The Last Mortician ist ein hochkarätiger Webcomic, der aus der Feder des gefeierten Schriftstellers Tim Hall und dem Karikaturisten Dean Haspiel stammt. Haspiel ist ein Meister seines Faches und hat bereits einige Nominierungen für den Eisner Award und sogar einen gewonnenen Emmy Award in der Kategorie “TV design work” aufzuweisen. Bei unserem Streifzug durch das Web sind wir auf diese Perle gestoßen: Acclaimed writer Tim Hall and Eisner-nominated and Emmy-winning cartoonist Dean Haspiel bring us a stark vision of a future in which one of humanity’s oldest professions is no longer essential. What might bring about such a world, and what might happen to the practitioners of this ancient art? What kind of world no longer needs someone to tend to their dead? Sobald Ihr auf die Grafik klickt, werdet Ihr zum Webcomic weitergeleitet. Gute Unterhaltung!
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Webcomic: The Last Mortician
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November 9 2011, 9:30am
Literatur: Der amerikanische Agent
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Gegner im Geschäft, Gleichgesinnte im Geist: Paul Bowles’ Förderung marokkanischer Literatur im Spiegel Tahar Ben Jellouns’ „arabischen Frühlings“
Tahar Ben Jelloun scheint im deutschen Literaturkosmos derzeit gefragt wie nie zuvor: Erst wurde der in Paris lebende renommierte marokkanischen Schriftsteller („Papa, was ist ein Fremder?“) und Journalist mit dem Erich-Maria-Remarque Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet. Dann berief ihn das gerade abgeschlossene 11. internationale Literaturfestival Berlin als Ehrengast. Ben Jellouns’ jüngstes Buch „L’étincelle“1 gilt als wichtigste aktuelle Bestandsaufnahme zu den revolutionären Ereignissen in der arabischen, insbesondere maghrebinischen Welt, zumindest, was die hohen Verkaufszahlen betrifft. Unter Journalisten und Rezensenten wird „L’etincelle“ dagegen zwiespältig bewertet: Zwar werden Ben Jellouns zeitnahe Beobachtungen gewürdigt, auch seine quer durch den Orient reflektierten Prognosen geschätzt, doch gerade bei Ben Jellouns historischer Analyse entzündete sich auch Kritik:
So bezeichnete Autor Niklas Bender in seiner Rezension für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Tahar Ben Jelloun nur als „Trittbrettfahrer“ und als einen der „résistants de la dernière heure“, als „Widerständler der letzten Stunde“, der in Zeiten des Umbruchs auf der „sicheren Seite“ stehen will – ganz wie die Wendehälse nach dem Berliner Mauerfall 1989. Zwar spricht Bender Ben Jelloun einige Meriten zu, da er einige Hintergründe zum Aufruhr im Maghreb dokumentiert, erklärt, wie weit die Verzweiflung der Menschen gegangen sein muß, dass sie sich sogar selbst verbrennen und gibt den Opfern der arabischen Diktaturen Namen und Gesichter. Doch insgesamt tritt „L’etincelle“ in Benders’ Rezension hinter die gesetzten Erwartungen zurück, ja offenbart dem Leser eher eine heuchlerische Seite des Autors Gaddafi “der Abscheuliche” (Ben Jelloun) wurde im Dezember 2007 bei einem heftig kritisierten Staatsbesuch in Paris von Nicholas Sarkozy hofiert. Ein paar Wochen später, am 1. Februar 2008, nahm Tahar Ben Jelloun das Großkreuz eines Offiziers der Ehrenlegion aus der Hand des französischen Präsidenten entgegen; Sarkozys’ Rede stand sogar auf der Website des Schriftstellers. Es ist, so schließt Bender, „eben nicht jeder Sartre, der es gern wäre!“
„Marokkanischer Sonderweg?“
Bezeichnender indes ist das entlarvende Kapitel auf den marokkanischen „Sonderweg“ mit Ben Jellouns Loblied auf den aktuellen Monarchen Mohamed VI. Sicherlich ist „M6“, wie der junge König in Marokko genannt wird, etwas moderner, als die ultrakonservativen Regenten in Saudi Arabien oder Bahrain, ist die Situation Marokkos im Vergleich zu seinen Nachbarländern weniger repressiv, doch noch lange nicht fortschrittlich oder gar aufgeklärt: Auch in Marokko gab es Versuche von Selbstverbrennungen verzweifelter Oppositioneller. Die Finanzwelt ist in Händen einer allmächtigen Oligarchie, die sich die Früchte des marokkanischen Aufschwungs untereinander einverleibt, während 80% der Bevölkerung kaum vom Wirtschaftswachstum profitieren. Zwei Drittel der Marokkaner sind immer noch Analphabeten. Die allgegenwärtige Polizei nach wie vor ein willkürlicher Apparat, mit Sicherheitsdienst nach StaSi – Muster und Geheimgefängnissen. Die Korruption ist trotz Reformankündigungen noch lange nicht im Griff und das Militär unterdrückt jede Freiheitsbewegung in der annektierten Westsahara und deportiert deren Einwohner, die Saharaui, jenseits der Grenzen in isolierte Wüstengebiete Algeriens und Mauretaniens. Hier also von „ der marokkanischen Form des Fortschritts“ zu reden, „die eine Revolution von Seiten des Volkes“ nicht benötigt, ist nicht weniger als blanker Euphemismus.
Was ist da los? Wieso entwickelt Tahar Ben Jelloun, der sonst so exzellente und tiefgründige Romane schreibt, die ihn zu einer der wichtigsten zeitgenössischen Stimmen des Maghreb haben werden lassen, so eine opportune Haltung? Gerade er, der selber als kritischer Geist in den bleiernen Regentschaft Königs Hassan II in einem der schlimmsten Straflager interniert war:
Im Juli 1965 wurde der damals 20-jährige in Marokko wegen angeblicher konspirativer Kontakte verdächtigt und angeklagt, studentische Demonstrationen mit organisiert zu haben. Ben Jelloun wurde im berüchtigten (und mittlerweile geschlossenen) Straflager Tanzmamart interniert und konnte erst Jahre später sein Studium der Philosophie in der Hauptstadt Rabat wieder aufnehmen. Doch das Räderwerk der staatlichen Kontrollorgane verhinderte weiter die berufliche Entfaltung Ben Jellouns. 1971 emigrierte er daher nach Paris, wo er seither als Publizist und Schriftsteller lebt und für europäische Tageszeitungen wie die französische „Le Monde“ oder die spanische „El País“ schreibt. Ben Jelloun promovierte 1975 in sozialer Psychiatrie. Sprachlicher Reichtum und wissenschaftliche Kenntnisse verleihen seinem Werk eine analytische, aber gleichsam poetische Schöpfungskraft, die ihm mit dem 1985 erschienenen Roman „L’enfant de sable“ den Prix Goncourt und damit internationalem Durchbruch einbrachte.
