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2012 – das Jahr des eBooks?

Das eBook und der Gedanke, es im Web salonfähig zu machen, ist fast so alt wie das konsumorientierte Internet selbst. Schon 1971 hat man mit dem Projekt Gutenberg versucht, kostenlose Bücher, die einer rechtefreien Lizenz unterliegen, in digitaler Ausfertigung anzubieten. Das Projekt gilt als Vorreiter der Bemühungen und ist sogar heute noch als Internet-Bibliothek im Web erreichbar. Doch nicht nur verwaiste Werke oder Bücher, die keinem Urheberrecht unterliegen finden sich dort. Begeistert von der Idee, haben sich auch Autoren bereitwillig in dieses Sammelsurium aufnehmen lassen und haben somit schnell gezeigt, dass das eBook keines Falles nur den Ruf eines schwarzen Schafes verdient, dass das Ende des Prints einläutet, sondern dass es auch im Sinne der Schriftsteller zu einer durchaus gern gesehenen, weiteren Publikationsmöglichkeit herangezogen werden könnte.

Erfolg durch Technik… Das Jahr des eBooks wurde nun schon oft eingeläutet, jedoch haben die, die es bisher am ehesten in der Hand gehabt hätten, einen ertragreichen Branchenzweig daraus zu machen, mutwillig verpasst, ernsthafte Bemühungen vorzunehmen. Was Verlage gerne weit weg geschoben haben, haben sich in den letzten zwei Jahren gerade Technologieunternehmen auf die Fahne geschrieben. Nämlich eine vernünftige Infrastruktur im Web für das eBook anzulegen. Allen voran Apple und Amazon. Den Vorstoß, eBooks, die es wie gesagt schon ewig im Web gibt, standesgemäß lesen zu können, hat Apple mit seinem iPad vollbracht. Denn das iPad hat als erster Tablet-Computer die Entwicklung des elektronischen Buches und wie es heute konsumiert wird, entscheidend geprägt. Zwar ist das iPad kein eBook-Reader im herkömmlichen Sinne, jedoch hat es die Möglichkeiten aufgezeigt und nicht zuletzt auch Amazon darauf hingewiesen, wo die Reise hingeht. Amazon, die Ihre Wurzeln im Onlinebuchhandel haben, ließen es sich nach dem Erscheinen des iPads nicht nehmen einen neuen eBook-Reader zu entwickeln, der das Handling eines Tablets besitzt, jedoch auf jegliches Multimedia-Gedöns verzichtet und somit auch den Nicht-Techie anspricht, der ferner keine Hunderte von Euros für solch ein Lesegerät ausgeben will. Am Ende dieser zweijährigen Entwicklung kann man nun 2012 schon auf einen konkurrenzfähigen und funktionierenden eBook-Reader blicken, welcher das elektronische Buch in diesem Jahr zum Verkaufsschlager werden lassen könnte. Amazon, mit seiner riesigen Auswahl an digitalen Büchern und seinem recht gut entwickelten Kindle, wird 2012 große Schritte machen. Davon kann man ausgehen. Anreize schaffen und überzeugen… Erst einmal ist zu sagen, dass das Kindle Fire beispielsweise in den USA zu Weihnachten unschlagbar oft verkauft wurde. Amazon machte schon am 29. Dezember 2011 deutlich, dass das eigene Ökosystem zukünftig gerade durch die Topseller Kindle Fire, Kindle Touch und Kindle (in der Reihenfolge auf den vordersten Plätzen der Verkäufe) an Fahrt aufnehmen wird. Gleiches gilt für den deutschen Markt. Das einfache Kindle gehörte nämlich auch hier zu den meistverkauften, meistgewünschten und meistverschenkten Produkten bei Amazon.de zur Weihnachtszeit. Die schwierigste Hürde scheint somit eigentlich schon genommen. Nämlich den Verbraucher zu überzeugen. Doch ebenso wichtig ist es auch die Autoren zu überzeugen, die nicht wie die damaligen Project Gutenberg-Verfechter, von Anfang an, an das Konzept eBook glauben. Einen großen Schritt dahin macht Amazon derzeit mit dem größten aller Hauptargumente. Mit Geld. Um Autoren vom ePublishing zu überzeugen, wird der Online-Riese künftig versuchen mit einem Bonussystem die Rechteinhaber in die Verkaufsplattform Kindle Direct Platform (KDP) zu locken. Wer sich verpflichtet, seine Werke mindestens 90 Tage ausschließlich über KDP vermarkten zu lassen, soll in Zukunft mit Bonuszahlungen, die sich an der Anzahl der Verkäufe und dem Erwerb von Leserechten (die nach einiger Zeit wieder erlöschen) richten, belohnt werden. Und das könnte tatsächlich fruchten. Denn, dass eBooks, das Zeug zum Kassenschlager auf Amazon besitzen, zeigt derzeit auch Johny Haeusler mit seinem Werk „I LIVE BY THE RIVER“. Bereits nach kurzer Zeit hat Haeusler auf Amazon 3.000 eBooks verkauft und kletterte binnen weniger Stunden in die Top 10 des Amazon-Shops für Kurzgeschichten und Humor. Der Autor zeigt somit wie es gehen kann und gilt dieser Tage, als erfolgreicher eBook-Schriftsteller, der die Blicke auf sich zieht. Natürlich wurde der Hype auch und gerade wegen Haeuslers Bekanntheit durch Spreeblick in der Internet-Community begründet, aber ebenso zeigt der Erfolg auch, wie sehr dahingehend Chancen und neue Vertriebswege auch durch das Social Web ergründet werden können, wo man PR und Reichweite selber steuern kann und wo das Teilen eines Amazon-Links, binnen weniger Minuten, zu mehr Mundpropaganda führen könnte, als jede Rezension in der FAZ. Das System scheint geebnet… Alles das, was ein erfolgreiches eBook-Jahr 2012 ausmachen könnte, ist also gegeben. Die technischen Voraussetzungen sind erfüllt, die Käufer scheinen überzeugt, die Autoren bekommen Anreize und die Sozialen Netzwerke können für entsprechende Resonanzen sorgen. Kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Oder? Die einzige Unbekannte in dieser Rechnung ist allerdings nach wie vor, das Verhalten der Verlage. Die Rechtverwerter einiger Klassiker, entscheiden noch zu einem großen Teil mit über Vertriebswege und was mit welchem Buch geschieht. Und ganz auf einen Verlag möchte ein Autor auch nicht verzichten. Denn wenn man sich nur auf eBooks verlässt, könnten einem die ganzen anderen Leser, die, die lieber das geschriebene Wort in Papierform in den Händen halten, entgehen. Ein Dilemma also. Ein „Entweder-Oder“, wie es scheint. Eine Lösung muss zwangsweise her. Sonst wird das Jahr 2012 eher das Jahr des Buchmarkt-Krieges werden, indem mittendrinnen der Autor als Spielball steht und der Kunde zukünftig auf zwei Märkten Ausschau halten muss. Es wäre doch schade, wenn eine Erfolgstory zunichte gemacht wird, nur weil zwei Giganten mal wieder keine Einigung erzielen können. Die Zeichen stehen jedenfalls auf “grün” und zu keiner Zeit konnte man am ehesten das eBook-Jahr aussprechen, als zu Beginn 2012. Im Sinne der Leser und der Autoren wagen wir mal einen positiven Blick nach vorne und freuen uns auf einen enormen Entwicklungsschub des salonfähigen digitalen Buches.

January 18 2012, 9:30am

Wer profitiert eigentlich?

Wie haben sich in den USA die Gewinne in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Die folgenden Grafiken können Verständnis für die Proteste in den USA befördern. Da in Deutschland, anders als in den Staaten, bisher kein Banker zur Rechenschaft gezogen wurde oder gar Strafgelder verhängt wurden, gäbe es hier noch viel mehr Potenzial für Proteste. Aber deutsche Bürger protestieren nicht. Ich denke 30% höhere Mehrwertsteuer und 1 EUR mehr pro Benzin würden auch hier niemanden zu einem Verfechter realer Voksherrschaft auf der Straße bewegen. Aber die Packung Zigaretten für 8 EUR, das könnte klappen… Nun also zu den Profiten der Aktieninhaber, das bedeutet der der Firmen, die sie besitzen (übrigens, die Grafiken hier gelten mit leichten Änderungen auch für Deutschland):

Das hat Folgen für die Vorstandsvorsitzenden, denn deren Gehalt steigt:

Und hier zum Vergleich die Entwicklung der Stundenlöhne in den Staaten in den letzten 5 Dekaden:

Quelle: http://research.stlouisfed.org/ und Business Insider

October 12 2011, 10:07am

Sony erneut gehackt

Laut einer Firmenmitteilung der japanischen Firma im PlayStation-Blog sind Sony verdächtige Vorgänge rund um das Sony Entertainment Network, PlayStation Network und Sony Online Entertainment aufgefallen. Es wurden vorsorglich über 90.000 Nutzerkonten gesperrt, die ausgespäht wurden. Wahrscheinlich wurden einfach bekannte Kombinationen aus Nutznamen und Passwörtern ausprobiert. Bei den rund 90.000 gehackten Konten wurden sie offenbar fündig. Es gilt also der Tipp, mehrere Kontennamen und einzigartige Passwörter zu nutzen.

October 12 2011, 9:39am

Interview: MTV im Internet

Yousef Hammoudah von MTV Networks erzählte den Netzpiloten auf der Social Media Week etwas über die Strategie von MTV im Internet – auch angesichts von youtube und Co…

October 10 2011, 11:20am

Doku: Die Bank gewinnt immer

Augrund einer Regierungsanfrage ist die Wiso-DOKU des ZDF nicht mehr auf YouTube anzusehen. Aber es sind 40 Minuten, die sich lohnen, wenn es um das Verständnis und die Rolle der Banken in der aktuellen Krise geht. Hier geht es zur Mediathek…noch ist der Film dort zu sehen.

October 5 2011, 9:35am

Der Wallet-Service stillt Googles neuen Datenhunger

Google hat am Montag offiziell sein Bezahlsystem Google Wallet ausgerollt. Nach einer viermonatigen Testphase können nun US-Bürger, die im Besitz eines Smartphones Nexus S 4G sind den Dienst nutzen. Das Smartphone ist bisher das einzige Gerät, das mit einem NFC-Chip ausgestattet ist und die veröffentlichte Google Wallet-App nutzen kann.

