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Die unglaublichen Versprechen des Timothy F.

Schlanke Linie, dicke Muskeln, guter Schlaf und toller Sex

Für die einen ist er ein Scharlatan, für die anderen ein praktischer Philosoph des schöneren Lebens. Nachdem uns Timothy Ferriss im Jahr 2008 in der „4-Stunden-Woche“ erklärt hat, wie man mehr verdient, weil man weniger arbeitet, verspricht sein neues Buch: jeder kann zum Supermenschen werden….

„Der 4-Stunden-Körper“ ist gerade in der deutschen Übersetzung erschienen. Auf der Berliner Next-Konferenz hat Ferriss sein neues Werk vorgestellt. Ich hatte mir nur etwas Abwechslung von den drögen Business Talks erhofft und inhaltlich nicht viel erwartet. Ferriss – ist das nicht dieser US-amerikanische Aufschneider, der ein paar Allgemeinplätze und Ratgeber-Weisheiten zusammenfasst hat und damit verdammt viel Geld macht?

Sein Vortragsstil war nicht gerade geeignet, dieses Bild zu korrigieren: schreiende Präsentations-Folien, offensiv zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein und ein Dauergrinsen wie aus dem Verkaufs-Fernsehen. Doch irgendetwas an seinem Vortrag hat mich angefixt, und ich hab mir das Buch geholt (auf Englisch, zu der Zeit war die deutsche Übersetzung noch nicht auf dem Markt).

Auf stolzen 608 Seiten erklärt dieser Menschenfänger, wie man: 1. in kurzer Zeit gigantisch viel Fett abnimmt (9 Kilo in 4 Wochen) 2. im selben Zeitraum genau so viel reine Muskelmasse zulegt 3. als Mann den Trieb eines jugendlichen Stiers bekommt und als Hetero-Mann jede Frau zum Orgasmus bringt 4. weniger und erholsamer schläft.

Teilweise sind seine Tipps ein alter Hut: sein Abnehmprogramm ist eine abgewandelte Version der alt bekannten Atkins-Diät, Ferriss hat sie einfach von „Low-Carb“ in „Slow-Carb“ umgetauft: man meidet Kohlenhydrate wie der Teufel das Weihwasser. Brot, Reis, Nudeln sind verboten, und auch Obst, statt dessen gibt es Eiweiß und Gemüse. Damit man das durchhält und der Körper sich nicht auf ein Notprogramm umprogrammiert, darf man einen Tag in der Woche essen, was man will. Umso ungesünder, umso besser.

Auch das Rezept zum rasanten Muskelaufbau ist nicht unbedingt neu: nicht zu oft trainieren, da Muskel-Generation Zeit braucht. Man trainiert mit hohen Gewichten und wenigen Wiederholungen und reizt den Muskel so lange, bis dieser aufgibt. Einigermaßen innovativ ist sein Konzept der „Minimal Effective Dose“: das Ziel ist es, das Minimum an Trainingsfrequenz und Zeitaufwand zu finden, bei dem der Körper den Prozess des Muskelwachstums in Gang setzt. Mehr zu trainieren ist erstens Zeitverschwendung und erhöht zweitens die Wahrscheinlichkeit von „Nebenwirkungen“ durch Überlastung des Körpers.

Wie im Vorgängerbuch wird auch hier das Programm mit Kniffen zur Selbstmotivation und Selbstüberwachung garniert: man bringt ein Oberkörper-Foto am Kühlschrank an, fotografiert, was man isst und misst permanent seinen Fortschritt: das Gewicht, den Hüftumfang und wenn möglich noch den Körperfettanteil. Das klingt trivial, ist jedoch nicht dumm. Jeder Versuch, sich und seinen Körper zu verändern steht und fällt mit der Motivation und der Fähigkeit, das Vorhaben auch dann durchzuhalten, wenn es anfängt zu nerven. Die Überzeugung, so dick oder schlapp zu sein, weil die eigenen Gene das so vorbestimmt haben, sieht er als eine Entschuldigung für Nichtstun. Prädisposition ist nicht gleich Prädestination.

Nun hat Tim Ferriss allerdings 600 Seiten vollgeschrieben – es bleibt die Frage, womit. Neben allem Talent, sich zu vermarkten und unterhaltsame Anekdoten aus dem eigenen Leben einzustreuen, ist Ferriss vor allem ein akribischer Journalist und ein genialer Laien-Wissenschaftler. Er hat alles verfügbare Wissen der Medizin und der Sportwissenschaft zusammengetragen, sich mit Professoren und Ärzten unterhalten, mit Bodybuildern und Trainern. Und er hat krude Selbsttests durchgeführt. Alle Maßnahmen, die er vorschlägt, hat er am eigenen Körper durchgeführt und dokumentiert.

