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Internet Manifest - Nachlese

Vor gut vier Wochen veröffentlichten einige im Web bekannte Journalisten und ihre Bekannten das Internet Manifest. Sie wandten sich damit vordergründig gegen Zeitungsverleger, die eine Überarbeitung der Gesetze verlangen, damit sie ihr bisheriges Geschäftsmodell bewahren können. Das bestand bis dato darin, dass man Reichweiten (Leser), die durch ein Übergewicht an Agenturtexten aller Art und einigen intern erstellten Artikeln enstanden war, an Anzeigenkunden verkaufte. Aber das war gar nicht das Problem der Unterzeichner.

Denn fälschlicherweise erklärten die Journalisten, dass sie glaubten, der eigentliche Mehrwert zu sein, der das Geld in die Kassen der Verleger brachte. Dabei waren es zumeist Kleinanzeigen und Stellenangebote, die den Gewinn steigen ließen. In Wahrheit lag dieser Wert also in den Lesern selbst. Da jetzt fast alle Stellenanzeigen auf Online–Stellenbörsen oder bei Xing gelandet sind, Kleinanzeigen durch eBay obsolet wurden, sank der Stern der Verlage zunehmend. Gleichzeitig stieg der Anteil an Massenware in den Zeitungen: Mantelredaktionen versorgen heute Dutzende von Zeitungen und der Rest kommt aus den Presseagenturen oder wird mehr oder weniger offensichtlich von PR–Agenturen beigesteuert und erhält in den Redaktionen einen neuen Teasertext (der erste Absatz) und einige marginale Überarbeitungen, damit keiner sofort merkt, wer den Text bezahlt hat.

Die 15 Unterzeichner des Internet Manifests arbeiten fast alle für eben diese Verlage, die so arbeiten. Aber statt sich über die enorme Ausbeutung der freien Autoren zu mokieren oder diesen Verfall an Qualität zu ereifern, pflücken sich die Damen und Herren die letzten Google–Angstschreie der Verleger und ihrer Diener (Burda wird enteignet, Konken mag das Internet nicht) raus und begründen mit ihnen eine seltsame Auffassung eines neuen Begriffs von Journalismus. Da kommt kein Wort von Networked Journalism, kein Civil Journalism und auch keine Beteiligung an dem Projekt Postjournalismus vor. Man kocht eine eigene Suppe, die glücklicherweise auch noch internationale Anerkennung findet und in viel Sprachen übersetzt wird. Da man mit Online–Journalismus (Untertitel: So funktioniert Journalismus heute) kein großes Zielpublikum erreichen kann, setzt man kurzerhand Schlüsselthemen wie Netzsperren (Zensursula) und Netzneutralität (Schäuble, IPv6) in einer trivialen Form mit dazu und fertig ist eine Deklaration der technoliberitären Art, wie wir es schon damals vor über 10 Jahren bei John Perry Barlow erleben durften:

Die Freiheit der Webnutzer geht über alles. Die Freiheit des Netzes selbst ist die Freiheit der Gesellschaft. Und das Netz muss frei bleiben.

Menschen oder Lebensentwürfe ohne Netz kommen nicht vor. Und um es vorsichtig zu bezeichnen, auch die Arbeit von Journalisten kommt dort eigentlich nicht vor. Recherche wird nicht diskutiert. Das Verhältnis zwischen PR und den freien Autoren kommt nicht vor. Und das Einbinden politischer Initiativen der Bürger in die journalistische Arbeit wird nicht einmal angedacht. In Amerika wird seit zwei Jahren um partizipative Modelle gerungen, die in den oben angeführten englischen Fachbgegriffen eine Ausdifferenzierung andeuten – sei es in die Richtung, dass Bürger eingebunden werden in die vierte Macht des Staates oder ein Netzwerk aus freien Journalisten zusammen mit anonymen Hinweisgebern aus der Wirtschaft und Politik eine neue Art der öffentlichen Kontrolle einführen. Auch die neuen Finanzierungsmodelle, wie sie beim National Public Radio in den USA über Mitgliedsgebühren, Spenden à la Knight Foundation und praktische Hilfen der Bürger stattfinden, finden keinen Widerhall im Manifest. Werbung wird dort fokussiert. Und wenn man sich an ein Interview anlässlich des „Kommunikationskongresses“ (PR–Event) erinnert, bei dem die Mitunterzeichnerin Mercedes Bunz erklärte, dass Werbung journalistischer werden müsse, dann wird die Verwunderung über die Ignoranz des Manifests gegenüber der aktuellen globalen Diskussion über das Web und politische Teilhabe sowie Journalismus nicht nachvollziehbarer.