Wie funktioniert Google Wallet? Im Moment arbeitet Google nur mit Mastercard zusammen. Das Unternehmen hat eigens für Google Wallet sogenannte PayPass-Systeme entwickelt, die die App auslesen. Man kauft ein Produkt und zahlt mit dem Smartphone, indem man es an das Terminal hält. Der integrierte NFC-Chip überträgt die intern gesicherten Kreditkarten-Daten des Inhabers via App und der PayPass-Systeme an den Zahlungsempfänger. Google ist im Gespräch mit weiteren Kreditkarten-Unternehmen und Smartphone-Herstellern um die Infrastruktur für das Bezahlsystem auszubauen. Ebenfalls in Planung ist sogar ein Feature, dass sich „SingleTap“ nennt. Google verbindet in dem Feature die Google Offers-App, mit der man z.B. Coupons und Treuekarten abspeichern kann und verbindet diese direkt mit Google Wallet. Durch einen Klick (SingleTap) kann man dann automatisch auch Rabatte vom Warenkorb abziehen lassen – schlau mitgedacht!

Chancen für Google = Risiken für den Nutzer…? Viele fragen sich jetzt sicher, ob Google dann nun auch direkt mitlesen kann, welche Produkte man so in der realen Welt kauft. Laut dem Unternehmen wird das nicht passieren. Google speichert nur die Höhe der Transaktionen und von welchem Ort diese getätigt wurden, um somit dem Nutzer auch nachträglich eine Liste der Abbuchungen bereitstellen zu können. Fragwürdig für den Nutzer sollte nun aber sein, ob es überhaupt nötig ist, dass Google diese Daten speichert. Im Grunde findet man alle Abbuchungen sowieso auf der Kreditkartenabrechnung. Wozu nutzt Google also diese Daten? Oder geht es dem Unternehmen gar nicht darum mehr Service zu bieten? Die Transaktionsdaten und Kreditkarten-Informationen an sich, dürften für das Unternehmen eine gerade zu magische Wirkung haben. Google weiß zwar alles über das Surfverhalten seiner Nutzer und kann über AdWords hohe Umsätze durch Werbetreibende generieren, jedoch hat das Unternehmen keinerlei Daten in finanzieller Hinsicht. Mit Google Wallet wird sich das ändern. Target-Marketing könnte in Zukunft so aussehen, dass nicht nur die Interessen vom Nutzer, sondern auch die Bonität und die durchschnittliche Höhe der Rechnungsbeträge weitergeleitet werden. Google als Schufa-Auskunft für Werber? Der Gedanke ist gar nicht so fern. Es bleibt immer ein bitterer Nachgeschmack zurück, wenn Googles Hunger nach Daten wieder ein Stück weiter übergreift. Da wir den Fortschritt nicht aufhalten können und das auch nicht tun sollten, müssen wir auf einen starken Wettbewerb hoffen um auch Alternativen zu Google Wallet nutzen zu können. Interessant sind diese Dienste in der Branche auf jeden Fall. Auch in Deutschland gibt es schon länger erste Ansätze eines solchen Services. Die Netzbetreiber T-Mobile, Vodafone und o2 wollen nämlich mit dem gemeinsamen Projekt Mpass im nächsten Jahr auch ins Mobile-Payment Geschäft eintreten. Hoffen wir mit einem guten Konzept und einem langen Atem, denn der Markt wird umkämpft sein, gerade und überhaupt durch die Präsenz Googles.

September 21 2011, 9:45am

Wird Apple sich mit einem iPad 3 Zeit lassen?

Zur Abwechslung geht es heute einmal nicht um die Gerüchteküche des iPhone 5, sondern um Neuigkeiten bezüglich eines möglichen iPad 3 Releases. Während sich die Apple-Gemeinde über ihr gerade erst erworbenes iPad 2 freut, wird über den Nachfolger kräftig gewettet und spekuliert. Bis vor Kurzem deuteten einige Anzeichen darauf hin, dass Apple womöglich noch dieses Jahr ein Update zu seinem iPad 2 rausgeben wird. Diese Hoffnung wurde jedoch gestern von dem J.P. Morgan Analysten Mark Moskowitz vorerst verneint.

In einem Bericht an einige Kunden der Großbank schrieb Moskowitz nämlich: “In recent months, there has been rising investor speculation that a new iPad 3 would be launched for the holiday season. Our latest research continues to indicate that there is no such device slated for production this year. There are prototypes in the supply chain related to the next-generation device, but our conversations with industry participants suggest that a new device will not be available until sometime in calendar 2012.” Das amerikanische Online-Journal AllThingsD erweiterte die These mit der Einschätzung, dass Apple es nicht nötig habe in kürzester Zeit wieder ein Tablet rauszugeben. Im Moment ist das iPad 2 einfach keiner Konkurrenz ausgesetzt. Es hat einen Marktanteil von 68,3 Prozent laut IDC (Internation Data Corporation), einem Markforschungsunternehmen im IT-Bereich. Die anderen großen Anbieter der Tablet-Branche sind in Wirklichkeit keine ernstzunehmende Konkurrenz oder per Patenturteil limitiert. Warum also jetzt schon wieder mit einem neuen Gerät an den Start gehen? Mit diesen Argumenten arbeitet auch Mark Moskowitz in seiner Keynote. Er schrieb nämlich weiter: “We do not think Apple needs to be in a rush to unveil a new iPad. The other tablet entrants have stumbled so far, and that trend-line could persist deep into 2012. Motorola Mobility and Research In Motion have been recent disappointments, and we expect more stumbles from others.” Ob der J.P. Morgan Analyst sich da nicht täuscht? Ich persönlich denke, dass sich zumindest Motorola Mobility mit dem neuen Chef Google Inc. an der Seite gestärkt nach vorne begeben wird. Zwar kann Google nicht wirklich mit Erfahrungen am Gadget-Markt punkten, allerdings mit einer fast unerschöpflichen Menge an Budget und einem riesigen Netzwerk zu sämtlichen Herstellern, die bereits mit Android arbeiten. Es wäre sicherlich eine Verschwendung wenn Google sich, neben der Aneignung von Patenten nicht auch langfristig auf dem Smartphone- und Tablet-Markt mit der neu-akquirierten Tochter einen Namen machen würde. Außerdem (und das ist viel wichtiger) steht ein ganz neuer Release in den Startlöchern, der bisher noch gar nicht eingeschätzt werden kann. Amazon wird demnächst nämlich mit seinem ersten Kindle-Tablet an den Start treten und man kann davon ausgehen, dass das Unternehmen seine Erfahrungen gerade im Verkauf nutzen wird, um Apple einige Marktanteile abzuluchsen. Wer dazu mehr wissen will, dem kann ich den Artikel “Why Amazon’s tablet will challenge Apple in a way that Google cannot” vom Guardian-Autor Charles Arthur empfehlen, der sich genau diesem Thema annimmt. Ich glaube zwar nicht, dass wir dieses Jahr noch mit einem iPad 3 rechnen können, aber zumindest ein Update des jetzigen iPad 2 ist nicht ganz ausgeschlossen. Eine neue HD-Version steht nämlich schon seit Juli in den Startlöchern. Womöglich warten die Verantwortlichen nur auf einen strategisch geeigneten Zeitpunkt für einen Release. Dieser könnte nach der Veröffentlichung des Kindle-Tablets jedenfalls schneller eintreffen als geglaubt.

September 20 2011, 9:40am

Infographic: 10 Years of TV and new Trends

Abschließend zur IFA einmal eine Infografik, die die starken Entwicklungen der TV Geräte der letzten Jahre aufzeigt. Auch die kommenden Jahre werden einige Neuerungen bereit halten. Schaut euch die technischen und preislichen Veränderungen an und seht welche Geräte zu welcher Zeit den Markt beherrschten…

September 8 2011, 9:30am

EU: Urheberrecht für Tonaufnahmen

Bald wird es laut irights.info wahrscheinlich wegweisende Entscheidungen im europäischen Urheberrecht in Sachen Musik und Sprachaufnahmen geben: Die lange auf Eis liegende Schutzfristverlängerung für Tonaufnahmen von 50 auf 70 Jahre soll laut der Website aller Voraussicht nach morgen am 07. September vom Ausschuss der ständigen Vertretungen und Botschaften in Brüssel (COREPER) beschlossen. Der COREPER-Ausschuss bereitete in der Folge die Ratsarbeitsgruppe Urheberrecht vor. Diese wird am 12.09. tagen und aller Voraussicht nach die Schutzfristverlängerung in europäische Gesetzeskraft gießen. Eine besonders großen Nutzen für die Bürger Europas können wir von hier aus nicht erkennen. Diese letzten Entwicklungen sind laut irights.info weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit im Schnellverfahren vorangetrieben worden. Durch ein Einlenken von Dänemark, Portugal und Finnland sei inzwischen die Sperrminorität gefallen. Mehr dazu lest Ihr hier im verlinkten Dossier (PDF)

September 6 2011, 10:12am

„Inside Apple“ – ein Blick hinter die Kulissen Apple’s

“Inside Apple: How America’s Most Admired — and Secretive — Company Really Works” heißt das neue Buch vom Fortune Magazin-Reporter Adam Lashinsky. Das Releasedatum wurde auf den 18. Januar 2012 festgelegt, der Verkaufstart soll am 6. Februar 2012 in den USA beginnen. Ob Unbekanntes und Sensationelles enthalten sein wird…

Das Buch ist eine Erweiterung zu einem veröffentlichten Artikel von Lashinsky, der in der Branche mit guter Resonanz angenommen wurde. Der Wälzer taucht tief in die Geschichte und die Arbeitsweise der kultigsten Silicon-Valley Firma ein und soll vollkommen unabhängig verfasst sein. Anders als die von Walter Isaacson geschriebene Biographie „Steve Jobs“, wurde nicht mit Apple oder Jobs zusammengearbeitet, betont der Autor. Lashinsky begründet damit eine vollkommen neutrale Berichterstattung. Unter anderem wird in dem Buch geklärt, wie Killer-Produkte entwickelt werden und wie Apple von den Zulieferern bekommt, was es will – klingt vielversprechend kritisch. Es wird aber auch darauf eingegangen wie Apple seine Kunden bindet und wie das Unternehmen geführt wird. Adam Lashinsky sagte dazu folgendes: “So much of what Apple does stands decades of business teaching on its head, because they just don’t do things the way other companies do. The rest of the business world might want to pay attention.“ Das Buch wird sicher für die angemessene Aufmerksamkeit sorgen und es wird wohl tatsächlich positive, wie auch negative Betrachtungsweisen beleuchten. Ich bin gespannt darauf und werde es mir definitiv kaufen. Wer den oben genannten vorherigen Fortune-Artikel von Adam Lashinsky lesen möchte, kann diesen im Kindle-Shop für 0,79 € kaufen. Im Fortune Archiv ist der Artikel leider nicht mehr zu finden.