Das neue Werk des umtriebigen US-Amerikaners wird vermutlich auch in Deutschland zum Bestseller werden. Das Versprechen, Menschen beider Geschlechter schlank zu machen und Männer zu athletischen Körpern zu verhelfen, kommt seit je her gut an. Ein ganzes Genre an Frauen- und Männerzeitschriften lebt davon. Auch die kommerzielle Web-Gemeinde hat den Braten gerochen und sich vorbereitet: fast alle denkbaren URLs, die mit dem Titel „4-Stunden-Körper“ spielen, sind schon vergeben und werden aktiv mit Inhalten bespielt – in der Hoffnung, dass jemand über Google auf die Seite gelangt und dem Seitenbetreiber über den Amazon-Partner-Link Provisionen einbringt.

Timothy Ferriss hat es also wieder geschafft. Er hat seinen eigenen Körper ausgetrickst, die Körper und die Leben seiner Leser optimiert und ist selbst um ein paar Millionen reicher geworden.

Wenn man sich durch die Videos seines Youtube-Kanals klickt, sieht man allerdings, dass ihm der Hack des eigenen Körpers nicht ganz gelungen ist. Seine Gene haben an einer empfindlichen Stelle zugeschlagen. Der Testosteron-überschwappende, schlanke, hypermuskulöse und ausgeschlafene Tim Ferriss hat auf dem Weg zum Superman die Haare verloren. Völlig überlisten lässt sich der menschliche Körper noch nicht.

Links und Credits: Die “offizielle” 4-hour-body-Website Das Buch auf Amazon: Der 4-Stunden-Körper, Riemann Verlag, 608 Seiten , 22,95 € The four-hour body, Crown Archetype, 574 Seiten, 14,95€ Oberes Foto, v.l.n.r.: Flickr by alancleaver_2000 (CC-Lizenz by/2.0), uggboy (by/2.0), Ed Yourdon (by-sa/2.0), Floris M. Oosterveld (by/2.0)  

June 24 2011, 9:48am

Frei zugängliche Inhalte will kein Mensch

Was ist vor ein paar Tagen passiert? Die Meldung des Tages aus Sicht der Buchverlage kam aus New York: Das dortige Bezirksgericht lehnte das Google Book Settlement ab, womit der Konzern künftig für die Digitalisierung von Literatur in jedem Fall die Zustimmung der Rechteinhaber braucht. Siehe da: das Internet ist kein rechtsfreier Raum … Ich finde das Urteil gut, weil bestehendes Recht eingehalten werden muss. Es sollte sich niemand darüber hinweg setzen dürfen, wie wir das ja bspw. in der Weltpolitik leider täglich anders erleben. Wenn der Rechtsrahmen nicht mehr passt, weil bspw. neue Technologien Märkte umkrempeln, dann muss in jedem Falle erst das Recht angepasst werden, ehe man anders agieren kann. Sonst endet man in der Willkür. So weit, so selbstverständlich. Interessant ist es nun, sich die Reaktionen auf dieses Urteil anzusehen. So hat der Justiziar des Buchbranchen-Verbandes Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Dr. Christian Sprang, neulich der Buchbranchen-Verbandsplattform Boersenblatt.net ein Interview gegeben, in dem er zunächst das Urteil gutheißt und die Perspektiven von Googles Projekt einschätzt: Google wird sich sicher die Frage stellen müssen, ob sich der Aufwand für die Massendigitalisierung noch lohnt, wenn das Verfahren auf „Opt-in“ umgestellt wird. (…) Die Autoren und Verleger können sich das Urteil in Gold einrahmen Dann aber folgt Wunderliches – im Überschwange des “Sieges”?: (…) Richter Chin hat darin klar zum Ausdruck gebracht: Das Urheberrecht hat einen Kern, über den man nicht verfügen kann. Es ist ein Eigentumsrecht, und dahinter muss der Anspruch der Internetgemeinde, alle Inhalte zugänglich zu machen, schlicht und einfach zurücktreten. Schon lange suche ich jemand, der mir die ominösen und vielerwähnten Begriffe “Internetgemeinde” bzw. “Internet-Community” erklärt. Wer bitte soll das sein? Alle Internetnutzer? Nutzt Dr. Sprang das Internet nicht, sodass er von einer anderen Gruppe sprechen kann? Wo steht ferner der Anspruch der “Internetgemeinde” formuliert, alle Inhalte gegen den Willen der Urheber zugänglich machen zu wollen? Das ist doch eine starke Unterstellung, wie ich finde, die einen Beleg verdient. [Nachtrag : Matthias Ulmer beschreibt, was die “Internetgemeinde” sein soll] Doch dann geht es noch weiter. Dr. Sprang wird zu der Aufgabe von Verlagen befragt: Aber haben Verlage nicht zumindest eine moralische Verpflichtung, auch im Internet den Zugang zu möglichst vielen Inhalten zu ermöglichen? Seine Antwort: Ganz bestimmt. Aber es ist auch eine Mär zu glauben, dass es im Netz eine ständige Nachfrage nach wichtigen Inhalten gäbe, die kommerziell nicht erhältlich sind. Drei von fünf gemeinfreien Büchern, das zeigt eine aktuelle Untersuchung, sind nach ihrer Digitalisierung nicht ein einziges Mal weltweit genutzt worden. Auf welche Untersuchung bezieht sich Dr. Sprang und worauf bezieht sich diese Untersuchung? Mit “das zeigt eine aktuelle Untersuchung” kann man bekanntlich alles “belegen”. Und was will er uns darüber hinaus sagen? Will er uns sagen, dass es keinen Bedarf an frei zugänglichen Inhalten jenseits von Verlagsangeboten gibt? … Ich lese hier eher das übliche Muster des Schutzes des eigenen Marktes heraus. Wir könnten ja mal eine Umfrage starten, um zu schauen, ob Dr. Sprangs Sicht tatsächlich auch die selbstverständliche Sicht der Kunden seiner Kunden ist. So erfreulich ich es finde, dass das Recht auch im Falle von Googles Buchprojekt durchgesetzt wird, so bedauerlich finde ich es, dass die Verfügbarmachung von Buchinhalten zu langsam voran geht. Während Google bisher schon 15 Millionen Bücher digitalisiert hat, sind es im Falle der groß angekündigten EU-Initiative gerade einmal 1,2 Millionen Bücher. Spiegel Online bringt es auf den Punkt: Google übernimmt Aufgaben, die der Staat nicht erfüllt Kevin Kelly hat in seinem Vortrag auf der TOC 2011 treffend festgestellt: We used to be people of the book, now we are people of the screen. Daher sollten nun möglichst alle Buchinhalte auf Bildschirmen verfüg- und einfach nutzbar sein. Noch immer steckt unser Wissen aber im Wesentlichen zwischen Buchdeckeln. Je langsamer die Digitalisierung also voran geht und je stärker die Anbieter ihre Märkte abschotten und den Wandel verlangsamen, desto eher werden die Leute zu (illegalen) Alternativen greifen. Die Piraterie nimmt ja schon jetzt massiv zu. Zudem werden die Möglichkeiten, selbst Bücher zu scannen, immer besser. So könnte sich das Urteil gegen Google langfristig auch für die Buchbranche als Pyrrhussieg erweisen.

