Lifestream » creative-commons

Creative Commons im Journalismus – ein Plädoyer

In der feinen, aber oft etwas isolierten Netzgemeinde sind Creative Commons schon gut etabliert. Immer wieder stößt man auf Bilder, Videos und Texte, die zur Weitergabe animieren, statt sie zu verdammen. Verlässt man aber diesen Kreis netzaffiner Menschen, sieht es ganz anders aus. Der Grund ist weniger fehlendes Wissen, sondern Angst. Ein paar Gedanken zur Verbesserung und Überzeugungsarbeit – mit Schwerpunkt auf Journalisten, aber auch für andere Bereiche einsetzbar. Creative Commons: Was ist das? Creative Commons (CC) – ein Name, der für eine Idee steht: Freie Lizenzen, die die Verbreitung und Weiterentwicklung kreativer Werke erlauben, ohne den Urheber zu enteignen. Die Regelung ist einfach und über ein eigenes Tool einzustellen. Alle CC-Lizenzen verlangen, den Urheber beim Namen zu nennen. Abgesehen davon gibt es zwei einfache Fragen, die man sich beantworten muss:

Möchte ich kommerzielle Verwendung meiner Arbeit zulassen? – Antworten sind ja oder nein. Möchte ich Abwandlungen und Weiterentwicklungen meiner Arbeit zulassen? – Antworten sind ja, nein und „ja, aber nur wenn die Abwandlungen auch unter einer CC-Lizenz stehen“.

Über einige Zusatzfelder lassen sich noch einige zusätzliche Angaben einstellen, etwa der Link, unter dem die Arbeit zu finden ist und der als Quellenangabe angegeben werden muss. Creative Commons: Was nützen sie? Diese Wissensaspekte sind meist recht schnell zu vermitteln. Ebenso sieht es mit den Vorteilen aus. Hier sind eine Reihe von Vorteilen, die für CC sprechen: Für den Urheber:

schnellere Verbreitung von Inhalten und dem eigenen Namen zahlreiche Anwender suchen von vorne herein nur nach CC-Werken, um sich die Arbeit der Nachfragerei zu sparen Erzeugung von Links auf eigene Inhalte

Für den Anwender:

schnellere Klärung von Rechten zahlreiche Einsatzszenarien, zum Beispiel schöne Bilder für eigene Texte

Die ganz realen Ängste – und wie man sie beseitigt Am einfachsten auszuräumen ist meist die Angst einiger Journalisten vor Enteignung. Creative Commons enteignen niemanden – weil sie freiwillig sind. Jeder Autor entscheidet selbst, ob er auf CC setzen möchte oder nicht. Und über die wenigen Parameter lässt sich flexibel steuern, unter welchen Umständen man zu einer Fremdverwertung bereit ist. Wählt man „keine kommerzielle Nutzung“, ist ausgeschlossen, dass andere mit den eigenen Inhalten Geld verdienen, ohne den Autor selbst dafür zu entlohnen. Wer Angst davor hat, dass das eigene Werk entstellt wird, setzt auf „keine Bearbeitungen“. Und mit „Weitergabe unter gleichen Bedingungen“ kann man sicherstellen, dass sich niemand an den eigenen Werken bereichert, ohne selbst etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Bei all dem gilt: Keine Creative-Commons-Lizenz schließt aus, dass ein Urheber Ausnahmen festlegt. Wer generell kommerzielle Nutzung ausschließt, kann sich natürlich trotzdem noch mit bestimmten Anbietern auf eine kommerzielle Nutzung einigen – hier gilt das, was auch bei jedem anderen Werk gilt: Nachfragen bei Unklarheiten.

