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GENERATION TRASH

Es ist soweit. Wir bringen den Müll nicht mehr vor die Tür, wir holen ihn uns direkt ins Haus. Wir leben ihn, feiern ihn, kleiden uns darin ein. Eine ganze Generation huldigt dem Trash. Trash-TV, Trash-Musik, Trash-Literatur, Trash-Design, Trash-Talk, Trash-Fashion Party-Trash, Trash-Kultur. Trash ist nicht Vintage, Used oder Second-Hand. Trash ist nicht Punk, Schlager oder Pop. Trash ist Trash. Der Trash hat nicht nur als blaue, grüne und gelbe Tonne den Sprung in die Postmoderne geschafft. Er steht ebenfalls für für ein geistloses, kulturelles Produkt, das sich in (un)gewollte, niveaulose Komik hüllt. Sein Markenzeichen: hauptsache billig, absurd und ordinär. Und quasi über Nacht allgegenwärtig. Wir versinken im Trash.

Bei einer so extraordinären Präsenz stellt sich die Frage: Warum jetzt? Warum in dieser Intensität? Ist es die pure Lust einer Generation von Spielkindern am Stil- und Knigge-Bruch in Sprache, Form und persönlichem Ausdruck? Oder tiefsinniger Verweis auf eine konstante Sinnüberladung selbiger, die sich in der Konsequenz nach Sinnlosigkeit und Kaputtem sehnt? Nach Barbie Ken, Karaoke und Wok-WM. Die Beweislage ist erdrückend. Selbst Kulturonkel ARTE zieht mit und adelt das Phänomen Trash mit einer eigenen Sparte: ARTE Trash: “Trash-Filme – kultig, strange, gruselig, fantastisch”.

Alexander Markus schwimmt und tanzt im Electrolore-Rausch mit riesigem Plastikglobus nach „Papaya“ und Stefan Raab verdient seine Brötchen mit „Wok-WM“ und singt dabei „Wir kiffen“.

Aber damit nicht genug. Möbel sind jetzt nicht mehr nur Möbel, sondern das neue Gerümpel der Zukunft. Ein durchgestyltes, aufgeräumtes Interieur gilt als antiquiert, als spießig. Trash ist das Feng-Shui der Gegenwart. Im Duden für Szenesprache findet sich „trashig“ in der Katgorie Lifestyle & Wohnen. Assoziationen sind hier Flohmarkt und Retro-Chic. Trash als Feng-Shui der Gegenwart. Soso. Und weil wir gerade so schön auf der Trash-Welle surfen, sind wir uns für nichts zu schade. Selbst der Braut Allerheiligstes, ihr Kleid, darf nicht weiss bleiben. „Neuer Trend: Trash the Dress.“ Natürlich haben mal wieder die Amis dieses Absurdum initiiert. Ein originelles Fotoshooting für Braut und Kleid. Braut auf der Baustelle. Braut an der Tankstelle. Braut im Matsch. Hauptsache schmuztig machen. Hauptsache Trash. Dank Louis Vuitton können wir uns sogar für ein paar kleine Dollar unsere eigene Designer-„Trash Bag“ leisten. Eine wasserabweisende Mülltüte mit Lederriemen und art-typischem Plastikzug. Für alle, deren Portemonnaie für den Label-Trash am Band zu schmal ist, geht es auch günstiger. Denn für den Trash-Look a la Lady Gaga braucht man nur „ein bisschen zuviel Selbstbräuner, freizüge Bondage-Outfits, Korsagen und Unterhosen über billigen Nylonstrümpfen.“ Hauptsache ordinär. Ist Trash der post-punkige Stinkefinger, der sich jetzt höher denn je gegen frisch gekehrte Bürgersteige und aufgeräumte Kinderzimmer hebt? Ist er offensichtliche, massentaugliche Revolution gegen Anstand und Niveau? Schafft der Trash, was der Punk nicht konnte, weil der Trash jeder Ernsthaftigkeit entbehrt und sich billiger und anstrengungsloser leben und verkaufen lässt? Und wann fängt es an, entsetzlich zu stinken? Bildnachweis: alviman

April 16 2010, 12:14pm

TEDtalks: How to combat modern slavery

April 15 2010, 12:30pm

TEDtalks: What adults can learn from kids

April 14 2010, 12:30pm

ePetition: OpenACTA unterzeichnen

Drüben bei carta ist die Übersetzung der OpenACTA Petitio mit direktem Link zur englischen Petition zum “unterzeichnen”. Bitte Lesen, Nachdenken und dann ggflls. weiterklicken zum Mitmachen oder Weiterleiten. “Bis Dienstag kann die globale Petition “OpenACTA” unterzeichnet werden, die die verhandelnden Staaten u.a. dazu auffordert, ACTA auf die ursprünglichen Ziele zu beschränken und Transparenz und Teilhabe herzustellen.”

April 12 2010, 1:55pm

Selbst-Marketing 2.0 in der Flat World

Bereits an anderen Stellen wurde versucht, die positiven Aspekte von “Marketing 2.0” herauszuarbeiten, aber machen wir uns nichts vor: Das bleibt ein ebenso zwiespältiger und ungemütlicher Begriff wie die untergründig verwandte “Ich AG” (“Unwort des Jahres 2002”). Es stimmt ja: Im Web 2.0 muss ich im doppelten Sinn Stücke von mir selbst preisgeben, um auf diesem neuen Markt mitspielen zu können. Das gilt nicht nur bei “Selbst-Vermarktung” im engeren Sinn, sondern auch dann, wenn ich im Web ein unpersönliches Produkt “vermarkten” will. Im Web muss ich dem Produkt dazu meine persönliche Stimme leihen, also ein Stück von mir selbst.

Die alte Trennlinie zwischen Privatperson und Profession gibt es nicht mehr. Das ist dann nicht so problematisch, wenn ich mich voll und ganz mit dem identifiziere, was ich anbiete. Das ist das untergründige Ziel in der Web-Ökonomie. Aber wie oft ist das in der Realität wirklich hundertprozentig der Fall? Die Krawatte und das Siezen waren in der alten Wirtschaft ja auch ein Schutz vor zu viel Vereinnahmung.

Trotzdem sollten wir Begriffe wie “Marketing 2.0” und “Ich AG” verwenden. Gerade deshalb, weil sie ungemütlich und schmerzhaft sind. Die Welt, in die wir da treiben, wird ja tatsächlich ungemütlicher, und auch das Web 2.0 ist keine Wohlfühlnische. Der beste Ratschlag für das hier nötige Selbstmanagement steht in “Die Welt ist flach”, Thomas Friedmans ebenso wichtigem wie zwiespältigem Buch. Er stammt von Marcia Loughry, einer alleinerziehenden Mutter und Sekretärin, die sich über viele Umwege auf eigene Faust zur IT-Expertin hochgekämpft hat:

“In der Flachen Welt musst du immer versuchen, ExpertIn für drei Felder zu sein. Das erste Feld ist das, was jetzt gerade dein Brot-und-Butter-Geschäft ist. Befasse dich dazu aus eigenem Antrieb möglichst intensiv mit einem zweiten Feld, das irgendwie mit dem ersten zusammenhängt. Und dann sollte es immer noch ein drittes, ganz anderes Feld geben: Da, wo du vielleicht irgendwann einmal hin willst. So. Und dann mach dir noch eins klar: Diese drei Felder bleiben nicht gleich. Sie werden sich permanent verschieben und verändern.”

Langweilig wird es dabei sicher nicht, und lebenslanges Lernen ist eine gute Sache. Aber für die meisten von uns bedeutet das auch Unsicherheit und Stress, materiell und psychisch. Das meint der Slogan “Mach es nicht selbst”, Refrain der aktuellen Tocotronic-Single. Auf dem Video tanzen gruslig grinsende Obi-Disneyland-Marketing-Tiere, bis sie am Ende in Flammen aufgehen. (Auch das ist natürlich ein Widerspruch: Die Band ist eine kollektive Ich AG von 40jährigen Postjugendlichen, die vom Do It Yourself-Ethos des Punk her kommt und jetzt davon lebt, Subversivität als Ware zu verkaufen. Dass sie das sehr genau weiß, ist gerade der Witz dieses Stücks.) Meconomy, Zombieconomy

Thomas Middelhoff, Mitglied des Marketing Alumni Münster e.V. (Ehemaligenverein der Marketingstudenten in Münster)

Wenn man das euphorisch beschreibt, in alter Marketing-Sprache halt, klingt das so: “Willkommen in der Meconomy: Wir machen unsere Hobbys zum Beruf und verlegen unseren Lebensmittelpunkt dorthin, wo wir am glücklichsten und produktivsten sind.  Wir müssen uns als Marke positionieren, ständig dazulernen und Dinge, die wir nicht gern tun, an Dienstleister in fernen Ländern auslagern. Wir machen uns leichteren Herzens selbstständig, aber vor allem werden wir selbstständiger denken und fühlen. Es wird ein gutes, aufregendes und erfülltes Leben sein …”

Ungefähr so, wie sein Text hier klingt, sehen die Hochglanz-Homepage und die Marketing-Fotos des Trendsachbuch-Autors Markus Albers aus. Trotzdem kommt die Widersprüchlichkeit auch bei ihm zum Vorschein: Sein Buch ist nämlich gar nicht so eindimensional, wie es hier klingt, und seine Hintergrund-Interviews mit Jochen Mai (“karrierebibel.de – Jeden Tag mehr Erfolg!”) und Klaus Eck (pr-blogger.de), die er dazu im Web veröffentlicht hat, sollte man lesen (#, #). Albers, Mai und Eck machen digitales Marketing für gedruckte Bücher über Selbstmarketing 2.0. Bei ihnen allen spürt man dieses schwierige Gemenge aus Euphorie und leiser Verzweiflung, aus Selbstbefreiung und Verdammtsein zur dauernden Eigendynamik, die uns seit dem Platzen der Dotcom-Blase begleitet. (Darum ging es ja schon vor Jahren in Funny Van Dammens Song-Klassiker “Baut kleine geile Firmen auf”.)

Wichtig ist zu verstehen, dass das eben kein Privatproblem ist. In Friedmans “Die Welt ist flach” fühlt sich die gesamte Westliche Welt so wie die einzelne digitale Wissensarbeiterin. Es gibt permanente globale Konkurrenz, alles verändert sich schneller als man sich anpassen kann und plötzlich merkt man, dass es keine tragende Säule unserer Wirtschaft und Gesellschaft mehr gibt, die bei prüfendem Klopfen nicht entsetzlich hohl klingt. Da ist nirgends mehr vorwärtstreibende Energie und kaum noch Mehrwert, auf dem man ein Geschäft aufbauen könnte. Man spürt es auf der Cebit genauso wie bei der Autoindustrie, an den Universitäten und bei den Banken, bei den Telcos und beim Maschinenbau, in der Medienindustrie und in den Kaufhäusern.

Zombieconomy nennt das der Web-Ökonom und Harvard-Blogger Umair Haque. Überall zerfallen die Riesenfirmen, die im 20. Jahrhundert ein sicheres Leben für Zehntausende Angestellte und ein Vielfaches an Zulieferern garantierten. Die digitale Ökonomie ersetzt das nicht: Microsoft hat noch 93.000 Mitarbeiter weltweit, Google hat 20.000, die Weltmacht Facebook hat 1000. Auf der Plus-Seite der Job-Bilanz stehen nicht viel mehr als ein paar versprengte WissensarbeiterInnen vor ihrem Bildschirm im Home Office. Unser Unbehagen hat gute Gründe. Start me up

“Me playing Start Me Up from the Rolling Stones”

Wie weit soll man da selbst mitmachen? Wie sehr muss man sich selbst belügen, damit man der Welt mit dynamischem Erfolgslächeln begegnen kann? Bedeutet “Marketing 2.0” wirklich, dass man sich jeden Tag aufs Neue klarmachen muss: “Jeder Mensch ist eine Marke”?

Das ist ein Missverständnis. Die Meconomy ist falsch, weil sie nur die alte Idee von Marketing auf die neuen Verhältnisse überträgt. Das Marketing-Konzept der “Marken”, das sich seit den 1980er Jahren entwickelt hat, gehört ja selbst zur Zombieconomy. Gefälschte Prada-Taschen und egozentrische Lebensgefühl-Werbung gehören zur vergangenen Epoche, so wie “innovative Finanzprodukte” und rasende Luxus-Geländewagen in Schwarz mit getönten Scheiben.

Für die vogelfreie Selbständigkeit des Web-Zeitalters liefert ein anderes Schlagwort besseres Rüstzeug: Das Startup. Ein kleines Team zu allem entschlossener WissensarbeiterInnen findet sich zusammen und wird eins mit ihrem Projekt. Eigenbaumarkt, Dübeln statt Grübeln. Die neuen digital-vernetzten Medien geben allen die Produktionsmittel dafür in die Hand: Da hast du einen Computer, da hast du unfassbar mächtige Software, die fast nichts kostet, da hast du das Internet, mit dem du in Millisekunden Zugang zu allem Wissen und zu allen Leuten hast. Jetzt mach was damit.

Schon im Blasenjahr 2000 war “Startup” die Zauberformel, aber damals dachte man in Deutschland bei “Medien” nur an Marketing. (Beim Cebit-Startup-Contest in diesem Jahr war das immer noch so.) Lauter windige kleine digitale Werbe-Firmen, die niemand brauchte, schossen aus dem Boden. Ein Pixelpark, der ebenso schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Nun ist es zwar so, dass auch die Profitabilität der vielen winzigen neuen Web 2.0-Startups durchaus umstritten ist, aber trotzdem ist die Situation ganz anders: Die neuen Firmen bauen kleine Software-Applikationen. Da geht es um Nutzererfahrungen (“User Experiences”): Entweder wird die jeweilige Web-Software benutzt, oder eben nicht. Entweder gibt es Netzwerk-Effekte, oder eben nicht. Viel Geld wird damit in den seltensten Fällen verdient, außer es gelingt, das als kleinen Baustein der neuen Web-Infrastruktur an Google zu verkaufen. Aber die Zombieconomy hat ja auch kein “Businessmodell” mehr.

Von solchen Software-Startups kann jede/r lernen: Wie man eine Idee findet und herausarbeitet, wie man sie Schritt für Schritt möglichst zielgenau umsetzt. Und weil das offen im Web stattfindet, das zugleich der Markt ist, ist diese Umsetzung eigentlich schon fast alles, was man an Marketing braucht. Genau das haben Firmen wie 37 Signals (hier ihr empfehlenswertes Startup-Handbuch), Flickr, Twitter und nicht zuletzt Google selbst vorgeführt. Die Deutschen scheinen sich damit eher schwer zu tun. Ein lediglich auf Web 2.0 geschminktes Zombie-Marketing erkennt man dagegen leicht daran, dass schon wieder Werbetexte und leer lächelnde Fotomodell-Gesichter an die Stelle von Software-Code und minimalistischem Interaktions-Design treten. Mach es zu deinem Projekt (#) “Marketing 2.0”, richtig verstanden, ist also öffentliches Engagement für ein Projekt, mit dem man verschmilzt – aber nicht ohne Distanz zu sich selbst zu bewahren. Startup-Gründer aus dem Silicon Valley geben jederzeit eine Projektidee wieder auf, in die sie vorübergehend 120% investiert haben. Es ist eine Versuchsanordnung. Das heißt, auch in der Ich AG ist die Person nur der Ideenträger. Diese Idee muss man entwickeln. Es ist also eigentlich immer nützlich, so zu tun, als sei man ein Web 2.0-Start-up, und dabei von den Besten zu lernen.

Als Erstes musst du dir dein Projekt selbst verkaufen. Du stehst dir also selbst als Risiko-Investor gegenüber, der in die Zukunft eines sich abzeichnenden Geschäftsfelds investiert: Ist das meine Zeit und Energie wert? Dazu brauchst du vor allem einen Pitch. Also eine “Anpreisung” deiner Idee, deines Produkts, deines Projekts, auf den Punkt, nicht länger als 15 Minuten. In den USA machen sie eine regelrechte Kunstform daraus. Die beste Form dafür ist eine kurze Präsentation: 10 bis maximal 20 Folien, auf denen alles Wesentliche steht. Idealer Weise kann man das auch mündlich vortragen, schwungvoll und klar.