Dies ist ein Crosspost.

March 30 2011, 10:10am

Ein Versuch, “das Prinzip Buch” zu verstehen

Vor ein paar Tagen habe ich in meinem Blog kurz auf das neue Logo des Buchbranchen-Verbands Börsenverein des Deutschen Buchhandels hingewiesen. Dieses ist Teil eines neuen und durchaus ansprechenden Corporate Designs des Verbandes. Gleich nach Erscheinen des Beitrags bekam ich entsprechendes Informationsmaterial zugeschickt, was ich prima finde. Beim Börsenverein steht zu lesen: Ein Gedanke, eine Zukunft, ein Logo: Die Börsenvereinsgruppe wächst zusammen. Sichtbar wird diese Entwicklung in der neuen gemeinsamen Bildmarke. Aus der klassischen Buchform wird ein Symbol für das Prinzip Buch. Es abstrahiert und visualisiert, dass Inhalte in vielen Erscheinungsformen angeboten werden – als Print-Bücher, E-Books, Hörbücher oder für mobile Endgeräte. Das neue Corporate Design bildet damit ein Dach – für die Börsenvereinsgruppe und die moderne Buchbranche. Es soll sich also um ein “Symbol für das Prinzip Buch” handeln, das ausdrücklich Hörbücher mit umfassen soll. Was aber ist “das Prinzip Buch”? Gehört davon habe ich zum ersten Mal irgendwann 2010. Jetzt aber scheint der Begriff die offizielle Sprachregelung zu sein. Zumindest findet er sich allerorten und selbst der Börsenvereins-Vorsteher Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, der mir bisher nicht als Verfechter des Digitalen aufgefallen ist, sondern auch auf der Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2011 eher wieder als Vorkämpfer der Anpassung des Internets an die Wünsche der Buchbranche, sprach in seinem Vortrag vom “Prinzip Buch”, obwohl das eine Entfernung vom gedruckten Buch bedeutet…

Was aber soll nun “das Prinzip Buch” sein? Alexander Skipis, Börsenverein-Hauptgeschäftsführer, formuliert es in den neuen Börsenvereins-Unterlagen wie folgt: Gerade die traditionellen Eigenschaften des Buches machen es zu dem überlegenen Medium für die Aneignung von Langtexten. Als solches wird es in der wachsenden Vielfalt der Medien zunehmend geschätzt und nachgefragt sein. Das “Prinzip Buch” – damit meine ich das Bedürfnis nach längeren, vertiefenden, nachhaltigen, zuverlässigen, relevanten Texten: Dieses Prinzip hängt nicht an der Frage analog oder digital. Sondern es ist die perfekte Antwort auf ein Bedürfnis des Lesers, der, selbst wenn er auf einem Monitor im Buch läse, auch als User ein Leser bliebe. Das scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Damit scheint die brancheninterne Definition des “Prinzips Buch” ziemlich nah an dem zu sein, wie man in der Buchwissenschaft “Buchformen” definiert: Buchformen, vom Trägermaterial und der Art seiner Weiterverarbeitung abhängige physische Form der Speicherung längerer zusammenhängender Texte oder mehrerer Texteinheiten, die auch illustriert sein können. Die Geschichte der B. zeigt zwar, dass phasenweise mehrere B. nebeneinander Bestand haben und verwendet werden können (z.B. Codex und Buchrolle, Handschrift und Druck); in aller Regel jedoch löst die auf innovativen Technologien basierende B. mittel- und langfristig die Vorgängerform ab. [Quelle: Ursula Rautenberg (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Reclam, Stuttgart 2003]

