Lifestream » lifestyle

Geniessen: Fields of Gold

Vietnam, Anfang 2010, ein Morgen im Mekong-Delta: Tropisches Flimmern legt sich über die Ufer des mächtigen Stroms, dieser Lebensader Südostasiens, gespeist aus zahlreichen Quellen. Inmitten dieser mythischen Landschaft, die seit Urzeiten vom Fluss, seinen Hochwassertiden und dem steten Wechsel des Monsuns geprägt ist, wandert ein junger Mann entlang des mäandernden Wassers: Stefan Fak. Nach Jahren intensiver und verantwortungsvoller Tätigkeit im Tourismus-Management beschloss der studierte Ökonom, seinem Leben eine neue Bedeutung zu geben und brach im wahrsten Sinne des Wortes zu neuen Ufern auf. Er reiste nach Südostasien, um sich Raum für klare Gedanken zu schaffen: „Im Mekong- Delta schließlich öffnete sich mein Herz“, so Fak, „und mein Blick glitt über die grenzenlosen Reisfelder. Mein Verstand begriff plötzlich diesen reichen und Leben spendenden Wert dieser Pflanze. So bedeutend – und in Europa gleichsam so unterschätzt.“ Am Abend desselben Tages begegnete Stefan Fak einer Vietnamesin, die ihm ein leuchtend grünes, schimmerndes Reisfeld zeigte. Er war von dem Anblick, mehr noch vom Stolz dieser Frau und ihrer Liebe, die sie ihrer schweren Arbeit auf dem Reisfeld schenkte, beeindruckt. „Ähnliche Situationen erlebte ich im Verlauf meiner Reise häufiger“, führt Fak weiter aus: „Menschen, die mir ihre Geschichten über die Reispflanze schilderten, die für mich kochten und mir so ihre Geheimnisse rund um den Reis preisgaben.“ Diese Erfahrungen weckten sein Interesse, mehr über Herkunft, Anbau und Kultivierung von Reis kennen zu lernen. Bald erwuchs daraus eine regelrechte Leidenschaft, die Stefan Fak heute zu einem Kenner des Reis machen, der Köchen, Gastronomen und Produzenten beratend zu Seite steht… Seiner Berufung gab er den Namen einer selbst kreierten Profession: Risolier, in Anlehnung an den gastronomischen Status des Sommeliers. Aus diesem Wissensfundus schöpfend und der Leidenschaft, dieses Wissen vermitteln zu wollen, entstand die Idee zu Lotao, seinem Unternehmen. „Lotao entstand aus meinem Wunsch, die Suche, Zubereitung und Verkostung vergessener Reissorten zu einem ganzheitlichen Gesamtkonzept zu verbinden“, erklärt Stefan Fak. Nach der langen Entdeckungsfahrt durch die Welt Südostasiens kehrte er inspiriert und motiviert in seine Wahlheimat Berlin zurück. Hier setzte er seine zuvor gereiften Visionen einer Marke für hochwertige Reissorten in kürzester Zeit um: Er wählte aus den vielen Arten zunächst einige Wenige aus, deren Anbaugebiete und Produzenten er persönlich kennt und entwickelte im Verbund mit seinen Partnern das Markenportfolio, Design und Vertriebskonzept. Bald darauf erweiterte Fak seine Produktpalette um Essenzen und Öle aus der Reisfrucht – auch bei dieser Auswahl legte der Risolier Wert auf Qualität und Singularität. “Lotao entstand aus meinem Wunsch, die Suche, Zubereitung und Verkostung vergessener Reissorten zu einem ganzheitlichen Gesamtkonzept zu verbinden! Weniger Masse, vielmehr Klasse, ist bei der Produktauswahl das Leitmotiv, wie es auch bei der Zubereitung eines guten Essens sein sollte”, so Fak. Um mir dies anschaulich zu demonstrieren, lud mich Stefan Fak in seine Berliner Wohnung ein, wo ich ihn das erste Mal traf; charmant, eloquent, seine Neugier und seinen wachen Geist stets in seinem Wiener Schmäh verpackt, entfaltete Fak flugs eine seiner angenehmsten Eigenschaften: Perfekte Gastfreundschaft. „Ich liebe es, Freunde zu bewirten, neue Rezepte zu kreieren und zu verändern“, bestätigt Stefan Fak. Was hat den genussvollen Wiener nun in die deutsche Hauptstadt verschlagen? „Anfangs bin ich beruflich in Berlin gelandet, ja, doch bald hat mich diese quirlige und spannende Dynamik der Großstadt mitgerissen, besonders diese Lust am Experimentieren. Der kreative Output Berlins ist immens und nicht zuletzt funktioniert ein Unternehmen nur mit einem vielseitigen Netzwerk. Ich liebe es, Freunde zu bewirten, neue Rezepte zu kreieren und zu verändern Dazu die gute Infrastruktur, die räumlichen Produktionsbedingungen und nicht zuletzt auch die unterschiedlichsten Menschen, die man schon beim Weg zum Bäcker trifft. Es ist die Summe aller Teile, die Berlin so einzigartig macht.“ Währenddessen schenkt mir Fak einen edlen Veltliner ein – so viel Reminiszenz an die alte Heimat Wien muss sein. Doch dann führt er weiter aus. „Risolier zu sein bedeutet ja eher eine Aufgabe zu verfolgen, denn eine Bezeichnung zu tragen: Nicht nur, dass Reis ins Zentrum rückt, auch seine Derivate wie die Elixiere, die aus dem Reis gewonnen werden oder die energiereichste Konzentration, das Öl aus dem Reiskorn, finden besondere Beachtung. Und mit jeder neuen Entdeckung kommen neue Fragen: Zu welchem Reis verwende ich welches Öl? Welcher Wein passt zu welchem Reis? Wie gestalte ich das Essen auch optisch neu? Geformte Reiskugeln, anstatt ein simpler Haufen auf dem Teller. Und dann die Getränkekunde: Zu unserer Sorte „Sparkling Volcano“ passt ein Champagner, zum „Wizard of Laos“, dagegen eher ein Reisbier oder ein fruchtiger Weißer, dann natürlich der „Royal Pearl“, der schwarze Reis der Mächtigen – da kann ein samtig-schwerer Roter gut ergänzen. Wie erfinde ich den Geschmack immer wieder neu, ist hier die tragende Frage. Doch noch mehr treibt mich die Experimentierfreude: So habe ich ein Menü ganz ohne Reiskorn kredenzt. Am Ende fragten mich meine verblüfften Gäste, wann denn nun endlich der Reis käme. Sie haben dann erfahren, dass alle Speisen mit Reiselixieren, zum Beispiel aus „Rising Sun“ oder „Sparkling Volcano“ zubereitet wurden. Reis ist so vielfältig und reichhaltig, dass man Reis auch ohne Reis verwenden kann.“, freut sich Fak und fährt fort: „Es ist ein freudiges Experiment, neue Leckerbissen zu servieren. Und dann… dieser Moment, wo die Gäste mit ihren Sinnen eintauchen, diese kurze Unruhe, wie das Zubereitete wirkt und welche Reaktionen es hervorrufen mag. Nun, endlich, das Finale des langen Augenblicks, wenn sich die Überraschung in Freude, ja, Genuss verwandelt!“ Nahe liegend, aber nicht zwangsläufig, denke ich, dass ein Gastgeber auch ein guter Koch ist. Doch hier winkt Fak lächelnd ab: „Es ist doch ein großer Unterschied, für seine Freunde oder für ein Restaurant zu kochen…aber ja, ich bin in regem und freundschaftlichem Austausch mit Köchen gehobener Gastronomie, wie beispielsweise Volker Eisenmann von der Käfer Schenke in München.“ Natürlich nicht nur, um selber zu kochen, sondern um sehr produktbezogen zu erkunden, zu welchen Menüs welche Reissorte passt, wie der Koch wiederum den Reis nutzt, neue Variationen ausprobiert und wiederum selber nach weiteren Sorten fragt. Aber es stimmt, bis auf wenige europäische Länder, allen voran Italien und Spanien mit ihren Risottos und Paellas, fand der Reis seit seiner Einführung durch Marco Polo bislang eher als Sättigungsbeilage den Weg auf hiesige Teller. Fast ein Frevel: Reispflanze und Reis bedeuten in Südostasien die materielle Manifestation lebendiger und sakraler Schöpfung, welcher eine weibliche Seele innewohnt. Die Bewohner nennen diese magisch-göttliche Essenz auch „Reismutter“: Sie ist aus dem Reis geboren, wird schwanger, wenn der Reis blüht und gebiert schließlich wieder neuen Reis. Wer diesen Schöpfungsmythos hört und zugleich Faks Hingabe beobachtet, stellt schnell fest, dass Reis eigentlich völlig unterbewertet wurde – und wird. An dieser Stelle leistet Fak wahrhaft Pionierleistung, denn dank seiner Kenntnis rufen nun Köche, Gastronomen und Feinkosthändler bei ihm an, um mehr vom Reis, seinen Sorten, Derivaten und Zubereitungsarten zu erfahren. Und das in einer atemberaubenden Geschwindigkeit: „Ohne Fleiß kein Reis!“ Gerade ein Jahr ist Faks Asienreise her und heute finden sich die Lotao – Produkte bei ausgewählten Feinkostanbietern wieder: Käfer, KaDeWe, Lafayette, um nur einige zu nennen. Gefragt, weshalb die Marke bei eher exklusiven Handelshäusern aufgenommen wird, antwortet Fak: „Lotao bietet Reis als kulinarische Spezialität in einem hochpreisigen Segment an. Reis und seine Derivate wie Öle, würzige Perfectioner und Essenzen vermittelt Lotao eher als Hauptspeise, denn als Massenware wie die – völlig berechtigte – preiswertere Ware der großen Anbieter. Um es konfuzianisch auszudrücken: Ohne Fleiß kein Preis und ohne Preis kein Reis. Die Kosten generieren sich aus unserem ganzheitlichen Konzept, das nicht nur größten Wert auf Qualität, Auswahl, Konfektionierung und Nährstoffgehalt legt, sondern in hohem Maße unsere Produzenten und Herkunftsregionen einbezieht: Die Marke Lotao steht auch für Herkunft, Ernte und Anbau der Reisfrucht und soweit möglich, gerade für den Umwelt – und Fair Trade – Gedanken. Das beinhaltet, dass wir insbesondere unsere Anbauer, Produzenten und Lieferanten in den Herstellungs – und Vertriebsprozeß mit größtmöglicher wirtschaftlicher Partizipation mit einbeziehen, Wert auf nachhaltigen, umweltgerechten Anbau und Erhalt der Herkunftsregionen legen. Das hat nachfolgend seinen Preis, garantiert aber größten Genuss genau so wie sozioökonomische wie natürliche Werterhaltung, die uns allen, Konsumenten, Natur wie Produzenten, zu Gute kommt!“ Erlesene Qualität – natürliche Nachhaltigkeit Resultat dieser zukunftsweisenden Philosophie ist die Beibehaltung einer kleinen, aber feinen Produktpalette von Lotao, die der chinesischen 5 – Elemente Lehre folgt und damit sehr unterschiedliche Charakteristika der Anbauländer Laos, Indonesien (Java), China, Vietnam für vielerlei Genußerlebnisse birgt. Wer dem unendlich scheinenden Pfad des Reises und seiner wechselnden Richtungen intensiver folgen möchte, entdeckt im eigens eingerichteten Lotao – Blog von Stefan Fak Wesen, Herkunft und Infos über die Reissorten, Essenzen und Öle, dazu reichhaltige Geschichten wie die der Mythen um die Reisgöttin und allerhand Rezepte rund um den Reis. Und sollte der lichte Funke des Reiskorns nun weiter glühen, so kann der erfahrene Reis – Connaisseur Gleichgesinnte im „Lotao – Club“ treffen, die wie alle erhältlichen Produkte und weitere Infos über Lotao zu finden sind. Wir wünschen eine(n) gute Rei(s)e! Foto: lotao.com

October 28 2011, 9:42am

In Google we trust

Eine neue Studie zeigt keine Neuigkeiten für die Adepten des Zweifelns an der Relevanz des Web für die mentale Ausbildung. die Junge Generation, oft als digital native missverstanden, ist gar nicht so klug und kritisch im Umgang mit ihren Alltagsgegenständen. Die Studie an der Northwestern University zeigt vor allem, dass den jungen Leuten das Ranking bei Google am wichtigsten ist, wenn es um das Einschätzen von Relevanz von Texten geht. Da es sich vornehmlich um Studenten handelt, dürfte das böse Ängste schüren. Denn die leicht verderbliche Ware Information im Web wird in 90% der Fälle von Google angeliefert. Nur 10 Prozent der Befragten kamen auf die Idee, dass auch der Autor einen wichtigen Hinweis auf Relevnaz liefern könnte. Dessen Ausbildung war dann schon wieder zu exotisch als potentieller Nachweis für die Relevanz eines Texts. Aber wir müssen uns keine Sorgen machen, denn nicht jeder ist total abhängig von Google. Einige haben die Texte nich gegoogled sondern bei Yahoo nach dem Ranking geschaut. Das ist natürlich was total anderes und das humanistische Abendland scheint gerettet. “Am Schönsten” ist die Erkenntnis am Rande, dass Lehrer erfolreich waren in Sachen Medienkompetenz. Sie hatten jahrelang ihren Schülern eingebläut, dass Wikipedia eigentlich nicht kontrollierbar sei und man nie wisse, wer nun die Artikel schreibe. So gaben fast alle Studenten an, dass sie Wikipedia nicht für eine Quelle relevanter Texte halten. Zum Glück benutzen sie jetzt Google und Yahoo, denn da ist ja alles viel besser kontrollierbar für die Gesesllschaft. Im Gegensatz zu einer früheren Studie im Jahr 2007 wo noch über 45 Prozent der Befragten Wikipedia als Informationsquelle nutzten, tun das nun kaum mehr als ein Drittel. Ach ja. Lehrer. Im Zweifel sagt die Berufsbezeichnung mehr über jemanden aus als seitenlange Ausführungen.

October 26 2011, 9:56am

IKEA introduces MANLAND

Where to put the husband while going shopping at IKEA. Well, here’s the ultimate solution: MANLAND. Watch the Video!

September 22 2011, 9:15am

The Sexperience

Eine gelungene Visualisierung des Sexualverhaltens der britischen Bevölkerung. Wer schon immer einmal wissen wollte, welche Position britische iPhone-Nutzer beim Sex bevorzugen oder ob “country music lovers” über 55 es nur im Dunkeln machen, kommt an dieser Seite nicht vorbei. Hoher Spaß- und Infofaktor.