September 6 2011, 9:45am

Die Euro-Krise

Die Krise um die europäische Währung wird verständlich erklärt am Beispiel Griechenland:

August 18 2011, 10:36am

Der mobile Stellungskrieg

Im umkämpften Markt des mobilen Zugangs zum Web entwickelt sich alles zu einem statischen Stellungskrieg. Apple und Google positionieren sich in den Schützengräben mit einer Artillerie an Patenten. Aktuell hat Google leichte Vorteile, denn Apple hatte zusammen mit Microsoft und einigen anderen Firmen neulich noch 4,5 Milliarden Dollar für läppische 6000 Patente hingelegt, von denen einige auch das mobile Web betreffen. Google bekam 17.000 Patente, die fast alle im mobilen Bereich einsetzbar sind. Zusätzlich läuft das Geschäft mit Milestone und Defy nicht rosig, aber beide Smartphones haben ihre Fans.

Das Problem an Stllungskriegen ist allerdings, dass sich nicht bewegt. Und so unken die Auguren der New York Times nichtz zu unrecht, dass dieses Geld nun für echte Innovationen fehlt. Der vielgescholtene Begriff des Wachstums bekommt nun Knüppel zwischen die Beine wo man es nicht erwartet hatte: aus dem Markt. Es wäre nun sicher Zeit, das Patentunwesen in den USA und teilweise auch in Europa etwas innovationsfreundlicher zu gestalten. Der Flurschaden wird erzt auf den zweiten Blick deutlich. Denn solche Käufe in Zeiten knapper Kassen, drohender Rezession und drastisch sinkender Immobilienpreise setzen ein Signal für das Kapital. Und all die Milliarden, die seit der letzten Krise einen sicheren Hafen suchen, werden sich nun auf all die Firmen setzen, die im Patentunwesen ihr Geschäft finden. Und so werden wir bald andere Heuschrecken erleben. Patent-Kellerasseln. Sie werden unterbewertete Firmen mit Tradition und großem Patentfundus aufkaufen und Mitarbeiter, Immobilien und Maschinen entsorgen. Der volkswirtschaftliche Schaden könnte besonders in Europa beträchtlich sein, denn hier gibt es viele alte Firmen mit vergilbten Papieren im gußeisernen Panzerschrank, die man der angeschlossenen Anwaltssozität mit einem kalten Lächeln überreichen wird. Wer heutzutage im Bereich Technologie produziert, sollte eine gut gefüllte Kriegskasse haben, damit er seinerseits genug Patent-Artillerie auffahren kann. Ein unheilige Zukunft droht der Welt der Ingenieure. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Jetzt sitzt jede Firma auf einem Schleudersitz. Photo: Lt. J. W. Brooke Quelle: Wikimedia

August 17 2011, 9:45am

Infographic: Wheres Google making it’s money

Das Google das meiste Geld mit Werbung verdient liegt auf der Hand. Das der Anteil am Einkommen aber bis zu 97% beträgt, hat mich schon ziemlich überrascht. Doch welche Keywords sind die ertragreichsten Keywords? Welche haben den höchsten CPC-Wert (Cost Per Click)? Diese Infografik gibt Aufschluss über Googles heißeste AdWords – doch seht selbst!

Zum Vergrößern einmal klicken und dann zoomen

August 1 2011, 9:30am

Die Social Blase im Web

Es kursieren enorme Zahlen durch die Welt der Medien, wenn es um den bevorstehenden Börsengang (IPO) von facebook geht. Allerorten tauchen dann Experten auf, die von solchen Wetten an der Börse abraten. Ältere Semester verweisen auf das bereits erlebte Platzen der ersten Web-Blase vor 10 Jahren. Aber vor 10 Jahren waren noch nicht solche Summen im Markt. Denn seit der Finanzkrise investieren Banken nicht mehr, indem sie Firmen und Staaten mit Schulden überhäufen. Es gibt daher Fantastilliarden freien Kapitals, und das muss einer Vernichtung zugeführt werden, sonst platzt das System. Die Motive liegen etwas weiter zurück…

Diese Vernichtung des Kapitals sind die besagten Blasen als Gegenentwurf zum Krieg, in dem Milliardengewinne auf Kosten von vernichteten Menschenleben eingefahren werden. Im Normalfall wird all das akkumulierte Geld der privaten Anleger fein säuberlich auf viele Risiken verteilt. Da es aber viele Banken und viele Anleger sind, kommen so eben auch Unsummen zusammen auf Punkten wo viel Geld schon gereicht hätte. Auf diese Weise machen viele Anleger aus 100.000 EUR in wenigen Jahren 70.000 EUR oder weniger (siehe Telekom etc.). Da sie jedoch aufgrund der Streuung ihrer Kapitalberater auch in weniger riskanten Geschäften ihr Geld anlegten, kommen sie insgesamt mit einem leichten Plus aus jeder Dekade. Die Tatsache, dass Microsoft 8,5 Milliarden Dollar für Skype hinlegt, um sein Windows Phone 7 an den Mann zu bringen, ist zumindest eine humorige Managerentscheidung, die ein deutliches Zeichen für die Verzweiflung ist, die in Redmond herrscht angesichts der Angriffe aus der cloud. Einige Kapitalgeber haben aber durch diesen Deal wieder soviel Geld verdient, dass sie das neue Kapital schnell wieder in startups und Beteiligungen investieren müssen. Neben all den frei flottierenden Geldern, die gerade nicht in die Industrie, den Mittelstand und die Forschung fließen, machen die Milliarden der Venture Capitalists und Business Angels aber nur einen kleinen Teil aus. Die Idee hinter dem Run auf Zukunftstechnologien wie Windkraft, Photovoltaik oder eben Internet ist aber nicht Kalkül sondern ein Mißverständnis: Man verwechselt Zivilisation mit Sicherheit. Dazu Alfred North Whitehead (Science and the Modern World, S. 207): “Die wohlhabende Mittelklasse, die das 19 Jahrhundert regierte, legte einen übertriebenen Wert auf die Gesichertheit der Existenz [...] {Wir sehen das heute wieder in den Begriffen “gesunde Ernährung” und “Nachhaltigkeit”}. Der Mittelklassepessimismus, die Zukunft der Welt betreffend, entstammt der Verwechslung von Zivilisation und Sicherheit. In der unmittelbaren Zukunft wird es weniger Sicherheit als in der unmittelbaren Vergangenheit geben, auch weniger Stabilität. Auch muss man zugeben, dass es einen Grad der Unsicherheit gibt, der sich mit Zivilisation nicht verträgt. Doch im ganzen gesehen, waren die großen Zeitalter unsichere Zeiten.“

Es ist also gut möglich, dass sowohl die Investoren als auch die Skeptiker an derselben Brust saugen: Dem Unvermögen, unsicheren Zeiten gelassener entgegen zu sehen.

June 14 2011, 9:26am

Gemüse für Europa – aus Sklavenhand

In Südspanien werden Gemüse und Früchte für ganz Europa angebaut – unter Plastikplanen, die ganze Landstriche zudecken, und mit der Hilfe von ArbeitsmigrantInnen, die gnadenlos ausgebeutet werden. Sie sind Europas Sklaven des 21. Jahrhunderts. Und Europas KonsumentInnen tragen dafür Mitverantwortung. – Eine Anklage.

Auf mehr als 35’000 Hektar werden in Südspanien, insbesondere in der Provinz Almería, Gemüse und Früchte für den Export nach dem Kerneuropa produziert. Hauptsächlich im Winter beliefert die Region Europas Läden und Supermärkte mit günstigem und frischem Gemüse. Die ganze Anbaufläche ist mit Plastik- und teils mit Glasdächern überspannt und wird deshalb auch als der Wintergarten Europas bezeichnet oder – weniger beschönigend – als Mar del Plástico, das Plastikmeer. Die Gegend zwischen Almería und El Ejido gilt als das weltweit grösste Anbaugebiet unter Folie.

▲ Plastikmeer in der Ebene von El Ejido, von einem Hügel aus betrachtet … (Foto von ANE, CC-Lizenz) … und aus dem Weltraum (Satellitenbild Google) ▼