Wie aber passt es dann zusammen, dass es einerseits primär um Texte gehen soll und auf der anderen Seite Hörbücher einbezogen werden? Ist es wirklich eine “anthropologische Konstante”, dass die Leute vor allem lesen wollen? Wenn es primär um Texte geht, warum werden dann multimedial “enhanced” E-Books als heißes Zukunftsprodukt diskutiert? Noch dazu lesen wir Folgendes auf der Website vonFrankfurt SPARKS, der digitalen Initiative der Frankfurter Buchmesse, die wiederum ein Tochterunternehmen des Börsenvereins ist: „Enhanced Books“, „Enriched Media“, Multichannel-Metadaten, digitale Whiteboards – nicht jede Form von Content passt zwischen zwei Buchdeckel. Neue Geschäftsmodelle verwandeln die Verlagswelt in eine Content Landschaft, die alle Medien umfasst. Dies geschieht einerseits durch neue Technologien. Gleichermaßen ist es jedoch die Story, die den Erfolg eines Produktes ausmacht. Meinem Eindruck nach steht Frankfurt SPARKS von der Idee her dem viel näher, was die Zukunft von Inhalte-Branchen ausmachen wird. Hätte man daher nicht parallel zum neuen Corporate Design auch ein entsprechendes und wirklich neues Corporate Wording entwickeln können, das noch einen Schritt weiter geht und nicht beim text-orientierten “Prinzip Buch” stehen bleibt? Vielleicht bin ich ja nicht der Einzige, der da einen Widerspruch vermutet. Ich jedenfalls empfinde es als verlorene Chance. Vielleicht hätte man diese für das Selbstverständnis einer Branche elementare Frage auch nicht primär Börsenvereins-intern, sondern breiter in der Branche diskutieren sollen. Jedenfalls trifft es Frankfurt SPARKS aus meiner Sicht recht genau: es geht am Ende nicht um die Inhalte-Form, sondern um die Story. Das wiederum heißt, dass es um das Nutzerinteresse geht. Damit greift Frankfurt SPARKS eine Tendenz auf, die seit Jahren überall zu sehen ist. Der Kunde wird wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt. Viele Verlage sehen sich doch inzwischen eher als Problemlöser – mit welchen Mitteln auch immer sie sie lösen. Fachverlage wie die Haufe Mediengruppe haben sich schon lange stärker zielgruppenorientiert und weniger produktorientiert aufgestellt. Wenn es aber künftig um alle Medienformen geht, mit deren Hilfe es Kundenprobleme zu lösen gilt, wenn also die technologischen Umfeldbedingungen den (Buch-)Markt nicht mehr wie früher selbstverständlich abgrenzen, was macht dann künftig noch die Branche und konkret den Börsenverein aus? Kann er alles abdecken – langfristig also auch Games, Musik, Film, Software, …? Kann er das besser als andere Verbände aus diesen Bereichen? Oder sollten sich nicht ebenfalls Verbände wie die Unternehmen auch stärker an Zielgruppen und deren Bedürfnissen ausrichten? Ich habe bestimmt nicht Antworten auf alle Fragen parat und vielleicht ist auch nicht jede Frage zu Ende gedacht. Ich fände allerdings eine entsprechende Diskussion spannender als die Vorgabe einer Bezeichnung wie “das Prinzip Buch”, deren ganz konkrete Bedeutung meinem Eindruck nach die wenigsten verstanden haben … Dies ist ein Crosspost.

