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Paul Bowles Hommage zum 100. Geburtstag

Mit bohrendem Blick Bett, Schreibmaschine, Rauch.

Jahreswechsel. Die letzte Woche des Aufbau – Literaturkalenders 2010 ist dem amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles gewidmet: Das Kalenderblatt zeigt ihn in seiner Wohnung in Tanger. Das Foto wurde im Herbst 2003 aufgenommen, als ich ihn das erste Mal traf, ihn zum Auftakt einer Saharareise in Tanger kennenlernte. Paul Bowles war damals 82 Jahre alt, bereits hinter dem Herbst seines Lebens. So wie auf diesem Bild habe ich ihn, haben viele Paul Bowles in seinen letzten Jahren in Erinnerung behalten: Meist im Morgenrock und auf seinem Bette sitzend. Prasselndes Kaminfeuer. Tee. Zigarettenspitze. Lauter Notizen, Tonbänder und allerlei Musikgegenstände aus dem Maghreb umher gruppiert. Nur noch selten ging er aus dem Haus, um seine geliebten Spaziergänge in Tanger zu unternehmen, die er früher täglich im Gassen-Gewirr des Souk, des Zocco ausführte. Doch bei aller sichtbarer Gebrechlichkeit behielt Paul Bowles bis zum Schluß seinen messerscharfen Verstand und den beobachtenden, ja medizinisch-sezierenden Blick, der seinem Wesen und auch seinen Romanen in Stil und Sprache inne wohnte. Mit dieser Hommage möchte ich an den Mann erinnern, der mir vor über 17 Jahren in Tanger den Blick ins Innere öffnete… Das erste Treffen mit Paul: 2117 Tanger Zocco, Dezember 1993 Im Wintersemester 1993 studierte ich an der Universität der spanischen Hafenstadt Cádiz. Nebenher arbeitete ich für die lokale Tageszeitung „Diario de Cádiz“. Ende November bekam ich von Buchautor und Kulturredakteur Juan José Tellez das Angebot, eine Reportage über die Ära der internationalen Zone in Tanger zu schreiben. Zur Spurensuche reiste ich mit meinem schottischen Kollegen Lawrence Anfang Dezember über die Meerenge nach Tanger. Erste Station: Das alte, aber ehrwürdige Hotel „Continental“ mit Sicht auf das gegenüber liegende Tarifa. Ich unterhalte mich mit dem Hoteldirektor über die bewegten 50er Jahre, in denen sich der gesamte Jet Set der internationalen Zone von Tanger (1923 – 1956) traf. Eine steuerfreie Enklave innerhalb des spanischen Protektorats von Marokko, ähnlich wie West – Berlin ohne Militärpflicht, ohne Sozialabgaben und freiem Devisenverkehr, verwaltet von wechselnden Administratoren der Signatarmächte von Algeciras. Eine Oase für kriegsmüde Amerikaner wie Europäer, die einen Neubeginn oder wenigstens eine Auszeit in Nordafrika wagten: Das Hotel „Continental“, auf einer Anhöhe über der Meerenge mit imposantem Blick ins spanische Tarifa gelegen, verwandelte sich allabendlich in eine gesellschaftliche Drehscheibe. Es war eine Kontaktbörse für Künstler, Geschäftsleute, Glücksritter und Spieler. Auch Paul Bowles war dort oft zu Gast, um einen Zwischenstopp bei seinen nachmittäglichen Spaziergängen einzulegen. Ich will mich mit einer amerikanischen Bibliothekarin in Tanger treffen, Mrs Louise Phillips, die mit ihm zur Katalogisierung marokkanischer Autoren in die US National Library arbeitet. Am nächsten Tag ruft mir der Concierge einen Taxifahrer, der mich durch die Altstadt, zur amerikanischen Schule führen sollte, wo Mrs Phillips ihr Büro hat. Ich unterhalte mich mit dem Taxifahrer, Ibrahim, der eigentlich Englischlehrer ist, über die Literaturszene in Tanger, insbesondere über Paul Bowles. Der Fahrer nickt: „Ja, ja, da ist so ein alter Amerikaner, sehr netter Mann. Ich glaube, ich kenne ihn…“ Wir fahren weiter durch die City. Plötzlich hält der Wagen an einem unscheinbaren, weißen Haus in Tanger’s Zocco, einem Hügel mitten in der Altstadt. Der Fahrer steigt aus und steigt die Stufen des Hauses hinauf, klopft und spricht mit einem Mann, der zögernd die Tür öffnet. Nach einem kurzen Wortwechsel kehrt der Taxifahrer zurück und bedeutet mir, auszusteigen und zu folgen. Was passiert hier? An der Eingangstüre des Hauses führt mich ein Mann mit Brille und weißem Kittel in das Haus hinein, nimmt mir die Jacke ab und öffnet die Tür zu einem kleinen, aber gemütlichen Salon mit allerlei vollgestopften Bücherregalen, Musikinstrumenten, einem Kamin mit knisterndem Feuer und einem komfortablen, großen Bett, das einen darin liegenden, schmalen, alten Mann, in einem eleganten Morgenrock gekleidet, förmlich zu verschlucken scheint. Der Mann mit dem Kittel fragt, ob er einen Tee für uns zubereiten solle. Der Herr im Bett bejaht. Was um alles in der Welt…sollte der ältere Herr im Bette etwa…“Good afternoon, well, I’m Paul Bowles, and you? Whom do I have the pleasure to talk with..?“ – „Oh, err, what a pleasure to meet you…Mr Bowles, my name is Daniel Khafif, I’m a student from Germany.“ – „Germany? That’s quite far away from the middle of nowhere. Where in Germany you are from, son?“ – „Hannover, that’s a city in the north…“ – „Oh, Hell, I know Hanover, what a long time ago. I had a good friend there, Mr Kurt Schwitters, did you hear about him?“ – „Kurt Schwitters? The DaDa – Artist“. – „Oh, yes, that’s what he called it: DaDa. So you know him? – Please take a seat!“. Verwirrt, erfreut und schüchtern zugleich setzte sich ich mich auf ein kleines Sofa, voller Kissen und Decken, links und rechts davon Berge von Zeitungen aller Länder: Le Monde, El País, Herald Tribune… Paul Bowles fragte, was mich nach Tanger führt. Er schien nicht überrascht über den unangekündigten Besuch, viele besuchen ihn einfach so, schließlich habe er kein Telefon. Ich erzähle ihm von meinem Aufraggeber, dem Redakteur Juan José Tellez, der Bowles zunächst nichts sagt. Ich wiederhole die Kürzel seines Namens: „JJT“ wir er meist genannt, auf Spanisch „chotachotateh!“ Bowles lächelt: „Ah! JJT, natürlich, ich erinnere mich, ein sehr großer Flamenco – Fan, er kam vor einer Weile und war sehr an meiner Musik interessiert. Die meisten Leute fragen nur nach meinen Büchern, dabei habe ich mein Brot mit Musik verdient…“ Spurensuche und Erinnerungen Paul Bowles wiederum war sehr interessiert am Hannover der heutigen Zeit und stellte Fragen über die Stadt, die er zuletzt 1932 gesehen hatte, lange vor dem Krieg, vor der Machtergreifung und vor der Zerstörung durch alliierte Luftangriffe. Bowles erinnerte sich an seine Begegnungen mit Kurt Schwitters und seiner Familie und an die unbeschwerte Zeit, die er als junger Mann in der Leinestadt verbrachte. Die Tür öffnete sich wieder, der Mann im Kittel, sein Pfleger, servierte heißen Nana – Tee. Dann legte er ein paar Holzscheite in den Ofen nach (es war ein sehr kalter Dezembertag) und entfernte sich wieder. Ich zeichnete ihm ein Bild von der Kahedrale in Cádiz, deren Silhouette er sehr mochte. Er sprach fließend Spanisch und wir wechselten ab und an vom Englischen ins Spanische. Plötzlich stürmte mein Begleiter Lawrence in das Wohnzimmer, sichtlich aufgeregt – ich hatte völlig vergessen, dass er immer noch im Taxi wartete, ohne zu wissen, wo ich verblieb…Nachdem Lawrence ein ganzes Päckchen Zigaretten inhaliert haben muß, riß ihm der Geduldsfaden und er stürmte in Bowles’ Haustür: “Dan, what’s going on? Where the hell are you? And where are we? Who’s….?“ – „Good afternoon, I am Paul Bowles…and you are…?“ So begann die erste Begegnung mit Paul Bowles. Und weitere sollten folgen. Wir schrieben uns. Ich telegrafierte ihm (es war noch die Ära ohne Internet und ohne Mobiltelefon…), wenn ich wieder irgendwo mit dem Auto in der Westsahara unterwegs war, um ihm mitzuteilen, wie es mir geht. Er fragte zurück, wie heute die Orte aussehen, die er einmal vor Jahren bereiste: Smara, L’àyoun, Tarfaya, Essaouira, Tindouf…(Anfang der Neunziger zeitlose, ja, fast entrückte, friedliche Orte, die heute wieder sehr unter Militärpräsenz stehen). Wir sprachen über die Ära der Beatniks, die Dreharbeiten zu Bertoluccis Adaption von Bowles Roman „Himmel über die Wüste“, die Rolling Stones und ihren Parties in den Höhlen beim Kap Spartel, Bowles Freunde Ginsberg und Burroughs. Aber vor allem über Bowles’ Zeit in Deutschland 1932, dem letzten Jahr der Weimarer Republik, seinen dunklen Erinnerungen an Berlin und seinen heiteren Erinnerungen an Hannover, das Elsaß, Oberbayern und das Weserbergland. Und zu seiner Freundschaft mit dem Künstler Kurt Schwitters.

