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transmediale11: Radio Tactics – Radio Magics

RESPONSE:ABILITY lautete die kryptische Metapher der diesjährigen transmediale.11, die am Wochenende in Berlin zu Ende gegangen ist. Gemeint war damit das Zurechtfinden der Menschen innerhalb der digitalen Welt, in der wir uns ununterbrochen einer digitalen Stimulation ausgesetzt sehen. Über 200 Künstler, Kreative und Wissenschaftler stellten hierzu im Haus der Kulturen der Welt sowie über die ganze Stadt verteilt verschiedenste Performances, Installationen, Videoarbeiten und Konferenzen vor. Dabei wurde auch ein alter Staubfänger wiederentdeckt: das Radio! Das Netz als Echtzeit-Lebensraum und der Mensch mittendrin: die digitale Kultur hat unser Leben nicht nur technisch, sondern auch sozial radikal verändert. Mittlerweile sind wir gleichzeitig on- und offline, erstellen eine Vielzahl an virtuellen Identitäten und schaffen es so scheinbar mühelos, zur selben Zeit überall zu sein. Was aber bedeutet dieser permanente Zustand der Digitalen Liveness für uns Menschen in unseren Identitätskonzepten und sozialen Beziehungen? Welche politischen Fragestellungen ergeben sich daraus? Und überhaupt: trägt in diesem Gewusel eigentlich irgend jemand die Verantwortung? Auf dem diesjährigen Festival für Kunst und digitale Kultur transmediale wurden eine Vielzahl an Arbeiten vorgestellt, die den Menschen in diesen Entwicklungen positionieren…

Unter dem Motto „Das Netz ist hier und jetzt, es ist live. Andere haben es für uns gebaut – gestalten müssen wir es jetzt selbst“ erschien es zunächst etwas erstaunlich, dass ausgerechnet dem Radio als Medium gleich am zweiten Festivaltag eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Zwar gehört Radio auch heutzutage neben Internet noch immer zu den meistgenutzten Live-Medien weltweit. Als ältestes Massenkommunikationsmedium kommt ihm dabei aber die bemerkenswerte Rolle des Reliktes zu, dass als reines Audioformat in einer primär visuell ausgerichteten digitalen Welt mehr oder weniger standhaft überlebt zu haben scheint. Mit einer eigenen „Unter-Konferenz“ namens ´Test Signals´ rückte man dem Radio auf der transmediale.11 zu Leibe und versuchte in zwei Gesprächsrunden zu ergründen, wie sich das Radio in der digitalen Zukunft positionieren kann bzw. welches gesellschaftliche und politische Potential ihm zukünftig als freie Plattform zukommen könnte. Geraldine de Bastion, Projektmanagerin bei newthinking communications, hatte in der ersten Gesprächsrunde ´Radio Tactics´ klare Antworten: „Radio kann (mehr oder weniger als einziges Medium) die letzten noch unerschlossenen ländlichen und abgeschiedenen Gegenden an das globale Informationsnetz anschließen!“ Radio schlägt also die Brücke von der alten in die neue Welt der Kommunikationsmedien. Um technisch mitzuhalten muss es sich aber unbedingt den neuen Technologien gegenüber öffnen, so fuhr de Bastion fort, und das heißt: die Verwendung von “open source technologies“, “crowd sourcing“ und “cross media“! Was das im einzelnen bedeutet, wurde von den drei weiteren Rednern aufgegriffen. Douglas Arellanas von http://www.sourcefabric.com und Mitorganisator der ´Test Signals´-Reihe entwickelt eben jene open source Technologien für Radiomacher. Gerade für Journalisten und Radioprogrammierer ist eine frei verfügbare Software wichtig, da sie ihnen für ihre oft unter oder gar nicht finanzierten Projekte Unabhängigkeit und Qualität verspricht – egal ob terrestrisch oder online. Dass die Möglichkeiten des Rundfunks besonders in politischen Krisengebieten wie zur Zeit im arabischen Raum eine enorme Bedeutung erfährt, betonte Arellanas fast nebenbei: „radio still works when internet shuts down!“ Innovation und Eigensinn waren für Diana McCarthy, der zweiten Rednerin, Schlagworte ihres Radiosenders. Als Mitbegründerin der freien Berliner Radiosender Herbstradio und seinem Nachfolger Reboot FM steht sie für ein freies, unabhängiges Radioprogramm, dass – im Gegensatz zum Trend der Zusammenfassung von Hörerschichten bei kommerziellen Radiostationen – den speziellen Geschmack kleinerer Hörerschichten anvisiert, und das heißt: „crowd sourcing“. Als ein junges Berliner Nischenradio mit Fokus auf aktueller, experimenteller Musik setzt Reboot FM einen Hörer mit i-Pod-Gewohnheiten voraus, der bereits über ein großes Kontingent an aktueller Musik verfügt. Etwas Neues spielen, das auch Grenzen überschreitet und Interessant ist: für Diana McCarthy heißt die Zukunft Crossover innerhalb einer bestimmten Nische, der man sich voll und ganz verschreibt. Wie die Zukunft des Radios technisch nun konkret aussieht, wusste schließlich der letzte Redner Jonathan Marks: hybrid! Ein Zwitter namens “Cross Media“ wird sich entwickeln, indem sich Audio, Visuals und Text auf eine „relevante“ Art und Weise miteinander verbinden. Im Mittelpunkt des Ganzen steht natürlich der Empfänger bzw. Konsument: „Radioproduzenten werden lernen müssen, nicht für, sondern mit einem Publikum Radio zu machen!“ Denn frei nach dem Motto „if i want to harm you, i isolate you“ wird die soziale Vernetzung auch beim Radio zukünftig eine stärkere Bedeutung haben. Also Teilen statt reine Beschallung – doch wie soll das aussehen? Denn Radio „beschallt“ nicht nur oder donnert gar auf den unwilligen Hörer herab, sondern kommuniziert und – fasziniert! Diesem Aspekt widmete sich der zweite Teil der Gesprächsrunde mit dem schönen Titel ´Radio Magic´. Die eingeladenen Radiokünstler Sarah Washington, Knut Aufermann, Alejo Duque, Alejandra Perez Nuñez sowie die Gründerin des Wiener Radiosenders KUNSTRADIO-RADIOKUNST Heidi Grundmann zeigten hier, inwiefern die Faszination am Radioklang als künstlerisches Potential genutzt werden kann. Zusammen versuchte man zunächst in persönlichen Rückblicken den „Radiozauber“ sprachlich zu erfassen, aber bedauerlicherweise Weise begann hier die Diskussion zu verwässern und ins Plauderhafte abzudriften. Als später die Sound-Arbeiten der Künstler vorgestellt und angespielt wurden, wurde schnell klar, warum: Radio-Magie liegt wortwörtlich in der Luft! Das Magische ist das Ungewisse: wer sitzt hinter den Stimmen, Geräuschen und Klängen? Und wer kann sie alles hören? Und als schließlich Alejo Duque auch noch zu einer verbogenen Antenne griff und demonstrierte, wie zufällig vorbeifliegende Radiowellen in einem Auditorium klingen können, kroch die Faszination auch in die letzte Reihe des Publikums. Da irritierte dann auch das etwas fahrige Schlußplädoyer von Knut Aufermann nicht mehr, man möge nach der Veranstaltung einfach selber weiter nach Experimenteller Radiokunst suchen. Man macht es einfach. http://reboot.fm/ http://www.kunstradio.at/ http://resonancefm.com/ Fotos: Transmediale, Beate Stender