Die Kritik war global und umfassend und entzündete sich zumeist an den Personen, die das Manifest unterzeichneten. Die anfängliche Kritik daran, dass im Web 2.0 gemeinsame Meinungsbildung stattfindet, führte für einige Tage dazu, dass schnell im Nachhinein ein Wiki für die Web–Community eröffnet wurde, bei dem jeder seine Meinung posten konnte. Als ein Foto auftauchte, das einige Unterzeichner in wenig schmeichelhafter Pose zeigte, wurde es wieder geschlossen. Das Ganze erinnert sehr an die missglückte Pressekonferenz im Sommer, bei der ein Telekommunikationsunternehmen, das sich ausgerechnet zwei deutsche Webpromis wie Nico Lumma und Sascha Lobo als Berater und Testimonial ausgesucht hatte, keine Ruhmestaten vollbrachte. Dort wurde auf dieselbe Weise Frontaltheater betrieben, das in seiner höchsten Form der Demokratie eine Zustimmung oder Ablehnung herausforderte und den Gedanken des neuen Journalismus’ oder einer Demokratisierung per Web, die in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt sehr erfolgreich und vielversprechend realisiert ist, auf schlimme Weise konterkariert.

Diejenigen, die bei den arrivierten Verlagen und Sendern Geld damit verdienen, als Sprachrohre einer neuen Plattform der gesellschaftlichen Kommunikation zu fungieren, erklären im besten manipulativen Gebrauch der Sprache, die einem Werbetexter zur Verfügung steht, eine fiktive Welt zur Realität, die sowohl im Web wie auch außerhalb bedeutend vielschichtiger ist. Aber diese Schichten sind nicht Teil des Manifests, wie alle Unterzeichner nicht müde werden zu erklären. Man wollte eine Diskussion anstoßen.

Jetzt, fünf Wochen später, ist die Spurenlese nach der Diskussion zu einem Fall für Nick Knatterton verkommen, der mit seiner Lupe Indizien für einen Diskurs finden muss. Leider ist da nichts mehr. Dieselben Themen, die das Manifest für seine Poularität nutzte, sind noch immer frei vom Thema Online–Journalismus, Burda hat es Google nachgemacht und einen eigenen News–Aggregator in das Nirvana der digitalen Welt geschossen ohne besondere Relevanz oder Können attestiert zu bekommen und die Manifestierer schreiben und drehen weiterhin als bezahlte Kritiker derjenigen, die sie kritisieren (sollen) wollten. Einen Interessenkonflikt können sie weiterhin nicht erkennen. Sie haben uns sehr gut den Unterschied zwischen Reichweite und Relevanz erklärt. In den Lehrbüchern des Online–Marketings kann dies als Lehrstück dafür gelten, dass enorme Reichweite eine enorme Tendenz dazu hat, sich „zu versenden“. Der „Impact“, also die Wirkung, kann in homöopathischen Verdünnungen nachgewiesen werden. Es hat eben keinen Sinn, mit einem Minigolfschläger auf einem Golfplatz aufzutauchen und alle Hinweise auf einen Driver beim Abschlag mit einem wissenden Lächeln abzutun – auch dann nicht, wenn man Minigolfweltmeister ist. Das musste auch Vodafone schmerzlich lernen. Zum Glück hatten die ein Bauernopfer namens Schnutinger. Das Bauernopfer der nicht geführten Debatte um partizipative Modelle des Journalismus’ steht noch staunend an der Schaufensterscheibe des Internets. Ob es je erfahren wird, dass es mit dem Internet Manifest ein Chance gehabt hätte, an der vierten Macht teilzunehmen? So wird es also auch weiterhin von einer intelligenten Presse im Web mit intelligenter Werbung an intelligente Werbekunden verhökert – und es weiß noch immer nicht, dass nicht Bürger, sondern Reichweite genannt wird.

Achja, wer dachte, dass ich zu Bodo Hombachs Artikel zum Internet Manifest Stellung nehme, dem kann ich nur sagen, dass Bodo Homach kein Journalist ist, nie als Journalist gearbeitet hat und in der Folge keine sachgerechte Einschätzung zum Thema abgegeben kann, wie er selbst eindrucksvoll dargelegt hat.

Mehr dazu hier und hier und hier und hier.

Photo: alviman

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October 26 2009, 5:17am

Internet Manifest - Nachlese

Vor gut 4 Wochen veröffentlichten einige im Web bekannte Journalisten und ihre Bekannten das Internet Manifest. Sie wandten sich damit vordergründig gegen Zeitungsverleger, die eine Überarbeitung der Gesetze verlangen, damit sie ihr bisheriges Geschäftsmodell bewahren können. Das bestand bis dato darin, dass man Reichweiten (Leser), die durch ein Übergewicht an Agenturtexten aller Art und einigen intern erstellten Artikeln enstanden war an Anzeigenkunden verkaufte. Aber das war gar nicht das Problem der Unterzeichner.