Paul Bowles und Familie Schwitters, Rückblick auf Deutschland 1932 Bowles beschließt während einem meiner Besuche 1994, altes Musikmaterial, das er für Schwitters komponierte, sowie einige Zeilen und Gedichte, die er für Schwitters’ Merzbau komponierte, für mich aus seinem Archiv zu suchen und neu zu überarbeiten. Er wollte die fast vergessene Zeit in Hannover wieder ans Licht bringen, die Kompositionen aufnehmen und die Gedichte, die er auf Englisch schrieb, von mir ins Deutsche übersetzen lassen. Seit Jahrzehnten fragte ihn keiner mehr nach Hannover, nach Schwitters und nun das! Ein Student aus Deutschland, der sich ebenfalls am Werk des Dadaisten erfreut. Es schien, als lösten sich immer mehr Puzzleteile aus Bowles’ Deutschlandreise zusammen, eine Reise, die in seinen ambivalenten Schilderungen an den Blick von Heinrich Heines „Wintermärchen“ erinnerte: Erlebnisse eines Mannes, der in demselben Alter, 22, meine Heimat bereiste, in der ich seine Wahlheimat entdecke. Paul Bowles liebte die Wiesen Oberbayerns und die Wälder im Weserbergland, er traf Hans Arp in Zürich und Schwitters in Hannover, las Gedichte von Wilhelm Busch im Harz und schlief auf Bauernhöfen im Chiemgau. Als ihm Gertrude Stein aus Paris schrieb, er solle doch nun endlich seine Kollegen in Berlin treffen, der Stadt, die „wie heute“, die schillerndste Metropole Europas bedeutete. Dort würde er auch beruflich weiterkommen, meinte Stein. Und der Musikstudent Bowles fuhr über das Rheinland nach Berlin. Mit einem Zwischenstopp in Hannover. Hier begegnet er das erste Mal dem Ehepaar Schwitters. In Berlin wohnte er in Schöneberg, eine kleine, aber lichte Wohnung mit Balkon, fußläufig zum Nollendorfplatz. Als er über Berlin sprach, verdunkelte sich seine Stimmung: Bis heute war Bowles entsetzt von der dreckigen, grauen, dunklen, kalten Stadt, die ihm wie eine Sequenz aus Fritz Langs’ „Metropolis“ vorkam: „Here on the Boulevard – Cafés the always cool and rich people drugging themselves into insanity, there, just two blocks away, more and more crowds of poor and anxious people, weak, ill and hopeless, begging for drugs. What a contrast. I never felt home in that city, always like in a prison…!“ Was immer ihm Freunde wie Christopher Isherwood oder Aaron Copland oder Walter Gropius von Berlin vorschwärmten, Bowles verstand es nicht. In seinen Erinnerungen sind ihm im Elend des Berlins nach der Wirtschaftskrise alltägliche Verwahrlosung und Kleinkriminalität im Gedächtnis geblieben. Die Nazis, so Bowles, sind ihm erst viel später, aus Zeitungen als solche aufgefallen. „Diese tumben Bauerntölpel, in Pfadfinderuniformen, dachte ich, machen irgendwelche Abenteuerspiele im Wald. Keine Ahnung, wie die Typen die Macht in Deutschland bekamen, ich hätte sie nie ernst genommen. Jedenfalls war Berlin zu jener Zeit voll von lauter Weltverbesserern, da schrie jeder seinen Messias vom Balkon runter.“ Im Sommer 1932 entscheidet sich Bowles, Berlin vorerst zu verlassen (er sollte nie mehr wieder kommen), obwohl sein Terminkalender voll von Treffen mit wichtigen und illustren Leuten aus der Kulturszene war. Er sehnt sich nach Paris, wo er sich beschwingter und befreiter fühlte. Doch den Sommer über blieb er noch ein paar Wochen bei Familie Schwitters in Hannover. Bowles versprach, Schwitters’ Sohn Ernst ein paar Klavierstunden zu geben und ein paar Stücke für den Merzbau zu komponieren. Eines Abends trug er ein paar Kompositionen von Prokofjew vor, bei dem er auf Geheiß seines Vaters in Zürich hospitieren sollte. Hier kichert Bowles, als er mir diese Episode in seinem Salon in Tanger, über sechzig Jahre später (!) erzählt: „You see, Dan, I don’t remember any German, but young Ernst (Schwitters) yelled out loud: „SCHRECKLICH“ while I played Prokofjew on the piano. Yeh, „Schrecklich“, that sounds terrific and that’s what I remember to Berlin. Zu der Neuvertonung und Übersetzung kam es dann in Folge des sich verschlechternden Zustandes von Paul Bowles nicht mehr: 1995 war ein Jahr voller Operationen, 1996-97, als es ihm wieder besser ging, war ich mit dem Abschluß meines Studiums und dem danach folgenden Umzug nach Berlin sehr beschäftigt, ich sah Bowles in diesen beiden Jahren immer nur für kurze Zeit, wenn ich in Cádiz oder Sevilla war und einen Abstecher über die Meerenge unternahm. 1998 fuhr ich wieder nach Tanger, doch es ging ihm bald wieder schlechter, er musste zur Behandlung in die USA. 1999, als ich endlich Fuß fasste in Berlin und endlich wieder länger zu Bowles reisen wollte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand endgültig. Er verstarb am 18. November 1999 im italienischen Krankenhaus zu Tanger, 89 Jahre alt. Nun jährt sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal. Anlaß genug, um ihn mit der Aufzeichnung seiner Erinnerungen an Schwitters, aber auch anderer Episoden aus seinem Leben zu ehren, ja insgesamt die Epoche der internationalen Zone zu Tanger rückblickend zu betrachten und den Menschen Bowles zu beschreiben: Kühler Kopf. Bohrender Blick. Die flinken, prüfenden, fast bohrenden Augen in seinem vom Leben gezeichneten Gesicht haben wohl viel Besucher beeindruckt. Zeitlebens blieb Bowles Beobachter, Analytiker und fasste seine Eindrücke schnell in präzise Worte – die er seinem Gegenüber schonungslos – nicht mitleidlos – äußerte: Seine Stimme hatte etwas metallisches, nicht kalt, sondern klar und kühl – Charakteristika, die Astrologen seinem Sternzeichen, dem Steinbock und seinem Herrscher Saturn zusprechen: Konzentriert, Klar, Kühl, Präzise, dem Metallischen und dem Handwerk zugewandt, bei der Arbeit Vorsichtig, Zielorientiert, Geradlinig, Unbeirrbar, Wahrhaftig – und Ehrlich. Eigenschaften, die Tugenden bedeuten und diesen Wintergeborenen zugesagt werden. Eigenschaften, die den umgebenden Personen aber nicht immer angenehm sind und Einsamkeit fordern – nicht aus Absicht heraus, sondern den Umständen geschuldet, so wie der Winter. Und so wie Paul Bowles: Klar, gerade, aber hart. Ganz im Gegensatz dazu klingen die Briefe, die er schrieb: Sehr sensibel, herzlich, sanft. Ich kann die Briefe heute kaum lesen, ohne feuchte Augen zu bekommen – hier schrieb der Mensch, nicht der Autor. „Um einen Roman schreiben zu können, muß man allein sein“, hat er einmal gesagt. Paul Bowles hat die Einsamkeit nicht unbedingt geliebt, im Gegenteil, er galt als durchaus geselliger Mensch, besonders zu Hochzeiten der Partykultur der internationalen Zone im Tanger der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Hier waren er und seine Frau Jane oft im Mittelpunkt illustrer Gesellschaften. Aber Bowles hatte im Geiste die Einsamkeit gesucht: Nur zurückgezogen konnte er sein künstlerisches Werk als Schriftsteller wie Komponist erschaffen. Nur in der Einsamkeit hatte er den Abstand, den jeder Autor zu seinen Protagonisten braucht. Und es ist auch diese Einsamkeit, die seine Romanfiguren quält: Ob das Ehepaar Port & Kit Moresby in seinem berühmtesten Roman „The Sheltering Sky“ (dt. = Himmel über der Wüste), das ihre Leere und Sehnsucht in einer permanent düster-aufgeladenen Spannung quer durch die Wüste treibt, ja bis zum bitteren Schluß von jeder Selbsterkenntnis fernhält. Oder jener Dr. Slade und seine Frau Day in „Up Above the World“ – (dt. = „Gesang der Insekten“), ebenfalls auf einer Urlaubsreise in Südamerika, immer mehr gefangen in einem Netz aus Vorstellungen, Lügen und Emotionen, das sie selber suchten – oder selber spannen? Nicht zufällig scheint es, dass die scheiternden Protagonisten einer Gesellschaftsschicht entspringen, die Paul Bowles selber bestens kannte: Neuenglisches Nordamerika, protestantisch, weiß, akademisch gebildet, Ende Dreißig (zumindest „er“), der Mann kontrolliert, von Emotionen getrieben, die Frau, meist 5 bis 10 Jahre jünger, der Kontrolle entfliehend, ihre Passionen auslebend, beide ihre Scham in Alkohol ertränkend. Und beide ihrer Enge in den Vorstädten entfliehend, nur um sie in dem Dickicht eines afrikanischen Souks oder eines kolumbianischen Dschungels wieder zu suchen. Und beide unfähig zur Kommunikation. Denn wie sollen sie sich verstehen, wenn sie sich selbst nicht verstehen? Korsett der Mittelklasse Die tragischen Helden in Bowles’ Romanwerk repräsentieren oft Archetypen seiner eigenen Familie: Sein Vater Claude Dietz Bowles war angesehener Doktor für Zahnmedizin, seine Mutter Rena (geborene Rennewisser) eine gottesfürchtige und literarisch gebildete Frau. Eine Familie, in der oberen Mittelklasse des New Yorker Bezirks Jamaica (Queens) beheimatet, die, von außen betrachtet, in stabilen wie gesitteten Verhältnissen geordnet war. Aus innerer Betrachtung jedoch den feingeistigen, früh von Fernweh gepackten Sohn Paul Frederick die Luft zum Atmen abschnürte. Er sprach nie schlecht über seine Eltern – aber auch nicht herzlich. Besonders mit dem analytischen Charakter des Arztes und seiner kühlen, strengen Distanz, die sein Vater an den Tag legte, musste der Junge Paul seine Probleme gehabt haben. Über seine Mutter lernte er die Werke von Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne und Samuel Taylor Coleridge kennen. Mit seinem Vater sah er Konzerte von Komponisten wie Igor Strawinsky, Tschaikowsky, Edvard Grieg oder Claude Debussy. Das, so erzählte er später, habe ihm früh das Tor zu Schrift und Noten eröffnet, einen Raum für die Gedankenwelt erschaffen, die so viel reichhaltiger, näher und kostbarer für den Menschen war, als jeder Besitz in der materiellen Welt. Claude und Rena schützten Paul zeitlebens, doch von mediterraner Herzlichkeit waren weder die Eltern, noch die sie umgebende Nachbarschaft oder deren Zeit geprägt. Amerika schlitterte zwischen Bauboom und Wirtschaftskrise hin und her, Gefühle zeigen galt als Schwäche. Wer Paul kannte, wusste, dass er keine Kälte mochte: Er lebte auf Sri Lanka, in Kolumbien, Mexiko, dem Amazonas, Spanien und Nordafrika. Er mied die Winter in New York, blieb nur im Sommer in Berlin, liebte Paris, aber nach seiner ersten Reise 1930 nach Tanger stand für ihn fest: Er würde auf Dauer nur unter der Sonne Marokkos leben wollen. Doch bis zum endgültigen Umzug nach Tanger 1947 sollten noch einige Jahre des Studiums und der beruflichen Karriere voran gehen: Paul