Im journalistischen Umfeld höre ich oft die Befürchtung, Creative Commons könnten den Wert journalistischer Arbeit herabsetzen – nämlich dann, wenn aus journalistischen Texten weitere Werke entstehen, die journalistischen Ansprüchen nicht genügen. Mit dieser Angst ist nicht einfach umzugehen – ein Ansatz könnte sein, die Frage von der anderen Seite anzugehen. Ein Beispiel dazu: Wie viele Bildkritiken gibt es in den Medien zu lesen? Meistens sind es nicht viele. Ich finde das seltsam: Wir beschäftigen uns immer wieder mit tendenziöser Berichterstattung und kritisieren derart unsaubere Arbeit. Doch auch Bilder können tendenziös sein. Sie können über bildliche Gestaltungsmittel eine Deutung nahelegen, die nicht den Tatsachen entspricht. Ebenso nimmt die Auswahl der Bilder und deren Ausschnitt Einfluss auf die Deutung – was gezeigt wird, besonders aber auch was eben nicht gezeigt wird. Ich habe den Eindruck, dass diese Aspekte selten aufgegriffen werden in der journalistischen Arbeit. Und ich glaube, einer der Gründe liegt in der schwierigen Auslegung des Zitatrechts auf Bilder – Udo Vetter hat in seinem Vortrag auf der re:publica darauf hingewiesen, wie schwierig das Zitieren von Bildern ist, obwohl es eigentlich rechtlich zulässig ist, wenn man sich inhaltlich mit Bildern auseinandersetzt. Creative Commons sind also ein Weg, uns die Auseinandersetzung mit den Werken anderer zu vereinfachen und wichtige journalistische Formen zu ermöglichen, die sonst allzu leicht unter den Tisch fallen. Und damit sind die Chancen, die Creative Commons dem Journalismus öffnen, um ein Vielfaches höher als die Risiken. Eine andere Angst hört sich meistens so an: „Warum sollte ich CC verwenden, wenn jeder weiß Gott was mit meiner Arbeit machen darf?“ Die fand ich immer schwer zu beruhigen. Zunächst ist, wie schon erwähnt, über drei Parameter eine bemerkenswert gute Steuerung möglich, in welchem Umfeld Werke eingesetzt werden können. Zudem setzen sich Creative Commons nicht über andere Rechte hinweg: Selbstverständlich darf auch mit einer CC-lizensierten Arbeit niemand verleumdet werden. Außerdem kann ich sowieso nicht kontrollieren, was andere Menschen mit meiner Arbeit anfangen, wenn ich sie veröffentlicht habe. Ob sie meine Ansichten teilen, meine Texte ausdrucken und verbrennen, mein Blog aus dem Feedreader werfen: All das liegt nicht in meiner Hand. Aber ich finde es gut, ihnen die Chance zu geben, sich damit auseinanderzusetzen – denn dann besteht wenigstens die Möglichkeit, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Creative Commons haben also nichts mit Diebstahl zu tun: Weder sind meine Werke von dort verschwunden, wo ich sie eingestellt habe, noch gibt sie irgendjemand anderes als seine eigenen aus. Creative Commons sind vielmehr eine gesellschaftliche (und journalistische) Vision, wie Wissensaustausch geregelt werden kann. Manchmal ist für diese Vision aber auch grundsätzliche Überzeugungsarbeit notwendig. Ideen sind nicht wie Äpfel. Wenn ich einen Apfel habe und du ebenfalls einen Apfel hast, und wir diese Äpfel tauschen, dann hat jeder am Ende einen Apfel – im besten Fall einen vergleichbaren. Leider ist es aber meistens so, dass einer der Äpfel kleiner, weniger lecker oder etwas weniger frisch ist. Ganz anders bei Ideen und Wissen: Wenn ich eine Idee habe und du ebenfalls eine Idee, und wir die Ideen austauschen, dann hat im schlechtesten Fall jeder von uns zwei Ideen. Meistens ist es aber so, dass aus zwei Ideen drei Ideen werden – weil sie sich gegenseitig befruchten. Creative Commons ist der Versuch, diesen Ideenaustausch zu vereinfachen. Bildnachweis: “My CC stickers have arrived!!!” von Laihiu (CC BY),  ”Banjo Libre” von andyket (CC BY) Zum Abschluss eine Sache, die klar sein dürfte: This Werk bzw. Inhalt is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported License.

