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Die veröffentlichte Identität

Wir allen haben von Zeit zu Zeit Probleme damit, unsere Verachtung und unsere Bewunderung angemessen in der Welt zu verteilen. Daher hat die moderne Gesellschaft für diesen Zweck die Identität erschaffen. Und genau dann, wenn wir uns mit unseren Urteilen in Übereinstimmung befinden, bezeichnen wir uns als identisch mit uns selbst. Aber nicht wenige Kräfte aus der Außenwelt stricken fleißig mit an diesem Tannenbaum aus Urteilen und sehr viel Lametta… Der Grund für dieses Crowd-Sourcing-Projekt namens Identität findet sich schnell: Urteile sind das rationale Mittel um Unterscheidungen festzustellen. Das andere nicht-rationale Mittel des Bewertens unserer Situation sind die Gefühle. Doch in unserer aufgeklärten Welt hat diese Art der Orientierung in der Lebenswelt keinen besonders guten Leumund – außer in der esoterischen Literatur und in Frauenmagazinen. Beginnen wir am besten ganz vorne. Jeder hat sich im Laufe seiner Kindheit ein bestimmtes Set zurecht gelegt. Eine Art Erwachsener zu sein, die man erreichen will, oft in totaler Ablehnung der Werte der Eltern oder in einer ähnlich absoluten Weise die exakte Kopie von deren Bewertungsschema. Diese erste Urform unserer Identität erleidet frühestens in der späten Jugend oder den frühen Dreißigern Schiffbruch. Denn unsere hehren Ziele erfordern eine tägliche Disziplin und ein striktes Regiment an moralischen Handlungen, die wir selten über Jahre durchhalten. Da kommt uns das Arbeitsleben sehr gelegen. Dort schaffen wir uns gern eine zweite Haut, die wir auch noch äußerlich durch besondere Uniformen wie Anzüge und Kostüme, Schminke und Statussymbole zu verankern suchen. Überschießende Ansichten finden ihren bevorzugten Ort in Stammtischen, beim Mädelsabend oder im trauten Urschrei-Kreis beim Fußball. Sie stören nicht die „eigentliche“ Identität des Erwachsenen in festen Arbeitsbeziehungen. Denn sie sind privat. Damit bezeichnet man zwar ein Eigentum, das eher zugehörig als Teil des inneren Seelenlebens ist. Aber genau das ist das Schöne. Denn ganz tief innen hat man sich die erste Identität aus der Kindheit bewahrt. Mit Spenden an notleidende Kinder, mit Biokraftstoffen und mit Eiern von glücklichen Hühnern können wir diese innere Heimat sehr erfolgreich verteidigen: Andere mögen sagen, zum Schweigen bringen. Nun kommt ein neuer Schauplatz zum Tragen, an dem Identität gezeigt und erworben wird: die Medien im weitesten Sinne. Denn nicht wenige Zeitungen haben sich einem bestimmten Menschenbild verschrieben, das oft sogar seine Spiegelungen in Parteiprogrammen erhält. Die einen verschreiben sich dem Kampf für ein regelloses Marktgeschehen und bewundern damit den Götzen der Freiheit. Die Anderen dienen demselben Götzen, indem sie vielen Bevölkerungsgruppen einen Zwang zu organisierten Befreiung vorschreiben. Wer nun als Einzelner keine besondere Lust oder Begabung darin verspürt, solche großen Fragen in seinem eigenen stillen Kämmerlein zu durchdenken, der hat mit diesen Massenmedien ein probates Mittel an der Hand, das für ihn das Urteilen argumentativ vorbereitet. Der Leser oder die Leserin klaut sich dabei aber nicht einfach die Sätze, um sie am Stammtisch oder beim Mädelsabend wiederzukäuen, sondern hat sich aktiv am öffentlichen Prozess der Meinungsbildung beteiligt. Damit hat der postmoderne Mensch seine Reinheit der Identität erhalten und trotzdem diffizile Probleme einer kaum überschaubaren Welt erfolgreich beurteilt. Das Internet nun ist ein dummes Ding. Denn darin passiert etwas ganz Unerhörtes. Früher gab es sehr viele Menschen, die schrieben. Aber nur sehr wenig, die das auch veröffentlichten. Heutzutage ist die Gruppe derjenigen, die ihre Wörter – ob nun selbst gedacht oder öffentlich willensgebildet – veröffentlichen, sehr große geworden. Die Journalisten sind pikiert. Die öffentliche Willensbildung hat ein Problem. Denn nun gibt es abweichende Urteile, die zu den bizarrsten und schwierigsten Problemen der Menschheit Stellung beziehen. Nicht selten in einer inhaltlichen Tiefe und Breite, die jede Zeitung und jede Fernsehsendung platzen lassen würde. Aber zum Glück gibt es auch so etwas wie twitter und facebook, wo man einfach nur seine Identität pflegt, indem man Talkshows, Popstars und das letzte Käsebaguette beurteilt. Und schon kann man die offizielle Form der publizierten Identität klar als das Bessere qualifizieren. Denn schließlich sind die Menschen die in den sozialen Netzwerken ihre Identität „frei Schnauze“ erschaffen, keine professionell geschulten Journalisten, die nur bestimmte Themen und nur mittels bestimmte Fachexperten bewerten. Wir wissen ja alle, dass nur Sozialwissenschaftler angemessen unseren Zeitvertreib am Wochenende bewerten können. Nur Ernährungswissenschaftler können eine begründete Meinung zum Käsebaguette haben und auch das Leben und Wirken von Popstars kann nur von jemandem beurteilt werden, der mindestens 6000 CDs gehört hat. Insofern ist es klar, dass die Identität in den Sozialen Netzwerken bloß digital sind und damit praktisch wertlose Ketten aus Nullen und Einsen. Oder etwa nicht?