Bowles schriftstellerisches und musikalisches Talent stand schon früh fest und so schrieb sich Paul 1928 für ein Musikstudium an der University of Virginia ein, wo ihm ein Stipendium nach Europa angeboten wurde. Damit folgte Paul Bowles zwar nicht dem Wunsch seines Vaters, ebenfalls Medizin zu studieren, was die Distanz zwischen beiden vergrößerte – dennoch unterstützte er die künstlerischen Ambitionen seines Sohnes nach Kräften, sorgte dank seiner Beziehungen für Unterricht und Ausbildung bei namhaften Künstlern und Professoren, damit der seiner Meinung nach schwierige Weg in kreativen Berufen wenigstens von Anfang an eine solide Grundlage bekommen sollte. Frankreich, Deutschland, Nordafrika, Südamerika: Studium und Wanderjahre Der Einsatz lohnte sich: Bereits 1929 wurden einige seiner Gedichte in Frankreich veröffentlicht und sogar Getrude Stein lud den jungen Autor nach Paris ein. Die Einladung nahm er sofort an – per one way – Ticket auf einem Segelschiff nach Europa. Ohne die Eltern zu informieren. Die Aufregung war groß, doch besaß Paul einen Onkel in Paris, dem der Vater Geld für seinen Neffen anweisen ließ, damit er dann vor Ort „wenigstens gleich die richtigen Leute treffen könne“. Auch, wenn Paul die Hilfe damals nicht gleich zu schätzen wußte, so hat sich das Engagement tatsächlich bewährt: Er studierte unter Aaron Copland, lernte von Duke Ellington, bekam über Gertrude Stein die Eintrittskarte in die Welt der Kunst – und Literatursalons, traf Paul Èluard, Djuna Barnes und James Joyce in Paris, fuhr mit Aaron Copland auf Empfehlung von Gertrude Stein erstmals im Herbst 1930 nach Tanger, was ihn nachhaltig begeisterte, von dort wieder zurück nach Paris, wo er ab 1931 an der Ècole Normale de Musique bei der Komponistin und Musikpädagogin Nadia Boulanger studierte, die auch Qunicy Jones, Astor Piazzola und Philip Glass zu ihren Studenten zählte. Zwischendrin fuhr Bowles dann ins Elsaß und nach Österreich. Anfang 1932 sollte er ab auf Empfehlung seines Vaters nach Zürich reisen, wo er unter der Leitung von keinem Geringeren als Sergej Prokofjew Klavierspiel + Komposition lernen sollte. Doch Paul ignorierte den ersten Termin und wanderte lieber quer durchs Elsaß. Er liebte die Natur, mehr noch als die Musik, die Weite, das Idyllische. Im selben Jahr landete er mit Aaron Copland in Berlin. Traf hier Christopher Isherwood in Schöneberg, dort selbst auch Hans Arp, Stephen Spender und Walter Gropius, kam in Kontakt mit der Dada – Szene, die er schon in Zürich Kennen lernte. Doch Berlin gefiel ihm offenbar überhaupt nicht Es war ihm zu kalt, zu grau, zu dunkel, obwohl er die Stadt im Frühsommer 1932 Kennen lernte. Bowles meinte mit „kalt“nicht das Wetter, sondern die Agonie der Weimarer Republik, über deren Totenbett sich bereits der dunkle Schatten der Nationalsozialisten ausbreitete. Dabei nahm Bowles die Schlägertrupps der SA zunächst gar nicht ernst: „Ich dachte erst, das wären Pfadfinder wie bei uns in den USA, mit ihren komischen Abzeichen und den kurzen Hosen…“, aber die Häuserkämpfe mit Rotfront und SA, die bittere Armut in den überfüllten proletarischen Quartieren, im Gegensatz der opulente Reichtum auf den Prachtboulevards und Salons, blank gewienerte Kristalllüster in Feinkostläden – und an der nächsten Ecke Kinder, die in Lumpen um Medikamente bettelten. Diese Gegensätze hatte er bislang nirgendwo in diesem Extrem gesehen, erzählte er später, „…nicht in New York, nicht in Paris und nicht in Tanger!“. Bowles freute sich über all die interessanten Menschen und Orte, die er in Berlin traf, aber bald schon machte er sich wieder auf und davon. Zunächst bereiste er den Harz und das Weserbergland, auf den Spuren von Wilhelm Busch, den er als Erzähler und Maler in Berliner Bibliotheken schätzen lernte, dann in Hannover, wo er aufgrund einer bislang kaum bekannten Begebenheit Kurt Schwitters Kennen lernte und für mehrere Wochen in der Familie des Künstlers blieb. Zum Dank brachte er Kurt Schwitters’ Sohn Ernst etwas Klavierspielen bei („Ernst fand das SCHRECKLICH!“), erinnerte sich Paul später und arrangierte auch ein paar Kompositionen für Schwitters’ Merzbau. „Hannover war ein der schönsten Erinnerungen an Deutschland“, erzählte Paul lange nach seinem Besuch in der Leinestadt. Hannover und Berlin sah Paul Bowles nach 1932 nicht mehr: Er ging zunächst wieder nach Paris, dann nach Spanien und Nordafrika und schließlich wieder zum Studium in die USA. Danach bereiste er die halbe Welt, bis ins hohe Alter immer wieder Frankreich, Spanien und die USA. Deutschland blieb ihm nach dem Ende der Weimarer Republik verborgen. Er sagte, alle Menschen, die er dort jemals kannte, die er hätte besuchen können, seien dort nicht mehr. Aber als er 1932/-32 nach Deutschland fuhr, kannte er doch auch niemanden. Vielleicht war es Furcht vor dem Wiedersehen: Die Bilder, die Paul Bowles von Deutschland im Gedächtnis trug, waren Bilder eines Landes vor der inneren Aushöhlung durch die Nazis und deren Verfolgung und Vernichtung von Menschen, die nicht in das Rassenschema paßten, ein Deutschland , das mit tief gehenden geistigem Nährboden und Kulturgut noch Menschen mit Verstand und Wissensdurst von überall her anzog, statt sie, zu internieren oder auszuweisen; ja ein schön bebautes Land, vor dem später tosenden Luftkrieg, durch den im Bombenhagel auch das hübsche, urbane Kleid zerriß. Bowles hatte nach dem Krieg Aufnahmen aus dem zerstörten Berlin und Hannover gesehen, die er zunächst für Standfotos aus einem Spielfilm hielt, so unwirklich erschienen ihm die Trümmerlandschaften. Er war so erschrocken über die Wut des Krieges und den braunen Größenwahn, dass er es vorzog, nicht mehr dorthin zu reisen, ja nicht einmal darüber zu sprechen. Als ich ihn erstmals 1993 in Tanger traf und vom Deutschland nach dem Mauerfall berichtete („Ach stimmt, da gab es zwischendrin diese Mauer…!“) , blieb er skeptisch: „Ich freue mich für die Menschen, dass das Gefängnis zerbricht. Das ist sehr gut. Aber wo entsteht das neue Gefängnis? Und wer wird hinein geworfen? Die Menschen werden doch in der Freiheit eher zu Hyänen , als zu Adlern.“ Die erfolgreiche New Yorker Dekade: Musik, Hochzeit und Karriere. Wann genau Paul zum vollkommenen Skeptiker wurde, vermag ich nicht zu sagen, doch scheint es in der Schaffenszeit seines Literarischen Hauptwerkes zwischen den 1940er und 1960er Jahren passiert zu sein. Den größten Teil seiner Romane schrieb er in Nordafrika, auch in Sri Lanka , Indonesien und Burma, jedoch nicht in seiner recht erfolgreichen New Yorker Phase zwischen 1937 und 1947: In dieser Dekade nach seinem Studium entwickelte er sich zum gefragten Bühnenschreiber, Komponisten und Librettisten: Er arbeitete regelmäßig mit Tennesse Williams und Orson Welles. Für Orson Welles Aufführungen „Dr. Faustus“ und „Horse Eats Hat“ arrangierte er 1939 gleich 2 Kompositionen. Dazu schrieb er als Musikkritiker unter Virgil Thomson bei der New York Times und komponierte eigene Opern, darunter „The Wind Remains“, nach einem Gedicht von Federico García Lorca, die 1943 unter Dirigent Leonard Bernstein und Choreograph Merce Cunningham uraufgeführt wurde. Sein Arbeitseifer war immens: Er übersetzte Jean Paul Sartres Stück „Huis Clois“ ins Englische, gewann John Huston, der sofort die Regie für das Werk übernahm. Auch für Luchino Visconti schrieb er einige Libretti. 1944 komponierte er die Musik für Franz Werfel’s „Jacobowsky und der Oberst“ und im selben Jahr für Tennessee Williams’ „Glasmenagerie“. Am 21. Februar 1938, 1 Tag vor ihrem 21. Geburtstag , heiratete Paul seine Freundin, die Drehbuchautorin und Dramaturgin Jane Auer. Ihre Flitterwochen verbrachten sie in Ländern quer durch Mittelamerika. Beide reisten gerne, so oft es ging und so fuhren sie mittels eines Guggenheim – Stipendiums 1941 nach Mexico. Das Paar führte eine für damalige Verhältnisse höchst ungewöhnliche, offene und gleichsam freundschaftliche Ehe, denn sowohl Paul als auch Jane fühlten sich auch zum eigenen Geschlecht hingezogen. Die Zeit nach 1945 bedeutete auch für das liberale New York einen Paradigmenwechsel: Die Zeit der Kommunistenjagd begann, Andersdenkende, Künstler, Intellektuelle und vor allem Homosexuelle hatten es fortan schwer. Kurswechsel: Der Himmel über der Wüste. Als Paul 1947 vom Verlagshaus Doubleday den Auftrag für eine Novelle bekam, zog er kurzentschlossen nach Tánger, in die internationale Zone: Er hatte einen Namen, einen Auftrag, die Nase voll von der gesellschaftlichen Enge der McCarthy Ära und vom Komponieren. Die internationale Zone im Norden Marokkos bedeutete Steuerfreiheit, günstiges Wohnen und Essen, relativ liberales Leben und natürlich ein multikulturelles Umfeld. Eine Oase nach dem Krieg. Nun begann er mit seiner schriftstellerischen Laufbahn. 1948 folgte ihm Jane nach Tanger. Schließlich wurde aus der Novelle ein Roman: „The Sheltering Sky“, dessen männlicher Protagonist den Namen der Hauptstadt von Papua Neuguinea, nahe am Äquator trug: Port Moresby. Bowles gefiel Papua Neuguinea. Der Nullmeridian, die Null, dort wo die Sonne senkrecht stand, schien Paul eine geeignete Metapher für einen Neuanfang, für eine Neuorientierung, für die Entscheidung zur Sonne –aber auch für die Leere, die sich plötzlich und unerbittlich in der Wüste ausbreiten sollte – oder stand der Nullmeridian nicht auch für das Dickicht an Lügen, Intrigen und Emotionen, denen sich sowohl die Protagonisten wie auch Jane und Paul ausgesetzt sahen? Jedenfalls schrieb Paul das Buch in vielen Hotels der Sahara, Algerien, Marokko, Tunesien. Zumeist im Bett, sitzend, mit Tee und Sebsi, einer marokkanischen Kif-Pfeife neben Manuskript und Schreibmaschine. Als sein Roman fertig war, lehnte es Bowles’ Auftraggeber Doubleday erstmal ab, da sie mit dem Umfang nicht einverstanden waren. Paul fand rasch einen anderen Verlag: John Lehmann in England, der The Sheltering Sky 1949 in London veröffentlichte. Das Buch wurde in kürzester Zeit zum Renner – noch in derselben Woche meinte Bowles’ Literaturagent, dass die Eigentümer von Doubleday schon in der ersten Woche nach dem Erscheinen von Bowles’ erstem Roman dem Redakteur stehenden Fußes die Hölle heiß machten, weil er das Buch abgelehnt hatte.

