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Ein Krieg gegen Frauen

Wenn ich in der letzten Zeit einen Blick über den großen Teich wage, möchte ich mir kräftig die Augen reiben und hoffen, dass dies alles nur ein schlechter Traum sei: Eine schier unglaubliche Zahl an Ge­setzes­ent­würfen wurde in den letzten Monaten in den USA von überwiegend re­publikanischen Ab­geordneten auf den Weg gebracht, die nur auf eines ab­zielen: das Recht auf kör­perliche Un­versehrt­heit und aus­reichende gesund­heitliche Ver­sorgung von Frauen ein­zu­schrän­ken. Die US-Amerikaner_innen sprechen in diesem Kon­text schon von einem War on Women (“Krieg gegen Frauen”)…

Buttons für Abtreibungsrechte

So ist die teil­weise aus Bundes­mitteln finan­zierte Gesund­heits­organisation Planned Parent­hood, die sich als pro choice versteht und die nicht nur in Fra­gen Ver­hütung, Geschlechts­krank­heiten und Schwanger­schaft berät, son­dern u.a. auch Krebs­vorsorge­unter­suchungen anbietet, in mehreren Bundes­staaten stark unter Be­schuss. Einer der wohl schwer­wiegendsten An­griffe auf re­produktive Rechte ist der im Januar ein­gereichte No Taxpayer Funding for Abortion Act (“Keine Steuergelder für Abtreibungen”), kurz: H.R. 3, der Ab­­trei­bungen enorm erschweren würde – noch mehr, als dies bereits schon der Fall ist. Trotz der Ent­kriminalisierung von Ab­treibungen in den USA Anfang der 1970er wurde die Möglichkeit zum Schwanger­schafts­ab­bruch wenige Jahre später durch eine Zusatzklausel deutlich ein­geschränkt: Bundes­mittel dürfen seit jeher nur für Ab­treibungen verwendet werden, wenn sich eine Frau durch die Schwanger­schaft in Lebens­gefahr befindet, ver­ge­waltigt und/oder Opfer von Inzest wurde. Wer trotz­dem einen Schwanger­schafts­ab­bruch vornehmen lassen möchte, muss tief in die Tasche greifen und möglicher­weise sogar weit reisen, da in vielen Gegenden gar keine Ab­treibungs­kliniken existieren. Frauen, die keinerlei finan­zielle Mittel für einen Abbruch haben, können auf Hilfs­­pro­gramme wie Medicaid zurück­greifen (was allerdings nur in einigen Bundesstaaten überhaupt möglich ist). Mit dem Gesetzesentwurf H.R. 3 bekämen Kranken­ver­sicherungs­gesell­schaften immer mehr Steine in den Weg gelegt, Schwanger­schaftsab­brüche über­haupt abzudecken. Firmen, die Versicherungs­pakete mit Option zur Abtreibung anbieten, würden indirekt dafür bestraft, z.B. durch das Aus­bleiben von Steuer­gutschriften. Auch die über 13 Millionen Frauen, die aktuell durch Programme wie Medicaid versichert sind, bliebe der Zugang zur Ab­treibung verwehrt. Kurz und bündig heißt das: Das Gesetz würde Schwanger­schafts­ab­brüche fast unmöglich machen, ohne diese offiziell zu kriminalisieren. H.R. 3 sah anfangs sogar vor, nur noch jene Ab­treibungen mit Bundes­mitteln zu zahlen, die als sogenannte forcible rape (“gewaltsame Vergewaltigung”) klassifiziert sind. Diese Neu­definition von Ver­gewaltigung hätte eine Hierarchie von sexueller Gewalt zur Folge, die letzt­endlich nur eines aussagt: Es gibt schreckliche Ver­gewaltigungen, und welche, die “nicht so schlimm sind“ – eine abstruse “rape rape” Argumentation, wie wir sie zuletzt von Whoopi Goldberg zum Fall Polanski gehört haben. Die einzig gute Nach­richt: Diese Passage wurde aus dem Ent­wurf gestrichen. Dieser (nun leicht abgewandelte) H.R.3, auch genannt “Super Hyde”, wurde vor zwei Wochen durch das US-amerikanische Repräsentanten­haus bestätigt und nun dem Senat vorgelegt. Sehr wahrscheinlich wird Barack Obama ein Veto einlegen. Auch wenn der Entwurf wohl niemals Gesetz wird, zeigt allein die Tatsache, dass aktuell eine Vielzahl ver­gleich­barer Gesetzes­entwürfe in den einzelnen Bundes­staaten diskutiert werden den großen Erfolg der seit Jahren wachsenden rechts­konservativen Dominanz der Abtreibungs­gegner_innen und Ver­ge­waltigungs­verharmloser_innen. Die Agenda der Konservativen offenbart das implizite Ideal einer Frau als Mutter und Ehefrau, deren eigene Be­dürfnisse und Gesund­heit die der (heterosexuellen) Partner­schaft und dem Nach­wuchs unter­geordnet sind. Der bis dato erfolgreiche Vor­stoß der so­genannten Pro Lifers zeigt, wie sehr reproduktive Rechte in den USA in Gefahr sind und Pro Choice Or­ganisationen zunehmend um Förder­gelder zittern müssen. Und wer ist in besonderem Maße betroffen von diesem “Krieg gegen Frauen”?