February 11 2011, 9:47am

Die öffentliche Sphäre

Seit jeher machen sich viele Theorien und Modelle über gesellschaftliches Zusammenleben über den Begriff der Öffentlichkeit her. In vielen Fällen begehen sie entweder den Fehler, das Ganze zu fokussieren in Begriffen wie System o.ä. Aber auch die andere Seite, das Individuum wird allzu gern zum Primat der Überlegungen gemacht. Auf der funktionalen Ebene werden in einem ebenso einseitigen Vorgang Prozesse immer wieder als statische Zustände betrachtet. Sodass oft eine der beiden Seiten (Ganzes oder Individuum) in einem bestimmten Zustand beschrieben wird, um Gesellschaft zu erklären bzw. zu deuten… Betrachtet man die Willensphilosophie von Habermas (er gründet die Demokratie auf den Willen des Einzelnen, der seine personale Autorität in eine rationale überführt), die oft beim Begriff der Öffentlichkeit angeführt wird, ergibt sich in einer reduzierten Zusammenfassung folgende Deutung: Das in sich gleichberechtigte Bildungsbürgertum hat aus dem ästhetischen Diskurs der Cafehäuser früherer Zeiten die Macht des Arguments zum Primat erhoben. Diese Gesprächskultur sieht er naheliegenderweise nicht realisiert im Umgang der Obrigkeiten des Staates mit den Bürgern. Unter dem Begriff “öffentlich” fasst Habermas jene Sachverhalte zusammen, die alle Mitglieder der Gesellschaft angehen und daher gesellschaftlich zu regeln sind (rationale Autorität). Im Gegensatz dazu sieht er denprivaten Bereich der individuellen Willkür unterworfen, die dem staatlichen bzw. gesellschaftlichen Zugriff entzogen ist. Wir kennen diese Willkür aus der Ohnmacht vieler Polizisten bei häuslicher Gewalt, die erst dann eingreifen (dürfen) wenn es oft zu spät ist. Das klingt einleuchtend. Probleme gibt es hier aber von mehreren Seiten. Alle Menschen, denen der sachliche argumentative Vortrag der Argumente nicht gelingt, sind von diesem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen. Auch die illegalen Einwanderer in den reichen Nationen sind außen vor. Der Primat der Ratio hat sein Herkunft aus einer besonderen Betonung des Menschlichen gegenüber den Tieren. In den frühen Bestimmung des Menschen wurde anthropozentristisch der Mensch emporgehoben aus der Schöpfung qua Verstand und Vernunft (ratio). Seit dem 16. Jahrhundert hat man den Rationalisten als denjenigen verstanden, der dem Denken einen höheren Wert beimisst als den Erfahrungen. Dieser Wettstreit zwischen Kognition und Empirie ist allerdings obsolet geworden, sodass eine reine Zentrierung auf den Willen und die Ratio beim Nachdenken über Öffentlichkeit überholt wirkt und es tatsächlich ist. Denn nicht allein durch französische Autoren wie Levi-Strauss, die über das wilde Denken gearbeitet haben, ist uns klar, dass es eine integrale Ebene gibt, die bei den Bewahrern des Ganzen gegenüber dem Individuellen gern auf Modelle wie Holismus und Ganzheiten begründet wird. Ordnung ist hier nicht die Folge von Abstraktion und Kausalität und sondern von Kombinatorik und Assoziation. Wenn wir aktuelle Gegebenheiten betrachten, in denen oft die Kombination von schneller Kommunikation, umfassender Information und mutiger Teilnahme zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen beitragen, dann finden wir hier ganz oft vordergründig den Habermaschen Aufstand der Menschen gegen die Obrigkeit. Aber der Gedanke, das Cafehaus einfach ins Web zu verlegen und dort die Öffentlichkeit zu verorten, übersieht das irrationale an solchen Nachweisen echter Öffentlichkeit: Der Rausch wie ihn Elias in seinen Memoiren beschrieb bei den Krawallen auf den Wiener Straßen. Diese Öffentlichkeit ist nicht strukturiert in Identitätsmanagement und Beziehungsverwaltung via facebook und Informationsmanagement via Google. Es ist viel eher ein