Was heute einer Plastikwüste gleicht, war vor dem Anbauboom ein unfruchtbares und steiniges, aber von Natur her wüstenähnliches Gebiet, da es in der Region kaum regnet. Der Anbau von Gemüse und Früchten wurde erst möglich, als man unter der Erde ein System von Flüssen und Grundwasserseen entdeckte, die von der nahegelegenen Sierra Nevada gespeist werden. In den 1960er Jahren setzte ein agro-industrieller Aufschwung ein, der viele Einheimische reich machte, ganze Landstriche mit Plastik überzog und auf schlecht bezahlte Arbeitsmigranten angewiesen war. Denn nur so waren die Preise auf dem europäischen Markt konkurrenzfähig. Inzwischen werden insgesamt um die drei Millionen Tonnen Gemüse und Früchte pro Jahr – Tomaten, Paprika, Zucchini, aber auch Chinakohl, Brokkoli und Kopfsalat sowie Melonen – an die Supermärkte hauptsächlich in Deutschland und Holland, aber auch in der Schweiz und anderen westeuropäischen Ländern geliefert und dabei ein Umsatz von um die zwei Milliarden Euro erzielt. Ökologischer Wahnsinn Diese Art von Landwirtschaft hinterlässt natürlich nicht nur ästhetisch, sondern auch ökologisch tiefe Spuren. Die Verlierer sind zunächst die Böden und das Grundwasser. Beides ist durch den hemmungslosen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – im Durchschnitt sind es 40 kg pro Hektar – hochgradig vergiftet, die Böden sind zudem durch die einseitige Nutzung so ausgelaugt, dass grosse Mengen an Kunstdünger eingesetzt werden müssen, um die Erträge zu erzielen. Der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch, werden doch beispielsweise für den Anbau von Tomaten unter Plastik pro Jahr und Hektar 6’370’000 Liter Wasser verbraucht. Umgerechnet auf das ganze Anbaugebiet von 35’000 Hektare entpricht das einer Menge von 222,95 Milliarden Litern.1 Unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen Die VerliererInnen sind aber auch die LandarbeiterInnen, insbesondere die ArbeitsmigrantInnen aus Marokko und Westafrika, die zu einem guten Teil keine Aufenthaltsgenemigung haben und deshalb von ihren Patrons nach Strich und Faden ausgebeutet werden. Die meisten sind ohne Vertrag angestellt und können je nach Bedarf und ohne Komplikationen für die Patrons jederzeit wieder entlassen werden. Im Krankheitsfalle werden sie einfach ersetzt. Dabei verdienen sie einen Lohn – zwischen 20 und 35 Euro pro Tag –, der schäbiger nicht sein könnte. In den Städten und Dörfern sind die ArbeitsmigrantInnen verhasst und werden rassistisch verfolgt.2 Sie müssen sich deshalb in oder neben den Treibhäusern ein dürftiges Dach über dem Kopf suchen oder gar selbst aus Verpackungsmaterialien und Plastik eine Hütte zusammenzimmern.3 Viele sind im Verlauf der letzten Jahre und Jahrzehnte wegen der Allgegenwart von Perstiziden krank geworden, manche von ihnen gestorben. Es besteht kein Zweifel: Hier herrscht ein Regime der modernen Sklaverei – und ganz Europa profitiert davon, die KonsumentInnen, weil sie in ihren Supermärkten über das ganze Jahr, insbesondere im Winter, frisches und billiges Gemüse haben wollen. Aber auch viele Einheimische in den südspanischen Anbaugebieten, denn die Gestehungskosten der Produkte, die ja industriell, also grossflächig angebaut werden, sind nur dank der papierlosen ArbeitsmigrantInnen unverhältnismässig tief. Die Bewässerung und der Unterhalt der Treibhäuser sind recht teuer. Der Preis der Produkte im Laden übersteigt indessen die Produktionskosten um das Siebenfache. Die EinwohnerInnen von El Ejido – wo es im Jahr 2000 zu Pogromen gegen Marrokaner kam – haben denn auch das grösste Pro-Kopf-Einkommen in Spanien.4 Europäische Scheinheiligkeit gegenüber MigrantInnen Hier, in El Ejido, zeigt sich exemplarisch die Schizophrenie – oder ist es Scheinheiligkeit? –, wie sie in ganz Europa gegenüber MigrantInnen herrscht: Einerseits grenzt man sie unerbittlich aus, drängt sie in die Illegalität – oder gar in den Tod, und gleichzeitig profitiert man von ihnen ebenso gnadenlos als billige Arbeitskräfte – nicht nur in Südspanien, auch in Kerneuropa, auch in der Schweiz. Sie sind das Schmiermittel im brummenden Wirtschaftsmotor, die unterste soziale Schicht, die für wenig Geld die niedrigsten, ungeliebtesten Arbeiten verrichtet. Je mehr man sie ausgrenzt, um so billiger sind sie zu haben. Sie sind Europas Sklaven des 21. Jahrhunderts.


Anmerkungen: Quelle für die Zahlen: https://we.riseup.net/tsolife+skillsurfers/artikel-almeria 2 Siehe „El Ejido – Ein Jahr nach dem Pogrom“ 3 Ein eindrücklicher kurzer Film in Englisch über die Lebensbedingungen ist auf der Webseite des britischen Guardian zu sehen:http://www.guardian.co.uk/business/2011/feb/07/spain-salad-growers-slaves-charities 4 Siehe dazu „Billige Vitamine“ auf dradio.de

Eine der wenigen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für die MigrantInnen einsetzen, unter anderem eben in Südspanien, ist das Europäische BürgerInnenforum (EBF). Mit handfester Unterstützung – z.B mit internationalen BeobachterInnen in El Ejido oder mit dem Aufbau von Anlauf- und Beratungsstellen vor Ort – leben die AktivistInnen von EBF Solidarität, wo andere wegschauen.

Crosspost von walbei

April 20 2011, 10:30am

Steve Jobs & die Echokammer der Hörensagens

Zu den erfolgreichsten Innovatoren, die diese Widerstände außer Kraft setzen, zählt Apple-Chef Steve Jobs. Wenn er über Arbeit oder Freizeit nachdenkt, ändert sich unser Leben. Der i-Kosmos bewirkt einen anderen Umgang mit Informationen, Medien und Unterhaltung, so die Kuratoren der Apple-Ausstellung im Frankfurter Museum für angewandte Kunst: iPod, iPhone und iPad bilden eine Trias, die den Verständnis- und Erfahrungshorizont der entsprechenden Produktgattungen verändert hat. Es gehe um neue, vernetzte Nutzungen, um bisher so nicht gekannte Symbiosen von Hard- und Software und um ein geradezu kultisches Verhältnis zu Geräten der Unterhaltungselektronik…

Nachvollziehbar ist daher die Position von Konsumforschern: Sie sehen in Apple weniger einen Technologielieferanten als vielmehr einen Erlebnisprovider. Steve Jobs ist allerdings kein Erfinder, sondern eher ein begnadeter Nachahmer und Kombinatoriker. Ein Großteil der Macintosh-Technologie ist nicht im eignen Hause erfunden worden, so der ehemalige Apple-Vorstandschef John Sculley. Die Bedienoberfläche des Mac war dem Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox zu verdanken. Teile der Oberfläche wurden wiederum nicht von Xerox, sondern von einem Wissenschaftler namens Doug Englebart erfunden. „Apple ist ein Meister des Zusammenfügens und spart sich seine Kreativität für die neuartige Kombination bestehender Technologien auf“, schreibt Oded Shenkar, Leiter der Abteilung Global Business Management bei der Ford Motor Company, in seinem Opus „Copycats“ (Redline Verlag). Die wahren Fähigkeiten des Steve Jobs-Konzerns liegen darin, eigene Ideen mit externen Technologien zusammenzufügen und die Ergebnisse in eine elegante Software und ein unverwechselbares Design zu verpacken. Apple beherrscht wie kaum eine andere Organisation die Inszenierung und Integration von Technologien ohne jede Scheu davor, Ideen von außen zu nutzen und sie mit den eigenen Kniffen zu veredeln. Steve Jobs ist zudem ein Meister der Klugheitslehre, wie sie im 17. Jahrhundert vom Jesuiten Baltasar Gracián zu Papier gebracht wurde. Es sei ein sehr schwieriges Unterfangen, jederzeit „die Erwartung rege zu halten“, denn „die glänzendste Tat kündige noch glänzendere an“, führt Gracián in seinem Opus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ aus. Man sollte seine wahren Absichten nicht allzu deutlich preisgeben. „Wer mit offenen Karten spielt, läuft Gefahr, zu verlieren“, bemerkt der spanische Geistliche. Das Gegenteil sei besser: Manchmal müsse man „Luftstreiche“ tun, also praktisch mit dem Schwert in die Luft schlagen, um den Gegner zu verwirren und die eigenen Absichten nicht deutlich werden zu lassen. Gleichzeitig erlauben solche „Luftstreiche“ oder Probierballons das Ausprobieren einer bestimmten Position, die zu Diskussion gestellt wird, ohne gleich als die eigene Meinung gelten zu müssen. Es erfordert ein hohes Maß an Geschicklichkeit, hinreichend Spannung aufzubauen und die anderen „über sein Verhalten in Ungewissheit“ zu halten. „Der Kluge lasse zu, dass man ihn kenne, aber nicht, dass man ihn ergründe“, schreibt Gracián im Handorakel (Nr. 3). Der Handlungsvorschlag setzt allerdings eine hohe Begabung voraus. Denn wichtig sei es, „bei allen Dingen stets etwas in Reserve“ zu haben. Nur dadurch sichert man seine Bedeutsamkeit. Die Kunst des Gerüchts wird im Internet zum Prinzip, meint Hans-Joachim Neubauer in seiner Abhandlung „Fama – Eine Geschichte des Gerüchts“ (Matthes & Seitz-Verlag).  Die Nachricht nährt das Gerücht, und das Gerücht nährt die Nachricht. „Die so genannten Nachrichtenkanäle senden möglichst unmittelbar, steigern die Spannung mit Live-Schaltungen, bewerten, dramatisieren und taktieren im Minutentakt. Nachrichten werden überhöht, Pressekonferenzen geraten zum Spektakel – ein sich selbst infizierender Kreislauf der Wichtigtuerei ist entstanden“, führt Neubauer aus. Besonders in der grenzenlos vernetzten Welt der automatisierten Nachrichtenspiegel und Informations-Ströme gelte das Gesetz der Popularität. In der Blogosphäre sei Qualität ein qualitativer Faktor. „Nicht mehr die Nachricht von den Fakten ist die Information, sondern die Nachricht vom Erfolg einer Nachricht“, erläutert Buchautor Neubauer. Das Urbild des Cyberspace stamme aber nicht aus dem 20. Jahrhundert, sondern sei schon 2000 Jahre alt. Was Ovid über das Haus der Fama schreibt, liest sich wie eine Vision unserer digitalen Gegenwart. Auch das Internet sei überall; wie Famas Haus hat es „tausend Zugänge“ und „unzählige Luken“, „bei Nacht und bei Tage steht es offen, ist ganz aus klingendem Erz, und das Ganze tönt, gibt wieder die Stimmen und, was es hört, wiederholt es“, weiß Ovid. „Alles, wo es geschehe, wie weit es entfernt sei, von dort erspäht man es; ein jeder Laut dringt hin zum Hohl seiner Ohren.“ Und schließlich „schwirren und schweifen, mit Wahrem vermengt, des Gerüchtes tausend Erfindungen und verbreiten wirres Gerede“. Was stimmt, könne niemand sagen, aber mitsprechen könne jeder. Die Echokammer des Hörensagens beherrscht in der Welt der Kommunikationstechnologien keiner besser als Steve Jobs. Daran werden die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums gemessen. Photo: Gunnar Sohn Dies ist ein Crosspost.