Das Guttmacher Institute erläutert die Zahlen zu Schwanger­schafts­ab­brüchen in den USA: Rund 40% aller US-amerikanischen Frauen, die eine Schwanger­schaft beenden, leben unter der Armuts­grenze. Davon sind überproportional Women of Color betroffen. Zurück­zuführen ist dies auf die sich stetig verschär­fenden sozialen Un­gleichheiten in ge­sell­schaft­lichen Be­reichen wie Gesundheit (Zugang zu Verhütungs­mitteln und bezahlbarer Krankenversicherung), Bildung (z.B. Sexual­auf­klärung) und dis­kriminierenden Struk­turen in der Erwerbs­arbeit. Die vor einigen Monaten stark diskutierten rassistischen Anti-Ab­treibungs­werbetafeln mit der Aufschrift “Der gefährlichste Ort für ein afro­amerikanisches Kind ist der Mutterleib”, die erst nach massivem Protest wieder ab­genommen wurden, sind nur ein Beispiel für die vermehrten Attacken der vergan­genen Monate. Viele Aktivist_innen be­fürchten, dass die an­haltenden Vor­­stöße gegen Ab­treibungs­­rechte und die immer wieder auf­­kom­menden Dis­­kussionen zur (Re-) Definition von Ver­­gewaltigung nur der An­­fang eines langen Kampfes gegen eine stetig wachsende rechts­konservative Kraft ist.

Autorin: Magda Albrecht wurde 1986 geboren und ist im Osten Berlins aufgewachsen. 2003 ging sie zum ersten Mal in die USA und besuchte eine High School in South Carolina. 2006 folgte ein BA-Studium der Nord­amerika­studien und Publizistik an der FU Berlin, im Rahmen dessen sie ein Auslands­jahr in den USA (Portland, OR) absolvierte und sich der US-amerikanischen Politik und Soziologie widmete. Zur Zeit studiert Magda an der HU Berlin Amerikanistik. In ihrer Freizeit ist sie pro­fessionelle Kaffee­trinkerin und Sängerin bei Totally Stressed, einer ArtRock Band aus Berlin.

Crosspost von maedchenmannschaft.net

May 23 2011, 10:00am

Reden wir über die Männerquote

Seit etwa zehn Jahren gilt die so genannte “freiwillige Selbstverpflichtung” für Unternehmen, die dem Zwecke dient, den Frauenanteil in Führungspositionen zu steigern. Diese Selbstverpflichtung sei, laut Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), “krachend gescheitert”. Sie fordert, dass eine gesetzliche Quote her müsse - jetzt! – die in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden soll (wir berichteten).