Vielleicht wird der universale Blick dieses polyglotten Autors, der seit Jahrzehnten zwischen Orient und Okzident oszilliert, mittlerweile von demselben Wunsch nach Stabilität und gesellschaftlicher Anerkennung überlagert, den er als junger Mann bei etablierten Autoren vehement kritisierte. Ein Blick zurück:
Schon lange vor seinem Durchbruch in Frankreich schaffte es Tahar Ben Jelloun in den literarischen Diskurs, indem er 1972 eine scharfe Breitseite gegen den in Tanger lebenden New Yorker Schriftsteller Paul Bowles feuerte, die sich u. a. gegen dessen ausschweifenden Lebensstil in Marokko richtete: Konkret warf Ben Jelloun dem mindestens ebenso polyglotten „restless novelist“ Paul Bowles neben dessen Genuß von Marihuana und anderen Rauschmitteln auch die Neigung zu jungen Marokkanern vor. Diese, so Ben Jelloun, solle der bisexuelle Autor ebenso „gierig konsumieren wie Cannabisblätter“ und im Gegenzug ihre Zuneigung mit der publizistischen und eigennützigen Vermarktung ihrer Geschichten erkaufen.
Das saß! Bowles’ intellektuelle Aura strahlte bis zu Ben Jellouns Kritik nahezu ungehindert: Er, der Schöpfer des 1949 erschienenen Weltromans „The Sheltering Sky“ (dt.: „Himmel über der Wüste“), war damals schon eine lebende Legende und besaß nicht nur als Autor, sondern auch als Mentor und Förderer junger marokkanischer Schriftsteller starken Einfluß im internationalen, vor allem angelsächsischen Literaturbetrieb. 1947 zog der bis dato als Komponist und Librettist für Film – und Theatergrößen wie Orson Welles, Luchino Visconti oder Tennessee Williams bekannte Paul Bowles aus New York endgültig nach Tanger, das damals noch unter internationaler Verwaltung stand. Mit einem frisch erworbenen Autorenvertrag begann er hier seine Schriftstellerkarriere. Seine Frau Jane folgte ihm ein Jahr später in die antike Hafenstadt. Beide befreiten sich fortan vom repressiven Mief der McCarthy – Ära und lebten eine Art progressiven Hedonismus vor. Das illustre, in offener Ehe lebende Autorenpaar bestärkte den Ruf Tangers als liberale Jet-Set – Metropole, dem weitere namhafte Autoren wie William S. Burroughs, Truman Capote oder Allen Ginsberg aus den USA und Europa sehnsuchtsvoll nachreisten.
Paul Bowles als Förderer und Herausgeber marokkanischer Literatur
Bis zu Ben Jellouns Volte 1972 war hierzulande kaum bekannt, dass Bowles maßgeblich an der Förderung talentierter marokkanischer Erzähler beteiligt war: Mitte der 1960er Jahre erkrankte seine Frau Jane. Fortan widmete sich Paul Bowles ihrer Pflege und „Up above the World“, erschienen 1966, sollte sein letzter großer Roman bleiben. Bald fand er seine neue Berufung in der Entdeckung marokkanischer Talente: Ahmad Yacoubi, Mohamed Mrabet, Larbi Layachi. Die drei Autoren repräsentieren den typischen Erzählstil Marokkos: Yacoubi ironisch, Mrabet fabulierend und Layachi derb.
1973 starb Jane in einem Krankenhaus in Málaga. Ohne seinen „bester Freund“, wie er Jane in seiner Autobiographie „Without Stopping“ (1972) nannte, vereinsamte er weiter: Ehemalige Gefährten wie Allan Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti oder William S. Burroughs, Protagonisten der Beatnik – Szene, waren wieder zurück in den USA oder Europa. Bowles fiel in Lethargie. Doch seine marokkanischen Schüler hatten Blut geleckt, wollten weiter schreiben, publizieren, drängten ihn.Paul Bowles schöpfte Mut, nahm einen neuen Anlauf in die Welt der Literatur, jetzt als Mäzen und Agent: Er widmete sich ganz der Transkription und Publikation arabischsprachiger Literatur. Schon 1970 gab er zusammen mit Daniel Halpern die literarische Quartals – Zeitschrift „Antaeus“ heraus, für die sowohl bekannte amerikanische Autoren wie Guy Davenport, J. G. Ballard oder später Andrew Vacchss schrieben. Ab 1973 erweiterte er das Format und ließ junge, noch unbekannte marokkanische, aber auch spanisch- und französischsprachige Erzähler zu Wort kommen. Diese Kombination aus neuen und bewährten Autoren, vergleichbar der seit 1979 erscheinenden Grazer Literaturzeitschrift „Lichtungen“, sorgte bis zu ihrem Ende 1994 für die Verbreitung junger Talente wie Mohamed Choukri oder Rodrigo Rey Rosa, die so in der internationalen Literaturwelt Fuß fassen konnten.
Später schloß sich auch der marokkanisch-berberische Romanautor Mohamed Choukri Ben Jellouns Kritik an, wobei Choukri weniger Bowles’ Genußsucht verurteilte: Schließlich wählte er den Amerikaner gerade deshalb zur Transkription seiner Autobiographie al-Hubz al-Hafi (dt.: „Das nackte Brot“, 1986, Andere Bibliothek, Bd. 23) aus, die seine von Alkohol und Kif geprägten Jugendjahre im Kleinkriminellenmilieu des Rif – Gebirges beschreibt. Nein, Choukri war vielmehr empört über ausbleibende Tantiemen seines veröffentlichten Werks, die ihm Paul Bowles später vorenthalten habe. Mohamed Mrabet dagegen, der wie Choukri ebenfalls aus dem Rif stammte und als erfolgreicher Schriftsteller ebenso von Bowles entdeckt, gefördert und übersetzt wurde, verteidigte zeitlebens seinen Mentor und enthielt sich jeglicher Kritik. Bis heute gilt Mrabet (dt. „M’Hashish“ (1987), „Der Ameisendompteur“ (1994), Maro – Verlag) als Produktivster der von Bowles geförderten marokkanischen Autoren.
Während Choukri kurz vor seinem Tod im November 1993 in Tanger seinen Ton gegenüber Bowles’ etwas abmilderte, („Ich schätze seine Arbeit, aber nicht ganz so seine Person“) hielt Tahar Ben Jelloun seine Spitzen aufrecht. Dabei verstärkte Ben Jelloun indirekt nicht nur seine, sondern auch Bowles’ Popularität, denn so wurde er neben seinem schöpferischen Werk auch europäischen Verlagen als Experte für zeitgenössische marokkanische Literatur bekannt.