April 11 2011, 10:30am

Cyberquark: Daten sind das neue Öl

Es gibt einen Kongress namens Online Handel. Da hat der Zukunftspapst Gerd Leonhard mal die ganz dicke Kristallkugel mitgebracht und uns allen verkündet, dass es ab jetzt nicht mehr reiche, in einer Suchmaschine gefunden zu werden, man müsse auch im Social Web auffindbar sein. Offenbar existiert dieses Social Dingsbums abgekoppelt von den Crawlern, Robots und Spider-Technologien von Larry und Sergey. Und sogar das brandneue Thema Cyberwar darf auf so einer Konferenz nicht fehlen (anyone stuxnet?). Und auch Amir Kassaei hat eine Zukunftsvision mit facebook. Aber beginnen wir mit dem Wiedergängner namens Cyberwar…

“Es werden in Zukunft auch Kriege wegen Daten geführt, in denen es darum geht, wer welche Daten haben darf.” (G. Leonhard)

Ein Glück, dass es das bisher noch nicht gegeben haben darf. Denn jetzt können es die Vortragsnomaden in Stadt und Land für ihre Präsentationen verwursten, dank Frank Rieger weiß sogar jeder zweite FAZ-Leser, was man damit machen darf. Leider sind die Ratschläge der wahren Experten den meisten Rednern unbekannt. Der Königsweg heißt dort nämlich “Entnetzung” und ist exakt genau das, was der Name vermuten läßt. Sensible Daten werden nicht in ein Netz gestellt. Wer jetzt bei diesem Satz entnervt an die mahnenden Worte der Spielverderber denkt, die der Gemeinde des Transparenz-ist-wenn-alle-alles-lesen-dürfen ständig Knüppel in den Weg werfen, der denkt richtig. Einige sind schon weiter. Wenn Daten Öl sind, dann sind Taten der alltägliche Verkehr: Und da kommt der Leonhard so richtig in Fahrt in Sachen social web und social consuming: “Die Phase, in der die Verbraucher alles kaufen, nur weil es da ist, ist vorbei. Stattdessen werden einige Teile des Besitzes mit anderen geteilt.”

Die Beweise für diese steile These sind z.B. das Car-Sharing, das seit Jahren einen unglaublichen, naja, Boom erfährt. Jedenfalls machen es jetzt mehr Menschen als in den 50er Jahren. Ja, der Verkehr ist ein tolles Thema für alles mit social: Fragen Sie mal Bahnreisende im Hochsommer oder rund um Weihnachten oder schauen Sie sich die glücklichen All-Inklusive-Touristen an. Aber Amir Kassaei, die Lichtgestalt der deutschen Werber ist da nicht viel weiter. Er prophezeit auf demselben Kongress, dass facebook aus dem Like-Button einen Buy-Button stricken wird. Dann wird facebook eine Mischung aus amazon, groupon und myspace. Er hat sogar entdeckt, dass in den USA seit 2 Jahren twitter als sehr präzises und effizientes Tool für Kundensupport genutzt wird. Er wird in zwei Jahren wissen, dass diesen Platz nun gerade Quora einnimmt. Aber er ist eben gerade erst bei twitter angekommen: “Wenn einer Twitteruser beispielsweise fünf Freunde hat, die sich mehrmals pro Woche per Tweet über ein Unternehmen beschweren, dann erzeugt das ein Bild, dass viel stärker ist, als jede Art andere Kommunikationsmaßnahme es könnte.”

Lieber Herr Kassaei, ich schätze Ihre Arbeit, als Kommunikationsexperte in Sachen PR braucht es doch etwas mehr Erfahrung und Differenzierung. Denn im Social Web versendet sich alles noch viel schneller als im Fernsehen. Das allüberall anzutreffende Verdikt rund um die allwissende Müllhalde aka ewiges Gedächtnis des Web hat einen besonderen Haken: Die Geschwindigkeit und Masse der Daten verschüttet jegliche Geduld, die Informationen in mehrere Zusammenhänge einzubinden, sodass die meisten “Daten sind Öl” nichts anderes sind als der Tiger im Tank derjenigen, die sich per Meinung ihrer Selbst vergewissern müssen. Das sind zumeist Menschen, die sich selbst nicht spüren können und daher immer andere um sich haben müssen. Sie bezeichnen diesen Zwang als soziales Verhalten. Doch der Begriff des Sozialen umfasst eigentlich eine besondere Komponente: das gegenseitige Füreinander-Da-Sein. Das klappt schon ein bißchen im Netz. Bei ushahidi, bei quora und anderen Frage/Antwort-Seiten und den Abtertausenden Foren. Auf Facebook hält man Kontakt zu entfernten Bekannten, Schulfreunden aus früheren Tagen und der Gastfamilie in Übersee. Man tauscht lustige Videos aus und “meldet sich einfach mal wieder”. Dabei werden exakt 8% der Menschen Tipps für Taschen, Hosen, Videoserver und Autoschonbezüge übermitteln. Aber diese Welt der Dinge bleibt grundsätzlich außerhalb der Gespräche. Denn Facebook ist nichts anderes als ein großer Dorfplatz auf dem sich jeder mit vielen Bekannten und Nachbarn trifft. Wird der voller Produktinformationen sein, zieht man sich in die stillen Hinterhöfe zurück oder auf die Balkons auf twitter, in Blogs oder was auch immer im Jahr 2013 die nächste Plattform sein wird – vielleicht quora oder etwas im mobile web, was wir noch nicht kennen? Denn da, lieber Amir Kassaei wird die nächste Evolutionsstufe des Handels gezündet werden – im Handy. Kann sein, dass es facebook ins mobile Zeitalter schafft. Wir werden sehen…

Bildnachweis: Perfect Earthian

January 21 2011, 9:50am

Anders wirtschaften: assoziativ

Ist solidarisches Handeln in der Wirtschaft eine Illusion, eine hoffnungslose Träumerei? Oder ist es eine Notwendigkeit, um dem von Egoismus und Bereicherungswut geprägten Wirtschaftsleben etwas entgegenzusetzen, das mit dem mündigen Menschen und den Möglichkeiten seiner Vernunft rechnet? Ein paar grundsätzliche Überlegungen – und ein paar Beispiele der solidarischen Wirtschaft aus der Praxis… Warum eigentlich ist die Selbstbehauptung in der heutigen Wirtschaft derart auf die Spitze getrieben? Weil nur so das Überleben des einzelnen gesichert ist? Weil man nur dem Egoisten Leistungsfähigkeit zutraut?  Oder vielleicht gar weil zu Recht nur der Stärkste überleben soll, wie in der Natur und – angeblich – gemäss dem ehernen Gesetz des (Sozial-)Darwinismus? Allein die Tatsache, dass das Dogma der allein selig machenden Konkurrenzwirtschaft aus dem 18. Jahrhundert stammt (Adam Smith, 1723 – 1790), müsste eigentlich zweifeln lassen an der Richtigkeit des Konzeptes für unsere heutige Wirtschaft. Doch auch wesentlich handfestere Erfahrungstatsachen aus der Gegenwart weisen darauf hin, dass das Wirtschaftsgeschehen neue Impulse braucht, um endlich und auch in Zukunft seiner zentralen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich die Versorgung aller Menschen dieser Erde in optimaler Weise zumindest anzustreben, aber eigentlich zu gewährleisten. Bewusste Gestaltung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Dass in der heutigen Wirtschaft einiges schiefläuft, muss nicht näher erläutert werden. Ein wichtiges Moment dieser Fehlentwicklung ist meines Erachtens, dass trotz vermehrter Arbeitsteilung, also Zusammenarbeit – sie ist ja inzwischen weltumspannend – die Ausbildung des Interesses zwischen den einzelnen Wirtschaftsteilnehmern, insbesondere zwischen den Produzenten und den Konsumenten, nicht mithalten konnte. Die weltweite Arbeitsteilung verbindet zwar die Menschheit zu einem Ganzen. Zugleich zerschneidet sie den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Produktion und Bedarf, wie er in früheren Zeiten quasi natürlich gegeben war. Es ist deshalb notwendig, diesen Zusammenhang bewusst zu gestalten. Weder Marktwirtschaft noch Planwirtschaft geben darauf eine angemessene Antwort: Während die Marktwirtschaft statt auf ökonomische Vernunft der Marktteilnehmer auf eine mechanische Selbstregulierung des Marktes durch Angebot und Nachfrage setzt, will die Planwirtschaft Preis und Angebot bürokratisch und von oben herab steuern. Beide Varianten entmündigen die Marktteilnehmer und sprechen ihnen ihre ökonomische Vernunft ab. Das führt zu Ungleichgewichten und Fehlentwicklungen, wie wir sie immer wieder im Wirtschaftsgeschehen beobachten müssen. Assoziationen als neue Wirtschaftsorgane Doch nur die wirtschaftenden Menschen selbst können sinnvolle, tragende Beziehungen der Kooperation eingehen. Nur sie wissen aus der täglichen Erfahrung, wie der Bedarf genau aussieht; nur sie kennen die Produktionsbedingungen und -möglichkeiten aus eigener Anschauung. Warum also sollen nicht sie, nämlich die Erzeuger, die Verbraucher und der Handel, in Assoziationen zusammenarbeiten – regional oder branchenbezogen – und so, indem sie den Preis und die Menge der Produkte aushandeln, zum entscheidenden Gestaltungselement der Wirtschaft werden? Sie bilden so eine Art neue Organe im Wirtschaftsgeschehen, die zunächst der Begegnung und des Austausches dienen. Das gegenseitige Wahrnehmen der Lebensbedingungen, die Ausbildung des Bewusstseins füreinander stehen im Zentrum dieser Assoziationen. Das allein ist schon ein Paradigmenwechsel, wird doch so eine Art Brüderlichkeit – das Interesse am Gegenüber ist Ausdruck davon – ins Wirtschaftliche eingeführt. Assoziationen dienen sodann der Selbstverwaltung der wirtschaftlich Tätigen. Da jedoch die weit fortgeschrittene Arbeitsteilung zu einer Aufsplitterung des wirtschaftlichen Erfahrungsfeldes führt, funktioniert das – mit Blick auf das Ganze – nur, wenn sich die Erfahrungen und Kenntnisse gegenseitig ergänzen. Die Praxisvertreter (Erzeuger wie Verbraucher) bilden so einen Raum des Erfahrungsaustausches, in dem sich – immer in Bezug auf die regionalen oder branchenbezogenen Besonderheiten – ein Gemeinsinn entwickeln kann, der dem Wirtschaftsgeschehen eine sachbezogene Vernunft einhaucht. Dies ist kein Endziel, sondern ein andauernder, lebendiger Prozess, der sich immer wieder den wechselnden Gegebenheiten anpasst. Dieser Prozess führt in den Assoziationen zu verbindlicher Zusammenarbeit zwischen Konsumenten, Produzenten und Händlern, die so eine Vertragsgemeinschaft bilden. Diese Vereinbarungen und Verträge sind Teil und Essenz des oben beschriebenen Prozesses und Ausdruck der gemeinsam getragenen sozialen und ökologischen Verantwortung. Ein zentraler Aspekt des Wirtschaftsgeschehens ist der Preis eines Produkts. Erst wenn sich darin die tatsächlichen Kosten und die gegenseitigen Interessen von Verbrauchern und Erzeugern abbilden, kann man von einem gerechten Preis sprechen – gerecht nicht in einem streng ethischen Sinn, sondern vielmehr in einem ökonomischen Sinn, indem der (gerechte) Preis die Gleichgewichtsbedingungen des ökonomischen Lebens zentral beeinflusst. Assoziationen sind deshalb auch Organe des Preisgesprächs. Und weil sie auf verbindliche Vereinbarungen bezüglich Preis, Mengen und Bedingungen der Warenproduktion und des Verbrauchs abzielen, dienen Assoziationen auch dem Schutz der daran Beteiligten. Beispiele Dass assoziative Wirtschaftsformen gerade im Schlachtfeld der heutigen Wirtschaft wie zarte Pflänzchen aufkeimen und inzwischen trotz eisigem Wind vielfältige Blüten und Früchte tragen, widerlegt ganz konkret den manchmal mit mitleidigem Lächeln vorgetragenen Vorwurf, es handle sich bei der assoziativen Wirtschaft um eine schöne Träumerei. Die folgenden Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt der weltweiten und vielfältigen Bestrebungen in Richtung einer assoziativen Wirtschaft. Der Gedanke des fairen Handels und die vielfältigen Organisationen – und oft eben Assoziationen –, die sich auf dieser Basis gebildet haben, beruhen vielfach auf den Ideen der assoziativen Wirtschaft. So importiert und vertreibt zum Beispiel gebana seit dreissig Jahren Bio-Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft des Südens zu fairen Bedingungen. Doch auch regional geniessen Assoziationen immer stärkeren Zulauf, insbesondere in der sogenannten Vertragslandwirtschaft. Hier schliessen Produzenten und Konsumenten im Rahmen eines Vereins oder einer Genossenschaft einen Vertrag ab, in dem festgelegt wird, was, wie viel, von welcher Qualität, wann, wie lange und zu welchem Preis produziert und gekauft wird. Bauernhöfe und KonsumentInnen – gerade auch in städtischen Gebieten – vernetzen sich so kleinräumig, was für beide Seiten handfeste Vorteile hat: die KonsumentInnen haben – meistens über das ganze Jahr – frische Landwirtschaftsprodukte in garantierter Qualität (Produktionsart) und zu günstigen Bedingungen; die ProduzentInnen haben faire Preise und eine garantierte Abnahme ihrer Produkte und können sich dadurch auch sinnvoll weiterentwickeln; die Ernährungssouveränität sowie die soziale und ökologische Nachhaltigkeit wird gestärkt. Beispiele für die Schweiz sind: Soliterre in Bern, Ortoloco in Zürich, der Birsmattehof in Basel und das StadtLandNetz in Winterthur.