Ein kurzer Blick in die Statistiken bringt Klarheit in den undurchsichtigen Wirtschaftssumpf: In den Vorständen der deutschen Unternehmen ist der Frauenanteil sage und schreibe zwei Prozent. Das ist ein Witz. Aber weil wir uns so an die Unterrepräsentanz weiblicher Führungskräfte gewöhnt haben, hilft hier vielleicht mal ein Perspektivwechsel, um dem Thema etwas mehr Brisanz zu verleihen. Wenn wir die Frauenquoten-Debatten mal für eine Minute ruhen lassen und darüber nachdenken, warum die von der Leyens und Schröders dieser Welt noch nie die eigentlich viel dramatischere  Quote – die Männerquote – thematisiert haben, merken wir schnell: Eine Männerquote von 98% in den deutschen Vorständen könnte keine der Ministerinnen plausibel erklären, ohne über die Strukturen des Arbeitsmarktes, Diskriminierung, Sexismus und nicht zuletzt das verlässliche Old Boys Network zu sprechen. Aber das wäre ja unbequem. Dann würde es ja nicht mehr nur um Quoten gehen. Dann müssten wir uns gesamtgesellschaftlich die Frage stellen, ob wir so leben und arbeiten wollen. 50 – 60 Stunden die Woche unter Erfolgsdruck schuften? Familienfeindliche Strukturen? Eine nach einer männlichen Erwerbsbiographie ausgelegten Arbeitswelt? Nicht sehr attraktiv, mit oder ohne Quote… Ja, die unionsgeführten Ministerien für Arbeit und Familie debattieren nun endlich über die Frauenquote. Aber: Wenn selbst die CDU sich zu Frauenförderung äußert, sollte man hellhörig werden. Und besonders auf die Argumentationslinien achten. Stichwort: weiblicher Führungsstil. Frauen sollen mitmachen dürfen, aber eigentlich nur, weil sie “anders” sind. Der Neoliberalismus hat der altbekannten “Geschlechterdifferenz” neues Leben eingehaucht und konstruiert eifrig mit, um sie ökonomisch auszuschlachten. Eine Quote kommt da eigentlich sogar gelegen: Im Namen der Gleichberechtigung dürfen Frauen Profite erwirtschaften. Anstatt Hierarchien werden – “typisch weiblich!” -Netzwerke gebildet. So zumindest die Theorie. In der Praxis scheitern viele Frauen schnell an längst etablierten Strukturen. Stichwort: Forderungskatalog. Gesprochen wird mal von 30% Frauenquote (Ursula von der Leyen, CDU), mal sind es 40% (Manuela Schwesig, SPD). Vielleicht kann mir ja mal jemand plausibel erklären, warum die Forderungen sich nie kongruent zur gesamtgesellschaftlichen Zusammensetzung verhalten. Seit wann ist es gerecht, wenn wir – Perspektivwechsel – Männern indirekt 60% bis 70% der Jobs in den Führungsgremien zugestehen? Das hängt wohl damit zusammen, dass bereits bei einem relativ niedrigen Frauenanteil von “Verweiblichung” eines Feldes gesprochen wird. Es geht hier aber nicht um Zahlen. Es geht hier auch nicht darum, einfach mal ein paar Männer durch Frauen zu ersetzen. Die Zahlen sind lediglich Abbild eines Systems, dass sich aus historisch gewachsenen Ungleichheiten speist. Und so offenbart die alleinige Fokussierung auf Quoten, dass es nicht darum geht, die (sexistischen) Strukturen der Arbeitswelt zu hinterfragen oder (teilweise versteckte) Diskriminierungsmechanismen zu bekämpfen. Es werden lediglich Angebote geschaffen, die sich an den existierenden ungerechten Arbeitsmarktstrukturen orientieren. Und das kann uns nicht genug sein. Ich sage deutlich: Die Quote ist ein hilfreiches Instrument, um überhaupt die Chance auf Partizipation von Frauen in der Wirtschaft zu ermöglichen. Deshalb befürworte ich die Quote. Aber sie ist nur der Anfang: Ohne die Umstruktierung der Arbeitswelt wird die Quote auch nur bestimmten Frauen nutzen – jenen, die sich den Gegebenheiten des Arbeitsmarkts anpassen wollen oder können.

Autorin: Magda Albrecht, wurde 1986 geboren und ist im Osten Berlins aufgewachsen. 2003 ging sie zum ersten Mal in die USA und besuchte eine High School in South Carolina. 2006 folgte ein BA-Studium der Nordamerikastudien und Publizistik an der FU Berlin, im Rahmen dessen sie ein Auslandsjahr in den USA (Portland, OR) absolvierte und sich der US-amerikanischen Politik und Soziologie widmete. Zur Zeit studiert Magda an der HU Berlin Amerikanistik. In ihrer Freizeit ist sie professionelle Kaffeetrinkerin und Sängerin bei Totally Stressed, einer ArtRock Band aus Berlin.

Dies ist ein Crosspost von maedchenmannschaft.net.