magischer Zustand, der verschüttete aber virulente Überzeugungen assoziiert mit Informationen aus Digitalien und die vor allem aufgrund der Masse an gleichzeitigen Konsumenten derselben Inhalte eine kaskadenartige Handlung auslösen können. Im Gegensatz dazu sind die koordinierten Massenkunstphänomene, um gemeinsam bei youtube in einem Video zu erscheinen. Diese Flashmobs sind nur scheinbar spontan. Eigentlich erfüllen sie jedoch alle Kriterien einer gemeinsamen koordinierten rationalen Absicht, Aufmerksamkeit zu erhalten. Das aber ist keine Öffentlichkeit, die die Interessen einer Gesellschaft als Staat wahrnimmt. Es ist einfach ein Kundtun eines rationalen Willens zur Gestaltung des öffentlichen Lebens in Bahnhöfen etc. Denn Hakim Beys Idee war ja die Gewaltfreiheit in der temporären autonomen Zone. Öffentlichkeit als bewusste Entscheidung zur gemeinsamen Verantwortung als Staat. Das absolutistische Erbe der Öffentlichkeit in Gestalt der Öffentlichen Meinung hat hier schon den Atem des Rationalismus inhaliert und tut nichts anderes als Idee der Vernunft zu perpetuieren: Erfolg und Verständigung sind hierbei die Motive des Einsatzes der Rationalität. Alles Nicht-Rationale hat insofern auch keinen Anteil und Platz an Erfolg und Verständigung. Damit wird vieles Zwischenmenschliche abgewertet. Dieser Handlungszwang, der dem bürgerlichen Denken innewohnt kommt nicht zuletzt aus der Sorge um den eigenen Haushalt. Lyotard bewertet denn auch die an der Sprechakttheorie geschulte Idee der Kommunikation bei Habermas als aggressiver Zwang zum Konsens. Denn jeder Bürger muss ja in letzter Konsequenz seinen Haushalt schützen, um überhaupt an der freien Kommunikation in der Öffentlichkeit teilnehmen zu können (als antikes Erbe der Idee des Privaten). Das Web jedoch ermöglicht nur den Gebildeten, den Strombesitzenden, den Schreiben und den Reflektierten einen Zugang zum Öffentlichen Diskurs. Hatten Radio, Presse und Fernseher noch einen asymmetrische Verlautbarungsfunktion ohne jeglichen kommunikativen Aspekt (abgesehen von asynchronen Wegen wie dem Leserbrief), ist die öffentliche Ausspreche nun via Web überhaupt erst möglich. Aber es ist noch immer keine öffentliche Sphäre entstanden, die der agora vergleichbar wäre oder sogar darüber hinaus erweitert sei.

January 27 2011, 11:07am

Klartext: Was ist “digital activism”

Evgeny Morozov, Forscher und Autor im Bereich ‘Web als politisches Werkzeug’, erklärt im Klartext-Video den Begriff “digital activism”:

December 6 2010, 9:26am

Nostalgie pur

Mit fortschreitendem Altern lässt es sich schwer verhindern, nostalgisch zu werden. Was waren wir Anno Dazumal vom Bildschirm absorbiert, um dieses überaus komplexe Spiel zu meistern.

September 10 2010, 9:26am

Voting: 5 digitale Geschäftsmodelle

  1. Like-Machine

Wer sagt denn, das virtuelle und reale Welt immer getrennt zu betrachten sind? Im Coca-Cola Village, ein vom amerikanischen Getränkehersteller errichtetes Erlebniscamp in Israel, werden sie zusammengeführt. Und zwar über die von E-dologic entwickelten “Like-Machines“ vor Ort, die wiederum direkt mit dem Social Network Facebook verbunden sind. Die bekannte Facebook Like-Funktion kann dabei von den jugendlichen Besuchern durch spezielle RFID-Armbänder im Village in Echtzeit genutzt werden. Wem beispielsweise gerade Pool, Essen oder Massage im Coca Cola-Village gefällt, hält einfach sein Armband mit den gespeicherten Facebook-Nutzerdaten an die Like-Machine. Dadurch wird eine Statusmeldung erstellt, in der zu lesen ist, wie gut das jeweilige Angebot ist. Ebenso können an den Stationen Fotos vom Camp direkt auf die Seite hochgeladen und getaggt werden. Fazit: Ein schnell adaptierbares, nützliches Tool, das weltweit bei Events zum Einsatz kommen kann…

