New York: Das dortige Bezirksgericht lehnte das Google Book Settlement ab, womit der Konzern künftig für die Digitalisierung von Literatur in jedem Fall die Zustimmung der Rechteinhaber braucht. Siehe da: das Internet ist kein rechtsfreier Raum … Ich finde das Urteil gut, weil bestehendes Recht eingehalten werden muss. Es sollte sich niemand darüber hinweg setzen dürfen, wie wir das ja bspw. in der Weltpolitik leider täglich anders erleben. Wenn der Rechtsrahmen nicht mehr passt, weil bspw. neue Technologien Märkte umkrempeln, dann muss in jedem Falle erst das Recht angepasst werden, ehe man anders agieren kann. Sonst endet man in der Willkür. So weit, so selbstverständlich. Interessant ist es nun, sich die Reaktionen auf dieses Urteil anzusehen. So hat der Justiziar des Buchbranchen-Verbandes Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Dr. Christian Sprang, neulich der Buchbranchen-Verbandsplattform Boersenblatt.net ein Interview gegeben, in dem er zunächst das Urteil gutheißt und die Perspektiven von Googles Projekt einschätzt: Google wird sich sicher die Frage stellen müssen, ob sich der Aufwand für die Massendigitalisierung noch lohnt, wenn das Verfahren auf „Opt-in“ umgestellt wird. (…) Die Autoren und Verleger können sich das Urteil in Gold einrahmen Dann aber folgt Wunderliches – im Überschwange des “Sieges”?: (…) Richter Chin hat darin klar zum Ausdruck gebracht: Das Urheberrecht hat einen Kern, über den man nicht verfügen kann. Es ist ein Eigentumsrecht, und dahinter muss der Anspruch der Internetgemeinde, alle Inhalte zugänglich zu machen, schlicht und einfach zurücktreten. Schon lange suche ich jemand, der mir die ominösen und vielerwähnten Begriffe “Internetgemeinde” bzw. “Internet-Community” erklärt. Wer bitte soll das sein? Alle Internetnutzer? Nutzt Dr. Sprang das Internet nicht, sodass er von einer anderen Gruppe sprechen kann? Wo steht ferner der Anspruch der “Internetgemeinde” formuliert, alle Inhalte gegen den Willen der Urheber zugänglich machen zu wollen? Das ist doch eine starke Unterstellung, wie ich finde, die einen Beleg verdient. [Nachtrag : Matthias Ulmer beschreibt, was die “Internetgemeinde” sein soll] Doch dann geht es noch weiter. Dr. Sprang wird zu der Aufgabe von Verlagen befragt: Aber haben Verlage nicht zumindest eine moralische Verpflichtung, auch im Internet den Zugang zu möglichst vielen Inhalten zu ermöglichen? Seine Antwort: Ganz bestimmt. Aber es ist auch eine Mär zu glauben, dass es im Netz eine ständige Nachfrage nach wichtigen Inhalten gäbe, die kommerziell nicht erhältlich sind. Drei von fünf gemeinfreien Büchern, das zeigt eine aktuelle Untersuchung, sind nach ihrer Digitalisierung nicht ein einziges Mal weltweit genutzt worden. Auf welche Untersuchung bezieht sich Dr. Sprang und worauf bezieht sich diese Untersuchung? Mit “das zeigt eine aktuelle Untersuchung” kann man bekanntlich alles “belegen”. Und was will er uns darüber hinaus sagen? Will er uns sagen, dass es keinen Bedarf an frei zugänglichen Inhalten jenseits von Verlagsangeboten gibt? … Ich lese hier eher das übliche Muster des Schutzes des eigenen Marktes heraus. Wir könnten ja mal eine Umfrage starten, um zu schauen, ob Dr. Sprangs Sicht tatsächlich auch die selbstverständliche Sicht der Kunden seiner Kunden ist. So erfreulich ich es finde, dass das Recht auch im Falle von Googles Buchprojekt durchgesetzt wird, so bedauerlich finde ich es, dass die Verfügbarmachung von Buchinhalten zu langsam voran geht. Während Google bisher schon 15 Millionen Bücher digitalisiert hat, sind es im Falle der groß angekündigten EU-Initiative gerade einmal 1,2 Millionen Bücher. Spiegel Online bringt es auf den Punkt: Google übernimmt Aufgaben, die der Staat nicht erfüllt Kevin Kelly hat in seinem Vortrag auf der TOC 2011 treffend festgestellt: We used to be people of the book, now we are people of the screen. Daher sollten nun möglichst alle Buchinhalte auf Bildschirmen verfüg- und einfach nutzbar sein. Noch immer steckt unser Wissen aber im Wesentlichen zwischen Buchdeckeln. Je langsamer die Digitalisierung also voran geht und je stärker die Anbieter ihre Märkte abschotten und den Wandel verlangsamen, desto eher werden die Leute zu (illegalen) Alternativen greifen. Die Piraterie nimmt ja schon jetzt massiv zu. Zudem werden die Möglichkeiten, selbst Bücher zu scannen, immer besser. So könnte sich das Urteil gegen Google langfristig auch für die Buchbranche als Pyrrhussieg erweisen.