Als der Verfasser dieser Zeilen im Herbst 1993 Paul Bowles in Tanger antraf, erlebte der „amerikanische Agent“, wie ihn die Einwohner Tangers süffisant nannten, gerade eine Renaissance um seine Person, die 1990 durch Bernardo Bertluccis filmische Adaption von „The Sheltering Sky“ (mit John Malcovich und Debra Winger in den Hauptrollen) ausgelöst wurde. Gefragt, was er denn über die Vorwürfe von Choukri und Ben Jelloun denkt, äußerte Bowles, dass er „die kreative Arbeit beider Marokkaner sogar mehr schätze, als ihren Mut und ihre Emotionalität.“ Beides wäre nicht möglich, so Bowles, „ohne den fast selbstvergessenen Freiheitswillen, der Marokkanern, insbesondere den Berbern innewohne.“ Mit diesem verschachtelten Lob nahm Bowles der Kritik zunächst den Wind aus den Segeln, fügte aber im Verlauf des Gesprächs hinzu: „Schreiben und Literaturbetrieb verhalten sich zueinander wie Internatslehrer und deren Schüler: Wenn sich der Schüler emanzipiere, schließt Bowles, dann greift er den Lehrer an. „Vatermord. Das ist das Phoenix – Prinzip, leidvoll, aber wichtig!“.
Ob also gänzlich eigennützig, politisch gewollt oder nicht: Fakt ist, dass Bowles maßgeblich die damalige Jugendkultur im westlichsten der Maghreb – Staaten beobachtet und beschrieben hatte. Im Zeitgeist der 1960/70er Jahre kultivierte er hinsichtlich Emanzipation, Freiheitsdrang und Hedonismus eine arabischsprachige Keimzelle, deren Blüten Marokko heute neben Ägypten und Tunesien zu einem der produktivsten und facettenreichsten Literaturländer des Orients erstrahlen lassen.
Nicht von ungefähr spielen die genannten Länder im intellektuellen Diskurs des arabischen Frühlings eine tragende Rolle, die Tahar Ben Jelloun auch in seinem jüngsten, gleichnamigen Werk darstellt: „Es hieß stets,“ so ärgert sich Ben Jelloun im Vorwort von „La primavera árabe“, der spanischen Ausgabe „L’etincelle“, dass die arabischen Völker keine Autoren, keine Intellektuellen, keine Künstler hervorbringen könnten, weil sie angeblich in autoritärer wie nostalgischer Dichotomie lebten, unfähig, an die Moderne anzuknüpfen. Und nun katapultieren sie den alten Westen wie den aufstrebenden Osten in eine Postmoderne, treiben uns an, formen das Weltgeschehen neu!“
Privileg der Jugend – Privileg des Alters.
„Warum“, fragt Jelloun weiter, „wurde ignoriert, dass die arabische Kultur des letzten halben Jahrhunderts trotz ihrer komplizierten Umstände, trotz ihrer Gegensätze immer wieder kritische Stimmen, Autoren und Geister hervorgebracht hat, die ihren Einsatz zum Teil mit Berufsverbot, Kerkerhaft oder Schlimmeren bezahlten? Sie wurden schlichtweg nicht übersetzt, überhört und nicht verstanden. Aber es gab und gibt sie.“ Im Spiegel des arabischen Aufruhrs erscheint Bowles’ Übersetzungsarbeit also gerade wegen Ben Jellouns Klage, orientalische Literatur wäre schlichtweg nicht entdeckt worden, mehr denn je als ein Legat, das aktueller wirkt, als sein Romanwerk.
Aber bereits Bowles’ 1954 entstandener Roman „The Spider’s House“ (Dt. 1959: „Das Haus der Spinne) beschreibt das Spannungsfeld zwischen arabischem Freiheitsdrang und westlicher Ignoranz: Der amerikanische Protagonist schlendert durch sein Bild Marokkos; ein Wunschbild, das sich im Kampf gegen die französischen Kolonialherren geradezu vor seinen Augen auflöst –dennoch bekommt er von der Veränderung nichts mit, will sie nicht annehmen – und scheitert. Die Geschichte erinnert im übertragenen Sinne, fast ein halbes Jahrhundert später, an die Orientierungslosigkeit der Obama – Administration, deren Geheimdienste nicht ansatzweise den Sturz des alten ägyptischen Verbündeten Mubarak voraussahen. Jetzt, nachdem die arabischen Despoten fallen wie Dominosteine, sonnen sich viele Politiker im Lichte der Demokratie, die nun „endlich auch Arabien“ erreiche. Dieser Äußerung widersprechen sowohl Ben Jellouns Vorwort in „L’etincelle“, als auch Paul Bowles’ Kommentare zum „The Spider’s House“:
So kontrovers sich beide Autoren stets beäugten, würden sie hier unisono entgegnen, dass Freiheitsdrang und Demokratiebewegung mindestens seit Ende der Kolonialzeit, wenn nicht vorher, die arabischen Seelen beflügelten. Doch erst jetzt, nachdem sich ihre vielen Stimmen dank Internet, Smartphones und Social Media zu einem großen Grollen vernetzten, das gar den „Despotensprech“ übertönte, würden sie auch im benachbarten Europa gehört. Im Nachwort von „L’Etincelle“ zeigt Ben Jelloun seine Bewunderung über die arabische Jugend, welche letztendlich das Zepter in die Hand nahm: Erst in den Netzwerken, dann auf den Straßen. Auch Bowles sah seinerzeit die Zukunft des Landes in den Händen der Jugend, erst in den konspirativen Bars, dann auf den Straßen. Ihre Methoden haben sich geändert, nicht ihr Freiheitswille.