  1. Tumblr

2005 gründet David Karp aus den USA den Internetdienst Tumblr – eine Mischung aus Twitter, Social Network und Bloggerverzeichnis. Heute melden sich täglich 15.000 Menschen neu an. In diesem Jahr hatte Tumblr erstmals mehr als eine Milliarde Besucher im Monat. Die Plattform ermöglicht es Usern, Texte, Bilder, Zitate, Chatlogs, Links und Video- bzw. Audiodateien in einem „tumblelog“ zu veröffentlichen. Findet sich im Netz etwas Bemerkenswertes, klickt man einfach darauf und kann die Fundstücke sofort in den eigenen Blog übernehmen. Wie bei Twitter kann man anderen folgen. Was Tumblr aber groß gemacht hat, ist der Reblog. Man kommentiert nicht einfach, man bloggt zurück. Und die Geschäftsidee? Geld für Beliebtheit! Blogger sollen künftig zahlen, um bekannt zu werden. Tumblr hat ein thematisches Verzeichnis seiner Blogs, in dem aufsteigt, wer häufig empfohlen wird. Für Preise ab neun Dollar lässt sich das eigene Ranking aufbessern. Fazit: Ranking-Doping gegen Geld – das dürfte zumindest Unternehmen und die ganz Eitlen unter uns erfreuen. Publizistischer Mehrwert wird so nicht geschaffen. Den gibt es weiter bei den Blogpiloten.

  1. WeReward

Clevere Geschäftsidee: Die Mobile Marketing-Plattform WeReward des Start-Ups IZEA aus Florida nutzt den Selbstdarstellungsdrang der Web-User für die Industrie. Und das funktioniert beispielsweise so: Wer etwa von einer Pizzakette beliefert wird und in dem Moment der Lieferung ein Foto von sich macht und ins Netz stellt, bekommt dafür Punkte gutgeschrieben. Diese kann er dann entweder in Preisrabatte oder Bargeld beim nächsten Pizzakauf umsetzen. WeReward lässt sich seinen Service nur dann bezahlen, wenn dadurch auch tatsächlich ein Verkauf stattfindet. Fazit: Jede Wette: In den nächsten zwölf Monaten wird ein deutsches Start-Up mit gleichem Geschäftsmodell an den Start gehen.

  1. Pink Visual

Bei den Apps achtet Apple-Boss Steve Jobs penibel darauf, „sauber“ zu bleiben – keine Nackedeis, keine Erotik, kein Sex. Umso mehr freut sich die Erotikbranche beim neuen iPhone 4 jetzt über die Videochat-Funktion Facetime. Die ist nämlich nicht so leicht kontrollierbar. Facetime ermöglicht es, über eine W-Lan-Verbindung ruckelfreie Videosequenzen über die eingebaute Kamera zu übertragen. Was mit Online Striptease-Shows über Webcams schon seit Jahren funktioniert, soll nun auch für das iPhone angeboten werden. Als einer der ersten hat jetzt der Erotikproduzent Pink Visual reagiert: Erotik-Videochats bietet er zu Preisen von etwa sechs Dollar pro Minute an. Abgerechnet wird per Kreditkarte. Aber: Anders als im Netz droht potenziellen Kunden hier der Verlust der Anonymität. Fazit: Auf den ersten Blick naheliegend. Allerdings: Wer will schon Erotik im Westentaschenformat auf seinem Smartphone?

  1. Banksimple

Jetzt kommt Online-Banking 2.0: Banksimple. So zumindest das Kalkül der amerikanischen Firmengründer Josh Reich und Shamir Karkal. Die Idee: Über nur ein einziges Online-Konto werden Giro, Kredit, Wertpapiere und Sparen verwaltet. Auch Social Networks wie Facebook und Twitter sind integriert. Geldgeschäfte können so künftig auch über das Mobiltelefon erledigt werden – entsprechende Apps für das iPhone sind angedacht. Und da alles nur online abgewickelt wird, sind die Überziehungszinsen vergleichsweise moderat. Fazit: Das ideale Angebot für Digital Natives, ältere Semester werden wohl weiterhin das traditionelle Bankhaus vor Ort wählen.

Wer von Euch seinen persönlichen Favoriten gefunden hat, möge ihn in die Kommentare posten. tumblr ist ja schon sehr bekannt bei uns, bei den anderen dürfte es die eine oder andere Überraschung geben…