Tanger und die internationale Zone. Nur 1 Monat später erschien eine amerikanische Ausgabe des Romans, veröffentlicht durch das Verlagshaus New Directions: Die amerikanische Literaturkritik blieb anfangs verhalten, was sicher auch dem wachsamen Auge der McCarthy – Zensoren geschuldet war. Der Buchkritiker des Time – Magazins lobte zwar die Spannung , die geschliffene Sprache und den erzählerischen Stil von The Sheltering Sky, fragte aber mit steifer Lippe nach, weshalb ausgerechnet französische Legionäre, arabische Zuhälter und spanische Dirnen durchweg besser im Roman wegkommen, als das etwas naive und letzten Endes scheiternde Paar amerikanischer Touristen. Doch überhaupt ins Time Magazin zu kommen, bedeutete einen Ritterschlag und fortan lasen viele Gleichgesinnte, Künstler und von Sehnsucht gepackte Amerikaner die Geschichte aus dem fernen, ja freien Nordafrika. Prostitution, Drogen, Ehebruch waren Themen, die wie Monsuntropfen in die trockenen Kehlen Zensurbeschnittener Leser fielen und für reichlich Nachdurst sorgten. Bowles wurde so zu einem Wegbereiter, einem Pionier der jungen, rastlosen Generation, die sich in den beginnenden 50er Jahren, in dieser Phase eines reaktionären Amerikas weitere Idole wie Elvis Presley, Marlon Brando, Jack Kerouac, James Dean suchte, die aneckte, Fesseln sprengte, aufbrach. Die Beat Generation war geboren. Und Bowles wurde zum Geburtshelfer. John Lehmann erkannte gleich, welch Potenzial sein Schützling Bowles in sich barg: Gleich danach folgte eine Anthologie von Paul Bowles’ Kurzgeschichten, darunter die berühmte „Pages from Cold Point“ – wieder bei John Lehmann, der sie 1950 veröffentlichte. Von da an gab es kein Zurück mehr, Paul blieb in Tanger, konzentrierte sich auf seine Karriere als Schriftsteller und es begann seine fruchtbarste und weit reichendste literarische Schaffensperiode. 1952 erscheint, wieder bei Lehmann, sein 2. Roman, der mit einem Zitat aus Shakespeares Macbeth titelt: „Let it come Down“ (dt.: So mag er Fallen). Dieser Roman im Spannungsfeld von Existenzialismus und Histoire Noir spielt hauptsächlich in Tanger, wo Protagonist Dyar, ein junger Amerikaner den beruflichen Neuanfang sucht, aber vollkommen integrationsunfähig ist und an seinen Aufgaben scheitert…, Die amerikanische Ausgabe folgt bei Random House einen knappen Monat später. Bei Random House erscheint dann auch „The Spider’s House“, (dt.: Im Haus der Spinne), das vor dem Hintergrund der marokkanischen Unabhängigkeitsbewegung spielt und damit als sehr frühes Werk die französische Kolonialpolitik einerseits und den marokkanischen Nationalismus andererseits beschreibt. Die Beatnik – Jahre: Chronist, Förderer und Übersetzer. Nun, wo der Weg des Schriftstellers eingeschlagen und einem größeren Publikum erfolgreich präsentiert worden ist, kann sich Paul auch wieder auf seine musikalische Arbeit stürzen: Er komponiert neun neue Musikstücke, die an der amerikanischen Schule Tanger uraufgeführt werden. Er transkribiert, übersetzt und dokumentiert die traditionelle Musik aus Tanger, dem Atlas und der Berber. Bis ins hohe Alter. Bowles hat akribisch im Laufe der Jahrzehnte eine der größten musikethnografischen Sammlungen erstellt, die als sein Legat in der US Library of Congress aufgenommen wurden. Auch als Übersetzer, Entdecker und Förderer von marokkanischen Autoren wie Mohamed Mrabet, Ahmed Yacoubi , Larbi Layachi oder Mohamed Choukri hatte Bowles – bis heute – maßgeblichen Einfluß auf die moderne maghrebinische Literatur genommen. Auch Jane begann wieder zu schreiben, allerdings blieb ihr der große Erfolg vergönnt, was weniger an ihrem Mann, als an ihren zunehmend größer werdenden Schreibblockaden, Depressionen und Selbstzweifeln lag, von denen sie förmlich aufgerieben zu werden schien. Dabei hatte ihr erster großer Roman „Two serious Ladies“ (dt.: Zwei sehr ernsthafte Damen), den sie 1943 veröffentlichte, viel Beachtung und Bewunderung gefunden, ja zählt heute zu den wichtigsten Werken moderner amerikanischer Literatur. Aber sie mühte sich mit dem Literaturbetrieb und mit sich selbst. Dagegen war sie zusammen mit Paul ein beliebter Gast in der amerikanischen Expat – Szene von Tanger: In den 50er Jahren stand das Autorenpaar Bowles bald auf jeder gesellschaftlichen Gästeliste. Mit dem Ruhm folgten Ihnen schließlich weitere amerikanische Künstler, berufen, sich in das gelobte Land jenseits der Säulen des Herkules auf zu machen, wo Sonne, Kif und wilde Liebe ein freies Leben versprachen. Ob Beatniks wie Allen Ginsberg, William S. Burroughs (der in Tanger sein Naked Lunch schrieb), Gregory Corso oder Erzähler wie Truman Capote…die Liste von sehnsüchtigen amerikanischen Künstlern, welche Jane & Paul Bowles in Tanger besuchten, wäre viel zu lang, um sie an dieser Stelle fort zu führen. Vielleicht sollte man noch die Hippies erwähnen, die Rolling Stones, die in den Grotten am Kap Spartel unweit von Tanger ausgiebige Partys feierten, Norman Mailer , Brion Gysin oder Gore Vidal. Ausgerechnet Jack Kerouac aber kam nicht mehr, dessen Energie und Stil Paul Bowles sehr schätzte. Jane Paul zog sich von dem Trubel, der ihn, Jane und ihr Haus bald umgab, immer mehr zurück und arbeitete an der Archivierung maghrebinischer Musik, an seinen Romanen und immer mehr an der Förderung marokkanischer Talente. Doch kein Licht ohne Schatten: Jane ging es immer schlechter, Einen Großteil ihres Lebens hinkte sie wegen eines steifen Knies nach einem Sturz vom Pferd und karikierte sich selbst als “Crippie the Kike Dyke”, als verkrüppelte jüdische Lesbe…1957 erlitt sie, gerade 39 Jahre alt, einen Schlaganfall, von dem sie sich nie mehr erholte- ob als Spätfolge des Sturzes oder Alkohol und Drogen ist unklar, aber fortan litt sie unter Seh- und Sprechstörungen. Paul widmete sich in den 60er Jahren immer mehr um seine Jane, seinen „besten Freund“, wie er immer wieder sagte und rückte die Literatur etwas in den Hintergrund. Er konnte sie in Tanger medizinisch nicht mehr versorgen und brachte sie 1967 in einer Klinik in Málaga unter. Danach förderte er immer mehr seine marokkanischen Autoren, vor allem Mrabet und Choukri, die in den späten 60ern wiederum ihre ersten Romane veröffentlichten, welche Bowles umgehend übersetzte. 1970 gab Paul Bowles zusammen mit Daniel Halpern die literarische Zeitschrift Antaeus heraus, die zunächst junge Autoren wie Lee Prosser, aber auch etablierte Freunde und Kollegen wie den Beat-Buchhändler Lawrence Ferlinghetti förderte. Auch Auszüge von Paul’s „Summer House“ und vor allem Fragmente einer unvollendeten Novelle von Jane bekamen ihren Platz im Magazin, dessen Redaktion bis 1994 weiter geführt wurde! Entdeckung des Lebenswerks und später Ruhm 1972 schließlich veröffentlichte Paul Bowles seine Autobiographie: „Without Stopping“ (dt.: Rastlos). Im Folgejahr 1973, starb Jane, viel zu jung, am Ende gelähmt und blind. Nun verstummte Paul eine Zeitlang; der Tod seiner Frau, seiner Gefährtin und Schwester im Geiste setzte ihm unerwartet arg zu. Er zog sich in den folgenden zwei Jahren sehr zurück , übersetzte nur und begann erst Mitte der 70er wieder mit der Arbeit an eigenen Werken. 1980 bis 1982 gab Paul literarische Sommerkurse an der amerikanischen Schule von Tanger. Und wieder entwickelten sich unter seiner Ägide literarische Talente: Rodrigo Rey Rosa, der 2004 den spanischen Literatur – Nationalpreis Miguel Ángel Asturias gewann, dürfte heute einer der bekanntesten von Bowles entdeckten Autoren sein. Anfang der Achtziger Jahre trat Paul Bowles wieder mehr in die öffentliche Wahrnehmung, unter anderem mit der Adaption von „The Circular Ruins“, einer Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges, die in einer Anthologie von 16 übersetzten Kurzgeschichten von Paul Bowles mit dem Titel „She Woke me Up So I Killed Her!“ erschien. In den späten Achtziger Jahren begann schließlich die weltweite Renaissance des „Amerikaners in Tanger“, bedingt durch Regisseur Bernardo Bertolucci: Anlässlich der filmischen Adaption seines Hauptwerkes „Himmel über der Wüste“ (mit Debra Winger und John Malcovich in den Hauptrollen) wurde Bowles auch von einem jüngeren Publikum wieder entdeckt. Bertolucci erhielt die Filmrechte, die schon 1949 von Produzent Robert Aldrich gekauft, aber niemals umgesezt wurden, nach dem Tode Aldrichs im Jahre 1983. Paul gefiel Bertoluccis filmische Adaption nicht sonderlich, doch in der nun folgenden Dekade von 1987 – 1997 gab der Schriftsteller noch einmal richtig Gas und arbeitete mit jungen Regisseuren, Autoren und Musikern aus aller Welt zusammen, darunter die deutschen Regisseure Frieder Schlaich und Irene von Alberti, die Paul Bowles als Erzähler für ihren Episodenfilm „Halbmond“ wählten oder die Kanadierin Jennifer Baichwal, die noch 1998 ihren Film „Let it come down“ über Bowles und die Beatniks drehte. Im Zuge dieser Wiederentdeckung kam auch ich 1993 das erste Mal in Kontakt mit Paul Bowles. Zu meiner damaligen Verwunderung entwickelte sich nach unserer ersten Begegnung eine Freundschaft, die den Gedankenaustausch in der Ferne per Telegramm und Brief transportierte und die bis zum Tode von Paul Bowles im Jahre 1999 hielt. In dieser Zeit waren Leben und Werk des DaDa – Künstlers Kurt Schwitters eine geistige Nahtstelle zwischen Paul Bowles und mir. Bowles kannte Familie Schwitters gut und war mit Ihnen sehr verbunden. In der Erinnerung stellte sich heraus, daß nicht Zürich , nicht Berlin und auch nicht Wien Paul Bowles Aufenthalt im deutschsprachigen Raum nachhaltig Freude bereiteten, sondern ausgerechnet die eher bürgerlich lebenden Schwitters’ und ihre Heimatstadt, das auch damals nicht gerade für gesellschaftliche Exzesse bekannte Hannover! Ja, daß Paul Bowles sogar Kompositionen für Schwitters’ Merzbau schrieb. Bowles fasste in einem unserer Gespräche den Entschluß, diese Kompositionen neu zu vertonen und die Gedichte , die er irgendwo noch zu finden glaubte, übersetzen zu lassen – ich sollte daraus eine deutsche Version schreiben und veröffentlichen. Ich fühlte mich unglaublich geehrt – leider kam es ja nicht mehr zu diesem Vorhaben. Doch einen Teil der Aufzeichnungen habe ich behalten: Zwischen 1993 und 1996 pflegte ich einen regen Briefwechsel mit Paul Bowles, in denen neben persönlichen Dingen auch historische und künstlerische Themen ausgetauscht wurden. 1994 gab ich einmal Paul Theroux die Klinke in die Hand, der Paul gerade interviewte. Auch Allan Ginsberg, Burroughs und Norman Mailer kamen alle noch einmal, fast scheint es, um sich von dem großen Autor, den in den 90ern schon weit in den Achtzigern war, zu verabschieden. Dabei hat er sie am Ende alle überlebt, trotz oder gerade wegen Tabak, Kif, Krankheit, Skepsis und Einsamkeit. Denn einsam, so sprach er, war er seit dem Tode Janes und vieler Freunde, die gegangen oder gestorben waren. „Vielleicht deshalb“, so erzählte er einmal lakonisch, „habe ich im hohen Alter noch einmal richtig alle Türen geöffnet – in der Hoffnung, dass mal wieder der eine oder Andere dabei ist, der ihn richtig überrascht, freut, ja , fordert. „Und das müssen nicht unbedingt berühmte Leute sein, die seien zumeist anstrengend, schmunzelte er…!“ Bis zuletzt gab er zahllose Interviews, öffnete fast jedem, der ihn besuchen wollte, die Tür, so oft, dass ihm seine Ärzte zu etwas weniger Gastfreundschaft rieten. Als er ab Sommer 1999 den Besuchsstrom reduzierte, wurde er allerdings erst richtig krank. Er kam im Herbst mit Atembeschwerden in das italienische Krankenhaus in Tanger und starb dort am 18. November 1999 an den Folgen einer Herzinsuffizienz. Was Paul Bowles in der letzten Dekade seines langen Lebens, trotz schwindender Gesundheit und Kraft, noch einmal gefördert, geschrieben, übersetzt, archiviert, moderiert und bewirkt hat, schaffen viele nicht in einem ganzen Leben. Alleine dafür, vor allem aber aufgrund der damit bewiesenen Hoffnung in das Wahre, Schöne und Gute, die er bei allem Sarkasmus, seinem bohrenden Blick ins Innere der Menschen und allem daraus resultierenden Pessimismus zu verstecken suchte, verdient Paul Bowles größten Respekt. Die Lebensleistung des Zahnarztsohns aus Queens, der als einer der größten Vertreter des amerikanischen Existenzialismus mit einem Meilenstein in die moderne Literatur eingeht, tritt so zur Seite und macht Platz für die Rückbesinnung auf den Menschen, der er war: Ein Mann, der lieber barfuß durchs Elsaß wandert, als bei Prokofjew zu studieren. Paul Bowles wäre am Donnerstag, den 30. Dezember 2010 hundert Jahre alt geworden. Hätte er die Weisungen seiner Ärzte missachtet und weiter Gäste empfangen, so könnte er vielleicht heute mit uns feiern – so tut er es hoffentlich an einem anderen Ort mit Jane: Herzlichen Glückwunsch zum Hundertsten, Paul!