March 10 2011, 10:00am

Generation Moderat

In unseren bildungsbürgerlichen Realität wird die öffentliche Auslebung exzessiver Charakterzüge nur bei Kleinkindern und einem enggezirkelten Künstler- und Intellektuellenkreis tatsächlich und vollständig toleriert. Denn es dämmert dem Heranwachsenden schnell, dass jeder deutlich publizierte Gefühlsausdruck in den wenigsten Fällen mit Wohlwollen bewertet wird. Schreien, Fluchen und Trotz führen zu ersten unangenehmen Sanktionen, verzwirbelte Verrücktheiten zu sorgenschweren Mienen und ein zu schnell reifendes Selbstbewusstsein zu hinterhältigen Unterdrückungsritualen. Das hat zur Folge, dass wir allesamt und moderat weichgespült durch die Strassen wandern. Man hat so viel im Kopf und kann es doch nicht ausdrücken. Man hat so viel im Herzen und kann es doch nicht zeigen. Man hat so viel zu tun und weiss nicht, wie es anzufangen ist… Und wenn die Unruhe in unserer Birne fast hyperventiliert, dann drängt es förmlich aus einem heraus und sprudelt aus den Ohren und es passiert das Unvermeidliche. Totaler Kontrollverlust in der Zentrale. Exzesse jetzt, sofort und überall. Wer eine Knarre zur Hand hat, wird um sich schiessen, wer eine Tablette zur Hand hat, wird sie schmeissen und wer auf einer Brücke steht, der springt. Und wer Platz hat, der wird schreien: „WAS WOLLT IHR DENN ALLE VON MIR? IHR PENNER. KÜMMERT EUCH DOCH UM EUREN EIGENEN KRAM,VERDAMMT. IMMER SOLL ICH MÜSSEN, WOLLEN, WISSEN, FÜHLEN UND ES PASSIERT SOWIESO NIX ODER ALLES. ENTWEDER, ODER. ALLES EIN DÄMLICHES WÜRFELSPIEL. MACHT DOCH MEINETWEGEN EINFACH ALLE NUR LIEBE UND TUT DAS,WORAUF IHR LUST HABT. DEN REST DER WELT INTERESSIERT ES SOWIESO EINEN PUPS UND DANN HAT MAN EINE WEILE WENIGSTENS WIRKLICH WIRKLICH WAS GEHABT VOM TAG.“ Keine Sorge, dank unserer allgemeinen und weitreichenden moderaten Erziehung sind wir in ein paar Tagen wieder back to basic. Aber man ist zwischendurch mal so richtig schön ausgeflippt. Man sollte lernen, diese ausgeflippte, wahnsinnige Energie zu kanalisieren, zu trichtern und in absolut Produktives und Positives umzuwandeln. Eine Stilberatung für den persönlichen Hulk sozusagen: „Nein, dieses verkniffene, verklemmte Grün steht ihnen wirklich nicht zu Gesicht, verehrter Herr Hulk.“ Wie gut wäre das denn…