Gastpilotin/Autorin ist Jeanette Gruber von cocodibu

September 7 2010, 9:55am

Kostenlose Videothek im Netz

Die Amerikaner können schon lange im Web Fernsehen. Vor allem Serien und bestimmte Sitcoms oder tägliche Talkshows sind dort beliebt und hulu.com liefert die Plattform dafür – kanalübergreifend. Als in Deutschland die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Angebot im Netz ausweiteten, sahen die privaten Sender die Freiheit des Marktes beschränkt durch die gebührenfinanzierten Angebote. Denn anders als die öffentlich-rechtlichen Mediatheken mussten und müssen sich ihre Sendungsarchive im Netz via Werbung finanzieren. Jetzt schließen sich die RTL-Gruppe und ProSieben.Sat1 zusammen und wollen eine hulu-ähnliche gemeinsame Plattform ins netz bringen, wo man all die verpassten Sendungen und Serien im nachhinien (nochmal) sehen kann. Vordergründig macht das Sinn, denn man muss nicht dieselbe Technologie des Archivierens, des Streamings und der Werbevermarktung mehrmals erfinden und umsetzen. Und sogar die öffentlich-rechtlichen Sender betrachten dieses Entwicklung mit Wohlwollen und schließen nicht grundsätzlich aus, dabei zu sein. Ob allerdings die Kartellwächter der EU dabei mitspielen bleibt fraglich. In England wurde so ein joint venture namens Kangaroo mit der BBC gerade gekippt und auch in den USA steht hulu vor einer kritischen Prüfung der kartellsensiblen Obama-Administration… Die Mediatheken der ARD und des ZDF scheinen es den Privaten offenbar angetan zu haben. Warum nun aber ausgerechnet bei der Distribution via Web die verfeindeten Parteien plötzlich gute Miene zum Spiel der Mehrfachverwertung machen, bleibt sonderbar. Die Werbeumsätze im Netz wachsen zwar in rasendem Ausmaß, sind aber im Vergleich zu den traditionellen Kanälen wie TV, Radio oder Print vergleichsweise gering. Außerdem werden die Werbekuchen online immer mehr über Google, Facebook und Konsorten aufgeteilt. Ob und wie eine derart spazialisierte Plattform mit Pre- oder Postroll-Werbung, also kleinen Werbefilmchen vor und hinter den Sendungen signifikante Umsätze erzielen kann, bleibt solange fraglich wie man mobiles Fernsehen und VideoOnDemand klein halten kann. Der schleppende Ausbau und die Unzuverlässigkeit der Breitbandanbindungen hinsichtlich Bandbreiten oberhalb DSL 16.000 trägt auch nicht unbedingt zum Erfolg bei. Außerdem wir das Netz zunehmend in den Fernseher verlagert werden. Und dann stehen diesen Angeboten die aktuellen TV-Angebote 1:1 gegenüber. Nur wer dann nicht schon zeitversetztes Aufnehmen und Ansehen via Festplatte kann, der könnte Kunde werden. Aber in welchem Fernseher wird im Jahr 2015 keine Festplatte stecken? Bildnachweis: clarita

August 24 2010, 10:16am

Studie: Paid Content in freier Wildbahn gesichtet

Fink & Fuchs hat die Oriella Studie Digital Journalism 2010 vorgestellt. Kaum überraschend sind die dort gezeigten Ideen, wie man Content per Bezahlung verteilt.

Die Agentur betont in ihrer Meldung den Verlust der Scheu der Verlage gegenüber Kommunikation im Web via twitter oder Blogs.

Die Studie belegt zudem, wie stark Neue Medien und Social Media, etwa Blogs, audiovisuelle Medien und Twitter Einzug in Redaktionen halten: Weniger als 15 Prozent der befragten Journalisten geben an, keine Inhalte in multimedialer Form oder via Social Media anzubieten – ein schwindender Anteil, denn noch vor zwei Jahren schenkte rund ein Viertel der Befragten bei der Bereitstellung von Inhalten neuen Medienformaten keinerlei Beachtung. Vor allem das Angebot von Blogs und Twitter hat seit 2008 an Bedeutung gewonnen. Rund 49 Prozent der Befragten berichten, dass ihre Verlage selbst redaktionell betreute Blogs betreiben und immerhin 41 Prozent nutzen aktiv Twitter.

Leichte Unterschiede offenbar in den europäischen Nachbarländern…

Bilder: http://www.ffpr.de

July 8 2010, 10:00am

Evolution of Google

Es dauert ein bißchen, bis es spannend wird, aber dann wird es wirklich sehenswert!

April 30 2010, 9:30am

The Future of the Mag

Konzept von Bonnier R&D, die einmal auf sehr beeindruckende Art und Weise simuliert haben, wie man künftig Magazine digital auf entsprechenden Lesegeräten aufbereiten und nutzen könnte.

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Online First (3) Update bei Google News mit Scans von Original-Zeitungsartikeln (1) Telemediengesetz im Anmarsch (0) Soziale Netzwerke sind digitale Städte (4) Social Media Know How (0)

December 18 2009, 9:49am

Der elektrische Reporter über digitale Entmündigung

Elektrischer Reporter – Digitale Entmündigung: Was Dir gehört, gehört Dir nicht

November 13 2009, 1:52pm

Romane digital – Cory zeigt, wie’s geht

Nach der Musikindustrie hat sich auch die Verlagsbranche inzwischen angesichts der neuen Herausforderungen des digitalen Zeitalters warmgejammert und demonstriert aktuell im Streit um Google Books anschaulich, dass man von den Fehlern der Audio– und Filmbranche nichts gelernt hat.

Und mitten in der dicksten Debatte darüber, welchen imensen Schaden es anrichten wird, wenn belletrististischer Content von bösen Piraten ins Netz gestellt wird, veröffentlicht Cory Doctorow mit seinem neuen Buch „Makers“ und zeigt allen mal wieder, wie es gehen könnte.

Doctorow, Netzaktivist und Blogger bei boingboing, verkauft auch sein neues Werk nicht nur konventionell gedruckt, sondern bietet digitale Versionen seines Romans zum kostenlosen Download an. Und zwar nicht nur in Auszügen, sondern komplett.

Eine verrückte Idee, mit der man sich nur ruinieren kann? Geht so. Mit dieser Strategie landete Doctorow immerhin schon auf Bestsellerlisten der New York Times – etwa mit seinem exzellenten und aufrührerischen Jugendroman „Little Brother“.

