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Vom Verrat der Großen an der Community

Es zeichnet sich bei fast allen großen Dienstleistern und Entwicklern im Netz ein Trend ab, der nur noch auf die Vermarktung von Daten sowie Services und komplett gegen die Nutzerfreundlichkeit ausgerichtet ist. Dabei ist der Datenschutzdiskurs in sozialen Netzwerken, der in immer wiederkehrenden Wellen die Nachrichten bestimmt, nur ein kleiner Teil der Diskussion. Fehlende Navigation, unendlich viele Verifizierungen, fehlerhafte Systeme und beständige Datenabfragen im Wochentakt verderben die Lust an Social Media und inzwischen sogar an Gadgets. Es scheint als haben die Nerds von gestern, die mächtige Unternehmen anhand von Innovationen, Rebellion und dem Mut zu etwas Neuem aufgebaut haben, vergessen wer sie sind und was den Erfolg Ihrer Visionen ausmacht(e). Nicht mehr der User in Person ist es, der angesprochen werden soll, sondern der Käufer seiner Daten ist die eigentliche Zielgruppe. Dabei laufen die Gründer Gefahr, alles zu verlieren, was sie einst aufgebaut haben. Der Internet-Nutzer und die Fans drum herum sind eine eigenwillige Gattung Mensch, die schon so manchem erfolgsversprechendem Konzept den Garaus gemacht haben, aufgrund von klaren Fehlentscheidungen.

Facebook, der nervende Kuppler Bewegt man sich beispielsweise auf Facebook und erinnert sich daran, wie einfach und überschaubar das soziale Netzwerk noch vor ein paar Monaten war, so ist heute nicht mehr viel davon übrig. Auf einmal bekommt man News in seinen Feed von Leuten, die man nicht kennt und muss über zehn Ecken erfahren, dass eine nie zuvor gesehene Person auf der Karnevalsparty als Streichholz ging, nur weil der bekannte Arbeitskollege dieser Person ein Foto von ihm geliked hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich nur über eine Freundschaftsanfrage oder eine persönliche Nachricht kennengerlernt hat; oder wenn man zuvor eine gemeinsame Party besucht hatte und sich bei einem Bier auf ein Wiedersehen auf Facebook verständigen konnte. Heute funktioniert das anders: Die Party wird ersetzt durch die bloße Verbindung einer Person über Dritte. Das Facebook-Bombardement, das uns morgens schon im Newsfeed erwartet, grenzt an ein Strohfeuer von neuen Anfragen. „Dein Freund Sven Müller mag Robert Meiers Foto“, den du nicht kennst, aber kennen lernen solltest. Die Message ist eindeutig: sprich Ihn an und teilt gemeinsame Dinge mit euren Freunden. „Ähm.. Nein! Ich verzichte!“. Doch wenn das mal so einfach wäre. Um auf diese Art von Messages zu verzichten, muss man nämlich die Statusupdates der Freunde aus dem Newsfeed schmeißen. Das geht allerdings nur wenn man den Freund aus seinem Newsfeed schmeißt, denn die anderen Funktionen wie „nur wichtige Aktualisierungen“ oder „die meisten Aktualisierungen“ verbergen, bringen mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Wir wollen alle soziale Kontakte und wollen folglich auch Kontakte in Facebook sammeln und pflegen. Allerdings wollen wir nicht verkuppelt werden und regelmäßig von Individuen erfahren, die uns nichts bedeuten und mit denen man augenscheinlich versucht über Verbindungen gezieltere Profile anzulegen. Diese Strategie der diktatorischen Bestimmungen á la „folge allem oder verliere alles“, ist eigentlich nicht die Mentalität die uns Zuckerberg noch vor einigen Jahren mit seinem Facebook injiziert hat. Facebook war mal COOL! Und das war das Erfolgsrezept und der Garant warum die VZ-Netzwerke durchgereicht worden. Heute allerdings bekommt man schon nach zwei Minuten surfen auf Facebook, den Drang jemanden gewaltig in den Allerwertesten zu treten. Google, der Freund der Innenminister Ein anderes Beispiel für den Verlust zum Bezug der digitalen Welt, lieferte Google noch bis vor ein paar Wochen. Die Klarnamen-Debatte machte das Unternehmen und sein soziales Netzwerk Google+ für einige Nutzer äußerst unbeliebt. In der Debatte ging es Google darum zu verhindern, dass die Nutzer Pseudonyme auf deren Plattform nutzen können. Eine Haltung, die den Grundpfeilern und dem Gedanken an ein freies Netz, so hart entgegen standen, dass sich kurzerhand und wild entschlossen einige einflussreiche Netzaktivisten mit dieser unlauteren Einstellung des Unternehmens auseinander setzten und Google ins Gericht nahmen. Nach wöchentlichen Debatten, einem offenen Brief an das Management und dem Fernbleiben der User auf Google+ ist das Unternehmen zum Schluss zwar eingeknickt, doch bleibt der Imageschaden bestehen. Das Unternehmen Google, das einst in einer Garage in Menlo Park gegründet wurde und das zum Mekka aller Entwickler, Programmierer und Internet-Nerds schlechthin wurde, hat hier bewiesen, wie stark es sich marktwirtschaftlichen Strategien ausgeliefert hat und wie sehr die Community und die Garanten für Googles Erfolg dem Unternehmen eigentlich egal waren. Mit dem Ziel, genauere, personifizierte Daten zu sammeln, die Google für sein Werbenetzwerk nutzen will, wurden sogar die alten Ideale verraten. Anonymität im Netz? Fehlanzeige! Bundesinnenminister Friedrich und Konsorten hätten Larry Page und Sergej Brin dafür sicher das Bundesverdienstkreuz verliehen. Doch hat der User hier noch einmal eingelenkt. Ob er so schnell vergessen und auch verzeihen kann, hängt sicher davon ab wie Google sich zukünftig verhalten wird. Bei vielen hartgesottenen Nutzern jedenfalls spielt Google nicht erst seitdem keine besondere Rolle mehr. Apple, der Verräter der eigenen Werte Den absoluten Super-Gau in Sachen Verbraucher-Politik setzte vor kurzem Apple um. Wenn das Unternehmen aus Cupertino je für irgendetwas gestanden hat, dann für edles Design und für ein narrensicheres Betriebssystem, das allen menschlichen Bedürfnissen entgegen kommt. Schön waren die Zeiten in denen man sein iPhone nutzte und sich der gesamten Tech-Arroganz anderer Hersteller entziehen konnte. iOS und seine abgestimmte Hardware lief zuverlässig und darauf war so manch ein Fanboy stolz. Seit vor kurzem allerdings iOS 5 herauskam hat Apple sich so einige Patzer geleistet. Der Abruf von Mailkonten, die Synchronisation von Notizen und die Abschottung der iCloud vor Upgrades ließ und läßt jeden Apple-Kenner zweifeln. Der Fehler lag anscheinend an dem starken Download-Volumen der Nutzer, die bei dem Release fast das Netz durch das Herunterladen gekappt hätten. Der Fehler, dass die Server schwächelten, wurde aber nicht in den eigenen Reihen gesucht, sondern kurzerhand auf den Downloader geschoben. Dabei wird es sich das Unternehmen doch wohl leisten können mehrere Server mit den notwendigen Kapazitäten bereitstellen zu können, oder? Die Gadgets immerhin, sind doch teuer genug. Wer es dann irgendwann geschafft hat, sich die Betriebssoftware herunterzuladen, der bekam jedoch schnell einen weiteren Dämpfer. Die iCloud, die in der neuen Version ebenfalls verbreitet wurde, versuchte zum Beispiel bei einigen Nutzern, sich permanent mit dem Smartphone zu verbinden. Dadurch sind enorme Daten hoch- und runtergeladen worden, die sich mit den Standardvolumen einiger Mobilfunk-Tarife nicht vereinbaren ließen. Das Schlimme daran war auch, dass viele diesen Dienst nicht ausschalten konnten. Der geneigte Apple-Nutzer hat vergeblich nach dem gewohnten einfachen Feature oder Button gesucht, der das Problem behob. Die Lösung war Apple-untypisch. Man musste seinen Account zur iCloud löschen. Tolles Gerät und tolle Features, die teuer bezahlt wurden, konnten somit nicht genutzt werden. Von einfacher Usability fehlte jede Spur. Und somit hat Apple erstmalig alt ausgesehen in Bezug auf Qualität und fehlerfreie Systeme. Vergesst nicht wer Ihr seid Damit ein Konzept im Netz oder rund um das Netz erfolgreich wird, bedarf es immer einer Komponente für den Erfolg – den Kunden. Die Anzahl der User macht aus, ob Budgets für Vermarktungen Sinn machen oder ob Investoren sich für das Produkt begeistern können. Im Falle Apples sogar, ob ein Unternehmen überhaupt noch Releases finanzieren kann. Hat die Internet-Community rundum Blogger, Nerds und Techies aller Art einer Idee und einem Unternehmen erst einmal den Stempel „Prädikat: Besonders wertvoll!“ aufgesetzt, dann passiert der Rest meist von ganz alleine. Die Idee und deren Monetarisierung feiern Ihren Erfolg. So lief es bei Facebook, Google und auch bei Apple. Doch seit einiger Zeit sind es gerade diese erfolgsverwöhnten Helden der Szene, die keinen Wert mehr auf Ihren Ruf bei dem Nutzer legen. Sie denken anscheinend, es geschafft zu haben und wollen nur noch Helden der Branche werden. Dabei riskieren Sie ihr Gesicht und ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das was überhaupt erst zur Loyalität der Nutzer geführt hat. Vielleicht sollten die Unternehmen sich ein klein wenig wie Linus Torvalds verhalten. Der hat nämlich gestern in einem ZEIT-Interview gesagt, dass sein LINUX zu komplex geworden ist und es simpler werden müsse. Ein Eingeständnis, dass nicht nur bei Entwicklern vertrauen stiftet. Da hat sich jemand noch nicht komplett verkauft!

November 2 2011, 9:45am

Der neueste Apple-Store sagt „Moin Moin!“

Heute Morgen um 10 Uhr öffnete der neueste Apple-Store Deutschlands in Hamburg seine Pforten. Die Lage könnte nicht besser sein! Mit dem U- und S-Bahnhof Jungfernstieg vor der Tür wird wohl kaum ein Einwohner oder Besucher Hamburgs an diesem Store nicht vorbeikommen. Die Stimmung zur Eröffnung war grandios, sogar jetzt noch. Jeder Gast wird persönlich mit einem „High Five“ oder Handschlag begrüßt und die Mitarbeiter sind entweder jung oder sehen (wenn doch etwas älter) irgendwie aus wie Steve Jobs persönlich. Und das sollte auch so sein. Die Vorstellungsgespräche für die Mitarbeiter liefen lange und waren hart. Drei Einstellungsrunden musste jeder durchlaufen, wurde mir von einem der 170 Mitarbeiter zugetragen. Doch die Mühe lohnt sich anscheinend, denn Apple zeigt wie gewohnt eine gute Performance.

Der Laden schlicht und einfach. Große Verkaufsfläche. Schwebendes Unternehmenslogo an gläserner Front – nichts neues? Im Grunde nicht, nein. Aber den besonderen Flair bekommt man dennoch zu spüren. Tritt man hinein in den neuen Palast wird man direkt von einem herzlichen „Moin Moin“ an der Wand begrüßt. Schon irgendwie lustig. Über zwei Etagen wird einem alles angeboten was das Apple-ianer Herz begehrt. Vom Mac Book Air bis zur TV Box, kann man alles ausprobieren, anfassen und bewundern. Jedes Gerät ist an einem iPad angeschlossen und wenn man mehr darüber wissen will, kann man auf einen extra dafür eingerichteten „Spezialist“-Button klicken. Ein Berater erscheint sofort! Im Grunde fehlte nur eines, ein Hinweis auf das neue iPhone 5. Scheinbar gibt es hier immer noch nichts Neues. Eine Besucherin verriet mir, als wir gemeinsam die iPhone Verkaufsfläche suchten, dass sie insgeheim darauf gehofft hatte. Und um ehrlich zu sein.. ich auch. Die Kulisse wäre auf jeden Fall hervorragend gewesen für einen Überraschungs-Release! Als die Türen öffneten, muss der Andrang auf jeden Fall gewaltig gewesen sein. Die ersten 3.000 Besucher bekamen ein Gratis-Shirt und die waren laut einem Mitarbeiter im Verkauf, schon nach wenigen Stunden vergriffen. Bereits einen Abend zuvor haben „hartgesottene“ Fans ihren Schlafsack auf der Nobelmeile ausgebreitet, um als erstes in die heiligen Hallen zukommen. Sicherlich sehr zur Verwunderung der hiesigen Obdachlosen rund um Hamburgs Geldmaschine. Tatsächlich war selbst gegen 15 Uhr noch ein gewaltiger Haufen Schaulustiger auf dem Weg – mich mit inbegriffen. Der Store am Jungfernstieg ist bereits der Zweite in Hamburg. Der erste Laden wurde in Poppenbüttel bezogen. Im – wie von maclife.de betitelten – „Speckgürtel“ Hamburgs. Dieser war nämlich im unmittelbaren Umkreis der Besserverdienenden gelegen und erfüllte bisher alle Erwartungen. Wer Hamburg kennt, der weiß aber auch, dass Poppenbüttel sehr dezentral gelegen ist und das störte wahrscheinlich auch die Verantwortlichen. Mit dem neuen Standort wird sich das ändern. Apple bietet hier viel für die breite Masse. Die komplette Produktpalette, eine umfassende Beratung, Schulungsräume und die Genius Bar mit 25 Plätzen. Hier werden alle technischen Fragen beantwortet, Fehler der Geräte behoben und Reparaturen getätigt. Haben Apple-Geräte so einen gewaltigen Support nötig? Kein Kommentar! Einzigartig in Deutschland ist der „Briefing Room“. Hier werden potenzielle Geschäftskunden auf eine Integration der Apple Produkte in deren Sortiment geschult und informiert. Ein Konzept, welches sicherlich Anklang finden wird. Alles in allem gefällt mir der Laden – auch als „Nicht-Apple-Nutzer“. Das Opening wird noch ein paar Stunden andauern. Wer sich also selber einen Eindruck über Deutschlands größten Apple-Store machen will, kann dies noch tun. Ein paar Bilder und Impressionen habe ich für euch aber auch mitgebracht. Diese ersetzen aber nur geringfügig einen Besuch vor Ort.