September 21 2011, 10:28am

Digitale Gesellschaft denkt zu kurz

In aller Munde ist aktuell die Ankündigung des schleswig-holsteinischen Datenschützers Thilo Weichert sich all diejenigen zur Brust zu nehmen, die Like-Buttons einbinden und mit Fanpages ihre Firmenpräsentation im Web aufpeppen. Die Artikel dazu sind Legion, viele haben sich wenig mit der Substanz auseinandergesetzt. Dazu empfehle ich nachdrücklich unseren Beitrag direkt unter diesem von Stefan Mey: Schleswig-Holstein vs. Facebook. Herausgreifen möchte ich eine kurze Stellungnahme der selbsternannten Lobbyorganisation rund um Markus Beckedahl von Digitale Gesellschaft. Sie wirft der Politik den Fehdehandschuh hin. Denn Weichert will über die Nutzer von Facebook auf den amerikanischen Konzern durchgreifen, der sich ihm gegenüber bisher in Schweigen hüllt. Der Datenschützer hat offenbar keine ladungsfähige Adresse in Deutschland, oder keine direkte Handhabe, da Art und Umfang der Daten sowie deren Verabeitungs- und Speicherort wohl keiner außer Facebook und seinem Dienstleister Akamai kennt…

Beckedahl schreibt: Dass das ULD nicht direkt an Facebook herantreten kann, ist das Verschulden der Politik: die Durchsetzung von Datenschutzrecht auf internationaler Ebene ist trotz aller Sonntagsreden von Innen- und Verbraucherschutzministern bislang kein bisschen verbessert worden. Das ULD macht nun schlicht seinen Job: es übt indirekt Druck auf Facebook aus, weil das richtige Instrumentarium für andere Wege fehlt. Wer durch Facebooks ignorante Haltung und das Versagen der Politik am Ende doof da steht, ist der einfache Nutzer, der sich um solche Details einfach nicht kümmern müssen sollte.

Wie Thomas Stadler von internet-law.de ausführt, liegt das Problem etwas tiefer und hat u.a. strukturelle Ursachen, denn das Recht hechelt immer den aktuellen Angeboten wie jetzt vor allem Cloud-Computing und Hosting hinterher. Das ist weniger ein Verschulden der Politiker als viel mehr in der enorm rasanten Entwicklung der Datennetze begründet. Denn in sehr vielen Funktionen auf Webseiten werden allerlei Daten eingebunden, die während der Sitzung eines Nutzers erhoben werden. Manche davon sind Grundlage von Funktionen für Nutzer, andere sind Daten zur Steuerung von Werbung und zum Aufbau von Kundendaten und nicht wenige sind beides. Dabei sind die sogenannten Cookies oft deutlich dem überlegen, was wir von Facebook mit den Like-Buttons kennen. Aber Facebook kennt die Klarnamen der Nutzer und nicht nur die IP-Adressen, sodass jedes zusätzliche Datum zu diesem Namen ein identifizierendes Datum ist und der Persönlichkeitssphäre zugerechnet wird. Der platte Satz der Spackeria, dass man nur die Daten ins Netz stellen sollte, die man ohne Probleme auch auf einem riesigen Plakat in der Innenstadt publiziert ansehen könnte, greift an dieser Stelle eben zu kurz. Denn ein Profil, wie es die vielen Kreditkarten und Rabattkarten erstellen, möchte keiner in der Öffentlichkeit sehen. Und in der Tat sind die Daten aus Cookies und bei Facebook ja eben nicht öffentlich. Keiner weiss, was dort wie lange und wo gesammelt wird. Mit Thomas Stadler ist daher zu konstatieren, dass selbst und vor allem das Datenschutzrecht, das mithilfe der Datenschützer geändert wurde, unseren Wünschen und Ansprüchen in keiner Weiser mehr gerecht wird. Weder die krassen Regeln der Datenschützer noch die libertären Ideen der Spackeria spiegeln einen alltäglichen Nutzen für Anbeiter und User wieder. Gerade eine Organisation, die sich als Interessenvertretung der Internetnutzer versteht, sollte dringend eine Diskussion mit allen Beteiligten anstossen, um Nutzer, Datenschützer und Anbieter in einen Diskurs zu bringen, der dann auch als Grundlage für politische Maßnahmen wie die Gesetzgebung dienen sollte. Dieser zweite Schritt ist jedoch in einem Zeitalter, wo allerorten Partizipation gerufen wird, wenn einer das Schlagwort “Internet” in den Raum wirft, eben nur eine nachgeschaltete Instanz. Zuerst sollten sich alle Beteiligten selber Gedanken machen und nicht dauernd auf andere mit Fingern zeigen, es besser wissen in Sachen Technik oder Recht. Denn oft dominieren Lautsprecher eine Scheindiskussion, die gar keine echten Argumente austauscht sondern nur Gemeinplätze aneinanderreiht. Diese Diskussion wäre der vornehmste Ort, der Community zu zeigen, dass man es ernst meint mit der Interessenvertretung einer Digitalen Gesellschaft.

August 22 2011, 10:51am

Will it blend? Justin Bieber

Wer kennt nicht Justin Bieber? Hier nun ein Blick in die wirkliche Substanz des Popstars:

July 28 2011, 10:00am

Die Sümpfe der digitalen Kommunikation

„Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt. Man lese nur jene höhnischen Nutzerbeiträge, die sich als Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel finden“, mit diesem Zitat aus dem Zeit-Artikel „Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird“ von Adam Soboczynski untersuchtKathrin Passig in einem Merkur-Essay die Diskursqualität im Netz und kommt zu einem wenig schmeichelhaften Urteil: „Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht, und auch befragte Freunde zuckten nur die Schultern. Am ‚Netz als Feind‘ liegt es nicht, denn im englischsprachigen Bereich gibt es Orte, an denen die Kommentare lesenswerter sind als der kommentierte Beitrag“, so Passig. „Sümpfe und Salons“ heißt das Stück… Man könne den Betreibern von Kommentarforen, Communities und anderen Kommunikationsangeboten höchstens mittelgroße Vorwürfe machen. „Die technischen Voraussetzungen für den Meinungsaustausch mit Menschengruppen, die nicht mehr an einen Kneipentisch passen, gibt es noch nicht lange. Außerhalb spezialisierter Nerdkreise hatte niemand länger als zehn bis fünfzehn Jahre Zeit, um Erfahrungen mit der Förderung und Erhaltung konstruktiver Kommunikation in großen Gruppen zu sammeln. Es ist keine Überraschung, dass zentrale technische wie soziale Probleme ungelöst sind“, führt Passig weiter aus. Wie bei Beziehungen gebe es auch bei neuen sozialen Kreisen eine Phase der Frischverliebtheit, in der sich die Teilnehmer von ihrer besten Seite zeigen. „In den ersten Monaten oder Jahren einer Onlinegemeinschaft befinden sich alle Teilnehmer gleichzeitig in diesem Zustand. Später bildet sich eine phasenverschobene Mischung aus Neuzugängen und Alteingesessenen. Wenn Letztere zu stark überwiegen, legen alle die Füße auf den Tisch, der Diskussionsstandard verfällt, und der Mangel an Nachwuchs führt zu geistiger Stagnation. Eine solche Zombiecommunity kann noch lange weiterexistieren, aber sie ist nur noch eine leere Hülle“, erläutert die Merkur-Autorin. Auch Software, Moderatoren-Systeme, soziale Kontrolle, Rankingverfahren oder sonstige Eingriffe und technischen Tricks gegen Kommentarnichtigkeiten helfen wohl nicht weiter. Dabei seien doch gerade soziale Netzwerke ideale Orte für herrschaftsfreie Diskurse im Sinne von Jürgen Habermas. So sieht es jedenfalls Stefan Münker in seinem Elaborat „Emgergenz digitaler Öffentlichkeiten“ (edition unseld). „Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung.“ Mit den neuen Medien ändere sich die Kommunikation. Das Publikum stehe nicht mehr unter dem Diktat „Don’t talk back“, wie es bei den klassischen Medien der Fall sei. Denn die seien per se nicht auf eine Interaktion zwischen Sender und Empfänger ausgerichtet. Es sind eben One-to-many-Medien. Das jeder in sozialen Netzwerken nicht nur Empfänger sondern auch Ich-Sender ist, garantiert allerdings noch keine Konversationskunst wie in den Salons der Renaissance oder des Rokoko. Die Qualität oder Quantität der Kommentare in Foren, Blogs oder Portalen ist allerdings auch noch kein Maßstab für die Gesprächskultur (wie sich Social Web und Salonkultur verbinden können, untersuchen die Künstler Antje Eske Kurd Alsleben). Der Salon galt früher als ein Ort, an dem man ungezwungen miteinander umgehen konnte. Er stellte eine zweckfreie und zwanglose Form dar. Als Vorbild für den Netz-Diskurs könnte das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist. „Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert mein Lieblingsphilosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“. Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Insofern sollte man sich über den allmählichen Verfall von Netz-Gemeinschaften, vom Aufblühen und Verwelken von sozialen Netzwerken überhaupt keine Gedanken machen. Ob Google Plus nun Twitter und/oder Facebook das Leben auspusten wird oder doch alles ganz anders kommt, ist doch völlig egal. Gleiches gilt für saft- und kraftlose Communities. „Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Passig fest.

Vielleicht stamme die Frage, wie sich konkret definierte Gemeinschaften dauerhaft erhalten lassen, noch aus Prä-Internetzeiten, und die von Alvin Toffler 1970 angekündigte Adhokratie hält nicht nur im Beruf, sondern auch in unserem Sozialleben Einzug. Es ginge dann nicht darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt. „Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen sozialen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen im Netz klebenzubleiben. Der eingangs erwähnte Intellektuelle ist selbst dafür verantwortlich, nicht dort herumzulungern, wo ihm das Niveau der Auseinandersetzung missfällt“, rät Passig. Das „Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben“, das im staatsbürgerschaftlichen und geopolitischen Raum nur sehr begrenzt funktioniert, sei im Netz ein praktikabler Vorschlag. „Und wenn es das gesuchte Drüben nicht gibt, kann man es immer noch gründen“, resümiert Passig.

July 13 2011, 10:00am

Gut gerüstet in den Park

Der Sommer ist da, die Sonne scheint, es zieht uns in Scharen in die Parks. Grillen, Picknicken, Musik hören, mit Freunden feiern; all das macht im Sommer draußen am meisten Spaß. Doch einen großen Nachteil haben Freiluft-Aktivitäten: Um auch auf der Sommerwiese auf einen gewissen Komfort nicht verzichten zu müssen, schleppt man oft den halben Haushalt ins Grüne. Doch wer transportiert schon wirklich gerne einen Klapptisch auf dem Fahrrad? Oder trägt seinen massiven Grill mit sich herum? Viel zu schwer, unpraktisch und sperrig. Darum haben wir nach cleveren Lösungen gesucht, damit beim nächsten Picknick im Park Nerven und Rücken geschont werden…

  1. Wer seinen Wein auch im Park stilvoll abstellen möchte, der ist mit dem Baumtablett von Pool 22 bestens bedient. Einfach mit dem Gurt auf beliebiger Höhe am Baum der Wahl festzurren und fertig ist der Tisch in der Natur. Zu beziehen über Pool 22.
  2. Keine Party ohne Musik, das gilt auch im Freien. In Zeiten von Smart Phones hat eigentlich jeder seine Musiksammlung in der Hosentasche, man muss die Töne nur noch über einen geeigneten Verstärker herauslassen. Perfekt geeignet sind die faltbaren Pappboxen von Muji, die man einfach an den Kopfhörereingang anschließen kann. Zu beziehen in Muji Läden oder dem Online Shop.
  3. Löffel? Gabel? Löffelgabel! Dieses praktische Utensil aus ökologisch angebautem Bambus ersetzt nicht nur das eigentliche Besteck, es ist auch leicht und im Gegensatz zu Plastikbesteck (ab)waschbar. Damit schaufelt sich Salat genauso schön, wie man die Wurst aufspießen kann. Nur das Taschenmesser dazu nicht vergessen. Zu kaufen bei Schoener.waers.wenns.schoener.waer.

  4. Ein kleines Platzwunder sind Teleskopbecher. Dieses Edelstahlmodell lässt sich durch den mitgelieferten Deckel auf ein Mindestmaß zusammenschieben und passt so in jede Tasche. Zu erwerben bei Amazon.

  5. Geschirr lässt sich wirklich eher schlecht mit in den Park nehmen. Dennoch wollen wir die Umwelt nicht unnötig mit Plastiktellern belasten und greifen daher zu diesen praktischen Partytellern aus Palmblättern. Die sind leicht, umweltfreundlich und durch ihre jeweils einzigartige Maserung auch noch ausgesprochen dekorativ. Zu beziehen über Green Your Life.
  6. Um alle Picknickzutaten sicher in den Park zu transportieren bietet sich der Knäpsäk von Fatboy ganz besonders an. Der Clou: er verwandelt sich in eine kuschelige Decke mit 180 cm Durchmesser. Perfekt zum Sitzen, Liegen und Lungern. Und nach dem Picknick legen sie einfach alle Gegenstände in die Mitte der Decke, ziehen mit der Schnur alles zusammen und können den Knäpsäk wieder ganz einfach schultern. Zu bekommen bei Connox.
  7. Bier und Wein schmecken gerade im Sommer am besten, wenn sie eiskalt sind. Damit die Flaschen aus dem Kühlschrank diese Temperaturen möglichst lange halten können, sollte man der Flasche einen Kühler anziehen. Unserer ist von Reisenthel und hübsch gepunktet. Damit bleiben die Getränke eiskalt und erfrischen auch noch Stunden durstige Trinkerkehlen. Erhältlich bei Design3000.
  8. Das Plastikdose nicht gleich Plastikdose ist, beweisen diese formschönen Lebensmittelboxen. Die Bentoboxen stammen aus Japan und lassen sich sehr praktisch stapeln. Die verschieden farbigen Melanindosen werden dann mit einem Metallbügel zusammengehalten, so daß sie sich auch gut transportieren lassen. Zu Kaufen bei Design 3000.
  9. Mit das wichtigste im Park ist natürlich der Grill. Und der war bis jetzt auch oft das sperrigste Gerät. Bis jetzt. Denn was aussieht wie eine Querflöte, ist in Wirklichkeit ein zusammenlegbarer Edelstahl-grill, der alle seine Komponenten mit sich trägt. Jetzt braucht man nur noch Kohle und Grillgut und der Spaß kann losgehen. Erhältlich bei Amazon.    

June 29 2011, 9:30am

Die unglaublichen Versprechen des Timothy F.

Schlanke Linie, dicke Muskeln, guter Schlaf und toller Sex

Für die einen ist er ein Scharlatan, für die anderen ein praktischer Philosoph des schöneren Lebens. Nachdem uns Timothy Ferriss im Jahr 2008 in der „4-Stunden-Woche“ erklärt hat, wie man mehr verdient, weil man weniger arbeitet, verspricht sein neues Buch: jeder kann zum Supermenschen werden….