Denn fälschlicherweise erklärten die Journalisten, dass sie glaubten, der eigentliche Mehrwert zu sein, der das Geld in die Kassen der Verleger brachte. Dabei waren es zumeist Kleinanzeigen und Stellenangebote, die den Gewinn steigen ließen. In Wahrheit lag dieser Wert also in den Lesern selbst. Da jetzt fast alle Stellenanzeigen auf Online-Stellenbörsen oder bei Xing gelandet sind, Kleinanzeigen durch ebay obsolet wurden, sank der Stern der Verlage zunehmend. Gleichzeitig stieg der Anteil an Massenware in den Zeitungen: Mantelredaktionen versorgen heute Dutzende von Zeitungen und der Rest kommt aus den Presseagenturen oder wird mehr oder weniger offensichtlich von PR-Agenturen beigesteuert und erhält in den Redaktionen einen neuen Teasertext (der erste Absatz) und einige marginale Überarbeitungen, damit keiner sofort merkt wer den Text bezahlt hat.

Die 15 Unterzeichner des Internet Manifests arbeiten fast alle für eben diese Verlage, die so arbeiten. Aber statt sich über die enorme Ausbeutung der freien Autoren zu mokieren oder diesen Verfall an Qualität zu ereifern, pflücken sich die Damen und Herren die letzten Google-Angstschreie der Verleger und ihrer Diener (Burda wird enteignet, Konken mag das Internet nicht) raus und begründen mit ihnen eine seltsame Auffassung eines neuen Begriffs von Journalismus. Da kommt keine Wort von networked journalism, kein civil journalism und auch keine Beteiligung an dem Projekt Postjournalismus vor. Man kocht eine eigene Suppe, die glücklicherweise auch noch internationale Anerkennung findet und in viel Sprachen übersetzt wird. Da man mit Online-Journalismus (Untertitel: So funktioniert Journalismus heute) kein großes Zielpublikum erreichen kann, setzt man kurzerhand Schlüsselthemen wie Netzsperren (Zensursula) und Netzneutralität (Schäuble, IPv6) in einer trivialen Form mit dazu und fertig ist eine Deklaration der technolobertären Art, wie wir es schon damals vor über 10 Jahren bei John Perry Barlow erleben durften:

Die Freiheit der Webnutzer geht über alles. Die Freiheit des Netzes selbst ist die Freiheit der Gesellschaft. Und das Netz muss frei bleiben.

Menschen oder Lebensetwürfe ohne Netz kommen nicht vor. Und um es vorsichtig zu bezeichnen, auch die Arbeit von Journalisten kommt dort eigentlich nicht vor. Recherche wird nicht diskutiert. Das Verhältnis zwischen PR und den freien Autoren kommt nicht vor. Und das Einbinden politischer Initiativen der Bürger in die journalistische Arbeit wird nicht einmal angedacht. In Amerika wird seit 2 Jahren um partizipative Modelle gerungen, die in den oben angeführten englischen Fachbgegriffen eine Ausdifferenzierung andeuten - sei es in die Richtung, das Bürger eingebunden werden in die vierte Macht des Staates oder ein Netzwerk aus freien Journalisten zusammen mit anonymen Hinweisgebern aus der Wirtschaft und Politik eine neue Art der öffentlichen Kontrolle einführen. Auch die neuen Finanzierungsmodelle wie sie beim National Public Radio in den USA über Mitgliedsgebühren, Spenden à la Knight Foundation und praktische Hilfen der Bürger stattfinden, finden keinen Widerhall im Manifest. Werbung wird dort fokussiert. Und wenn man sich an ein Interview anläßlich des Kommunikationskongress (PR-Event) erinnert, bei dem die Mitunterzeichnerin Mercedes Bunz erklärte, dass Werbung journalistischer werden müsse, dann wird die Verwunderung über die Ignoranz des Manifest gegenüber der aktuellen globalen Diskussion über das Web und politische Teilhabe sowie Journalismus nicht nachvollziehbarer.

Die Kritik war global und umfassend und entzündete sich zumeist an den Personen, die das Manifest unterzeichneten. Die anfängliche Kritik daran, dass im Web 2.0 gemeinsame Meinungsbildung stattfindet, führte für einige Tage dazu, dass schnell im nachhinein ein Wiki für die Web-Community eröffnet wurde, bei dem jeder seine Meinung posten konnte. Als ein Photo auftauchte, dass einige Unterzeichner in wenig schmeichelhafter Pose zeigte, wurde es wieder geschlossen. Das Ganze erinnert sehr an die mißglückte Pressekonferenz im Sommer, bei der ein Telekommunikationsunternehmen, dass sich ausgerechnet zwei deutsche Webpromis wie Nico Lumma und Sascha Lobo als Berater und Testimonial ausgesucht hatte. Dort wurde auf dieselbe Weise Frontaltheater betrieben, dass in seiner höchsten Form der Demokratie eine Zustimmung oder Ablehnung herausforderte und den Gedanken des neuen Journalismus oder einer Demokratisierung per Web, die in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt sehr erfolgreich und vielversprechend realisiert ist, auf schlimme Weise konterkariert.