October 20 2010, 9:55am

Ich bin in der Überzahl

“2007 wurden nach dem rätselhaften Mord an einer Polizistin die Gen-Spuren einer weiblichen Person gefunden, deren DNA in den vergangenen 15 Jahren an 26 weiteren Tatorten festgestellt worden war. Es ging um weitere Morde, aber auch um Einbrüche. Die Opfer waren alt wie jung, männlich wie weiblich. Es gab keine Strategie, kein Muster, kein Motiv, keine Kohärenz, keine inneren, keine äußeren Zusammenhänge. Das folgende Psychogramm erschien letztendlich am wenigsten spekulativ: Eine sehr flexibel agierende Person, die in Gartenhäusern nächtigt, gerne aus zurückgelassenen Flaschen trinkt und sich gelegentlich anderen Ganoven anschließt. Sie hat Bezugspunkte in Rheinland Pfalz, Baden-Württemberg und Oberösterreich, ist möglicherweise drogenabhängig und zwischen 25 und 50 Jahre alt. Eine Frau, die kein bestimmtes Milieu bevorzugt, ein gutes Gespür für Tatorte vor allem in Vororten und Kleinstädten hat, ab und an gezielt Motorräder, Elektrowaren oder Autos stiehlt und sich unliebsamer Beobachter äußerst brutal entledigt, wenn sie bei ihren Verrichtungen überrascht wird. Aber die Frau hatte kein Gesicht und keine Gestalt, kein Alter, keinen Namen, keine Nationalität, keine Muttersprache. 3000 Spuren wurden erfasst und 2400 bearbeitet, darunter nicht einen einziger konkreter Hinweis auf die Identität der Frau. Tausende von lauwarmen, kühlen und kalten Spuren, die sich untereinander widersprechen. Statt sich scharf zu stellen, zerfiel das Bild in tausend Pixel. Das Bild der Frau war das Bildnis einer monströsen Leere.” (Süddeutsche Zeitung Online, Zitat stark komprimiert)…