Es gibt viele Vorlagen für Start-up Pitches. Ein guter Anfang ist Guy Kawasaki’s berühmte Slideshow mit zehn Tipps “for Anybody starting Anything”. Auf Slideshare gibt es eine ganze Menge von konkreten Anleitungen, die hier z.B. ist recht gut. (Alle in Englisch: bezeichnend für die deutsche “Gründerkultur”, die geprägt ist von Bürokratie einerseits und billigem Selbstbräuner-BWL-Marketing andererseits.) Ich selbst habe mir eine etwas pragmatischere Vorlage gebastelt, die ich für jedes wichtigere Projekt verwende ( Slideshare, auch zum Download):

Ein paar Folien für den Start von fast Allem. Wenn man das aufgeschrieben hat, ist das im Grunde bereits das Marketing-Konzept. Man kann von anderen nicht Geld, Aufmerksamkeit oder Engagement für irgendwas fordern, wenn man nicht diesen Pitch selbst immer schon klar im Kopf hat. Ja, man kann das Projekt nicht einmal erfolgreich durchführen: Auf diese Weise kann man immer zum Substanziellen zurück, wenn man sich mal wieder verirrt und zerstreut hat. Es ist ja unfassbar schwer, eine Idee in mehreren Köpfen so verankern, dass alle einigermaßen über dasselbe reden. Und das gilt nicht nur bei kollaborativen Projekten. Es ist erstaunlich, wie ungenau man selbst gerade über das denkt, was man am Besten zu kennen glaubt. Den ganzen Schwurbel rund um”Marketing” und “Business” abzuschneiden und aufzuklären, das handhabbar zu machen für Leute wie du und ich: das ist nicht die geringste Leitung der Web 2.0-Kulturrevolution. Bildnachweis: Wikipedia, Lindner, HTW Berlin

Dieser Beitrag erschien im Rahmen der Lindner 2.0-Kolumne für das Blog des eVideo-Projektes der HTW Berlin. eVideo beschäftigt sich in 6 ESF-geförderten, informalisierten Weiterbildungskursen mit verschiedenen Themen, um die Durchschlagskraft des Web 2.0 für die moderne Kommunikation zu erkunden. Im Wintersemester 2009/2010 sondierten die Beteiligten die Wirkungsgrade für “Marketing 2.0″ – im Sommersemester konzentriert sich das Projekt auf “Identität 2.0 – Leben im mobilen Zeitalter”.

April 9 2010, 10:00am

Online-Reputation: Defective Appearance

Die A-Z-Prominenz hat die Yellow Press. Wir haben Facebook. Unser Popularitätsbarometer, unser Walk of Shame. Wir werden eingeladen oder ausgeschlossen. Bestätigt oder ignoriert. New Checks and Balances.

Wir sind Präventiv-Poster. Denn wir wissen, vor dem ersten Date kommt der Profilcheck, vor dem Einstellungsgespräch der Google- Befehl. Und so lassen wir alle Fremden, Unbekannten, flüchtigen Bekanntschaften via Selbstportrait wissen, was wir sind. Oder sein wollen. Oder zu sein glauben. Rocker, Denker, Dichter, Luder, Cowboy, Weltenbummler, oder auch eine wundersame Symbiose völliger Gegensätze. Wir rufen uns beständig neu aus. In der Hoffnung, dass uns kein Fehltritt um die Ohren gepostet wird. Sollte der Profilschuh doch mal drücken, kann man den Reputations-Manager seines Vertrauens durchs Netz kriechen lassen…

Oder man zieht gleich mit einem Reputations–Defender ins Feld. So oder so, “it’s always good to see who is singing your praises and who is criticising you“.

Die Pflege der Netz-Reputation folgt also subtilen Regeln. Wir transferieren uns häppchenweise in den Profil-Äther. Setzen Statements, Marker, virtuelle Post-Its. Begehrlichkeiten an der eigenen Person sollen geschaffen werden. Erfolgreiches Selbst- Marketing misst sich nun an Werten wie Netzwerk-Grösse, exklusiven Gruppenzugehörigkeiten und der Macht, Anfragen abzulehnen.

Reputation ist messbares Ansehen in der Öffentlichkeit. Sie ist Erwägungs- und Kalkulationsgrösse für unser Gegenüber, ein Ego- Hand-Out. In der Generation des Netz-Egos wird dieses meist mächtiger, als man sich dies wünscht. Wie man im Netz gut aussieht“ Google, unser Waschweib 2.0., tratscht den lieben langen Tag. In Lichtgeschwindigkeit. Da sollte man sich wenigstens hübsch anziehen. “Wie man im Netz gut aussieht“, eine Stilberatung, so pathetisch wie naiv.

Schlagwörter sind hier Bewusstsein, Disziplin , Selektion und iKarma.

Es gilt also, auf der Hut zu sein und Konsistenz zu beweisen, zwischen dem eigenen realen Handeln und seiner Nachbereitung im Netz. Denn die Derangierung des Netz-Rufes ist schwer zu kontrollieren. Kontradiktorische Posts bringen uns in Verruf, Fotoverlinkungen entlarven uns. Das Privileg des Geheimnisses schwindet ironischerweise mit wachsender Popularität. Oder, um es wie Mike Arrington zu fassen: “the skeletons are coming out of the closet and onto the porch.”

Möchte man seine Netz-Reputation doch freiwillig gegen die Wand fahren, findet sich auf http://www.phase-5.net eine charmante Zusammenstellung des zu befolgenden Protokolls:

  1. Widersprüche betonen
  2. Je peinlicher, desto lustiger
  3. Jeder Kontakt ist gut
  4. Das beste Alibi ist, keins zu haben
  5. Computer anschalten, Hirn ausschalten
  6. Suchmaschinen sind dein Freund

Wir haben uns doch letztendlich freiwillig für die grosse Bühne entschieden. Und jetzt wissen wir, wie im Leben, so im Netz. Nur schneller. Und unkontrollierbarer.

I’m a sinner, I’m a saint. I do not feel ashamed. Oder doch?

Bildnachweis: mccoy

April 8 2010, 10:00am

Verantwortung 2.0: eSpenden für Bildung

Wer seit einigen Jahrzehnten auf dieser Welt ist, der hat das Paralleluniversum der Parteienpolitik schnell als Interessenvertreter der einflußreichen Branchen- und Industrieverbände entlarvt. Dass die Parteien die Steuergelder nach wenig nachhaltigen, kaum gerechten und selten sinnvollen Aspekten verteilen, ist eine Binsenweiheit. Die Kanzlerin hat Hunderte Milliarden ohne jede Bedingung in die Banken geschenkt. Ihr Vorgänger öffnete unser Land für Derivathandel und Hedge-Fonds. Es besteht kein Anlaß zur Hoffnung, dass von den Parteien humane Handlungen ausgehen, die das Zusammenleben auf Erden ausgleichend fördern. Aber wir können selbst etwas tun. Nehmen wir doch die Radikalliberalen ernst und handeln einfach selbstbestimmt und stolz ohne Betrachtung der mediokren Personen, die sich für ein Amt in diversen Aufsichtsräten einschleimen müssen, weil sie es nicht anders schaffen, dorthin zu kommen. Ein tolle Beispiel wie man nicht die Bildung der Banken sondern die der Kinder untertützen kann, machen uns die Amerikaner vor. Auf donorschoose.org geben Lehrer ihre Vorhaben, ihr Bedarf und ihren Standort ein. Man kann sogar angeben, wie bedürftig die jeweilige Gemeinde ist, in der sich die Schule befindet, was bei den stolzen Datenschützern in Deutschland sicher einen Ansturm der Entrüstung bedeuten würde, weil die Kinder bei der Veröffentlichung stigmatisiert würden. Aber angenommen das könnte man anonymisieren, dann würde so jeder der will die Schule in seinem Ort, in seinem Viertel oder irgendwo weit weg ein schönes Projekt unterstützen. Die Kindern könnten so die teuren Bahnreisen (warum sind die noch immer nicht kostenlos für Klassenfahrten? Wo leben wir eigentlich?), Eintrittskarten für Weltraumcenter oder Wissenschaftsausstellungen bezahlt bekommen. Ich brauche bei genauer Betrachtung zunächst kein betterplace, dass die großen Projekte in der weiten Welt unterstützt. Ich bräuchte im Gegenteil ein hyperlokales Spendenportal, in dem ich etwas unterstützte, dass ich möglicherweise bei Überzahlung/Überspendung sogar zu einem Spendenfest besuchen könnte. Es wird langsam Zeit, dass wir das Jammern und die ewigen Talkshows als Profilneurosenküche einfach kommentarlos beiseite legen und anfangen… Aber wo sind die Lehrer, die sich tolle Projekte ausdenken, die online beschreiben und ein Konto dafür einrichten? Und wo sind die Software-Firmen, die sich so ein Projekt ausdenken und es als bestmögliche CSR-Maßnahme auch noch in die Gazetten dieser Welt bringen, damit viele mitmachen.

April 7 2010, 10:17am

ushahidi: Kriseninformation in Echtzeit

Journalismus 2.1 Der aufmerksame Leser hat hier schon ein Interview mit Juliana Rotich von der letzten LIFT Conference gesehen. Aber es gibt noch viel mehr Leute, die ushahidi zu dem machen, was es ist: Ein revolutionäres Echtzeit-System für Kriseninformation, das im Fall von Haiti die Helfer als einziges Tool hatten, um ihre Hilfe per geolocation mit den Hilfesuchenden zu koordinieren. Patrick Meier ist in jedem Fall ein spannender Interviewpartner für Robert Scoble(izer):

April 1 2010, 11:00am

Palmöl: Greenpeace vs. Nestlé

Da waren sie wieder meine drei Probleme: Konsum, Aufklärung, Kommunikation (KAK). Was war passiert? Nestlé hatte beobachtet, wie Greenpeace andere Großkonzerne (Unilever oder Kraft) wegen Palmöl an den Pranger stellte wegen deren lascher Einkaufspolitik in Bezug auf Palmöl. Beide haben reagiert. Denn die letzten Regenwaldreste in Indonesien werden aktuell von einem Konzern namens Sinar Mas gerodet, um dort Palmölplantagen für den unstillbaren westlichen Hunger danach zu stillen (Biodiesel, Spülmittel, Seifen, Süßigkeiten etc.). Und das dort mitnichten mit lokal verantwortlichen, nachhaltigen und biologisch wertvollen Bandagen gearbeitet wird, haben einige von uns schon in dem einen oder anderen Bericht im TV gesehen. Was ist also anders im neuen Fall?

Im vorliegenden Aufreger, wird der Schweizer Nahrungsmittelriese per vimeo- und youtube-video auf eine perfide Art zum Mörder von Orang-Utans gestempelt. Das perfide daran: Es wird mit klassischen topoi gearbeitet. Kleine unschuldige Waldwesen werden von kleinen unschuldigen Schokoladenriegeln entbeint. Man könnte nun denken, dass sich daran nur diejenigen stören, die dieses Videos zu Gesicht bekommen – also die bereits Bekehrten. Das sind bei den Greenpeace-Videos selten viele Zuschauer. Denn wir als aufgeklärte und vollkommen reinrassige Intelligenzbestien wissen doch schon längst, dass ein großer Teil unseres Wohlstandes auf den Schultern der Natur, armer Leute im Weit-weit-weg-Land bzw. im sweatshop um die Ecke basiert. Aber der Schokoriegel hat eine Fanpage bei Facebook. Und dort wird ein wenig Stunk gemacht, was den Nestlé-Leuten nun gar nicht schmeckt. Man möchte eine Stellungnahme. Denn auf der eignen Produkt-Fanpage darf man nicht hinweisen auf so ein tendenzielles Schundvideo, das Erholungspausen-Assoziationen mit abgetrennten Affenfingern konnotieren will. Also versucht man einen Stop der Verbreitung des Videos zu erwirken. UND genau an dieser Stelle kommt das Web ins Spiel: denn mit dem aufgeklärten Reflex, dass alles, was verboten ist, die Freiheit und das Wohlergehen des Menschen stört, stürzen sich die netizens auf den vermeintlichen Videoverbieter. Dadurch wurde die Verbreitung des Video in unvorstellbare Höhen katapultiert. Leute, die es sonst nie gesehen hätten, erfuhren, das ein böser Konzern ein aufrüttelndes Video über seine unverantwortliche Einkaufspolitik (mit dem geringsten Einsatz den maximalen Gewinn erzielen) verbieten wollte bzw. dessen Verbreitung behindern. Es existiert auch noch eine zweite Version, die nun mit Nestlés Presseveröffentlichung im Nacken entstand, dass man zukünftig nur noch Palmöl aus seriösen Quellen kaufen würde erarbeitet wurde.

Das Greenpeace seinerseits mit dem geringsten Aufwand einen maximalen Bekanntheitsgrad erreichen wollte, nennt man campaigning. Das Nestlé mit billigen Rohstoffen mehr Gewinn erzielen kann (Palmöl aus nachhaltigen Quellen ist selten und teuer) nennt man das Wirtschaftlichkeits- oder Minimalprinzip. Beide Organisationen nutzen also bei der Durchsetzung ihrer Zielvorgaben mit denselben Mitteln. Bei den Einen ist das verwerflich und bei den anderen ist es eine gute Sache. In der Kommunikationswelt wurde lange über das Video, den Einsatz des Social Web (Facebook) und die reale Krisenkommunikation von Nestlé diskutiert. Wer die vielen Fälle studiert hat, die Greenpeace angeprangert hat, der könnte wissen, wie man sinnvoll mit diesen selten haltlosen Vorwürfen umzugehen hat. Denn kritischer Konsum kann viele Probleme dieser aus den Fugen geratenen Welt in harmonische Bahnen lenken. Ich befürchte nur, dass es bei den Konsumenten nicht ankommt. Der allergrößte Teil der bösen Terroristen, hemdsärmeligen Weltverbesserer, fanatischen Fundamentalisten und brutalen Schläger kommt aus einer Welt des Mangels. Zumeist liegt das daran, dass deren Eltern Probleme hatten zu geben: Zuneigung, Nahrung, Gemeinschaftsgefühl, In-der-Welt-willkommen-sein…

Wenn diese Leute nun von diversen Organisationen lernen, dass man mit minimalem Einsatz maximale Aufmerksamkeit bekommt, dann greifen sie zu Mitteln wie Amoklauf, Terror, Gewalt. Denn die Täter erhalten immer mehr Aufmerksamkeit als die Opfer. Insofern ist das Video von Greenpeace eine zulässige Wahl der Waffen, indem die unsichtbaren Opfer unseres Konsums gezeigt werden. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, weiterhin auf dem Wirtschaftlichkeitsprinzip ein Gesellschaftssystem aufzubauen. Denn die Folgen sind vielfältig. Und der Fokus auf Teilaspekte der menschlichen Existenz wie Konsum oder Religion gebärt eine Krankheit, die man im Rahmen der Arbeitsteilung erst in den letzten Jahren als Pferdefuß der seriellen Produktion erkannte: Wenn man Experte in einem Gebiet ist, wird man in demselben Maße wie die Expertise dort zunimmt zum Pflegefall in allen anderen Wissensgebieten. der Blick für das Ganze in dabei nur wieder der vermeintliche Rückschritt, indem man in Theorien wie der Systemtheorie oder dem Konstruktivismus versucht, eine aufgeklärte Form der monolithischen Einheitstheorie zu postulieren. Der Lumannsche Dreischritt aus Informationswahl, Kommunikationsangebot und Verständnis (interne Verarbeitung) basiert nur wieder auf dem dummen Mißverständins von Descartes “cogito ergo sum“, dass wir in einem Dualismus aus Innen- und Außenwelt gefangen sind. Diese uralte Theorie, die auch den buchbesitzenden Religionen als Gott-Mensch-Dualismus innewohnt ist Ursache und Lösung des Problems Minimalprinzip.

Wir sind nicht geteilt in Leib und Seele oder in äußere Wahrnehmung und innere Verarbeitung. Die Begriffe, die wir uns von der Welt machen umfassen nur Einzelaspekte. Wenn wir diese Teile der Lebenswelt als Begriffe analytisch abstrakt getrennt haben, um sie anderen mitzuteilen, dann werden sie zu eigenständigen Botschaftern für einzelne Teile unserer Lebenswelt. Wer glaubt, dass sie auch Teil des Seienden sind, der verkennt, dass wir Begriffe wie Äpfel, Affen, Mehl, Büsche, Wasser und Symmetrie nie in einen Topf tun dürfen. Symmetrie ist Teil eines abstrakten Gedankens, der auf die Lebenswelt angewandt wird. Symmetrie kommt nicht aus derselben Kategorie wie Äpfel, Affe, Mehl und Wasser. Es ist ein synthetischer Begriff, der auf Ideen von der Welt beruht. Ideen kann man viele haben. “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”, erklärte einst ein Bundeskanzler unter dem die Verschuldung des Staates erstmals atemberaubende Ausmaße annahm. Es ist genau andersherum richtig. Wir brauchen Visionen, um das Minimalprinzip aus der Gedankenwelt der Ideen mit dem uns unbekannten Lebensprinzip auf dieser Welt in Einklang zu bringen. Mit so einer Vision hat sich bisher noch keine Ideenschmiede bekleckert. Das mag vor allem daran liegen, dass wichtige Gedanken selten geschrien werden. Es kann auch daran liegen, dass die 7 Milliarden für die Protonenschießanlage nahe Genf der lebenden Menschheit fehlen beim Bewältigen 200 wichtigeren Probleme. Eines davon ist die mangelhafte Vereinbarkeit des Minimalprinzips der Wirtschaft mit der Biosphäre, die wir Natur nennen. Und ich glaube auch nicht, dass die anderen 7 Milliarden für die Raumfahrtprogramme da besser helfen. Aber für viele Menschen ist einfacher vorstellbar, 7 Milliarden und Hunderte Physiker zu bezahlen, um die Idee der Zukunft mit Leben zu füllen, als heute auf einen Teil der Gewohnheiten zu verzichten. Wie sollte Mangel Teil der Zukunft werden. Das hatten wir in der Kindheit. Da sind sich fast alle einig, dass sie in der Kindheit zu kurz kamen. Das will man als Erwachsener ausgleichen mit mehr Fahrten nach Kitzbühel, zum Fitness und zum Lieblings-Italiener. Dort wird übrigens auch überall Palmöl verbraucht.