„Der 4-Stunden-Körper“ ist gerade in der deutschen Übersetzung erschienen. Auf der Berliner Next-Konferenz hat Ferriss sein neues Werk vorgestellt. Ich hatte mir nur etwas Abwechslung von den drögen Business Talks erhofft und inhaltlich nicht viel erwartet. Ferriss – ist das nicht dieser US-amerikanische Aufschneider, der ein paar Allgemeinplätze und Ratgeber-Weisheiten zusammenfasst hat und damit verdammt viel Geld macht?

Sein Vortragsstil war nicht gerade geeignet, dieses Bild zu korrigieren: schreiende Präsentations-Folien, offensiv zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein und ein Dauergrinsen wie aus dem Verkaufs-Fernsehen. Doch irgendetwas an seinem Vortrag hat mich angefixt, und ich hab mir das Buch geholt (auf Englisch, zu der Zeit war die deutsche Übersetzung noch nicht auf dem Markt).

Auf stolzen 608 Seiten erklärt dieser Menschenfänger, wie man: 1. in kurzer Zeit gigantisch viel Fett abnimmt (9 Kilo in 4 Wochen) 2. im selben Zeitraum genau so viel reine Muskelmasse zulegt 3. als Mann den Trieb eines jugendlichen Stiers bekommt und als Hetero-Mann jede Frau zum Orgasmus bringt 4. weniger und erholsamer schläft.

Teilweise sind seine Tipps ein alter Hut: sein Abnehmprogramm ist eine abgewandelte Version der alt bekannten Atkins-Diät, Ferriss hat sie einfach von „Low-Carb“ in „Slow-Carb“ umgetauft: man meidet Kohlenhydrate wie der Teufel das Weihwasser. Brot, Reis, Nudeln sind verboten, und auch Obst, statt dessen gibt es Eiweiß und Gemüse. Damit man das durchhält und der Körper sich nicht auf ein Notprogramm umprogrammiert, darf man einen Tag in der Woche essen, was man will. Umso ungesünder, umso besser.

Auch das Rezept zum rasanten Muskelaufbau ist nicht unbedingt neu: nicht zu oft trainieren, da Muskel-Generation Zeit braucht. Man trainiert mit hohen Gewichten und wenigen Wiederholungen und reizt den Muskel so lange, bis dieser aufgibt. Einigermaßen innovativ ist sein Konzept der „Minimal Effective Dose“: das Ziel ist es, das Minimum an Trainingsfrequenz und Zeitaufwand zu finden, bei dem der Körper den Prozess des Muskelwachstums in Gang setzt. Mehr zu trainieren ist erstens Zeitverschwendung und erhöht zweitens die Wahrscheinlichkeit von „Nebenwirkungen“ durch Überlastung des Körpers.

Wie im Vorgängerbuch wird auch hier das Programm mit Kniffen zur Selbstmotivation und Selbstüberwachung garniert: man bringt ein Oberkörper-Foto am Kühlschrank an, fotografiert, was man isst und misst permanent seinen Fortschritt: das Gewicht, den Hüftumfang und wenn möglich noch den Körperfettanteil. Das klingt trivial, ist jedoch nicht dumm. Jeder Versuch, sich und seinen Körper zu verändern steht und fällt mit der Motivation und der Fähigkeit, das Vorhaben auch dann durchzuhalten, wenn es anfängt zu nerven. Die Überzeugung, so dick oder schlapp zu sein, weil die eigenen Gene das so vorbestimmt haben, sieht er als eine Entschuldigung für Nichtstun. Prädisposition ist nicht gleich Prädestination.

Nun hat Tim Ferriss allerdings 600 Seiten vollgeschrieben – es bleibt die Frage, womit. Neben allem Talent, sich zu vermarkten und unterhaltsame Anekdoten aus dem eigenen Leben einzustreuen, ist Ferriss vor allem ein akribischer Journalist und ein genialer Laien-Wissenschaftler. Er hat alles verfügbare Wissen der Medizin und der Sportwissenschaft zusammengetragen, sich mit Professoren und Ärzten unterhalten, mit Bodybuildern und Trainern. Und er hat krude Selbsttests durchgeführt. Alle Maßnahmen, die er vorschlägt, hat er am eigenen Körper durchgeführt und dokumentiert.

Das neue Werk des umtriebigen US-Amerikaners wird vermutlich auch in Deutschland zum Bestseller werden. Das Versprechen, Menschen beider Geschlechter schlank zu machen und Männer zu athletischen Körpern zu verhelfen, kommt seit je her gut an. Ein ganzes Genre an Frauen- und Männerzeitschriften lebt davon. Auch die kommerzielle Web-Gemeinde hat den Braten gerochen und sich vorbereitet: fast alle denkbaren URLs, die mit dem Titel „4-Stunden-Körper“ spielen, sind schon vergeben und werden aktiv mit Inhalten bespielt – in der Hoffnung, dass jemand über Google auf die Seite gelangt und dem Seitenbetreiber über den Amazon-Partner-Link Provisionen einbringt.

Timothy Ferriss hat es also wieder geschafft. Er hat seinen eigenen Körper ausgetrickst, die Körper und die Leben seiner Leser optimiert und ist selbst um ein paar Millionen reicher geworden.

Wenn man sich durch die Videos seines Youtube-Kanals klickt, sieht man allerdings, dass ihm der Hack des eigenen Körpers nicht ganz gelungen ist. Seine Gene haben an einer empfindlichen Stelle zugeschlagen. Der Testosteron-überschwappende, schlanke, hypermuskulöse und ausgeschlafene Tim Ferriss hat auf dem Weg zum Superman die Haare verloren. Völlig überlisten lässt sich der menschliche Körper noch nicht.

Links und Credits: Die “offizielle” 4-hour-body-Website Das Buch auf Amazon: Der 4-Stunden-Körper, Riemann Verlag, 608 Seiten , 22,95 € The four-hour body, Crown Archetype, 574 Seiten, 14,95€ Oberes Foto, v.l.n.r.: Flickr by alancleaver_2000 (CC-Lizenz by/2.0), uggboy (by/2.0), Ed Yourdon (by-sa/2.0), Floris M. Oosterveld (by/2.0)  

June 24 2011, 9:48am

Art Basel: Kann Kunst die Welt verändern?

Diese Frage stellte die Basler Zeitung in einer Beilage anlässlich der Art❘Basel, der «weltweit grössten Kunstmesse». Eine spannende Frage, der ich hier etwas auf den Grund gehen möchte. Spannend auch, weil die Frage ausgerechnet im Zusammenhang mit dieser Kunstmesse gestellt wird, einem «Grossevent», der Kunst und Kommerz verbindet wie wohl kein zweiter… Je allgemeiner eine Frage ist, umso allgemeiner fällt die Antwort aus. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in besagter BaZ-Beilage die Antworten von «Selbstverständlich!» bis «Es wäre schön, doch ich glaube nicht daran» reichen. Es werden indes auch differenziertere Antworten gegeben. Geht man der Frage selbst etwas auf den Grund, so muss man zunächst feststellen, dass natürlich jede Handlung des Menschen, sei sie künstlerisch oder nicht, «die Welt verändert». Setze ich einen gelben Farbklecks an meine Badezimmerwand, so ist diese – und damit die Welt an sich – anders geworden. So weit, so banal. Dies kann mit der Frage wohl kaum gemeint sein. Vielmehr geht es darum, ob künstlerisches Tun grundsätzlich dazu fähig ist, in den geschichtlichen Weltenlauf einzugreifen. Hat Kunst je in dein Leben eingegriffen? Da Kunst für den Menschen gemacht wird, müsste zunächst geklärt werden, ob Kunst den Menschen verwandeln kann, zum Beispiel indem seine Sicht auf die Welt, seine gefestigte, womöglich verhärtete Betrachtungsweise aufgeweicht, vielleicht gar erschüttert wird. Dies nun traue ich der Kunst durchaus zu, habe ich das doch an mir selbst erfahren. Sie öffnet neue Perspektiven, rüttelt auf, erweitert den Horizont und hinterfragt Vorurteile. Sie kann verunsichern, gar schockieren. Und indem sie das Leben des einzelnen Menschen verwandelt, wäre ein erster Schritt hin zur Veränderung der Welt getan. Dies trifft auf den Künstler selbst ebenso zu wie auf den Kunstliebhaber. Bei mir war es – neben anderen Schriftstellern – Fernando Pessoa mit seinem Buch der Unruhe, der meine Weltsicht, ja, mein Wesen beeinflusst hat. Sein poetischer Blick auf die Welt, der jegliche Ambitionen – etwa nach Welterkenntnis oder einer höheren Bestimmung – von Grund auf verneint, hat mich zugleich tief berührt, wie er auch meinem nach Höherem strebenden Wesen einen nachhaltigen Dämpfer versetzt hat, zum Beispiel mit Worten wie diesen: Dass ich kein römischer Kaiser geworden bin, kann mich nicht sonderlich kümmern, wohl aber kann es mir überaus leid tun, nie auch nur ein Wort an die Näherin gerichtet zu haben, die immer gegen neun um die rechte Strassenecke biegt. Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares; Übersetzung aus dem Portugiesischen: Inés Koebel, Amman Verlag 2006, S. 147

Mit dieser Wirkung auf mein Wesen ist natürlich die Welt noch nicht anders geworden – aber ich selbst ein Stück weit. Die Poesie hat in mein Wesen eingegriffen und damit zumindest die Möglichkeit einer Weltveränderung geschaffen. Wie steht es mit dir, liebe Leserin, lieber Leser: Hat die Kunst je in dein Leben eingegriffen? Hat sie dich je verwandelt? Beispiele in Form eines Kommentars würden mich freuen. Hast du je die Welt verändert? Wenn du die obige Frage mit Ja beanworten kannst, müsste nur noch geklärt werden, ob du je in den Weltenlauf eingegriffen hast und ob dies gegebenenfalls mit deinem Kunsterlebnis einen Zusammenhang hat. «In den Weltenlauf eingreifen» ist natürlich ein grosses Wort. Die wenigsten werden das für sich selbst in Anspruch nehmen. Vielmehr denkt man da sogleich an Könige oder Diktatoren – oder andere Politiker, an berühmte Wissenschafter oder Revolutionäre. Dass wir selbst die Welt verändern, streiten die meisten von uns heftig ab, und doch tun wir es – ein kleines Bisschen zumindest. Die Kunst als Nährboden für Veränderungen Doch wie gesagt: Dieses kleine Bisschen Weltveränderung schwingt in der Ausgangsfrage nicht wirklich mit. Es geht um grössere, ja, historische Veränderungen. Und dass die je aus einem direkten künstlerischen Impuls erfolgt wären, kann so wohl kaum behauptet werden. Und doch bilden die kreativen Prozesse der Kunst einen Nährboden, wo auch Veränderungsprozesse gedeihen können – Weltveränderungsprozesse. Und nun behaupte ich mal ganz schön dreist: Ohne dieses gesellschaftliche Substrat der Kunst, ohne diesen Nährboden der künstlerischen Sichtweise würden alle Weltveränderungsprozesse in dieselbe Richtung weisen, nämlich in Richtung Abgrund. Die Kunst und ihre kreativen Prozesse stellen ein Gegengewicht dar zum reinen Zweckoptimismus, zur geistlosen Verwertungslogik, zum «heiligen Befreiungskriege der Menschheit» (Heinrich Heine). Sie bringt in die Menschheitsentwicklung eine poetische Note, einen betörenden Duft, einen wohltuenden Klang, der zuweilen allerdings – ich gebe es zu – in der Kakofonie des menschlichen Strebens untergeht. Noch was zur Art❘Basel Die Art ❘ Basel, die «grosse Kunstmesse», steht ganz im Zeichen der Kunst – und des Kommerzes. Nichts illustriert das schöner als die Einstiegsseite im Internet, wo neben dem Art ❘ Basel-Header das UBS-Logo prangt – als einzige grafische Auflockerung auf der spartanischen Einstiegsseite … Zumindest generiert Kunst monetäre Umsätze, besonders in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Die Aussteller jedenfalls geben sich zufrieden. Könnte es sein, dass das Kapital in diesen Zeiten die Kunst zunehmend als sicheren Hafen entdeckt, als vergleichsweise verlässliche Wertanlage? Fotonachweis: «Das Gespräch», Keramik-Gruppe, aufgenommen auf Burg Giebichenstein, Halle/Saale Foto (CC-Lizenz): baerchen57 Crosspost von walbei

June 20 2011, 9:45am

Video: Das Frauenbild in der Werbung

Manche Modells wünschen sich, sie wären wirklich so schön, wie sie in der Werbung erscheinen. Leider richten sich viele weibliche Mitmenschen nach diesen digitalen Idealen und erleben seltsame Auswirkungen der Gefallsucht…

via @annalist

June 10 2011, 9:32am

Von glücklichen Socken und bunten Füssen

Wie lange haben wir sie beschimpft und ihre Träger ausgelacht: Socken in Sandalen, Socken in Sneakern, Socken überhaupt. Doch jetzt sind sie zurück; als Modeaccessoire der Saison sind sie nicht wegzudenken. Man wie frau trägt Socke. Natürlich nicht die klassische, weiße Tennissocke in der Gesundheitslatsche. Wir sprechen von fröhlichen bunten Strümpfen in allen Farben des Regenbogens, die man entweder zu Oldschool-Sneakern oder zu farbenfrohen Plateausandalen kombiniert. Doch woher der plötzliche Wandel? Wer hat die alte Miefsocke zum kultigen Trendstrumpf gemacht? Wir sind der Frage nachgegangen und haben die Antwort in Schweden gefunden. In einem Land, aus dem uns bereits aus Kindertagen ein Mädchen bekannt ist, die mit ihren verschiedenfarbigen, geringelten Strümpfen Furore machte. Zufall? Oder stand Pipi Langstrumpf hier doch Pate? Wir denken schon, aber hier kommt die ganze Geschichte zweier Männer, die auszogen, die Socken zu revolutionieren.