August 19 2010, 11:06am

Patent Absurdity: Doku zu Software-Patenten

Es gibt Themen im Netz, die sind immer irgendwie präsent und trotzdem schwer zu fassen. Software-Patente gehören dazu. Vor einigen Wochen ist ein englischsprachiger Dokumentarfilm angetreten, das Thema auch Laien näher zu bringen: “Patent Absurdity“, veröffentlicht unter CC BY-ND. Wie jeder gute Dokumentarfilm versucht “Patent Absurdity” nicht, Neutralität vorzugaukeln – hier ist klar, dass man auf Seite der Patente-Gegner ist. Aber worum geht es eigentlich? Ich habe mir für euch den Film angeschaut und meine Eindrücke aufgeschrieben. Patent Absurdity: gute Einführung ins Thema mit vielen interessanten Gesprächspartnern, aber zu wenig emotionaler Strahlkraft “Patent Absurdity” setzt auf den berühmten “Bilski v. Kappos”-Fall, der vor dem Supreme Court 2010 verhandelt wurde. Es ging um ein Patent auf eine Geschäftsmethode, das aber große Auswirkungen auf die Software-Industrie gehabt hätte. Grundfrage ist, ob mathematische Prozesse, wie sie in der Programmierung vorkommen, überhaupt schützenswert sein sollen. Die Position der Filmemacher ist klar: Sie sollten es nicht, weil sie Werkzeuge zur Erreichung bestimmter Ziele sind und Patente technologischen Fortschritt aufhalten. Der Film erläutert, wie Software-Patente zu Klagekriegen führten (übrigens schön visualisiert) und Unternehmen zwangen, Patente “for defensive reasons” (James Bessen, 12:42) zu erwerben, um im Notfall zurückklagen zu können. Er berichtet von dem Problem, das kaum jemand abschätzen kann, wie weit ein bestimmtes Patent reicht. Und er spricht von der enormen Zahl von 200.000 Software-Patenten, die kaum jemand noch überblicken kann. Hinter all dem steht die Perspektive des Software-Entwicklers, der eine Idee für ein Programm hat – und der sich nicht davor schützen kann, irgendein Patent zu verletzen und angreifbar zu werden. Das Schönste am Film kommt aber ganz am Ende, wenn gezeigt wird, welche Auswirkungen Patente auf die Musik gehabt hätten. Wenn immer mehr musikalische Elemente patentiert worden wären (etwa Akkordfolgen oder Besetzungen mit Instrumenten), würde Musik immer mehr zerstückelt werden – wie die Symphonie, die erhaben anfängt und schließlich immer mehr ihrer Bestandteile verliert. Das ist eindrucksvoll gemacht, und man wünscht sich, “Patent Absurdity” würde noch mehr solcher Gestaltungsmittel finden. Sie machen das Thema plastisch und nachvollziehbar – während die vielen Interviews zwar aus erster Hand von den Problemen berichten, den Zuschauer aber nicht emotional packen. So bleibt “Patent Absurdity” ein guter Film, dem es etwas an emotionaler Ansprache des unbedarften Zuschauers fehlt – schade, denn damit hätte er ein großer Film werden können. Bildnachweis: Filmplakat steht unter CC BY-SA (Luca Lucarini) – und dieser Text damit auch.

July 13 2010, 2:50pm

Interview: Michelle Thorne, Creative Commons

Im Netzpiloten-Interview erklärt Michelle Thorne von Creative Commons International, warum Lizenzen vom Typ “einige Rechte vorbehalten” so wichtig sind und warum es sich auch für Urheber lohnt, über Lizenzen nachzudenken.