March 28 2011, 9:43am

Buchrezension: Die neuen Marketing- und PR-Regeln im Web 2.0

Satte 418 Seiten habe ich durchgearbeitet und einiges an neuen Erkenntnissen zum Umgang mit den neuen Medien und zur Pressearbeit mitgenommen. Bei dem Buch Die neuen Marketing- und PR-Regeln im Web 2.0 von David Meerman Scott handelt es sich um die zweite Auflage mit den neuen Regeln aus der social media Welt. Anfänger müssen sich erst einmal zurechtfinden in dem Dschungel der Medienvielfalt. Aber es ist absolut lohnenswert. Auch für Fortgeschrittene halte ich das Buch für einen wichtigen Impulsgeber. Man kann es gut querlesen und ausgesuchte Kapitel genauer studieren. Das Web 2.0 bietet zwischenzeitlich einen ganzen Katalog an Möglichkeiten, wie wir uns beim Kunden, bei Interessenten und in der Öffentlichkeit präsentieren können. David Meerman Scott stellt sie alle vor: Foren, Wikis, Blogs, Netzwerke, Website, Online-Presse, Audio und Video. Er weist immer wieder darauf hin, dass diese nicht nur ein neues Denken bei den Business Ownern und Marketing Verantwortlichen erfordern, sondern auch eine Ressourcen-Umstellung. Mitarbeiter brauchen andere Qualifikationen und der Informationsgehalt muss sich verändern. Ich denke, alten Marketinghasen fällt das Umdenken nicht grad leicht. Sie sind ja nicht durchweg mit Twitter, YouTube, Facebook & Co. im Einklang und können oder wollen meist auch nicht damit umgehen. Was sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen zieht ist der Grundsatz: keine Vermarktung eigener Dienstleistung oder Produkte sondern Informationen bereitstellen und sich dadurch das Vertrauen der Kunden und Interessenten erarbeiten. Seine Kunden also verstehen lernen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, wird in der Praxis trotzdem von einigen nicht gelebt. Unterhaltsam wird es, wenn Scott beispielsweise Geschichten erzählt wie die von Sony und einem beliebten Fotozubehör-Händlers. Ein verärgerter Käufer hat sich in einem Blog über einen verkorksten Auftrag geärgert und die Vertriebspolitik von Sony angeprangert. Das hat zu einer Lawine von weiteren entrüsteten Blogbeiträgen geführt. Sony hat die Blog- und Foreneinträge schlichtweg ignoriert. Pech für Sony. Der Ruf hat ziemlich gelitten. Der Zubehör-Händler dagegen hat sich viele Sympathien geholt, weil er sehr positiv reagiert hat. Das war aber nur eines von mehreren Beispielen, die die Macht der Internetgemeinde demonstrieren. Der Leser erfährt viel Grundlegendes für seine Online-Marketing- und Pressearbeit. Immer wieder geht David Meerman Scott auf die Wahlkampagne von Barak Obama ein und analysiert deren Erfolg. Die Erkenntnisse lässt er dann in die Regeln zu Erstellung eines PR- und Marketingplans einfließen. Beim Thema Pressemitteilungen kommt er auf Umfragen zu sprechen, in denen Journalisten aber auch andere Leser die nervigsten Kauderwelschwörter genannt haben, die schon keiner mehr ernst nimmt. Dazu gehören: Marktführer, innovativ, bahnbrechend, Best of Breed, kosteneffizient etc. Natürlich hat er die Umfrage in USA und nicht im deutschsprachigen Raum durchgeführt. Aber aus meiner eigenen Erfahrung beim Übersetzen von US Pressemeldungen kann ich sagen: Recht hat er. Die Leser und vor allem die Journalisten wollen keine Selbstbeweihräucherung von Unternehmen lesen sondern wollen Informationen, mit denen sie etwas anfangen können und die für sie wertvoll sind. Und immer kommt wieder der Hinweis: sprich die Sprache Deines Kunden. Das Kapitel News Release Strategie halte ich daher wirklich für lesenswert. Der Übersetzer liefert gleich noch eine Auswahl deutscher Distributionsservices für News Releases dazu Bevor der Autor uns mit den neuen Regeln für Marketing und PR vertraut macht, erklärt er erst einmal, was sich durch das Web für unsere Arbeit verändert hat. Schnell wird klar, dass die alten Regeln hier nicht mehr funktionieren. Die Interaktion durch Foren, Blogs und ähnliche Instrumente machen das Unternehmen angreifbar, weil es seine Außendarstellung nicht mehr alleine bestimmen kann. Aber genau darin liegt auch eine große Chance, wie wir am Beispiel von Sony und dem Online-Händler gesehen haben. Scott beschreibt in den Kapiteln 2 bis 20 ausführlich, wie der Leser vorgehen kann, wenn er die neuen Regeln einsetzen möchte, und wie er mit den Medien kommuniziert. Das Buch ist im Erzählstil geschrieben durchzogen mit ausführlichen Beispielen und Hintergrundinformationen. Ich finde die Übersetzung sehr gut gelungen. Die Besipiele von David Meerman Scott stammen leider überwiegend aus dem amerikanischen Markt. Der Übersetzer versucht aber in Anmerkungen, auf europäische Beipiele zu verweisen. Jeder, der für Marketing und Vertrieb verantwortlich ist, kann sich aus diesem Buch hilfreiche Informationen und Anregungen rausholen. Für mich ist daraus ein Arbeitsbuch geworden, ich habe es mit vielen Fähnchen und gelben Markierungen versehen. Mich stört auch nicht, dass ich immer wieder auf Redundanzen stoße. Ich sehe das unter dem Aspekt: steter Tropfen höhlt den Stein. Das Bewusstsein, wie neues Marketing funktioniert, stellt sich ja nicht durch einmaliges Lesen ein.

Beatrice Brenner ist Leserin von netzpiloten.de und freie Marketingberaterin mit einer sehr langen Berufserfahrung in allen Sparten und Branchen. Sie ist über ihre Website mbs-brenner.com zu erreichen.