Apple-Mitarbeiter begrüßen die Gäste Apples Slogan in Hamburg: “Moin Moin!” Spezialist gesucht? Der Berater kommt per iPad Gewohnte Präsentation der Produkte – hier Mac Book Air Besucher im Apple Store testen fleißig Ein Spaß für Jung und Alt

September 17 2011, 6:25pm

„Inside Apple“ – ein Blick hinter die Kulissen Apple’s

“Inside Apple: How America’s Most Admired — and Secretive — Company Really Works” heißt das neue Buch vom Fortune Magazin-Reporter Adam Lashinsky. Das Releasedatum wurde auf den 18. Januar 2012 festgelegt, der Verkaufstart soll am 6. Februar 2012 in den USA beginnen. Ob Unbekanntes und Sensationelles enthalten sein wird…

Das Buch ist eine Erweiterung zu einem veröffentlichten Artikel von Lashinsky, der in der Branche mit guter Resonanz angenommen wurde. Der Wälzer taucht tief in die Geschichte und die Arbeitsweise der kultigsten Silicon-Valley Firma ein und soll vollkommen unabhängig verfasst sein. Anders als die von Walter Isaacson geschriebene Biographie „Steve Jobs“, wurde nicht mit Apple oder Jobs zusammengearbeitet, betont der Autor. Lashinsky begründet damit eine vollkommen neutrale Berichterstattung. Unter anderem wird in dem Buch geklärt, wie Killer-Produkte entwickelt werden und wie Apple von den Zulieferern bekommt, was es will – klingt vielversprechend kritisch. Es wird aber auch darauf eingegangen wie Apple seine Kunden bindet und wie das Unternehmen geführt wird. Adam Lashinsky sagte dazu folgendes: “So much of what Apple does stands decades of business teaching on its head, because they just don’t do things the way other companies do. The rest of the business world might want to pay attention.“ Das Buch wird sicher für die angemessene Aufmerksamkeit sorgen und es wird wohl tatsächlich positive, wie auch negative Betrachtungsweisen beleuchten. Ich bin gespannt darauf und werde es mir definitiv kaufen. Wer den oben genannten vorherigen Fortune-Artikel von Adam Lashinsky lesen möchte, kann diesen im Kindle-Shop für 0,79 € kaufen. Im Fortune Archiv ist der Artikel leider nicht mehr zu finden.

September 6 2011, 9:45am

und dann war da noch…

die Bewerbung mit QR-Code und der total hippen Musik im VorderHintergrund:

April 27 2011, 6:57pm

Video-Interview: Was ist virtuelle Führung?

Wer dieses interessante Interview sieht und hört, wird an sehr vielen Stellen nicken und sich an Meetings oder Seminare erinnern. Wer von Euch auch als Berater unterwegs ist, wird sich genauso fragen, wie man diese Erkenntnisse in Organisationen umsetzt. Einsicht beginnt ja nicht durch neuen Information. Denn – Hand aufs Herz – dass man im Enterprise 2.0 Kontrolle abgegeben muss, wissen wir nicht erst seit den Diskussionen um ROWE. Ghislaine Caulat (Black Gazelle) rät im Interview, Virtual Leadership als neue Disziplin zu betrachten, da das bisherige Wissen über Führung nicht produktiv in den virtuellen Raum übertragen werden könne. Die Bedeutung der Begriffe „Vertrauen“, „Macht“ und „Hierarchie“ ändert sich im Virtuellen. Intervie anläßlich der Dresden Future Talks 2010.

December 13 2010, 10:00am

Nahles-Interview: Das Private ist das Politische?

Frage: Vergangene Woche ist ein Interview von Ihnen in der Frauenzeitschrift Brigitte erschienen. Dort erzählen Sie von Ihren Plänen, schon zwei Monate nach der Geburt Ihres Kindes wieder zurück ins Amt zu gehen. Sie sagen: “Emotional stelle ich mir das für mich unheimlich schwer vor. Ich weiß, ich werde unser Kind nicht so oft sehen, wie ich es gern hätte.” Eine solche Entscheidung fällt man in der Regel nicht nur mit dem Bauch, sondern auch mit dem Kopf. Und nicht alleine. Wie haben Sie Ihre Lösung gefunden? Andrea Nahles: Ich plane. Um mich ein wenig sicherer zu fühlen. Ob es am Ende so kommt… das hängt von dem Kind ab. Ist es gesund und munter, ja, dann werde ich bald wieder meiner Arbeit nachgehen. Das ist ohne die aktive Unterstützung meines Mannes nicht denkbar: Wir haben das intensiv besprochen. Wir möchten, dass unser Kind von einem Elternteil intensiv betreut wird, und das ist in unserem Fall eben mein Mann. Ich mache mir nix vor, dass wird sicher nicht so leicht – ich freue mich nämlich sehr auf das Zusammenleben mit unserem Kind. Es ist ein spätes Glück.

Frage: Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist für jede Frau eine Herausforderung. Besonders in einer Position wie der Ihren, die durch große Verantwortung und einen gefüllten Terminkalender eher familienunfreundlich wirkt, wirft die Geburt eines Kindes viele Fragen auf: Wer betreut das Kind, etwa. Aber auch: Wie gehe ich mit dem Vorwurf der Rabenmutter um? Und: Wie mache ich meinem Umfeld klar, dass ich durch die Geburt nicht zu einem an Stilldemenz leidenden Wesen geworden bin, sondern nach wie vor klar denken kann und sogar neue Kompetenzen und Einsichten erworben habe? Wie gehen Sie mit diesen und anderen Fragen um? Andrea Nahles: Stilldemenz ist wie Rabenmutter ein klassisch deutsches Klischee. Das ist in anderen Ländern so nicht anzutreffen. Ganz offen: Ich habe keine feste Idee, wie ich damit umgehe. Besonders der Rabenmutter-Vorwurf ist wohl unvermeidlich, und wie schaffe ich es, dass mich solche Gedanken nicht anstecken? Gerade mit einem nicht so ganz gewöhnlichen Job wie meinem. Puh. Sicher hilft, dass ich unser Kind in guten Händen weiß, und dennoch piesackt sowas doch sehr, schätze ich. Umgekehrt wird es sicher auch nicht einfach, die Beobachter auszuhalten, die nach Nachlässigkeit oder weniger Engagement wegen des Kindes bei mir fahnden. Am Ende mache ich es wie alle Frauen: Durchziehen. Froh sein mit dem Kind. Wissen, dass man etwas Kostbares erleben darf. Frage: Sie sprechen in der Brigitte auch davon, dass Ihr Amt als Generalsekretärin der SPD Begehrlichkeiten wecke, und das auch innerhalb Ihrer Partei. Viele Medien haben daraufhin geschrieben, Sie hätten Angst um Ihren Job. Und würden deshalb nach der Geburt Ihres Kindes so schnell zurückkommen. Überrascht Sie das mediale Echo? Andrea Nahles: Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Angst um meinen Job. Das war ein Dreh, den die Medien reingebracht haben. Ich habe nur nüchtern beschrieben, wie es für berufstätige Mütter aussieht. Überall. Bei meinen Cousinen, bei vielen Freundinnen. Den Plan bald zurück zu kommen, hatte ich von Anfang an. Ich fühle mich einfach verantwortlich. Es gibt viel zu tun. Frage: Einer der wichtigsten Sätze der Frauenbewegung lautet ja, das Private ist politisch. Nun zeigen Sie, dass ein Kind durchaus auch vom Vater betreut werden kann, wenn die Mutter arbeitet. Doch Sie deuten auch an, dass einer Frau in einer Führungsposition nur eine kurze “Schonfrist” gewährt wird, die sie nach der Geburt ihres Kindes vom Arbeitsplatz fernbleiben darf – anderenfalls kann sie mit Nachteilen rechnen. Ist das so? Immer noch? Und auch in der SPD? Andrea Nahles: Mich hat eine jüngere FDP-Landtagsabgeordnete angeschrieben und mir aufmunternde Worte und Beispiele aus eigenen Erfahrungen gesagt. Das bestätigt meinen Eindruck, dass es nicht nur in meiner Partei ambivalent ist, wenn Frauen in Funktionen Kinder kriegen. Frage: Wenn Sie sich vorstellen, dass Ihre Tochter in 40 Jahren in derselben Situation ist wie Sie jetzt: Welche gesellschaftlichen Umstände wünschen Sie ihr? Andrea Nahles: Ich möchte, dass meine Tochter so leben kann, wie sie es für sich, ihre Kinder, ihre Familie richtig findet. Ob sie Teilzeit macht oder voll arbeitet. Ich traue ihr zu, dass sie für sich das Richtige entscheidet. Und mein größter Wunsch wäre, dass die gesellschaftlichen und politisch gegebenen Rahmenbedingungen das positiv begleiten und es nicht erkauft werden muss durch Karriereknick, niedrigere Bezahlung und innere Zerrissenheit. Ja, in meinen kühnsten Träumen hoffe ich sogar, dass Frauen und Männer dafür beruflich sogar Respekt und Anerkennung bekommen, wenn sie Familie und Beruf gemeinsam erleben.

Das Interview führte Barbara Steidl. Dies ist ein Crosspost von maedchenmannschaft.net Bildnachweis: SPD/ Florian Jaenicke

November 24 2010, 9:31am

Chatter: facebook & twitter für Firmen mit salesforce

Können Sie eigentlich bestimmten Dokumenten oder Apps folgen? Haben Sie ein eigenes kleines Facebook für ihre Sales/Marketing-Abteilungen? Nein. Dann könnte Salesforce Chatter etwas für Sie sein. Wer also intern bisher nicht viel Erfolg mit Wikis, Blogs oder anderen Informationsspeichern hat, der kann nun diese Platform nutzen, um Menschen und Informationen in Echtzeit zu verbinden. Und da salesforce der bekannteste SaaS-Anbieter (Software-as-a-Service) ist, hält sich der initiale Aufwand sehr in Grenzen. Mehr im 40-Minuten-Video dazu nach dem Klick:

August 11 2010, 11:15am

Marken: Firma, Social Media und die Mitarbeiter

Seien wir doch ehrlich. In den frühen Tagen von Social Media gab es auf beiden Seiten der Medaille arge Anpassungsprobleme, die nicht selten durch persönliche Schwächen begründet waren, die es auch schon vor dem Web gab. Mitarbeiter plauderten Geheimnisse über ihren Chef aus oder demütigten ihn öffentlich und Firmen haben das Web benutzt um eine Art Freundlichkeit und Menschlichkeit zu simulieren, die nie existierte. Damit sind ihnen dann Informationen zugespielt worden, die nicht selten zu Entlassungen führten. Die Markenführung, noch immer der heilige Gral der BWL-Kreuzritter aus Mannheim und von anderswo, ist zu einem Instrument des Kontrollzwangs verkommen. Das Web 2.0 hat diese Tendenz eher forciert als abgeschwächt. Bei mashable hat man sich so seine Gedanken gemacht, wie man sowohl marken- als auch menschenfreundlich im Web agieren kann…