Als Viktor Tell und Mikael Söderlindh an einem trüben Tag im Frühjahr 2008 die Idee zu Happy Socks hatten, wussten sich noch nicht, welche Trendlawine sie lostreten würden. Unter dem grauen schwedischen Himmel beschlossen sie, eine einfaches und alltägliches Produkt wie die Socke bunter, schöner und fröhlicher zu gestalten. Heute, drei Jahre später, umfasst ihre Kollektion eine nahezu endlose Fülle an Modellen und Designs in den unterschiedlichsten Farbkombinationen. Materialien und Texturen. Socken und Strümpfe, kariert, geringelt oder getupft; da bleiben keinen Wünsche offen. Dabei hatten die beiden ursprünglich mit Socken gar nichts mehr am Hut. Viktor Tell arbeitete als Grafikdesigner und Illustrator, bevor er dann Kreativdirektor seiner eigenen Firma wurde. Mikael Söderlindh, der heute die operative Seite von Happy Socks betreut, arbeitete zuvor über 10 Jahre in der Werbung. Heute verkaufen die beiden ihre Happy Socks in mehr als 40 Ländern, Tendenz steigend. Dabei war es am Anfang gar nicht so einfach, einen Hersteller für die farbenfrohen Mustersocken zu finden. Zu aufwendig fanden die meisten erfahrenen Hersteller die gemusterten Beinkleider, und damit zu teuer in der Produktion. Ein türkischer Hersteller war dann doch von der Idee begeistert und produziert bis heute die immer erfolgreicheren Happy Socks. In diesem Sommer hat sich das Duo zum ersten Mal Umweltfreundlichkeit auf die Fahne geschrieben und die Reihe Hemp & Recycled Yarn Socks auf den Markt gebracht. Auch viele Sockenträger machen sich angesichts des hohen Baumwollbedarfs Sorgen um ihren ökologischen Fußabdruck und suchen umweltfreundliche Alternativen zur klassischen Baumwolle. Denn der Anbau von Baumwolle ist aufwendig und anstrengend für die Umwelt. Die neueste Entwicklung bei Happy Socks die Hanfsocke. Hanf ist einer der umweltfreundlichsten Rohstoffe, die unser Planet hervorbringt. Er wächst anspruchslos und schnell in allen möglichen Klimata. Dazu benötigt er wenige Pestizide, da er sehr widerstandskräftig ist und verursacht somit auch ausgesprochen wenig Umweltverschmutzung. Happy Socks benutzt für seine Hanf-Linie Hanf aus Ägypten vermischt mit recycelten Fasern. Wir sind uns sicher, das hätte auch Pipi gefallen und sicher trägt auch sie gerade ein Paar Happy Socks. P.S. Die Fotos aus dem aktuellen Lookbook hat übrigens Backyard Bill geschossen, von dem wir bald mehr hören werden.

June 6 2011, 9:30am

Im Fokus: Das trägt der Frühling

Die Frühlingsgefühle der Modeblogger sprudeln gerade rund um den Globus über. Wir haben die schönsten Schnappschüsse von den Strassen der Metropolen herausgesucht… 1. Italiniensische Momente gibt es beim Satorialist, da fühlen wir uns gleich nach Urlaub. 2. Der Facehunter hat die besten Frühlingsoutfits auf der Zagreb Fashion Week eingefangen. 3. Katja von Glamcanyon macht im Mai mal wieder die Strassen von Berlin mit ihrer Kamera unsicher und schießt bunte Ensembles in Mitte…

  1. Noch etwas warmer angezogen sind unsere stylischen Freunde aus Stockholm, wie man auf den Bilder vonCarolines Mode sehen kann.
  2. Irgendwie näher am Kostüm als an der Mode sind die frischen Styles auf Japanese Streets aus Tokio.

  3. Auf unser Lieblingsteil des Sommers konzentriert sich Hanneli aus Norwegen zur Zeit: Extra kurze Shorts.

  4. Den Stil der Kopenhagener zeigt Søren Jepsen auf The Locals. Dort geniesst man schon den skandinavischen Sonnenschein.
  5. Die bisher wärmsten Tage des Jahres hat Karen von Where did you get that genutzt, um ihr Color-Block Lieblingskleid effektvoll auf der Brooklyn Bridge in Szene zu setzen.
  6. Mehr Fotos aus New York mit den kreativsten Styles aus dem Big Apple gibt es auf Mr. Newton zu bestaunen.
  7. Genau von der anderen Seite der Staaten, nämlich aus L.A. schickt und uns das Mädchen hier Natalie off Duty ihre Lieblingsoutfits für diesen Frühling. (Fotos: Satorialist, Glamcanyon, Where did you get that, Hanneli)

May 25 2011, 10:04am

Die Tradition der spanischen Sherry-Weine

Ein Glas Oloroso. Zwei Oliven. Mächtige Weinfässer. Streng, Kühl und Dunkel ist es in der ehrwürdigen Bodega „La Manzanilla“ im historischen Herzen der Hafenstadt Cádiz, dem Tor nach Amerika, auch Silbertäßchen genannt. Umarmt vom Atlantik weht ein frischer, jodhaltiger Wind über die Costa de la Luz, der zum herben Geschmack der Finos und Manzanillas, Weinen aus der Sherry- Familie, eine trockene, fast salzige Note beiträgt. Im Dreieck zwischen den Städten Sanlucar de Barrameda im Norden, Jérez de la Frontera im Osten und El Puerto de Santa María im Süden, allesamt in der Provinz Cádiz, wachsen die Sherry – Weine, welche ihren kräftigen Geschmack aus diesen Gegensätzen ziehen. Im Grunde zählen auch die edlen Weine der südlich Cádiz gelegenen Stadt Chiclana de la Frontera zur Familie, doch die Herkunftsbezeichnung „Vinos de Jérez“(altkastilisch „Xéres“, engl. „Sherry“ phöniz. „Cera“ arab. „Sherish“) schützt nur die drei erst genannten Orte. Deren Reben wachsen auf harten, aber an Mineralien und Nährstoffen (Muschelkalk, Kreide, Kieselerde) reichen, porösen Böden, den „Albarizas“, welche ganzjährig vorzügliche Wasserspeicher bilden.

Wer einmal in der Bodega La Manzanilla war, will bald mehr: Inhaber Pepe beliefert Kunden in Berlin, Oslo, Wien und Brüssel per Direktvertrieb. Größeren Export lässt der aufwändige Herstellungs – und Lagerungsprozeß, das „Solera“ (span., etwa: „auf dem Boden liegend“) – Verfahren, nicht zu. Beim Solera – Verfahren, das für Brandys aus Jérez ähnlich der Sherry – Herstellung erfolgt, werden drei Faßreihen übereinander gestapelt. Die „Solera“ ist die Faßreihe zu Boden, darüber liegen die Criaderas (span. : die „Heranwachsenden“). Der Solera wird ein Drittel des Sherrys bzw. Brandys direkt entnommen. Der so geleerte Teil wird dann mit dem nächst jüngeren Wein aus dem darüberliegenden Faß aufgefüllt. Analog erfolgt die Umfüllung der obersten Faßreihe, bis auch diese geleert ist und schließlich wieder mit frischem Destillat nachgefüllt wird. Bei jedem Durchlauf der einzelnen Faßreihen reift der Wein weiter heran: Die so bewirkte Durchmischung bezeichnen die andalusischen Winzer als „Vermählung“. Trotz ihrer vielseitigen Aromen, Lager – und Herstellungsprozesse haben die Weine aus dem Sherry – Dreieck eines gemeinsam: Ihre Abstammung von der weißen Palomino – Traube. Nach erfolgter Gärung wird der trockene Palomino – Weißwein mit Brandy versetzt, wodurch der Alkoholgehalt von 11% auf 15% bis 19,5 % erhöht wird. Danach reift der Wein in unverschlossenen 520 bis 600 – Liter – Fässern, meist aus amerikanischer oder kanadischer Silbereiche, an der Luft heran. Sein Merkmal ist die auf der Oberfläche treibende „Flor“, die Hefeblüte, welche den Fermentationsprozeß signalisiert. Nach erfolgter Reife kann nun die Süßung des Weins beginnen: Vor der Abfüllung werden nun Weine der Rebsorten Moscatel oder Pedro Ximénez beigemengt. Da diese Trauben vor dem Keltern erst getrocknet werden, wird deren Saft stark konzentriert und kann nicht den gesamten Zuckeranteil in Alkohol umwandeln. Die gängigen Sorten im Überblick: Die Manzanillas aus Sanlúcar de Barrameda (Ausgangshafen für Chr. Columbus’ 3. Reise): Der Jüngste aus der Familie ist der Manzanilla Fina: Hellgolden glänzend wie Kamillenblüten oder Apfelblüten (= Manzanilla, span. „Äpfelchen“ bzw. „Kamillenblüte“, Fina = span. „Fein“,“Edel“). Alter: 3 Jahre, Alc. 15 bis 15,5%. Als Aperitiv mit Arbequina – Oliven begleitet. Ideal vor Meeresfrüchten und Fisch. Der Manzanilla Olorosa (Alc. 15 bis 15,5%) ist in Pepe’s Taberna besonders beliebt: Bereits 6 Jahre alt, besitzt er einen feinen wie würzigen Geschmack. Die Farbnote ist ein sonniges Gold. Als Aperitiv mit Arbequina – Oliven begleitet, wie der Manzanilla Pasada: (Alc. 15 bis 15,5%) Obwohl schon 9 Jahre gereift ist der Pasada trockener als die vorgenannten jüngeren Geschwister, die Farbe erinnert an den Firnis von Rembrandt’s „Mann mit dem Goldhelm“. Die Amontillados (Seit dem 18. Jh. benannt nach den La Montilla – Bergen der Provinz Córdoba) Merkmal dieses komplexen Weins ist seine zweifache Reife: Zuerst reift er – wie ein Fino – unter dem Hefe-Flor, ohne Einfluss von Sauerstoff. Nachdem die Blüte/Flor abgestorben ist, beginnt seine oxidative Reife. Diese kann i. d. R. 15, 20, 30 Jahre und länger dauern; die Weine entfalten ein Spektrum nussiger Aromen und gehören zu den spannendsten Weinen überhaupt: In den Vitrinen des kleinen Sherry – Museums der Bodega „La Manzanilla“ finden sich Flacons aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Preis: Nur schätzbar. Der Amontillado Viejo ist ein alter Haudegen, der bis zu 30 Jahre lagert und reift, bis er aus dem Faß hervorspringt wie ein bewehrtes Schlachtroß: Bernsteinfarben, Haselnuss – Aroma, mit 17,5% Alc. der trockenste und verwegenste aus der Manzanilla – Linie. Und der Teuerste: Zwischen 21 und 50 Euro der Dreiviertelliter. Nicht umsonst widmete der amerikanische Erzähler Edgar Allan Poe „dem Faß Amontillado“ eine schaurig-schöne gothic novel. Soloauftritt, doh zu Roman und Kaminfeuer passen die Olivensorten Gordal und Arbequina, ein kräftiger Queso Manchego oder Salzmandeln. Die Olorosos: Auch die Weinsorten des Oloroso nehmen eine Sonderstellung ein, da sie ohne die Florschicht unter Oxidation entstehen. Ihre Farbe leuchtet je Alter von Bernstein bis Aubergine, eine ebensolche Bandbreite entfalten auch die vielen Aromen des Oloroso (von sp. olor = „Duft“): Würzig-nussig bis fruchtig – trocken beim Oloroso Seco, der trotz seiner lockeren Art über die besondere Schwere (Alc. 18-20%) hinweg täuscht…hin zu sehr schwerem, karamelsüßen Geschmack des Oloroso Dulce, der aber mit einem Alc.-Gehalt von 17-17,5% leichter endet als sein vorgenannter Bruder. Je nach Alter und Lagerung komplex einzuordnen, d.h. mal Dessertwein, mal Aperitiv, selten eine Speise begleitend. Zum Oloroso serviert man die Arbequina bzw. Gordal – Olive oder Rosinen-, Pinien-, Mandelgebäck, mitunter Manchego. Pepe, richtig Miguel García Gómez, führt die „Taberna La Manzanilla“ seit 1992, bereits in der dritten Generation. Sein Vater war seit 1948 im Geschäft. Pepes Großvater wiederum hatte die Taberna 1942 von einem Weinhändler aus Sanlucar übernommen, der diese im Jahre 1900 als „Despacho de Vinos“, in der Altstadt von Cádiz eröffnete. Seit 1900 ist die Taberna fast ununterbrochen in Betrieb! Wahr ist, dass die wirklich edlen und originellen Tropfen kaum den Weg in unsere Weinregale finden. Wer im Sherry-Dreieck etwas Zeit zum Stöbern hat, sollte unbedingt in die alten Bodegas eintauchen: Traditionsreiche, teils seit Jahrhunderten ansässige Familienunternehmen , die größten Wert auf Qualität legen. Von dieser war auch der englische Freibeuter Sir Francis Drake überzeugt, der nach dem Angrif auf die spanische Armada 1587 knapp 3000 Fass Sherry aus dem Hafen von Cádiz erbeutete.– heute ein Exportgut! Für die Gaditanos, die Bewohner von Cádiz ist es mehr als das: Es ist Teil ihrer westandalusischen Kultur, Geschichte und Gastronomie. Grafik: lamanzanilladecadiz.com

May 13 2011, 10:00am

Die Wir-müssens kommen

Gestern erlebte ich eine seltsame Begebenheit. In zwei Online-Ablegern von bekannten Zeitungen gaben sich zwei fast bekannte Erklärer der digitalen Sphäre ein Stelldichein. Bei ZEIT Online tönte ein ranghoher IBM-Manager namens Dueck, “Wir müssen lernen, Jedi zu sein“. Der Buchautor Lobo wandte sich etwas distanzierter gleich an die ganze Gesellschaft. Sie müsse “auf das anwachsende, aufgeblähte, verschwörungsdurchseuchte Wissensarchiv, auf die Query-Realität, auf die unbewusste und algorithmische Filterung der Informationen reagieren“. Offenbar haben sowohl Shirkys universale Filter versagt als auch das Imperium die Macht übernommen. Beeindruckend ist vor allem, dass beide Autoren auf die anderen – geschätzt über 50 – meinungsstarken Autoren im Web sowie das Gros der arbeitenden Bevölkerung herunter schauen können. Woher die Ursache für dieses singuläre Expertentum und die enorme Höhe der Argumentation rührt, bleibt wahrscheinlich in den mentalen Brotkrumen der Menschheit verborgen. In jedem Fall fühlen sich beide legitimiert, ganzen Nutzergruppen oder gar der Gesellschaft ein freundschaftliches “Wir müssen” um die Ohren zu hauen. Da beide twitterfreundliche Phrasen verwenden, ist die allgegenwärtige Resonanz (man verstehe hier die tausendfache Verteilung der ewig Gleichen Sätze) überraschend umfassend. Neuerdings ist dies ein Nachweis von Relevanz. Denn seit Silberzunge Kruse den Begriff der Resonanz aus der Physik entlehnte (ohne Luhmanns Definition zu bedenken), ist die Inflation von knackigen Formulierungen ein Ausweis allgemeingültiger Debatten.
Denn es geht um das große Ganze. Also viele Menschen. Das Schöne am Web ist offenbar, dass seine Vorbeter der festen Meinung sind, von und für eine Mehrheit zu sprechen, wenn es um das weltweite Netz geht. Allerdings ist der Inhalt im Web weniger Mensch als eher Text. Das kann ein Problem sein. Und bei Spiegel Online wird von Herrn Lobo sogar die Therapie für die eigene Diagnose gleich mitgeliefert: “Ein bisher an deutschen Schulen vernachlässigtes Fach wird zur Schlüsselqualifikation: das Wissen, wie Wissen zustande kommt, die Epistemologie.”