Bildnachweis: mzacha

March 31 2010, 10:00am

Post-Privacy oder Hoffen auf die Ignoranz

Christian Heller, online auch bekannt als @plomlompom, hat eine Idee: Warum löst man die gesamte olle Datenschutzdebatte nicht, indem einfach jeder möglichst viele Informationen über sich publiziert und so die althergebrachte Intoleranz gegenüber dem Individuum auflöst? “Die gegenwärtige Daten-Explosion und Erosion des Privaten lässt sich als Bedrohung oder als Chance begreifen”, schreibt er in einem Artikel auf carta.info. Er argumentiert klar für die Chance, bezeichnet die deutsche Datenschutzbewegung als “konservativ”, bescheinigt ihrem Bedürfnis, Informationsflüsse im Netz zu kontrollieren, Gemeinsamkeiten mit Rechteverwertungsindustrie und Zensurstrukturen.

Heller fordert vollkommene Transparenz statt Datenschutz, also Verstecken durch Unsichtbarkeit. Damit löst er zwar den Widerspruch auf, warum einerseits staatlicher Datenschutz gefordert ist, immer mehr Menschen immer eifriger Informationen über sich in sozialen Netzwerke und anderswo im Netz posten. Doch auch wenn er all das mit dem griffigen Label “post-privacy” versieht, löst er damit doch kein einziges Problem, das sich aus den dauerhaft im Netz frei flottierenden Privatdaten ergibt.

Heller schreibt: “Die Daten-Explosion bringt die Gleichgewichte der identitären Einengung ins Wanken. Wer ständig all seine tatsächlichen Fehler, Widersprüche Idiosynkrasien, Persönlichkeitsspaltungen und Inkonsequenzen broadcastet, der kann nicht mehr in eine kohärente Identität gezwungen werden.” Doch das kommt im Endeffekt ganz auf denjenigen an, der diese Masse an Informationen rezipiert. Natürlich mag es Menschen geben, die sich so tiefschürfend für ihr Gegenüber interessieren, dass sie all diese Informationen über eine Person digital aufnehmen und sorgfältig abwägen. Wird eine solche Informationsflut ernsthaft ein Bankinstitut dazu bewegen, ein mieses Scoring aufgrund des schillernden digitalen Profils einer Person hintenüberfallen lassen? Ein Personalchef die gesammelten Jugendsünden auf Facebook ignorieren? Oder wird das einen einzigen Nachbarn in einem Provinznest davon abhalten, sich über einen regen Netznutzer mit abseitigen Hobbys das Maul zu zerreissen? Wohl eher nicht. Nun könnte man darauf hoffen – und vielleicht will Heller sich eher so verstanden sehen, dass das konkrete Onlineprofil des Einzelnen oder eine bestimmte Detailinformation interessiert, wenn alle Informationen über alle offen zugänglich sind. Wenn alle in der U-Bahn nackt fahren, ist es natürlich weniger peinlich. Aber warum sollte man?

Heller macht sich lustig über das ewige Reden von der mangelnden Medienkompetenz der Menschen. Aber ist es wirklich so, dass jeder User in einem bewussten Prozess abwägt, ob sich durch das Preisgeben einer Information online für ihn tatsächlich mehr Nutzen als Risiken ergeben? Steht ihm immer vor Augen, wer Zugriff auf welche Daten haben könnte, was daraus abgeleitet werden könnte, wenn man diese Information mit anderen verknüpft? Der US-österreichische Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger promotet schon seit einiger Zeit seine Idee, mit dem Phänomen des nicht-vergessenden Netzes, der Datenflut umzugehen, die mir etwas mehr einleuchtet als Hellers Versinken der einzelnen Privatinformation in der allgemeinen Datenflut: die Idee des digitalen Rostens bzw. des Verfallsdatums für Daten im Netz. Auch hier kann man sicherlich an der praktischen Umsetzbarkeit zweifeln – aber zumindest verfolgt sie eine Idee, statt einfach auf das Einsetzen einer gesamtgesellschaftlichen Ignoranz- oder Amnesiebewegung zu hoffen.

Denn Heller fragt am Ende seines Beitrags: “Was heisst die Auflösung von Individuen in verschaltbaren Daten-Wolken die Externalisierung der Person vom menschlichen Körper auf Wälder aus Internet-Profilen, der Kontrollverlust übers “Ich”?” Und impliziert die Antwort: Nicht zwangsläufig etwas Schlimmes. Auch wenn er selbst wenige Absätze zuvor konstatiert, dass die Gefährlichkeit von Daten “abhängig ist von den Machtverhältnissen, in die ihr Fluss gegossen wird.” Nun denn: Verlassen wir uns also darauf, dass auch künftig keine Flußbegradigungen angepeit werden.

Interessant an Hellers Beitrag, der von vielen Kommentatoren als “klug und provokativ” geadelt wurde, ist, dass er sich kaum mit dem Gedanken aufzuhalten scheint, dass im Netz nicht nur Informationen, die ein User selbst über sich online gepostet hat, verfügbar sind – sondern auch Wissen über ihn kursiert, an dessen Veröffentlichung er nicht beteiligt ist. Lassen wir uns doch einmal auf Hellers Gedankenexperiment ein: Jeder zeichnet ein ausführliches und realistisches Bild seiner Tätigkeiten und Vorlieben online. Zusätzlich müht sich der Staat um die Herstellung von maximaler Transparenz. Und – Achtung, hier überspitze ich – vielleicht schafft man auch die Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern ab, so dass niemand mehr dafür eintritt, persönliche Daten zu Steuern, Krankengeschichte oder Strafregistern mehr unter Verschluss gehalten werden. Dann haben wir zwar alle keine Geheimnisse vor einander. Aber ob die Gesellschaft dann mehr auf dne gläsernen Jedermann, den man jederzeit an seinen empfindlichsten Stellen treffen kann, oder auf eine fröhlich-tolerante Gleichgültigkeit zusteuert, ist aus heutiger Perspektive reine Glaubenssache. Ich würde es ungern auf einen Versuch ankommen lassen.

March 29 2010, 11:00am

Was ist eigentlich: Jugenmedienschutz-Staatsvertrag

Die Regelung mit dem sperrigen Namen “Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien” gibt es schon seit April 2003 – aktuell wird die jüngste Novellierung des Vertrags behandelt. Deren Zweck ist es, einen einheitlichen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor nicht altersgerechten Angeboten in Rundfunk und Telemedien zu gewähren. Es geht also um Inhalte, “die deren Entwicklung oder Erziehung beeinträchtigen oder gefährden, sowie der Schutz vor solchen Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die die Menschenwürde oder sonstige durch das Strafgesetzbuch geschützte Rechtsgüter verletzen”, wie es in §1 des Vertrags heißt. Ob der Vertrag eingehalten wird, überprüfen die Landesmedienanstalten gemeinsam mit der Kommission für Jugendmedienschutz (KMJ) – und darum werden die Neuerungen daran auch auf Länderebene verhandelt.

Was das bedeutet: Bei der Novellierung geht es vornehmlich darum, den Jugenschutz nicht nur im Rundfunk, sondern auch im Internet zu stärken. Laut dem Entwurf des JMStV sollen künftig Webseiten-Betreiber freiwillig kennzeichnen, ob ihre Inhalte für Kinder und Jugendliche ab 6, 12, 16 oder eben 18 Jahren geeignet sind. So ähnlich wie heute schon bei Filmen oder Computerspielen im Rahmen der Freiwiligen Selbstkontrolle (FSK). Außerdem verpflichten sich die Betreiber, auch nutzergenerierte Inhalte dahingehend zu filtern – was besonders Soziale Netzwerke vor eine größere Herausforderung stellen dürfte. Bei falschen Angaben drohen den Seitenbetreibern Geldstrafen. Wer eine Website betreibt, sich hierzu nicht äußert, dessen Seite kann blockiert werden – auch wenn die Eltern über Jugenschutzfilter Inhalte blockieren lassen, die für ihre Kinder nicht altersgemäß sind. (§ 5 Abs. 1 und Abs. 2 JMStV-E). Ob Eltern sich für oder gegen den Einsatz eines entsprechenden Jugendschutzprogramms entscheiden, sei ihnen selbst überlassen, so Martin Stadelmaier, der die Vertragsverhandlungen als Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei federführend leitet. Alternativ könnten Webseiten-Betreiber – etwa die Homepages von TV-Sendern – sich entscheiden, bestimmte Inhalte ähnlich wie im Fernsehen oder Radio erst ab einer bestimmten Uhrzeit zur Verfügung zu stellen – ARD-”Tatorte” nach 20 Uhr, explizitere Gewalt- oder Sexdarstellungen erst ab 23 Uhr. Außerdem steht in dem Gesetzesentwurf: Access-Provider sollen dazu herangezogen werden, “leicht auffindbar” Jugendschutzfilterprogramme anzubieten (§ 11 JMStV-E).

Was bisher geschah: Im Dezember 2009 wurde ein aktualisierter Entwurf des Vertrags vorgestellt. Am 25.Januar 2010 gab es eine öffentliche Anhörung dazu in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, im Vorfeld war aus Netzkreisen Kritik an dem Vorhaben laut geworden. Insbesondere seitens des AK Zensur. Daraufhin wurden einige Details verändert und am 12.März die Version vorgelegt, die am heutigen Donnerstag in den Länderparlamenten zur Abstimmung gestellt werden. Es wird allgemein erwartet, dass dort keine größeren Widerstände gegen das Gesetz laut werden und es verabschiedet wird. Dabei gibt es von recht unerwartbarer Seite durchaus aus Kritik gegen das Gesetz: Auf dem Politcamp 2010 in Berlin kritisierte der CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere NRW-Politiker Thomas Jarzombek das “Friss oder Stirb”-Verfahren, mit dem das Gesetz durchgepeitscht worden sei: Es sei hinter verschlossenen Türen von Rundfunkreferenten ausgehandelt worden, das Beteiligungsverfahren sei eine Farce gewesen, Jarzombek sprach von einem “Sieg der Bürokratie über die Parlamente“.

Knackpunkte des Gesetzes:

  • Netzzensur: Auch wenn der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag weniger Aufmerksamkeit bekommt als die Zugangserschwernisgesetze, die die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr anstrebte, ziehen einige Netzaktivisten einen direkten Vergleich zwischen beiden Gesetzesvorhaben – und erfinden für die Novellierung des JMStV den Spitznamen “Kindernet”. Alvar Freude vom AK Zensur gehört zu den schärfsten Kritikern des Vorhabens. Er sieht darin einen neuen Versuch zur Netzzensur und fordert: Der Entwurf muss vom Tisch. Freude befürchtet: Sollte die Selbsteinstufung der Webseiten aus Sicht der Jugendschützer nicht den gewünschten Erfolg bringen, werde “die nächste Eskalationsstufe” greifen – also restriktivere Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.

    Auch Constanze Kurz vom Chaos Computer Club kritisiert: “Filtersoftware ist aus technischer Sicht ohnehin kein adäquates Mittel”. So schrieb sie in ihrer FAZ-Kolumne: Wir müssen uns angesichts des kontrollwütigen Grundtenors des Vertragswerks aber auch als Gesellschaft Fragen stellen: Können und sollen Anbieter von Internet-Dienstleistungen elterliche Pflichten übernehmen? Ist es nicht ein Armutszeugnis, Aufsichts- und Erziehungspflichten im digitalen Raum an den Staat delegieren zu wollen? (…) Das Netz ist eben kein Babysitter. Wie viele andere fordert auch Kurz, mehr Wert und Engagement auf die Förderung von Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu legen. Die Politiker, die an dem Vertragsentwurf mitgearbeitet haben, fühlen sich von dererlei Zensur-Interpretation missverstanden.

  • Anbieter-Begriff: Auch wenn in diesem Punkt bereits nachgebessert wurde, kritisieren Netzaktivisten, dass der Begriff des Anbieters von Inhalten in dem Vertrag zu “schwammig” sei. Ursprünglich war die Kommission für Medienjugendschutz (KMJ) für eine Ausweitung des Anbieterbegriffes eingetreten. So hieß schrieb sie in einer Stellungnahme vom Januar 2010: “Die KMJ vertritt die Auffassung, dass administrative Ansprechpartner, Suchmaschinenbetreiber, Internetplattformenbetreiber (bspw. von Social Communities), Linksetzer oder Anbieter von fremden Inhalten (…) den Jugendschutz bei den von ihnen verantworteten Angeboten durchsetzen müssen.”

Ein erster Entwurf ließ Interpretationsspielraum auch tatsächlich offen, ob auch Internet-Zugangsanbieter, also Access-Provider, ISPs und Hosting-Provider, also die Anbieter von Webspace, für die Inhalte ihrer Kunden verantwortlich gemacht werden können. In einer Neufassung vom Februar heisst es nun in § 3: Anbieter seien “Rundfunkveranstalter und Anbieter von Telemedien”. Im Klartext: Internetprovider haften im Jugendschutz nicht als Anbieter. (Auch wenn sie weiterhin nach § 59 Rundfunkstaatsvertrag zur Sperrung von Angeboten im Inland gezwungen werden können, sofern sich andere Maßnahmen gegen die Anbieter als wirkungslos erwiesen haben – eine Maßnahme, die laut Carta-Autor Robin Meyer-Lucht jedoch so gut wie nie angewendet werde).

Dies dürfte wohl einer der Gründe sein, warum der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), der die “Anbieter”-Regelung, die noch im Januar im Gesetzesentwurf stand, kritisiert hatte, die Novelle in ihrer jetzigen Form einen “Schritt in die richtige Richtung” unterstützt. 1&1-Justiziarin Saskia Franz lobt: Das Zurückrudern der Bundesländer beim Anbieterbegriff “dürfte der vielfältigen und anhaltenden Kritik zu verdanken sein.”

Für Kritik sorgt weiterhin die Verpflichtung der ISPs, Jugendschutzprogramme, oder konkreter: Zugangssysteme “leicht auffindbar” anzubieten. Damit werde die Neutralität der ISP weiter ausgehöhlt, die Internetprovider würden zu “Hilfssheriffs” gemacht, argumentieren die einen. Andere kritisieren daran, dass das Gesetz zwar entsprechende Jugendschutzprogramme fordere, bislang aber kein einziges davon von der zuständigen KMJ anerkannt worden ist.

– Blogger und Soziale Netzwerke: Die Anbieter-Frage beinhaltet jedoch noch ein weiteres Problem: Nicht nur Betreiber professioneller Homepages, auch Blogger sollen für die Inhalte auf ihrer Homepage verantwortlich gemacht werden können – und zwar auch für die Inhalte der Kommentare auf ihrer Seite. Diese sollen “zeitnah” entfernt werden, wenn sie den genannten Standards nicht entsprechen – was nichtkommerziellen Betreibern sowohl zeitlich wie in der inhaltlichen Bewertung (was ab 12, was ab 16 Jahren) schwer fallen dürfte. Auch auf Social Networks könnten schwere Zeiten zukommen: Heise berichtete im Februar, dass es nach wie vor eine Auflagen für Soziale Netzwerke gebe, nachzuweisen, dass “die Einbeziehung oder der Verbleib von Inhalten im Gesamtangebot verhindert wird, die geeignet sind, die Entwicklung von jüngeren Personen zu beeinträchtigen”.

– das White-List-Prinzip: Statt schwarze Schafe unter den Anbietern herauszufiltern, werden Positivlisten, “White Lists”, davon erstellt, welche Inhalte für Jugendliche bestimmter Altersstufen geeignet sind. Das heisst: Websites, die sich selbst nicht mit einer Alterskennzeichnung versehen, wären auf Rechnern mit Filterprogrammen nicht mehr sichtbar – und zwar egal ob sie jugendgefährdende Angebote beinhalten oder nicht. Das dürfte für viele ausländische Seiten gelten, die von der deutschen Regelung keine Notiz nehmen, aber auch für zahlreiche inländische – da es wie bereits erwähnt für nichtkommerzielle Webseiten und Blogs mit jeder Menge Aufwand verbunden ist, zu prüfen, für welche Altersgruppe ihre Inhalte geeignet sind. Insgesamt ergibt sich daraus eine Situation, die Internet-Law-Blogger Thomas Stadler zu der Analyse hinreißt, dass der Entwurf des Staatsvertrags als Beschneidung des Rechts auf Informationsfreiheit (Art. 5 Grundgesetz) für Kinder und Jugendliche interpretiert werden könnte.