  1. Mut statt Richtlinien Nach der andauernden Flut von Richtlinien ist es nun zu einer neuen Einsicht gekommen. Manager ermutigen Mitarbeiter zu einem offenen und sozial verträglichen Umgang mit der Marke oder Firma im Web. Wir sind Menschen, ist offenbar die Einsicht. Eigentlich müsste es längst klar sein, dass das, was früher im zwischenmenschlichen Umgang zählte auch im Web hilfreich und zielführend ist. Eigentlich braucht keiner wegen des Web 2.0 das Red neu zu erfinden, wenn, ja wenn man auch schon innerhalb der Firma verstanden hat, dass das 19. Jahrhundert vorbei ist und hier demokratische Verhältnisse herrschen. Wer gute Leute einstellt und sie gut behandelt, braucht überhaupt keine Angst vor offener Kommunikation im Web zu haben.
  2. Gib dem Affen Zucker Wer seine Leute kurz hält mit Tools und Werkzeugen oder nur ganz bestimmte Plattformen erlaubt, wird auf wenig Gegenliebe stoßen. Hören Sie doch auf Ihre Mitarbeiter, was sie wie nutzen wollen. So kann man oft schneller auf neue Trends und Tools reagieren, weil die Leute selbst das Ohr an der Entwicklung haben. Besser beobachten als beschränken. So erfährt man allein durch die Nutzung, welche Tools gerade im Trend sind und auf welche Weise gebraucht werden sollten. Dazu gehört dann auch eine hilfreiche Sammlung an How-Tos, also Anleitungen für diejenigen, die sich mal an einem Kanal wie twitter oder in einer bestimmten Community-Plattform probieren wollen. Lieber helfen als begrenzen.
  3. Fans werden Freunde Im direkten Umfeld einer jeden Firma gibt es immer Leute, die eine Marke, Produkte oder einen Geschäftsbereich besonders bevorzugen. Warum sollten die nicht die Chance haben auf der Fanpage von Facebook oder in Foren eine besondere Rolle zu spielen als Moderator, Evangelist oder einfach als Helfer. Kleine Geschenke und spezielle informationen erhalten die Freundschaft. Dazu braucht man natürlich ein pfiffiges Community Management, das die meisten Marketingabteilungen bisher nicht abdecken konnten. Es muss dort also menscheln und nicht Exceln. Königsdisziplin: Warum beteiligen Sie Ihre Mitarbeiter eigentlich nicht aktiv an der Markenbildung? Gudielines und Hilfestellungen sind schön. Eine offene Gesprächskultur ist Gold wert. Aber wenn jemand eine Firma und ihre Produkte besonders gut kennt, dann sind es die festen und freien Mitarbeiter. Was spricht also dagegen sie beim Auf- oder Umbau einer Marke und ihrer Produkte zu beteiligen? Wenn die Mitarbeiter also als ganz normale Menschen teilnehmen am Profil, dass sie gemeinsam aufbauen, dann stärkt das intern das Vertrauen und extern die Glaubwürdigkeit. Ganz nebenbei stärkt es die compliance im Unternehmen und ist eine sehr günstige und wirkmächtige Form des retention management. Bildnachweis: webjmcorg

July 30 2010, 10:01am

Enterprise 2.0 in Deutschland

Wie weit ist der Einzug der social software in deutschen Büros und Amtsstuben und was bringt es überhaupt? Ein Präsentation von Prof. Dr. Joachim Niemeier vom 08.07.2010:

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July 15 2010, 11:00am

Business Relationship Management 2.0

Präsentation von Prof. Dr. Joachim Niemeier zu “Wertschöpfung im Wandel”:

Business Relationshipmanagement im Web 2.0 View more presentations from JNiemeier.

July 9 2010, 11:04am

Lissabon: betahaus goes southwest

Coworking – kaum eine andere Idee hat die Cafés hierzulande so schlagartig von Laptop-Freiberuflern gesäubert wie diese. Gemeint ist jene Form des Zusammenarbeitens, bei der sich verschiedene Freiberufler im Prinzip ein öffentliches Gemeinschaftsbüro mit der dazugehörenden Infrastruktur namens Internet, Telefon, Kopierer, Kaffeemaschine und gemeinschaftlich gepflegter Akquise teilen. Da jedoch heutzutage der frisch gebrühte Filterkaffee ebenso der Vergangenheit angehört wie das Wörtchen „Gemeinschaftsbüro“, gibt es mittlerweile überall auf der Welt ´Coworking-Spaces´, die auf die Arbeitsanforderungen der heutigen, frei arbeitenden Digital- und Kreativszene ausgerichtet sind. Dem Wort „flexibel“ fällt hierbei eine tragende Bedeutung zu: flexible Arbeitszeiten, flexible Schreibtische und flexibler Austausch mit anderen Coworkern gehören zum Programm. Ein Arbeitsplatz in einem Coworking-Space kann schon ab einem Tag gemietet werden, Schnupperplätze gibt´s in der Regel gratis. Eine neue Form der Arbeit? Ein Audio-Interview mit Daniela Marzavan vom Betahaus Berlin nach dem Klick…

Das Betahaus in Berlin-Kreuzberg gehört zu den derzeit größten Coworking-Spaces in Deutschland. Auf rund 1.000qm Grundfläche werden hier auf mehreren Etagen allen, denen zuhause beim Laptop-Arbeiten die Decke auf den Kopf fällt, flexible Arbeitsplätze in „einer Mischung aus entspannter Kaffeehaus-Atmosphäre und konzentriertem Arbeitsumfeld“ angeboten. Seit 2009 arbeiten hier vom Webdesigner, Architekten, Grafikdesigner bis hin zum Programmierer und Rechtsanwalt Freiberufler aus ganz verschiedenen Bereichen, und die Nachfrage ist groß. Am 9. Juli eröffnet das nächste Betahaus in Hamburg, und weitere Städte stehen auf der Agenda. Im Mai 2010 wurde in Lissabon das erste Betalab eröffnet, ein Vorgänger des Betahauses. Organisiert wurde das Ganze vor Ort von Daniela Marzavan, die im Berliner Betahaus u.a. für den Social Space verantwortlich ist. Im Interview spricht sie über deutsch-portugiesische Vorurteile und darüber, wie man ein Betahaus in Portugal aufbaut. Interview-betalab-.mp3

July 1 2010, 11:13am

TED2010: Sir Ken Robinson on learning revolution

Der beste Beitrag der TEDtalks in diesem Jahr im Februar in Longbeach kam vom Briten Sir Ken Robinson:

June 3 2010, 10:00am

Der Kellner und sein liebes Vieh

Der /die Kellner/in Bedeutung: Angestellte(r) in der Gastronomie, veraltet auch Kellerjunge, Kellerknecht. Häufig verwendete Synonyme: Bierschubser, Getränkeschwester, Schankmoped, Serviertraktor, Tellermuli Lebensraum: Cafés, Kneipen, Bars, Szenerestaurants, Systemgastronomie Voraussetzungen: geschickter Umgang mit Gläsern und Tabletts, sowie diversen neurotischen Befindlichkeiten, ein sympathisches und gepflegtes Auftreten, körperliche Fitness, gutes Kopfrechenverständnis, ein stabiles Nervenkostüm, sowie ein gesundes Maß an Ignoranz gegenüber unqualifizierten Kommentaren und persönlichen Affronts Zuletzt gehörte Sätze: „Wir zahlen alle getrennt!“, „Kann ich den Kinderwagen mitten im Gang parken?“, „Kannst Du einen 500 Euro Schein wechseln?“, „Das stimmt so“ (Definitionsfrage), „Habt ihr auch Sojamilch?“, „Kann ich meinen Caesar Salat auch mit Balsamico-Dressing und ohne Hähnchen haben?“ Verdienstmöglichkeiten: ab 7 Euro /Stunde, Trinkgeld inzwischen Glückssache Zugegeben, die Fabel des ewig kellnernden Studenten ist längst hyperpräsente Realität. Die fixe Idee von schnellem Reichtum per überaus grosszügigen Trinkgeldern leider nur noch eine Mär aus dem Deutsche-Mark-Land. Hier geht’s weiter…

Doch trotz der nicht enden wollenden Rennerei und Putzerei, ewig fleckigen Schürzen und des oftmals aufreibenden „Service am Gast“ ist ein Rendezvous mit Kellnermesser und Handfeger jedem zumindest temporär zu empfehlen.

Denn im bunten Zoo der Gastronomie hat jeder sozial- und gesellschaftswissenschaftlich Versierte seine helle Freude: nirgendwo kann man seine lieben Mitmenschen authentischer und unverstellter studieren, als im eigenen Tisch-Revier.

Und mit der Zeit dämmert es dem Kellner-Kopf, dass er neben seiner Funktion als Dienst-Leistender auch noch Butler, Blitzableiter, Freiwild und Projektionsfläche für seine hungrigen, durstigen und zerstreuungssüchtigen Gäste ist. Man macht Bekanntschaft mit den absurdesten Allergien, den sinnentleertesten Bestellungen und gesellschaftlichen Entgleisungen, bei denen sich unser geschätzter Freiherr Knigge im hübsch gemachten Grabe umdrehen würde.

Man observiert kulinarische Trendwenden und die neusten Diätwunder. So verloren wir die Apfelschorle an das Rhabarber-Lager, das Kännchen Kaffee an den Soja-Latte und den Prosecco an Aperol. Spindeldürre Weibchen entwickelten über die Jahre kollektive Weizenunverträglichkeiten und das Salat-Dressing wurde kategorisch abbestellt. Der Schraubverschluss auf Weinflaschen verschliesst nun nicht mehr nur billigen Lambrusco, sondern gibt geltungssüchtige Pseudo-Sommeliers am Tisch der Kork-Lächerlichkeit preis.

Nach einer Weile Schürzen-Dienst lernt man, die Befindlichkeiten seiner Gäste innerhalb weniger Augenblicke einzuschätzen und sich in delikate Hierarchiegefüge einzuordnen. Jungen Kellnerinnen geht schnell auf, dass ein gewisser Schlag Herren ihre Bestellung bevorzugt ins Dekolletè nuscheln, ungeachtet der An- oder Abwesenheit ihrer derzeitigen Herzensdamen. Und Barmänner erhellt zu fortgeschrittener Stunde die Einsicht, dass das Privileg hemmungs- und stilloser Avancen längst nicht mehr nur der Adam-Garde vorbehalten ist.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieses Karnevals der unverstellten Interaktion unter (Un)gleichen, wird der Kellner-Job allzu oft zu einem Bermudadreieck für einstmals ehrgeizige Köpfe. Die Verlockung einer abwechslungs- und bewegungsreichen Tätigkeit, mit klar definierten Arbeitsabläufen und stetem Bargeldfluss, scheint einfach zu gross für all jene, die eigentlich „etwas ganz anderes machen wollen“, „eine Auszeit zwischen zähen Prüfungsphasen brauchen“ oder gerade „nichts besseres finden“. Und so wird das, was eigentlich als Übergangs- oder Ausgleichstätigkeit geplant war, oft zu einer neverending Teller-story.

Aber bekanntlich hält ja nichts länger als ein Provisorium. Jaja.

June 2 2010, 10:00am

PROF. SILBERZUNGE: Peter Kruse – die deutsche Stimme des Web?

(Church of Kruse – Bild von Mario Sixtus)

“Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten und donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit, und da bin ich sehr relaxt, ist da eigentlich nicht notwendig: Und bist du nicht willig, so brauch ich … Geduld.” Standing Ovations im riesigen Friedrichsstadtpalast. Die zum deutschen Blogger-Kongress re:publica versammelten Praktikanten, Studenten, NGO-Jobber, Software-Entwickler und Digitalen Bohemiens bejubeln den Vortrag eines Bremer Unternehmensberaters: “What’s Next – Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren”. Danach überall begeisterte Kommentare im Social Web: grandios, rockt das Haus. Netzwerk-Gospel in der Church of Kruse. Mein Lieblings-Tweet ist von Anna Log: “Wenn ich das richtig verstehe, erklärt Peter Kruse hier Buddhismus anhand des Web 2.0.”

In den letzten paar Monaten hat Peter Kruse eine Leerstelle besetzt: Er ist die Stimme des Deutschen Web in den bürgerlichen Medien geworden: Frankfurter Rundschau, SZ, ZDF. Vorher gab es da eigentlich nur den Journalisten Mario Sixtus und den Werber Sascha Lobo. Das sind zwar hochintelligente Leute mit viel Web-Erfahrung, aber sie positionieren sich schon rein optisch als schräge Nischen-Kunstfiguren: Sixtus bis vor kurzem als “Der Elektrische Reporter” mit einem selbstironischen NeueDeutscheWelle-Retro-Styling, und Lobo dauerhaft maskiert als Berliner Asi-Bierpunk.

Nun gibt es also für das aufgeschlossene Bildungsbürgertum einen dritten farbigen Charakter: “Professor Peter Kruse”, mit weißem Vollbart statt rotem Irokesen. Prompt war er mit den beiden anderen beim ZDF-Nachtstudio eingeladen und redete den erstaunlich gehemmt wirkenden Lobo locker an die Wand. Wie die beiden Jüngeren hat er Humor, redet und denkt sehr schnell und nutzt den Rückenwind der Web-Kulturrevolution, die schon deshalb alle so nervös macht, weil es eigentlich eben keine Großen Männer gibt, an denen man diese Geschichte festmachen kann. Da möchte man wenigstens einen Welterklärer. Und Kruse macht das ja sehr charmant. Ein brillanter Performer im Stil der angenehmeren Megachurch-Evangelisten.