February 9 2011, 9:55am

Im Namen der Freiheit: 9 Jahre Afghanistan-Krieg

Der Spiegel berichtet in einem aktuellen Artikel über ein Frauenhaus in Masar-i Sharif (Nord-Afghanistan) und gibt einen düsteren Einblick in die Situation afghanischer Frauen knapp neun Jahre nach Einmarsch der US-amerikanischen Truppen im Oktober 2001. Der so genannte “Krieg gegen den Terror” und die im Rahmen dieses Krieges durchgeführte Operation Enduring Freedom (“Operation andauernde Freiheit”) hat so einige ihrer hoch angepriesenen Ziele nicht erreicht. Die unter dem Deckmantel von Menschen- und ja, insbesondere Frauenrechten! – eingesetzte Strategie hat den Afghanerinnen, wenn überhaupt, nur theoretisch genutzt. Der systematischen Entrechtung der Frauen durch das Taliban-Regime (1996 – 2001) wurde zwar mit der neuen Verfassung von 2004 entgegengesteuert (sogar eine Frauenquote gibt es im Parlament), aber “es sind vor allem die Frauen in den Städten, die von den Entwicklungen profitieren”, so Reinhard Erös, Gründer der Entwicklungshilfe-Organisation “Kinderhilfe Afghanistan”, in einem Artikel der Sueddeutsche. Mehr als 85 Prozent der afghanischen Bevölkerung lebt allerdings in ländlichen Gebieten…

In unzähligen Interviews aus der Dokumentation Rethink Afghanistan (Teil 5: The Women of Afghanistan) wird deutlich, wie es um die Mehrzahl der afghanischen Frauen im Jahre 2010 steht: Die Frauenquote im Parlament von 25% ist zwar von der Verfassung vorgeschrieben, verhindert allerdings nicht, dass Kandidatinnen, die sich um ein politisches Amt bemühen, mit teils gewalttätigem Widerstand rechnen müssen. Unter dem Taliban-Regime wurden Afghaninnen bekanntlich zu Menschen zweiter Klasse. Eine Verbesserung ist aber auch heute und insbesondere in ländlichen Gebieten nicht festzustellen. Im Gegenteil: Hinzugekommen ist ein Krieg, der neben einer ungeheuerlichen Armut eine Vielzahl an neuen sozialen Problemen hervorbrachte. Selbstmordattentate waren noch vor der amerikanischen Invasion gänzlich unbekannt. Die Mehrzahl der Ehen wird erzwungen; Vergewaltigungen bleiben ungeahndet oder enden mit der Bestrafung des Opfers; häusliche Gewalt hat zugenommen und die Kindersterblichkeit ist unverändert hoch. Einige, wie Reinhard Erös, sprechen von einer Verschlechterung der humanitären Situation seit 2001. Der Human Rights Watch Bericht (2009) zum Thema Frauenrechte in Afghanistan skizziert ein trauriges Bild in allen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere in Bildung und Rechtssprechung. Die Situation der afghanischen Bevölkerung in dem nun offiziell teuersten und längsten Krieg in der Geschichte der USA findet weltweit Aufmerksamkeit: Auf dem August-Titel des US-Magazins Time prangte das Bild einer afghanischen Frau ohne Nase. Daneben war zu lesen: “Was passiert, wenn wir abziehen.” Die 19jährige Bibi Aisha, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann floh und der zur Strafe Nase und Ohren abgeschnitten wurden, gab diesem Krieg ein erschreckendes Gesicht. Die Überschrift ist angesichts der Realitäten in Afghanistan der reinste Hohn. Aishas Geschichte ereignete sich zu einer Zeit, in der amerikanische und auch deutsche Truppen schon jahrelang in Afghanistan stationiert waren. Weder die Militärpräsenz noch die unzähligen Hilfsorganisationen konnten die Lage der afghanischen Bevölkerung radikal verändern. Operation Enduring Freedom? Die Tatsachen sprechen dagegen. Autorin: Magda Albrecht, Crosspost von maedchenmannschaft.net Bildnachweis: isafmedia