Wer den Begriff nicht kennt, es ist der Fachbegriff für die philosophische Disziplin der Erkenntnistheorie. Leider, lieber Herr Lobo, haben Wissen und Erkenntnis nicht unbedingt ein direkten Zusammenhang – vor allem eine Kausalkette vom Wissen zur Erkenntnis zu ziehen, erscheint mir deutlich zu unterkomplex. Ich will jetzt nicht auf den locus classicus von episteme zurückgehen, aber doch den Hinweis wagen, dass es um das Problem geht, ob die Welt auch ohne unsere Wahrnehmung existiert oder ob wir sie durch unsere Erkenntnisdrang erst erschaffen. Das berühmte Beispiel, ob ein Baum im Wald kracht, wenn keiner beim Umfallen anwesend ist, dürfte bekannt sein. Wissen in seinen verschiedenen Ausprägungen als Ausdruck von kultureller Prägung bestimmter Urteile über Tatsachen und Erlebnisse ist ein völlig anderer Bereich, der die Diskussion um die Erkennntnis im Dreieck Welt, Wahrnehmung und Bewusstsein nur in Außenbereichen berührt. Aber auch der andere Wir-müssen-Text denkt von einer seltsamen, ebenso naiven Richtung her: Denn wären wir Jedi, wären wir außerhalb des Imperiums (Sith). Der Autor des “Sei Jedi!”-Aufrufs jedoch ist CTO von IBM, die man gerechterweise als vollständigen Teil dessen anerkenne muss, was wir getrost als Imperiums bezeichnen können. Keinerlei subversive Elemente sind dort zu verzeichnen. Diese Firma generiert Milliarden mit der Suggestion gegenüber Banken und Versicherungen und der Industrie, dass der Ersatz von Gehältern und Löhnen durch Lizenzkosten ein guter Deal sei. Noch seltsamer ist, das gerade jener IBM-Mitarbeiter im direkten Kontakt leichte Defizite in der Kommunikation aufweist, was an sich kein besonders schlimmes Malheur darstellte, würde er nicht exakt soziale Kompetenz in der modernen Arbeitswelt anmahnen. Und dann kommt ein Satz, den Yoda so nicht sagen würde, wollt er Jedi-Ritter im Netz gewinnen: “Die ganze Bloggerbewegung denkt, man müsse doch nur im Netz etwas schreiben, und wird dann gelesen. Aber was Blogger schreiben ist eben größtenteils nicht so gut, und wird daher auch nicht gelesen.” Lieber Freund der IBM-Welt, es ist mitnichten ein Ausweis sozialer Kompetenz von den Bloggern, den Männern, den Frauen, den Blaublütigen oder ähnlichen Kategorien pauschale Behauptungen aufzustellen. Aber es kommt noch präziser. ZEIT ONLINE: Braucht es dafür dann nicht auch ein Klima, in dem ich das alles ohne Angst vor Fehlern ausprobieren kann? Dueck: Als Professional hat man keine Angst! Es gibt eine gewisse Demut, dass fast nichts ohne Schwierigkeiten funktioniert. Aber ansonsten muss man beherzt an alles herangehen und die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Man sollte lernen, es hinzunehmen, wenn etwas nicht klappt. Das bedarf einer inneren Ruhe. Und es hat den Vorteil, dass man auch nicht mehr so böse auf Leute ist, wenn man weiß, dass Dinge nun einmal schief gehen und Fehler passieren. Man ist dann etwas gnädiger und nicht mehr so auf Konfrontation aus. Wie ein Jedi Ritter, der ruhig sein kann, auch mitten im Chaos. Die Fähigkeit muss man allerdings ausbilden. Es wäre schön, wir würden das Leuten schon im Alter von 10 bis 20 Jahren beibringen, würden ihnen erklären, woher Konflikte kommen, wie man sie beseitigen könnte, wie man mit Stress umgeht.

Hier ist es wieder dieses leicht zwanghafte Muss. Zuerst wird die “Bloggerbewegung ” (er glaubt tatsächlich, dass sei eine Bewegung!) entwertet und dann wird erklärt, dass der Professional gar nicht auf Konfrontation aus sein kann, der in sich Ruhe. Das klingt alles stark nach Küchenpsychologie mit einem Hauch Zen für Küchenschaben. Schauen wir auf den anderen legitimen Experten: Lobo erklärt in seinem Text, dass wir drohen in einer Query-Realität zu versinken. Den Begriff leitet er aus der Nutzung in der Computerwelt als Suchanfrage her. Würde er den gebräuchlicheren Begriff der Erkundigung verwenden, wäre offenbar, zu welchem Zweck queries nützen: Sie sind eine Orientierung anhand von Faktenwissen. Nun wissen wir alle aber nicht erst seit dem Siegeszug der Jurisprudenz und der Statistik, dass Fakten in den Regel mehr oder weniger Beweischarakter haben. Ich möchte niemanden von den Anwesenden mit der spannenden Diskussion der Philosophie des Geistes langweilen, noch ferner liegt es mir, überhaupt den Charakter des Bewusstseins erörtern zu wollen, aber klein wenig besser kann man dann schon recherchieren. Wissen ist immer ein menschliches Produkt. Menschen sind Subjekte. Es existiert also überhaupt kein Wissen, dass losgelöst von einem Subjekt erlangt oder verstanden werden könnte. Insofern. Ruhig Brauner. Auch wenn Du Dich als Experte fühlst, über das Thema Wissen, Halbwissen und Query-Wissen zu konfabulieren, so hat dieses Aneinanderreihen von Urteilen über die Texte und Gedanken anderer solange keine Bewandtnis, bis nicht eine bohrende Frage im Gehirn des Lesers übrig bleibt. Mir fallen ad hoc einige ein: Warum beschreibt ein ranghoher IBM-Manager die Arbeitswelt als optimierbar und wird nicht weltweit bekannt durch das besonders humane oder soziale Miteinander unter seiner Führung? Warum schreibt ein Werbetexter einen Rant über vermeintliche Experten, wo doch gerade das Netz so großen Raum läßt für alle und jeden sein Publikum zu finden. Gerade er müsste wissen, dass Relevanz nicht mehr von Referenz kommt sondern sich aus mehreren sehr individuellen Quellen speist. Aber ein reifer Konstruktivismus oder ein pfiffiges Händchen für Selbstmodelle waren noch nie die Stärke der Lautsprecher, leider.

May 5 2011, 10:00am

Pack 18 Badeanzüge und 2 kleine Schwesterlein ein

So kann es gehen, wenn man eine Kamera, zuviel Badeanzüge, 2 sportive Mädels und zuviel Zeit hat:

April 14 2011, 12:00pm

So kann es gehen…

April 12 2011, 10:00am

Streetwear: Sponsoring für Kunst und Sport

Die Welt ist laut und bunt. Gott sei Dank. Und sie wird mit jedem Künstler bunter. Auch das Schaffen kreativer Freiräume gewinnt an Wichtigkeit. Doch was ist, wenn man damit sein Leben bestreiten will? Dann sollte man eine langfristige Förderung anstreben. Was als kleiner Support begonnen hat, kann im Idealfall ein langfristiger Kooperationspartner werden. Jeder sollte einen Platz und eine Gelegenheit bekommen, um sein oder ihr Talent der Welt zu zeigen. Da war doch noch was. Das WWW. Jeder weiß, dass man um das Internet als Referenz nicht mehr herum kommt. Kein Wunder denn im Netz erreicht man jederzeit alle überall, sogar diejenigen, die man gar nicht erreichen wollte. Das ist für junge Talente und echte Künstler zunächst das Beste was ihnen passieren kann, aber andererseits ist es kein besonders einfacher Weg. Denn das Business wird nicht leichter, wie man in den letzten Jahren beobachten konnte. Zu einem guten Portfolio als Tänzer, Skater, BMXer, klassischer Sportler, Musiker oder Maler gehören heutzutage nun mal Referenzen aus dem Netz. Doch um überhaupt erst mal an diesen Punkt zu gelangen, benötigt man einen Sponsor. Klar, kann man es auch ohne schaffen. Aber wer jung und talentiert ist, sollte sich die Chance, einen geeigneten Mäzen zu finden, nicht entgehen lassen…

Man muss einfach nur überzeugend sein. Es gibt viele Unternehmen, die junge Menschen bei ihren Vorhaben unterstützen und sich kulturell engagieren, um jemandem eine Richtung zu geben und um sich selbst in gutem Licht erscheinen zu lassen. Wobei man auch schon bei dem hauptsächlichen Vorteil für das Unternehmen wäre; der Image-Verbesserung. Denn durch ein gezieltes Sponsoring kann es sein Produkt besser an den Mann bringen und fördert gleichzeitig ein aufstrebendes Talent. Das nutzt beiden Seiten. Natürlich sollten Künstler und Unternehmen eine gemeinsame Basis haben. Wenn man sich beispielsweise Boarder in gesponserten Sneaker oder Surfer in gestellten Shorts anschaut, wird klar, dass diese häufig von Unternehmen ausgestattet werden, die etwas mit diesem Sport gemeinsam haben, wie die Herstellung des entsprechenden Materials oder der Bekleidung. Wer ein bestimmtes Talent hat muss sich den passenden Sponsor ins Boot holen. Und mal ehrlich, wenn die Wirtschaft die Kultur einer Stadt nicht unterstützt, dann wäre das nicht nur armselig, sondern auch destruktiv. Und damit die Förderung des Talents nicht zu einseitig ausfällt, kann die Firma den Künstler als Werbefläche nutzen, um Ihre Marke präsenter zu machen und um Ihr Image zu verbessern. Wer also jung, dynamisch und kreativ ist, sucht sich einen Sponsor. Ein gutes Beispiel dafür ist die DefShop KG. Das Berliner Unternehmen ist immer auf der Suche nach Talenten. Gesponsert werden dort alle Künstler die musikalisch oder sportlich begabt sind. Social Media Kontakte sollte man nie unterschätzen. Hier werden ganze Tanzgruppen mit DNGRS-Hosen ausgestattet. Dieses noch relative junge, Unternehmen bietet Klamotten aus den Bereichen Hip Hop, Street und Fashion. Wer da nicht nachfragt, lässt sich eine gute Möglichkeit für diverse Kooperationsprojekte entgehen. Aber auch anderswo finden sich viele Unternehmen, die Talente unterstützen. Man muss an sich glauben und sich so auf dem freien Markt beweisen, um zu bestehen. Also: Authentisch bleiben und Kontakte knüpfen! Autorin: Nicole Schirmer Photo: DefShop Profil der Firma: DefShop ist Europas größter Online-Shop für Hip Hop- und Streetwear. Das Motto des Shops lautet „Got Skillz. Got Style.“ und der Name ist Programm. Denn hier bekommt man Klamotten von den neuesten und angesagtesten Marken nicht nur preisgünstig, sondern mit Tiefpreisgarantie. Von Adidas bis Boxfresh und DNGRS, bei DefShop findet man einfach alles, was das Style-Herz begehrt.

April 11 2011, 9:45am

The Anatomy of a Design Decision

Nora Herting hat auf der SXSW eine schöne Zeichnung zum Vortrag von Jared Spool angefertigt:

Bitte Draufklicken für die Großansicht… Quelle: Ogilvy

March 22 2011, 10:00am

An der Hilfe sollt Ihr sie erkennen…

Die Betreiberfirma des zerborstenen Atomkraftwerks Fukushima TEPCO beweist der Welt einen großen Dienst. Sie zeigt das Gesicht der Industrialisierung: Arbeitslose, Obdachlose und Gastarbeiter werden stundenweise verheizt, um der Welt zu zeigen, dass man irgendetwas tut. Hunderttausende Japaner frieren und hungern. Die Welt schaut gebannt dabei zu und kann sich glücklich schätzen als bessere Hälfte der Welt dazustehen. Man könnte sich also beruhigt hinsetzen, per Click bei iTunes oder den vielen Hilfsorganisationen ein paar EURO platzieren und auf schnelle Besserung wetten. Aber mancher wird sich erinnern, wieviele Milliarden noch übrig sind von den Tsunami-Spenden die vor einigen Jahren in Thailand und Umgebung hätten niederprasseln können. In der Realität liegen diese Schätze noch immer auf diversen Konton der Banken und bringen schöne Zinsen ein. Es wäre also genug Geld da um ganz Japan drei Wochen zu ernähren. Angesichts des organisatorischen Chaos in Japan gewinnt man aber den Eindruck, dass nationaler Stolz weitaus schlimmere Folgen hat als das Ausliefern der Bevölkerung an gewissen- und hilflose Verantwortliche. Aber angesichts des millionenfachen Konsums von apokalyptischen Bildern aus Japan fordert das Über-Ich der medialen Öffentlichkeit eine Teilnahme und Verantwortung… Und so verwundert es auch nicht, dass die ersten Firmen schon anfangen mit Hilfsaktionen Werbung zu betreiben. Die Schweizer wundern sich, dass man überhaupt für das drittreichste Land der Erde spenden soll. Man könnte sich dazu versteigen zu sagen, dass man dem japanischen Volk am besten hilft, in dem man ihm die Möglichkeit eröffnet, den Götzen des Stolzes und des Gehorsams vom Thron zu stoßen und offene Kommunikation, Transparenz und Verläßlichkeit an dessen Stelle zu setzen. Wenn man aber gerade die Länder betrachtet, die solches Verhalten wie eine Monstranz vor sich hertragen, dann bleibt einem das Argument im Halse stecken. Denn genau die Industrialisierung, die Menschen am Rande der Gesellschaft verheizt, ist derselbe Schreihals, der von anderen unbedingte Offenheit fordert und den unbedingten Glauben an die Zahl. Denn die Zahlen und Wahrscheinlichkeiten werden heutzutage benutzt um vermeintliche Wahrheit zu erschaffen: AKWs sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher. Gentechnik ist fast risikolos, weil es unwahrscheinlich ist, dass sie Risiken beherbergt. All diese Augenwischerei mit der ehemals heiligen Kunst der Mathematik hat eines sicher offenbart: Wir spenden unser Vertrauen, damit Ingenieure glauben können, dass sie unser Leben bereichern mit ihren Ideen. Doch zwischen dem, was man will und dem was man braucht besteht ein existentieller Unterschied. Den müssen die Japaner im Nordosten aktuell am eigenen Leib erfahren. Es ist also nicht nötig, dass die Werbung uns weiterhin einredet, was wir wollen sollen. Denn die Technologiefirmen könnten einfach das, was wir brauchen optimieren. Damit hätten sie ausreichend zu tun. Aber es scheint ja noch immer ein Rätsel zu sein, wie man aus dem Abgas Kohlendioxid einen Rohstoff macht. Zum Glück ist es kein Rätsel für diejenigen, die Meerwasseralgen mit CO2 füttern und daraus dann Biotreibstoffe ernten. Aber wir diskutieren weiterhin über Erdöl, Elektroautos, Solar-, Wind-, und Atomstrom. Denn deren Lobby ist einfach reicher. Also können die Journalisten mehr Informationen darüber im Netz finden. Foto: daveeza