January 25 2011, 10:00am

Grenzüberschreitende Buchmesse

Das Motto der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vom 6. bis zum 10. Oktober 2010 hieß für mich Grenzüberschreitung. Wir wissen ja seit langem, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Medienteilmärkten in dem Maße fließender werden müssen, in dem die technisch bedingte Abgrenzung bspw. zwischen Büchern und Datenträgern für Musik, Filme und Software schwächer wird. Die Abgrenzung wird tatsächlich auch immer schwieriger. Denn was ist auf dem iPad noch ein Buch? Ist ein auf das iPad transportierter Bildband noch ein Buch oder nicht einfach eine Website oder Applikation mit Bildern? Dass diese Fragen auch in der Buchbranche immer stärker diskutiert werden und zunehmend auch zu praktischen Konsequenzen führen, zeigte schon die zentrale Neuerung der Buchmesse: das StoryDrive-Konzept, bei dem – losgelöst vom Buch – die richtigen Fragen gestellt werden: “Sind auch Sie davon überzeugt, dass Inhalt keine Grenzen kennt? Stehen für Sie Geschichten im Mittelpunkt, unabhängig von ihrer Erzählform? Schaffen Sie mit Geschichten Welten?” Dementsprechend sollte StoryDrive ein Treffpunkt für die internationale Medien- und Entertainmentwelt sein: “Gemeinsam mit Vertretern der Verlags- und Filmbranche, Experten aus Musik- und Gamesindustrie, aus Technologie und Social Media, mit Cybercitizens, Urhebern und Mediennutzern begegnet sich hier die Zukunft der Medien- und Entertainmentbranchen. StoryDrive richtet sich an alle, deren Welt sich um gute Geschichten dreht – und die mit Geschichten Welten schaffen.” Mehr nach dem Klick… StoryDrive wurde aus meiner Sicht gut aufgenommen, v.a. was die grundlegende Idee betrifft. Bei der Umsetzung gab es noch die eine oder andere Optimierungsmöglichkeit, worüber ich auch im Blog der Frankfurter Buchmesse geschrieben habe: “Interessante Geschichten, wenig Zuhörer – erste Eindrücke von der Konferenz StoryDrive” – Gefreut habe ich mich sehr über den konstruktiven Umgang mit solchen Anmerkungen bei der Buchmesse, wie ihn dieser Tweet von Buchmesse-Mitarbeiter Frank Krings belegt. Was mir in den Gesprächen im Vergleich zu den Vorjahren vor allem auffiel, war ein erfreulich nüchterner Umgang mit Medientrends-Themen. Auf den vergangenen Buchmessen herrschte bei Themen wie E-Books und Social Media noch eine Mischung aus Aktionismus und Verunsicherung. Nun werden die Dinge stärker hinterfragt, die Chancen abgewogen und die Umsetzung wird pragmatisch angepackt. Zugleich habe ich eine größere Offenheit für neue Themen wahrgenommen. So hielt ich im Forum Zukunft einen Vortrag über mögliche Chancen für den Buchmarkt durch das freiwillige Bezahlen via Flattr, Kachingle & Co. Dieses Thema wäre in den vergangen Jahren wahrscheinlich als absurd und irrelevant zurückgewiesen worden. Seit jedoch u.a. die Buchverlage ständig steigenden Druck auf ihre etablierteren Geschäftsmodelle spüren und manch anerkannter Verlag mit diesen neuen  Modellen zu experimentieren beginnt, werden auch solche Themen ernster genommen. Das Interesse vor Ort war jedenfalls rege. Grenzüberschreitungen zum Thema hatte auch eine Diskussionsrunde des  “buchreport“, an welcher ich auf der Buchmesse teilgenommen habe: “Sprengt die Digitalisierung die Branche?” hieß die etwas provokante Ausgangsfrage. Etwas überrascht war ich dann, mit welcher Gelassenheit die Teilnehmer, neben mir Vertreter aus dem Buchhandel, von Random House Audio und von der Internet-Plattform bilandia.de, mit dieser Frage umgingen. Der Tenor war, dass die Branche vielleicht nicht gesprengt, dafür aber stark erweitert wird, was eine zu begrüßende Tendenz sei. So hieß es, dass sich das Fähigkeitenspektrum des Nachwuchses selbstverständlich erweitern muss, da auch die Anforderungen in den Unternehmen steigen und zunehmend neue Fähigkeiten umfassen. Heute müsse man bspw. vielfach auch selbstverständlich mit Software und Programmierung umgehen können. Außerdem müssten die Unternehmen der Buchbranche künftig auch attraktiv für Bewerber aus anderen Bereichen der Wirtschaft werden, was heute nur bedingt der Fall sei. Zudem müsste man den Blick bei der Wettbewerbsabgrenzung erweitern. Man sehe ja schließlich, aus welchen Bereichen die neuen innovativen Unternehmen des Buchmarktes kommen und das sind eben immer öfter Bereiche, die nur wenig mit der klassischen Buchbranche zu tun haben. Dass Grenzen in der Buchbranche noch zu selten überschritten werden, zeigte sich für mich bspw. auf der diesjährigen re:publica. Dort habe ich kaum jemand aus der Buchbranche getroffen. Man ist noch oft sehr auf sich und die brancheneigenen Events fokussiert. Das wird sich aber sicher ändern, weil die Vernetzung über die Grenzen der Buchbranche hinaus immer wichtiger wird. Ich nehme auch viele Zeichen für eine zunehmende Offenheit wahr, die sich eben nicht nur auf der Buchmesse gezeigt haben. So wird inzwischen auch mit Formaten experimentiert, welche wir aus der Web-Szene kennen. Im Mai fand bspw. das erste BarCamp für die Buchbranche statt: das BuchCamp. Zudem gibt es immer mehr Treffpunkte jenseits der klassischen Branchenevents wie die BuchSW-Treffen bspw. in Stuttgart und Köln oder jüngst das Books Brains Hamburg 2010. Überall scheint der Tenor zu sein, dass die Branche sich zum einen öffnen und zum anderen aber auch besser vernetzen muss, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Dieses Ziel verfolgt auch meine Initiative “Ich mach was mit Büchern” seit 2009 sehr aktiv, die auf großes Interesse gestoßen ist. So spürt man in der Buchbranche an vielen Orten Aufbruchstimmung. Das zeigte sich auch auf der Buchmesse. Gerade das war letztlich die aus meiner Sicht interessanteste Beobachtung auf der Buchmesse: Je mehr neue Technik uns zur Verfügung steht und je souveräner die Buchleute damit umgehen, desto stärker scheint der Mensch (bzw. Leser, Kunde, Kollege, …) in den Mittelpunkt zu rücken. Das wiederum finde ich sehr positiv.