Natürlich sind das alles bescheidene Ansätze, zumal im Zahlenvergleich mit der globalisierten Wirtschaft. Doch die Beispiele sind mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein. Zunächst, weil die Initiativen nicht verdampfen, sondern sich im Gegenteil bewähren und immer mehr Zulauf haben. Aber auch weil die vorherrschende Wirtschaft immer unverhüllter ihre menschenverachtende Seite offenbart und in der assoziativen Wirtschaft ein Gegenbild dasteht, eine Alternative, eine Vision, die sich im Kleinen bereits bewährt hat und die bereit ist, Schule zu machen.


Weiterführende Links:

Christoph Strawe: „Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben: Assoziative Wirtschaft – Utopie oder aktuelle Gestaltungsaufgabe?“ Ausgezeichneter Grundlagenartikel zum Thema, der mich zum vorliegenden Artikel inspiriert hat. Institut für soziale Dreigliederung: Grundlagentexte, weitere Publikationen – und Blog zum Thema Die Idee der sozialen Dreigliederung: Artikel zum Thema aus eigener Feder

January 11 2011, 10:14am

Netzpiloten-Interview: Die Zukunft des Handels

Gesche Roy vom Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz erklärte den Netzpiloten, wie Produkte und Informationen darüber im Supermarkt der Zukunft in den Regalen zu finden sein werden.

January 7 2011, 11:05am

Heldenmarkt, ein nachhaltiger Erfolg

Bio, Recycling und Fairtrade: am 13. Und 14. November wurde der Postbahnhof am Ostbahnhof in Berlin zur nachhaltigen Zone. Der zweite Heldenmarkt zog 5000 Besucher an und die Schlange vor der Tür ging zeitweise bis über die Straße. Das breite Angebot der Aussteller reichte von Bio-Lebensmitteln und veganer Kosmetik bis zu nachhaltiger Kleidung und Recycling-Möbeln. Zudem gab es Informationsstände von Dienstleistern, beispielsweise für grünen Geldanlagen, wie der GLS-Bank oder dem Baumsparvertrag.

Insgesamt 102 Aussteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen ihre Produkte vor und klärten die Besucher über verschiedenste nachhaltige Ansätze auf. Im Rahmenprogramm gab es zahlreiche Mitmach-Aktionen für Klein und Groß sowie eine Vortragsreihe mit Berichten über Trinkwasser oder . Mein persönlicher Favorit war der Vortag über Bienenhaltung und Berlin als Bienenparadies. Einige meine Lieblingsprodukte vom Heldenmarkt möchte ich auch noch vorstellen, natürlich ist das nur eine kleine Auswahl des großen Angebotes.

Dieses Gerät habe ich am Stand von Elemental gefunden. Was aussieht wie die Rose vom kleinen Prinzen unter der Glasglocke ist ein ökologischer Luftreiniger. Andrea Air heißt das futuristische Stück und es enthält ein preisgekröntes Filtersystem, das aus einer normalen Zimmerpflanze einen vollbiologischen Luftreiniger macht. Und Abends lässt es sich noch effektvoll beleuchten.

Als Upcycling nennt man wohl das, was Lockengelöt betreibt. Die Hamburger werten gebrauchte Gegenstände auf, indem sie sie einem neuen Gebrauch zuführen. Direkt aus St. Pauli kommen auch diese charmanten Öffner, die in ihrem früheren Leben einmal Kickerfiguren waren. Es gibt sie, wie hier, als Korkenzieher, aber auch als Flaschenöffner. Kann man beim nächsten Hertha Spiel stillvoller sein Bier öffnen?

Grüne Elektronik, vom USB-Stick bis zur Dynamo-Taschenlampe gab es bei Vireo. Aus Materialien wie Holz oder Bio-Mais-Paste gab es gleich eine ganze Reihe formschöner und umweltfreundlicher Produkte, von denn ich noch nie gehört hatte. Besonders angetan hat es mir diese Massivholz-Tastatur, die gleich in drei verschiedenen Holzsorten daher kam.

Meine Mädchenseele hat sich sofort in die recycelten Notizhefte, Tagebücher und Reisejournale von Sukie verliebt, die ich bei schœner.wærs.wenns.schœner.wær am Stand gefunden habe. Ihr farbenfrohes Innenleben macht jede Notiz zum Erlebnis.  Die vielen anderen schönen Produkte von ihrem Stand gibt es glücklicherweise auch im gleichnamigen Concept Store in Berlin, Kreuzberg.

Das sind natürlich nur einige der vielen schönen Produkte, die es auf dem Heldenmarkt zu sehen und zu kaufen gab. Wer jetzt neugerig geworden ist:  Der nächste Heldenmarkt ist bereits in Planung:
Er wird am 26./27. März 2011 wieder im Berliner Postbahnhof am Ostbahnhof stattfinden. (Fotos; Silke Lambers, http://www.heldenmarkt.de)

November 30 2010, 9:58am

Video: A conversation with Eric Schmidt #w2s

Gestern auf dem Web 2.0 Summit haben John Batelle und Tim O’Reilly sich mit Googles CEO Eric Schmidt unterhalten. 45 unterhaltsame Minuten:

November 17 2010, 10:05am

Wirtschaftswachstum: Dogma und Wahn

Es gilt als Allerheilmittel, als oberstes Gebot und ist Rechtfertigung für einen weitgehenden Umbau der Gesellschaften in der ganzen Welt. Längst hat  das wirtschaftliche Wachstum den Status eines Dogmas erhalten. Und wer dessen Vorrang in Frage stellt, gilt als Ketzer. Doch kann das heutige Konzept des Wachstums um jeden Preis sein Versprechen auch halten? Eine Spurensuche… Dem Wirtschaftswachstum wird inzwischen so viel natürliche und kulturelle Substanz geopfert, dass die Frage nach Sinn und Berechtigung grundsätzlich gestellt werden muss. Wohin führt es uns? Wem hilft es? Welche Entwicklungen begleiten es? Was wächst in seinem Schatten? Einige Antworten seien hier zusammengetragen. Wachsende Rücksichtslosigkeit Es steigt die Zahl der Millonäre und der Milliardäre – und gleichzeitig wird die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben müssen, nicht wesentlich verringert. Laut Fokus Money online besass im Jahr 2006 das reichste Prozent der Weltbevölkerung – das sind 37 Millionen Erwachsene – 40 Prozent des weltweiten Vermögens. Zahlen, die zwar nicht im Detail, aber vom Trend her allgemein bekannt sind. Laut dem Bericht der UNO des Jahres 2009 zu den Millenniums-Entwicklungszielen sind keine grossen Fortschritte bei der Bekämpfung der extremen Armut zu erwarten. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise 2008 „… wird geschätzt, dass 2009 zwischen 55 und 90 Millionen Menschen zusätzlich in die extreme Armut getrieben werden.“[1] Diese Zahlenbeispiele zeigen – und es liessen sich viele weitere finden –, dass zumindest das Versprechen, das wirtschaftliche Wachstum sei zum Wohle aller, nicht stimmen kann. Die Trickle-down-Theorie, wonach entstehender Reichtum und Wohlstand automatisch durch die unteren und bis zu den ärmsten Schichten sickern (trickle down), ist durch die Wirklichkeit widerlegt. Wachsende Arbeitslosigkeit Auch das Versprechen der sinkenden Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufschwung überzeugt wenig. Es sind hauptsächlich die prekären, zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse, die immer mehr die Festanstellungen ersetzen. Zahlen erübrigen sich hier. Wir erfahren es täglich in unserem Umfeld. Die Automatisierung und Produktivitätssteigerung wird die Arbeitslosenrate in viel schnellerem Masse wachsen lassen, als sie je durch das Wirtschaftswachstum wird kompensiert werden können.[2] Wachsende Zukunftslosigkeit Die zerstörerischen Auswirkungen des Wachstums auf die Umwelt sind allgemein bekannt und weitgehend unbestritten. Von einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum, das nicht die Grundlagen der kommenden Generationen schädigt und verbraucht, sind wir meilenweit entfernt. Ökologisch und in Bezug auf unsere Zukunftshoffnungen ist das Wirtschaftswachstum, wie es heute propagiert und angestrebt wird, eine Katastrophe. Die Lebensgrundlage wird der ganzen Menschheit zunehmend entzogen. Wachsende Entwurzelung Das Wachstum nach dem Geschmack der wirtschaftlichen und politischen Eliten entzieht vielen Menschen – hauptsächlich in den Entwicklungsländern – schon heute die Lebensgrundlagen, z.B. in der Landwirtschaft. Historisch gewachsene und funktionierende Kulturen verfallen im Zuge der einseitigen und blinden Wachstumsmaxime, was Millionen Menschen entwurzelt und Migrationsströme entlang des Wohlstandsgefälles Richtung Städte und Richtung reiche Länder auslöst. Egoismus, Materialismus und Konkurrenzdenken verdrängen erfolgreich die Idee der Gemeinschaft, der Zusammenarbeit und Solidarität in allen Gesellschaften rund um den Erdball. Wachsende Sprachlosigkeit Das wirtschaftliche Wachstum der Gegenwart raubt den Menschen die Sprache. Menschenrechte und Demokratie sind nicht Bestandteil dieses Wachstumskonzepts. Vielmehr hebelt es demokratische Prozesse aus, indem z.B. übernationale Konzerne und Organisationen wie der IWF (Internationaler Währungsfonds) oder die WTO (Welthandelsorganisation) demokratisch gewählte Regierungsbeamte zu Geiseln ihrer Bestrebungen machen. Sprach- und Perspektivelosigkeit herrscht auch unter den einzelnen Menschen, die entweder im Hamsterrad der wirtschaftlichen Prosperität verstummen oder als Arbeislose in der Versenkung verschwinden. Wachsende Sinnlosigkeit Das wirtschaftliche Wachstum als Selbstzweck macht die Menschen zu Sklaven einer Ideologie, deren Versprechen sich mehr und mehr als Mythen erweisen. Es untergräbt nicht nur die regionalen wirtschaftlichen Grundlage, sondern auch das seelisch-geistige Fundament der einzelnen Menschen. Hoffnung, Sinn und Kreativität gehen verloren oder werden in rein materielle Bahnen gelenkt. Der Mensch wird zum konsumierenden Automaten, was ein grober Missbrauch seines Wesens ist.


Es ist keine Frage, vielmehr ein Gebot der Menschlichkeit – und der Logik –, dass dort, wo wirtschaftlicher Mangel herrscht, sehr wohl Wachstum stattfinden muss. Tatsache ist indessen, dass gerade dort – bei den Ärmsten – die Früchte des Wachstums nicht ankommen. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen sind nicht entsprechend ausgebildet. Vielmehr sind sie heute so beschaffen, dass Wirtschaftswachstum gerade dort wieder nur einige wenige reich macht und ausbeuterische Verhältnisse zementiert. Krebsartiges Wachstum Stellt man bei einem lebenden Organismus ein solch sinnloses Wachstum fest, das gewachsene Strukturen zerstört und die Lebensgrundlage des ganzen Organismus gefährdet, bezeichnet man das als Krebs. Die Wucherungen stellen sich als überschiessende Lebenskraft dar – und sind doch zerstörerisch. Das Wirtschaftswachstum der heutigen Machart muss als krebsartiges Wachstum bezeichnet werden. Eine Therapie ist dringend angezeigt.


Fussnoten: [1] Siehe Kurzbericht 2009 zu den Milleniums-Entwicklungszielen, S. 1. (PDF – 57 KB) [2] Siehe zum Thema „Arbeit und Einkommen“ auch meinen Artikel Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit. Weiterführende Links:

Umfangreiche und hervorragende Textsammlung zu Wachstumskritik und Alternativen auf Attac.de Texte aus Nicanor Perlas Buch „Die Globalisierung gestalten – Zivilgesellschaft, Kulturkraft und Dreigliederung“, dessen Lektüre mich zu diesem Artikel inspiriert hat.

Crosspost von walbei.wordpress.com

September 27 2010, 10:13am

Helmut Schmidt zu PR und Markenbildung

Gestern sah ich einen CDU-Menschen, der im Fernsehen etwas über den Markenkern der CDU faselte. Zuerst war ich amüsiert über die Naivität. Dann merkte ich, dass er es ernst meinte. Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein, dass die CDU wahrscheinlich 600.000 EUR an eine Agentur überwiesen hat, um etwas über Branding und Markenbildung zu erfahren. Das erinnert mich daran, dass ich mich neulich im Selbstversuch bei einem Online-Dating-Portal angemeldet hatte. Auch dort traf ich auf Frauen, die sich offenbar einen Markenkern erarbeitet hatten: Die Mehrheit der Erfahrungen. Wenn man zwanzig mal erlebt hat, dass Motorradfahrer viel netter sind als sie zunächst aussehen, Christen gerne CDU wählen oder Konservative Ausländer als Problem ansehen, dann bilden sich kleine oder große Markenkristalle im Verhalten…

Schon sucht man immer wieder Situationen auf, um diese Vorurteile zu bestätigen und kann nachher mit Fug und Recht behaupten, dass man sich einen Kern aufbaut. Genauso bildet sich ja auch eine Perle in einer Muschel – um einen Fremdkörper. Man kann das auch das Wachsen am Fremdbild bezeichnen. Wer sich selber nicht spüren kann, erlebt auf diese Weise wenigstens ein bißchen Lebendiges. Und man braucht gar nicht zu Extremsportarten zu greifen wie noch in den Achtziger, wo alle diejenigen, die den Kontakt zu sich selbst nicht aufbauen konnten, einfach zu Adrenalinjunkies wurden. Unter dem Gesamtmotto “Es lebe der Sport” konnte man sich sogar zu der Gesundheitswelle zählen. Genauso verhalten sich auch nicht wenige Ü40-Singles und die CDU. Die ist ja auch Ü40. Dass diese Markenkerne eigentlich aus der Warenwelt kommen und zur Herstellung künstlicher Bedürfnisserweckung erfunden wurden, scheint niemanden zu stören. Dass haben wir in Mannheim so gelernt und das setzen wir jetzt so um. Brand Management. Dass es den Leuten unter ihrem Hut im Oberstübchen gehörig brennt, scheint niemanden zu stören. Ist ja schön warm. Denn man ist ja jetzt sozusagen im selben Boot wie Tampons, Autoreifen, Gardinen, Schokoriegel und Lebensversicherungen. Ob Parteien und partnerlose Menschen sich da wohlfühlen? Die Frage ist obsolet. Denn wer nichts fühlt, wenn er oder sie allein ist, der hat eben kein Problem. Oder man rettet sich in eine Gemeinschaft und saugt das dort vorherrschende oder per Agentur erzeugte Gefühl auf und betrügt sich mit dem Einfall, es sei das eigene Gefühl. Sogar Helmut Schmidt, der Peter Sloterdijk unter den Bundeskanzlern, hat das verstanden, als er in dem Bahn-Magazin im Rahmen eines Interviews Folgendes zum besten gab :

“Vertrauen kann man nur herstellen, indem man sich selber anständig, durchsichtig und ehrlich benimmt. Vertrauen gewinnt man nicht durch Public Relations und auch nicht durch Schaffung einer Marke. Es geht um das Vertrauen von Menschen. Und dafür gibt’s seit Jahrtausenden dieselben Rezepte, nämlich: Sei Beispiel und Vorbild!“

Bildnachweis: hardo

September 15 2010, 9:55am

Helmut Schmidt zu PR und Markenbildung

Gestern sah ich einen CDU-Menschen, der im Fernsehen etwas über den Markenkern der CDU faselte. Zuerst war ich amüsiert über die Naivität. Dann merkte ich, dass er es ernst meinte. Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein, dass die CDU wahrscheinlich 600.000 EUR an eine Agentur überwiesen hat, um etwas über Branding und Markenbildung zu erfahren. Das erinnert mich daran, dass ich mich neulich im Selbstversuch bei einem Online-Dating-Portal angemeldet hatte. Auch dort traf ich auf Frauen, die sich offenbar einen Markenkern erarbeitet hatten: Die Mehrheit der Erfahrungen. Wenn man zwanzig mal erlebt hat, dass Motorradfahrer viel netter sind als sie zunächst aussehen, Christen gerne CDU wählen oder Konservative Ausländer als Problem ansehen, dann bilden sich kleine oder große Markenkristalle im Verhalten…