Ich bin Michelle Thorne und arbeite bei Creative Commons International, dem Creative Commons Ableger für internationale Portierungen. Frage: Was macht Creative Commons? Das ist eine US Non-Profit Gesellschaft, die darauf hinarbeitet, alternative Urheberrechtslizenzen bereitzustellen. Bisher ist die übliche Copyrightlizenz das Konzept “Alle Rechte vorbehalten”. Das andere Ende des Spektrums ist lizenzfrei, die sogenannte Public Domain. Creative Commons will einen Weg anbieten, sich zwischen diesen beiden Extremen zu bewegen und es Urhebern und Nutzern zu ermöglichen, genau zu entscheiden, wie ihre kreativen Werke benutzt und lizensiert werden. Deshalb bieten wir Lizenzen vom Typ “Einige Rechte vorbehalten” an. Warum braucht die Welt Creative Commons? Es gibt einen internen Konflikt zwischen dem ursprünglichen, traditionellen Sinn von Urheberrecht und unserem digitalen Zeitalter, in dem das Kopieren selbst Kern der Internetkommunikation und aller Medienkommunikation ist. Wir müssen überdenken, was es bedeutet, kreative Werke zu nutzen, auf sie zu verlinken, sie zu bearbeiten und zu teilen. Deshalb denke ich, es ist sehr wichtig, dass die Menschen sich der Gesetze bewusst sind und was die Alternativen zu diesen Gesetzen sind. Es ist ein sicherer und legaler Weg, der Öffentlichkeit genau zu sagen, wie deine Werke weiterverwendet werden sollen. Wie kann man seine Arbeit unter eine Creative Commons-Lizenz stellen? Der beste Weg ist, auf CreativeCommons.org zu gehen, oben in der Ecke gibt es einen Knopf “Lizenz”. Wenn man den anklickt wird man zu einer schönen Maske weitergeleitet, in der man die Sprache einstellen kann, die man bevorzugt. Man wird gefragt, was für Rechte man gerne anwenden möchte: Ob man die Weiterbearbeitung der Werke erlauben möchte, ob man kommerzielle Nutzung erlauben möchte. Man klickt einfach die entsprechenden Blöcke an und es wird eine Lizenz generiert, die den festgelegten Bedingungen und der jeweiligen Rechtsprechung entspricht. Das ist sehr wichtig, weil die Lizenzen auf nationales Recht zugeschnitten sind. Weil Urheberrecht grundlegend auf nationalem Recht basiert, ist es wichtig, dass es zu den Bedingungen des jeweiligen Landes passt. Woran arbeiten die Menschen bei Creative Commons? Das letzte großen Projekte war, dass wir Version 3.0 rausgebracht haben. Zuerst als nicht-portierte Lizenz, das heißt sie wurde nicht auf nationales Recht angepasst, und jetzt haben mittlerweile fast alle Länder eine Version 3.0. Das ist ein großer Schritt, weil diese neue Version sich auf einige Schwierigkeiten mit moralischen Rechten konzentriert, was ein großes Thema ist beim Europäisches Recht und anderen Rechtsprechungen außerhalb des amerikanischen Gewohnheitsrechts. Zudem werden Verwertungsgesellschaften in Zukunft eine große Rolle spielen. Es gibt ein Pilotprogramm mit den Niederlanden und der Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, bei dem Musiker, die mit einer Verwertungsgesellschaft arbeiten, Creative Commons Lizenzen innerhalb der Niederlande nutzen können. Warum sollte jemand eine Creative Commons Lizenz wählen? Ein wichtiger Punkt ist, dass es der Community und einem größeren Publikum signalisiert, dass man sie dazu einlädt, die eigenen Werke zu verwenden, sie anzusehen, sich damit zu beschäftigen. Es inspiriert mehr Menschen dazu, sich zu engagieren. Im Endeffekt denke ich, dass es einen sehr positiven EFfekt hat, das hat sich immer wieder gezeigt. [Science Fiction Autor] Cory Doctorow zum Beispiel hat sein Buch unter online einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht während es gleichzeitig in Druck ging. Beide Versionen wurden am gleichen Tag veröffentlicht und es ist wahrscheinlich, dass die Verkaufszahlen seines gedruckten Buchs sich durch die Onlineverbreitung sogar gestiegen sind.

June 3 2010, 1:20pm

Open-Source-Film: “Den Film weiterleben lassen”

Freie Filme für freie Menschen – so könnte man den Grundgedanken des Open-Source-Film formulieren. Der erste deutsche Open-Source-Film ist das Road-Movie “Route 66″ (2004) aus dem Hause VEB-Film, das mit seiner Anspielung auf die “Volkseigenen Betriebe” den Gedanken der Open-Source bereits im Namen trägt. Wir sprechen mit Stefan Kluge, Regisseur  und Betreiber des Labels VEB-Films, über seinen Werdegang und den Open-Source-Film. Das Interview steht natürlich unter einer CC BY-SA Lizenz.

Blogpiloten: Du bist eigentlich Informatiker. Wie bist du zum Film gekommen?

Stefan Kluge: Das war eher Zufall. Ich habe schon immer gerne fotografiert und Computerspiele gemacht, dann aber Informatik studiert. Nach dem Studium bin ich in die Staaten gegangen und habe mir dort ein Auto gekauft. Das war ein spektakulärer Oldtimer, ein riesiges schweres Eisenschwein. Und das musste ich wieder zurückbringen, als ich die Staaten verlassen habe – an den, bei dem ich es gekauft hatte. Ich habe zwei Freunde aus Deutschland gebeten, rüberzukommen und den Rückweg zu filmen. Da haben wir dann “Route 66″ draus gemacht, mit dem ich in den Film reingestolpert bin. Der Film kam beim Release gut an, und ich bin dabei geblieben.

BP: Und wie kamst du auf die Open-Source-Bewegung? Die war damals noch ziemlich klein und unbekannt. SK: Also, einmal durch die Informatik, zum anderen durch Free Culture und Open Content. 2004, als wir den Film releast haben, war es nicht gang und gäbe, dass lange Filme im Netz veröffentlicht wurden. Das war vom Traffic her ziemlich schwierig, es gab nur ein paar Seiten, bei denen das ging. Eine davon war archive.org. Die hatten eine CC-Lizenz als Bedingung. Auf dem Weg habe ich zum ersten Mal von CC gehört.