  • Sendezeiten-Beschränkung: In der Bewertung der Internet-”Sendezeiten” für bestimmte, potentiell jugendgefährdende Inhalte besteht in Netzkreisen weitgehende Einigkeit: CCC-Frau Constanze Kurz schimpft über diese “Röhrenradio-Weltsicht”: “Es wird versucht, das Internet so zu behandeln wie Radio oder Fernsehen.” Generell wird seitens der Netzgemeinde kritisiert, dass der JMStV versuche, Jugendschutzmaßstäbe aus den alten Medien auf das Netz zu übertragen – was nach Ansicht der Community an vielen Punkten schlicht nicht funktioniere. Sie fordern statt dessen einen neuen Anlauf für die Novellierung des Gesetzes – mit Einbindung von Netzexperten von Anfang an.

- Generelle Wirksamkeit: Der Jurist Thomas Stadler wundert sich in seinem Blog seit Monaten über den Wirbel um das Gesetz: Die Aufregung ist schon insofern etwas überraschend, als der Großteil dessen, was jetzt kritisiert wird, bereits seit Jahren im Gesetz steht. (…) Allein der Umstand, dass die bisherigen Fassungen des Staatsvertrags vielfach gar nicht wahrgenommen worden sind, belegt, dass die Auswirkungen auf das Netz bislang eher marginal waren. Was natürlich nicht zwingend heißt, dass es auch so bleibt.

Carta-Autor Robin Meyer-Lucht sieht das im Grunde ähnlich, warnt aber trotzdem vor dem Vorhaben: “Dieser JMStV-Entwurf ist ein disfunktionales, schlecht gearbeitetes Gesetz, das kaum etwas für den konkreten Online-Jugendschutz nutzt, aber dafür sonst viele Kollateralschäden bringt.”

Denn eines darf man schließlich auch nicht vergessen: Digital Natives unter 18 sind häufig technisch wesentlich fitter als ihre Eltern – und sind gegebenenfalls versiert genug, um die Netzfilter, die ihre Eltern ihnen voll guter Absicht verpasst haben, zu überlisten. Das bestätigten jüngst wieder Mitglieder der “Jungen Piraten” bestätigten auf der Politcamp 2010-Tagung.

Disclaimer: Die gesamte Debatte um den JMStV ist äußerst vertrackt – selbst Politiker und Netzexperten geben freimütig zu, beim Durchkämmen der Versionen ihre Schwierigkeiten gehabt zu haben. Und auch die Diskussion im Netz darüber ist vielschichtig, besonders aufgrund der vielen Entwurfsversionen des JMStV, die in den letzten Monaten kursierten und kommentiert wurden. Sollte dieser Artikel also in einigen Punkten nicht hundertprozentig auf dem aktuellen Stand der Diskussion sein, freuen wir uns über Anmerkungen und Ergänzungen.

March 25 2010, 11:00am

Die Säulen der digitalen Gesellschaft

Die Initiative D21 und tns infratest geben ja bekanntlich den (N)Onliner-Atlas heraus, in dem minutiös das Web-Nutzungsverhalten der deutschen Bevölkerung abgebildet sein soll. Die Wahrheit erblickt das Licht der Welt über den Umweg von telefonisch abgefragten Daten bei rund 1000 Menschen. Aktuell handelt es sich in diesem Rahmen um eine Studie über eine Typologisierung der Webnutzer anhand einiger Kriterien des Umgang mit dem Web. Man unterscheidet dabei das sogenannte “digitale Potenzial”, das auf Infrastruktur, Kompetenz und Wissen lädt sowie der “Einstellung und Nutzung”, welches auf Nutzungsinstensität und -vielfalt sowie auf Einstellung lädt. Wie seinerzeit die Sinusmilieus ist hier wieder ein Schubladendenken am Werk, das dem exceltrunkenen Budgetverantwortlichen Argumente für oder gegen eine (Werbe)Aktion an die Hand geben soll. Oder präziser: Wer im Internet Millionen machen will, möge doch bitte erstmal die reine, empirische Wahrheit der Segmentierung der Webnutzer goutieren. Es treten auf:

Die digitalen Außenseiter (35 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung) Die digitalen Außenseiter sind die größte und gleichzeitig mit einem Durchschnittsalter von 62,4 Jahren die älteste Gruppe. Im Vergleich zu den anderen Typen haben sie das geringste digitale Potenzial, die geringste Computer- und Internetnutzung sowie die negativste Einstellung gegenüber digitalen Themen. Nur ein Viertel verfügt bei der digitalen Infrastruktur über eine Basisausstattung (Computer und Drucker). Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien sind folglich kaum vorhanden. Selbst Begriffe wie E-Mail, Betriebssystem oder Homepage sind den digitalen Außenseitern weitgehend unbekannt und nur ein Fünftel der digitalen Außenseiter ist in der Lage, sich im Internet zu Recht zu finden.

Ich finde es schade, dass nur 20% Recht im Web finden. Vor Gericht sind es wahrscheinlich noch viel weniger. Aber genug der Kalauer. Es geht um ein ernstes Thema. Denn leider fehlt die wichtigstes Frage: Wollen Sie keinen Computer oder können sie sich den nicht leisten bzw. wenn, haben sie niemanden, der ihn das Ding erklärt. Und was wahrscheinlich vielen digital natives unbekannt ist: Computer funktionieren tadellos ohne Internet – jedenfalls war das vor den webbasierten Zwangsaktivierungen so.

Die Gelegenheitsnutzer (30 Prozent) Die Gelegenheitsnutzer sind durchschnittlich 41,9 Jahre alt. Sie nehmen im Vergleich zu den digitalen Außenseitern zumindest teilweise am Geschehen in der digitalen Gesellschaft teil. 98 Prozent besitzen einen PC oder ein Notebook, drei Viertel bereits eine Digitalkamera. Passend dazu verbringen nahezu alle Gelegenheitsnutzer Zeit mit Computer und Internet – vor allem für private Zwecke. Der Gelegenheitsnutzer kennt bereits viele Basisbegriffe der digitalen Welt, hat aber besonders beim Thema Sicherheit großen Nachholbedarf. Insgesamt erkennt dieser Typ klar die Vorteile des Internets, fördert aber nicht seine Weiterentwicklung und bevorzugt eher klassische Medien.

Seltsam, die grenzdebilen Gelegenheitsnutzer laden bei der Suchkompetenz (alle Werte sind Eigeneinschätzungen!!!) und Textverarbeitung mit über 90% und bei den Themen Nachrichten online lesen immerhin noch bei 60% und bei der Preisinformation bei stolzen 80%. Dass hier die Politikverdrossenheit eine aktive Teilnahme an der “digitalen Gesellschaft” verhindern könnte, findet natürlich keine Beachtung beim Design der Studie. Warum soll man auch die Menschen nach Gründen für ihr Verhalten fragen. Die kulturelle Wirklichkeit besteht ja nicht aus Motiven sondern aus empirischen Erhebungen des Verhaltens. Bei Viren, Passwort und Sicherheit lädt diese Gruppe um die 70% und mehr. Würden sie Linux benutzen bräuchten sie sich um das Thema gar nicht zu kümmern. Die Relevanz vieler Sicherheitsthemen kommt ja eher aus der mangelnden digitalen Kompetenz einiger Hersteller als aus derjenigen der Nutzer – aber das nur am Rande. Dass nur 45% Online-Banking betreiben, ist ja ein deutlich Indiz dafür, dass sie die Kompetenz der Banken in Sachen Sicherheit allein durch das Thema Scheckarten ausführlich genießen durften. Da ist es nur konsequent, sich zu der Pest der faktischen Beweislastumkehr bei “Einzelfällen” nicht noch ein Problem ins Haus zu holen, mit dem Tausende Euro Verlust mit einem Schulterzucken der Gelddienstleister quittiert werden. Ich kann das den Gelegheitsnutzern nur als hohe Sicherheitskompetenz anrechnen. Man vermeidet Verluste erfolgreich durch unterlassene Experimente – allerdings vermeidet man so auch Gewinne. Aber das ist ein anderes Thema…

Der Berufsnutzer (Neun Prozent) Durchschnittlich 42,2 Jahre alt, hat diese Gruppe den höchsten Anteil an Berufstätigen. Im Vergleich zu den Gelegenheitsnutzern haben die Berufsnutzer eine deutlich bessere digitale Infrastruktur an ihrem Arbeitsplatz und nutzen dementsprechend auch dort überdurchschnittlich das Internet. Hingegen ist die private Nutzung sogar leicht unter dem Niveau der Gelegenheitsnutzer. Die Nutzungsvielfalt der Berufsnutzer beschränkt sich eher auf nützliche Anwendungen wie E-Mail oder Textverarbeitung.

Die Nutzungsvielfalt der Berufsnutzer beschränkt sich eher auf nützliche Anwendungen wie E-Mail oder Textverarbeitung. Dieser Satz entlarvt das geistige Niveau auf dem solche Wirklichkeitsschnappschüsse entstehen. Zwei Werkzeuge sind keine Vielfalt. Und mal im Vertrauen: E-Mail und Textverarbeitung sind die bei weitem gebräuchlichste Form der geschäftlichen Erstellung von Texten. Das bedeutet, die Einschränkung liegt eher im Design der modernen Arbeit als in der Entscheidung der Nutzer begründet. Die Tatsache, dass die zuhause nicht am Rechner sitzen, könnte darauf hinweisen, dass sie privat gerne digitale Außenseiter sind, aber der Job sie zu einem digitalen Teil der Gesellschaft werden lässt, ohne dass sie das aktiv gewählt hätten. Außerdem haben die digitale Infrastruktur am Arbeitsplatz nicht, sonder die hat sie. Will heißen: Sie müssen das Zeugs nutzen auch und gerade im täglichen Kampf gegen Lagerverwaltungssoftware, digitales Buchungswesen oder gar den Zwang zur digitalen Archivierung jedes geschäftlichen Vorgangs wie beispielsweise E-Mails von Kunden und Lieferanten.

Die Trendnutzer (Elf Prozent) Diese Gruppe hat sowohl den höchsten Männer- (78 Prozent) als auch Schüleranteil (13 Prozent). Das Durchschnittsalter der Trendnutzer ist mit 35,9 Jahren recht jung. Bei den Trendnutzern ist häufig die ganze Bandbreite an digitalen Geräten vorhanden. Der Trend geht dabei klar zum Zweitcomputer. Die Mitglieder dieser Gruppe verfügen über umfassende Kompetenzen am Computer und kennen sich bis auf wenige Ausnahmen bestens in der digitalen Welt aus. Die Trendnutzer wenden besonders gerne Web 2.0-Applikationen an und erkennen die großen Vorteile der digitalen Medien für sich.

Interessanterweise ist das Thema Nutzung von Preisinformationen, Internetsuche, Textverarbeitung und Nachrichten online lesen vergleichbar mit der Gruppe Gelegenheitsnutzer. Woran das wohl liegen könnte? Ob das Angebot im Web auch einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten haben könnte? Lustig ist die Tatsache, dass ihre Kompetenz beim Erstellen einer Website besonders hoch sei. Wer also bei jimdo, wordpress.com, blogger.de oder ähnlichen Anbietern in 3 Minuten eine Seite zusammengeklickt hat, einen eigenen PC hat sowie Nachrichten und Preisinformationen vornehmlich im Web liest ist schon ein Trendnutzer. Hm, das wird ein Fest für die Marktforscher, mit solch scharfen Begriffen die Reichweitendiskussion neu zu entfachen.

Kommen wir zu den letzten beiden Gruppen:

Die digitalen Profis (12 Prozent) Der durchschnittliche digitale Profi ist 36,1 Jahre alt, meist männlich und berufstätig. Dieser Typus verfügt sowohl Zuhause als auch im Büro über eine sehr gute digitale Infrastruktur. Seine Kompetenzen sind umfangreich, was sich insbesondere in ihren professionellen Fähigkeiten widerspiegelt. Ob Makroprogrammierung oder Tabellenkalkulation, der digitale Profi fühlt sich auch auf diesem komplexen Terrain zuhause. Eher selten suchen die digitalen Profis im Vergleich zu den Trendnutzern und der digitalen Avantgarde Zerstreuung in der digitalen Welt oder nutzen diese zur Selbstdarstellung. Bei der Nutzungsvielfalt stehen daher nützliche Anwendungen, wie z.B. Online Shopping, Preisrecherche und Nachrichten lesen, im Vordergrund.

Dieser Satz ist einfach aussagenlogisch, grammatikalisch und überhaupt mein Lieblingssatz der Pressinformation zur Studie: Seine Kompetenzen sind umfangreich, was sich insbesondere in ihren professionellen Fähigkeiten widerspiegelt. Ob Makroprogrammierung oder Tabellenkalkulation, der digitale Profi fühlt sich auch auf diesem komplexen Terrain zuhause. Mal zuhause, mal Zuhause oder auch zu Hause alles im Angebot. Genauso beliebig ist auch die Zuordnung von Excel und Makros zu einem Typus “digitaler Profi“, es sei denn, man will einem bestimmten Typus BWLer Honig um den Bart schmieren, wo es als ausgemachtes Expertentum gilt, mittels eines Makros Tabellenblätter miteinander über Dateigrenzen hinweg zu aktualisieren.

Die Digitale Avantgarde (Drei Prozent) Die jüngste Gruppe (Durchschnittsalter 30,5 Jahren) ist gleichzeitig mit drei Prozent auch die kleinste Gruppe. Die digitale Avantgarde hat dabei ein eher geringes Einkommen und lebt oft in einem Singlehaushalt. Ihre digitale Infrastruktur lässt kaum Wünsche offen. Auffällig hoch sind dabei die mobile und geschäftliche Internetnutzung. In allen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen und bildet bei den komplexen digitalen Themen die Spitze der Gesellschaft. Ihr Wissensstand um die digitale Welt ist dagegen nicht ganz so ausgeprägt wie bei den digitalen Profis. Mehr durch „trial and error“ statt das Lesen von Anleitungen eignet sich der digitale Avantgarde seine Kompetenzen an. Von den digitalen Medien lässt diese Gruppe kaum ab: Durchschnittlich elf Stunden verbringen sie täglich vor dem Computer. Neben der Arbeit ist daher auch das Freizeitverhalten oft von den digitalen Medien bestimmt.

Aber wenn man denkt, schlimmer kann es nicht kommen: Die digitale Avantgarde hat dabei ein eher geringes Einkommen [...] In allen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen. Das könnte den aufmerksamen Beobachter zu folgenden Schlussfolgerungen verführen: Wer sich mit dem Web auskennt, ist arm oder wird dadurch arm. Wer Ahnung von Webdingen hat und dort viel unterwegs ist, der kann kein Werbeziel sein, weil er oder sie sich nix leisten kann. Besser kann man die geringen Werbekosten im Web gar nicht begründen: Man erreicht im Web 2.0 hauptsächlich nur arme und eremitisch lebende Menschen, die Ahnung in Bereichen haben, die den Großteil der Bevölkerung in keinster Weise tangieren – außer im verhassten Büro. Und wer Tabellenkalkulation bedienen kann, gehört zur Liga der ausßergewöhnlichen digitalen Profis. Was wohl Leon dazu sagen würde…

Bildnachweis: clarita

March 23 2010, 10:00am

SXSW10: Danah Boyd on privacy & publicity

8 minutes with a gifted mind. Boyd works at Microsoft Research New England and also serves as a Fellow at the Harvard University Berkman Center for Internet and Society. Boyd recently completed her PhD in the School of Information at the University of California-Berkeley.

March 19 2010, 1:15pm

Eine Religion der Ungläubigen

In einem lesenswerten Beitrag zur Reihe der Süddeutschen Zeitung Wozu noch Journalismus hat Jakob Augstein von der freitag Stellung genommen. Er hat eine Abhandlung über Gay Talese geschrieben, den amerikanischen Journalisten, der durch solche Sätze polarisiert:

“Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen.”

Klingt super. Auch der Text von Augstein liest sich gut. Allein, mir kommen Zweifel. Es tönt wirklich alles wie die Wiedergänger der Religion der Aufklärung. Ganz vorn klingt mir das gebetsmühlenartig wiederholte Mantra des Qualitätsjournalismus in den Ohren. Dann kommen immer wieder die lustigen Schirrmacherschen Sätze von Aufmerksamkeitsdefizit oder Clay Shirkys Filterdysfunktion wie alte streitende Senioren auf der Parkbank in den Sinn. Und so verwundert es auch nicht, wenn Augstein die Gegnerschaft der Journalisten und der Politiker zu einem ethos oder gar agens der journalistischen Tätigkeit emporhebt. Bei genau Betrachtung wäre dies eine kaum erwähnenswerte Selbstverständlichkeit, lebten wir in einer funktionierenden Demokratie, die noch über alle fünf Sinne verfügt.

Die Ebene der Politiker ist als eine vermittelnde anzusehen. Einflußreiche Gruppen, die durch wirtschaftliche Macht Druck ausüben können, “beraten” die Politiker, die die Aufgabe haben, in Talkshows, bei Parteitagen und in diversen Gremien dieses Wünsche umzusetzen. Da es ein Mehrheitsprinzip gibt, müssen zu diesem Zweck Nebenkriegsschauplätze eröffnet werden, um die Diskurskultur in unwesentliche Scheindebatten zu entladen. Die Volksseele bekommt dann immer wieder dieselben Gründe für die immer schlechter werdende Situation vorgesetzt (Schuldenabbau, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Rentenkosten). Am Schluß kommt man der Volksseele 2cm entgegen in marginalen Posten und besetzt an wesentlichen Stellen das Territorium quadratkilometerweise – wir kennen das schon vom lupenreinen Bundeskanzler Schröder mit dem Derivathandel und den steuerfreien Firmenverkäufen. Auch die FDP wird das Überleben der privaten Krankenversicherungen noch in dieser Legislaturperiode sichern, genau wie die 200 Milliarden für die Lieblingspuppenspieler der ältlichen Puppe aus dem evangelischen Pfarrhaus.