“Ich bin in der Überzahl!” (#) Ich bin martinlindner auf Twitter. Ich bin Martin_Lindner14 auf Xing und MicrolearningOrg auf delicious.com. Erst seit einem Jahr bin ich “Martin Lindner” auf Facebook. Vorher war ich dort mit meinem Bildschirm-Pseudonym angemeldet. Den bürgerlichen Namen habe ich erst angenommen, als sich herausgestellt hatte, dass ich Facebook eher halbberuflich und kaum privat nutze. Ich habe eine ID bei Facebook, Xing, Twitter, LinkedIn, Yahoo, Flickr, YouTube, MyBlogLog, Wordpress, Wikispaces, pbworks, mixxt, Microsoft Live, Amazon und bei vielen, vielen anderen Services. Ich habe keine ID bei World of Warcraft, Second Life und StudiVZ.  Ich habe drei IDs bei Google. Ich bin identisch bin mit dem Autor des sehr lange schon vergriffenen Buchs “Leben in der Krise”. Mein Leben vor 1999 gehört nicht mehr zu meiner Identität, weil nichts davon im Web steht. Ich habe seit Ende 2003 unter wechselnden Namen in einigen Blogs geschrieben. Am meisten über mich erfährt man im Web, wenn man meine 11920 öffentlichen Bookmarks auf delicious.com genau durchsieht, aber natürlich macht das kein Mensch, nur der Google-Robot vielleicht. Ich bin verheiratet. Ich habe keine Vorstrafen. Ich habe keine besonderen Kennzeichen. In meiner Brieftasche habe ich einen Personalausweis, einen Führerschein, eine EC-Karte von meiner Sparkasse, eine Amazon-Visa-Kreditkarte, eine IKEA family card, eine Bahncard, eine Bibliothekskarte, eine Krankenversicherungskarte der AOK, einen Impfausweis. Diese Karten verweisen auf ein Konto, auf eine Adresse, auf einen Eintrag im Melderegister … und letzten Endes auf meinen einmaligen Körper. Das letzte Mittel ist die DNA-Probe. Ich weiß nicht, wieviele Karten, Nummern und Ausweise es im “richtigen Leben” gab und gibt, die genau auf mich verweisen, aber es können nicht so furchtbar viele sein: vielleicht 30 in fast 50 Jahren. Und wieviele IDs habe ich im Internet-Leben angehäuft? Keine Ahnung. Mindestens 200 in 10 Jahren, sehr vorsichtig geschätzt. All that is solid melts into the air “Die fortwährende Umwälzung, … die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die [Internet]-Epoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse …  werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles … Stehende verdampft… und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.” (Kommunistisches Manifest, geringfügig verändert) Identitäten veränderten sich immer schon, je nachdem, in welchem Kreis man gerade verkehrte: unter den Fußballfreunden oder im Büro, im Elternhaus oder auf dem Metallica-Konzert, bei der nachmittäglichen Dessous-Einkaufsparty im Reihenhaus oder im Bordell nach der Baumaschinen-Messe. Und das gilt nicht nur in solch grob unterschiedlichen Kontexten. Im Prinzip wird mit jedem einigermaßen stabilen Kommunikationszusammenhang auch eine eigene Identität erzeugt: ein Spiegelbild, das die Umwelt auf mich zurückprojiziert. Aus den Überlagerungen und Wechselwirkungen dieser Spiegelbilder entsteht dann so etwas wie meine Gesamt-Identität – aber die ist nicht der Ursprung von allem, sondern die unklarste Identität von allen, weil es ja gar keine konkrete Situation gibt, zu der sie gehört. Was ist also das Neue? Was verändern die digital-vernetzten Medien?