“The sky hides the night behind it, and shelters the people beneath from the horror that lies above“ / Paul Bowles Bildnachweis:  the euskadi 11

January 24 2011, 10:24am

Preferred Blog: in|ad|ae|qu|at: Das Blog als Literaturzeitschrift 2.0

Nicht alle Blogs sind Journale, in denen die Persönlichkeit der Autorin, des Autors im Mittelpunkt steht. Es gibt auch solche, die verstehen sich als Plattform, wo sich die Werke anderer und ihre Schöpfer bestmöglich entfalten sollen. in|ad|ae|qu|at ist ein Beispiel dafür. Nicht die Selbstverwirklichung, sondern die Ermöglichung steht hier im Zentrum. Vielleicht deshalb gestaltet sich der Zugang zu in|ad|ae|qu|at zunächst etwas sperrig: Man sucht – als Blogger fast schon gewohnheitsmässig – nach dem vermeintlich kantigen Blog-Ich, nach der Persönlichkeit, die hinter dem Weblog steckt – und findet stattdessen Texte, Bilder und Töne unterschiedlichster Herkunft, ein Sammelsurium zunächst, dessen Ordnung erst auf den zweiten Blick ersichtlich wird – ebenso wie der dahinterliegende Gestaltungswille. Freier Publikationsraum Christiane Zintzen, die Betreiberin von in|ad|ae|qu|at, ist keine Unbekannte im Raum der deutschsprachigen Netzliteratur, ebenso wenig wie in der „Echtwelt“, wo sie als freie Kulturpublizistin tätig ist. Zusammen mit Hartmut Abendschein gibt sie seit 2008 Litblogs.net heraus, ein Netzwerk literarischer Blogs, das ich an anderer Stelle kurz besprochen habe. Ihre akademische Herkunft kann sie zwar nicht verleugnen – diese kommt zum Teil auch in ihrer Sprache zum Ausdruck –, trotzdem agiert sie mit in|ad|ae|qu|at nicht innerhalb eines institutionellen Rahmens, also der Uni, eines Verlags oder anderer Literaturinstitutionen, sondern versteht ihr Blog als freien Publikationsraum für zeitgenössische (Netz-)Literatur, zudem als Galerie, als akkustisches Theater und als Ort der Reflexion. in|ad|ae|qu|at ist also nichts weniger als eine veritable Literaturzeitschrift, allerdings in der Version 2.0, erweitert um die multimedialen Möglichkeiten des Webs (Video, Audio, Fotografie und Grafik) und bereichert um den unmittelbaren Austausch via Kommentar. Unterschiedliche Gefässe Trotzdem steht die Schreibe im Zentrum von in|ad|ae|qu|at, also die Literatur und ihr Betrieb, und zwar in Form der Medienbeobachtung und -empfehlung und – sehr wichtig – indem im „Salon Littéraire“ auf Einladung regelmässig Gasttexte publiziert werden, unkommentiert und für sich dastehend. Ein weiteres Gefäss ist die Rubrik „Tableau de Texte“, wo Neuerscheinungen in kommentierten „Vorabdrucken“ präsentiert werden. Ebenso findet auf in|ad|ae|qu|at Essayistisches Platz. So entstehen vielfältige Text- und Mediensammlungen, die auf Autorenseiten zusammengeführt werden, ergänzt mit biografischen und bibliografischen Angaben zu den Autoren und mit Links, was nichts anderes als ein kleines, aber gediegenes und immer wieder aktualisiertes Lexikon zeitgenössischer Literatur darstellt. Netzliteratur als eigenständige Kunstgattung Und dabei wird Netzliteratur durchaus als eigenständige Kunstgattung verstanden. Ihre Möglichkeiten werden ausgelotet, die Voraussetzungen ihrer Verbreitung erforscht. So ist es zum Beispiel grundlegend, dass die Texte sorgfältig verschlagwortet werden, damit sie im Netz überhaupt sinnvoll aufgefunden werden können. in|ad|ae|qu|at ist insgesamt ein literarischer Tummelplatz für Anspruchsvolle, zugleich ein Ort des Forschens. Erstaunlich, was man mit einem Blog so alles anstellen kann!