Den Aufstieg zum Professor Internet vollzog der 55jährige Kruse erstaunlich schnell: Seit 2008 steht eine gut gemachte YouTube-Interview-Serie zu Themen rund um Change Management ins Netz, mit Abrufzahlen zwischen 8000 und 18000. In Folge 6 äußerte sich Kruse erstmals zum Web 2.0 – übrigens eher skeptisch und wenig informiert, er rief nach dem Semantic Web als Gegenmittel gegen die Trivialität der Massen. Erst seit 2009 positioniert er sich sehr gezielt als Internet-Autorität und Web 2.0-Versteher: Er gab Interviews für das Politik 2.0-Buch Reboot D, in der FR und in der SZ. Es folgten der Auftritt im ZDF, der Triumph auf der re:publica und am letzten Wochenende ein ausgesprochen unfairer Verriss in der FAZ, der die Kruse-Gemeinde empörte und weiter zusammenschweißte. Kein Zweifel: Den Mann werden wir noch öfter sehen. Godzilla vs. King Kong

Vor ein paar Monaten kritisierte Kruse die Internet-Kritik des großen Frank Schirrmacher in der SZ recht vollmundig: “erstaunlicher Denkfehler”, “Einseitigkeit der Perspektive”, “outet sich als fremdelnder Netzwerk-Besucher” … “Da kann man schon mal ein wenig überfordert sein, nicht wahr, Herr Schirrmacher?” (Daneben bietet dieses Interview auch die bisher klarste Zusammenfassung der Kruse’schen Kernsätze.)

Das war ein geschickter Schachzug. Godzilla Schirri, der von King Kruse noch nie etwas gehört hatte, nahm unwillig zur Kenntnis, dass da jetzt noch ein zweiter Monsterbürger aufgestanden war, der den Deutschen das Netz erklären will. Die Rache des FAZ-Imperiums ließ nicht auf sich warten. Man schickte den Kulturkritiker Edo Reents, um diesem aufgeblasenen Gegen-Guru mit einer Polemik die warme Luft herauszulassen. Völlig legitim eigentlich, aber der Artikel arbeitete dann auf fast schon bösartige Weise mit schlecht recherchierten Unterstellungen: Da wurde suggeriert, Kruse stelle sich als erfolgreichen Unternehmensberater dar, aber viele der angeblichen Kunden hätte noch gar nichts von ihm gehört, und sein vollmundig angepriesenes Sozialforschungs-Tool “nextexpertizer” sei sowieso unseriöser Unsinn. Das ist alles sehr oberflächlich ausgebreitet und zitiert werden durchwegs recht zweifelhafte “Experten”. (Ein weiteres Argument, sich über den bestehenden Untergang des papiergebundenen “Qualitätsjournalismus” nicht weiter zu grämen.) Beide Vorwürfe stimmen jedenfalls nicht. (Hier eine ausführliche Widerlegung.) Kruses Firma nextpractice inszeniert seit 2002 durchaus erfolgreich Vernetzungs-Erlebnisse mit 500 Laptops für Kunden wie z.B. Metro, Obi, Otto, Daimler und die Bertelsmann Stiftung. Es geht da um Change Management-Beratung und Mitarbeiter-Motivation. Wenn das gelegentlich ein wenig oberflächlich daherkommt, liegt das an der Branche selbst: Managementberatung dieser Art ist halt so. Nextpractice macht da vergleichsweise einen eher soliden und ernsthaften Eindruck. Das Personalmagazin wählte Kruse 2009 zum dritten Mal in Folge in die Liste der “40 führenden Köpfe im deutschen Personalwesen”. Das macht ihn nicht zu einer richtig großen Nummer, aber ganz sicher zu einem gut etablierten Profi.

Und das computergestützte, qualitative Interview-Verfahren “nextexpertizer”, das Kruse jetzt auch als Werkzeug für große gesellschaftliche Trend-Studien einsetzen will, beruht auf einem erprobten, wissenschaftlich anerkannten Verfahren: dem “Repertory Grid” des US-Psychologen George A. Kelly.Der Link dorthin findet sich zwar nicht auf der Webseite von nextpractice, aber auf der Wikipedia-Seite zu Kruse, die offenbar vom Kruse-Team geschrieben wurde. Journalistisch ist das Vorgehen der FAZ also unter aller Kritik. Trotzdem: Der erste große Kruse-Verriss war unausweichlich. Wenn es nicht Reents gewesen wäre, hätte es eben ein anderer gemacht. Wenn sich jemand so selbstgewiss und durchdrungen von der eigenen Welterklärungs-Botschaft als öffentliche Figur ins Rampenlicht stellt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand die Gegenrechnung aufmacht. Und Kruse gibt sich schon ein paar Blößen.

What’s Next – A Matter Of Fact in A World Of Values

“Was hat Reents da nur geritten?”, fragte Kruse auf Twitter, ohne dabei besonders irritiert zu wirken. So schwer zu beantworten ist das eigentlich nicht, auch wenn man mal die Schirrmacher-Fehde ausklammert. Tatsächlich gerät jeder in ziemlich nebliges Terrain, der harte Fakten und Hintergründe zu Kruse und seinen Ideen sucht.

Die nextpractice.de-Website atmet visuell und sprachlich noch ganz den Ungeist der unseligenen Bubble-Jahre: Hochglanz-Flash-Animationen eingebettet in technoides Dunkelgrau, eine Art Slideshow aus Fotos von Horst Köhler, gemischtrassigen jungen Menschen und perfekt designter Loft-Architektur, animierte Werbeslogans, Testimonials begeisterter Kunden, die Präsentation der Referenzprojekte immer ein wenig zu überschwenglich und zu verschwommen. Und die Sprache ist entsetzliches PR-Chinesisch: “nextpractice verbindet modernste Forschungserkenntnisse mit umfangreicher Beratungserfahrung zu innovativen Lösungsansätzen. Ein Team aus 40 Psychologen und Informatikern um Prof. Dr. Peter Kruse entwickelt maßgeschneiderte Interventionsansätze zur Entscheidungsunterstützung sowie zur Förderung und Nutzung kollektiver Intelligenz.”

Das klingt alles nicht nach Web 2.0, sondern nach Management-Theorie 1.0, Stand 1999. Jedenfalls ist es das genaue Gegenteil der “menschlichen Stimme”, die das berühmte Cluetrain-Manifest, das Kruse gern zitiert, auch und gerade von Unternehmen einfordert (hier ist die beste deutsche Übersetzung). Dass ist seltsam: Gerade dass er bei öffentlichen Auftritten diese authentische Stimme findet, macht ja gerade seinen Erfolg aus. Wer ihn als Redner bei der Econ-Agentur bucht, bekommt auf jeden Fall etwas fürs Geld.

Die Methode

Wenn man sich fragt, wo hinter Kruses geschliffener Rhetorik der substanzielle Kern steckt, dann ist die Antwort: Am ehesten in der “qualitativen” Methode seiner Repertory Grid-Interviews, über die die FAZ sich zu Unrecht lustig machte. Die peinlichste Stelle des Artikels ist da, wo Reents den Begriff “qualitativ” mißversteht und nur als weiteren Beleg für Kruses Größenwahn interpretiert. Tatsächlich wird “qualitativ” in der Sozialforschung im Gegensatz zu “quantitativ” verstanden: also Forschung, die nicht auf der statistischen Auswertung möglichst großer standardisierter Messreihen beruht, sondern auf komplexeren sprachlichen Informationen, die man erst interpretieren muss, um ihre Bedeutung freizulegen.

Das Interessante an Kruses Grid-Interviews ist, dass sie “halbstandardisiert” sind: Sie sollen das je individuelle Begriffsfeld erschließen, mit dem die Leute einen Ausschnitt ihrer Welt ordnen. Zum Beispiel ihr Verhältnis zum Internet, oder zu Autos, oder zur eigenen Firma. Eine Untersuchung besteht dann aus 100 oder 200 von solchen relativ aufwändigen Interviews, in denen Begriffspaare und Bewertungen systematisch abgefragt werden, ohne den Leuten schon vorher etwas in den Mund zu legen. Resultat sind semantische Räume, die man mit Hilfe der nextexpertizer-Software nach allen möglichen Gesichtspunkten betrachten und auch zu kollektiven Räumen zusammenblenden kann.

Diese Computerumsetzung des Kelly’schen Grid-Verfahrens wurde, wie es scheint, von dem verstorbenen Psychologen Arne Raeithel entwickelt, mit dem Kruse Mitte der 1990er Jahre wissenschaftlich zusammenarbeitete. Irgendwann um 2000 herum scheint er dann mit seinen Geschäftspartnern daraus das nextexpertizer-Tool mit dem attraktiven Infografik-Design entwickelt zu haben. (Es gibt in Oldenburg noch eine andere Version.)

Inhaltlich ist das ernstzunehmen. Mit mir selbst wurde mal ein solches Interview gemacht. Vermutlich ging es sogar in die Studie über “Digital Visitors” und “Digital Residents” ein, die Kruse bei der re:publica präsentierte. Das dauerte fast eine Dreiviertelstunde. Das Prinzip ist eigentlich simpel, aber es erzeugt jedenfalls sehr viel komplexere und authentischere Ergebnisse als die üblichen Fragebogen-Aktionen.

Die relativ kleine Zahl von Interviews, die man so machen kann, ist bei der Arbeit in Unternehmen kein Problem. Schwieriger ist es, daraus wissenschaftliche Aussagen über tiefgründige Umbrüche in der ganzen Gesellschaft abzulesen, wie es Kruses gerade gegründetes Institut tun soll. Das trägt den volltönenden Namen “What’s Next? – International Institute for Cultural Understanding and Participation (II-CUP)” und soll künftig “unter CC-Lizenz” die ganze Gesellschaft mit den Resultaten eines “Gesellschafts-Monitoring” versorgen, “zu relevanten Schwerpunktthemen wie Arbeit, Bildung, Gesundheit, Ernährung, Mobilität, Umweltschutz etc.”

De facto ist das derzeit eine Website, die Kruses Studien-Resultate zu großen gesellschaftlichen Themen in Form von Video-Statements verbreitet – mündlich ist er bei weitem am besten. Ich frage mich allerdings, was da künftig dann unter CC veröffentlicht werden wird: Das müssten ja die kompletten Daten und Auswertungsgrafiken der Grids sein. Hochinteressant, aber bisher habe ich solches Material noch nirgends gesehen. Bisher ist man für die Auswertung immer auf den Meister angewiesen, der einmal beiläufig sagte, dass es außer ihm selbst höchstens noch eine andere Person bei nextpractice gebe, die diese Muster erkennen und interpretieren könne.

Limbisches System

Ich mag Kruse, aber ein leichtes Unbehagen bleibt. Nicht wegen seiner Beraterfirma und auch nicht, weil er sich selbst recht bewusst inszeniert. Der insgesamt eher amateurhafte deutsche Web 2.0-Diskurs kann ein paar Profis als Frontleute gut gebrauchen, sofern sie den Cluetrain-Kriterien genügen. Seine Werte teile ich. Mein Problem ist das, was er da mit Professoren-Nimbus als wissenschaftlich-theoretisches Fundament präsentiert.

Wenn Kruse über das Netz redet, tut er es nicht aus dem Blickwinkel des sauertöpfischen Zaungasts der 2.0-Party, wie er es Schirrmacher vorwirft. Eher aus der freischwebenden Perspektive eines entspannten Überfliegers, der das bunte Gewirr da unten aus 1000 Meter Höhe betrachtet. Was uns da unten groß und wichtig erscheint, wird von da oben plötzlich nichtig und klein. Was die Web 2.0-Aktivisten und Entwickler jeden Tag in unzähligen Blogs diskutieren, alle die vielfältigen und widersprüchlichen Praktiken, alle die komplizierten Technologien und Applikationen, alle die verwirrenden politischen und ideologischen Fragen. Alles ist Netzwerk, alles ist Emergenz, alles fließt.

Da verfließt aber auch sehr leicht die Abgrenzung zur wirklich windigen “Zukunftsforschung”. Kruse muss aufpassen, dass er nicht zum Horx 2.0 wird. Auch der exakt gleichaltrige Matthias Horx hat ja 1997 ein erfolgreiches “Zukunftsinstitut” gegründet, auch er redet natürlich vom Schmetterlingsflügeleffekt, von emergenten Systemen und der Netzwerkgesellschaft. (Das Web 2.0 hat er bislang gottseidank ausgelassen, wahrscheinlich wird dort zuwenig Geld verdient.)

Nun ist Kruse anders als Horx ja kein Ex-Feuilletonist. Er hat ja tatsächlich “sehr viele Jahre auf der Schnittfläche zwischen Experimentalpsychologie und Neurophysiologie gearbeitet“, wie er gleich zu Beginn des re:publica-Vortrags sagte. Da zeigte er Folien zum “limbischen System” im Gehirn und verwies ständig auf irgendwie hochkomplexe Zusammenhänge der System- und Netzwerktheorie. Aber wie hart ist das wirklich, was er da vorträgt? Ein paar ausgeliehene Metaphern sind ok, pseudo-wissenschaftlicher Quark nicht.

Kruse ist 2001 Honorarprofessor für Organisationspsychologie im heimatlichen Bremen geworden, weil er zu dem Zeitpunkt schon erfolgreicher Unternehmer und Consultant war.Da lag seine ‘harte’ Wissenschaftler-Zeit als experimenteller Psychologe schon ungefähr 5 Jahre zurück. Die intellektuellen Grundlagen seiner Managementtheorie liegen nicht in der harten Psychologie und in der Hirnforschung, wie er suggeriert, sondern eher in Ansätzen der “systemischen Therapie” die seit Anfang der 1990er im Umfeld des “Radikalen Konstruktivismus” recht bunt blühen (etwa hier).