„Free Books work for me“, erklärt Doctorow auf Publisher’s Weekly – erklärt aber auch, dass er auf jede Menge Unverständnis für seine Freigiebigkeit stößt: Still, this business of my giving away e-books is a controversial subject. I encounter plenty of healthy skepticism in my travels, and not a little bile. There’s a lot of people who say I’m pulling a fast one, that I’d be making more money if I didn’t do this crazy liberal copyright stuff, or that I’m the only one it’ll ever work for, or that I secretly make all my money from doing stuff that isn’t writing, or that it only works because I’m so successful. Of course, when I started, they said it only worked because I was so unknown.

People want proof that this works—that I’m not deluded or a con artist. But it’s hard to prove. I don’t have a time machine I can use to republish all my books without the free downloads and compare royalty statements. And the skeptics aren’t the only people who claim I’ve got it wrong. There are also the True Believers. The True Believers are the people who say that I’m a fool to give 90% of the cover price of my books to the publisher and bookseller. After all, I have three or four million people a day who read my blog. I could just self-publish all my material and get it directly into the hands of my readers, and pocket the lion’s share of the income.

Darum startet er ein kleines Experiment: Er veröffentlicht seine Kurzgeschichten–Sammlung „With a little help“ ohne einen Verleger im Rücken (ähnlich wie die Band Radiohead es bei ihrer jüngsten Platte versuchte) – um zu schauen, was passiert. Er will kostenlose E–Books anbieten, Hörbücher, Print–on–demand–Taschenbuchausgaben für 16 Euro und streng limitierte Hardcover–Ausgaben für 250 Euro. Die Details, schreibt er bei Publisher’s Weekly, muss er noch ausbaldowern. Aber er überlegt schon jetzt, ob er auch aus den Erfahrungen mit diesem Experiment ein Buch machen soll.

Was auch immer daraus wird: ein spannendes Projekt, das man auf jeden Fall im Auge behalten sollte!

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November 5 2009, 8:21am

Really Social Syndication - Digitale Gefühlsduseleien

Das Web entgrenzt so einiges, wenn nicht sogar einfach alles. Unternehmensgrenzen werden aufgeweicht, Hierarchien zugunsten flexibler Netzwerkstrukturen aufgebrochen. Weltweite Kommunikation zwischen Menschen und nicht nur Gatekeepern wird ermöglicht. Es twittert und bloggt wie wild vor sich hin in “The Cloud”. Schöne neue Netzwerkwelt - und mit dem kuscheligen Social Web wird es auch noch ganz dicke freundschaftlich. Buddies, Friends, Kontakte… Connecten, Netzwerken, Poken…. Freundschaftlich? Freunde? Mmhhhh, ich weiß nicht so recht. Mein Konzept von Freundschaft hat sich in den letzten Jahren irgendwie zunächst unmerklich aber rückblickend dann doch radikal verändert. In so manchem Gespräch mit “Web 2.0-Freunden” kommt man da zu ähnlichen Beobachtungen, die da sind: Die “alten” Freunde, die man aufgrund der gemeinsam gedrückten Schulbank, der gemeinsam bewohnten Studentenbude oder dem gemeinsam aufgesuchten Festangestellten-Büro kennengelernt hat, sind andere Freunde als die Web-Freunde, die man meist nur flüchtig kennt, aufgrund eines gemeinsamen Themeninteresses via Twitter, Facebook, Blog und Co. aber binnen ultrakurzer Zeit glaubt besser zu kennen, als den Sandkastenfreund, mit dem man vor 20 Jahren Streiche in der Nachbarschaft gespielt hat. Da treffen Welten aufeinander. Die alten Freunde meckern über das ewige Rum-ge-nerde und Neusprech, das keiner versteht. Die neuen Freunde beschweren sich über die eigenen alten Freunde, dass die ja hängen geblieben und medial total Mainstream sind - um es mal zu überspitzen. Heißt das im Umkehrschluss: Die alten Freunde aus dem analogen RSS (Really Social Syndication)-Stream streichen? Nicht mehr befreundet sein, weil sie thematisch nicht mithalten wollen? Kein Interesse für Twitter und Co. mitbringen? Bzw. heißt das, die neuen Freunde deswegen zu “unfollowen”, eben weil man meist nur eine thematische aber keine “historisch” gewachsenen Gemeinsamkeiten hat? Alte Freunde und neue Freunde sind also zwar irgendwie Freunde, aber gleichzeitig so dermaßen inkompatibel, dass dies tiefgreifende Auswirkungen auf das eigene Gemüt haben kann. Denn: Wie kriegt man beide Welten zusammen? Mit den neuen Freunden gibt es immer was zu Fachsimpeln, man nerdet sich mit 2.0-Themen durch den Tag, den Abend und die Nacht. Twittert sich gegenseitig zu und schlürft ein Bierchen dabei. Coole Nummer. Mit den alten Freunden gibt es, außer der gemeinsamen Vergangenheit, die ja wertvoll genug ist, ohne Zweifel, kaum noch gemeinsame Themen und das umso mehr, je weniger die alten Freunde im Digital gefangen bzw. davon fasziniert sind. Ich schaue kaum noch fern, lese Zeitungsinhalte wenn, dann nur online, und durch vieles Herumreisen und Mobilsein geht auch eine gemeinsame lokale Erlebniswelt mit den alten Freunden nach und nach verloren. Gleichzeitig haben die “Freundschaften 2.0″ genau da das Defizit, wo die über Jahre gewachsenen Freundschaften punkten können. Eben weil sie nicht über Jahre und sehr facettenreich gewachsen sind, sind Freundschaften 2.0 in aller Regel flüchtig, austauschbar und unverbindlich. Eine Zwickmühle irgendwie: Denn das, was einem die Freundschaften 2.0 an thematischer Tiefe geben, fehlt ihnen an gewachsener Vertrautheit. Freunde 2.0 bleiben einem am Ende fremd. Auf der anderen Seite lebt sich die Freundschaftswelt 1.0 thematisch rasant auseinander und rettet sich am Ende nur durch die gemeinsam verbrachte Zeit in der Vergangenheit. Doch man muss sich fragen, wie lange sich die alten Banden über die Zeit retten können und wie viel Energie man umgekehrt in die Freundschaft 2.0 stecken kann, um ihnen etwas mehr Stabilität zu geben. Der Autor endet hier ratlos… Soviel also zu meiner Ende-April-Digitalen-Gefühlsduselei. Es ist niedergeschrieben und steht nun zur allgemeinen Diskussion. Wie geht es euch Digitalos oder Normalos mit alten und neuen, 1.0er und 2.0er Freundschaften? Wo ist der Mittel-, Aus- oder Zukunftsweg? Gibt es den überhaupt? Meinungen sind willkommen! Bildnachweis: User r000pert auf Flickr.com    Verwandte Artikel