Dies ist ein Crosspost.

March 30 2011, 10:10am

media-ocean – Vortrag beim Fachforum Medien 2011 der Hanns-Seidel-Stiftung

Vortrag beim Fachforum Medien 2011 der Hanns-Seidel-Stiftung: Am Dienstagabend hatte ich das Vergnügen das “Fac... http://bit.ly/dGZGsj

March 20 2011, 9:12pm

M. Spielkamp zum Thema Leistungsschutzrecht

Matthias Spielkamp hat gegenüber den Netzpiloten ein Interview gegeben zum Thema Leistungsschutzrecht. Er moderierte gestern einen Workshop sowie eine Diskussion zur Zukunft des Urheberrechts im Audimax der European School of Management and Technology (ESMT).

Untitled from Netzpiloten on Vimeo.

March 17 2011, 10:37am

Jetzt ist der Fernseher auch weg

Es war vor ungefähr zwei Jahren: Ich hatte – ohne es aktiv vorgehabt zu haben – einfach den Kauf von Zeitungen und Zeitschriften eingestellt. Das Lesen von Massenmedien in Zügen, in Wartebereichen auf dem Flughafen oder einfach mal in Ruhe am Sonntag morgen war jahrzehntelang Teil meiner Aktivitäten. Wenn man aber jeden Tag beruflich im Internet liest und schreibt, dann verlässt einen offenbar irgendwann das Interesse. Meine journalistische Tätigkeit hatte mit dem Siegeszug des Web Ende der Neunziger Jahre eingesetzt. Jetzt hatte der ständige Fokus auf Buchstaben mein Studium der Printwelt exmatrikuliert. Aber es gab ja immer noch das Fernsehen. Ich muss zugeben, dass ich seit dem Anbiedern der öfffentlich-rechtlichen Sender an das Prekariatsfernsehen auf SAT1, RTL und VOX auch dort kaum noch meine Heimat fand. Aber ich sah eigentlich immer 3SAT, arte und die Dritten Programme. Nach der Welle von Talkshows in den letzten Jahre reduzierte sich auch diese Gewohnheit. Ich vergaß sogar meine hämischen Kommentare über das Fernsehprogramm. Dann kam der verheerende Dreischlag auf Japan: Erdbeben, Tsunami und Atomkraftwerksexplosionen. Die Hilflosigkeit der versammelten Experten auf dem gesamten Globus, sei es auf TV5, CNN, BBC, ARD oder NHK machte mir schlagartig klar, dass die Milliarden Euro, die jedes Jahr in Tausende von Journalisten, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern versenkt werden in keinem Verhältnis zur gesellschaftlichen Praxis von Technologie und kommunikativem Austausch darüber steht… Die Wissenden stehen stolz vor den Journalisten und erklären jahrelang, dass zu keiner Zeit Anlaß zur Gefahr bestand, und dass alle Bedenkenträger im Grunde Idioten sind und den Wohlstand und das Glück von Millionen von Menschen gefährden: Dann kommen die Lebensmittelskandale, dann kommen die vielen Tausenden Toten im Jahr durch Sekundenschlaf der Auto- und LKW-Fahrer, dann kommen die Zehntausende Toten, die sich ins Grab geschlemmt haben, diejenigen, die sich um den Verstande gearbeitet haben – und immer steht ein Experte bereit und hebt die Schultern. Denn solche Entwicklungen sind eigentlich nur vereinzelte Vorkommnisse, die Wissenschaft aber hätte immer das große Ganze im Bild. Die Journalisten nicken. Und die Cutter in den Sendern schneiden Archivmaterial über die Texte, die wir schon Tausende Male gehört haben: Egal zu welchem Thema. Das letzte verbliebene große Massenmedium hat angesichts der Berichterstattung von Japan eines gezeigt: Der Inhalt, der dort transportiert wird, kommt aus dem Nichts und verschwindet dort. Es ist wie eine eingeübte schlechte Angewohnheit, so etwas wie das Rauchen oder das schnelle Fahren mit Motorrädern auf unübersichtlichen Straßen. Der Inhalt ist nur eine Projektionsfläche auf der alle und jeder seine persönliche Exkrementik ablädt. Leider ist es in fast allen Fällen heiße Luft. Seit gestern schaue ich nur noch DVDs über den Kasten. Mir reicht es. Mal sehen, ob mir mein geliebtes Radio noch bleibt.