Diejenigen, die bei den arrivierten Verlagen und Sendern Geld damit verdienen, als Sprachrohre einer neuen Plattform der gesellschaftlichen Kommunikation zu fungieren, erklären im besten manipulativen Gebrauch der Sprache, die einem Werbetexter zur Verfügung steht, eine fiktive Welt zur Realität, die sowohl im Web wie auch außerhalb bedeutend vielschichtiger ist. Aber diese Schichten sind nicht Teil des Manifest, wie alle Unterzeichner nicht müde werden zu erklären. Man wollte ein Diskussion anstoßen.

Jetzt 5 Wochen später ist die Spurenlese nach der Diskussion zu einem Fall für Nick Knatterton verkommen, der mit seiner Lupe Indizien für einen Diskurs finden muß. Leider ist da nichts mehr. Dieselben Themen, die das Manifest für seine Poularität nutzte sind noch immer frei vom Thema Online-Journalismus, Burda hat es Google nachgemacht und einen eigenen News-Aggregator in das Nirvana der digitalen Welt geschossen ohne besondere Relevanz oder Können attestoert zu bekommen und die Manifestierer schreiben und drehen weiterhin als bezahlte Kritiker derjenigen, die sie kritisieren (sollen) wollten. Einen Interessenkonflikt können sie weiterhin nicht erkennen. Sie haben uns sehr gut den Unterschied zwischen Reichweite und Relevanz erklärt. In den Lehrbüchern des Online-Marketings kann dies als Lehrstück dafür gelten, dass enorme Reichweite eine enorme Tendenz dazu hat, sich “zu versenden”. Der “impact”, also die Wirkung kann in homoöpathischen Verdünnungen nachgewiesen werden. Es hat eben keinen Sinn, mit einem Minigolfschläger auf einem Golfplatz aufzutauchen und alle Hinweise auf einen Driver beim Abschlag mit einem wissenden Lächeln abzutun - auch dann nicht, wenn man Minigolfweltmeister ist. Das musste auch vodafone schmerzlich lernen. Zum Glück hatten die ein Bauernopfer namens Schnutinger. Das Bauernopfer der nicht geführten Debatte um partizipative Modelle des Journalismus steht noch staunend an der Schaufensterscheibe des Internet. Ob es je erfahren wird, dass es mit dem Internet Manifest ein Chance gehabt hätte, an der vierten Macht teilzunehmen. So wird es also auch weiterhin von einer intelligenten Presse im Web mit intelligenter Werbung an intelligente Werbekunden verhökert - und es weiß noch immer nicht, dass nicht Bürger sondern Reichweite genannt wird.

Achja, wer dachte, dass ich zu Bodo Hombachs Artikel zum Internet Manifest Stellung nehme, dem kann ich nur sagen, dass Bodo Homach kein Journalist ist, nie als Journalist gearbeitet hat und in der Folge keine sachgerechte Einschätzung zum Thema abgegeben kann, wie er selbst eindrucksvoll dargelegt hat.

Mehr dazu hier und hier und hier und hier.

Photo: alviman

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Möchtegern-Debatte 2.0 auf N24 (4) Internet-Manifest Wie Journalismus heute funktioniert (0)

October 21 2009, 9:17am

Internet-Manifest Wie Journalismus heute funktioniert

17 Bhauptungen zum Journalismus und wie dieser in Zeiten des Internets funktioniert hat eine Gruppe von Profi-Journalisten zusammengestellt und als “Internet Manifest” veröffentlicht. Den 17 Thesen gibt es nach dem Klick. 1. Das Internet ist anders. Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein. 2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche. Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt - zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet. 3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet. Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog. 4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar. Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit. 5. Das Internet ist der Sieg der Information. Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor. 6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus. Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten. 7. Das Netz verlangt Vernetzung. Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser. 8. Links lohnen, Zitate zieren. Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert. 9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs. Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus. 10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit. Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus. 11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information. Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen - sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 12. Tradition ist kein Geschäftsmodell. Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren 13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht. Das Urheberrecht ist ein zentraler* Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet. *) Stilblüten-Alarm aufgehoben 14. Das Internet kennt viele Währungen. Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden. 15. Was im Netz ist, bleibt im Netz. Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren. 16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität. Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben. 17. Alle für alle. Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte - und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt. Internet, 07.09.2009

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