Mehr ist anders: Es ist viel einfacher geworden, eine neue Identität anzulegen. Ein paar Klicks genügen, und schon steht man in einem neuen Kommunikationszusammenhang. Schon kann man anfangs neu darüber bestimmen, wie man auftreten will. Und dann bilden sich mit jeder Lebensäußerung Muster aus, bis man sich am Ende wieder eingesponnen findet und sich fragt: Bin das noch ich? Will ich so sein? Räume werden durchlässig: Bisher waren Identitäten noch an Orte gebunden.  An die Nachbarschaft, die Kleinstadt, die Metropole, die Nation. Jetzt kann jede/r DorfbewohnerIn Beziehungen in anderen Erdteilen anknüpfen und sich alternative Identitätsmuster heraussuchen aus einem unendlich vielfältigen Katalog. Das Handfeste wird flüchtig: Bisher musste man seinen Körper einsetzen, um eine Identität zu beglaubigen. Darum konnte man auch nur schwerfällig aus einem Zusammenhang in den nächsten wechseln. Jetzt ist die Kommunikation selbst viel abstrakter: Sie besteht nicht mehr zuerst aus mündlicher, verkörperter Sprache, sondern aus Text. Aus dunklen Zeichen auf hellem Grund. Blogposts, Kommentare, eMails, Twitter, SMS. Darin wird dann ab und zu auch die eigene Stimme, das eigene Bild eingebettet. Aber das Bindegewebe besteht aus Text. Der schwere Körper dagegen verschwindet zwischen den Zeilen. Aber eben auch umgekehrt: Das Flüchtige wird greifbar. Früher gab es momentane Identitäten, die dann gleich wieder verwehten mit der mündliche Rede und dem vorübergehenden Auftritt. Aber im Web hinterlassen auch flüchtige Äußerungen mediale Spuren, die sich verselbständigen. Über unseren Köpfen schwebt gleichsam eine verselbständigte Partikelwolke aus Äußerungen und Gesten und Daten. Gelegentlich verdichten diese Partikel sich wieder zu Identitäten. Das Web ersetzt nicht das “richtige Leben”, aber es polt das Verhältnis um. Free your mind, your ass will follow. Treffen und Aktionen in der Körperwelt werden sich in Zukunft viel stärker aus scheinbar gestatlosen Netz-Verbidnungen ergeben

Bring deinen Körper auf die (Web 2.0-) Party (#) Die rätselhafte Polizistenmörderin gab es übrigens nicht. Ihre Phantom-Identität war ein Effekt von 2400 Spuren, die nichts miteinander zu tun hatten. Die DNA, die an den 30 Tatorten gefunden worden waren, stammte von einer Packerin aus der Wattestäbchen-Fabrik, deren Produkte die Polizei nutzte, um Spuren zu sichern. Der Mord ist noch immer unaufgeklärt. So ähnlich ist das auch mit der Identät im Web: Wer einen Namen googelt, findet viele verschiedene Spuren, aus denen sich in der Such-Perspektive dann so etwas wie eine Phantom-Persönlichkeit herauskristallisiert. So wie wir als Romanleser sofort das Bild einer Figur entwickeln, obwohl diese Figur eigentlich nur durch wenige Adjektive und Sätze charakterisiert ist, zusammen mit ein paar eigenen Äußerungen und den Wirkungen und Reaktionen der Romanwelt um sie herum. Das Wort “Identität” ist ein Widerspruch in sich: Es beschwört Eindeutigkeit, aber wird nur da benötigt, wo Identität in Frage steht. Und es bezieht sich zuerst auch gar nicht auf das einmalige Wesen eines besonderen Menschen, sondern immer auf irgendein soziales System, das eine bestimmte Position für Akteure ausspart und dann feststellen will, ob ein Individuum dazu passt oder nicht. Identitäten werden immer von anderen verliehen, aufgrund bestimmter Merkmale, die im jeweiligen Zusammenhang gerade wichtig sind. Meine Bank schreibt mir eine andere Identität zu als der Türsteher im “Berghain”. Einmal bin ich eine Konfiguration von Zahlen, das andere Mal ein Stück Fleisch. Aber keine dieser Identitäten ist deshalb echter als die andere. Der arme, echte, plumpe, alternde Körper hat selbst keine Identität. Er braucht gar keine, er ist ja einfach da. Identitäten werden daran nur aufgehängt. Und seit einiger Zeit werden sie eben hineintätowiert, hineinoperiert und hineintrainiert, in dem verzweifelten Versuch, so einen festen Ankerpunkt herzustellen. Das Netz kehrt die Verhältnisse um. Das selbstgewählte Bild, das für eine Web-Identität steht, heißt “Avatar”: der hinduistische Begriff für ein eigentlich formloses Gott-Wesen, das die äußere Gestalt eines Menschen oder Tieres nur annimmt. Primär geht es im Netz ja nicht um das, was man ist, sondern um das, was man äußert. Es geht zuerst um soziale Objekte in Form von Text, Ton und Bild, und erst sekundär um die sozialen Beziehungen. Mit den Worten der großartigen Kathrin Passig: “Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. Der zuverlässige Ebayverkäufer ist vielleicht andernorts ein Gliedvorzeiger, der Forentroll ein hilfreicher Berater in Fragen der Reptilienzucht, der kluge Essayist ein randalierender Blogkommentator. Es gibt keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.” Wichtig ist in einem solchen Zusammenhang dann nicht mehr das “unordentliche Konglomerat der ganzen Person”, sondern nur die Frage: “Welche Lebensäußerungen eines Menschen sind für dessen Umwelt in einem spezifischen Kontext von Interesse, welche nicht?” Woraus entsteht eine positive Reaktion, auf die andere (und man selbst) weiter aufbauen können? Bildnachweis: FlyingPete Crosspost von evideo.htw-berlin.de