Geistesgeschichtlich ist das sehr interessant: Um 1990 gab es eine ganze Reihe von hochabstrakten naturwissenschaftlichen Theorien, die man zuerst interdiziplnär verallgemeinerte und dann zu einer wolkigen Mixtur aus Philosophie und Therapie mit New Age-Einschlag verwurstete: Chaosforschung, Synergetik, “kollektive Intelligenz” … All das findet sich auch bei Kruse wieder, und es bleibt so vage, dass man schlicht nicht sagen kann, was genau dahinter steckt.

Es scheint, dass Anfang der 1990er Jahre sich im Raum Bremen/Oldenburg/Hamburg rund um die Forschergruppe “Interdisziplinäre Kognitionsforschung” ein Wissenschaftler-Biotop gebildet hat, in dem alle Versatzstücke der Kruse’schen Metatheorie bereits im Umlauf waren, einschließlich Psychotherapie und Computerlinguistik. Auch der Psychologie-Privatdozent Raeithel, der erste Entwickler der Grid-Software, gehörte dazu. Das waren offenbar Leute, die in den 1970er Jahren eigentlich eher von weichen, linkshumanistischen Positionen herkamen und sich dann den harten Naturgegebenheiten zuwandten: dem Hirn und dem Markt.

Die Rede vom “limbischen System” übernimmt Kruse von Gerhard Roth, dem Oberhaupt der Bremer Schule der HirnforschungLINK, der auch ständig mit Hirn/Kognition kurzschlüssig kulturelle Phänomene erklärt. Hier lässt sich gut zeigen, was mich stört: Erstens ist das “limbische System” als harte wissenschaftliche Theorie offenbar seit etwa 2000 obsolet. Und zweitens: Wozu braucht Kruse das limbische System überhaupt für seine sprachlich-semantischen Analysen von “Werten” (was immer das genau ist)? Da bieten sich viel eher die strukturalistischen Textanalysemethoden an, die auf Jakobson und Greimas zurückgehen. Mit einem psycho-physiologischen “Unbewussten” (was immer das ist) hat das, anders als Kruse sagt, erst einmal gar nichts zu tun.

Kruse hat sich ein selbstbezügliches, recht abstraktes Begriffsnetz geschaffen, bei dem nirgends klar ist, auf was es sich wissenschaftlich-theoretisch genau bezieht. Es gibt ja interessante Theorien von “Netzwerk”, “Emergenz”, sogar von “kollektiver Intelligenz”, es gibt gute Bücher darüber, aber wenn Kruse hier selbst ein fundiertes Konzept hat, hat er es jedenfalls bis jetzt nirgends beschrieben. Er schreibt überhaupt wenig, jedenfalls nichts, was über seine mündliche Change-Rhetorik hinausgeht.

Ist das ein Problem? Ja. Der Diskurs über das Web hat intellektuelle Härte dringend nötig. Das Web ist ein sehr komplexes, schwer greifbares Gebilde aus Strom, Schaltungen, Menschen, Sprache und Code. Es bietet sich an als Objekt für wirre Diskurse und Pseudotheorien aller Art. Wenn jemand ausdrücklich als Professor auftritt und über die intellektuellen Mittel verfügt, das aufzuklären, muss er es tun. Hier ist Kruse ein ausgiebiger Griff zu Ockhams Rasiermesser dringend zu empfehlen.

Die Stimme

Kruse selbst hat gar nicht sehr viel mit dem Web zu tun, in dessen Namen er spricht. Seine Software ist ja keine Web-Software, seine Netzwerke schaltet er seit 2002 vor Ort aus 500 Laptops zusammen. Seine Netzwerk-Resonanz-Ideen projiziert er lediglich auf das Web, um sie dort dann unverändert wiederzufinden. Er ist kein “Resident”: Er lässt Videos veröffentlichen und seit einem Jahr hat er einen Twitter-Account, den er nur für Aphorismen und Link-Empfehlungen nutzt. Er folgt den wichtigsten Enterprise 2.0-Twitterern, aber ich habe noch nie eine Spur der ganzen ausgedehnten Enterprise 2.0-Diskussion bei ihm gefunden.

Es ist also nicht so sehr das Was, es ist das Wie. Vor allem anderen ist Kruse ein brillanter Redner. Er ist The Voice. Was macht ihn so charismatisch?

  • Er bedient das Klischee des “unkonventionellen weißhaarigen Genies”, das zurückgeht auf den Zunge zeigenden Einstein der 1950er Jahre.
  • Er zweifelt so wenig am eigenen Weltbild wie jeder Megachurch-Evangelist. Er spricht jederzeit druckreif und zugleich im Konversationston. Er ist sich völlig sicher, aber nie klingt es papieren oder professoral.
  • Er wirkt nie auf penetrante Weise eitel. Er posiert nicht, er ist einfach so: eine geborene Rampensau. Diese perfekte Mischung von Ego und Understatement ist ausgesprochen selten und beeindruckend.
  • Er hat ein ausgezeichnetes Gefühl für aphoristische Bonmots – das waren die Stellen, an denen das re:publica-Plenum regelmäßig jubelte.
  • Er ist enthusiastisch. Er meint zweifellos alles ernst, was er sagt.
  • Und er sagt nie unbequeme Dinge. In einer Umbruchszeit verbreitet er eine Atmosphäre von Souveränität und Fortschrittsoptimismus, an der wir unsicheren Erdenbürger gern teilhaben. Sein Aufstieg begann nicht von ungefähr nach dem Platzen der Bubble, seitdem alle wissen, dass es mit den alten Sicherheiten vorbei ist.

Das alles sind Merkmale, die auch die ideale Stimme des Web ausmachen. Kruse klingt wie das Web, wie die kollektive Stimme des anspruchsvollen Teils der Blogosphäre. Aber wenn er diese Sprecherrolle gegenüber dem Mainstream wirklich aufüllen will, muss er noch sein ganzes Auftreten radikal cluetrainisieren. Das braucht vor allem Offenheit, den Verzicht auf konventionelles Marketing, die echte Verlagerung des eigenen Denkens und Kommunizierens ins Web. Wenn er das tut, bin ich gern mal zu Gast in der Church of Kruse. Solange er das nicht macht, bleibt er ein Bauchredner. Bildnachweise; Sixtus, Lotman

May 21 2010, 1:33pm

Prefered Video: What motivates people to work better

Ein Video, das Dan Pinks Ansichten fantastisch visualisiert.

May 21 2010, 10:00am

Web20expo SF: Content Strategy for the real world

Speaker: Kristina Halvorson (CEO Brain Traffic) San Francisco Mai 2010

May 14 2010, 10:30am

Netzkolleg Lektion 1: Social Media trotz Experten

Vor zehn Jahren begann ich in der Welt des Wissensmanagements die ersten Sporen zu verdienen. Das Thema war gerade dabei, sich vom ewigen Fokus auf Dokumenten-Archive und Wissensdatenbanken zu erholen. Aber schon damals hatten sogenannte Experten, die weitgehend keine Ahnung von Erkenntnistheorie, Kognitionspsychologie oder gar Wissenschaftsheorie hatte, Kreisläufe und Treppenmodelle des Wissens in allerlei dicke Bücher gepinselt, die Doktoranden und Studenten noch heute abzeichnen und die immer wieder auf Präsentationsfolien auftauchen. Das Schlimme daran ist, dass diese Experten und ihre Methoden kostbare Zeit vergeuden. Denn es geht um viel. Personalentwicklung, Organisationsentwicklung, also im weitesten Sinne Change Management ist nicht trivial. Und die Welt ändert ständig ihre Richtung. Wer sein Augenmerk zu stark nach außen verlagert verliert Leistungsfähigkeit – wer zu stark auf das Außen fokussiert, der verliert den Kontakt zu Markt und damit Kunden. Heute, wo Social Media Experten Bücher schreiben über aufgepeppte Presswebsites namens Social Media Newsroom oder den Einsatz von internen Blogs und Wikis preisen und begleiten, beschleicht mich wieder das Gefühl, dass allerlei Ratgeber-Literatur den Markt und die Vortragssäle überschwemmt, ohne das man den Firmen die Chance läßt, das Wesentliche selbst zu erarbeiten. Wer 20 Minuten erübrigt, der möge sich dieses Video von Lee Bryant aufmerksam ansehen und anhören. Dort fasst er das zusammen, was einige Berater im Bereich professioneller Einsatz von Social Media schon länger praktizieren. Leider taucht es nicht in den Sonntagsreden der hiesigen PR 2.0-Berater, der Enterprise 2.0 Experten und in der zweiten Reihe der Besserwisser auf. Hier also eine Lesung für Firmen, die sich die Selbst-Marketing-Orgien der selbsternannten Experten für 800 EUR am Tag sparen wollen.

Video via smartens

May 6 2010, 10:00am

Das Web 2020 – more tinsel

Wer als Berater 4000 € und mehr am Tag erlösen will, der muss schon mit Lametta um sich schießen. Das tut man heutzutage nicht mehr mit einem MBA, einem Doktortitel und sechs Auslandssemestern in drei Ländern. Solche Leute arbeiten zu Hunderten in unzähligen Praktikumsstellen in Berlin und Hamburg. Sogar einige Firmen in München können sich noch Praktikanten leisten. Zumindest die Forschungsabteilungen der großen Automobilfirmen und die Pharmaunternehmen, die mittlerweile immer mehr günstige Werkdoktoranden und junge High Potentials mit Werkverträge auf Distanz halten, bis die endlich im Ausland verschwunden sind. Da verwundert es nicht, wenn die strategischen Berater dieser Welt mit derselben vita sich mit abenteuerlichen Ideen hervortun müssen. Das “Web 2020″ passt ins Beuteschema. Wer auf breitband im deutschlandradio am letzten Samstag (siehe bei den Linktipps von heute) dem Vorsitzenden der Enquète-Kommission für das Internet lauschen durfte, der versteht, warum wir Berater brauchen. Denn Politiker und Entscheider können heutzutage vor lauter Entscheidungen nur noch überblicken, welche Personen sie als geeignet betrachten, sie zu beraten. Warum Expertise? Es gibt doch externes Denken. Denn offenbar kommt Expertise von extern. Die Berater sind im schlechtesten McLuhanschen Sinne zum Exoskelett der Entscheidungsebene mutiert. Inhaltlich ist da offenbar ein großes Vakuum im Bereich strategisches Management. Offenbar auch ein Grund, warum aus Deutschland beispielsweise seit SAP und Software AG nix global Besonderes mehr in Sachen Web und IT kam. Abgesehen von all den Grundlagenforschungen, die für dreifuffzich ins Ausland verhökert werden von lächerlich unterbelichteten Spin-offs der Unis, die regelmäßig bei den Lizenzverhandlungen mit asiatischen und amerikanischen Firmen übervorteilt werden. Zum Thema: Nun also hat so ein 4000€-Tagessatz-Berater tacheles gesprochen zum web2020 – auch noch im Manager Magazin.