Die ist ein Crosspost von walbei

October 21 2010, 10:03am

Die 5 deutschsprachige Literatur-Plattformen

Sind literarische Online-Foren nicht eine moderne Art der Kaffeehäuser, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts und bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von vielen Schriftstellern – und ein paar wenigen Schriftstellerinnen – besucht wurden? Dort trug man sich die neuesten Texte vor und tauschte sich darüber aus. Oder man debattierte über Politik und Gesellschaft – und tratschte bestimmt auch. Doch der Vergleich hinkt auf mindestens einem Fusse: In den heutigen literarischen Foren des Internets fehlt die persönliche, physische Begegnung, es fehlt der Austausch in Echtzeit, auch Gespräch genannt, und es fehlt die unverwechselbare Atmosphäre der damaligen Kaffeehäuser – und der allgegenwärtige Kaffeeduft…

Trotzdem stellen Online-Literaturforen eine beliebte Plattform für Schriftstellerinnen und Schriftsteller dar, für solche, die es werden wollen – oder sein möchten … Die Vielfalt ist riesig. Es gibt grosse und kleine, lebendige und sterbende, gediegene und trashige Online-Literaturforen. Es gibt solche, in denen die Arbeit am Text im Vordergrund steht, und solche, die sich hauptsächlich dem Drum und Dran widmen: der Literaturmarkt und sein Getriebe, das Auflösen von Schreibstau und Ähnliches werden hier ausführlich diskutiert. Es folgt eine kleine Auswahl mit Schwergewicht auf Textplattformen (und es sind sieben Websites geworden):

Deutsches Schriftstellerforum Der Luxusliner unter den Literaturforen. Mit knapp 4’400 Mitgliedern (Stand September 2010) gehört es zu den grösseren – Tendenz steigend. Angenehm ist die klare Struktur und das Streben nach Qualität, indem Fertiges, Druckreifes deutlich von Werkstatt-Texten getrennt ist. Eine Vielzahl von Moderatoren sorgt für Ordnung, was wiederum nicht jedermanns Sache ist.

Leselupe Ein ähnlich grosses Forum, das durch seine ausgeklügelte Forentechnologie besticht: In der Seitenleiste lassen sich zum Beispiel die zahlreichen Unterforen (Themen) aufklappen und direkt ansteuern. Die ModeratorInnen sind weniger präsent, so dass Kraut und Rüben fröhlich durcheinander wachsen. Durch eine „Textbewertungstechnologie“, die allerdings eher demokratischen denn ästhetischen Gesetzen folgt, lassen sich Kraut und Rüben wieder auseinanderdividieren. Leselupe ist eine Art Containerschiff, vollgepackt mit Containern, die ihrerseits mit Texten und Kommentaren vollgepackt sind.

Autorenweb Das unkomplizierteste Forum, das mir unter die Augen gekommen ist. Nicht einmal ein Benutzerkonto muss man erstellen, um hier Texte zu veröffentlichen. Von Moderatoren keine Spur. Ein äusserst freiheitliches Forum, gleichzeitlich sehr benutzerfreundlich. So kann man sich zum Beispiel die Texte von einer Maschinenstimme vorlesen lassen. Wenn die Leselupe ein Containerschiff ist, so ist Autorenweb eine Freibeuterfregatte.

Dichter-Forum Ein kleineres Forum mit Schwergewicht Lyrik in all ihren Formen. Die Unterforen sind nach Themen der Gedichte angelegt, z.B. Herzensangelegenheiten, Philosophenrunde, Schattenreich, Sinnesfreuden. Auf den ersten Blick wirkt das Forum – im Vergleich zu den bereits genannten – deutlich weniger lebendig. Vielleicht liegt es am Thema …

Gedichte.com Wenn wir schon bei den Gedichten sind – und als Gegenbeweis zur These, Gedichte seien nicht mehr gefragt: Das Forum Gedichte.com ist mit gut 22’000 eingeschriebenen Benutzern zwar nicht ein Riese unter den Online-Foren – die grössten deutschsprachigen Foren haben um die vier Millionen Mitglieder –, doch für ein Forum zu Gedichten ist es ganz stattlich. Hier bleiben wirklich keine Wünsche mehr offen. Auch die Forenstruktur ist recht übersichtlich, und der Austausch scheint mir lebendig und sensibel. Link zum Forum

Forum für Literatur & Germanistik Ein gediegenes Forum, und zwar was Form und Inhalt anbetrifft. Zur Form: Die meisten Standard-Foren sind zwar technisch ausgeklügelt, aber nicht gerade eine Augenweide. Dieses Forum hebt sich deutlich davon ab – und ist trotzdem gut bedienbar. Auch inhaltlich besticht das Forum, ohne dass es – wie sein Titel suggerieren könnte – im Elfenbeinturm angesiedelt ist. Eindeutig eine Luxusjacht! Link zum Forum

Literarchie Die Piratenjolle: Kleines und sehr spezielles Forum. Hier habe ich in der (Literatur-)Forenwelt meine ersten Schritte getan. Texte und Diskussionen sind vielfach schräg, manchmal genial und ab und zu auch eine Zumutung – eben ein Forum „von und für Autorinnen und Autoren, die ihren eigenen Kopf haben“. Das Anarchische und Trashige kann zuweilen überhand nehmen. Trotzdem sei Literarchie hier erwähnt, um die Vielfalt der Literaturforenwelt zu illustrieren. Eine ausführlichere Besprechung habe ich hier geschrieben.

September 16 2010, 10:44am

Preferred Blog: litblogs.net

Literarische Blogs gibt es nicht wie Sand am Meer, zumindest nicht wirklich gute. Zugegeben: was ein guter oder weniger guter literarischer Blog ist, bleibt wohl eher der persönlichen Einschätzung überlassen. Das ist nicht wesentlich anders als mit Literatur in gedruckter Form: zwar gibt es sehr wohl objektive Qualitätskriterien, doch das Subjektive bleibt für den Genussleser ein entscheidender Faktor. Denn wenn mir ein Buch nicht gefällt, kann mich in den meisten Fällen auch ein noch so belesener Literaturpapst nicht wirklich vom Gegenteil überzeugen. Umso schöner, dass ich Litblogs.net entdeckt habe. Denn hier sind ein paar richtig gute literarische Blogs versammelt. Und es ist ein Einfaches, mit ihnen in Kontakt zu kommen – und zu bleiben. Litblogs.net ist eine Art Monitor für zurzeit rund zwanzig literarische Blogs. Titel, Herkunft und Alter aller neuen Beiträge werden auf der Hauptseite aufgelistet, wie man sich das von Blogs gewohnt ist: der aktuellste Eintrag zuoberst. Durch einen einfachen Klick kann man den Eintrag ansehen, ohne die Seite verlassen zu müssen, alternativ dazu aber auch, indem man den entsprechenden Blog in einem neuen Fenster öffnet. Selbstverständlich sind die Blogs auf einfache Art zugänglich, auch ohne dass gerade ein aktueller Beitrag aufgelistet ist. Ferner sind Kurzporträts der Blogbetreiber hinterlegt…

Überhaupt besticht Litblogs.net durch seine benutzerInnenfreundliche Technik. So gibt es am Fuss der Seite eine versenkbare Instrumentenleiste, wie ich sie noch nie gesehen habe. Sie erleichtert das Navigieren auf der Seite und stellt Such- und Übersetzungsfunktionen, aber auch Feed-Abos und Schnittstellen zu sozialen Medien zur Verfügung. Doch das wichtigste sind die literarischen Blogs. Hier eine völlig subjektive Auswahl: Aléa Torik: Das Tagebuch einer ehemaligen Studentin der Linguistik- und der Literaturwissenschaft und ambitionierten Schriftstellerin. Poetisch in Form und Inhalt, sorgfältig im Umgang mit der Sprache, berührend in seiner Offenheit. logbuch isla volante: Der Besuch dieses Blogs ist wie ein Abstecher aufs Meer. Täglich wird ein Aquarell eingestellt, das vielfach hauptsächlich Wasser abbildet und trotzdem immer wieder eine Überraschung darstellt. Dazu Kürzesttexte. Ein Genuss in seiner Schlichtheit. Visuelle Poesie: Anatol beeindruckt auf seinem Blog mit visueller Poesie durch die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten im weiten Berührungsfeld von Sprache und bildender Kunst. Particles: Der Blog von Andreas Louis Seyerlein hat etwas Verspieltes und ist nach meinem Empfinden hoch poetisch. Er ist Teil eines literarischen Gesamtkunstwerkes, das weit mehr ist als einfach “nur” Literatur in digitaler Form – statt auf Papier: ein multimediales Erlebnis, bei dem die Möglichkeiten der Netzkunst voll zum Tragen kommen – und das nicht in effekthascherischer Weise, sondern eben hoch poetisch, geradezu erschütternd zuweilen.

July 9 2010, 1:27pm

Linkes Auge hinkt

Ja liebe Liebende. Sowas gibt es noch in deutschen Landen. Linkes Auge hinktEine echte Literatur-Perle. Obwohl der Autor mir dieses Wort wahrscheinlich mit Widerhaken bestückt ins rechte Ohr treiben würde. Ein Blog, das keines sein will. Umso besser. (Danke an den Glumm für den Tipp. Achja, wer den nicht kennt, der ist bei mir Blog der Jahre 2004-2008 und Grimmepreisträger des Jahrzehnts statt all der Lobos und Sixtusse, die da waren, sind und sein werden.)

April 29 2010, 12:00pm

Romane digital – Cory zeigt, wie’s geht

Nach der Musikindustrie hat sich auch die Verlagsbranche inzwischen angesichts der neuen Herausforderungen des digitalen Zeitalters warmgejammert und demonstriert aktuell im Streit um Google Books anschaulich, dass man von den Fehlern der Audio– und Filmbranche nichts gelernt hat.

Und mitten in der dicksten Debatte darüber, welchen imensen Schaden es anrichten wird, wenn belletrististischer Content von bösen Piraten ins Netz gestellt wird, veröffentlicht Cory Doctorow mit seinem neuen Buch „Makers“ und zeigt allen mal wieder, wie es gehen könnte.

Doctorow, Netzaktivist und Blogger bei boingboing, verkauft auch sein neues Werk nicht nur konventionell gedruckt, sondern bietet digitale Versionen seines Romans zum kostenlosen Download an. Und zwar nicht nur in Auszügen, sondern komplett.

Eine verrückte Idee, mit der man sich nur ruinieren kann? Geht so. Mit dieser Strategie landete Doctorow immerhin schon auf Bestsellerlisten der New York Times – etwa mit seinem exzellenten und aufrührerischen Jugendroman „Little Brother“.