July 1 2010, 10:03am

Echtzeit oder Instant-Ich?

Es ist offensichtlich kurz vor zwölf. Wir schauen auf die Uhr und schreien „SOFORT!“. Wir sind drängelnde, schubsende Groupies der Gleichzeitigkeit. Wir streben nicht mehr nach dem „Carpe Diem“, wir wollen es in unseren Schoß segeln sehen.

Wir ziehen Fertighaus-Türen hinter uns zu, rufen unseren Instant Messenger auf und schlürfen eine Instant-Noodle-Soup. Casting-Shows küren die neuen Instant-Stars, die wir vorgestern schon vergessen haben. Zwischendurch noch schnell ein Blick auf unsere neue Armbanduhr, die Twitter- und Facebook Updates neben der aktuellen Stunde erscheinen lässt. Und wenn das Abendprogramm eines kultivierten Updates bedarf, besuchen wir noch schnell ein Improvisationstheater. Wer möchte schon den endlosen Monologen eines lebensmüden Hamlets im Morgenmantel lauschen, wenn er nicht eben mal schnell reinbrüllen darf, dass es jetzt mal reicht, mit dem Sein oder Nicht-Sein. Unsere tägliche Instant-Dosis verdirbt auf Dauer auch den diszipliniertesten Charakter. Wer ist schon noch bereit, auf lange Sicht etwas zu „er“warten, zu „er“hoffen?

Selbst die liebe Liebe muss darunter leiden. Die Auserwählte wird nicht mehr monatelang keusch hofiert und mit Geschenken und Geschriebenem bedacht. Und räkelt sie sich doch schnellstmöglichst in den Kissen, sollte der Cowboy von heute fix zur Instant-Erektions-Garantie Stallion XL greifen. Denn für das Klassenziel: „How to get an instant erection“ ist dies die effektivste Pille auf dem Markt. Garantiert kein Vor- und Nachspiel.

Geduld und Muße sind uns offensichtlich instantly abhanden gekommen. Wieso eine Sportart mühevoll von der Pike auf erlernen, wenn doch die Nintendo-Wii-Spielkonsole griffbereit im Regal liegt. Da kann man sich beim Tennis oder Boxen gründlich austoben und gleichzeitig noch schauen, ob unsere Kühe bei Farmville noch in Reih’ und Pixel stehen. Unsere eigene Farm – nur ohne Dreck, echte Tiere und Arbeit.

Wer nebenbei noch auf der Suche nach sich selbst und allem anderen ist, der hat dank Facebook jetzt die Möglichkeit, sich einer „umgehenden Personalisierung“ zu unterziehen. Auf der vergangenen f8-conference wurde uns ein neues Tool offenbart: „Die umgehende Personalisierung meines Nutzungserlebnisses auf Drittseiten von Webpartnern“. Einfach Zucker. Zwischen dem ganzen Brei aus Tütensuppen, löslichen Topmodels und fiktiven Schweineställen müssen wir uns fragen: Wieviel Instant-Produkt steckt in uns?