Tahar Ben Jelloun hatte das 11. Internationale Literaturfestivals am Abend des 07. September 2011 in den Berliner Festspielen mit einer Gastrede eröffnet. Die Rede, mit Spannung erwartet, sollte nach Auskunft der Festspielleiter Stellung zum „arabischen Frühling“ beziehen. Ben Jelloun setzte zur Eröffnung die Frage voraus: „Was kann Literatur politisch bewirken? Leider hielt sich Ben Jelloun sowohl in seiner Rede wie auch im nachfolgenden Interview, das mit einigen Journalisten geführt wurde, in intellektuellen Allgemeinplätzen auf. Er zitierte sämtliche großen Philosophen, von Voltaire über Kant bis Foucault, sprach vom Verdienst der Demokratie, doch es wirkte, als bewerbe er sich hier mit einer Dissertation bei der Académie Française. Eine aktuelle Stellungnahme war das nicht. Konkrete Nachfragen, etwa zum Verlauf der Situation in Syrien, beantwortete Ben Jelloun mit „Es ist schwierig dort. Syrien ist kompliziert. Assad muß weg…und so weiter!“
Daß Ben Jelloun, der langsam auch in die Jahre gekommen ist, etwas müde von Aufklärungsarbeit und politischem Sparring sein mag, sei ihm gegönnt, schließlich hat der Vermittler zwischen den Welten wahrlich viel geleistet und bewirkt. So erscheint im Rückblick auch Bowles’ Reaktion auf den jungen Wilden, der Ben Jelloun einst war, genau so altersmilde, wie Ben Jelloun nun auf die Monarchie in Rabat schaut, wer weiß – doch die Geschichte misst ihre Protagonisten am Ende an ihren Taten, nicht an ihren Worten.
Ben Jellouns Kontrahent Paul Bowles zitierte im Rückblick auf Jimmy Carters Entspannungspolitik zur gleichen Frage, was Literatur politisch ausrichten könne, das alte Sprichwort: „Die Feder ist stets schärfer als das Schwert! Doch sie zu führen ist ungleich schwerer!“
September 27 2011, 9:45am
Art Basel: Kann Kunst die Welt verändern?
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Diese Frage stellte die Basler Zeitung in einer Beilage anlässlich der Art❘Basel, der «weltweit grössten Kunstmesse». Eine spannende Frage, der ich hier etwas auf den Grund gehen möchte. Spannend auch, weil die Frage ausgerechnet im Zusammenhang mit dieser Kunstmesse gestellt wird, einem «Grossevent», der Kunst und Kommerz verbindet wie wohl kein zweiter… Je allgemeiner eine Frage ist, umso allgemeiner fällt die Antwort aus. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in besagter BaZ-Beilage die Antworten von «Selbstverständlich!» bis «Es wäre schön, doch ich glaube nicht daran» reichen. Es werden indes auch differenziertere Antworten gegeben. Geht man der Frage selbst etwas auf den Grund, so muss man zunächst feststellen, dass natürlich jede Handlung des Menschen, sei sie künstlerisch oder nicht, «die Welt verändert». Setze ich einen gelben Farbklecks an meine Badezimmerwand, so ist diese – und damit die Welt an sich – anders geworden. So weit, so banal. Dies kann mit der Frage wohl kaum gemeint sein. Vielmehr geht es darum, ob künstlerisches Tun grundsätzlich dazu fähig ist, in den geschichtlichen Weltenlauf einzugreifen. Hat Kunst je in dein Leben eingegriffen? Da Kunst für den Menschen gemacht wird, müsste zunächst geklärt werden, ob Kunst den Menschen verwandeln kann, zum Beispiel indem seine Sicht auf die Welt, seine gefestigte, womöglich verhärtete Betrachtungsweise aufgeweicht, vielleicht gar erschüttert wird. Dies nun traue ich der Kunst durchaus zu, habe ich das doch an mir selbst erfahren. Sie öffnet neue Perspektiven, rüttelt auf, erweitert den Horizont und hinterfragt Vorurteile. Sie kann verunsichern, gar schockieren. Und indem sie das Leben des einzelnen Menschen verwandelt, wäre ein erster Schritt hin zur Veränderung der Welt getan. Dies trifft auf den Künstler selbst ebenso zu wie auf den Kunstliebhaber. Bei mir war es – neben anderen Schriftstellern – Fernando Pessoa mit seinem Buch der Unruhe, der meine Weltsicht, ja, mein Wesen beeinflusst hat. Sein poetischer Blick auf die Welt, der jegliche Ambitionen – etwa nach Welterkenntnis oder einer höheren Bestimmung – von Grund auf verneint, hat mich zugleich tief berührt, wie er auch meinem nach Höherem strebenden Wesen einen nachhaltigen Dämpfer versetzt hat, zum Beispiel mit Worten wie diesen: Dass ich kein römischer Kaiser geworden bin, kann mich nicht sonderlich kümmern, wohl aber kann es mir überaus leid tun, nie auch nur ein Wort an die Näherin gerichtet zu haben, die immer gegen neun um die rechte Strassenecke biegt. Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares; Übersetzung aus dem Portugiesischen: Inés Koebel, Amman Verlag 2006, S. 147
Mit dieser Wirkung auf mein Wesen ist natürlich die Welt noch nicht anders geworden – aber ich selbst ein Stück weit. Die Poesie hat in mein Wesen eingegriffen und damit zumindest die Möglichkeit einer Weltveränderung geschaffen. Wie steht es mit dir, liebe Leserin, lieber Leser: Hat die Kunst je in dein Leben eingegriffen? Hat sie dich je verwandelt? Beispiele in Form eines Kommentars würden mich freuen. Hast du je die Welt verändert? Wenn du die obige Frage mit Ja beanworten kannst, müsste nur noch geklärt werden, ob du je in den Weltenlauf eingegriffen hast und ob dies gegebenenfalls mit deinem Kunsterlebnis einen Zusammenhang hat. «In den Weltenlauf eingreifen» ist natürlich ein grosses Wort. Die wenigsten werden das für sich selbst in Anspruch nehmen. Vielmehr denkt man da sogleich an Könige oder Diktatoren – oder andere Politiker, an berühmte Wissenschafter oder Revolutionäre. Dass wir selbst die Welt verändern, streiten die meisten von uns heftig ab, und doch tun wir