March 15 2011, 9:53am

Gesucht: Kurator für Texte

In den letzten Monaten ist eines klar geworden: Journalisten schreiben Artikel und vergessen dann schlagartig das, was sie da veröffentlicht haben. Dialoge zwischen Leser und Journalist auf den Websites großer Verlage kommen daher praktisch nie vor. Dass dem Qualitätsjournalismus sowie dem traditionellen Journalismus damit mindestens 123 Chancen durch die Lappen gehen, dürfte auf der Hand liegen. Journalisten sind Sender. Punkt. Wenn andere eine Meinung zu etwas haben wollen, dann ist das kein Anlaß für Journalisten in medias res zu gehen. Und das, obwohl der Begriff Medien schon einen leichten Hinweis darauf bietet, dass sich die Medien exakt in der Mitte zwischen Quelle der Nachricht und der Senke, also dem Leser oder Zuschauer befinden. Man hält sich zurück. Noblesse Oblige. Allerdings entsteht an genau dieser Schnittstelle ein Vakuum durch die elegante Zurückhaltung. Da bisher nur die Journalisten darunter leiden, gibt es wenig Hoffnung, dass sich dies ändert. Es sei denn, man erschafft an dieser Stelle etwas Neues… Das nennt man in den Vereinigten Staaten content curation. Ähnlich einem Kurator im Museum oder bei Filmen nimmt dieser sich des Themas an und organisiert den Kontakt mit der Bevölkerung, einerseits durch die Auswahl der Ausstellungsstücke und andererseits durch den Kontakt zum Publikum. Im Internet ist eine der verläßlichsten Plattformen dafür der Bereich Social Media. Denn er liefert Abertausende Texte und den Zugang zu ebensovielen Interessierten. Böse Zungen behaupten, es wäre ein Werkstudent, der die Aufgaben von rivva übernimmt. Und in der Tat: Ist man ohne Ideen und ohne Sinn und Verstand, dann könnte man so etwas curation nennen. Aber es geht ja nun nicht nur um das Sammeln sondern eben auch um den Dialog mit den Menschen im Web. Und so könnten die Verlage die ehrenwerten Journalisten von der Last der Masse befreien und Menschen einstellen, die zu bestimmten Themen alle wesentlichen Texte, Bilder und Filme zusammensuchen und per Themenseite aktuelle halten. Sie könnten auch den Kontakt per Kommentar oder twitter halten und so all das viele Zeugs, das im Internet noch der Entdeckung harrt, unter die Leute bringen. Das wäre dann Google News Reverse. Aber wenn man sich diverse Lehrstühle für Journalismus ansieht, wenn man diverse Qualitätsjournalisten zum Thema reden hört, dann wünscht man sich gern einen Asbach Uralt und einen bequemen Stuhl am Kamin. Denn bis die Verlage verstehen, wie sie ihre Verlagswebsites auf diese Weise modernisieren, werden noch viele Berater Fanpages verkaufen, neue Content-Management-Systeme installiert und Dutzende Journalisten in die freie Mitarbeiterschaft entlassen. Übrigens, curation ist einer der Königswege zum neuen Ölgötzen der Aufklärung namens Transparenz, laut David Weinberger der einzigen Referenz für Objektivität.

March 11 2011, 10:19am

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