BP: Auf eurer Webseite schreibt ihr vom Internet und freier Digitalkultur. Was bedeutet Open Source für dich heute? SK: Durch Open Source hat sich eine existierende Community in Deutschland für uns aufgetan. Wenn dann Gesichter dahinterstehen und du dich mit den Leuten unterhälst, dann fängt die Arbeit an, Sinn zu machen. In Sachen Filme-Machen ist Open Source für mich weniger die Zusammenarbeit: Open Source-Methoden aus der Software-Branche im Film, da bin ich skeptisch. Ich habe noch kein Projekt gesehen, bei dem so ein richtig guter Film herausgekommen wäre. Ich habe auch bei mir selbst gemerkt, dass es keinen Sinn macht, die Strukturen eines Software-Entwicklungsprozesses herstellen zu wollen. Das funktioniert nicht richtig beim Film. Open Source beim Film, das ist für mich die Lizensierung: Quellen und alles, was man braucht, um den Film weiterleben zu lassen, zugänglich machen, so dass andere etwas damit machen können. Mit dem Film, dem Soundtrack. Ich habe auch die Terminologie der Open Source übernommen: ein Beta-Release eines Films wird noch nicht als fertig deklariert, soll aber schon Feedback hereinholen. Und Distribution nenne ich es, wenn ein Film mit den Quellen veröffentlicht wird, z.B. gibt es eine Distribution für VJs, die völlig andere Bedürfnisse haben als Filmhochschulstudenten.

BP: Eure Filme stehen unter einer sehr freien Lizenz: Viele Kreative schließen kommerzielle Nutzung aus, ihr aber wollt nur Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen. Wie kam es zu dieser Entscheidung? SK: Angefangen haben wir mit “Route 66″ auch mit der üblichen Lizenz, die kommerzielle Nutzung ausschließt. Das ist das normale Denken, das man früher hatte: Man möchte nicht, dass jemand anderes mit seiner Arbeit Geld verdient. Aber dann habe ich mich theoretisch immer mehr damit beschäftigt und einige Paper geschrieben. Mir ist aufgefallen: Je nachdem, welches Geschäftsmodell man mit dem Film schaffen möchte, macht es sogar ökonomisch Sinn, kommerzielle Verwendung zuzulassen. Diese Lizenz ist ziemlich selten, weil die meisten sich nicht genug damit auseinandersetzen: Du musst auch Profis erlauben, einen Mehrwert mit deinem Film zu schaffen. Der Profi muss dann jedoch auch sein Werk kommerziell verwerten können, sonst kann er seine Zeit nicht investieren. Aber wenn der Profi damit Geld verdient, verdienen wir damit nicht weniger Geld. Wenn zum Beispiel ein Spanier aus dem Film eine spanische Version macht, erlaubt das unsere Lizenz – wenn er unter der freien Lizenz belassen wird. Dann können wir unsere Version erweitern mit einer spanischen Tonspur und haben auch einen Mehrwert.

BP: Das heißt, ihr finanziert die Produktionen aus dem, was daraus entsteht – DVDs und Aufführungen? SK: Bei “Route 66″ hatten wir ungefähr ein Drittel Spenden. Das wird jetzt aber abnehmen, weil das damals der erste deutsche Open-Source-Film war. DVD-Verkäufe waren auch ein Drittel, obwohl es auch einen Download gab. Und dann noch Aufträge, die wir wegen des Films bekommen haben. Gerade habe ich ein weiteres Road-Movie publiziert, “Der Geist der Biker”, diesmal zuerst als DVD. Der Download ist derzeit noch nicht zu haben, ich suche dafür noch einen Sponsor.

BP: Wie ist die Arbeit in eurem Netlabel? SK: Also, Fulltime arbeite nur ich an den Filmen, die anderen Jungs haben eigene Unternehmen. Sie arbeiten mit, um das machen zu können, worauf sie in kreativer Hinsicht Lust haben.

BP: Euer nächster Film, an dem ihr gerade arbeitet, ist “Die letzte Droge”. SK: Ja, das ist ein Cyber-Punk-Science-Fiction. Es geht um eine künstliche Intelligenz, die nach einem digitalen Bewusstsein sucht, nach einer Art Seele. Ein junger Forscher macht ein Experiment, um mit seiner Seele der KI zu helfen, ihr digitales Bewusstsein zu finden.