es – ein kleines Bisschen zumindest. Die Kunst als Nährboden für Veränderungen Doch wie gesagt: Dieses kleine Bisschen Weltveränderung schwingt in der Ausgangsfrage nicht wirklich mit. Es geht um grössere, ja, historische Veränderungen. Und dass die je aus einem direkten künstlerischen Impuls erfolgt wären, kann so wohl kaum behauptet werden. Und doch bilden die kreativen Prozesse der Kunst einen Nährboden, wo auch Veränderungsprozesse gedeihen können – Weltveränderungsprozesse. Und nun behaupte ich mal ganz schön dreist: Ohne dieses gesellschaftliche Substrat der Kunst, ohne diesen Nährboden der künstlerischen Sichtweise würden alle Weltveränderungsprozesse in dieselbe Richtung weisen, nämlich in Richtung Abgrund. Die Kunst und ihre kreativen Prozesse stellen ein Gegengewicht dar zum reinen Zweckoptimismus, zur geistlosen Verwertungslogik, zum «heiligen Befreiungskriege der Menschheit» (Heinrich Heine). Sie bringt in die Menschheitsentwicklung eine poetische Note, einen betörenden Duft, einen wohltuenden Klang, der zuweilen allerdings – ich gebe es zu – in der Kakofonie des menschlichen Strebens untergeht. Noch was zur Art❘Basel Die Art ❘ Basel, die «grosse Kunstmesse», steht ganz im Zeichen der Kunst – und des Kommerzes. Nichts illustriert das schöner als die Einstiegsseite im Internet, wo neben dem Art ❘ Basel-Header das UBS-Logo prangt – als einzige grafische Auflockerung auf der spartanischen Einstiegsseite … Zumindest generiert Kunst monetäre Umsätze, besonders in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Die Aussteller jedenfalls geben sich zufrieden. Könnte es sein, dass das Kapital in diesen Zeiten die Kunst zunehmend als sicheren Hafen entdeckt, als vergleichsweise verlässliche Wertanlage? Fotonachweis: «Das Gespräch», Keramik-Gruppe, aufgenommen auf Burg Giebichenstein, Halle/Saale Foto (CC-Lizenz): baerchen57 Crosspost von walbei
June 20 2011, 9:45am
Jesse Stiles: Zwischen Medien und Elektronik
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Bild: Jesse Stiles bei einem Auftritt – Elektronik und Performance-Kunst (Fotograf nicht genannt) Wer sich vor ein paar Wochen „Leaky World: A Playable Theory“ von Molleindustria angeschaut hat, ist schon über die Musik von Jesse Stiles gestolpert. Bei dem amerikanischen Künstler und Musiker (* 1978), der an einer modernen Verbindung verschiedenster Medien arbeitet, gibt es jedoch noch einiges mehr zu entdecken. Stiles’ Musik: Elektronik mit indischen Einflüssen Den musikalischen Jesse Stiles gibt es in zwei Ausführungen zu hören – beide Alben stehen frei zum Anhören auf seiner Webseite. Da wäre zum einen sein Debüt „The Watson Songs“ unter seinem Moniker The Jesse Stiles 3000, auf dem er vorrangig elektronisch-chillig zu Werke geht, stilistisch wohl am ehesten dem IDM-Stil (intelligent dance music) zuzuordnen – wenn ich diesen Begriff auch nicht mag, legt er doch nahe, andere Dance-Musik sei nicht intelligent. „The Watson Songs“ verdankt seinen Namen der Watson Foundation, die Stiles von August 2000 bis August 2001 mit einem Reise-Stipendium ausgezeichnet hat. Einzige Bedingung: Die Stipendiaten dürfen ein Jahr lang nicht mehr zurückkehren. Stiles führte der Weg nach Indien, wo er sich mit indischen Ragas vertraut macht, einem traditionellen Modus mit zwölf Tönen. Stiles kombinierte seine eigenen elektronischen Kreationen mit Samples von Aufnahmen, die er auf seiner ausgedehnten Reise angefertigt hat. Teile seines aktuellen Albums „The Target Museum“ (2010) entstanden ebenfalls in Indien, zusätzlich inspirierte ihn jedoch eine ungewöhnliche Arbeit als forensischer Videofilmer. Mehr kann ich nicht verraten, denn dann hättet ihr keine Lust mehr, das Musikvideo-Spiel zum Song „The Building“ zu spielen, das in Kooperation mit Molleindustria entstand. Gewinnen oder verlieren könnt ihr dabei nicht – das Spiel läuft so lange ihr wollt, mindestens jedoch bis zum Aha-Erlebnis. Einmal mehr versuchen Stiles und Molleindustria hier, neue Wege der Medienkunst zu beschreiten. Bild rechts: Artwork zu „The Target Museum“ (Illustrationen von Isa Esasi) Stiles’ Kunst: Kreative Computer Bild: Die Videoinstallationen waren Teil von Stiles’ Ausstellung „Automatic Speleology“ (Foto von David Brota). Doch wirkt Indien nicht nur als Sample-Lieferant für Stiles’ Musik, sondern auch als kreativer Impulsgeber für seine Kunst. So beginnt er eigene Software zu schreiben, um die improvisierten Ansätze indischer Musik auf seine Arbeit übertragen zu können – und entwickelt daraus seine erste Soloausstellung „Automatic Speleology“ aus dem letzten Jahr, bei der er zufällig generierte Klänge mit ebenso zufällig gezeigten Bildern und Videos kombinierte, unterlegt von einigen Roboter-Schlagzeugern. Doch so ganz zufällig war die Sache doch nicht – Katherine Rushworth spricht im Central New York Magazine (September/Oktober 2010) von einer kontrollierten Zufälligkeit, erzeugt von kreativen Computern. Das erinnert an die großen Vorbilder aus der Fluxus-Bewegung – John Cage und Nam June Paik. Doch ist Stiles mehr an der Performance interessiert, legt Wert auf den ständigen Wechsel von Aufbau und Wieder-Aufbau – ein Ende gibt es in seiner Installation nicht. Heute arbeitet Stiles mit der Merce Cunningham Dance Company, wo er für Music und Sound zuständig ist. Seine Alben sind zu einem Preis eurer Wahl auf Stiles’ Homepage verfügbar. Bild: Wo geht die Reise hin? (Foto: Olivia Robinson) Bildnachweis: Alle Bilder stammen aus dem Pressematerial von Jesse Stiles und sind von der CC-Lizenz ausgenommen.