Wenn ein Journalist sich nun als Gegner der Politiker versteht, dann bedient er genau das Muster des Debattenverneblers. Er schreibt dann jahrzehntelang über die oben benannten Themen und die Auf- und Abschwünge ziehen vorbei. Seltsamerweise steigen während dieser Zeit die Einkommen der einflußreichen Gruppen um einige Größenordnungen in Relation zu denen die lauthals krakeelen und Wandel herbeidiskutieren wollen.

Deutlich schlimmer ist jedoch, dass das eigentliche Pflegekind der Politiker das Gemeinwohl ist, dass in unserem Land in vielen oft kommunalen Institutionen organisiert ist. Und so verwundert es nicht, dass die Einen immer mehr Chalets im Tessin besitzen, während die Schule zerbröseln, die Bundeswehr mit 30 Jahre altem Equipment in den kriegsähnlichen Zustand zieht und die Universitäten einer Legebatterie immer ähnlicher werden.

Es sind die Verhältnisse, die die Gegner des Journalisten sein müssen und nicht die Puppen, die uns die einflußreichen Gruppen zum Draufschlagen hinhalten. Denn wenn Journalisten sich von den Vordergrunddebatten über die verdeckten Hintergrundhandlungen täuschen lassen, ist etws faul im Staate Dänemark.

Bildnachweis: Bühnen-Halle

March 18 2010, 9:46am

Management-Berater: Das große Gefasel

Kaum hat jemand erfolgreich das Thema Banken und Finanzkrise aus der Öffentlichkeit entfernt, springen auch schon die ersten virtuosen Faselmeister in die offen stehende Bresche. Es dauert für den Steuerzahler mindestens 20 Jahre, um die Schäden der Bankenkrise abzuzahlen. Schon heute verdienen die meisten Banken wieder fast soviel wie vor der Krise. Und sie haben jetzt ein bombensicheres Risikomanagement. Den Staat. Und nun treten die großen Namen auf den Plan und beginnen das große Einpeitschen wie seinerzeit als das libertäre Mantra des staatlichen Rückzugs auf allen Kanälen erklang. Der Erste, der sich aus den Büschen traut, ist der allseits beliebte Fredmund Malik, Gründer und Leiter des Malik Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen. Auf die Frage im Interview auf buchreport.de, ob die aktuellen Bedingungen den Rahmen für Managemententscheidungen ändern, antwortet er mit einem dreifachen “Komplexität”. Ein Mega-Trend ist die Komplexifizierung der Welt, d.h. das Entstehen der neuen Welt hochdynamischer Systeme und der Komplexitätsgesellschaft. Das bedeutet das Ende von Gewissheit, Vorhersehbarkeit und herkömmlichen Mitteln der Unternehmenslenkung. Aha. Was genau war wann eine Gewissheit? Gab es jemals irgendjemanden, der im ökonomischen Umfeld Gewissheiten erkannt hatte? Würde das den Primat der Wahrscheinlichkeitstheorie erklären? Würde das die Binse erklären, die da sagt, der Aktienmarkt besteht zu 50% aus Psychologie? Wenn Märkte jemals vorhersehbar gewesen wären, wären wir alle Risikokapitalgeber gewesen, weil es nie ein Risiko gegeben hätte. Herkömmliche Mittel der Unternehmenslenkung werden immer dann abgeschafft, wenn neue Vorstände berufen werden. Die Unternehmenskultur einer Firma ändert sich ständig aber immer nur im Zeitlupentempo. Firmen lassen sich ähnlich lenken wie große Containerschiffe, jede Lenkbewegung wird erst mit enormer Verzögerung eine Wirkung zeigen – außer Entlassungen. Mit Verlaub, diese Erklärung ist weitgehend inhaltsleer. Deshalb wird er offenbar nochmal formuliert: Ein weiterer Mega-Trend ist die Entstehung gänzlich neuer komplexitätsgerechter Lenkungs-, Leitung- und Führungssysteme für Organisationen.
Wirklich spannend, wird es dann in einem kleinen Zusatz, der eine postdemokratische und posthabermasche Grundhaltung verrät:

Der kleinste gemeinsame Nenner und diesem entsprechende Kompromisse genügen heute nur noch selten für die Lösung politischer Probleme. Kaum fragt man jemanden nach Managemenentscheidungen, schon landet er bei der Politik. Man versteht langsam, warum die teuren PR-Agenturen, die man uns als politische Parteien verkauft, längst auf internationale Anwaltskanzleien zurückgreifen muss. Denn Managemententscheidungen sind offenbar neuen Gesetze. Man nennt das auch “profit by regulation”. Die Verlage führen das gerade mit dem Leistungsschutzrecht an allen deutschen Bühnen auf. Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine Periode des vielleicht tiefgreifendsten Wandels, den es je gab. Die aktuelle Krise, in ihrer Natur weitgehend missverstanden, sind die Geburtswehen der neuen Welt. Und was glaubt der geneigte Leser, was movens und agens dieser neuen Welt sind? Der wichtigste Treiber des Wandels ist die immense Komplexität der vernetzten Systeme, die rund um die Welt ihre Dynamik entfalten. Wenn jemand mehrfach auf multikausale Zusammenhänge eines ganzen Konglomerats an Teilproblemen angesprochen wird und permanent mit einem einzelnen Begriff antwortet, der auch noch derart schwammig ist, wie der der Komplexität, dann wird es Zeit, genauer hinzusehen. Der Begriff erklärt sich aus einem Modell der gesamten Welt, das man aus der Biologie entlehnt hatte. Dort führte man das große Gesamte unserer bekannten Welt, also Natur und Kultur auf Elemente und Strukturen zurück, die durch ein Etwas organisiert werden. Man erkennt daran, dass die Erklärungspotenz dieses Modells vor allem daran scheitert, dass schnell sehr viele Elemente und Strukturen zusammengefasst werden. Kategorienfehler bleiben nicht aus und was noch bedeutsamer ist, die Organisation als wichtigstes, weil ordnendes Moment, kann ab einer bestimmten Menge an Elementen und Strukturen gar nicht mehr erkannt, ermessen oder in Relation gesetzt werden. Genau dann spricht man von Komplexität. Man könnte also sagen, dass die Theorie der Systeme die Grenze ihres Erklärungshorizonts im diffusen Begriff der Komplexität zur Stärke umdefinieren. Daher erklärt sich auch, dass Komplexität je nach Wissenschaftsgebiet oder Forscher völlig unterschiedlich definiert und begriffen wird. Es scheint sich dabei eher um eine Art Glaubenscredo zu handeln. In der Wirtschaftstheorie ist Komplexitätsmanagement der Einbruch der Historie, also der Zeiteiste in das Lenkunsggeschehen, denn man erkennt darin ein Modell der Dynamik, das in der Philosophie schon lange Kontingenz heißt. Und dieses ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass man kausale Zusammenhänge eher als zufällig denn als erklärbar darstellt. Schlichte Menschen, die nicht 5000€-Tagessatz verdienen nennen dies Ungewissheit.

Auf dieser Basis der Ungewissheit rät Malik der Medienbranche zu Folgendem: Die Herausforderung auf einen Satz gebracht und keineswegs nur für die Medienbranche: Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes. Für herkömmliches Denken ist das zwar unvorstellbar, aber es entspricht im Kern den Leistungsfortschritten in vielen anderen Bereichen, z. B. in Technik und Medizin. Wer etwa in Kategorien des früheren Telefons denkt, wird die Welt des Handys nicht für möglich halten. Das Unmögliche von heute ist häufig der selbstverständliche Standard von morgen.

Ich denke, dass das geistige Niveau meiner Leser an dieser Stelle um einige Größeneinheiten unterschritten wird. Ich freue mich, dass Herr Malik ab jetzt die doppelte Zeit für die Hälfte des früheren Honorars arbeitet (also zwei Tage arbeiten für einen halben Tagessatz). Aber ich befürchte, dass eine Übertragung dieser genialen Idee an der Wirklichkeit scheitert. Wenn das ein berühmter Managementpapst öffentlich verbreiten läßt, dann ist klar, warum es aktuell so ist, wie es ist.

Bildnachweis: flickr

March 16 2010, 10:00am

Web 2.0 is zu Ende. Und nun?

Vor vielen Jahren begann eine kleine Schar von Enthusiasten hüpfende Frösche, animierte Mauszeiger und Minifilmchen als .gif-Dateien zu hassen. Die große Masse, so dachten wir damals, war im Web angekommen und macht mit allerlei Spielereien das Web kaputt. Unser schönes Web, das damals eigentlich nur sehr spezielle Inhalte und viel Kommunikation zwischen Computer-Nerds und Hardcore-Gamern transportierte (autoexec.bat und config.sys anpassen). Es war sozusagen ein Schlagwortkatalog, der aus Menschen (Foren) und Listen (Datenbanken) bestand. Wer etwas finden wollte, der war aufgeschmissen, weil es wenig gab und diese Perlen oft sehr gut versteckt in den dunklen Ecken des deep web hausten. Google brachte Licht in diese dunkle Flecken, ohne teure Redakteure wie Yahoo sie sich leistete. Sie hatten schlicht ein paar Menschen durch die Roboter 2.0 (Algorithmen) ersetzt. Dann kauften sie eine Online-Werbelösung dazu und bauten aus beidem ein Imperium. Zuvor jedoch kamen die selbst gemachten Websites mit Netscape Composer oder deren teuren Nachbauten von heute längst unbekannten Firmen, die damals auch irgendwann Flash erfanden, damit die Grafiker aus den Werbeagenturen mit ihren gewohnten Werkzeugen Websites entwerfen konnten, die sich entweder sehr an Zeitungsdesign oder aber an Videocompositing orientierten. Ein 56k-Modem bot diesem selbstverliebten Design Einhalt wegen der kläglichen Bandbreite.

Dann kam lange gar nichts. Firmen vertrauten auf interne Netzwerkapplikationen wie Archive, Dokumentenmanagementsysteme und jemand baute aus einer Datenbank ein modulares System, das die arbeitsteilige Verwaltung (Finanzen, Personal, Lagerhaltung, Produktionsplanung etc.) in diesen Netzwerken verteilte. Außen im großen Internet hatten mittlerweile Hinz und Kunz Websites für Gott und die Welt gebaut. Man setzte ein paar Werkstudenten und Diplomanden an die einschlägigen Webbaukästen und nahm dafür von den Firmen sechsstellige Beträge. Das klappt heute noch. Nur das man heute keine Lizenzen mehr für diese Software zu bezahlen braucht, weil die Open Source ist und die Werkstudenten durch Rumänen, Inder und Bangla-Deshis ersetzt wurden. So konnten Webagenturen früher Tausende Websites für Gewinnspannen jenseits der 60% Profit bauen wohingegen heute Dutzende Websites mit Gewinnspannen deutlich über 80% gebaut werden. Ein Grund, warum es nur noch wenige Webagenturen gibt. Denen kam social media als Thema gegen die Internetblase gerade recht. Man hatte wieder neue kostenlose Software, die man für kleines Geld anpassen konnte und hatte gegenüber dem Kunden le dernier cri.

Im Intranet verkaufte man Portale auf der Basis von Open Source, die extrem aufwändig zu installieren waren. Noch schlimmer war es mit der kommerziellen Variante der Intranetlösungen, da flogen nur so die Begriffe wie Internet Service Bus, Supply Chain Management oder Enterprise Content Management um die Ohren der CeBIT-Besucher in den Jahren von 1998 bis 2002.

Doch dann kam in den USA das Armageddon auf die Firmen und die Webnutzer zu. Gartner erklärte der Welt ungefähr im Jahr 2000 den Begriff Infoglut. Debra Logan lief von Pontius zu Pilatus und erklärte, dass das Internet voller nutzloser Inhalte sei und das den Intranets der Firmen dasselbe drohe, wenn sie nicht ein dolles Knowledge Management betrieben, also einen klugen Umgang mit all dem Wissen, was in all den Zellen, Tabellen und Dokumenten steckte. Diese Diskussion erreicht mit fast einer Dekade Verspätung sogar transkonservative Feuilletons ehemaliger deutscher Qualitätsmedien.

Gleichzeitig erklärten gestandene Betriebswirtschaftler und Systemtheoretiker 2000 Jahre Erkenntnistheorie für obsolet und beschrieben plötzlich – mit himmlischer Eingebung erlangt – wie das nebelhafte Wort Wissen im Menschen entstehe und wie es in Kreisläufen durch die Menschen laufe und wie man es organisiere. Da standen sie nun die beiden Weltsichten: Die Einen wollten endlich das Informationszeitalter beherrschen, indem sie die Datenspeicher klüger machten und die Anderen stürzten sich auf die Menschen als Wissensspeicher.

Social Media sollte der Zwitter der beiden Parteien genannt werden. Er fokussierte auf Software (open source) und auf Menschen (open culture). Und Millionen von Menschen verließen die animierten Grafiken und das Gewusel im Zeichen des großen Flash und nutzten fortan das Web genauso wie ihr Handy: Zur Selbstvergewisserung. Allerdings war es nicht so flüchtig wie ein Anruf oder eine SMS und es war vor allem nicht an einen gerichtet sondern an viele. Ich publiziere, also bin ich. publico ergo est.

Heute haben wir das smsen per twitter, Facebook-Status oder Xing an die ganze Welt zur vielköpfigen Hydra entwickelt und es gedeiht und verwelkt in alle Richtungen, je nach Wunsch und Fokus. Nur: Was kommt nun? In Afrika und der Dritten Welt beginnt das Web eine parallele Gesellschaftsstruktur zu etablieren, die eine Emanzipationsbewegung neben und unter der öffentlichen Kultur gestaltet. Sogar Russland erlebt die enormen Einflüsse auf die Politik durch eine ehemals neutrale Bloggerbewegung, die zunehmend durch offizielle Stellen unterwandert wird. Der Stellenwert dieser demokratisierten Form der Meinungsmache ist nur schwer von der Hand zu weisen.

Konvergenzdiskussionen tauchen auf und wieder ab. Neuerdings scheinen sich der Fernseher und das Internet zunehemend besser zu vertragen. Sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Unterhaltungsindustrie endlich ihren 11. Frühling erlebt. Und der lange währende Winter, der durch kostenlose Filme und Musik im Netz auch noch ein paar Monate Verlängerung per Eiseskälte durch die Konsolen bedeutete, könnte langsam zarte Frühlingsknospen erleben. Wenn dann auch noch Filmwirtschaft und Spieleindustrie noch besser ineinandergreifen, dann wird offenbar, was schon viele geahnt hatten. Drehbuchautoren schreiben Computerspiele, Filmbosse beteiligen sich an Online-Spiele-Plattformen und zu allem Überfluß könnte endlich die gsamte Diskussion um Grafikkarten und Prozessorleistung im HIntergrund der Cloud verschwinden, wenn wir nur noch ein Handy und einen riesigen Faltscreen im Hause haben. Das Netz liefert dann nur noch fertige Filme, Spiele, Bilder und Töne. Die Daten sind einfach weg. In den Tiefen der Cloud. Da sind dann auch alle unsere Ideen, oder?

Ganz so schwarz kann man nicht malen. Denn eines hat social media und die kostengünstigen Produktionsmittel wie Softwaretonstudios, Digitalkameras und Schnittcomputer gebracht: Kreative Köpfe können fast professionell produzieren mit relativ geringen Investitionen. Die Frage ist nur, wie backt man sich kreative Köpfe. Ob Schirrmacher recht hat und wir von Algorithmen beherrscht werden? Nein. Es sind die guten und die verführerischen Ideen, die uns beherrschen. Es ist der Glaube daran, dass die nächste Frau schöner, der nächste Job besser und der nächste Urlaub erholsamer wird. Man nennt dies Flucht aus der Gegenwart. Es ist das Gegenteil von innerem Frieden. Es ist das Gegenteil von Glück. Es ist das Gegenteil von Entwicklung. Aber es ist unsere Zukunft.

Bildnachweis: Lisa Solonynko

March 15 2010, 11:30am

TED: Kahnemann – Erfahrung und Gedächtnis

Sehr toller Vortrag von Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann über Glück, Erfahrung und Gedächtnis. Eigentlich ein Muss für alle Schirrmacher/Gelernter-Jünger. Hilft bestimmt:

March 2 2010, 10:00am

Trollerei und Unterwanderung in Foren und Wikis

Bild von GorillaSushi Foren und Wikis zeichnen sich durch Offenheit und niedrige Partizipationsschwellen aus. Dies liegt auch im Interesse der Betreiber, da man sich meist rege Beteiligung wünscht und auf konstruktive Beiträge hofft. Um auf derartigen Plattformen agieren zu können, ist, wenn überhaupt, eine gültige E-Mailadresse nötig. Auf kosten- und zeitintensive Verfahren zur Teilnahme, wie Aktivierung per SMS oder Post-Ident, wird daher in der Regel verzichtet. Somit können Nutzer in relativer Anonymität an einem Diskurs teilnehmen. Durch die vermeintliche Anonymität wiegen sich manche in Sicherheit und vergessen ihre gute Erziehung, provozieren und beleidigen andere.