October 19 2010, 10:00am

Blog goes Book: Wird offline das neue online?

Blogs zum Anfassen scheinen ein neuer Trend zu sein. Immer mehr Blogger machen den Sprung vom Bildschirm auf den Couchtisch und erscheinen im Druckformat. Die Streetstyle Blogs von Stil in Berlin (www.stilinberlin.com) und I like my Style (www.ilikemystyle.net) kommen plötzlich als Magazinformat daher. Scott Schumann von The Satorialist (www.satorialist.com) zeigt seine Streetstyle Aufnahmen bereits seit letztem Jahr als Bildband. Ebenso Ivan Rodic von The Facehunter (www.facehunter.net), der seine bunten Bilder von der Strasse als Catwalk gebunden ins Bücherregal gebracht hat. Während mich die Idee vom Modeblog als Druck noch nicht richtig überzeugt hat, bin ich vom Neuzugang The Selby is in your Place (www.theselby.com) ziemlich angetan… Fotograf Todd Selby porträtiert in seinem Blog mehr oder weniger berühmte kreativer Persönlichkeiten in ihrer persönlichen Umgebung. Und wer wirft nicht gerne mal einen Blick hinter die Kulissen und sieht wie schöpferische Geister privat leben? Oder in welchem Umfeld sie ihre Arbeit vollbringen? Auf 256 Seiten zeigt Selby genau diese Einblicke in Wohnungen, Lofts, Studios und Ateliers und stillt unseren Hunger nach Authentizität. Und nicht nur die Fotos sind ausgesprochen stimmungsvoll, sondern auch sehr inspirierend. Abgerundet wird das Buch, wie der Blog, durch Selbys farbenfrohe Illustration. Erschienen ist der Bildband im Abrams Verlag, der Preis liegt bei 21,95 Euro.

(Fotos: The Selby; Silke Lambers)

July 20 2010, 10:06am

Rezension: Social Media Relations

Bernhard Jodeleit fehlt auf keinem social media event. Er ist aber auch im Netz unterwegs, wenn es um relevante Diskussionen zum Thema PR und Social Media geht. Zum Vorteil gereicht ihm dabei die Tatsache, dass er sich zwar fast immer beteiligt, aber nie in den Vordergrund spielt. Genau so funktioniert auch sein Buch zum Thema: Social Media Relations, erschienen im dpunkt Verlag. In bester Beratermanier umkreist er zunächst die Ausgangslage, um möglichst viele Leser abzuholen, die mit einer gewissen Skepsis dem Thema gegenüber stehen. Mit einem distanzierten Ansatz führt er in Chancen, Herausforderungen und kritische Pfade ein, die in diesem Themenfeld lauern. Methode Dankenswerterweise ist es ihm gelungen an den wichtigen Stellen einige Checklisten für Praktiker zu platzieren, die den Gesamteindruck des Buches nicht zu einem Kochbuch für Social Media degradieren, wie es sie schon allerorten auf dem Grabbeltisch gibt. Allerdings gelingt der Spagat zwischen praktischem Nutzen und theoretischem Rüstzeug nicht immer. Denn der mahnende Hinweis, dass ein frischer Aktionismus ohne strategische Basis wenig hilft, wird nur mit wenig Substanz wirklich unterfüttert. Das mag aber auch an der jahrelangen Praxis liegen die Jodeleit im Agenturumfeld gesammelt hat. Denn viele Kunden können mit langfristigen Strategien wenig anfangen und kommen oft mit extrem trivialen Vorgaben wie Umsatzsteigerung oder besserem ROI ins Haus und winken mit Jahresverträgen. Insofern fehlt leider dem noch immer virulenten Hinweis auf eine nachhaltige Ausrichtung von Kommunikation eine gute und nachvollziehbare theoretische Begründung – im Zeitalter von Social Media ist dieses Thema aber eher noch essenzieller als es das früher war und unter dem Stichwort integrierte Kommunikation in die Fachdiskussionen Eingang hielt…