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February 8 2011, 9:51am
Zum Spannungsfeld Kunst – Politik
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Schon immer versuchten Kunst und Politik, aufeinander Einfluss zu nehmen. Die Kunst, indem sie in ihren Werken die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegelt, die Politik, indem sie der Kunst ihren Stempel aufzudrücken sucht. Ein paar grundsätzliche Überlegungen dazu und ein paar Beispiele. Kunst und Politik leben in einem Spannungsverhältnis, wie es einseitiger nicht sein könnte. Seit jeher versucht die Politik, der Staat, das künstlerische Schaffen in seinen Dienst zu stellen. Zensur ist nur der grobschlächtigste Ausdruck solcher Bemühungen. Etwas feinsinniger geht es zu bei der Vergabe von staatlichen Geldern an Künstler und ihre Werke…
Affäre Hirschhorn Die Affäre Hirschhorn ist hierzu ein Lehrstück: Nachdem Thomas Hirschhorn 2004 im Schweizer Kulturzentrum Paris eine provokative Installation zum Schweizer Selbstverständnis ausgestellt hatte (Swiss-Swiss Democracy), finanziert durch die Kulturstiftung Pro Helvetia, einer von der Schweizerischen Eidgenossenschaft alimentierten, aber „unabhängigen“ Subventionsmaschine, kam es zur Debatte im Parlament, worauf die Pro Helvetia mit einer Kürzung der jährlichen Gelder abgestraft wurde. Doch es gibt auch weniger plakative Beispiele, etwa wenn staatliche Kulturleitbilder neu formuliert werden, zum Beispiel aktuell in Basel: Wenn darin neu zu stehen kommt: „Gefördert wird, was messbare Auswirkungen [...] auf das Gemeinwesen hat“, so ist die Instrumentalisierung der Kunst für staatliche Zwecke – hier im Sinne eines Standortmarketings – ganz offensichtlich. (Eine kurze, kritische Würdigung findet sich hier.) Abbild gesellschaftlicher Widersprüche Im Zentrum des Interesses soll hier aber die Einflussnahme der Kunst auf die Politik stehen. Dazu zählt zunächst der kritische Blick der Kunst auf die Gegenwart (oder die Vergangenheit). Protestlieder, unzählige Romane, aber auch manche Werke der bildenden Kunst zeugen von dieser kreativen Reflexion gegenüber Politik und Gesellschaft. Oft bilden sie gesellschaftliche Widersprüche ab und regen zum Denken an. Über ihren unmittelbaren politischen Einfluss auf den Lauf der Dinge kann man sich allerdings streiten. Denn bei vielen Künstlern hat der künstlerische Ausdruck Vorrang vor dem politischen Ziel. Einem allzu pamphletischen Kunstwerk wird deshalb oft das Prädikat „Kunst“ abgesprochen – weil die Kunst grundsätzlich nicht instrumentalisiert werden kann, ohne dass sich das eigentliche Künstlerische zurückzuziehen droht, sich versteckt oder gar ganz verflüchtigt. Das gilt für forciert politische Kunst ebenso wie für forciert kommerzielle Kunst. Symbol versus politische Veränderung Es verwundert deshalb wenig, wenn „echte“, aber kritische Kunst von politisch Bewegten oft als bloss dekoratives Element wahrgenommen wird, als Ornament ohne eigentliche politischen Inhalte, nicht selten sogar als elitär. Doch die Kunst kann nicht anders, als (bloss) „symbolisch“ einzugreifen, und stellt sich so der politischen Praxis gegenüber, die ganz konkret verändern will. Dazwischen liegt ein reiches Experimentierfeld, das in der Vergangenheit ebenso wie heute von vielen KünstlerInnen ausgelotet wurde und wird. Stichworte und Namen aus der Vergangenheit dazu: Dadaismus, Wiener Aktionismus, Joseph Beuys, Hans Haacke. Als Beispiele für künstlerische Interventionen der Gegenwart im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik seien hier zwei Projekte besonders hervorgehoben: die Künstlergruppe WochenKlausur und das Kunstprojekt „Hacking the City“: WochenKlausur Die Künstlergruppe WochenKlausur entwickelt – meist auf Anfrage – kleinere, aber konkret wirksame Projekte mit dem Ziel, gesellschaftspolitische Defizite zu verringern. Diese Vorhaben, zum Beispiel die Gründung einer Gesprächsplattform zur Stadtpolitik in Den Haag, setzt die Künstlergruppe innerhalb eines festen Zeitrahmens auch selber um. Meistens sind das mehrere Wochen Vollzeieinsatz. Daher rührt auch ihr Name. Weitere Beispiele sind der Aufbau eines Programmkinos für MigrantInnen in Limerick, Irland, und die Verbesserung der Schubhaftbedingungen in Salzburg, Österreich. Die Gruppe handelt nicht zuletzt aus der Erkenntnis, dass sich mit Kunst nicht die ganze Welt verändern lässt, sehr wohl aber klar definierte Ziele erreicht werden können, Ziele, die sich womöglich ohne die spezifisch künstlerischen Techniken, angewandt auf das gesellschaftspolitische Ziel, nicht erreichen lassen. Die Webseite der Künstlergruppe sei besonders empfohlen, da sie in prägnanter Form weitere grundsätzliche Überlegungen zum Thema enthält. Hacking the City Etwas anders gelagert und doch mit einer ähnlichen Zielsetzung ist das experimentelle Ausstellungsprojekt Hacking the City, das vom 16. Juli bis 26. September 2010 im Museum Folkwang in Hessen stattfand. In einem Projektraum des Museums wurden künstlerische Aktionen und Präsentationen im öffentlichen Raum der Stadt Essen sowie im Internet dokumentiert. Bildende Künstler, Web-Designer, Street-Artisten und Musiker übten mit künstlerischen Mitteln Kritik an Konsumkultur und ihre Werbehoheit, an demokratischer Gleichgültigkeit und der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raums der Stadt. Unterschiedlichste Formen des öffentlichen Handelns, der Intervention, werden als kulturelles Hacking verstanden, mit dem Ziel zu irritieren, ja, den „Normalbetrieb“ zu stören. So inszenierte Georg Winter eine „kleine Katastrophe“ in Hessen, indem er ein selbst aufgebautes Holzgebäude zum Einsturz brachte. Und Peter Bux inszenierte mit einigem materiellen Aufwand die Zwangsräumung einer Einzimmerwohnung. Auf einem Blog werden laufend kulturelle Hackings auf der ganzen Welt dokumentiert.
Beide Kunstprojekte stehen an einem anderen Ort im Spannungsfeld zwischen künstlerischer, also symbolischer, und politischer Praxis, die konkret verändern will. Sie illustrieren auf je eigene Weise die Möglichkeiten der Kunst, das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Politik ein klein wenig in Richtung Kunst zu verschieben.
Fotonachweis: discha13, „Eindringling“ CC-Lizenz Quelle: http://www.piqs.de Dies ist ein Crosspost.
January 20 2011, 9:51am
Preferred Blog: Ahoi Polloi
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Das beste grafische Blog im deutschsprachigen Raum ist ahoi polloi. Ein Cartoon alle paar Tage auf zwei Seiten eines Moleskine-Buches. Nicht selten bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Aber es ist immer wieder gut, um den einen oder anderen zu verschrecken, wenn ich tagelang nicht drauf war und in öffentlichen Umgebungen das Versäumte nachhole. Ich nenne es mal eines der Blogs, das einen Standard im .de-Web setzt. Es gehört in jede Blogroll, die irgendwie ein ernsthaftes Bestreben hat, den wirklich sehens/lesenswerten Teil der Dingsbums-Welt abzubilden.
September 23 2010, 9:57am
Artsolventen
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Wer sich für junge Kunst in Deutschland interessiert, ist hier genau richtig. Bei den Artsolventen wird jungen Künstlern eine Plattform angeboten, auf der sie sich und ihre Werke präsentieren können. Ziel ist es, Absolventen von Kunstschulen, die durch das Raster des elitären Kunstmarktes gefallen sind, eine Chance zu geben Kaufanfrageformular inklusive.