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April 29 2009, 4:27pm

Soziale Netzwerke sind digitale Städte

“Twitter und Facebook sind so dermaßen letztes Jahrtausend,” so leitet Anand Ghiridharadas seinen denkwürdigen Artikel der New York Times vom 1. April 2009 ein. Und er hat recht. Im Kern sind sie sogar antik. Warum? In seinem kleinen indischen Dorf lebt niemand in anonymer Stille und Zurückgezogenheit. Jeder bekommt den Streit der anderen mit. Man hat den Eindruck, dass jeder es offenbar darauf angelegt dass alle alles mitbekommen. Das hat einen Grund, denn man hat mehr davon, wenn man Teil des kommunalen Netzwerks der Nachbarn ist, als wenn man in völliger Anonymität lebt. Man hört Meinungen nach denen man nicht gefragt hat, man hört Ratschläge, die man vielleicht gar nicht braucht, aber so erhält man Anerkennung, Gemeinschaftsgefühl und vielleicht sogar das Gefühl, angekommen zu sein und geliebt zu werden. Ursprung der digitalen Städte Diese Werte sind uns eigentlich wohl bekannt. Zugegeben, die meisten kennen sie erst seit dem Geschichtsunterricht, wo die Ursprünge der Zivilisation in Mesopotamien gelehrt werden. Denn die Wurzel der heutigen Städte sind die Sippen. Wenn sich eine Sippe dazu entschlossen hatte, mehrere Aufgaben an einem Ort zu konzentrieren, also das Kümmern um die Alten, das Horten von Vorräten und das Bekochen der Kinder, dann wurden meistens passende geographisch günstige Standorte (Höhlen, Quellen etc.) mit einem organisatorischen Mehrwert aufgeladen, der für die Sippe soviel Nutzen brachte, dass mehr Freizeit entstand. Freizeit schafft Kultur Diese wichtigste Folge der intelligenten Planung von gemeinsamen Aufgaben war Motor und Ursache aller folgender Kulturleistungen, sei es die Erfindung der Werkzeuge oder gar neuer Werkstoffe. Denn man musste satt sein und eine gesicherten Ort in einer liebevoll zugewandten Gemeinschaft erleben, um mit Versuch und Irrtum Neues zu entdecken. Denn anders als viele moderne Experten uns glauben machen wollen, liegt die Quelle der Innovation in einer freien und familiären Atmosphäre mit viel freier Zeit, in der eben auch mal etwas völlig Unsinniges passieren kann. Ein durchorganisierter Zeitplan der auf Effizienz getrimmt ist, stört den alltäglichen Plausch - verhindert dadurch das tägliche Erneuern sozialer Bindungen - was die Unsicherheit gegenüber der direkten Umgebung erhöht und damit die Möglichkeit verhindert, ungestört über Neues und vielleicht Unwichtiges, potenziell aber Bahnbrechendes nachzudenken. Soziale Netzwerke sind der tägliche Tingplatz In der mittelalterlichen Dorfstruktur kristallisierten sich bald besondere Plätze heraus. Es waren meist Kultplätze, die schon lange eine rituelle Bedeutung in den lokalen Glaubenssystemen hatten (später wurden sie meist durch die buchbesitzenden Religionen wie Judentum, Christentum oder Islam zu deren Zwecken mit Prachtbauten in Beschlag genommen). Aber zunächst ist wichtig, dass diese besonderen Plätze durch die Sippen der Umgebung zu bestimmten Zeiten und definierten Anlässen als Treffpunkt aufgesucht wurden. Dort entstanden die ersten Marktplätze, weil reisende Kaufleute diese Termine nutzten, um besonders vielen potenziellen Kunden an einem Ort ihre Waren zu verkaufen. Die eigentliche Ursache ist aber noch eine ganz andere, denn der Thing (altgermanisch für Ding, auch im englischen noch heute gut bekannt) hat seinen Namen aus dem Ort, wo Rechtsdinge entscheiden wurden. Diese Verhandlungen wurden immer in einer Versammlung mehrerer Sippen abgehalten und waren damit sippenübergreifend, also im präfeudalen und pränationalen Sinne waren dies internationale Institutionen wie die UN, allerdings hatten sie im Gegensatz zur UN alle weltliche Macht jener Zeit. An dieser Stelle fehlt den digitalen Städten also sozusagen der Kern einer sozialen Infrastruktur, nämlich eine Rechts- und Sittenüberwachung der Gemeinschaft durch die Gemeinschaft selbst. Wenn es gelingen würde, die vielen demokratischen Bestrebungen aus allen Teilen der Welt in solchen digitalen Metropolen gemeinschaftlich auf gemeinsam diskutierte und akzeptierte Normen zu stabilisieren, dann wäre das digitale Netz als Medium der Informationsübertragung in Echtzeit