„Free Books work for me“, erklärt Doctorow auf Publisher’s Weekly – erklärt aber auch, dass er auf jede Menge Unverständnis für seine Freigiebigkeit stößt: Still, this business of my giving away e-books is a controversial subject. I encounter plenty of healthy skepticism in my travels, and not a little bile. There’s a lot of people who say I’m pulling a fast one, that I’d be making more money if I didn’t do this crazy liberal copyright stuff, or that I’m the only one it’ll ever work for, or that I secretly make all my money from doing stuff that isn’t writing, or that it only works because I’m so successful. Of course, when I started, they said it only worked because I was so unknown.

People want proof that this works—that I’m not deluded or a con artist. But it’s hard to prove. I don’t have a time machine I can use to republish all my books without the free downloads and compare royalty statements. And the skeptics aren’t the only people who claim I’ve got it wrong. There are also the True Believers. The True Believers are the people who say that I’m a fool to give 90% of the cover price of my books to the publisher and bookseller. After all, I have three or four million people a day who read my blog. I could just self-publish all my material and get it directly into the hands of my readers, and pocket the lion’s share of the income.

Darum startet er ein kleines Experiment: Er veröffentlicht seine Kurzgeschichten–Sammlung „With a little help“ ohne einen Verleger im Rücken (ähnlich wie die Band Radiohead es bei ihrer jüngsten Platte versuchte) – um zu schauen, was passiert. Er will kostenlose E–Books anbieten, Hörbücher, Print–on–demand–Taschenbuchausgaben für 16 Euro und streng limitierte Hardcover–Ausgaben für 250 Euro. Die Details, schreibt er bei Publisher’s Weekly, muss er noch ausbaldowern. Aber er überlegt schon jetzt, ob er auch aus den Erfahrungen mit diesem Experiment ein Buch machen soll.

Was auch immer daraus wird: ein spannendes Projekt, das man auf jeden Fall im Auge behalten sollte!

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November 5 2009, 8:21am

Publizieren: “Warten, bis Dinosaurier aussterben”

“Die Verlage haben Angst”, sagt Lukas Rieder. Angst davor, ihre Rechtfertigung für den Produktionsprozess zu verlieren. Rieder bietet bei “atoms&bits” eine Veranstaltung zum “Neuen Publizieren” an - naheliegend, denn er hat das Startup paperc gegründet, das wissenschaftliche Literatur leichter veröffentlichen und online zugänglich machen will. Viele Autoren würden heute einfach zu wenig verdienen – obwohl die Produktionskosten der Verlage ständig sinken würden. Bis zu 60 % Gewinnmargen streichen sie ein, sagt Rieder, und schlägt folgenden Ausweg vor: Autoren nehmen die Publikation ihrer Werke selbst in die Hand, kontrolliert mittels eines Peer Reviews. Ob Wissenschaftler überhaupt mit ihren Publikationen Geld verdienen müssten, wirft ein Kollege von Wikipedia ein. Schließlich seien viele Wissenschaftler Universitätsmitarbeiter, würden also mit Steuergeldern bezahlt. Warum also sollten sie mit ihren Publikationen Zusatzverdienste einstreichen? Es sei falsch, Verlagen zu unterstellen, Kosten vorzutäuschen, sagt Autorin Kathrin Passig. Produktions- und Organisationsprozesse seien tatsächlich hoch, wegen des “starrsinnigen Festhaltens an überholten Verfahren”. Genau aus diesem Grund werden auch viele Verlage sterben, meint Social–Media–Berater Igor Schwarzmann. “Wir sind alle sehr ungeduldig”, sagt er. Wie schnell die Entwicklung aber gehen könne, würde man am Beispiel der Lexika sehen, die innerhalb von wenigen Jahren mit Wikipedia eine echte Konkurrenz bekommen hat. Longtail-Effekte seien Verlagen egal: die Verlage würden einzelne Spitzentitel stark bewerben, andere kaum, klagt Autorin Passig. Es sei schwierig, Sachen zu publizieren, die nicht gestreamlined seien. Auch mit dem Lektorat ist sie häufig nicht zufrieden: Meist würden die Lektoren der Verlage nicht mehr stark an dem Text arbeiten, sagt sie. Viele Teilnehmer der Veranstaltung können sich gut vorstellen, dass Freiberufler das Lektorat übernehmen und das Buch dann direkt über Amazon oder ähnliche Plattformen vermarktet wird. Natürlich kommt die Debatte auch auf die Zukunft des gedruckten Buches zu sprechen. Schwarzmann glaubt, dass das Print-Buch künftig ein freakiger Gegenstand werden wird – ein Hobby wie Elektrische Eisenbahnen. Und zwar nicht nur im Unterhaltungs–, sondern auch im wissenschaftlichen Bereich. Das alles sei eigentlich nur noch eine Frage des Designs der Lesegeräte. Rieder widerspricht: Er glaubt, dass es gedruckte Bücher auch weiterhin geben wird: Wissenschaftlich wolle man eben auf vieles elektronisch zugreifen, im Urlaub aber dann doch lieber ein Buch dabei haben. Gerade im wissenschaftlichen Bereich setzt er aber große Hoffnungen in das digitalen Publizieren von Arbeiten und sieht dort auch große Vorteile. “Man muss nur warten, bis die Dinosaurier aussterben.” Gerade Print–on–demand–Dienste wie epubli vereinfachen den Produktionsprozess noch weiter: Teils ab 2, teils ab 500 Stück könne man bei der Druckerei in Auftrag geben, sobald ein Exemplar im Netz bestellt werde – ein Gegenentwurf zur Großlagerhaltung großer Verlage. “Der Veröffentlichungszeitpunkt spielt nicht mehr so die Rolle”, sagt Autorin Passig. Soll ein Text, der veröffentlicht wird, als fertig betrachtet werden oder nur als eine Version, die noch verändert, angepasst werden kann? Eine Frage, über die die “atoms&bits”-Runde streitet: Die einen lehnen es ab, Beta-Versionen eines Buches zu kaufen und später gesagt zu bekommen, welche Zeile darin falsch ist. Andere entgegnen: Darin liege doch gerade die Chance. Die Alternative sei: Die Zeile ist falsch und ich als Käufer des Buches erfahre es nicht. Positives Beispiel für ausführliches Feedback zum Manuskript sei hier der O’Reilly-Verlag. Mehr zum Thema: Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer über das Gefangenendilemma der Printverlage.

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Publizieren:”Warten bis Dinosaurier aussterben”

“Die Verlage haben Angst”, sagt Lukas Rieder. Angst davor, seine Rechtfertigung für den Produktionsprozess zu verlieren. Rieder bietet bei “Atoms and Bits” eine Veranstaltung zum “Neuen Publizieren” an - naheliegend, denn er hat das Startup paperc gegründet, das wissenschaftliche Literatur leichter veröffentlichen und online zugänglich machen will.

Viele Autoren würden heute einfach zu wenig verdienen - obwohl die Produktionskosten der Verlage ständig sinken würden. Bis zu 60 % Gewinnmargen streichen sie ein, sagt Rieder, und schlägt folgenden Ausweg vor: Autoren nehmen die Publikation ihrer Werke selbst in die Hand, kontrolliert mittels eines Peer Reviews.

Doch müssen Wissenschaftler überhaupt mit ihren Publikationen Geld verdienen? wirft ein Kollege von Wikipedia ein. Schließlich seien viele Wissenschaftler Universitätsmitarbeiter, werden also mit Steuergeldern bezahlt. Warum also sollten sie mit ihren Publikationen Zusatzverdienste einstreichen?

Es sei falsch, Verlagen zu unterstellen, Kosten vorzutäuschen, sagt Autorin Kathrin Passig. Produktions- und Organisationsprozesse seien tatsächlich hoch, wegen des “starrsinnigen Festhalten an überholten Verfahren”. Genau aus diesem Grund werden auch viele Verlage sterben, meint Social Media-Berater Igor Schwarzmann. “Wir sind alle sehr ungeduldig” sagt er. Wie schnell die Entwicklung aber gehen könne, würde man am Beispiel der Lexika sehen, die innerhalb von wenigen Jahren mit Wikipedia eine echte Konkurrenz bekommen hat.

Longtail-Effekte seien Verlagen egal: die Verlage würden einzelne Spitzentitel stark bewerben, andere kaum, klagt Autorin Passig. Es sei schwer, Sachen zu publizieren, die nicht gestreamlinet zu sein. Auch mit dem Lektorat ist sei häufig nicht zufrieden: Meist würden die Lektoren der Verlage nicht mehr stark an dem Text arbeiten, sagt sie. Viele Teilnehmer der Veranstaltung können sich gut vorstellen, dass Freiberufler das Lektorat übernehmen und das Buch dann direkt über Amazon oder ähnliche Plattformen vermarktet wird.

Natürlich kommt die Debatte auch auf die Zukunft des gedruckten Buches zu sprechen. Schwarzmann glaubt, dass das Print-Buch künftig ein freakiger Gegenstand werden wird - ein Hobby wie Elektrische Eisenbahnen. Und zwar nicht nur im Unterhaltungs- als auch im wissenschaftlichen Bereich. Das alles sei eigentlich nur noch eine Frage des Designs der Lesegeräte. Rieder widerspricht: Er glaubt, dass es gedruckte Bücher auch weiterhin geben wird: Wissenschaftlich wolle man eben auf vieles elektronisch zugreifen, im Urlaub aber dann doch lieber ein Buch dabei haben. Gerade im wissenschaftlichen Bereich setzt er aber große Hoffnungen und Vorteile beim digitalen Publizieren von Arbeiten. “Man muss nur warten, bis die Dinosaurier aussterben.”

Gerade Print on demand-Dienste wie epubli vereinfachen den Produktionsprozess noch weiter: Teils ab 2, teils ab 500 Stück könne man bei der Druckerei in Auftrag geben, sobald ein Exemplar im Netz bestellt werde - ein Gegenentwurf zur Großlagerhaltung großer Verlage.

“Der Veröffentlichungszeitpunkt spielt nicht mehr so die Rolle”, sagt Autorin Passig. Soll ein Text, der veröffentlicht wird, als fertig betrachtet werden oder nur als eine Version, die noch verändert, angepasst werden kann? Eine Frage, über die sich die “Atoms and Bits”-Runde streitet: Die einen lehnen es ab, Beta-Versionen eines Buches zu kaufen und später gesagt zu bekommen, welche Zeile darin falsch ist. Andere entgegnen: Darin liege doch gerade die Chance. Die Alternative sei: Die Zeile ist falsch und ich als Käufer des Buches erfahre es nicht. Positives Beispiel für ausführliches Feedback zum Manuskript sei hier der O’Reilly-Verlag.