BP: Was würdest du jungen Filmemachern empfehlen, wenn sie sich für Open-Source-Filme interessieren? Was wäre ein erster Schritt? SK: Das hängt von der Persönlichkeit ab. Mir hat es gut getan, ziemlich naiv ranzugehen und den Film einfach zu machen. Einfach die Kamera in die Hand nehmen und die Leidenschaft nutzen, die man für sein Projekt hat. Wir hatten das Glück, dass wir ein großes Feedback bekommen haben, weil “Route 66″ der erste deutsche Open-Source-Film war. Wenn ich ihn mir heute noch anschaue, hat er immer noch diesen Amateur-Charme. Ich glaube, wenn man diese Leidenschaft in den Film packen kann, dann findet man im Netz Leute, die ihn mögen. Gerade bei einem freien Release. Deshalb: auf jeden Fall unter einer Creative-Common-Lizenz frei releasen! Es macht keinen Sinn, den Film wegzusperren oder zu versuchen, ihn zu verkaufen und in einigen Kinos zu zeigen. Das klingt zwar gut, aber es bringt einen nicht weiter. Was einen weiterbringt, sind die Kontakte, die durch einen unkontrollierten Release entstehen. Also: einfach ins Netz stellen, PR machen, dafür sorgen, dass ihn viele Leute sehen, und dann passiert es, wenn der Film seinen Charme hat. Dabei hilft es, wenn es eine Community für das Thema gibt, die man im Netz findet.

BP: Wo geht für dich die Reise hin? SK: Das ist bei mir wie bei vielen Netz-Unternehmen: Ich probiere viele Ideen aus, und von zehn funktioniert eine, die ich weiter verfolge. Sich eine Roadmap zu stecken, das hat bei einer Geschäftsidee im Netz wenig Sinn. Bildnachweis: Marie Galinsky (CC BY-SA)

March 10 2010, 10:15am

Open Source Filme: Freie Werke fürs Auge

Das Netz ändert unser Leben, und es ändert auch unsere Kunst. Ein Beispiel dafür ist der Open Source Film, der den Ansatz der Open Source Software auf die Herstellung und Distribution von Filmen überträgt. Open Source Filme stehen unter einer freien Lizenz, etwa unter Creative Commons. Die Rohmaterialien der Filme können von jedem heruntergeladen werden. Die Dateien müssen dabei in einem Format zur Verfügung gestellt werden, das eine Bearbeitung mit freier Software erlaubt. Somit wird es möglich, dass jeder die Werke bearbeiten und neue Versionen zur Verfügung stellen kann. Die bisher erschienenen Filme kann man IMHO in drei Kategorien einteilen.

Alternative Plattform für junge Filmemacher

Zunächst einmal sind Open Source Filme ein Mittel, um sich in der Filmbranche zu etablieren oder eine alternative Filmbranche aufzubauen. Das ambitionierte Projekt Valkaama von Tim Baumann beispielsweise wurde vor ein paar Tagen in einer Version mit musikalischer Begleitung von Michael Georgi veröffentlicht. Valkaama ist einer der wenigen Open-Source-Filme in Spielfilmlänge. Das Drama spielt im Norden Finnlands und erzählt von der gemeinsamen Reise zweier ungleicher Protagonisten – dem lebensdurstigen Dichter Lasse und  dem düsteren Magnus, der Anderen beim Suizid hilft. Gemeinsam suchen sie nach Valkaama, einer idealen Gemeinde fern ab der Zivilisation. Der poetische Film wartet mit einer plötzlichen Wende auf, als sich das Schicksal der beiden erfüllt. Baumann hat den Film unter die sehr freie Creative Commons BY-SA Licence gestellt. Valkaama gibt’s als Torrent und als normalen Download.

Auf eine andere Ästhetik setzt das Projekt Route 66. Stilistisch lässt sich der Film als Road-Movie im Gonzo-Ansatz beschreiben. Die Schnitte und stilistischen Elemente geben dem Werk eine gewisse Fieberhaftigkeit, die gut zum Thema einer rastlosen (und etwas chaotischen) Reise passt. Auch Route 66 kann frei von der Homepage heruntergeladen werden.