September 15 2010, 2:24pm
Video: Sonar
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Visuelle Musik, oder?
September 8 2010, 10:19am
Verzauberte Welten
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Deanna Molinaro hat ihre ganz eigene ästhetischen Vorstellung und auch eine besondere Beziehung zum Happy End an sich.
September 6 2010, 5:05pm
Just: Words
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Sehr sehenswertes Video nach dem Click…
August 25 2010, 9:36am
Kino in Köln: filmbar startet im Museum Ludwig
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Wer daheim bleibt, den beißen die Hunde. Oder man stolpert über wild gewordene Touristen, die alles fotografieren, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Alternative: Kölner gehen in den nächsten Woche ins Musem Ludwig und genießen Kino-Klassiker der Extraklassen. Hier das sehenswerte Programm nach dem Klick:
Donnerstag, 29.7. LA BOHÈME USA 1926, 95 Min, DVD, stumm, Regie: King Vidor, mit: Lillian Gish, John Gilbert, mit Live-Musikbegleitung Freitag, 30.7. LE MILLION Frankreich 1931, 75 Min, 16mm, franz. OF mit engl. UT, Regie: René Clair, mit: René Lefèvre, Annabella, Vanda Gréville, Constantin Siroesco Samstag, 31.7. DESIGN FOR LIVING USA 1933, 91 Min, OF, 16mm, Regie: Ernst Lubitsch, mit: Gary Cooper, Fredric March, Miriam Hopkins Donnerstag, 5.8. DIE KAMELIENDAME USA 1936, 109 Min, DF, 35mm, Regie: George Cukor, mit: Greta Garbo, Robert Taylor Freitag, 6.8. EIN AMERIKANER IN PARIS USA 1951, 113 Min, DF, 35mm, Regie: Vincente Minnelli, mit: Gene Kelly, Leslie Caron, Os-car Levant, Nina Foch Samstag, 7.8. DAS LEBEN DER BOHÈME Frankreich/ Finnland/ Schweden/ Deutschland 1991, 103 Min, DF, Regie: Aki Kaurismäki, mit: Evelyn Didi, Matti Pellonpää, André Wilms Donnerstag, 12.8. PIERROT LE FOU Frankreich/ Italien 1965, 110 Min, DF, 35mm, Regie: Jean-Luc Godard, mit Jean-Paul Bel-mondo, Anna Karina Freitag, 13.8. PERFORMANCE Großbritannien 1970, 105 Min, OmU, 35mm, Regie: Nicolas Roeg, Donald Cammell, mit: James Fox, Mick Jagger, Anita Pallenberg Samstag, 14.8. SATANSBRATEN Deutschland 1975, 112 Min, DF, 35mm, Regie: Rainer Werner Fassbinder, mit: Kurt Raab, Helen Vita, Volker Spengler Donnerstag, 19.8. BASQUIAT USA 1996, 106 Min, 35mm, OmU, Regie: Julian Schnabel, mit: Jeffrey Wright, David Bowie, Gary Oldman Freitag, 20.8. RENT USA 2005, 134 Min, DVD, OF mit engl. UT, Regie: Chris Columbus, mit: Rosario Dawson, Tave Diggs, Wilson Jermaine-Heredia, Jesse L. Martin Samstag, 21.8. GREENBERG USA 2010, 107 Min, OmU, 35mm, Regie: Noah Baumbach, mit: Ben Stiller, Greta Gerwig, Rhys Ifans, Jennifer Jason Leigh
July 21 2010, 10:24am
BLU: BIG BAG BIG BOOM
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Jedes 2. Jahr ein Neues Stop-Motion Street Art Kunstwerk. 2008 war es MUTO und diesmal eben BIG BAG BIG BOOM:
July 6 2010, 12:30pm
Kubrick vs. Scorsese
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via kraftfuttermischwerk
June 22 2010, 12:00pm
transmediale 2011
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Wer möchte, kann ab jetzt wieder seine Arbeiten einreichen für den transmediale award. Die Jury steht bereits fest: Marisa Olson (New York), Matteo Pasquinelli (Amsterdam), Brandon Labelle (Berlin), Thomas Macho (Berlin), Defne Ayas (Shanghai). Eingereicht werden können visionäre Arbeiten aus dem gesamten künsterlischen Spektrum, die sich auseinandersetzen mit den schnell wechselnden Herausforderungen, die uns die digitale, technische und netzwerkorientierte Umgebung stellt. Mehr zum transmediale Award / Vilém Flusser Theory Award 2011 hier.
June 8 2010, 9:52am
Die amtlichen Art-T-Shirts
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Des Artistes sind die einzigen, denen ich vollumfänglich das Recht einräume, den Platz auf T-Shirts zu bedrucken. Da ich mittlerweile Hirnerweichung erleide bei all den coolen Sprüchen und lustigen Grafiken, ist das hier wirklich und in allem Ernst das Beste auf dem T-Shirt-Markt seit der Erfindung der kontrolliert-biologischen Baumwolle als Fellersatz. Künstler: Ai Weiwei und viele andere. Und die unterstützen auch noch Doctors Without Borders/Médecins Sans Frontières (MSF). Hinsurfen und den Laden leerräumen. Die sind bei mytheresa.com – dort gibt es auch nette Schmücke. So geht übrigens Constructive Capitalism.
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May 11 2010, 10:00am
luminale 2010 stellte 12 neue Licht-Künstler vor
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Vor zwei Wochen gab es auf der luminale, die parallel zur light&building stattfindet, 12 neue, holländische Lichtdesigner zu entdecken, die Kurator Lambert Kamps erstmals einlud, ihre Arbeiten vorzustellen. Hier sind sie alle kurz vorgestellt und könnten dann vielleicht bald bei architonic oder anderen Anbietern käuflich erhältlich sein.
May 6 2010, 11:00am
Brille auf: Kunst statt Werbung
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Was für eine Vorstellung: Ein persönlicher Ad-Blocker für die Innenstadt! Eine Vision, die die Macher von „The Advertiser“ wahr werden lassen: Sie scannen Plakate und Logos von Calvin Klein bis Budweiser ein, blenden die Werbung dort aus und ersetzen sie mit Kunstinstallationen. Natürlich nicht wirklich, sondern nur für den Nutzer ihrer Ferngläser, Kunst auf Werbeflächen einblenden.