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September 27 2009, 11:57am

Topliste Literatur im Netz

Literatur-Weblogs und Websites mit literarischen Bezug  haben sich innerhalb der Netzkultur einen festen Platz erobert. Die Autorenkultur könnte hybrider nicht sein: traditionelle Schriftsteller treffen so im virtuellen Bereich auf experimentelle Schreibprojekte und Autorennetzwerke. Im nun Folgenden sollen zehn auserlesene Linktipps zum Thema in aller Kürze vorgestellt werden. http://www.junge-literatur.com/ junge-literatur.com: Junge Autoren greifen längst nicht mehr zu Papier und Stift Insgesamt haben es junge, noch unbekannte Autoren schwer sich auf dem dichten Literaturmarkt eine Nische zu erkämpfen. Junge-literatur.com bietet jungen Autoren die kostenlose Möglichkeit ihre Texte zu publizieren und einer literaturinteressierten Leserschaft vorzustellen. Bei 2050 Beiträgen in der Rubrik Lyrik, 188 dramatischen und 1809 Prosatexten (Stand Juli 2009) sollte die Plattform für jeden Literaturliebhaber den richtigen Lesestoff anbieten können. Junge-literatur.com setzt zudem auch auf die Interaktionsfreude seiner Nutzer: jeder veröffentlichte Text sollte nach Möglichkeit von einer breiten Leserschaft kommentiert und kritisiert werden, um so den jungen Autoren richtungsweisende Tipps für ihre weiteren Schreibarbeiten zu geben. wrangelstrasse-blog.de: Ein Blogroman aus Kreuzberg Wrangelkiez Sebastian Kraus lebt im Kreuzberger Wrangelkiez und hat zum Jahresende 2008 sein Blogroman-Projekt gestartet. Im Januar 2009 konnte das Entstehen des Romananfangs online mitverfolgt werden. Kapitel für Kapitel wächst seither das literarische Werk vor den Augen des virtuellen Publikums. Der Blogroman beschäftigt sich mit dem Leben und der Alltagswelt der Anwohner im Kreuzberger Wrangelkiez vor und nach der Zeit des Mauerfalls. Themen aus dem Bereich Politik, Liebe und Kunst werden innerhalb des Romans aufgegriffen: wirkliche und fiktive Ereignisse verschmilzen zu einem Handlungsstrang. Durch diese transparente Publikations- und Produktionsweise verspricht sich der Autor von Seiten der Leserschaft kreativen Input und gegebenenfalls Korrekturen hinsichtlich seiner subjektiven Perspektive auf die Wandlunsprozesse in seiner Umgebung. Kraus propagiert mit seinem Blogroman die Entstehung eines Werkes, dass die Lebenswelt der Anwohner des Berliner Viertels im Zeitverlauf wirklichkeitsnah wiederzuspiegeln vermag. textkollektor.de: Schreiben im Bewusstseinsstrom Die Kurzgeschichten  von textkollektor.de scheinen dem anonymen Autor förmlich aus der Hand zu fliessen. Bedrängend,  diffus, teils mit gesellschaftkritischem Impetus wird man als Leser vom Fluss der Wörter ergriffen. Nach dem Lesen dieses Blogs erscheint einem Alltägliches als poetisches rätselhaftes Phänomen, das es zu überdenken gilt. mattviews.wordpress.com: A Guy’s Moleskine Notebook Zeitgenössische Literatur wird dem Besucher dieses Weblogs in Form von Buchkritiken vorgestellt. Nach einem Studium im Bereich zeitgenössischer Literatur strebt der Autor, (der sich im ganz persönlichen Stil seiner Leserschaft als Matt vorstellt), eine Arbeit als Autor und Lehrer an. Vermutlich nicht zuletzt seiner äußerst ambitionierten Leseraktivität geschuldet, versteht er es auf angenehme Weise die von ihm gelesenen Bücher in einem informativen Stil zu besprechen. Bemerkenswert ist auch der generelle Aufruf an seine Leserschaft ihm einen Lesewettbewerb aufzuerlegen: die User seiner Seite können ihm Buchtitel zukommen lassen, die ihnen unzugängig erscheinen und welcher er an ihrer Stelle bis zum Ende lesen soll. http://www.wordswithoutborders.org/ Words without Borders: Ein internationales Literaturprojekt Words without Borders bezeichnet sich selbst als The online magazine for International Literature. Ausgewählte Werke internationaler Herkunft werden im Rahmen des Projektes ins Englische übersetzt.  Alle Aufsätze und Buchausschnitte werden kostenlos auf der Website bereitgestellt: durch das Anklicken der Rubriken America, Africa, Asia, Europe, Middle East gelangt man zu den einzelnen, in Genrekategorien unterteilten Texten. Zudem verfolgt die Herausgabe von buchgebundenen Anthologien die Idee, dass durch die Lektüre verschiedenster Literaturproduktionen aus dem gleichen Herkunftsland ein Kennenlernen einer bis dahin fremden Kultur erzielt werden kann. tage-bau.de: Literarisches Schreiben mit und ohne Vorgabe

Das von Sabrina Ortmann und Enno Peter im Jahre 1999 gegründete und bereits ausgezeichnete Netztagebuch  tage-bau.de führt Netzautoren, Romanschreiber und Journalisten zusammen. Beinahe täglich ist der hier registrierte Autorenkreis in den eigenen Blogs oder im Bereich des tage-bau projektes schreiberisch tätig. Um die Mitglieder auch als Gruppe zusammenzuschweissen wird Monat für Monat von Seiten der Redaktion ein Thema als Schreibanreiz gestellt. Nach der kostenlosen Anmeldung ist es jedem Autor erlaubt seinen literarischen Beitrag zum aktuellen tage-bau projekt zu leisten. Nach Ablauf des Produktionszyklus werden alle Texte in den Archivbereich verschoben und bleiben dort öffentlich zugänglich. Die besten literarischen Werke sorgen auch im Offlinebereich für Echo: zweimal im Jahr werden von der Redaktion Lesungen initiiert, die sich, wie das Presseecho zeigt, einer grossen Publikumszahl erfreuen. Spreadpersepolis.com: Literarisches im Comicstil

Die von Marjane Satrapi verfasste Graphic-Novel Persepolis, die ebenfalls 2007 im Kino grosse Publikumserfolge feierte, inspirierte zwei iranische Editorinnen zum Web 2.0 Projekt Spreadpersepolis.com. Das einst auf Papier gebannte Werk lässt sich nun auch in einem Ausschnitt online lesen und soll so die Sensibilität der Onlinegemeinde für das Thema “Aufwachsen in totalitären Regimen” schärfen. Wie schwierig es ist in einem von Gewalt und Willkür gezeichneten Umfeld Kind zu bleiben, wird am Beispiel der in Teheran aufwachsenden Protagonistin Marjane auf eindringlich bildgestützte Weise beschrieben. Dass Literatur auch ohne einen starren Textkörper auskommt, wird durch das Web-Projekt und durch die Graphic-Novel selbst eindrucksvoll dargelegt. http://jetzt.sueddeutsche.de/jetztpage/irrgaertnerin Die Irrgärtnerin: Junge und klug geschriebene Literatur Jetzt.de, die an den Netzauftritt der Süddeutschen Zeitung angekoppelte Website für junge AutorenInnen hat auch im Bereich der literarischen Produktionen wahre Schätze aufzuzeigen. Nette Kurzgeschichten und wohldurchdachte Gedichte aus eigener Feder entstehen so zum Beispiel im Weblog der Irrgärtnerin. Ganz ohne Kitsch, durch melancholisch getragene und ausgefeilte Sprache schafft es der Blog die Vorstellungskraft der User zu aktivieren und Lust auf mehr junge Literatur zu machen. Gefühlskonserve.de: Literatur im popkulturellen Stil Insbesondere die von Deff Pirmasens verfassten und aufwendig produzierten Kurzgeschichten sollten beim Besuch des Weblogs näher unter die Lupe genommen werden. Neben der traditionellen textbasierten Erzählform lassen sich  die Geschichten auch in Form eines Audio-Streams abrufen. Die mit Musik unterlegten, vom Autor selbst vorgelesenen “Stories” bannen -wie einst die Kassette in Kinderjahren- die Aufmerksamkeit der ZuhörerInnen und sorgen für interessante Hörerlebnisse. Ausserdem steht eine Liste von gesammelten Hörbuch-Klassikern für den Besucher (des seit 2005 aktiven Popkulturblog) zum Free-Download bereit. Deff Pirmasens hat sich auch im Offlinebereich mit seinen regelmässig stattfindenden multimedialen Lesungen einen Namen machen können: On- und Offlinekultur, traditionelle literarische Formen und virtuelle Produktionstechniken werden also auch in diesem Weblog erfolgreich miteinander verbunden. bookawardschallenge.com: Lesen und Rezensieren als Wettbewerb Book Awards Reading Challenges setzen sich zum Ziel das Lesen und Schreiben über Literatur zur Selbstaufgabe zu machen. Der Weblog Book Awards Reading Challenge ist im Juli 2009 bereits bei seiner dritten Wettbewerbsauschreibung angelangt. Fünf Bücher aus Bücherlisten, die an verschiedene internationale Buchpreisvergaben gekoppelt sind, sollen von den WettbewerbteilnehmerInnen  im Rahmen von fünf Monaten gelesen und kritisiert werden. Jede/r TeilnehmerIn verfügt über ein eigenes Weblog in dem die Rezensionen öffentlich zugänglich sind und kommentiert werden können. Die Initiatorin des Wettbewerbs verlinkt all jene ebenfalls auf ihrer Seite, sodass zu jedem Zeitpunkt des Wettberwebs von Interessierten und von den anderen Mitstreiterern die Art der Bücherauslese und die anschliessende Produktion von Kritiken mitverfolgt werden kann. Auch kann man sich bei bookawardschallenge.com als “Contributor” registrieren, um somit auch  in diesem Weblog seine Rezension verfassen zu können. Derartige onlinegeschaltete individualisierte Lesewettbewerbe stellen eine interessante Möglichkeit dar, um die Legitimation von Literaturpreisvergaben einer kritischen  Bewertung zu unterziehen, beziehungsweise in Frage zu stellen.

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