eine unendliche Kette aus Menschen rund um unzählige Lagerfeuer, die gemeinsam über ihr Zusammenleben bestimmen und sich täglich über alle möglichen und unmöglichen Nebensächlichkeiten ihre Zugehörigkeit versichern und damit ähnlich wie das Lausen in der Tierwelt einen kulturellen Kontext herstellen, der heilende Wirkungen in der anonymen und entfremdeten Moderne gegenüber vielen pathologischen Erscheinungen entfalten könnte. Bisher haben wir allerdings nur das Lagerfeuer und die reisenden Kaufleute. Die eigentliche Veranlassung der Treffpunkte (die Versammlung zur Entscheidung über die Rechtsdinge der Sippen) ist nicht vorhanden. Schlimmer noch, die meisten Sozialen Netzwerke geben bestimmtes Verhalten in fixierten Kodizes vor und ermöglichen damit keine Kommunenbildung. Der Zusammenhalt allein durch den Austausch täglicher Banalitäten ist jedoch sehr flüchtig, wenn kein gemeinsames Erörtern von Werten und Bewertung stattfindet. Es geht hier nicht um hochtrabende ethische Diskussionen, sondern um öffentliches Diskutieren des Verhaltens Einzelner Mitglieder unter der Maßgabe, ob solches Verhalten die Anderen einschränkt, deren Wahlmöglichkeiten sogar erweitert oder es eben Zeit ist, gemeinsam Konsequenzen durchzusetzen. Explosion der modernen Demokratie Die Folge solcher Diskussionen könnte eine enorme Zunahme an sozialer Kompetenz sein, die auch im realen Leben Platz greift. Denn anders als uns die feudalen und nationalen Herrschaftsstrukturen vorgemacht haben, ist ein Delegieren der moralischen Souveränität an so genannte professionelle Entscheider der springende Punkt der aktuellen Krisen - sei es die Wertediskussion, die Finanzkrise oder gar die vielen lokalen Fehden, die sich oft zu nationalen Kriegen ausweiten. Früher dauerte es Äonen, bis sich eine Gesellschaft aus den feudalen Fangarmen der Herrscher befreit hatten. In der Moderne haben sie auf dem Papier ungeahnte Freiheit. Genau diese aber wird in einem Akt an umfassender Selbstunterschätzung wieder beschränkt, indem die moralischen Entscheidungen an Politiker, Priester und Arbeitgeber abgegeben wird. Wer das tut kann sich nachher nicht beschweren, dass sein Leben entfremdet und fremdbestimmt ist. Er müsste sich seine Souveränität zurückholen. Die digitale Stadt als Staat des 3. Jahrtausends Wie erlangt man die Macht über sein Leben zurück? Das klingt jetzt wie eine Revolution. Aber sie ist gar nicht nötig. Es geht um das Erörtern einer Welt, in der wir gerne leben wollen ohne Anonymität und Schutz gegen pfiffige Glücksritter. Allein geht es nicht. Parteien sind auch keine Lösung, sie sind eher Teil des Problems - vor allem bei ihrer Nähe zum Lobbyismus. Es geht über den Zusammenschluss der Freunde und Bekannten - in sozialen Netzwerken. Dort ist der Ort, wo man - lauthals wie im indischen Dorf - seine Meinung kund tut, seine Befindlichkeit offenbart und Trauer, Krankheit, Glück und Meinungen über neue Schuhe in inflationärer Weise verbreitet. Dann wird den marketers auffallen, dass sie zwar 600 Kleinstädte beheizen können mit dem Strom, der nötig ist, um all diese Daten zu speichern, aber die Menschen adaptieren ihr Verhalten schneller an die Verkaufstricks der Politiker, Verkäufer und Religionsverwalter als deren Machtmaßnahmen Haken schlagen können. Kurz gesagt: Die kritische Masse ist viel zu groß in einer digitalen Metropole. Man nennt dies den Netzwerkfaktor. Je größer die Masse derjenigen ist, die mitmachen, desto stärker ist der Hebel, den sie ansetzen können. Also macht weiter! Entwickelt Eure eigenen digitalen Städte mit sozialen Netzwerken aller Art und reist durch die Anbieter wie sie es mit Euch machen. Immer dahin gehen, wo am meisten zu holen ist. Ich nenne es revers capitalism. Dem Anbieter, Politiker, Religionsverwalter das letzte Hemd ausziehen, damit er einen Ansporn hat für neue Hilfen, Dienste und Produkte, die den Menschen noch besser dienen. Wer nicht dienlich ist, wird einfach geschnitten. Der Käufer des 3. Jahrtausends bestimmt Markt. Der Bürger des 3. Jahrtausends bestimmt die Politik. Und der Mensch des 3. Jahrtausends bestimmt die Moral. Bildnachweis: Foto von User rcastello auf sxc.    Verwandte Artikel

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