March 18 2011, 9:51am

Buchrezension: Empört Euch

Stéphane Hessels Büchlein „Empört euch!“ verkauft sich in Frankreich wie warme Semmeln. Auch in Deutschland und der Schweiz ist der Verkauf gut angelaufen. Woran mag das liegen? Denn wirklich Neues erzählt es kaum, noch ist es ein publizistisches Meisterwerk. Trotzdem scheint es den Nerv der Zeit zu treffen. – Die streitbare Besprechung einer Streitschrift. Nicht dass das schmale Bändchen schlecht wäre. Ich habe jedenfalls die 15 Textseiten in einem Durchgang gelesen – und am nächsten Tag noch ein zweites Mal. Und das tue ich mir mit einem schlechten Text nicht an. Trotzdem lässt mich die Streitschrift „Empört euch!“ etwas ratlos zurück – und die Empörung über den Weltenlauf kam beim Lesen auch nicht so richtig in Fahrt … Ist es die Wirkkraft der eindrücklichen Biografie Hessels, die dem Aufruf zum Widerstand Flügel verleiht? Hessel ist 93 Jahre alt, Philosoph, ehemaliger Diplomat und war im Zweiten Weltkrieg Mitglied des französischen Widerstands gegen die Besatzung durch die Nazis. Kurz vor der Befreiung Frankreichs wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und schliesslich nach Buchenwald verschleppt, wo er nur durch Zufall dem Tod entrann. Nach einer Odyssee durch weitere Lager konnte er schliesslich fliehen und sich zu den Alliierten durchschlagen. Nach dem Krieg trat er in den diplomatischen Dienst ein und war bei der UNO an der Ausarbeitung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt. Zum Inhalt Die Streitschrift „Empört euch!“ ist eine Art Vermächtnis an die Nachkommen, ein Aufruf an die Jugend, sich empören zu lassen durch die Missstände in der heutigen Welt, Missstände, die in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen seien und das Überleben der Menschheit und des ganzen Planeten in Frage stellten. Diesen heutigen Zustand Frankreichs, ja, der ganzen Welt, vergleicht Hessel mit der sozialen und gesellschaftlichen Erneuerung, die unmittelbar nach dem Ende des Krieges durch den Nationalen Widerstandsrat und die provisorische Regierung in Frankreich angestossen wurde – und kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Dieses gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften ist heute in Frage gestellt.“ In der Empörung angesichts des mutwilligen Abbaus der sozialen Sicherheit, der Vereinnahmung der Medien durch die Macht des Geldes, aber auch angesichts der Knechtung des palästinensischen Volkes durch die israelische Regierung und, und, und … in dieser Empörung sieht Hessels eine erste unentbehrliche Reaktion, um sich einzumischen – und um Widerstand zu leisten. Der Widerstand müsse allerdings gewaltlos sein und sich etwa am Beispiel Nelson Mandelas oder Martin Luther Kings orientieren. Er müsse ein „Aufstand der Friedfertigkeit“ sein. Am Schluss ruft Hessel, gleichsam als Quintessenz, den jungen Frauen und Männern zu: „Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst Neues schaffen.“ Gut gemeint, aber naiv So weit, so gut … gemeint. Wirklich aufzurütteln vermag diese Erkenntnis kaum. Wenn der Text berühren kann, so weil er von einem alten Mann in seiner letzten Lebensphase an die Jugend gerichtet ist, grad so wie wenn der Grossvater zu seinen Enkeln spricht. Hessel wünscht sich, dass die Jugend seine Erfahrungen sich zu eigen macht und Widerstand leistet, auch wenn die Missstände, die Anlässe für die Empörung nicht mehr so klar erkennbar seien wie damals die Besatzung Frankreichs durch Nazideutschland. Doch funktioniert das Leben so? Lehnen sich die Enkel auf, weil ihnen der Grossvater sagt, sie sollen sich auflehnen? Überhaupt wirkt der Text auf mich – dort wo er Aufruf ist, nicht dort wo er Erzählung ist – ziemlich naiv, gut gemeint, aber naiv. Zum Beispiel wenn es heisst: „Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden.“ Auch scheint mir das Büchlein etwas zusammengeschustert, ganz so, als wäre es in aller Eile hingeschrieben, angesichts des nahenden Todes noch schnell dem Leben abgetrotzt. Und es enthält auch einige Ungenauigkeiten – Gewalt wird zum Beispiel generell mit Terrorismus gleichgesetzt – und Patzer: „Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.“ Gibt es denn Völker, bei denen es erträglich ist, wenn sie Kriegsverbrechen begehen? Genügt Empörung? Auch die Kernbotschaft der Streitschrift lässt mich etwas ratlos zurück. Genügt Empörung? Und führt sie wirklich – quasi automatisch – zu Engagement und Widerstand? Ist nicht auch Hass und Zerstörungswut eine mögliche Folge? Dann nämlich, wenn eine Perspektive fehlt, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und gerade hier, bei der fehlenden Perspektive, sehe ich eine wichtige Ursache für unsere gelähmte, lähmende Gegenwart – nicht nur in Frankreich, in der ganzen Welt. Da hatten es die Widerstandskämpfer einfacher. Die Befreiung von den Besatzern war ein hehres Ziel. Stéphane Hessel, „Empört euch!“, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2011 Crosspost von Walter B.

March 17 2011, 9:45am

8bitpeoples: Wiederhören mit der Videospielkindheit

Nach unserer Vorstellung von Series Media wird es Zeit für das nächste Netlabel, das auf Hörer wartet. Bei der Musik auf 8bitpeoples bleibt es elektronisch, doch mit einem sehr speziellen Ansatz.

Chiptunes: Musik aus 8 Bits Wie der Name des 1999 gegründeten Netlabels vermuten lässt, hat sich das Label der 8-Bit-Ästhetik verschrieben. Seit den späten 70er Jahren hielten Heimcomputer und Spielkonsolen zunehmend Einzug in amerikanische und europäische Haushalte und brannten sich mit ihren digitalen Klängen fest in die Gedächtnisse der ersten Generation von Digital Natives ein. Und dringen nun durch Chiptunes von Musikern aus eben jener Generation in die Gehörgänge der nachfolgenden. Der Begriff Chiptunes kann sich – in einer sehr engen Definition – auf Musik beziehen, die mit Hilfe von Mikrochips in frühen Heimcomputern und Spielkonsolen enstanden ist – oft als Game-Soundtrack. Doch sollte der Begriff heute weiter gesehen werden, denn es gibt es eine große internationale Musikszene, die auf diese typischen Klängen setzt. Stilistisch sind Sounds aus einfachen Wellenformen wie Sinus oder Sägezahn kennzeichnend, meist mit Percussion-Geräuschen aus Rauschen kombiniert. Eine sehr lesenswerte Geschichte des Genres haben Kevin Driscoll und Joshua Diaz unter dem Titel „Endless loop: A brief history of chiptunes“ verfasst, komplett mit technologischen Hintergründen und Hörbeispielen.

Bild: Minusbaby entlockt den Soundchips vertraute Klänge und verwebt sie zu Songs (Foto: „Minusbaby“ von Lucius Kwok, CC BY SA) Minusbaby und Coleco Music: Zwei Beispiele aus dem Labelfundus Im Programm von 8bitpeoples kann man stundenlang nach Musik stöbern – alle Veröffentlichungen sind frei verfügbar, einige sogar in physikalischer Reinkarnation im Shop. Im Programm finden sich Stücke, die die Möglichkeiten des Genres und der verwendeten Geräte ausreizen, wie etwa die sechs Songs auf der EP „Derecha“ von Minusbaby, bei denen Chipklänge so lange übereinander geschichtet werden, bis tanzbare Stücke dabei herauskommen – weit entfernt von den typischen Videospielklängen. Dass die Veröffentlichungen auf 8bitpeoples stilistisch jedoch durchaus auch über die klassischen Chiptunes hinausgehen, beweisen sie zum Beispiel mit der Veröffentlichung von „Confession in a Chatroom“ der argentinischen Gruppe Coleco Music – von Rhythmus und Stilistik her typischer Synthiepop aus fiepsigen 8-Bit-Klängen und mit aus dem Internetalltag inspirierten Lyrics unterlegt – vom fröhlich-beschwingten „:)“ bis zum abschließenden „She Appears To Be Offline“ mit seinem unbeantworteten Telefonklingeln, gewidmet „all the people I’ve been chatting with“. Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