Animierte Filme Häufig sind animierte Kurzfilme, meist auf Basis der Open-Source-Software Blender. Ein Beispiel ist der Kurzfilm “Elephants Dream“, der eine skurrile Geschichte von zwei Figuren in einer eigenartigen Maschine erzählt und dabei mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Wer eher auf pelzige (teils freundliche, teils garstige) Tierchen steht, dürfte an “Bick Buck Bunny” mehr Spaß haben.

Open Source als Quell der Kreativität Open Source Filme finden sich weiterhin in einer Reihe von Kunstprojekten. Hier soll der Ansatz die Kreativität anregen. Ein Beispiel ist Stray Cinema. Jedes Jahr werden Rohmaterialien zur Verfügung gestellt, die von der Community zu 2-minütigen Kurzfilmen geschnitten werden. Jeder Regisseur wählt dabei einen anderen Ansatz und gibt dem Material eine persönliche Note. Die Community stimmt außerdem ab, welche der Einreichungen beim jährlichen Screening gezeigt werden sollen. Der große Traum: 2011 soll David Lynch das Rohmaterial liefern. Ich bin gespannt, was daraus wird.

Mehr Filme Die bisher beste Übersicht über Open Source Filme habe ich bei der englischen Wikipedia entdeckt, die in ihrer Liste von Open Content Filmen eine Reihe von Open Source-Filmen neben anderen offenen Werken listet. Wenn ihr eine andere Sammlung kennt, ab damit in die Kommentare!

February 12 2010, 9:45am

“Happy Remixing!” - CC und Open Everything

„Open Everything“ heißt die erweiterte Version der Open Source-Bewegung. Das Konzept: Nicht nur Fotos, Texte, Programmcodes oder Filme können per Creative Commons lizensiert werden, sondern auch Werke aus anderen Bereichen, zum Beispiel aus Kunst oder Design. Michelle Thorne, Mitarbeiterin bei Creative Commons International in Berlin, stellt Creative Commons und Open Everything auf dem atoms&bits-Camp vor.    Michelle Thorne von Creative Commons International Berlin  Die meisten werden Creative Commons schon kennen – ein System zur Lizensierung eigener Werke im Internet mittels einfach verständlicher Symbole: So kann man sich aussuchen, ob man seine Werke ganz frei gibt, als Autor genannt werden oder eine kommerzielle Nutzung oder Veränderung erlauben möchte oder nicht. Hintergrund der CC ist die Remix-Kultur und das Problem, wie man das Urheberrecht an die schnelle und internationale Verbreitung kreativer Werke anpassen kann. Denn die Remix-Kultur kann sowohl Urhebern wie Nutzern Probleme bereiten.  Zum Beispiel, wenn die eigenen Werke nicht gemäß der entsprechenden CC-Lizenz verwendet werden. Wie findet man das heraus? Noch ist das schwierig: „Da gibt es keinen einen Weg“, sagt Michelle Thorne. Was soll man tun, wenn man eigene Werke im Web findet, bei denen die CC-Lizenz missachtet wird? Michelle Thorne rät, den Verantwortlichen der entsprechenden Seite erst einmal freundlich anzuschreiben und auf die Urheberrechtsverletzung hinzuweisen – so kann es oft zu einer Einigung ohne Streit kommen. Manchmal wissen die Nutzer gar nicht, dass ihre Seite schon als kommerzielle Verwendung zählt, zum Beispiel bei einem privaten Blog mit Google-Anzeigen.  Noch nicht gelöst ist, wie man gewährleisten kann, dass es wirklich eigene Werke sind, die da unter CC lizensiert werden. Das ist für die Nutzer sehr wichtig, die im Zweifelsfall für die Verwendung zahlen müssen, obwohl sie dachten, dass das Werk freigegeben sei. „Es gibt da keine hundertprozentige Garantie“, schränkt Michelle Thorne ein, „es ist immer noch ein Vertrauensvorschuss nötig“. Aber es gibt schon Projekte, die an einer Lösung des Problems arbeiten und eine Identitäts-Validierung ermöglichen wollen.  Rechtlich spannend ist es auch noch, wenn es um die weltweite Vereinheitlichung des CC-Konzeptes geht: Nationale Rechte unterscheiden sich, CC-Lizenzen können aber über Ländergrenzen genutzt werden: Jemand lädt ein CC-lizensiertes Bild in Japan hoch, in Deutschland wird es verändert und in Amerika zum Teil einer Fotocollage gemacht. Damit CC ohne Rechtsunsicherheit funktionieren kann, gibt es bereits erste Abkommen, wie innerhalb der EU – aber auch noch viel zu klären.  Mit Open Everything öffnen sich die Creative Commons für Bereiche, auf die CC bisher nicht primär zugeschnitten war, zum Beispiel auf Computer-Hardware oder Design. Möbeldesigner Ronen Kadushin stellt zum Beispiel Designs unter CC-Lizenz ins Netz und veröffentlicht die Baupläne. Gleichzeitig verdient er mit seinen Möbeln Geld. Businessmodelle wie diese, sagt Michelle Thorne, gibt es viele.  Bei der letzten re:publica-Konferenz allerdings, so bemerkt eine Teilnehmerin des a&b-Camps, zweifelte CC-Erfinder Laurence Lessing sein eigenes Konzept selbst an: Es funktioniere nicht für kommerzielle Künstler. Ob legal oder illegal, im Netz bleibt es wohl dabei: „Happy Remixing!“  Links zu Creative Commons:

Informationen zu Creative Commons auf Deutsch Creative Commons-Lizenzen und die dazugehörigen Symbole: Internationale Creative Commons Website FFAQ (Frequently Frequently Asked Questions) Videos zur CC-Nutzung Übersicht über Dienste, mit denen man CC-Content finden kann Der Creative Commons Compatibility Wizard: Hilft herauszufinden, welche Lizenzen für die Re-Lizensierung kompatibel sind Fallbeispiele: Businessmodelle und Einsatzmöglichkeiten von CC Michelle Thornes Blog

 Verwandte Artikel

NDR erlaubt freies Herunterladen ausgewählter Inhalte (0) Napster kündigen? Nur keine Eile! (11) Interview: Michelle Thorne, Creative Commons (1) Freie Inhalte sind sexy (8) dpa erklärt Creative Commons (6)

September 27 2009, 2:22pm

Creative Commons auf Flickr tendenziell restriktiv

Nach einer aktuellen Studie von Creative Commons tendieren Flickr-Nutzer dazu, ihren Werken verhältnismäßig restriktive Rechte zuzuteilen. Drei Viertel der Nutzer (76%) schließen kommerzielle Verwendung ihrer Werke aus, bzw. verlangen für diesen Fall persönliche Vereinbarungen. Anders sieht das Bild aus, wenn es um kreative Abwandlungen geht: etwa zwei Drittel (63%) erlauben Bearbeitungen ihrer Bilder. Gewählte Creative-Commons-Lizenzen im Detail Das oben skizzierte Bild bestätigt sich bei einem Blick auf die tatsächlich gewählten Lizenzen. Die restriktivste Version (BY-NC-ND), die keinerlei Bearbeitungen und kommerzielle Nutzung erlaubt, ist mit 33% die beliebteste, gefolgt von BY-NC-SA mit 29%. Verhältnismäßig freie Lizenzen wie BY und BY-SA sind unbeliebter (12% und 8%). Die Wachstumsrate von Creative-Commons-Bilder ist nach einem Hoch 2006 auf stabil bleibende 4% gesunken. Insgesamt werden über 100 Millionen Bilder auf Flickr unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht. Die Zahlen belegen, dass Creative Commons sich auf Flickr etabliert haben, die Fotografen jedoch bedacht mit ihren Werken umgehen und für kreative Projekte (Abwandlungen, Collagen etc.) tendenziell offen sind, kommerzielle Verwendungen allerdings kontrollieren möchten. Für Einsteiger: was bedeuten die Abkürzungen? Creative Commons erlauben die flexible Bestimmung der Rechte an einem Werk. Genauere Erklärungen gibt es in unserem Beitrag zum Update der Creative Commons auf Version 3.0. Die Abkürzungen stehen für:

BY: Namensnennung NC: no commercial, keine kommerzielle Verwendung SA: share alike: Weitergabe unter der gleichen Lizenz ND: no derivatives, keine Bearbeitung

In den Flickr-Einstellungen kann jeder Nutzer seine bevorzugte Lizenz einstellen. Standardmäßig steht sie auf “all rights reserved” (keine Creative Commons), alternativ kann sie für jedes Bild separat gewählt werden. [via readwriteweb]

 Verwandte Artikel

NDR erlaubt freies Herunterladen ausgewählter Inhalte (0) Interview: Michelle Thorne, Creative Commons (1) dpa erklärt Creative Commons (5) ABC-Podcast über Vor- und Nachteile von Creative Commons (0) 5 Jahre Creative Commons (1)

March 31 2009, 11:04am

Seite 1