Roman Friedrich, Telekommunikationsexperte der Unternehmensberatung Booz & Co stand dem manager magazin Rede und Antwort um auf diese Weise eine Studie zu propagandieren. Und da es seit circa zwei Jahrzehnten offenes Geschäftsmodell aller strategischen Berater ist, den Firmen den Weg von der Forschung zum Markteintritt zu begleiten, erkennt Friedrich auch, dass es im Webzeitalter besonders für Telkos besonders wichtig ist, die Dauer des time-to-market zu straffen. Präzise und konkret, wie die Berater nun mal sind nennt er als besonderes Hilfemittel neue Innovationsmodelle. Nun, wer Michael Schrages Bestseller Serious Play – in den USA der Oberburner des Jahres 2000 – gelesen hatte, der wird verschmitzt lächeln über all das Szenariengefasel was sich an solche einleitenden Wort von Strategiebratern anschließt. Sogar auf Change Management in der Organisation weist er hin. Das klingt fast radikal – so noch nie gehört vorher. Ähem. Aber es kommt noch vieeel besser: Denn bei den Boozianer kommt was Neues auf die Welt zu. Nach den Generationen X, Y und Z kommt nun die Generation… ? Raten Sie mal. Richtig. Die Generation C. C steht für “connect, communicate und change“. Ja, liebe Kinder und Kinderinnen das kommt auf uns zu. Das Lebensgefühl und Weltverständnis dieser Generation wird sich durch Telekommunikation, moderne Endgeräte und damit verbundene soziale Trends völlig verändern. Das ist wohlgemerkt keine Science-Fiction, sondern basiert auf der Fortschreibung bereits heute existierender technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Ich hatte schon gedacht, dass der Satiriker, der die Texte für Matthias Horx schreibt, ein ausgesuchter Misanthrop sein muss, dass er die Zukunftsforscher mit dieser Kunstfigur so im Fernsehen diskreditiert. Aber derjenige, der die Texte für Herrn Friedrich schreibt, muss eine andere Motivation für solche Sätze haben. Wer so einen Quatsch öffentlich in ein Magazin für Manager schreibt, der muß entweder deren Intelligenz radikal unterschätzen oder sich über sie lustig machen. Ich könnte ja noch verstehen, wenn so etwas ein Marketingfuzzi seinem Abteilungsleiter als Notiz unter die slide zum “mobile web” schreibt für die Sales-Präsentation. Aber ein Strategieberater? Kaum haben sie mal eben DIE Telekomunikation in Gänze, das Endgerät an sich (ist damit eigentlich historische Finalität gemeint?) und zukünftige soziale Trends ohne weiteren Kontext oder Sinn in einem Satz aufgezählt und als evolutiven Schritt der Gegenwart postuliert, da krachen auch schon die ersten Buzzwords aus dem wolkenverhangenen Himmel voller zerbeulter Geigen. Denn auf die Frage des Journalisten (?) des mm, ob virtuelle Realität im Rahmen von augmented reality überhaupt realistisch werden könne, antwortet der Hohepriester der Telekommunikation: In Zukunft werden beispielsweise Navigationssysteme wesentlich intelligenter sein. Sie zeigen nicht nur stupide den Weg zur eingegebenen Adresse, sondern liefern auch aktuelle Informationen über freie Hotelplätze in der Nähe, über geeignete Abendveranstaltungen oder lokal verfügbare soziale Kontakte. Das alles ist im Prinzip heute schon technisch möglich. Tatsächlich, das ist heute schon in Navis möglich, manche konnte das sogar schon vor zwei Jahren, aber was hat das mit AR zu tun? Doch in Zukunft werden derartige Informationen dank hoher Bandbreiten und Prozessorgeschwindigkeiten noch viel schneller und automatischer abrufbar sein. Damit wird die Realität des Internets quasi in die menschliche Wahrnehmung integriert. Ach so, AR wird also erst möglich, wenn man mehr Bandbreiten und schnellere Prozessoren hat. Und ich dachte schon, dass man schnelle Bilderkennung, Echtzeitbild/videokompression und vor allem riesige Datenbanken mit noch riesigeren Metadatenlisten braucht sowie sehr kundennahe Geschäftsmodelle. Aber Booz macht das einfach mit leistungsfähigerer Hardware. Hut ab. Ein tolles Unternehmen mit wertvollen Tipps. Und nun kommt nach der einsame Satz zum Thema Soziale Netzwerke. Warum sollte man diesem Nachfolger der Massenmedien, der schon jetzt Hunderte Journalisten pro Jahr arbeitslos macht überhaupt noch mehr beachten. Deshalb also nur dieser eine Satz des Spezialisten. (Wissen die eigentlich, dass die Carrier selbst auf den Contentmarkt wollen oder zumindest per die Weiterleitung des Contents sich hübsch bezahlen lassen wollen von den Verlagen?). Ein Vertreter der Generation C wird seinen virtuellen Freundeskreis über das mobile Internet überall hin mitnehmen, und die Kontaktfrequenz wird erheblich zunehmen. Naja, warum soll man dieses Soziale Dingsbums vor dem Milliardäre wie Springer, Burda und Mohn zittern überhaupt weiter und tiefer eruieren. Die nehmen gerade Google kleine Teile des Werbemarkts weg. Woher soll man den jetzt schon wissen, dass die fünf Jahren Google entthront haben und die andere Hälfte es Werbemarkts auf sich vereinen. Und her bastelt der Friedrich dann auch den Gedanken hinter Googles goggle mit ein und verweist auf AR als Einkaufsführer und recommendation engine per facebook und Konsorten. Und dann kommt die uralte Telemedizin wieder zum Vorschein. Friedrich exhumiert das Thema ehealth ausgerechnet mit lokalen Sensoren, die die Werte des Körper direkt ans Krankenhaus senden. Eine Technologie die bereits erfolgreich seit Ende Neunziger – ich erinnere noch die nets AG – eingesetzt wird. Aber es passt zum gesamten Eindruck des Zukunftsvision von Booz. Den Managern soll aktuelle Technologie, die ausgereift und marktfähig ist als Zukunft verkauft werden. Wer solche Berater hat, wird in den nächsten Jahren sicher erfolgreich sein mit der Technologie von heute. Ich verstehe nun, warum die Asiaten dem LCD-Monitor zum Erfolg verholfen haben, warum MP3 durch peer-to-peer weltberühmt wurde und warum viele andere revolutionäre Kompressionsverfahren und vieles mehr von ausländischen Firmen in Milliardenumsätze umgewandelt wird. Es ist wie bei der deutschen Politik. Zunächst machen wir einen Plan. Dann überlegen wir, was die anderen planen und zum Schluß holen wir uns Berater. Wenn wir dann diesen bewährten Ansatz der strategischen Planung bis zum Exzess der Informations- und Datensammelei gebracht haben, stellen wir fest, dass unsere Produktentwicklung noch in der Zertifizierungsphase steckt. Wenn die abgeschlossen ist, dann kommen die time-to-market-Optimierer und erzählen uns, was mittlerweile Sache ist. Da wir gemerkt haben, dass unser Produkt zu veralten droht, hören wir uns an, was sie uns von der Gegenwart Zukunft erzählen und entwickeln wie bisher weiter. Immer schön mit langer Analyse- und Planungsphase und bloß keine Geschäftsfeldanalyse machen. Dann sind wir rechtzeitig auf dem Markt, wenn die Asiaten die zweite Produktgeneration der Technologie auf den Markt werfen, die wir gerade vorstellen wollen. Wie sie an die Infos gekommen sind? Nun, Diplomarbeiten werden in Firmen geschrieben. Das wissen die Anderen. Man muss nur wissen, wieviele Lohnsklavendenker Diplomanden in welchen Firmen in den R&D-Abteilungen sitzen. Solche Arbeiten werden doch immer veröffentlicht. Da steht alles drinnen. Böse Firmen nutzen die sperrangelweit offenen Datenbanken vieler Firmen, die zwar ihre Applikationen mit Kerberos und Single-SignOn absichern, aber ihre Datenbanken jedem halbwegs Eingeweihten zur freien Verfügung lassen. Das gilt vor allem für die großen Oracle-Farmen auf denen die Archive, SAP und ähnliches ihre Inhalte ablegen. Aber im Kern liegt es nicht an den mangelnden Sicherungsmaßnahmen sondern schlicht an teuren Experten, die Dinge herbeiphilosophieren, die längst vorhanden und im Markt sind und das Ganze als Zukunftsstudie verkaufen wollen. Wie gesagt: Es gibt Zeugnisse der Armut und Armutszeugnisse. Ich weiß noch nicht, ob ich die Berater gebasht habe oder die Manager, die solche Leute Ernst nehmen. Ich überlege noch…

Manchmal, aber nur manchmal… haben Firmen auch ein bißchen Relevanz gern. Dazu müsste man natürlich auch mal feststellen, was aus der Vergangenheit – also der Firmentradition unabweislich nicht auf den Prüfstand gehört, weil sich alle einig sind, dass es wirklich klasse ist. Dazu muss man erstmal das kleine Wörtchen ALLE ausdifferenzieren. Wer das tut, kann Erstaunliches herausfinden, denn das bloße Wort stakeholder kann Überraschungen enthalten und sehr viel kostbares Wissen. Wenn man die darin zusammengefassten Personen zu Wort kommen läßt und zuhört. Denn auch blindes, evolutionäres Strategiemanagement à la Google nach dem St.-Florians-Prinzip ist auch kein totaler Erfolgsgarant, wenn man vor lauter PS-Protzerei das Profil auf den Reifen vergessen hat.

Bildnachweis: cohdra

March 30 2010, 10:00am

Enterprise 2.0 – Zehn Einblicke in den Stand der Einführung

Centrestage (Dr. M. Göhring) und Prof. Joachim Niemeier haben eine lesenswerte und vor allem praxisnahe Studie zum Thema Einführung von Enterprise 2.0 in Unternehmen online gestellt. Sie wurde bereits bei bwlzweinull.de besprochen und bewertet. Sie umfasst 72 Beispiele und ist damit aus meiner Sicht den vielen Büchern zum Thema in einer Hinsicht voraus: Sie überschreitet den üblichen Rahmen aus mehr oder weniger klugen Vorstellungen von social software im Firmenumfeld um die praktische Perspektive. Die letzten Seiten der Studie beinhalten konsequenterweise einen abstrahierten Projektablaufplan, der als individualisierbares Muster für ein eigenes Vorgehensmodell dienen kann. Sehr lobenswert. Wie so oft im Leben überschreitet diese kostenlose Studie den Nutzwert von einigen teuren E20-Fachbüchern deutlich.

Enterprise 2.0 Studie 2010 - centrestage GmbH

March 26 2010, 2:50pm

sbs10: Hacking Behaviours – Firma 2.1

Bericht vom Social Business Design Summit in London. Dr. Martin Lindner

Der europäische Social Business Design Summit (#sbs2010), der erstmals letzten Donnerstag in London stattfand, ist eine von vielen Veranstaltungen aus einer inzwischen recht langen Reihe, seit der MIT-Professor Andrew McAfee 2006 das “Enterprise 2.0″-Mem in die Welt setzte. Seit damals geht es um den schwierigen Versuch, die neuen Kollaborationsformen des “Web 2.0″, die sich rund um Wikis, Blogs, Feeds und Tags entwickeln, auf die geschlossenen Ökosysteme innerhalb der Firmen-Firewalls zu übertragen.

Inzwischen gibt es die Enterprise 2.0 Konferenzen in Boston und San Francisco (seit 2007), die Office 2.0 Konferenzen (2007/2008), die deutschen “Enterprise 2.0 Summits” (seit 2008) und viele andere Veranstaltungen mit weniger einprägsamem Namen. Ausgangspunkt ist immer die eine Erkenntnis: Mit der Öffnung zum Web ist die herkömmliche Unternehmens-IT dem Untergang geweiht, und damit auch ein Großteil der formalisierten “Geschäftsprozesse”, powered by Microsoft und SAP, die in den letzten 20 Jahren die Informations- und WissensarbeiterInnen in immer engere Korsette einsperrten. Jetzt geht es darum, neue Strukturen aus den Web-Praktiken herauszulesen, zu adaptieren und in mehr oder weniger designte Ökosysteme zu übersetzen. Leichter gesagt als getan.

Dachismo Warum also jetzt noch ein pompös tönender “Social Business Design Summit”? Eigentlich handelt es sich hier um eine weltweite Serie von drei Konferenzen in Austin, London und Sidney, die von der Jeff Dachis Group veranstaltet werden. Und Jeff Dachis war einer der legendären CEOs von razorfish, der Bubble-Exzessfirma par excellence. “Everything that can be digital will be!” war ihr Schlachtruf. Die Mission: “Recontextualize Business”. In diesem langen Wired-Artikel von 2000 kann man die vielen farbigen Einzelheiten nachlesen.

Anfang 2008 ging Dachis dann zusammen mit dem ehemaligen Forrester-Berater und Marketing-Experten Peter Kim in Klausur und kam nach Monaten mit einem relativ komplexen und perfekt gestyleten Konzept wieder zum Vorschein (Präsentation hier). Seitdem ist “Social Business Design” sein Markenzeichen: Die gezielte Neugestaltung aller Aspekte der IT-basierten Information und Kommunikation von Firmen, intern wie extern, mit den Mitteln des Web.
Dachis bekam eine 50 Mio. Dollar-Finanzspritze, um weltweit zu expandieren, und kaufte ausgerechnet die kleine, feine, hochintelligente, ernsthafte und aller Bubble-Idiotien völlig unverdächtige Londoner Firma Headshift, die bereits seit 2002 mit Wikis, Blogs und Web 2.0-Tools die Strukturen und Prozesse in internationalen Rechtsanwalts-Kanzleien, in öffentlichen Institutionen und Non-Profit Organisationen umbaut. Einer der Gründer, Lee Bryant, ist ein Linksintellektueller, der seine ersten Erfahrungen mit Social Software in Bosnien 1996 sammelte, als Berichterstatter und eine Art Medienreferent der bosnischen Regierung. (Seine zahlreichen im Web vorhandenen Interviews und Präsentationen sind durchwegs sehr empfehlenswert.) Zum “Social Business Summit” in London luden also die Headshift-CEOs Lee Bryant und Livio Hughes zusammen mit Jeff Dachis und der Zürich-basierten Social Media-Firma SOMESSO ein. Sie litten noch unter dem Jetlag vom unmittelbar vorausgegangenenen Gipfeltreffen in Texas, u.a. mit Stowe Boyd und dem Medienwissenschaftler und dem altem Dachis-Freund Douglas Rushkoff (hier ein paar Soundbites). Die Londoner Teilnehmer waren weniger glamourös, wenn man vom brillanten Keynoter JP Rangaswami absieht, der schon 2006 McAfee zum “Enterprise 2.0″-Mem inspirierte und jetzt als “Chief Scientist” bei der British Telecom Open Source und Social Media vorantreibt. Es war eine bunte Mischung: Viele britische Enterprise 2.0-PraktikerInnen, ein paar (aber nicht zuviele) Social Media-Marketingleute und viele eigensinnige Protagonisten der Web 2.0-Kulturrevolution aus ganz Europa. Dass sich hier keineswegs ein neuer Schwarm von Bubble-Haifischen versammelte, sieht man allein schon daran, dass die kleine deutsche Delegation aus Martin Koser, Joachim Niemeier und mir selbst bestand. Als Dachis noch 1998 in New York auf den rauschenden Razorfish-Penthouse-Parties nach ihm selbst benannte Wodka-Cocktails (“Dachismo”) leerte, reichte ich in der Gutenberg Galaxis gerade meine Habilitation ein, für das Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte. Vom Internet hatte ich null Ahnung. Ins Web ging ich erst ein paar Monate später, mit dem iMac und AOL. Das erste, was ich dort dann sah, waren Amazon und Google. Zur gleichen Zeit platzte die Bubble und die Blogosphäre entstand. Als ich 9 Jahre später Jeff Dachis die Hand schüttelte, wusste ich gar nichts über ihn. Irgendein aalglatter, knallharter US-Entrepreneur, dachte ich. Ich fand ihn überraschend sympathisch. Ein kleiner, eher schüchtern wirkender Mann, der bei seiner Keynote vor Nervosität mehrfach stecken blieb, anscheinend, weil ihn die von Lee Bryant geladene europäische Web-Intelligenzija verunsicherte. Und er meinte offenkundig ernst, was er sagte: Dass er den Geist von 1995 wieder spürt, weil die neuen sozio-semantischen Web-Medien jetzt ein reales Fundament abgeben für die Erfüllung der leeren Versprechen der Blasenzeit. Ich glaube, er hat damit Recht. (Dass er damit nochmals märchenhaft viel Geld scheffelt, glaube ich eher nicht.)