Schon sucht man immer wieder Situationen auf, um diese Vorurteile zu bestätigen und kann nachher mit Fug und Recht behaupten, dass man sich einen Kern aufbaut. Genauso bildet sich ja auch eine Perle in einer Muschel – um einen Fremdkörper. Man kann das auch das Wachsen am Fremdbild bezeichnen. Wer sich selber nicht spüren kann, erlebt auf diese Weise wenigstens ein bißchen Lebendiges. Und man braucht gar nicht zu Extremsportarten zu greifen wie noch in den Achtziger, wo alle diejenigen, die den Kontakt zu sich selbst nicht aufbauen konnten, einfach zu Adrenalinjunkies wurden. Unter dem Gesamtmotto “Es lebe der Sport” konnte man sich sogar zu der Gesundheitswelle zählen. Genauso verhalten sich auch nicht wenige Ü40-Singles und die CDU. Die ist ja auch Ü40. Dass diese Markenkerne eigentlich aus der Warenwelt kommen und zur Herstellung künstlicher Bedürfnisserweckung erfunden wurden, scheint niemanden zu stören. Dass haben wir in Mannheim so gelernt und das setzen wir jetzt so um. Brand Management. Dass es den Leuten unter ihrem Hut im Oberstübchen gehörig brennt, scheint niemanden zu stören. Ist ja schön warm. Denn man ist ja jetzt sozusagen im selben Boot wie Tampons, Autoreifen, Gardinen, Schokoriegel und Lebensversicherungen. Ob Parteien und partnerlose Menschen sich da wohlfühlen? Die Frage ist obsolet. Denn wer nichts fühlt, wenn er oder sie allein ist, der hat eben kein Problem. Oder man rettet sich in eine Gemeinschaft und saugt das dort vorherrschende oder per Agentur erzeugte Gefühl auf und betrügt sich mit dem Einfall, es sei das eigene Gefühl. Sogar Helmut Schmidt, der Peter Sloterdijk unter den Bundeskanzlern, hat das verstanden, als er in dem Bahn-Magazin im Rahmen eines Interviews Folgendes zum besten gab :

“Vertrauen kann man nur herstellen, indem man sich selber anständig, durchsichtig und ehrlich benimmt. Vertrauen gewinnt man nicht durch Public Relations und auch nicht durch Schaffung einer Marke. Es geht um das Vertrauen von Menschen. Und dafür gibt’s seit Jahrtausenden dieselben Rezepte, nämlich: Sei Beispiel und Vorbild!“

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September 14 2010, 10:42am

Was soll Musik kosten?

Scheiden tut weh. Auch noch nach Jahren, wie auf der diesjährigen Konferenz für Musik- und Kreativwirtschaft Alltogethernow, die am Montag im Rahmen der Berlin Music Week gestartet ist, uneindeutig zu vernehmen ist. So präsentiert sich das Thema Filesharing auch 2010 noch immer als ungelöstes Dilemma in der Musikindustrie und legt damit auf den ersten Blick die Vermutung nahe, dass konservativ denkende Majorlabels nicht das Internet verschlafen, sondern ungeachtet ihrer zerbröckelnden Machtposition bewusst nicht wahrhaben wollen. Doch wer die Debatte als reines Problem einer raffgierigen Majorklientel aburteilt, irrt: denn nicht nur marktwirtschaftliche, sondern auch moralische Fragen begleiten das Thema Internet und ihre Urheberrechte. So ist der Ruf nach einer zur Gänze legalisierten Filesharer-Kultur von digitalen Gütern eben auch der Ruf nach dem Tod des Urhebers des digitalen Guts, der damit Geld verdienen will. So unvereinbar die beiden Positionen „Digital Goods for free“ versus „Copy kills music“ erscheinen, so vehement wurden sie bereits auf den ersten beiden Tagen der Konferenz, dem Alltogethernow Camp, in den verschiedenen Sessions vertreten. Neben hitzigen Diskussionsrunden gab es jedoch auch Lösungsvorschläge, wie der Musiker in Zukunft jenseits von „Zensursula“ vor dem Ruin zu retten ist. Doch festzuhalten gilt: eine Einigung beider Positionen gibt es vorläufig nicht. Warum eigentlich nicht? Ein kleiner Exkurs…

„Mit dem Download hat sich der Musikkonsument zu Wort gemeldet!“ Bereits in der Eröffnungsrede nahm der Vorsitzende des Veranstaltungskomitees der Berlin Music Week Olaf Kretzschmar die Grundkrux vorweg: „Mit dem Download hat sich der Musikkonsument zu Wort gemeldet!“. Und nicht nur das: mit dem Download zeigt der Musikkonsument, was es tatsächlich heißt, ein Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zu sein. Als digitales Gut ist es unendlichmal kopierbar und verliert dadurch an Exklusivität. Mit sinkender Exklusivität sinkt jedoch auch sein Preis und landet schließlich bei Null. Fazit: das digitale Gut darf umsonst konsumiert sprich downgeloadet und weiter verbreitet werden, da es ja marktwirtschaftlich keinen Wert mehr besitzt und aufgrund seines technischem Formats auch nicht besitzen kann. Ergo: der Künstler muss seinen Tonträger umsonst auf den Markt schmeißen – komme, was wolle! Prima, findet der Konsument: denn so kann er sich nicht nur den überteuerten CD-Preisen der Musikindustrie entziehen, sondern er verhilft dem Künstler auch noch zu mehr Popularität, indem er wie früher unter Freunden seinen Tonträger durch weiteres filesharing im Internet verbreitet. “Reclaim the Musicbusiness“ – zufrieden, von der Konsumentenseite her den Markt nun steuern zu dürfen, ist sich der Konsument sicher: berühmt durch filesharing – wer den Markt noch nicht verstanden hat, ist selber schuld! Dass es aber so einfach nicht ist, verrät eine kurze Besinnung auf das, was ein professioneller Musiker seiner Bestimmung nach eigentlich verkaufen sollte. Zunächst: ein digitales Gut auf Null Euro zu setzen, schadet nicht nur der Industrie, sondern natürlich auch dem Künstler, dessen Entlohnung so von wenig auf Null gerutscht ist. Der Streit darüber, ob es sich bei dieser inflationären Verbreitung von digitalen Gütern um ein „Marktversagen“ oder eine „Marktverschiebung“ im ökonomischen Sinne handelt, ist einer der Streitpunkte, die derzeit noch immer hitzig debattiert werden. Doch abgesehen davon drängt sich bei den Kritikern noch eine andere Überlegung auf: wie kommt der Konsument eigentlich dazu, über den Kopf des Künstlers zu entscheiden, ob seine Musik etwas kosten darf oder nicht? Denn auch wenn das digitale Format unendlich kopierbar ist, bleibt der Inhalt hierfür doch derselbe und dessen gibt es einen Urheber, der nicht ersetzbar ist: der Musiker selbst! Und selbst wenn die im besten Falle extrem hohe Verbreitung seiner Musik einen exorbitanten Popularitätsschub nach sich zieht, bleibt offen: wie verdient er denn jetzt Geld, der Künstler, wenn eine seiner zwei Möglichkeiten, seine Musik zu verkaufen, dem Internet zum Opfer gefallen ist? „Es kommt auf das Gesamtpaket an!“ Mit dem Wegfall des Tonträgers als kommerzielle Einnahmequelle bleibt dem Musiker zunächst erstmal nur eines: er muss auf Tour gehen und seine Musik live vergüten. Bei einer hohen Fluktuation an neuen Musikern im Netz könnte sich dieser Konkurrenzkampf jedoch als äußerst zäh erweisen. Also was tun? Die verschiedenen Strategien, die auf dem Alltogethernow Camp vorgestellt wurden, lassen sich leicht auf die beiden Streitposition runterbrechen. So pochen die Verfechter der freien digitalen Güter auf Marketingstrategien, denen zufolge die Musiker um ihre Musik herum rare Güter herstellen und verkaufen sollen wie z.B. limitierte Sondereditionen und Fangebote. So schlug Mitgründer und Managing Director von Proud Music Stefan Peter Roos mit seinem Freemium-Geschäftsmodell (Free + Premium) für digitale Güter vor, die Musik selber kostenlos anzubieten und darüber hinaus “frequent touch points for fans“ einzurichten, die Geld kosten sollen. Als Beispiel nannte er den typischen Fan-Merchandise (beispielsweise der Verkauf von T-Shirts), kostenpflichtige Fanclubs oder sogar die Teilhabe der Fans an neuen Alben gegen Bezahlung – der kreativen Geschäftsader des Künstlers sind hierbei keine Grenzen gesetzt, sollten aber ironischerweise der Maxime folgen: “sell something that cannot be copied“. Und warum kann das nicht der Tonträger sein, der, wenn sich zukünftig einfach alle zusammenreißen würden, wieder gekauft werden würde? Der Appell an die Freiwilligkeit der Leute in einem normativen Kontext ist die argumentative Basis der moralischen Gegenfraktion: Musik ist das Eigentum des Künstlers und demzufolge soll auch der Künstler entscheiden, ob und wenn ja, wieviel für seine Musik bezahlt werden soll. Eine interessante Alternative könnten hier Micropaymentmodelle sein, mit denen Konsumenten per Mausklick einzelne Titel oder Alben direkt beim Anbieter kaufen können. Preise sind hier je nach Software vom Käufer variierbar oder werden vom Verkäufer festgelegt. Interessant war in diesem Zusammenhang die Präsentation von Peter Sunde, Mitbegründer von ThePirateBay, der das schwedische System http://flattr.com/ auf der Alltogethernow als Idee erstmalig auch dem Musikmarkt vorgestellt hat. Überzeugend einfach kann hier ein Konsument, dem ein Text oder ein Musikstück im Internet gefällt, per Mausklick einen Sympathie-Obolus abgeben, der am Monatsende von seinem flattr-Konto abgebucht wird. Momentan feiert flattr erste Erfolge im Online-Journalismus, allerdings gibt es bislang nur eine Testversion für einen eingeschränkten Benutzerkreis. Ab wann flattr für die Allgemeinheit zur Verfügung steht, wusste Peter Sunde leider noch nicht zu sagen. Bleibt also abzuwarten, was nach der all2gethernow 2010 an Ideen noch alles so zu Tage treten mag. Festzuhalten ist, dass beide Seiten sich bemühen. Hoffen wir auch auf das baldige Einsehen, dass ökonomische Strategien ohne ein moralisches Fundament und moralische Strategien ohne ein reales Fundament nur schwer durchzusetzen sind.
Bildnachweis: rollingroscoe

September 14 2010, 10:08am

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