Und sind wir noch so gut wie das Original? Beruht unsere Instant-Gemeinschaft auf dem gleichen Prinzip wie Instant-Food? Das wäre Convenience.

Zu deutsch schlicht: Bequemlichkeit. Bildnachweis: nesstor4u2

April 26 2010, 10:00am

Online-Reputation: Defective Appearance

Die A-Z-Prominenz hat die Yellow Press. Wir haben Facebook. Unser Popularitätsbarometer, unser Walk of Shame. Wir werden eingeladen oder ausgeschlossen. Bestätigt oder ignoriert. New Checks and Balances.

Wir sind Präventiv-Poster. Denn wir wissen, vor dem ersten Date kommt der Profilcheck, vor dem Einstellungsgespräch der Google- Befehl. Und so lassen wir alle Fremden, Unbekannten, flüchtigen Bekanntschaften via Selbstportrait wissen, was wir sind. Oder sein wollen. Oder zu sein glauben. Rocker, Denker, Dichter, Luder, Cowboy, Weltenbummler, oder auch eine wundersame Symbiose völliger Gegensätze. Wir rufen uns beständig neu aus. In der Hoffnung, dass uns kein Fehltritt um die Ohren gepostet wird. Sollte der Profilschuh doch mal drücken, kann man den Reputations-Manager seines Vertrauens durchs Netz kriechen lassen…

Oder man zieht gleich mit einem Reputations–Defender ins Feld. So oder so, “it’s always good to see who is singing your praises and who is criticising you“.

Die Pflege der Netz-Reputation folgt also subtilen Regeln. Wir transferieren uns häppchenweise in den Profil-Äther. Setzen Statements, Marker, virtuelle Post-Its. Begehrlichkeiten an der eigenen Person sollen geschaffen werden. Erfolgreiches Selbst- Marketing misst sich nun an Werten wie Netzwerk-Grösse, exklusiven Gruppenzugehörigkeiten und der Macht, Anfragen abzulehnen.

Reputation ist messbares Ansehen in der Öffentlichkeit. Sie ist Erwägungs- und Kalkulationsgrösse für unser Gegenüber, ein Ego- Hand-Out. In der Generation des Netz-Egos wird dieses meist mächtiger, als man sich dies wünscht. Wie man im Netz gut aussieht“ Google, unser Waschweib 2.0., tratscht den lieben langen Tag. In Lichtgeschwindigkeit. Da sollte man sich wenigstens hübsch anziehen. “Wie man im Netz gut aussieht“, eine Stilberatung, so pathetisch wie naiv.

Schlagwörter sind hier Bewusstsein, Disziplin , Selektion und iKarma.

Es gilt also, auf der Hut zu sein und Konsistenz zu beweisen, zwischen dem eigenen realen Handeln und seiner Nachbereitung im Netz. Denn die Derangierung des Netz-Rufes ist schwer zu kontrollieren. Kontradiktorische Posts bringen uns in Verruf, Fotoverlinkungen entlarven uns. Das Privileg des Geheimnisses schwindet ironischerweise mit wachsender Popularität. Oder, um es wie Mike Arrington zu fassen: “the skeletons are coming out of the closet and onto the porch.”

Möchte man seine Netz-Reputation doch freiwillig gegen die Wand fahren, findet sich auf http://www.phase-5.net eine charmante Zusammenstellung des zu befolgenden Protokolls:

  1. Widersprüche betonen
  2. Je peinlicher, desto lustiger
  3. Jeder Kontakt ist gut
  4. Das beste Alibi ist, keins zu haben
  5. Computer anschalten, Hirn ausschalten
  6. Suchmaschinen sind dein Freund

Wir haben uns doch letztendlich freiwillig für die grosse Bühne entschieden. Und jetzt wissen wir, wie im Leben, so im Netz. Nur schneller. Und unkontrollierbarer.

I’m a sinner, I’m a saint. I do not feel ashamed. Oder doch?

Bildnachweis: mccoy

April 8 2010, 10:00am

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