September 10 2010, 9:57am

Netzneutralität und die Frauen

Seit die Details über eine Kooperation von Google und Verizon langsam ins Internet tröpfeln, macht der Ruf nach Netzneutralität wieder die Runde – den Unterzeichner_innen der Initiative Netzneutralität nach zu urteilen, sind es aber vor allem Männer, die sich dafür interessieren. Dabei zeigt ein Blick auf den Hintergrund von Netzneutralität, sowie die bisher bekannt gewordenen Ideen des Google-Dokuments, dass es gerade für die feministisch-queere Webszene von großer Bedeutung sein wird. Denn bisher werden alle Daten im Internet gleich behandelt, von technischen Problemen wie etwa Serverausfällen einmal abgesehen. 1 MB Text wird genauso schnell verarbeitet wie 1 MB Video oder 1 MB Skypekonferenz. Dafür zahlen einerseits die Websurfer_innen bei ihrem Provider, auf der anderen Seite die Webseitenanbieter ihre Serverkosten. Mit dem Argument des ständig steigenden Datenaufkommens, gibt es wiederholt Vorstöße der Telekommunikations-unternehmen, für bevorzugte Datenübertragungen extra Geld zu verlangen. So könnte etwa Google dafür zahlen, dass seine Suchmaschine stets erreichbar ist, während Bing lange Wartezeiten in Kauf nehmen muss. Andererseits könnten Surfer_innen die Wahl haben zwischen einem Grundangebot an Webseiten auf der einen und dem „kompletten” Internet auf der anderen Seite… Doch dafür ist es notwendig, dass die Provider in die Inhalte schauen. Bereits im Februar fragte Kathrin Ganz nach den möglichen Folgen: Es gibt unzählige Seiten, Weblogs, Foren, Mailinglisten und Podcasts, die von Menschen aus unterschiedlichen marginalisierten Positionen heraus betrieben werden. Diese Tools dienen zur Vernetzung und politischen Organisation im Kampf gegen Unterdrückung und Ausgrenzung und werden durch Eingriffe in die Netzneutralität gefährdet. Denn wer garantiert, dass ein “basic” Angebot auch das rassismuskritsche Weblog oder den feministischen Podcast beinhaltet? Wer kann sich in diesem Szenario einen Internetzugang leisten, der nicht nur zahlungskräftige Mainstreammedien und Shoppingportale umfasst? Das allein ist schon kritisch genug. In den Ideen von Google und Verizon finden sich aber noch weitere Ansätze, die problematisch erscheinen. So könnten Menschen künftig dafür bezahlt werden, persönliche Details über sich weiterzugeben – ein Prozess, der die Stigmatisierung sozialer Schichten weiter fördern könnte. Heute zahlen bereits Bessergestellte, um ihre Datenschutzeinstellungen zu verbessern und nichts über sich preiszugeben. Privatsphäre muss man sich leisten können. Noch schlimmer sieht die Überlegung aus, auch die Daten seiner Freund_innen und Bekannten weiter zu geben. Denn die Freundesliste bei Facebook verrät viel über einen selbst: Wer viele offen schwule Freunde hat, ist wahrscheinlich selbst schwul, auch wenn er es in seinem Profil nicht angibt. Auch Fragen zu Religion, Hautfarbe, politischer Einstellung oder ähnlichem lassen sich so potentiell klären. Der Ruf, einfach nicht an sozialen Netzwerken teilzunehmen oder möglichst wenig online zu machen, geht dabei an der Realität vorbei. Ob Bewerbungen oder Steuererklärungen – immer mehr wird über das Internet geregelt. Die oft geforderte Flexibilität bei der Arbeitsplatzsuche hat oft zur Folge, dass Facebook und Co die sinnvollsten Möglichkeiten sind, in Kontakt zu bleiben. Statt über den Fernsehfilm am Vorabend zu diskutieren, halten immer öfter Webmeme Einzug in den alltäglichen Kaffeeklatsch. Die größten Gefahren lauern dabei auch an anderen Stellen. Das Datenleck der Berliner Online-Gewerbeauskunft exponierte alle angemeldeten Sexarbeiter_innen. In der Liste der diesjährigen Datenschutzpannen findet sich etwa das versehentliche Versenden einer Liste von Hartz IV-Empfänger_innen durch die eigene Gemeinde. Laut einem neuen ZEIT-Artikel auch nichts Überraschendes: Bei der Bundesagentur für Arbeit lagerten bis vor Kurzem die Daten aller Klienten für alle Mitarbeiter abrufbar im System, inklusive der Vermerke über Suchtkrankheiten, soziale Probleme und Schulden. Die Beamten interessieren sich in einigen Fällen offenbar wirklich für die Daten. Als zwei Arbeitslose im Jahr 2008 an einer Casting-Show von Dieter Bohlen teilnahmen, verzeichneten die beiden Datensätze rund 10.000 Zugriffe, berichtete das das Datenschutzzentrum Schleswig-Holstein anschließend. Im Spannungsfeld von Netzpolitik und Datenschutz zeigt sich so immer deutlicher, dass Diskriminierungen weiterhin Alltag sind, durch die Existenz des Internets alleine nicht verschwinden, sondern stattdessen jeden Tag aufs neue benannt und angegangen werden müssen. Dies ist ein Crosspost von maedchenmannschaft.net, die Autorin ist Helga Hansen.