Wie kann man als Plattformbetreiber damit umgehen?

Zunächst einmal sollte sich der Betreiber über die eigene Bekanntheit und die Meinung anderer über ihn selbst im Klaren sein. Über wen eine eher negative Meinung vorherrscht, der wird es schwerer haben, einen sehr offenen Kommunikationskanal ohne enormen personellen Aufwand betreiben zu können. Wo zuvor negative Beiträge im Netz verteilt liegen, wird sich durch ein Forum oder ein Wiki die Kritik und die Anfeindungen konzentrieren. Es entsteht ein zentraler Anlaufpunkt für die Vernetzung Gleichgesinnter und potenziert durch gegenseitiges Anheizen mögliche Probleme des Betreibers. Mediale Aufmerksamkeit kann dies noch verstärken, da es ebenso mehr Aufmerksamkeit für den potentiellen Troll bedeutet. Anerkennung motiviert vieles und viele.

Für Moderatoren liegt eine Schwierigkeit in der Beurteilung der Beiträge. Die Differenzierung zwischen Trollerei, also den provozierenden Beiträgen zum Zwecke der Aufmerksamkeit, und derb formulierter aber berechtigter Kritik ist fließend. Moderatoren müssen möglichst schnell entscheiden, ob kritische Beiträge, nur von der Formulierung entschärft bzw. verschoben werden müssen oder ob sie tatsächlich komplett gelöscht werden sollten. Den Betreibern einer Kommunikationsplattform haben sich schon von Gesetzes wegen mit spezielle Risiken auseinanderzusetzen. Anzuführen sind hierbei die sogenannte Störerhaftung und Linkhaftung, durch die sich justiziable Sachverhalte, wie Urheberrechts-, Markenrechts- und Namensrechtsverletzung bzw. Schmähkritiken und Beleidigungen durch Kommentatoren, auf die Plattformbetreiber übertragen können. Analog dazu müsste z. B. der Gastwirt für das Geschwätz seines Stammtisches verantwortlich sein.

Wo sind diese Phänomene zu beobachten?

Vor kurzem hat die GEZ ein Forum eröffnet, um von der Bevölkerung ihre Meinung zur GEZ zu erfahren. Nun steht es mit dem Image der GEZ nicht zum Besten. Kritiker mahnen zurecht das unzulässige Ersuchen um Amtshilfe durch freie GEZ-Mitarbeiter, Forderungen seitens der GEZ gegenüber Tieren und Toten bis hin zur Korruption in der Chefetage an. Bisher verteilte sich die Kritik an der GEZ auf einer Vielzahl von Webseiten mit teilweise harschen Worten. Mit der Bereitstellung des Forums konzentrierten sich die negativen Beiträge auf der Webseite der GEZ. So war es nicht weiter verwunderlich, dass innerhalb weniger Tage das Forum mit tausenden wenig konstruktiven bzw. wenig wohlwollenden Beiträgen geflutet wurde. Es bleibt abzuwarten, ob die Zahl der GEZ-Mitarbeiter, die für die Betreuung des Forums vorgesehen sind, ausreicht, um die anfallende Arbeit zu bewältigen.

Die Piratenpartei sah sich mit einem etwas anders gelagerten Phänomen konfrontiert, das durch Kommunikationskanäle wie Wikis schlicht begünstigt wird. Die Mitgliederzahlen des parteipolitischen Neulings wurden durch die Diskussion um das Zugangserschwerungsgesetz in die Höhe getrieben – sie verzehnfachten sich innerhalb weniger Monate. Dadurch änderten sich Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Partei. Die Euphorie war groß die politische Erfahrung eher klein und Parteistrukturen noch nicht ausgebildet oder gar gefestigt. Anders kann man kaum erklären, wie ein Aufruf, doch “rechte Piraten” innerhalb der Piratenpartei zu engagieren, die Partei so ins Schleudern bringen konnte. Konkret manifestierte sich das Problem beim Begriff Immigration, bei dem es sich um kein piratentypisches Thema handelt. Allerdings lud das offene Parteiwiki die rechten Unterwanderer gerade dazu ein, über diesen Kanal ihr Thema in die Piratenpartei einzupflanzen und eine Diskussion darum auszulösen. Durch die Unterwanderung wird scheinbar konstruktives Verhalten suggeriert, aber meist eigene Ziele implementiert.

Aber das allgemeine Wohlwollen der Netzgemeinde ist nicht allein der ausschlaggebende Punkt für nicht zielführende Trollerei. So wurde das Wiki des Internet-Manifests mehrfach verunstaltet bzw. mit Memen verziert, obwohl die Unterzeichner des Internetmanifests mehr Fans als Kritiker vorweisen können. Ein Wiki oder ein Forum wird meist als Gesprächstaufforderung verstanden. Da aber das Manifest bereits bei der Veröffentlichung unterzeichnet war, stellt sich unweigerlich die Frage: Woran soll man jetzt noch partizipieren? Hätte man es bei der Publikation im Wiki als unfertig oder als Diskussionsgrundlage gekennzeichnet, hätte es einen Anlass für konstruktive Beiträge gegeben. Doch so entlud sich das Gefühl, übergangen worden zu sein, in Trollerei.

Fazit:

Moderatoren und Communitymanagern kommt eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe zu, die ihnen Erfahrung und Kompetenz im Bereich Kommunikation und Recht, aber auch im Bezug auf fachliches Wissen, abverlangt. Sie müssen in der Lage sein die Kultur der Community zu erspüren, um maßvoll und nachvollziehbar handeln zu können. Um Klarheit bei Nutzern und Moderatoren über die gewünschte Form der Beteiligung zu schaffen, können Kommentarrichtlinien sehr hilfreich sein. Ferner sollten die Betreiber auf ihr Hausrecht hinweisen und wenn nötig davon Gebrauch machen. Sich ausfallend und unangebracht verhaltende Gäste kann man ja schließlich auch auf physischen Veranstaltungen hinauskomplimentieren.

Im Zweifel können sich Plattformbetreiber nicht leisten an dieser Stelle zu sparen, da es Teil ihrer Außenwirkung ist und je nach Bekanntheit dort auftretende Probleme mitunter in den Medien diskutiert werden.

February 25 2010, 10:15am

TEDx 2009: Kevin Kelly über Technologie

Auf der TEDx in Amsterdam im November 2009 erklärte Kevin Kelly (WIRED Magazine) seine Sicht auf Technologie rund um uns in Bezug auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Menschen und die Kultur. Was also ist Technologie und wie entstand das, was wir so nennen?

February 23 2010, 2:00pm

Altersstruktur in Sozialen Netzwerken

Folgende Inforgrafik erhellt zumindest mal die Altersstruktur im Vergleich bei den verschiedenen Netzwerken. Das hätte ich jetzt noch gern für die G20-Staaten national aufgeschlüsselt und nicht nur für die USA.

via broadstuff.com

February 18 2010, 2:30pm

Digitale Seuche: Plaque im Netz

Plaque bedeutet Schild. Es ist bekannt als Belag aus Speiseresten und unseren ganz persönlichen Bakterien. Genau dasselbe Zeug finden wir auf jeder Website im Netz. Reste aus erlerntem Wissen und unser persönlicher Senf oben drauf. Wer in der letzten Zeit die Diskussionen rund um Chancen und Gefahren der digitalen Speisen im Netz verfolgte, wunderte sich nicht selten. Allen Ernstes diskutierten Wissenschaftler und Experten den inhaltlichen Kontext von menschlicher Sinnbildung und Mustererkennungsprozessen beim Durchforsten von Tabellenzellen in Datenbanken.

Um die Verwirrung noch zu steigern, wurde ein Wort aus der Informatik, das nebenläufige Berechnungsprozesse beschreibt (multitasking), auf den Menschen transponiert, wobei allerdings Sinn und Bedeutung des Begriffs flöten gingen. Nicht genug, dass man früher glaubte, aufgrund des immer noch sehr vagen Verständnisses der Informationsverarbeitung im Gehirn, Computer programmieren zu können; setzt man sich nun hin und übernimmt aus der Computerwissenschaft Begriffe, um den Menschen zu beschreiben. Dieser Diskussion das Etikett Kategorienfehler anzukleben, erscheint so langsam fahrlässig verharmlosend.

Der Mensch und seine Algorithmen Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind, zu tun, was wir nicht tun wollen… So lautet der Untertitel des Schirrmacher-Buches. Es geht also um einen Zwang. Man reitet im Namen der Freiheit. Dort werden Adaptionshandlungen des Menschen in Bezug auf elektrisch dargestellte Buchstaben und Bilder beschrieben. Wer keine Kindheit ohne das Web hat, hat keinen Vergleich und daher keine Wahl mehr. Aha. Und das Netz ist erobert worden durch die Werbung. Offenbar ist es beim Netz schlechter wenn es Werbemillionen abwirft als bei Printmedien oder dem Fernsehen. Früher wurden Zielgruppen per Sinusmillieus (Konsumentenkategorien) organisiert. Heute tun sie dieses nun ganz von selbst über ihre Onlineeinkäufe und ihre Kontakte in sozialen Netzwerken. Dieselbe Entwicklung des Auslagerns von Leistungen an den Kunden kennen wir auch von Banken (Überweisungs-/Geldautomaten). In Amerika ist das schon seit Jahrzehnten der Drive-In. Anders als bei den Rabattkarten, die jede Kassiererin mal eben durch den Leser zieht sei dieses im Netz schlimm und verwerfliche Mikroarbeit der Nutzer. Und was machen die Kreditkartenfirmen mit den Profildaten ihrer Kunden, die sie teuer bezahlen, damit sie ihre persönlichen Daten sammeln? Ob da nicht vielleicht auch kleine Programme durch die Datenberge sausen und 1 + 4 zusammenzählen? Der böse und allmächtige Algorithmus? Der Journalist Frank Schirrmacher sieht das Organisieren von Inhalten von Algorithmen beherrscht, wie sie beispielsweise die Suchmaschine Google einsetzt. Aber auch sie blieben im linearen Abarbeiten von einzelnen Schritten stecken. Es gibt noch Schleifen, die Zwischenergebnisse zu bestimmten Inhalten bewerten können. Aber alles bleibt in einer sehr elementaren mathematischen Struktur. Diese Verfahren verarbeiten die Daten von Menschen zu Mustern, die dann zu bestimmten Aussagen gedeutet werden. Die Verfahren und die Qualität dieser Deutungen der Muster wird leider nicht hinterfragt. Denn die semantische Ebene auf der Basis dieser Muster ist das eigentliche Problem. Denn sie wird von den Firmen vorgegeben. Gelernt wurde das schon vor den Rabattkarten auf der Basis von Daten der Marktforscher. Google tut nichts anderes als das Nutzen dieser bekannten Deutungsmethoden. Aber so entsteht weder Bedeutung noch Wissen. Denn die besagten Algorithmen (präziser müsste man von Text-Mining bzw. Data Mining sprechen) sortieren Daten anhand bestimmter Bedingungen. Sie analysieren also vorhandene Texte bzw. Datenbanken. Das maschinelle Synthetisieren, also das Erstellen neuer Information auf dieser Basis, hat bisher noch keinen Reifegrad erreicht, denn man als Information oder gar Wissen bezeichnen könnte.

Zweiter Gedankenfaden Schirrmachers ist die Überlastung des Menschen durch ein Zuviel und Zuschnell an Daten und Dokumenten. Das Verhältnis von Inhalten die Nutzer zuordnen und denen, die dem Nutzer direkt auf seine Geräte geschoben werden (E-Mail, twitter, Statusmeldungen etc.) ist ein ungesundes in Bezug auf das, was der Mensch verarbeiten kann. Beleg für dieses Wissen über die Kategorie Mensch ist nicht eine Studie der Marsianer sondern sind zwielichtige Papiere von kaum bekannten Wissenschaftlern, die in keiner Weise epidemiologisch verifiziert wurden. Er zieht tatsächlich die Analogie zum Zeitalter der Industrialisierung, wenn er sagt, dass sich im Webzeitalter das Gehirn an die Menge der Inhalt im Netz adaptiert in der Art, wie sich die Muskeln damals an die Industriearbeit anpassen mussten (Leider geht Schirrmacher nicht auf das Dreischichtsystem und die Wissenschaft der Ergonomie ein). Auch der Begriff der Plastizität wird ähnlich trivialisiert wie wir das schon im Umfeld der Bücher über die digital natives erleben mussten. Da Computer über Multitasking verfügen (was nicht stimmt, da auch die Prozessoren alle nur seriell ihre Register abarbeiten), müsste sich das Gehirn an diese Parallelablaäfe anpassen, sei aber nur zu serieller Verarbeitung von Symbolen fähig. Insgesamt erscheint das Buch eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen, die selten einer profunden Bewertung standhält. Aber der größte Marktplatz der Welt und der gigantischste Stammtisch des Universums ist und bleibt Anlaß einer bisher “kaum” diskutierten Erörterung: Was ist eigentlich Qualität und wie kann man das feststellen, was Qualität ist und wer tut das auf welche Weise? Es geht also um Herrschaftswissen.

Social Media: Von der Volksnähe geküsst zu werden Und schon machen sich die Adepten der Geisteswelt oder der Weltmechanik auf und versuchen auf dem Rücken dieser herbeigestolperten Diskussion ihre Pfründe zu sichern. “Information ist entfremdete Erfahrung.” tönt es aus dem Mund von Jaron Lanier in der FAZ. Dieser Satz hat in etwa soviel klärende Potenz wie der Satz “Energie ist das, was nie verschwindet”. Und dann rettet Lanier die kalte Information mit der menschlichen Erfahrung. Er erkennt in dem Glauben an den Text, der seit der Thora, der Bibel und dem Koran die monotheistischen Religionen die Offenbarung Gottes darstellt, nicht ein menschliches Verlangen nach Überschreitung des Hier und Jetzt – ganz so wie die Höhlenmaler der Vorzeit. Er will Erfahrung. Aber nicht zuviel. Deshalb moniert er auch, dass die Menschen im Web zum Mob werden, wie er in den Kommentaren feststellt, die er liest. Diese Meinungsexkrementik mißfällt ihm zutiefst. Diese Art von Erfahrung schmeckt im nicht. Denn diese Art von Erfahrung hat er weder an der Uni, noch in den Klubs in denen er verkehrt noch in seinem Viertel gehabt. Noch weitaus schlimmer sei die Werbung als Trampelpfad des Geldes, dass alles wie ein negativer Midas in seinen Bann der Vernutzung zieht und nichts als die ökonomischer Auswertung übriglässt.

Wieso der Club der Anonymen Enthüllungskommentatoren seine Triebabfuhr über unflätige und persönliche beleidigende Kommentare regelt? Vielleicht haben diese garstigen Wichte gar kein Auto, mit dem sie jemandem die Vorfahrt nehmen können. Einfach mal wild mit der Lichthupe den Frust vom Berufsalltag loswerden, oder schlicht die Frau oder die Kinder zusammenmöbeln, sagt ihnen nicht zu. Zugegeben, es sind zumeist wenig wertvolle Beiträge, oft entlarven sie sogar eine unterdurchschnittliche Fähigkeit im Umgang mit widersprüchlichen Informationen. Dass anonyme Kommentare aber weniger Ausdruck von tumbem Mob ist sondern eher Darstellung von Angst in der Berufswelt, ist anscheinend eine Denkunmöglichkeit. Die einen schreiben muitg alle Texte unter Klarnamen und andere haben schlicht Angst, weil viele Menschen Teile ihrer Person nicht im Netz zeigen dürfen, weil sie in der Berufswelt ein Avatarleben führen müssen. Würden Sie ihre wirkliche Meinung im Web unter ihrem Namen darlegen, müssten sie im Berufsleben unangenehme Folgen befürchten. Es ist also bestes Recht des Knechts, anonym zu bleiben. Der Verweis auf die Algorithmen und Scanprogramm der Geheimdienste, Polizei und Marktforscher erscheint da eher Rationalisierung als wahre Ursache. Es liegt an der Angst vor eigener Persönlichkeit im Berufsleben, die gab es schon früher und sie wurde nur im ewigen Archiv des Web offenbar. Und die Herren der ersten Stunde rund um John Perry Barlow haben das Erstellen von Avataren und digitalen Personae nicht als Schutz der beruflichen Laufbahn verstanden sondern als Weg, die etablierten Mächte zu unterminieren. Diese Kamingesprächs-Revoluzzer, die mit der Rolex am Arm und dem Oldtimer in der Garage etwas vom anderen Leben faseln, verstehen das Web als Ort des Gesprächs gar nicht. Sie leben noch im Zeitalter des Dokuments. Dieser dokumentenzentrierte Ansatz der Emanzipation zeigt sich noch heute in öffentlichen Verlautbarungen wie etwa Manifesten, ähnlich wie das öffentliche Vorlesen in royaler Vorzeit von den Reichsverwesern und Erklärbären. Die Herrschaft spricht, das Gesinde schweigt.