March 9 2011, 9:45am

Buccaneer: „T’Davy Jones with it!“

„Ruf der Karibik!“ Alles begann mit Long John Silver. Diese Figur aus dem Roman „Die Schatzinsel“ (Treasure Island) des wunderbaren schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson galt seit seiner Londoner Buchveröffentlichung 1883 als romantischer Inbegriff des Piraten schlechthin: Listig und lustig, einbeiniges Raubein, mit Augenklappe im Gesicht und plapperndem Papagei auf der Schulter, gesegnet mit einem Herz aus Gold. So wie viele Kinder sah ich Byron Haskins erste Filmadaption von 1950 und sog die Mischung aus Abenteuerlust und Südsee tief in meinen Geist ein, träumte davon, ebenso einen unangepaßten, mutigen und schlauen Freund wie Long John Silver zur Seite zu haben. Das nächste Schlüsselerlebnis hatte ich zur Abiturzeit, beim Drehen meiner ersten Zigaretten, als ich in einem Tabakladen die Marke „Buccaneer“ entdeckte, mit der Zeichnung eines unrasierten Seemanns mit Augenklappe, Perücke und Säbel auf der Packung. Ich orderte den „Buccaneer“, neugierig auf den Whisky darin und den Geruch daran. Ich drehte, rauchte und schmauchte den Buccaneer, bis ich Kopfschmerzen bekam. Es gab noch lange kein Internet und so übersetzte mir das Schulwörterbuch den Begriff „Buccaneer“ lapidar mit „Pirat und Freibeuter“. Was ein Pirat war, wusste ich, doch was meinte das Präfix „Frei“ vor dem „Beuter“? und dann las ich noch ein Comic über Flibustiere. Dieselbe Gegend (Palmen, Riffe, Strand), dieselben Typen (Perücken, Dreispitz, Säbel), aber wieder ein anderer Begriff. Flibustiere. Klingt zoologisch, meint aber vor allem die französischen Piraten, die ab etwa 1625 auf kleinen, aber schnellen und leichten Booten (= frz.: „Flibot“) Raubzüge an den Küsten der Antillen unternahmen und dabei von Bucht zu Bucht schipperten, um ihre Boote rasch in Flussmündungen oder Coves zu verstecken und Proviant aufzunehmen… Für größere Kaperfahrten wurden aber größere Mengen an Nahrung und Wasser benötigt. Englische und französische Flibustiere schauten sich auf Haiti und Jamaica ein Verfahren zur Konservierung von Fleisch ab, das die indigenen Ureinwohner praktizierten: So wurde auf einem Rost ( = Arawak: „Bukan“ ) bei geringer Glut Fleisch von wilden Ziegen, Rindern oder eingeführten Schweinen langsam gedörrt, dann geröstet, das so trotz tropischer Sonne über lange Zeit nicht verdarb. Nach diesem Verfahren, das Ihnen längere Strecken an Land wie zur See gestattete, nannten die Briten diese neuen Seeräuber „Buccaneers“ = Bukaniere ! Die unterschiedlichen Namen definierten die Seeräuber: So waren Freibeuter im Auftrag für eine Nation unterwegs und Bukaniere für einen lokalen Kommandeur oder Gouverneur. Beide wurden mit offiziellen Kaperbriefen ausgestattet. Mit dem Lateinischen Begriff „Pirat“ (aus dem griechischen peiran = wegnehmen), wurden Seeräuber bezeichnet, die nur unter eigener Flagge und auf eigenes Geheiß segelten und damit von allen Seiten verfolgt wurden. Für die im 17. Und 18. Jh. Krieg führenden Europäer bedeuteten Bukaniere und Freibeuter eine „low – budget“ Variante, um fern der eigenen Gewässer eine Art Guerillakrieg zu führen. Die Freibeuter segelten auf eigene Verantwortung und eigene Gefahr, bekamen einen Teil der Prise und brauchten in Friedenszeiten nicht weiter versorgt werden. Besonders mit dem spanischen Erbfolgekrieg (1701 – 1715), der zwischen den großen europäischen Mächten geführt wurde und mit seiner weltweiten Ausdehnung auf alle Kolonien als erster Weltkrieg der Geschichte bezeichnet werden kann, füllte sich die Karibik voller Freibeuter und Bukaniersflotten. Aus dieser Ära, die das „Golden Age of the Buccaneers“ bezeichnet, entspringt unser Bild des Piraten. Mit dem Ende des Erbfolgekrieges waren plötzlich hunderte Freibeuter der Karibik arbeitslos: Sie setzten ihre Dienste offiziell Marine oder Handelsmarine fort, wurden sesshaft oder blieben –als Piraten – an Bord ihrer Schiffe. Nunmehr vogelfrei erklärt, wurden sie von den ehemaligen Kriegsparteien vereint gejagt. Kapitäne, die sich trotz Mangel an Nachschub und politischer Unterstützung weiter erfolgreich als Piraten behaupteten , erlangten rasch berüchtigten Ruhm: Blackbeard, Sam Bellamy, Jack Rackham, Edward England und viele Andere, deren Namen, Flaggen und Schiffsnamen bis heute bekannt sind. Natürlich gab und gibt es Piraten überall auf der Welt, mal von Mythen umwoben wie bei Störtebeker, mal von Makel begleitet wie bei den heutigen Seeräubern. Doch das Bild, welches wir in Europa vom Piraten haben, ist das des karibischen Bukaniers: Als Robert Louis Stevenson mit der Figur des „Long John Silver“ das Motiv des „guten Piraten“ schuf, adaptierte er den Charakter des „Edlen Wilden“, den Daniel Defoe mit Robinson Crueso’s Partner Freitag entwickelte. Der gute Pirat hatte historische Vorbilder: William Dampier (1651 – 1715) , der als Entdecker, Navigator, Kartograph, Autor und Biologe berühmt wurde. Oder Sam Bellamy, der Gentleman – Pirat, der nur aus Treue zu seiner Geliebten zum Bukanier wurde, viele Sklaven befreite, unnötige Gewalt verabscheute und schließlich in einem Sturm 1 Meile vor dem neuenglischen Küstenort seiner Geliebten ertrank. Auch der „böse“ Pirat hat echte Bezüge, die eher kaltblütigen Kapitäne Blackbeard, Bartholomew Roberts oder Emanuel Wynn, der erstmals den Jolly Roger, hisste und die bis heute bekannte Piratenflagge mit gekreuzten Knochen und Schädel entwarf. Das Genre des Pirtenromans generierte den Piratenfilm. Der böse Captain Hook mit dem Vorbild Blackbeard taucht später bei Walt Disney’s „Peter Pan“ genauso auf wie sein Antagonist in Errol Flynn’s Paraderolle als „Captain Blood“. Spätestens seit Johnny Depp als Captain Jack Sparrow im Kino – Mehrteiler „Fluch der Karibik“ Millionen Zuschauer weltweit vor die Leinwände bannte, berührt die Welt der Piraten ein Massenpublikum. Captain Blood, Jack Sparrow oder Long John Silver mit ihren Vorbildern William Dampier oder Sam Bellamy sind stilisierte Figuren, ja Ikonen: Dieser Archetyp des Freibeuters ist dem europäischen Betrachter seit dem „goldenen Zeitalter der Buccaneers“ Mitte des 17. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts visualisiert: Zwischen Hochbarock und Rokoko trug der Offizier die Perücke, darüber den Dreispitz. Der Säbel symbolisierte Stand und Führung und funktionierte auch in feuchter Seeluft – im Gegensatz zu Schusswaffen. Ihren Besitz trugen Seeleute in Form von Ringen und Ketten am Körper, denn Geldbörsen wurden verloren, geklaut oder gingen über Bord. Ein Teil der gekaperten Beute wurde als Prise ausgezahlt; Gegenstände aus Gold und Silber wurden noch an Bord zerhackt, geschmolzen und in Ringe, Ketten und Armreife gegossen. So führte keine Spur auf die Herkunft des Edelmetalls und der Seemann hatte in jedem Hafen ein akzeptiertes Zahlungsmittel. Rum – das braune Gold. Ein weiteres wichtiges Zahlungsmittel war der karibische Rum besonders der Jamaica – Rum. Autor Dirk Becker hatte bereits in Mixology Nr. 5 / 2010 mit seinem fundierten Beitrag über den „Navy Style Rum“ über die historische Verbindung von Rum und Seefahrt berichtet. Doch welche Rolle spielten dabei die Piraten der Karibik? Ein Blick zurück: Erst mit der Reconquista und der Eroberung Granadas 1492 kamen die Europäer überhaupt in Kontakt mit Rum, doch vermochten sie ihn mangels Kenntnis von Zuckerrohranbau nicht selber herzustellen – im Gegensatz zu den Arabern, welche Rum seit langem in ihren transsaharischen Territorien und den Inseln des indischen Ozeans produzierten. Mit der Expansion nach Westen, ins Mittelmeer und auf die iberische Halbinsel gelang es Ihnen sogar die Kultivierung von Zuckerrohr in weit nördlichere Gebiete. Mit dem Ende der arabischen Hochkultur verschwand, wie so Vieles, auch die Kenntnis über die Produktion von Zuckerrohr und Rum. Columbus hatte aber, ganz weitsichtig, die letzten Pflanzen nach seiner zweiten Amerikareise Reise 1493 auf Hispaniola eingeführt. Doch erst sehr viel später, über Brasilien und Jamaica, sollte die bis dato einzige Zucker liefernde Pflanze ihren erfolgreichen Anbau in den neuen Kolonien der Europäer beginnen. Ab dem 17. Jahrhundert schließlich entwickelte sich die Idee, in größerem Maße Schnaps aus dem Süßgras zu brennen. Den ersten beurkundeten Hinweis auf den Namen finden wir um 1650 als „rumbullion“ (engl. = Aufruhr, Tumult) und besonders seit dem 8. Juli 1661 von General Edward Doyley, den 1. englischen Gouverneur von Jamaica, welches die Spanier mit der Eroberung von Admiral William Penn 1655 verloren. Ab 1667 wurde der Schnaps offiziell als „Ron“ (kastillisch) bzw. Rhum“ (französisch) bezeichnet. Jamaica, günstig unter dem Wind gelegen, mit vielen Buchten und Naturhäfen und mitten in der Karibik vergrößerte den englischen Einfluß in der Neuen Welt: Die Kleinste der Großen Antillen war idealer Ausgangspunkt für Kaperfahrten auf spanische und französische Ziele. Während Franzosen und Spanier noch Cognac und Brandy in Eichenfässern in die Karibik transportierten, der schnell verdarb, begannen die Engländer nun mit der Produktion von Rum: Zuckerrohr wuchs überall in den Tropen, ließ sich ganzjährig ernten, gut destillieren und trotz der Hitze einfacher lagern. Rum aus der Karibik entwickelte sich für die britische Krone wie später Gin aus Indien zu einem wertvollen Gut, das auch in Europa erfolgreich verkauft werden konnte. Sowohl Freibeuter wie offizielle Marine zahlten einen Teil der Heuer durch Rationen von Rum aus. Vor allem der ehemalige Kaperfahrer Henry Morgan, (selbsternannter „Chefadmiral aller Bukaniersflotten“ und Verfasser des „Piratencodex“, erst auf Jamaica verhaftet, dann 1674 in London begnadigt und als Gouverneur von Jamaica in den Adelsstand erhoben), führte Rum als offizielles Zahlungsmittel für seine Flotte ein. Rum als Handelsgut entwickelte sich ab Anfang des 18. Jahrhunderts derart erfolgreich, dass auch Spanier und Portugiesen das Modell kopierten und Rum aus Venezuela, Pánama, Brasilien, Haiti, Puerto Rico und Kuba den Weg nach Europa fand. Zur Hochhaltung der Preise erteilte die britische Admiralität immer mehr Kaperbriefe, um spanische Schiffe aufzubringen und neben Gold und Silber auch die Rumlieferungen nach Europa unter Kontrolle zu bringen. Doch der Plan konnte nicht aufgehen – zu viele Brennereien entstanden, bald auch auf den Kanaren, Kap Verde, den Phillippinen, Sri Lanka und Ecuador sowie im indischen Ozean Madagascar, La Réunion, Mauritius usw. …das alles war auch für die gewieften englischen Freibeuter nicht zu erobern. So dehnten die Engländer zunächst die Warenpalette tropischer Güter aus: Tabak, Kakao, Kaffee und Baumwolle befüllten die europäischen Häfen und Börsen. Ihre Freibeuter trotzten in zahllosen Scharmützeln immer mehr Boden in der Karibik ab: Belize, Guyana, Barbados, Haiti…Die Plantagenwirtschaft begann und wurde in den sicheren Kolonien der amerikanischen Ostküste erfolgreich fortgeführt. „Kohle“ an Bord! Um die flächendeckende Produktion in sengender Hitze zu gewährleisten, benötigten die Händler immer mehr vom wichtigsten Gut: Menschliche Arbeitskraft! Nach dem Genozid an den indigenen Völkern folgte ein neues, trauriges Kapitel europäischer Machtentfaltung in der Karibik: Die Sklaverei! Der Bedarf an billigen Arbeitskräften forderte immer mehr Menschen und setzte den Exodus von Millionen Westafrikanern in Gang. Neben Gold, Silber, Rum und Tabak Fortan konzentrierten sich die verfeindeten Mächte auf das Kapern von Sklavenschiffen. Ein erobertes Sklavenschiff bedeutete Schaden für die gegnerische Produktion und gleichzeitig Arbeitskraft für die eigenen Plantagen. Hier nehmen die Buccaneere eine besondere Stellung ein, die den Mythos des „guten Piraten“ nachhaltig belebte: Freibeuter und Buccaneere wie der „Gentleman – Pirat“ Sam Bellamy oder der Entdecker William Dampier befreiten die Sklaven geenterter Schiffe und gliederten sie als vollwertige Mitglieder in ihre Mannschaften ein. Gerade die Afrikaner erwiesen sich so als besonders schlagkräftige Bukaniere, voller Haß auf ihre Entführer und besonders loyal zu ihrem Kapitän, denn eine Niederlage auf See endete zwangsweise wieder in der Sklaverei. Sie konnten unter den Freibeuterkapitänen eigenen Besitz mehren und Führungspositionen erreichen. Ausgerechnet bei den Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts fanden verschleppte Afrikaner also erstmals Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – lange vor der französischen Revolution und noch länger vor dem offiziellen Ende der Sklaverei. Denn bei allem Pioniergeist und aller Geldgier wohnte allen Freibeutern derselbe Geist inne: Der Wunsch nach Selbstbestimmung. Foto: DugganArt Erstveröffentlichung in mixology 1/2011

February 18 2011, 9:55am

transmediale11: Radio Tactics – Radio Magics

RESPONSE:ABILITY lautete die kryptische Metapher der diesjährigen transmediale.11, die am Wochenende in Berlin zu Ende gegangen ist. Gemeint war damit das Zurechtfinden der Menschen innerhalb der digitalen Welt, in der wir uns ununterbrochen einer digitalen Stimulation ausgesetzt sehen. Über 200 Künstler, Kreative und Wissenschaftler stellten hierzu im Haus der Kulturen der Welt sowie über die ganze Stadt verteilt verschiedenste Performances, Installationen, Videoarbeiten und Konferenzen vor. Dabei wurde auch ein alter Staubfänger wiederentdeckt: das Radio! Das Netz als Echtzeit-Lebensraum und der Mensch mittendrin: die digitale Kultur hat unser Leben nicht nur technisch, sondern auch sozial radikal verändert. Mittlerweile sind wir gleichzeitig on- und offline, erstellen eine Vielzahl an virtuellen Identitäten und schaffen es so scheinbar mühelos, zur selben Zeit überall zu sein. Was aber bedeutet dieser permanente Zustand der Digitalen Liveness für uns Menschen in unseren Identitätskonzepten und sozialen Beziehungen? Welche politischen Fragestellungen ergeben sich daraus? Und überhaupt: trägt in diesem Gewusel eigentlich irgend jemand die Verantwortung? Auf dem diesjährigen Festival für Kunst und digitale Kultur transmediale wurden eine Vielzahl an Arbeiten vorgestellt, die den Menschen in diesen Entwicklungen positionieren…

Unter dem Motto „Das Netz ist hier und jetzt, es ist live. Andere haben es für uns gebaut – gestalten müssen wir es jetzt selbst“ erschien es zunächst etwas erstaunlich, dass ausgerechnet dem Radio als Medium gleich am zweiten Festivaltag eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Zwar gehört Radio auch heutzutage neben Internet noch immer zu den meistgenutzten Live-Medien weltweit. Als ältestes Massenkommunikationsmedium kommt ihm dabei aber die bemerkenswerte Rolle des Reliktes zu, dass als reines Audioformat in einer primär visuell ausgerichteten digitalen Welt mehr oder weniger standhaft überlebt zu haben scheint. Mit einer eigenen „Unter-Konferenz“ namens ´Test Signals´ rückte man dem Radio auf der transmediale.11 zu Leibe und versuchte in zwei Gesprächsrunden zu ergründen, wie sich das Radio in der digitalen Zukunft positionieren kann bzw. welches gesellschaftliche und politische Potential ihm zukünftig als freie Plattform zukommen könnte. Geraldine de Bastion, Projektmanagerin bei newthinking communications, hatte in der ersten Gesprächsrunde ´Radio Tactics´ klare Antworten: „Radio kann (mehr oder weniger als einziges Medium) die letzten noch unerschlossenen ländlichen und abgeschiedenen Gegenden an das globale Informationsnetz anschließen!“ Radio schlägt also die Brücke von der alten in die neue Welt der Kommunikationsmedien. Um technisch mitzuhalten muss es sich aber unbedingt den neuen Technologien gegenüber öffnen, so fuhr de Bastion fort, und das heißt: die Verwendung von “open source technologies“, “crowd sourcing“ und “cross media“! Was das im einzelnen bedeutet, wurde von den drei weiteren Rednern aufgegriffen. Douglas Arellanas von http://www.sourcefabric.com und Mitorganisator der ´Test Signals´-Reihe entwickelt eben jene open source Technologien für Radiomacher. Gerade für Journalisten und Radioprogrammierer ist eine frei verfügbare Software wichtig, da sie ihnen für ihre oft unter oder gar nicht finanzierten Projekte Unabhängigkeit und Qualität verspricht – egal ob terrestrisch oder online. Dass die Möglichkeiten des Rundfunks besonders in politischen Krisengebieten wie zur Zeit im arabischen Raum eine enorme Bedeutung erfährt, betonte Arellanas fast nebenbei: „radio still works when internet shuts down!“ Innovation und Eigensinn waren für Diana McCarthy, der zweiten Rednerin, Schlagworte ihres Radiosenders. Als Mitbegründerin der freien Berliner Radiosender Herbstradio und seinem Nachfolger Reboot FM steht sie für ein freies, unabhängiges Radioprogramm, dass – im Gegensatz zum Trend der Zusammenfassung von Hörerschichten bei kommerziellen Radiostationen – den speziellen Geschmack kleinerer Hörerschichten anvisiert, und das heißt: „crowd sourcing“. Als ein junges Berliner Nischenradio mit Fokus auf aktueller, experimenteller Musik setzt Reboot FM einen Hörer mit i-Pod-Gewohnheiten voraus, der bereits über ein großes Kontingent an aktueller Musik verfügt. Etwas Neues spielen, das auch Grenzen überschreitet und Interessant ist: für Diana McCarthy heißt die Zukunft Crossover innerhalb einer bestimmten Nische, der man sich voll und ganz verschreibt. Wie die Zukunft des Radios technisch nun konkret aussieht, wusste schließlich der letzte Redner Jonathan Marks: hybrid! Ein Zwitter namens “Cross Media“ wird sich entwickeln, indem sich Audio, Visuals und Text auf eine „relevante“ Art und Weise miteinander verbinden. Im Mittelpunkt des Ganzen steht natürlich der Empfänger bzw. Konsument: „Radioproduzenten werden lernen müssen, nicht für, sondern mit einem Publikum Radio zu machen!“ Denn frei nach dem Motto „if i want to harm you, i isolate you“ wird die soziale Vernetzung auch beim Radio zukünftig eine stärkere Bedeutung haben. Also Teilen statt reine Beschallung – doch wie soll das aussehen? Denn Radio „beschallt“ nicht nur oder donnert gar auf den unwilligen Hörer herab, sondern kommuniziert und – fasziniert! Diesem Aspekt widmete sich der zweite Teil der Gesprächsrunde mit dem schönen Titel ´Radio Magic´. Die eingeladenen Radiokünstler Sarah Washington, Knut Aufermann, Alejo Duque, Alejandra Perez Nuñez sowie die Gründerin des Wiener Radiosenders KUNSTRADIO-RADIOKUNST Heidi Grundmann zeigten hier, inwiefern die Faszination am Radioklang als künstlerisches Potential genutzt werden kann. Zusammen versuchte man zunächst in persönlichen Rückblicken den „Radiozauber“ sprachlich zu erfassen, aber bedauerlicherweise Weise begann hier die Diskussion zu verwässern und ins Plauderhafte abzudriften. Als später die Sound-Arbeiten der Künstler vorgestellt und angespielt wurden, wurde schnell klar, warum: Radio-Magie liegt wortwörtlich in der Luft! Das Magische ist das Ungewisse: wer sitzt hinter den Stimmen, Geräuschen und Klängen? Und wer kann sie alles hören? Und als schließlich Alejo Duque auch noch zu einer verbogenen Antenne griff und demonstrierte, wie zufällig vorbeifliegende Radiowellen in einem Auditorium klingen können, kroch die Faszination auch in die letzte Reihe des Publikums. Da irritierte dann auch das etwas fahrige Schlußplädoyer von Knut Aufermann nicht mehr, man möge nach der Veranstaltung einfach selber weiter nach Experimenteller Radiokunst suchen. Man macht es einfach. http://reboot.fm/ http://www.kunstradio.at/ http://resonancefm.com/ Fotos: Transmediale, Beate Stender

February 11 2011, 9:47am

#CTM11: Live ist tot, es lebe die Liveness!?