Julian Oliver ist einer der Initiatoren des Projekts. “Die Stadt ist ein Raum der verdichteten Reize”, sagt er. Er wolle sich nicht damit zufrieden geben, dass die Bewohner Städte nur Lesen und nicht schreibend neu gestalten können – anders als Unternehmen, die sich optische Beeinflussung ihrer Städte mit Geld erkaufen können. Bürgern hingegen bleibt der Zugang verweigert. Darum setzte er und seine Mitstreiter sich daran, Computern das Widererkennen von Werbeflächen beizubringen.
So werden teils Werbemotive gehackt, indem aus „Dunkin’ Donuts“ „Fucking Donuts“ wird – oder aber es werden kontextfreie Animationen oder Frisurenhelme auf die ursprüngliche Werbung projeziert. Und es gibt ein magenta-farbenes Plakat der „The Artvertiser“-Gruppe, in der sie in schönster MoMa-Optik für „your art here“ werben.
Für Olivers Mitstreiter Damian Stewart bedeutet das Projekt auch noch etwas anderes – nämlich Hirnfrieden. Forschung hat ergeben, dass die Hirnaktivität beim Konsum einer Google-Seite wesentlich aktiver ist als beim Lesen eines Buches – weil ständig neue Entscheidungen getroffen, neue Reize auftauchen. Das sei nicht gut für das Hirn, ziehe zu viel Energie, sagt XY – eine andere Begründung dafür, Werbung zu blocken, eine Art Hirnurlaub also.
Die Arbeit der „Artvertisers“ war Teil der Camera Obscura-Ausstellung zur Transmediale zu sehen – und darüber hinaus auf theartvertiser.com.
Foto: screenshot theartvertiser.com
February 8 2010, 12:50pm
“Fuck Google!” Das F.A.T. Lab auf der Transmediale
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Eine “Fuck Google!”-Woche hat das Free Art and Technology (F.A.T.) Lab auf der Transmediale ausgerufen. Mit Aktionen, Browser-Plugins und subversiven Anwendungen will das internationale Künstlerkollektiv die Aufmerksamkeit für die Allgegenwärtigkeit und Marktmacht des Internet-Konzerns schärfen. “Jeder mag Kätzchen, und jeder mag Google”, sagt Randy Sarafan. Auf http://www.googlingwithkittens.com hat er jetzt beides installiert: Google und die Kätzchen.
Damit spielt Sarafan auf das cleane Image an, das sich Google trotz seiner Marktdominanz bisher bewahren konnte. Programmierer und F.A.T. Lab-Mitglied Jamie Wilkinson zählt einige der vielen Dienste auf, die zu Google gehören: “Youtube, Google Analytics, Google Alerts, Google Search, Google Homepage, Gmail. Wir benutzen alle diese Produkte und verlassen uns auf sie. Das ist keine gute Idee. Sie könnten von der einen auf die nächste Sekunde weg sein. Google hat unsere gesamte Email und kann damit tun, was immer es will. Google ist verantwortlich, (aber) nur seinen Teilhabern verpflichtet.” Auch der Fotodienst Picasa gehört zu Google. Deshalb hat die Mexikanerin Geraldine Juarez digitale Wasserzeichen für Fotos gebastelt, auf denen “Fuck Picasa” steht (siehe Foto oben). “Host your own data!” fordert Juarez. Um zu zeigen, dass das funktioniert, gehen die Mitglieder des F.A.T. Lab mit gutem Beispiel voran und stellen ihre Transmediale-Bilder bei “FuckPicasa” und “FuckFlickr” ein. Wer sich krank fühlt, googelt oft erstmal die Symptome. “Würdest du deine medizinische Akte oder deine Polizeiakte jedem zeigen? Google weiß das alles”, behauptet Jamie Wilkinson provokant. Sein F.A.T.-Kollege Greg Leuch hat deshalb speziell für e-Diagnosen “Dr. Google” programmiert. Den kann man jetzt fragen, wenn man sich mal wieder “icky” fühlt, oder auch sonst. Mir hat Dr. Google gerade H1N1 diagnostiziert. Mit “Google Alarm” soll der Nutzer von Google loskommen. Jamie Wilkinsons Browser-Plugin geht los, wenn man im Netz auf Google stößt: Lasergeräusche zeigen an, wenn eine Seite Google Tracking Code enthält, bei einer Google-Suche heulen ohrenbetäubende Sirenen. Das Plugin kann man demnächst auf dem F.A.T-Blog herunterladen. Ein weiteres Ziel des F.A.T.-Lab: Den Google-Search für “Fuck Google” zu dominieren. Am Dienstag waren sie noch auf Platz sieben, mittlerweile haben sie sich auf Platz drei vorgearbeitet. Am Wochenende werden die Künstler des F.A.T. Lab auf besonderer Mission sein und das Google Street View Car verfolgen, das sie eigenen Aussagen zufolge in Berlin gesichtet und mit einem GPS-Gerät ausgestattet haben. Man darf gespannt sein, was sie von ihrer angeblichen Verfolgungsjagd des Google-Autos am Samstag und Sonntag twittern und bloggen. Google ist übrigens auch Sponsor der Transmediale. Hashtag für die Aktionen des F.A.T.-Labs auf Twitter ist #fffffat
February 6 2010, 11:11am
Papergirl: Rollbare Kunst für Berlin
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Das Berliner Kunstprojekt Papergirl geht in die vierte Runde. Warum der Name? “Papergirl wird wie eine Zeitung verteilt, aber nicht editiert oder gedruckt, sondern besteht aus künstlerischen Originalen, die gerollt werden.” Die Kunstwerke werden am Ende der Ausstellung, in er alle Arbeiten gemeinsam zu sehen sind, verschenkt, vom Fahrrad aus an Passanten auf der Straße. In diesem Jahr voraussichtlich in Neukölln. Ein sehr schönes Projekt - wer freut sich nicht über ein spontanes Kunstgeschenk? Bis zum 17. Juli könnt ihr künstlerische Arbeiten einreichen. Wie und wo steht nach dem Klick.
Einreichen kannst du jede Art von Kunst. Einzige Bedingung: rollbar muss das Werk sein, damit es (wie der Name schon andeutet) wie eine amerikanische Tageszeitung zusammengerollt und vom Fahrrad aus verteilt werden kann. An der offiziellen Website wird noch gebastelt, dort wird es aber konkrete Infos geben, wo und wie die Kunstwerke eingereicht werden können. Bis dahin am besten einfach kurz per Email nachhaken info@papergirl-berlin.de Einen Eindruck vom letzten Jahr (Papergirl #3) vermittelt dieses Video:
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April 27 2009, 6:48pm
The Sand of Music
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Diego Stocco macht Musik mit Sand. Wie, das sieht und hört man im Video. Entspannender Elektro-Sound-Sand Diego Stocco - Music From Sand from Diego Stocco on Vimeo.
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March 17 2009, 7:43pm
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