106 Piccadilly Der Social Business Design Summit fand direkt am Green Park statt, schräg gegenüber vom Buckingham Palast. Gastgeber war die Limkokwing University, ein malaysischer Multimedia-Campus, der hier in London seine Niederlassung hat. Das denkmalgeschützte Haus beherbergte über 100 Jahre lang den exklusiven St. James Gentlemen’s Club, in dem Diplomaten und Autoren die britische Weltherrschaft debattierten. Auch jetzt waren Frauen in der absoluten Minderzahl (1:15, schätze ich), was seltsam ist: Immerhin ging es um Social Media, und technikverliebte Kindereisenbahn-Diskussionen waren ausdrücklich verpönt. Insgesamt waren es vielleicht hundert Leute und die Stimmung war ausgesprochen locker und entspannt. Ein seltsames Missverhältnis: Einerseits versammelten sich hier Pioniere aus ganz Europa, die sich eins wissen mit dem digitalen Weltgeist. Andererseits ist es erstaunlich, dass sich das immer noch so winzig und pionierhaft anfühlt. Immer noch dienen solche Veranstaltungen vornehmlich der Selbstversicherung von Gleichgesinnten. Wenn es aber wirklich um eine globale Kulturrevolution geht, die die “Nature of the Firm” von Grund auf verändert, wie es Rangaswami in seiner ebenso lockeren wie exzellenten Keynote beschrieb: Dann ist es allmählich Zeit, die ungemütlichen Themen zu besprechen. Es reicht nicht, sich nur noch einmal zu bestätigen, dass es “die Anderen” einfach immer noch nicht checken. Übrigens scheint es generell, als sei die innere Dynamik der Web 2.0-Events, Unkonferenzen und Barcamps ins Stocken geraten. Seit mindestens einem Jahr wiederholen wir uns nur noch. Die Grundlagen sind gelegt, aber wir kommen nicht mehr recht weiter. Auf der einen Seite ist es Preaching to the Converted, die immer neue Selbstfeier derjenigen, die es schnallen. Und auf der anderen Seite (nicht beim #sbs2010) drängen viele dazu, die die Radikalität des anstehenden Umschwungs nicht recht begreifen, ob Marketingleute, Consultants oder Politiker, und die im Prinzip einfach so weiter machen wollen wie gehabt, nur eben jetzt mit ein bisschen Wikis, Facebook und Microblogging.

E-Mail: Das Soziale Web des Kleinen Mannes Das wichtigste und ungemütlichste Thema ist nicht die “externe Kommunikation” (alias Marketing), und es ist auch nicht so sehr die hybride Kollaboration, d.h. die Auflösung der alten festen Außengrenzen der Beton-und-Glas-Organisation in den neuartigen digitalen Projekt-Strukturen aus Partnern, Kunden und verstreuten Experten. Für beides gab es beim #sbs2010 je eine eigene Arbeitsgruppe. Das eigentliche Problem ist aber die Veränderung der internen Strukturen, mit denen sich die dritte und größte Gruppe beschäftigte: die täglichen Arbeitsprozesse, das Multitasking, der SAP-getriebene Planungswahn, das defensive Abblockverhalten der latent überforderten Mitarbeiter. Dabei ist es ja gar nicht wahr, dass das alte Business zu wenig sozial ist. Es wird ja eher zuviel als zuwenig geredet in den Gängen und Kaffeeküchen. Das Problem ist, dass es die falsche Sozialität ist: das punktlose, destruktive, sich selbst bestätigende Ich/Wir-habe/n-Recht-und-die-anderen-sind-Idioten-Gerede. Dieses kollektiv egozentrische Sozialverhalten kulminiert in der eMail-Inbox, dem Sozialen Medium des Kleinen Mannes (und der Kleinen Missis). Alles ist hier eine “Botschaft” mit Absender und Adressat, die immer schon verdeckt Auskunft gibt über den Status. Und jede Mail verlangt die ungeteilte Aufmerksamkeit, und zwar immer länger als man glaubt. Durchschnittliche IBM-MitarbeiterInnen verbringen jeden Tag zwei bis drei Stunden in ihrer Inbox. Und “E-Mail is not Work”, sagte der Workshop-Leiter Luis Suares, Web-Evangelist bei IBM, der seit zwei Jahren ein Leben ohne e-Mail öffentlich vorlebt. E-Mail ersetzt im Alltag alle die Nuancen und Zwischenformen, für die die “kambrische Explosion” des Web 2.0 diesen enormen Reichtum von Applikationen und Praktiken hervorgebracht hat. Der Fehler ist die Trennung: Hier die Arbeit, dort das Soziale. Hier geht es um die Sache, dort geht es ums Standing. “Social Media” bedeutet eben nicht “Just Another Social Network”, die Facebookisierung des Enterprise, sondern “Object Centered Sociality“: Soziale Strukturen kristallisieren sich um (digitale) Objekte herum aus, die ausgetauscht und gemeinsam genutzt werden. In einer Organisation, in der sich die alten, fest verdrahteten und in Büro-Architektur übersetzten “Workflows” sich auflösen, ist alles sozial, weil alles ein Impuls ist. Jeder Arbeitsschritt, sogar jeder Gedanke, sobald er sich von der UrheberIn ablöst und greifbar wird. Genau das leisten die digitalen Mikromedien: Was früher nur neblig in der Luft lag, kristallisiert sich jetzt aus, kann nachvollziehbare Kettenreaktionen auslösen und mit vielen anderen winzigen Bausteinen (“Microcontent“) neuartige, flexiblere Strukturen bilden.

Das S-Wort Das alles war vielen Anwesenden klar, aber nichts davon wurde so gesagt. Es wurden unverbundene Gedanken geäußert, oft etwas hilflos ausgedrückt im sterilen Vokabular der vielen Management-Dialekte, die selbst Teil des Problems sind und nicht Teil der Lösung. (Ein ausführlicher kritischer Kommentar von Ton Zijlstra dazu findet sich hier.) Wir fanden in der treibsandigen Diskussion keine Anhaltspunkte, weil es immer noch keine geteilte Analyse und keine gemeinsame, hinreichend scharfe Termonologie gibt. Es gibt ja noch nicht einmal eine verbindliche Analyse, die zeigt, welche vielfältigen, auch ‘irrationalen’ Funktionen e-Mail in der Praxis erfüllt, und warum sie für viele so mit der eigenen Identität verschmilzt, dass sie nicht darauf verzichten können und wollen. Vielleicht ist ja wirklich das S-Wort das Problem. Kürzlich gab es eine hitzige Insider-Diskussion darüber, ob man “Enterprise 2.0″ überhaupt als “sozial” verkaufen soll. Hartgesottene Manager entsichern ihren Revolver, wenn sie nur das Wort “sozial” hören, wurde argumentiert. “Sozial” klänge immer schon nach dem Gewäsch von Marketing-Scharlatanen. Da müsse man schon mit ROI und Produktivitätsgewinn und überhaupt mit zahlengespickten Tortengrafiken kommen. Lee Bryant und Stowe Boyd hielten mit guten Argumenten dagegen: Im Gegenteil, es gelte die falsche Gleichung “sozial = wischiwaschi” zu widerlegen, mit penibler Analyse der bereits vorhandenen sozialen Tools und Strukturen und mit genauem User Experience Design. (Und da geht es letztlich dann doch wieder um Technologie, nur eben nicht im Sinne der alten IT.) Trotzdem ist “sozial” manchmal kein gutes Wort, um sich zu verständigen, weil es auch bei den Richtigdenkenden zu viele verschwommene Assoziationen auslöst. “Sozial” heißt ja alles und nichts. Wir sollten uns eher um das Design von Arbeitsumgebungen kümmern, um die Zirkulation von kleinen Informations- und Wissensstücken, wie Lars Plougmann von Headshift einmal sinngemäß sagte. Ton Zijlstra hat in seiner kritischen Rekapitulation des Summit eine sehr komplexe Liste von Fragen vorgelegt, die es weiter diskutieren gilt. Er hat Recht, wenn er sagt, dass damit in London noch nicht einmal begonnen wurde. So viele brillante Leute auf einem Haufen hätten eigentlich mehr neue, greifbare Ideen zustande bringen sollen, meint Ton. Ich sehe das etwas milder: Offenbar sind wir immer noch nicht so weit, wie wir glauben. Offenbar braucht es immer noch das exklusive Treffen der Eingeweihten im (hoffentlich bald gender-neutralen) Gentlemen’s Club. Und die vielen Zwischendurch-Gespräche auf dem #sbs2010 haben mir sehr viel Freude gemacht. Aber wahr ist, dass es keinen Grund gibt, sich damit zufrieden zu geben. “Do not change organisations, let’s hack behaviours”, fasste Luis Suarez sein Ergebnis des Workshops zusammen. Das ist auch deshalb ein guter Slogan, weil “Enterprise 2.0″-Diskussionen viel zu oft vom imaginären Grünen Tisch des Spitzenmanagements von Großorganisationen aus geführt werden. Tatsächlich haben die realen Prozesse, um die es in projekt-getriebenen Organisationen künftig gehen wird, viel eher Ähnlichkeit mit den flexiblen Strukturen von Kleinunternehmen. Lee Bryant nennt das in seinem Rückblick: “That is why we are happy to spend a lot of time in the trenches, digging away alongside people who are trying to change their companies from the inside, encouraged by the many small ways in which we can demonstrate progress towards the goal of socially calibrated organisations. A bit like Wikipedia or Twitter, the most interesting ideas and phenomena will be those that arise from practice.” Wir brauchen also die pragmatische Schützengraben-Perspektive ebenso wie die strategische Grundsatzdiskussion. Sie müssen sich wechselseitig korrigieren. Schlecht ist es nur in der Mitte hängenzubleiben, im rhetorischen Niemandsland. Ich bin seit langem ein Fan von Headshift, weil es die einzige mir bekannte europäische Firma ist, die solches “Behaviour Hacking” wirklich professionell über lange Jahre verfolgt. Und wenn die Partnerschaft mit Jeff Dachis diesen eigentlich eher subversiven Ansatz in einen ehrgeizigen, weltweiten Maßstab übersetzt, dann bin ich wirklich gespannt, was in den nächsten Jahren dabei herauskommt.

Autor: Dr. Martin Lindner befasst sich als selbständiger Forscher und Berater mit Wissensarbeit, Informationsflüssen und Lernprozessen in der Google-Galaxis. Bildnachweis: jade

March 24 2010, 10:45am

Web 2.0 is zu Ende. Und nun?

Vor vielen Jahren begann eine kleine Schar von Enthusiasten hüpfende Frösche, animierte Mauszeiger und Minifilmchen als .gif-Dateien zu hassen. Die große Masse, so dachten wir damals, war im Web angekommen und macht mit allerlei Spielereien das Web kaputt. Unser schönes Web, das damals eigentlich nur sehr spezielle Inhalte und viel Kommunikation zwischen Computer-Nerds und Hardcore-Gamern transportierte (autoexec.bat und config.sys anpassen). Es war sozusagen ein Schlagwortkatalog, der aus Menschen (Foren) und Listen (Datenbanken) bestand. Wer etwas finden wollte, der war aufgeschmissen, weil es wenig gab und diese Perlen oft sehr gut versteckt in den dunklen Ecken des deep web hausten. Google brachte Licht in diese dunkle Flecken, ohne teure Redakteure wie Yahoo sie sich leistete. Sie hatten schlicht ein paar Menschen durch die Roboter 2.0 (Algorithmen) ersetzt. Dann kauften sie eine Online-Werbelösung dazu und bauten aus beidem ein Imperium. Zuvor jedoch kamen die selbst gemachten Websites mit Netscape Composer oder deren teuren Nachbauten von heute längst unbekannten Firmen, die damals auch irgendwann Flash erfanden, damit die Grafiker aus den Werbeagenturen mit ihren gewohnten Werkzeugen Websites entwerfen konnten, die sich entweder sehr an Zeitungsdesign oder aber an Videocompositing orientierten. Ein 56k-Modem bot diesem selbstverliebten Design Einhalt wegen der kläglichen Bandbreite.