Das mit der Transmediale (#TM11) verschwesterte und zeitgleich statt findende Festival Club Transmediale (#CTM11, 1. – 6.2.2011) in Berlin ist in diesem Jahr der Frage der “liveness” nachgegangen, vor allem mit einem zweitägigen Symposium zu Beginn des Festivals (1. – 2.2.) im HAU1, am Donnerstag dann mit Vorlesungen und einer Diskussion im Haus der Kulturen der Welt, gemeinsam mit der Transmediale. Die Frage, was eigentlich “live” ist, gehört zu den wichtigsten Fragen der “digital culture” (imho), entsprechend vielfältig und kontrovers ist der Begriff dann auch diskutiert worden. Während etwa für Wolfgang Ernst, Professor für Medientheorien an der Berliner HU und Eröffnungsredner des Symposiums, “live” mit den digitalen Medien endet, stellte gleich die erste anschließende Diskussionsrunde eine Renaissance des “live”, gerade durch die Verbreitung digitaler Medientechnologie, fest. Dieser Text wird sich hauptsächlich mit der Frage der Live-Musik und auditiver Medienkultur befassen, da mich einerseits die Frage der Laptop-Konzertsituation und des Computers als Musikinstrument persönlich beschäftigt und andererseits ein Blogeintrag über ein einwöchiges Festival eine gewisse Reduktion vorschreibt, wenn nicht einfach nur aus jedem Dorf ein Hund präsentiert werden soll. Verweise auf andere, artverwandte Live-Kontexte können jedoch immer leicht gezogen werden… Der Begriff “live” ist aus mehreren Perspektiven heraus schwierig. Einerseits ist eine direkte Übersetzung in die deutsche Sprache nicht möglich, andererseits gibt es auch keinen eindeutigen Begriff für sein Gegenteil. Auf der CTM tauchte unter anderem der Vorschlag “prerecorded” auf, damit scheint man sich unter anderem mit dem Werbetext für das neue Beatsteaks-Album einig zu sein, der in Berliner U-Bahnen zur Zeit über die Bildschirme flimmert. Dort wird verkündet, der größte Teil des Albums sei “live” eingespielt worden, was bedeutet, die Aufnahme der Instrumente erfolgte hauptsächlich zeitgleich, quasi in einer Performance der ganzen Band, nur einige “Overdubs” sind später hinzugefügt worden. Interessant ist hier, dass das Album ja als Studio-Album (nicht als Live-Album) verkauft wird,innerhalb dessen dann offenbar eine live/nicht-live Unterscheidung getroffen werden kann. Die Form live/nicht-live tritt dann, systemtheoretisch formuliert, auf der nicht-live-Seite wieder in die Form ein. Das kann natürlich auch auf der live-Seite passieren, wenn bei einem Konzert einige Spuren per Sequenzer eingespielt werden und so das Live-Konzert dann wieder nicht-live Elemente bekommt, oder wenn sich plötzlich herausstellt, dass der Sänger gar nicht “live” singt. Hier zeigt sich schon, dass eine rein medientechnische Definition problematisch ist. Die Laptopkonzerte, die ich ab und zu spiele, wären danach jedenfalls ziemlich unlive, und dies dürfte für den größten Teil elektronischer oder elektroakustischer Musikgeschichte gelten, in der “abgespielte” Elemente einer “halbfertigen Musik” (Loops, Grooves, Arpeggiatoren) immer schon eine große Rolle spielten. Der Zusatz “live” hinter den Acts der Lineups derzeitiger Clubkultur deutet dabei da diese Unterscheidung statt, wo ist der Unterschied, der einen Unterschied macht? Wenn man heute die Setups von DJs und Live-Musikern auf den Konzertbühnen vergleicht, scheint eine Trennung – wenn man sie überhaupt akzeptiert – anhand von Software, Hardware, Instrumenten oder Tools, schlicht unmöglich. Was genau soll der Begriff live eigentlich aussagen? Mit jeder Beobachtung oder Unterscheidung möchte man etwas bestimmtes beobachten und von etwas anderem unterscheiden. Jede Unterscheidung, die man bildet, um etwas zu untersuchen, verdeckt aber immer auch etwas, beobachtet etwas nicht. Und zwar wird dabei eine ganze Menge mehr nicht beobachtet, als beobachtet wird. Das gilt auch für den Begriff des “live”. Er suggeriert ja möglicherweise einen Verweis aus den allgegenwärtigen (und in Medien diskutierten) Medien heraus. Doch es geht nicht um die Unterscheidung medial/nicht-medial. In seinem Vortrag gleich zu Beginn des CTM-Symposiums zur Frage “What is live?” hat Wolfgang Ernst in diesem Sinne die wichtige Feststellung gemacht, dass “live” mit Blick auf elektronische Medien bezogen entstanden ist, auch Philip Auslander stellte das später fest. Die Unterscheidung live/ nicht-live verweist also auf keiner Seite aus den Medien heraus, sondern wird benutzt, um unterschiedliche mediale Settings voneinander zu unterscheiden. Kurz: ohne Medien bräuchte man den Begriff gar nicht (letztlich eine triviale Feststellung). Dabei erzeugen nach Ernst elektronische auditive Medien immer eine Form akustisch realer und gegenwärtiger Präsenz – der Moment des Erklingens ist immer live. Diese Präsenzerzeugung elektronischer Medien ist im Gegensatz zur mit Symbolen arbeitenden Schrift Teil einer radikal vergegenwärtigenden Technologie. Unsere Sinne, immer auf den aktuellen Moment bezogen, lassen sich dabei gewissermaßen täuschen, die Vergangenheitsverneinung der Medien, die im Vortrag leider bisweilen sogar noch ontologischer als Todesverneinung in Erscheinung trat, wird hier als Betrugsversuch verstanden. Das aktuelle, perzeptuell immer gegenwärtige Medienerlebnis kann und muss also im Nachhinein mit der Unterscheidung live/nicht-live behandelt werden. Digitale Übertragungen erfolgen bekanntlich leicht zeitverzögert (hier wird gerne das Beispiel der Übertragung eines Fußballspiels bemüht, bei der der analoge Nachbar schon jubelt, während man selbst erst den zuvor digitalisierten Pass auf den freistehenden Stürmer sieht). Solche Zwischenspeicherungen gibt es bei Medien wie dem Radio nicht. Ernst stellt in Folge die steile These auf, digitale Medien verlören durch diese Zwischenspeicherung das Attribut “live”: durch die zwischenzeitliche binäre Codierung endet dieses Konzept gewissermaßen. Da sich jedoch auch beim digitalen live-stream ein Live-Effekt einstellt – das kann kaum bestritten werden – bleibt ihnen die phänomenologische “liveness”. Die digitalen Medien zeigen uns also dankenswerterweise – so würde ich zusammenfassend formulieren, um aus diesem Dilemma noch irgendwie halbwegs unbeschadet herauszukommen und etwas Verwertbares abseits neuer sperriger Begriffe mitzunehmen – dass “live” als medientechnisches Konzept der scheinbar unmittelbaren Übertragung gestorben ist. Wenn wir das festgestellt haben, können wir zu den wirklich spannenden Fragen der liveness-Debatte übergehen. In der ersten Session des Symposiums wurde dann, durchaus konträr zum Vortrag von Wolfgang Ernst kurz zuvor, eine Renaissance des “live” diskutiert, etwa die momentan boomende Konzertkultur angesichts der andauernden Krise der Tonträgerindustrie, oder die strukturell im Web2.0 verwurzelte Feststellung, dass im Zeitalter von Skype, Ustream und auch Twitter jeder ein Sender, jeder also “live” sein kann – so jedenfalls die Perspektive von Andreas Bogk vom Chaos Computer Club. Hier ist man dann schnell bei der aktuellen und wichtigen Debatte zur Netzneutralität – “live” wird zum Politikum. Philip Auslander beschrieb in seinem Vortrag am Mittwoch, dass der Begriff “live” nicht mit Aufkommen der Möglichkeit der Tonaufnahme, dem Phonographen oder Grammophon, sondern vielmehr mit der Verbreitung des Radios notwendig wurde (in Kombination mit Aufnahmemedien, müsste man hinzufügen). Denn die Hörer konnten nicht feststellen, ob es sich bei den Klängen um eine Schallplattenaufnahme handelte, oder ob nicht eben doch das Runfunkorchester “live” zu hören war. Anstatt eine rein übertragungstechnische und so letztlich problematisch bleibende Definition zu entwickeln, stellt Auslander eher das Verhältnis von Künstler oder Sender und Publikum in den Blickpunkt des Interesses. “Live” haftet einer Aufführung, einem Objekt oder der bloßen Ansammlung von Menschen nicht ontologisch an, sondern wird immer durch die Akzeptanz der liveness einer Aufführung durch ein Publikum hergestellt. Liveness wird zur Beziehung zwischen Künstler und Publikum, eine Methode der Synchronisation zwischen Sender und Empfänger, die eben nicht nur zeitlich zu verstehen ist, aber natürlich bestimmte Bedingungen hat. In dieser Beziehung ist mir der Einwurf von Malcom Le Grice deutlich im Gedächtnis geblieben, der die Idee einstreute, dass in einer Live-Situationeine ausgeführte Entscheidung nicht zurückgenommen werden kann, es also kein “undo”, kein strg/cmd-z gibt.

Philip Auslander, Foto: Katrina James, illgetyoumypretty.net Zuvor hatte bereits Rolf Großmann in seinem Vortrag zum Verhältnis von Medien und Musikinstrumenten in struktureller Übereinstimmung mit Positionen von Auslander festgestellt, dass es bei der Frage, ob ein Ding ein Instrument sei, im Grunde um Zuschreibungen und Erwartungen geht, nicht um Ontologie oder Technik eines bestimmten Gegenstandes, der “an sich” ein Instrument, oder vor allem “an sich” kein Instrument ist. Die Frage nach dem Musikinstrument und die Frage nach der Live-Situation im Zeitalter digitaler Virtualität sind aus dieser Perspektive heraus verwandt. Wendet man den Blick jedoch – ähnlich wie mit Auslander oben beschrieben – von Gegenständen oder Übertragungswegen ab, können rote Fäden kultureller Konfiguration der Aufführungspraxis, instrumentenspezifische Schulenbildung oder Phänomene der Virtuosität beobachtet werden, die das Instrument als kulturelles Setting treffender definieren. Medien sind also längst Teil aktueller Instrumentenkultur. Dabei wies Großmann in einem kulturhistorischen Ansatz darauf hin, dass die Grenzen zwischen Instrumenten und Medien nicht jetzt erst, sondern wieder, verschwimmen. Reproduktionsmedien, mechanische Musikautomaten und die ersten analogen Speichermedien (Phonograph, Grammophon) wurden als Instrumente wahrgenommen, waren Teil einer lebhaften Aufführungskultur. Diese “Liveness” des instrumentalen Spiels ist den Reproduktionsmedien in soziokulturellen Transformationsprozessen in der Mitte des letzten Jahrhunderts allerdings abhanden gekommen, die klangliche Vergegenwärtigung, die Präsenzerzeugung im medialen Moment wurde fortan als Verweis auf etwas Vergangenes, nicht als Eigenwert, verstanden. Die Frage, ob Medien Instrumente sind, hat uns (Musikwissenschaftlern) die aktuelle Musikkultur im Grunde abgenommen: Clubs feiern DJs als Interpreten einer klar definierten Aufführungskultur und die Instrumente dieser Aufführungskultur sind Musik(Medien)instrumente. Jede Wissenschaft, die dies vernachlässigt, koppelt sich von aktueller Musikkultur ab und agiert entweder rein historisch, oder entwickelt einen eigenen, normativen Instrumentenbegriff des “do und don’t”, der mit populärer Kultur letztlich nichts zu tun haben will (auch diese Perspektive fand sich auf dem Symposium) und sich wohl zu einem guten Teil aus Ängsten vor Kontrollverlust oder Paradigmenwechsel speist. Natürlich bedeutet dies nicht, dass nicht auch verschiedenste Veränderungen statt finden, die kritisch beleuchtet werden können (so wie es in der aktuellen systematischen Musikwissenschaft bereits geschieht, siehe etwa Harenberg/Weissberg (Hg.): Klang (ohne) Körper. Spuren und Potenziale des Körpers in der elektronischen Musik, Bielefeld: Transcript, 2010). Um beispielhaft noch einmal auf den Kontext der Konzertsituation zurück zu kommen: reinen Lautsprecherkonzerten, wie sie etwa sehr früh schon von Vertretern der musique concrète in Frankreich durchgeführt wurden, fehlte ein Interpret, fehlte die für das Publikum nachvollziehbare, musikalische Geste [steile These: in den heutigen Lautsprecherkonzerten der Clubs und Discos tanzt das Publikum deshalb selbst]. In eine ähnliche Richtung gingen jedenfalls am Donnerstag dann die Ausführungen Eric Kluitenbergs, der in seinem Vortrag über “Digital Liveness” den Kontext von Online-Symposien am Beispiel des 2010er Electrosmog-Festivals aufgegriffen hat. Wenn ein Vortrag per Videochat übertragen wird, blieben die Veranstaltungsräume leer, im Gegensatz zu Vorträgen mit körperlich anwesenden, gestikulierenden und mimenden Sprechern. Das auch auf der TM und CTM wieder angesprochene “Email-Paradigma” (Looking like I’m checking email, I’m not getting any female, Pascal Plantinga) zeigt, dass die Live-Situation im Konzert elektronischer Musik offenbar mehr erfordert, als die bloße Präsenz eines ausführenden Musikers, der mit einem winzigen Tastendruck jeden erdenklichen Klang erzeugen kann. Das funktionierte bei Kraftwerk noch alsgezielte Inszenierung einer kühlen Maschinenästhetik, ist heute aber nur noch ein Treppenwitz der Medienmusikgeschichte. Foto: Cover des Buches von Philip Auslander: Liveness: Performance in a Mediatized Culture. London, New York: Routledge, 1999.

February 10 2011, 9:45am

Seite 1 2 3 4 5