All das Gehabe des Achtung-Wir-veröffentlichen-etwas-mit-Belang sieht man ja nicht in einem Web, das den Stammtisch oder den Dorfplatz ersetzt hat. Könnte es vielleicht sein, dass wir im Web immer mehr die Seiten einer Gesellschaft erkennen, die vorher für uns verborgen waren? Die Mediokren begegnen den ziselierten Gedanken der bombastischen Rationalisierer. Und die Experten erleben den Instinkt der Straße. Oder um es krasser zu formulieren: Das Web ist ein Agens, das die Verdrängung und Sublimierung Hundertausender sozial und mental prekärer Lebensentwürfe verunmöglicht. Nicht umsonst hat Danah Boyd vor über 2 Jahren gezeigt, dass es durchaus Sinn macht, die Nutzungsarten des Web mit der sozialen Herkunft und Ausbildung zu korrelieren. Das hat durchaus mehr als zwei Seiten, wenn man bedenkt, dass in anderen Ländern eben die bisher verfemten Seiten ein Segen sind. In muslimischen Ländern artikulieren sich die Frauen im Web, in Russland – einer lupenreinen Demokratie – wird das Web zur einzig verläßlichen Quellen für Nachrichten aller Art. Hier müssen die Damen und Herren Intellektuellen auf der einen Seite Volkes Stimme und auf der anderen Seite Volkes Halsband namens Konsumismus ertragen.

Schreiben ist das Endprodukt der Weltverdauung Und die Algorithmen? Analog zum Albumin, das den Druck im Körper regelt, ist der Algorithmus nichts anderes als ein Verfahren, das eine Homöostase (Gleichgewicht) zum Ziel hat. Das, was die Einen ins das Netz werfen um sich zu artikulieren, wollen die Anderen in einen Kontext stellen, der nicht demjenigen des Autors/Kommentators entspricht. Warum?

Betrachten wir nochmal das Bild der Assimilation, das oben in dem Begriff Meinungsexkrementik zum Ausdruck kommt. Der geschriebene Inhalt, dessen ein Mensch sich entledigt, soll für den anderen Nahrung sein. Diese Wiederverwertung gekauter Nahrung (verdautes Welterlebnis als Text ), die oft nichts anderes als ein Versuch des Verstehens der alltäglichen Geschehnisse ist, soll ökonomisch sinnvoll ablaufen. Deshalb wird mit viel mathematischem Brimborium ein Mehrwert in diese Exkremente einsuggeriert. Man könnte sagen, dass in der Algorithmusküche, Sätze und Daten solange zerkocht werden, bis aus dem vorherverdauten Brei wieder ganze Stücke werden. Man kann aber aus einem zerkauten Essensbrei auch mit den aufwendigsten Algorithmen nicht wieder einen Apfel oder ein Hühnchen zaubern.

Die pessimistische Lamentiererei sogenannter Experten und Intellektueller fällt also noch hinter die allzu optimistischen Wünsche der Bedeutungsingenieure zurück und lädt sie nur unnötig mit Macht auf. Man könnte denken, dass es sich um einen Versuch handelt, an dem Glorienschein teilzuhaben, den die bobos, Neurophysiologen und Teilchenbeschleuniger in langen Jahrzehnten gezüchtet haben – und zwar unter tatkräftiger Mithilfe der Journalistengarde auf der Suche nach dem allerneusten Neu. Dabei ist neu im Grunde nichts anders als das Indifferenteste, was wir kennen. Vielleicht lassen uns deshalb all diese wortgewaltigen Predigten für und wider das Netz so unbeteiligt zurück.

Mit was für einer Dreistigkeit die Welt auf der anderen Seite des Bildschirms sich in selbigem widerspiegelt mag für einige ein kritischer Schock sein – für andere ist er sehr heilsam. Denn wer alle Gespräche eines Tages in einem gewöhnlichen Restaurant oder Café aufzeichnen uns auswerten wollte, würde als irre abgestempelt. Im Web soll das also normal und sogar gefährlich sein? Es ist schlicht Unsinn und Ausdruck eines grassierenden Irrtums: Text ist nicht gleich Kontext.

Und wie geht man nun mit den Problemen des Ablenkens um? Es ist eine Disziplin der persönlichen Reife, Achtsamkeit, awareness, Konzentration und Gerichtetheit der Aufmerksamkeit zu erlernen. Sensuelle Deprivation gehört allerdings nicht zu den Trainingseinheiten. Oder um es in einen Witz verkleiden: ” Ich konnte gestern den ganzen Nachmittag nicht meditieren!” “Wieso denn nicht?” “Dauernd klingelte das Telefon.”

Und behüte mich vor meinen Fans… Dr. Christian Stöcker von Spiegle Online nun kommt von einer anderen Seite. Er möchte die neutrale und wertfremde, also technoliberale Seite des Web als sympathisches Bild der digitalen Kommunikation darstellen. Am 08.02.2009 hat er stellvertretend für viele folgende Thesen dargelegt. Die sieben Thesen lauten: 1. Das Internet ist dumm und das ist auch gut so. Tja, nun müsste man zunächst erklären, ob eine Maschine oder ein Programm überhaupt wissend sein kann. Ob eine Armada von Maschinen, die miteinander interagieren nun wissender oder dümmer würden, wäre eine theoretische Frage. Denn das Netz enthält lauter gespeicherte Symbole, die Menschen oder Prozessoren Anreize für Aktionen oder Unterlassungen liefern. Das Internet ist also genauso dumm oder schlau wie eine Armada von Heizungsventilen. Der wesentliche Anteil an Schläue wäre die Negentropie, also die gerichtete Organisation der Elemente und Strukturen. Denn Entropie ist im Grunde die Summer der erreichbaren Zustände. Angesichts der großen Menge an Elementen und Strukturen im Internet ist es also sinnvoll, diese potenziellen Zustände einzuschränken, um sinnvoll Gebrauch von der Technologie zu machen. Netzkünstler treiben dieses Vorhaben an das andere Ende zu treiben. Die Kategorie “dumm” im Kontext mit der Dimension Netz ist also ähnlich ertragreich wie die Kategorie “virtuos” mit der Dimension Musikinstrument. 2. An vielem, was das Netz gefährlich macht, sind die Nutzer selbst schuld. Vor allem die Nutzer, die mit den Fingern auf andere zeigen. Aber ach… Schuld. Also die Schuld. Das ist eine religiöse Kategorie. Aus dem Unbill der Naturgewalten extrahierten die Kulturen einen Bändigungszauber namens Religion. Nach Einführung des Individuums und der abgeleiteten göttlichen Macht auf den Menschen blieb nur noch die Schuld als abgeschwächte Form des wütenden Schöpfergottes übrig. Was der im Netz zu suchen hat, überlasse ich dem geneigten Leser. Aber man kann schon feststellen, dass Stöcker erkannt hat, dass dieser Schöpfergott namens Nutzer einigen Einfluß auf die Technologie hat, die er nutzt. Ein Beispiel: Man kann einen Hammer als Flaschenöffner, Werkzeug oder Tatwaffe einsetzen. Aber, das ist eigentlich ein Gemeinplatz und kann getrost als überflüssige Aussage disqualifiziert werden. 3. Die Staaten dieser Welt werden sich nicht darüber einigen, wie das Netz sein sollte. Aber ein Minimalkonsens in Sachen Verbrechensbelämpfung lässt sich herstellen. Das ist keine steile These, wenn man bedenkt wie Entscheidungsprozesse in den multinationalen Gremien funktionieren, zumal bei der ICANN, der Internet-Regierung. Ob und was ein Verbrechen ist, läßt sich kaum ernsthaft staatenübergreifend diskutieren wie man am Beispiel Steuerhinterziehung in der Schweiz und in Deutschland erkennen kann. Übereinstimmung wird nie erreicht, also erfindet man etwas Ähnliches: Konsens ist an dieser Stelle nichts Anderes als das alte Bild von Lyotard, der den Diskurs von Habermas als Akt der Aggression bezeichnete. Denn Konsens ist das Erzwingen einer gemeinsamen Erklärung zum Wohle aller Teilnehmer. Allzuoft nehmen aber die Betroffenen an diesen Diskursen gar nicht teil… 4. Wir sollten aufhören, vermeintlichen Exhibitionismus anzuprangern, solange wir den Menschen ins Wohnzimmer starren. Wir brauchen eine neue Definition von Öffentlichkeit. Nein. Was wir brauchen ist eine Einsicht in die Tatsache, dass im netz genau dieselben Menschen agieren wie außerhalb des Netzes. Dort herrscht allerdings das Primat des Vergessens und der Vergänglichkeit. Das Netz ist eine Gefriertruhe der Worte. Jeder Satz wird schockgefrostet. Jeder Mensch hat sich schon mal vor Zeugen zum Narren gemacht. Es ist allerdings früher nie aufgezeichnet worden. Es bedarf also einer genauen historischen und ethnologischen Betrachtung dieses Kühlraums der Symbole. Auch eine ethische Risikofolgenabschätzung steht noch aus. Leider auch aufgrund der naiven Netzkritik, die sich im sogenannten bürgerlichen Lager formiert. Grundsätzlich wäre zu verweisen auf das Thema Identitätsmanagement angesichts des neuen Personalausweises und ELENA. Aber Herr Stöcker hält es für angemessen, lustige Anekdoten über die Holländer und ihre Gardinenlosigkeit als Metapher anzubieten. 5. Jugendschutz ist wichtig, aber nicht wichtiger als alles andere. Mit Providern als Zensor wäre das Ende des freien Netzes gekommen. Das Netz ist nicht frei und wird es nie sein. Freiheit, gleich ob negative oder positive, ist ein Wert, den es gilt anzustreben im Handeln der Menschen. Es gibt keine Manifestation der Freiheit in der Mechanik der Nullen und Einsen. Es gibt höchstens eine Freiheit im Zugang, im Gebrauch und in der Selbtsbestimmung über die eigenen Exkremente im Netz wie Kommentare, Artikel und Bilder… 6. Urheberrechte sind wichtig, aber nicht wichtiger als Bürgerrechte. Warum müssen immer die Rechte des Dreiecks, Nutzer, Autor und Werkmittler gegeneinander ausgespielt werden? Hat es Sinn, wenn unterschiedliche Kategorien von Rechten aus dem Immaterialrecht und den “kleinen” Menschenrechten namens Bürgerrecht? Nein, denn Autos unterliegen auch anderen Regulierungen als Flugzeuge. Was soll eigentlich so besonders sein am elektrischen Versand von beweglichen Lettern? Richtig, es ist der Zugang zu dem Sinn, der damit gestiftet wird. Wer den beschränken will, soll das mit seinen eigenen Inhalten tun können – aber nicht im Auftrag Dritter. 7. Die Vorteile des freien Internets überwiegen seine Nachteile. Wer das Internet für überwiegend schädlich hält, muss ein Menschenfeind sein. Siehe Kommentar zu These 5. Es wäre schön, wenn die Menschen selbst entscheiden dürfen, was, wo und warum ein Vorteil oder ein Nachteil des Web ist.

Bildnachweis: deanjenkins

February 10 2010, 9:30am

Feudalherren, Irokesen und kein Gespräch

Körpersprache, die Bände spricht: Sascha Lobo (v.l.n.r.) verkrampft, Tiziana Terranova im verzweifelten Versuch, Dialog herzustellen, Steve Lambert beleidigt und Matteo Pasquinelli unterfordert bis genervt. (Foto: Anja Krieger)

Drei Männer, drei Themen und keines davon war tatsächlich Liquid Democracies – auch wenn das ursprünglich im Programm gestanden hatte. So diskutierten am Sonntag abend Matteo Pasquinelli, Steve Lambert und Sascha Lobo an einander vorbei.

Steve Lambert präsentierte, dass jeder deutsche Powerpointuser blass vor Neid werden muss: Kurzweilig, bilderstark und witzig stellt der Amerikaner sein Konzept von “utopian fiction” vor: Statt herumzuunken, wie die Zukunft aussehen könnte, kann man sich einfach eine Zukunft ausdenken und sie öffentlich machen, dann kommt die öffentliche Debatte darüber von ganz allein, meint Lambert. Und er weiss, wovon er spricht – immerhin war er unter den Menschen, die in einer gefakteten New York Times-Ausgabe aus der Zukunft das Ende des Irakkriegs verkündeten. “Wir haben das gemacht, weil wir es wollten”, sagt er. Es geht Lambert darum, die Gesellschaft wiederzubeleben, um Demokratie zu stärken. Demonstrationen funktionierten heute nicht mehr, statt dessen müsse man versuchen, die Leute mit fiktionalen Utopien zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Statt Kunst zu machen, solle man die Leute dort abholen, wo sie sind, in einer Sprache, die sie verstehen: Wie würden sie den US-Haushalt gestalten? Wie fänden sie Bars in der U-Bahn? Was halten sie vom Irakkrieg? “Wir brauchen keine neuen Ideen, sondern die Visionen und Motivation dafür, die guten Ideen da draußen umzusetzen”, sagt er. Und endet mit einem dicken “Do something!!

Auf eine derart schmissige Darbietung will sich sein Nachredner Matteo Pasquinelli nicht einlassen. Er nimmt in seiner ökonomiehistorischen Rede dafür auf eine interessante Art und Weise die digitale Kreativindustrie unter Beschuss. Anders als vor zehn Jahren, als man mit dem Auftauchen von Indymedia glaubte, das Internet würde partizipativer, diversifizierter, freier werden, sieht man heute, dass es vor allem der Monopolbildung Vorschub leistet. “Statt über liquid democracies sollten wir über digitalen Neo-Feudalismus im Netz sprechen”, sagt Pasquinelli. Wenige Großfirmen etablierten sich immer weiter, der Mittelstand bröckelt weg, und diejenigen, die das Netz als Tempel der kognitiven Intelligenz feiern, vermeiden in Wahrheit nur die Frage, wie sie sich in den ökonomischen Prozess mit einbringen wollen. Zahlen also eine Art Rente an die großen ökonomischen Feudalherren des digitalen Zeitalters. Pasquinelli kritisiert die free culture-Bewegung dafür, sich parallel zur Wirtschaft vor sich hin zu existieren, Interaktionen mit der Wirtschaft zu vermeiden und sich so von den großen Firmen ausbeuten zu lassen. Er zeigt sich von Lamberts Vortrag wenig beeindruckt: Aktivismus sei für ihn, den Wissenschaftler mit der Linksaktivisten-Vergangenheit, eine alte Geschichte. Aktivismus wie Lambert ihn vertrete, habe in den vergangenen zehn Jahren nichts bewirkt. “Ich würde jetzt einfach gerne mal Politik machen. Taktiken entwerfen. Da passiert heute nicht genug”, mahnt er.

Und dann ist da noch Sascha Lobo auf dem Podium. Sein Auftritt ist von einigen Konferenzteilnehmern mit Spannung erwartet worden. Mal sehen, wie er sich gegenüber dem italienischen Linken schlägt, hat einer gesagt. Ich persönlich habe gehofft, dass er vielleicht auf seine speziellen Freunde von der Piratenpartei eingehen wird. Doch nichts davon: Noch kurz vor Start der Veranstaltung bastelt Lobo an seiner Slideshow, begründet auf der Bühne wortreich, warum er auf Deutsch vortragen wird (höhö, will ja nicht den Oettinger machen – ich wäre interessiert an der Übersetzung dieses Gags gewesen) – und hält dann einen typisch-generischen Sascha Lobo-Vortrag über das Spannungsfeld zwischen sozialen und klassischen Medien. Kurz: Er macht im Vergleich zu den anderen beiden Panel-Teilnehmern keine besonders gute Figur.

Schrecklich wird es allerdings erst, als alle drei mit ihrer Moderatorin Tiziana Terranova auf Sofas sitzen, möglichst weit von einander entfernt, und jeder in seinem ganz eigenen Film monologisiert. Lobo hat sich an der Idee festgebissen, dass sein Englisch zu schlecht sei für diese Veranstaltung und krampft sich daraufhin von Statement zu Statement – völlig ohne das Selbstbewusstsein, mit dem er sonst so häufig auftritt. Pasquinellis Körper- und Mundsprache lassen wenig Zweifel daran, wie intellektuell unterkomplex ihm diese Diskussion vorkommt und wiederholt seine Thesen wieder und wieder – allerdings ohne eine interessante Debatte provozieren zu können. Denn auch der eben noch so lockere Lambert macht einen ziemlich verkrampften Eindruck, nachdem Pasquinelli seine utopischen Aktivismus-Ideen so böse hat auflaufen lassen.