August 26 2010, 11:10am

Der kleine Unterschied ganz groß: Frauen im Netz

ComScore hat im Juni dieses Jahres eine Studie mit dem Titel Women on the Web: How Women are Shaping the Internet veröffentlicht, in der Zahlen und Statistiken zu Phänomenen aufgelistet sind, die ein Großteil der internetaffinen Menschen wahrscheinlich kaum überrascht: Der so genannte Gender Gap – die Ungleichheit des Zugangs zur Online-Welt in Hinblick auf Geschlecht – schließt sich zunehmend. Von den Internetuser_innen weltweit sind heute 54% männlich und 46% weiblich. In Singapur, den USA, Kanada, Neuseeland und Russland sind mindestens 50% oder mehr der Nutzer_innen weiblich, in Indien und Indonesien sind deren Anteile mit jeweils 28% und 35% am geringsten. Obwohl Frauen und Männer im Internet in vielen Teilen der Welt quantitativ fast gleich stark vertreten sind, unterscheiden sich deren Nutzungsverhalten – wenn auch in vielen Bereichen nicht dramatisch: Weltweit verbringen Frauen mehr Zeit mit E-Mails, Instant Messenger (IM), Fotoseiten und insbesondere auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder StudiVZ.

Mehr und mehr Frauen in der Altersgruppe 45+ nutzen verstärkt soziale Netzwerke und E-Mails, wohingegen ältere Männer in diesem Alter weniger Interesse zeigen. IM spielt in Ländern Lateinamerikas eine erstaunlich wichtige Rolle, was wahrscheinlich der Tatsache geschuldet ist, dass die Bevölkerung im Vergleich zu anderen Ländern recht jung ist. Insgesamt verbringen Frauen und Männer in den meisten Online-Kategorien wie ,Multimedia’, ‚Onlineshopping’, ‚Suchmaschinen’ oder ‚Spiele’ ähnlich viel Zeit, wobei sich die Art der Nutzung unterscheiden kann, z.B. welche Suchmaschinen genutzt werden, was und wie viel gekauft wird oder welche Spiele gespielt werden. Auch auf Twitter tümmeln sich in etwa so viele Männer wie Frauen und unterscheiden sich in ihrem Nutzungsverhalten dahingehend, dass Frauen weniger eigene Tweets schreiben und häufiger nach Angeboten oder Kommunikation Ausschau halten…

Laut der Studie sei es “nicht überraschend“, dass Frauen sowohl den größeren Anteil an Käuferinnen stellen als auch die meisten Einkäufe tätigen und darüber hinaus mehr Geld beim Onlineshopping ausgeben. Wird hier der Stereotyp der einkaufswütigen Frau mit dutzenden Paaren von Schuhen bestätigt? Nicht unbedingt: Da Frauen in vielen Familien für Einkäufe zuständig sind, ist anzunehmen, dass viele der Online-Einkäufe nicht dem eigenen Kleiderschrank sondern den Kindern oder der Familie dienen. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch nicht überraschend, dass das Interesse von Frauen an bestimmten Kategorien wie Gesundheit, Kinder, Essen etc. höher ist als das der Männer. Wer hauptsächlich für Kindererziehung verantwortlich ist, macht sich darüber auch mehr Gedanken. Frauen haben einen wichtigen Platz in der Online-Welt eingenommen und sind besonders stark als Bloggerinnen vertreten. Sie sind zahlungskräftige Kundinnen, verbringen viel Zeit auf Fotoseiten, in sozialen Netzwerken und Kommunikationskanälen. Die Studie resümiert, dass das Internet zu „women’s work” avanciert. Hier dramatisieren die Forscher_innen das Ergebnis meiner Meinung nach (vielleicht, um den alten, langweiligen Geschlechterkampf nicht in Vergessenheit geraten zu lassen?): Ja, es gibt Bereiche im Internet, in denen Frauen dominieren. Und ja, es gibt (wenn auch in den meisten Bereichen nicht dramatische) Unterschiede in der Nutzung. Aber eine Verschiebung des Fokus weg von Geschlechterdifferenz offenbart auch, wie viele Parallelen es gibt. Überraschend: Frauen stehen Männern bei Online-Glücksspielen in fast nichts nach. Und die so genannten „Erwachsenenseiten” werden auch immer mehr von Frauen besucht – und stehen auf der Rangliste noch vor Bekleidungs-, Gesundheits- oder Elternratgeber-Seiten. Aber diese Ergebnisse lassen sich medial wohl nicht so interessant aufarbeiten. Autorin:Magda Albrecht Bildnachweis: ComScore Crosspost von http://www.maedchenmannschaft.net

August 13 2010, 11:15am

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