Dann kam lange gar nichts. Firmen vertrauten auf interne Netzwerkapplikationen wie Archive, Dokumentenmanagementsysteme und jemand baute aus einer Datenbank ein modulares System, das die arbeitsteilige Verwaltung (Finanzen, Personal, Lagerhaltung, Produktionsplanung etc.) in diesen Netzwerken verteilte. Außen im großen Internet hatten mittlerweile Hinz und Kunz Websites für Gott und die Welt gebaut. Man setzte ein paar Werkstudenten und Diplomanden an die einschlägigen Webbaukästen und nahm dafür von den Firmen sechsstellige Beträge. Das klappt heute noch. Nur das man heute keine Lizenzen mehr für diese Software zu bezahlen braucht, weil die Open Source ist und die Werkstudenten durch Rumänen, Inder und Bangla-Deshis ersetzt wurden. So konnten Webagenturen früher Tausende Websites für Gewinnspannen jenseits der 60% Profit bauen wohingegen heute Dutzende Websites mit Gewinnspannen deutlich über 80% gebaut werden. Ein Grund, warum es nur noch wenige Webagenturen gibt. Denen kam social media als Thema gegen die Internetblase gerade recht. Man hatte wieder neue kostenlose Software, die man für kleines Geld anpassen konnte und hatte gegenüber dem Kunden le dernier cri.

Im Intranet verkaufte man Portale auf der Basis von Open Source, die extrem aufwändig zu installieren waren. Noch schlimmer war es mit der kommerziellen Variante der Intranetlösungen, da flogen nur so die Begriffe wie Internet Service Bus, Supply Chain Management oder Enterprise Content Management um die Ohren der CeBIT-Besucher in den Jahren von 1998 bis 2002.

Doch dann kam in den USA das Armageddon auf die Firmen und die Webnutzer zu. Gartner erklärte der Welt ungefähr im Jahr 2000 den Begriff Infoglut. Debra Logan lief von Pontius zu Pilatus und erklärte, dass das Internet voller nutzloser Inhalte sei und das den Intranets der Firmen dasselbe drohe, wenn sie nicht ein dolles Knowledge Management betrieben, also einen klugen Umgang mit all dem Wissen, was in all den Zellen, Tabellen und Dokumenten steckte. Diese Diskussion erreicht mit fast einer Dekade Verspätung sogar transkonservative Feuilletons ehemaliger deutscher Qualitätsmedien.

Gleichzeitig erklärten gestandene Betriebswirtschaftler und Systemtheoretiker 2000 Jahre Erkenntnistheorie für obsolet und beschrieben plötzlich – mit himmlischer Eingebung erlangt – wie das nebelhafte Wort Wissen im Menschen entstehe und wie es in Kreisläufen durch die Menschen laufe und wie man es organisiere. Da standen sie nun die beiden Weltsichten: Die Einen wollten endlich das Informationszeitalter beherrschen, indem sie die Datenspeicher klüger machten und die Anderen stürzten sich auf die Menschen als Wissensspeicher.

Social Media sollte der Zwitter der beiden Parteien genannt werden. Er fokussierte auf Software (open source) und auf Menschen (open culture). Und Millionen von Menschen verließen die animierten Grafiken und das Gewusel im Zeichen des großen Flash und nutzten fortan das Web genauso wie ihr Handy: Zur Selbstvergewisserung. Allerdings war es nicht so flüchtig wie ein Anruf oder eine SMS und es war vor allem nicht an einen gerichtet sondern an viele. Ich publiziere, also bin ich. publico ergo est.

Heute haben wir das smsen per twitter, Facebook-Status oder Xing an die ganze Welt zur vielköpfigen Hydra entwickelt und es gedeiht und verwelkt in alle Richtungen, je nach Wunsch und Fokus. Nur: Was kommt nun? In Afrika und der Dritten Welt beginnt das Web eine parallele Gesellschaftsstruktur zu etablieren, die eine Emanzipationsbewegung neben und unter der öffentlichen Kultur gestaltet. Sogar Russland erlebt die enormen Einflüsse auf die Politik durch eine ehemals neutrale Bloggerbewegung, die zunehmend durch offizielle Stellen unterwandert wird. Der Stellenwert dieser demokratisierten Form der Meinungsmache ist nur schwer von der Hand zu weisen.

Konvergenzdiskussionen tauchen auf und wieder ab. Neuerdings scheinen sich der Fernseher und das Internet zunehemend besser zu vertragen. Sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Unterhaltungsindustrie endlich ihren 11. Frühling erlebt. Und der lange währende Winter, der durch kostenlose Filme und Musik im Netz auch noch ein paar Monate Verlängerung per Eiseskälte durch die Konsolen bedeutete, könnte langsam zarte Frühlingsknospen erleben. Wenn dann auch noch Filmwirtschaft und Spieleindustrie noch besser ineinandergreifen, dann wird offenbar, was schon viele geahnt hatten. Drehbuchautoren schreiben Computerspiele, Filmbosse beteiligen sich an Online-Spiele-Plattformen und zu allem Überfluß könnte endlich die gsamte Diskussion um Grafikkarten und Prozessorleistung im HIntergrund der Cloud verschwinden, wenn wir nur noch ein Handy und einen riesigen Faltscreen im Hause haben. Das Netz liefert dann nur noch fertige Filme, Spiele, Bilder und Töne. Die Daten sind einfach weg. In den Tiefen der Cloud. Da sind dann auch alle unsere Ideen, oder?

Ganz so schwarz kann man nicht malen. Denn eines hat social media und die kostengünstigen Produktionsmittel wie Softwaretonstudios, Digitalkameras und Schnittcomputer gebracht: Kreative Köpfe können fast professionell produzieren mit relativ geringen Investitionen. Die Frage ist nur, wie backt man sich kreative Köpfe. Ob Schirrmacher recht hat und wir von Algorithmen beherrscht werden? Nein. Es sind die guten und die verführerischen Ideen, die uns beherrschen. Es ist der Glaube daran, dass die nächste Frau schöner, der nächste Job besser und der nächste Urlaub erholsamer wird. Man nennt dies Flucht aus der Gegenwart. Es ist das Gegenteil von innerem Frieden. Es ist das Gegenteil von Glück. Es ist das Gegenteil von Entwicklung. Aber es ist unsere Zukunft.

Bildnachweis: Lisa Solonynko

March 15 2010, 11:30am

25 slides für ein erfolgreiches Startup

Metrics for Startup Success and Failure View more presentations from Hiten Shah.

March 11 2010, 10:00am

Social CRM: The New Rules of Relationship Management

Social CRM: The New Rules of Relationship Management View more documents from Jeremiah Owyang.

March 8 2010, 3:13pm

Social CRM – was ist das?

Seit einem guten Jahr wird in den USA ein neue Sau durch das IT-Dorf getrieben, die mit dem unvermeidlichen Präfix Social beginnt: Social CRM. Customer Relationship Management ist eigentlich nichts anderes als eine Kontaktliste. Man schreibt fein säuberlich alle Kontakte vollständig mit allen zugehörigen Informationen auf, die einem zugänglich sind. Adressdaten, Position, Befugnis. Wie hat man denjenigen kennengelernt? Was hat man bisher gemeinsam gemacht? Wie und wann ist man bisher miteinander umgegangen? Es gibt also eine Dimensionen der thematischen Kategorien der Kontaktinformationen und eine Zeitdimension. Was macht Social CRM nun aber anders?

CRM gibt es schon lange, Anbieter wie Siebel Systems sind damit reich geworden, die Daten der Kunden auf diese Weise für Vertrieb und Marketing aufzubereiten, auch der Service und Call Center arbeiten nahe an solchen speziellen Kundendatenbanken, die heute per Web durch salesforce oder SugarCRM bedient werden. Fokus war und ist also eine konsistente Datenbasis über die Zeit zu pflegen und diese vielen Abteilungen zur Verfügung zu stellen. Was macht aus solchen Lösungen ein Social CRM? Früher wurde fokussiert auf die Relation der Firma zum Kunden – heute kann man per twitter, blogs oder facebook erkennen, wie Kunden untereinander miteinander über Produkte und Firmen interagieren. Versuchen heute einige Agenturen ihr Geld mit Social Media Monitoring zu machen, ist SocialCRM bereits einen Schritt weiter und integriert diese Plattform der Kommunikation in das CRM. Kurz gesagt: Zur Kundenbeziehung kommen die Kundenkonversationen hinzu, die nicht unbedingt mit der Firma stattfinden müssen. Dies bildet den notwendigen Rückkanal, der man früher nur über statistisch-basierte Marktbeobachtung simulieren konnte.

Was unbedingt zu beachten ist, ist die Tatsache, dass Kunden nicht den Dialog mit Firmen toll finden sondern, das, was daraus für sie erwächst. Es ist also nicht damit getan, sich einfach zu öffnen, es geht darum einen echten Wert für das Gegenüber zu erarbeiten. Das erfordert zunächst ein offenes Zuhören und dann ein strukturieren der Problem in lösbare und unlösbare Element. Ein guter Kundenservice tut diese transparent und kümmert sich dann intensiv um die letzteren Aufgaben. Ein gutes SocialCRM-System managed eher den Informationsfluss, der für den Kunden oder die Interessenten wichtig ist. Die Firma ist dabei nur eine Art Katalysator für Informationen, die Kunden und deren Ökosystem an Kontakten besser informiert und nicht einfach jemand, der viele Kontakte nutzt.

Was sind die Aufgaben für eine Firma, die daraus erwachsen?

In welcher Weise kann und soll eine Firma auf die Konversationen im Web reagieren? Wie kann man die Organisationsstrukturen so durchlässig machen, dass alle strategischen Entscheidungsebenen von diesen Informationen profitieren und wie gerät das zu einer Aufgabe und nicht zu einem Problem, was von außen durchdringt? Wie filtert man das Essenzielle von Unwichtigem in Bezug auf die Produktentwicklung? Welche Schwellwerte legt man fest um nicht in operative Hektik oder Lähmung zu verfallen Wie könnte man SocialCRM sinnvoll einsetzen, damit man die vorhandene Kundenbasis pflegt und Interessenten in Kunden verwandelt?

March 5 2010, 9:50am

Social Media: Neue Entwicklungen

Fern der Diskussionen, ob man ein Blog mit oder ohne Berater intern einführen kann oder es als Kommunikationsmittel für die Öffentlichkeitsarbeit einsetzt, gibt es mittlerweile ein Alltagsgeschäft, das ohne den Einsatz dieser niedrigschwelligen Anwendungen kaum noch funktioniert. Denn sogar die Werbeindustrie hat mittlerweile erkannt, dass Sinusmilieus alias Zielgruppen so tot sind wie Brot. Trotzdem oder gerade deshalb feiert die digitale Welt als Kommunikationsplattform fröhliche Urständ. Hier einige Neuigkeiten, die uns helfen werden/können/sollen damit besser umzugehen. Community Management: Es gibt Hunderte Artikel über die einfach Einsicht, dass das Netz von allen Schichten bevölkert wird und aufgrund der niedrigen Schwellen auch von all denen zum Mitteilen genutzt wird und nicht bloß passiv konsumiert wie das Fernsehen. Also gibt es Lösungen zum Community Management wie zum Beispiel Tempero, Rollstream, eModeration, und Essentia. Social CRM: In Deutschland gewöhnt man sich langsam bis gar nicht daran, sein Kundenmanagement einem ASP wie salesforce.com anzubieten, obwohl das attraktive Mieten von Customer Relationship Management durchaus Vorteile bietet, und dort mit der Einführung der eigenen twitter-Plattform Salesforce Chatter schon eine ganze Menge in Richtung kooperatives Bearbeiten von Vorgängen und ganzen Prozessen geschieht, dass die neuen Möglichkeiten von social media beinhaltet. Neue und innovative Ansätze versprechen die Spezialanbieter in diesem Umfeld wie Lithium, Helpstream und GetSatisfaction. Analyse und Filter: Was das bilden von Kontext angeht und das Analysieren von Textbergen und -wüsten, so gibt es zwar neue Lösungen, die aber noch nicht so überzeugen, wie es die Forschung rund um künstliche Intelligenz uns weiss machen will. Immerhin ist man im privaten Umfeld schon deutlich weiter als in den milliardenverschlingen EU-Projekten rund um Suchfunktionen, die von der Kanzlerin immer wieder aufs neue als Leuchtturmprojekte bezeichnet werden. Ob sie jemals so weit kommen wie etwa Connotate, Baynote und Coveo oder gar IBMs Blue Insight.Wer an solchen Analyse (BI) Werkzeugen oder neuartigen Suchtechnologien im Zeitalter von social software Spaß hat, wird auch das hier spannend finden: Ingage Networks.

February 25 2010, 11:30am

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