So wurde es doch ein ziemlich anderer Nachmittag, als ich es mir im Vorfeld gedacht hatte. Eigentlich hatte ich erwartet, endlich einmal eine interessante, nicht nur im deutschen Saft schmorende Debatte über liquid democracies zu hören – und diese Ideen einmal mit der gelebten politischen Wirklichkeit innerhalb der deutschen Piratenpartei abzugleichen. Was aber nicht weiter schlimm ist: Zumindest die geschichtsökonomischen Betrachtungen von Matteo Pasquinelli haben für diesen Mangel klar entschädigt. Hoffentlich erscheint das Video heute hier im Medienarchive der transmediale. Bildnachweis: Anja Krieger

February 8 2010, 9:45am

ELENA und die doppelte Petition

Das elektronische Entgeltnachweisverfahren, kurz ELENA, erzeugt endlich ersten aktiven Widerstand bei Netzbürgerrechtlern. Zwei Bürger haben beim Bundestag eine Petition eingereicht, die dagegen protestiert, dass Höhe des Gehalts, Krankmeldungen, Kündigungsgründe und viele andere Daten über einen Arbeitnehmer automatisch gespeichert werden.

Das alles diene dem Bürokratieabbau, so die offizielle Begründung für die Datensammlung. Im Dezember, als in vielen großen Medien erstmals ausführlich über das ab Januar 2010 in Kraft tretende Verfahren berichtet wurde, hörte man aus den Kreisen der Bürgerrechtsbewegung nicht viel. Fast überrascht schienen dort viele zu reagieren. Schleswig-Holsteins stets auskunftsfreudiger Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert war einer der wenigen, die sich zum damaligen Zeitpunkt zu dieser Frage äußerten. Einen Monat später ist das Thema in aller Munde – und die Netzaktivisten mobilisieren. Etwa so wie eine Handvoll Piratenparteimitglieder am letzten Wochenende in Berlin.

Worum geht es eigentlich: Hintergrund über Elena In der taz fassten Daniel Schulz und Franziska Langhammer schon im Dezember 09 zusammen: Ab dem 1. Januar sollen die Arbeitgeber dazu verpflichtet werden, regelmäßig Daten aus den monatlichen Lohn- und Gehaltsabrechnungen elektronisch an die sogenannte Zentrale Speicherstelle bei der Deutschen Rentenversicherung in Würzburg zu übermitteln. Ab 2012 soll Elena dann in Betrieb gehen und dafür sorgen, dass Sozialleistungen wie Eltern-, Wohn- oder Arbeitslosengeld schnell und unkompliziert beantragt werden können. Mit seiner elektronischen Signatur identifiziert sich der Versicherte bei der Zentralen Speicherstelle und erlaubt der jeweiligen Behörde, seine Daten abzurufen. Verdienstbescheinigungen des Arbeitgebers, die dieser bislang auf Papier ausfüllen musste, werden nicht mehr benötigt. Auch Daten von Selbstständigen will man erfassen, insgesamt sind 40 Millionen Erwerbstätige betroffen. Die Gemüter erregt ELENA, weil damit nicht nur Daten über Art und Höhe des Einkommens gespeichert werden, sondern auch viele sensible Angaben über Arbeitnehmer, die weit mehr Aufschlüsse über deren berufliche Karriere liefern als eine herkömmliche Lohn- und Gehaltsabrechnung. So werden detaillierte Angaben über Fehlzeiten und deren Ursachen erfasst.

Weitere Artikel zum Thema: *In der Süddeutschen warnt Heribert Prantl in Bericht und Kommentar vor ELENA während die FAZ sich deutlich zurückhält.

*gulli berichtet über die Widerstände auch von Arbeitgeberseite gegen ELENA, telepolis schreibt über die “Milchmädchenrechnung” Bürokratieabbau.

*Ob man sich ELENA per einstweiliger Verfügung entziehen kann, fragt ein Focus-User. Die Antwort ist irgendwie lustig, aber wenig aufschlussreich: Bei Ex-Innenminister und ELENA-Kritiker Gerhard Baum “kann Ihr Anliegen mit vielen Anderen, dementsprechend behandelt werden!”

Was können und wollen die Petitionen gegen ELENA?

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Versehen, dass schon jetzt zwei Petitionen im Bundestag gegen ELENA eingereicht wurden. Ein reiner Absprachefehler ist das aber nicht, denn beide haben beim näheren Hinsehen recht unterschiedliche Ziele.

Die erste Petition, die der Saarländer Peter Caspar initiiert hat, wendet sich allgemein gegen das Vorhaben und fordert, “dass die Vorratsspeicherung gemäß dem 6. Abschnitt des Sozialgesetzbuch IV, §§95 ff. (Verfahren des elektronischen Entgeltnachweises) aufgehoben wird”

Zur Begründung schreibt Caspar: Es werden unzulässig Daten erhoben, die weit über den ursprünglichen Sinn des Gesetzes hinausgehen. Zum Beispiel werden Streik- oder Aussperrungszeiten gespeichert, die Arbeitgeber müssen Abmahnungs- und Kündigungsgründe angeben. Dem Sinn des Gestzes widerspricht schon der 2 jährige Aufbau einer Datenbank, die auch mit erheblichem Aufwand der Arbeitgeber verbunden ist. Von der beabsichtigten Kostenersparnis kann keine Rede sein, es werden millionenfach Daten erhoben, die nie benötigt werden, da die meisten Bürger – aus welchen Gründen auch immer – weder Wohngeld, Eltergeld oder Arbeitslosengeld beantragen. Nach meiner Meinung wurde mit diesem Gesetz das Recht auf informationelle Sebstbestimmung verletzt.

Über 9.300 Unterzeichner hat Casper für seinen Aufruf schon bekommen und wird dabei unterstützt von Onlinebürgerrechts-Granden wie Ralph Bendrath, Y und Z. Bis 2.März kann hier noch unterzeichnet werden.

Die zweite Petition stammt aus der Feder von Thomas Herr und fordert wesentlich zurückhaltender, dass die Speicherung und Datensammlung im Rahmen von ELENA “nochmals überarbeitet und überdacht werden”. In seiner Begründung schreibt Herr: Es geht kein Finanzamt und keine Krankenkasse an, wenn ich zu spät zur Arbeit komme, wenn ich streike, wenn ich unbezahlten Urlaub nehme und so weiter. Ich fühle mich als Bürger total gläsern und total vom Staat überwacht. Desweiteren zweifle ich an, ob dieses Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht stand hielte. Folgende Daten müssen meines Erachtens nach NICHT an die genannten Behörden/Körperschaften übertragen werden

Mit dieser Petition, die ebenfalls noch bis zum 2.März mitgezeichnet werden kann, konnte Herr noch keine 3.000 Unterzeichner begeistern. Damit hält sich der Erfolg beider Petitionen in Grenzen – und das, obwohl in Sozialen Netzwerken wie twitter bereits kräftig um Unterstützung geworben wird. Andererseits wurden bei beiden Petitionen Kritik an der Qualität der eingereichten Begründungen laut.

Was bringen solche Petitionen?

e-petitionen sind seit dem Sommer 2009 schwer in Mode. Damals unterzeichneten Zehntausende innerhalb kurzer Zeit die erste digitale Bürgerrechtler-Petition der Berliner Franziska Heine gegen die “Internetsperren”, mit denen die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen die Verbreitung von Kinderpornografie unterbinden wollte. Seitdem gibt es jeden Monat neue Petitionen von Nerds und Geeks: gegen Killerspielverbote, für Open Access, die Gema und so weiter. Im Freitag ist ein ganz guter Überblicksartikel zum Thema erschienen.

Der Vorteil bei der ePetition: Die Hürde, mitzumachen ist gering, über Web 2.0-Kanäle kann die Nachricht von der Existenz der Petition schnell verbreitet werden – und die nur diffus organisierte digitale Bürgerrechtsbewegung kann demonstrieren, wie viele Unterstützer für eine bestimmte Sachfrage sie hinter sich versammeln kann.

Andererseits zeigt sich, wie stumpf das Schwert der ePetition ist: Nach dem Sommer konnte keine einziges Anliegen den Erfolg der “Zensursula”-Petition wiederholgen – weil die allgemeine Erregung fehlte oder die Online-Mitzeichnung ihren Neuigkeitswert verloren hatte. Doch auch die super-erfolgreiche Petentin Heine wartet noch immer auf ihre Anhörung beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags. Und dass, obwohl sich die Debatte um das Zugangserschwernisgesetz seit Ende der Mitzeichnungsfrist im Sommer deutlich weitergedreht hat.

Sonstiger Widerstand Es kursieren aber wohl auch noch andere Ideen als allein das Unterschreiben von Petitionen. Heise zufolge fordert Schleswig-Holsteins Datenschützer Weichert den Bundesrat dazu auf, gegen ELENA zu stimmen, weil die Verordnung “verfassungswidrig” sein könnte.

Bildnachweis: ppdigital

February 1 2010, 1:00pm

Public Domain: Noch ein Manifest!

Das neue “Public Domain Manifesto” erinnert daran, dass Wissen verbreitet werden muss – und dass die Prinzipien der Offenheit und Freiheit gepflegt werden müssen, damit das Teilen und Fruchtbarmachen von Wissen auch klappt. “Our markets, our democracy, our science, our traditions of free speech, and our art all depend more heavily on a Public Domain of freely available material than they do on the informational material that is covered by property rights. The Public Domain is not some gummy residue left behind when all the good stuff has been covered by property law. The Public Domain is the place we quarry the building blocks of our culture. It is, in fact, the majority of our culture.” (James Boyle, The Public Domain, p.40f, 2008) Hierfür formuliert das Manifest 9 Empfehlungen, die insbesondere bei der Novellierung von Urheberrechtsgesetzen zu beachten wären. Zahlreiche internationalen Organisationen unterstützen bereits das Manifest – darunter die amerikanische Creative Commons, die britische Open Knowledge Foundation und die niederländischen Verfechter der Creative Commons, die Waag Society sowie die Stichting Kennisland.

Zu den Erstunterzeichnern gehören merkwürdigerweise keine deutschen Wissenschaftler. Jedoch finden sich unter ihnen auch bekannte Namen wie Lawrence Lessig, Paul Keller und Urs Gasser. Es wird also Zeit, dass das Manifest auch hierzulande bekannter wird.

Hier geht’s zur Unterzeichnung – und hier zur Facebook-Fanseite.

Crosspost von blog.kooptech.de

January 27 2010, 10:00am

Das Google sagt gaga

Nachdem Iran seine Revolution (nicht) hatte, Michael Jackson schon länger seine Ruhe genießen darf, ist die Meute der Meinungsbesitzenden weiter gezogen. Da gerade kein Skandal in Sicht war, hat man sich wieder auf die großen Firmen gestürzt, die aufgrund ihrer jüngsten Geschichte am meisten Sediment aufgewirbelt haben. Eine von denen ist das Unternehmen aus Mountain View. Da Google sich überall dort aufhält, wo früher der umherziehende Barde die Geschichten aus 1001 Nacht zum Besten gab, sind das heute die schneidenden Kanten der Medienwelt.

Die Bevölkerung bekommt von Google nichts mit. Weder am Fernseher, noch beim Lesen der Zeitung während des Morgenkaffees noch beim Tatort am Abend. Auch beim Fußball, der Formel 1 oder im Puff gibt es kein Google. Grund genug für viele Schreiber, die marktbeherrschende Stellung des Informationsimperiums in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Und bei diesem leicht anmutenden Thema kommt es dann zu Verwerfungen. Denn die Kalifornier wollen laut eigener Aussagen das Wissen der Welt auf ihren Servern versammeln. Mindestens wollen sie wissen, wo es steht. Sie meinen damit alle Buchstaben, die je ein Mensch in die Tasten gehauen hat, alles Geschreibsel, dass je auf Papier getrocknet ist und zusätzlich alle ASCII-Zeichen dieses Planeten.

Dabei müssen sie natürlich diesen Wunsch finanzieren. Bei genau Betrachtung der Renditen einzelner Industriezweige sind ihnen drei Branchen aufgefallen, die hohe zweistellige Renditen sei Jahrzehnten abwerfen: Medien, Energieanbieter und Banken. Von den Medien haben sie zunächst das Geschäft der Werbung übernommen, um den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde zu garantieren. Keiner ahnt, was Hundertschaften von Serverfarmen verfrühstücken – außer Facebook vielleicht. Wenn es aber nicht reicht, alle Websites, die mehr als 100 Besucher am Tag haben, mit Textanzeigen vollzupflastern und die Wegweiser des Internet mit Werbung zu bekleben, dann muss man natürlich dahin, wo noch keine Werbung klebt. Das ist das Handy und jeder Ort wohin es mitgenommen wird. Es wird der Fernseher sein, der Internet anzeigt und mobile Displays am Gürtel, in der Schminktasche, an der Mütze und im Pissoir.

Und dann? Dann wird Google zum Energieriesen, weil alle glauben, dass Elektroautos der Renner sind. Denn wenn ein paar reiche Familien auf der arabischen Halbinsel mehr als die Hälfte Europas besitzen, nur weil sie ein paar Jahrzehnte lang Öl verkauften, dann wird Google sich um die nächsten Jahrzehnte kümmern. Denn – wie gesagt – der Werbemarkt finanziert nur den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde. Selbst denken kann sie erst, wenn das Äquivalent von 12 Atomkraftwerken ein künstliches Gehirn aus 127651726517625172651725617256172651726517265 parallelen 64-Kern-Prozessoren antreiben kann, dann wird Google überhaupt erst die Augen aufschlagen. Ach, und wenn man via Google mit seinem Handy einen Einkauf mit einem Klick oder Laut seines Besitzers bezahlen kann, werden schon 376 Banken ins Grass gebissen haben wegen des mobile payment.

Und dann schaut uns all das an, was wir nicht geschafft haben, vor Google in Sicherheit zu bringen. So wie die Touristen in den Urlaubszentren beim Schwimmen alte Bekannte wieder finden, die sie nach dem Frühstück verabschiedet hatten. Denn dann fliegt uns all die Sch… um die Ohren und Augen, die jemals jemand niedergeschrieben hat. Die Gedanken werden in Muster zerlegt, analysiert, neu verknüpft und als Menschheitswissen für teures Geld an uns zurück verkauft.

Dass viele Verleger und Sender jetzt Probleme mit demjenigen haben, der der natürlich Feind jedes Filterns ist, erscheint klar. Google will alles lesen! Aber dann, wenn Google genau wissen wird, was wir zu jedem gegebenen Zeitpunkt unseres Lebens als Information brauchen werden, dann wird auch den Politikern und den Experten und den Lehrern klar, dass die nächste Zeitrechnung angebrochen sein wird: Nach der Landwirtschaft, der Industrie und wird die Dienstleistung zu einem exorbitanten Prozentsatz von der allwissenden Müllhalde koordiniert, geordnet und verordnet werden. Computer werden die Menschen mit Aufgaben betreuen, die ihr Gedächtnis verbessern, sie werden den Menschen Aufgaben geben, die die allwissender Müllhalde nicht allein verrichten kann und am Lebensende werden die Menschen mit Computern und Reaktionsübungen an der Demenz gehindert, die ihnen Linderung über sinnlose Leere ihres Lebens hätte verschaffen können.

Es geht nicht darum, einfach Märkte zu besetzen, die hierarchisch organisierte Firmen aufgrund mediokren Strategiemanagements und mit Zuckerbrot und Peitsche einfach brach liegen lassen. Es geht auch nicht darum, den Politikern und ihren Besitzern aus dem Hoch- und Geldadel einen Strich durch die Rechung zu machen: Es geht um das ureigene Programm des Guten Menschen: Bring Erleuchtung in jede Hütte. Nur was Buddha als den mittleren Weg bezeichnete ist bei Google das Fokussieren auf alles was Buchstaben hat.

Rettung naht. Die Wissenschaft hat schon längst festgestellt, dass Aufgeschriebenes nichts mit Wissen zu tun hat. Denn der Code der Wörter enthält nur den Teil des Wissens, der von der eigenen Erfahrung, den eigenen Erlebnissen abstrahierbar ist. Die Bedeutung der Wörter erschließt sich also erst, wenn man die historischen gesellschaftlichen Parameter und den persönlichen Zustand des Autors beim Niederschreiben zur aktuellen Situation des Lesens hinzuaddiert. Das ist eine einfach Aufgabe für Menschen. Für Maschinen ist das niemals lösbar, weil ihre Gehirne keine Subjektmodelle selbst entwerfen können. Ihre Aufnahmekapazität ist viel zu groß. Der menschliche Geist kann nicht viel auf einmal wahrnehmen, daher lernt er jeweils nur Differenzen zu dem, was er schon einmal gesehen oder gehört hat. Dies erfordert eine mehrwertige Logik im Rechner. Aktuell können wir davon ausgehen, dass die Computer in ungefähr 2000 Jahren in der Lage sind, so ein wachsendes Modell der Welt in parallem Lernen in Differenzen zu schaffen: Dazu bräuchte man allerdings erst einmal ein taugliches Modell einer mehrwertigen Logik, deren Dimensionen einerseits heterarchisch und andererseits vieldimensional sein müsste. Das könnte die Mathematik sicher in einigen hundert Jahren schaffen. Bis dahin beoachten wir, wie Google den Weg alles Irdischen geht. Erinnern sie sich noch an die Weltherrscher Watson, Edison, Bell, etc. pp. Bildnachweis: jeltovski

January 21 2010, 4:15pm

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