Praxis Wer aber wissen will, wie man twitter und Konsorten sinnvoll einsetzen kann und dabei nicht den Überblick verliert, der wird in keiner Weise enttäuscht. Im Gegenteil: In wenigen Büchern wird ein so guter Überblick über den professionellen Einsatz von twitter bei Agenturen gegeben. Facebook kommt etwas zu kurz und auch das Thema “eat your own dogfood first” kommt eigentlich nur bei blogs ausführlicher zur Sprache. Insofern ist der bereits angestaubte Ansatz der integrierten Kommunikation noch nicht ganz von der akademischen Welt in die Agenturpraxis eingeflossen. Aber die Themen Social Media Newsroom und Corporate Blogs könnten eigentlich das Vehikel sein, an dem man diese Diskussion neu führen sollte. Leider scheint die Kommunikation zwischen Lehre, Forschung und Praxis hier noch nicht so ganz koordiniert abzulaufen. Und so läuft auch dieses Buch Gefahr – genau wie die Ausbildung der PR-Verbände – immer nur eine Momentaufnahme des Hinterherhechelns der Kommunikationsbranche abzuliefern. Das mag im im Büroalltag ausreichend sein und auch den Verlagen in die Hände spielen, weil sich so immer wieder zweite und dritte Auflagen rechnen. Ob auf diese Weise allerdings die nötige Kompetenz gefördert wird, selbständig Neues einzuordnen und vor allem strategische Entscheidungen zu treffen, mag dahin gestellt sein. Fazit Jodeleits Buch gehört sicher zu den besten im Bereich Social Media für Agenturen, wenn es um das Beleuchten der praktischen Belange geht. Aber gerade von jemandem wie ihm – mit all der Erfahrung – wünschte ich mir einen stärkeren Fokus (vielleicht in einem weiteren Buch?) auf globale und grundlegende Überlegungen. Denn wenn man es genau betrachtet, dann sollten Agenturen neben dem Beherrschen der postmodernen Kommunikations-Klaviatur vor allem die gesellschaftlichen Diskurse und Entwicklungen in die Elfenbeintürm der Konzerne rückkoppeln. Denn im allgemeinen Hierarchie-Bergsteigen der abgeschlossenen Konzernkulturen dringt wenig Internes nach draußen und genauso wenig Externes nach innen. Und genau das könnte sich mittels social media ändern. Aber dazu braucht es eben eine grundlegend andere Sicht auf den Komplex Firma und ihre stakeholder.

July 16 2010, 10:30am

Rezension: Facebook – Marketing unter Freunden II

Nach der ersten Rezension des Buches aus PR-Sicht, folgt nun eine Rezension unserer Leserin Beatrice Brenner aus Sicht des Marketing: Das Buch hat mir anhand von Zahlen, Fakten und Erfolgsstories erst klargemacht, welchen Stellenwert mittlerweile das Social Web und speziell Facebook haben.

Die rund 250 Seiten lesen sich leicht, flüssig und unterhaltsam. Wer sich wie ich, ständig verleiten lässt, auf der Facebook-Seite rumzuklicken, um das gerade Erfahrene auszuprobieren, schaut sich besser vor Lesebeginn das Inhaltsverzeichnis genau an. Die „Geheimnisse“, hinter die man selbst nicht kommt, werden in späteren Kapiteln nämlich meist aufgeklärt. Die Lektüre ist ein idealer Leitfaden für Einsteiger, Unternehmen und Marketingverantwortliche, die Facebook strategisch einsetzen wollen (siehe Seite 15). Die Autoren erklären zunächst das Prinzip des Social Web, bevor sie den Leser langsam darauf vorbereiten, selbst aktiv zu werden…

Gerade, wer Facebook in seine Marketingstrategie integrieren will, sollte die Anfangskapitel zum Verständnis wirklich aufmerksam lesen. Fehler, die andere gemacht haben, muss man ja selbst nicht wiederholen.

„Erfolg ist, wenn Controlling ihn nachweisen kann.“ Wie bei Google so finden sich auch bei Facebook Möglichkeiten zur Erfolgsmessung der Facebook-Aktionen. Geradezu unglaubliche ROI Zahlen von bekannten Unternehmen findet man auf Seite 156. Das ist absolut beeindruckend.

Ein bisschen sollte man sich schon auskennen in der Welt der Internet-Sprache und –Tools, denn die Autoren adressieren doch hin und wieder ein internet-technisch versiertes Publikum, das mit Fachbegriffe vertraut ist. Wer aber Ajax lediglich als Putzmittel kennt und mit RSS nichts anfangen kann, sollte sich am besten gleich ein Glossar anlegen. Das würde dem Buch übrigens ohnehin gut tun.

Als fleißiger XING-Nutzer bin ich an die XING-Menuführung und Funktionen gewöhnt und finde diese auch logisch. Da ich die sozialen Netzwerke hauptsächlich business-orientiert nutzen will, bin ich mit Facebook gar nicht klargekommen. Dass ein Mann meine Freundin sein kann, leuchtet mir einfach nicht ein. Dass mich eine wildfremde Person ohne Erklärung als Freundin hinzufügen will, ist gewöhnungsbedürftig. Das Buch der Holzapfels hat mir nun den Weg durch den Dschungel gezeigt und mir die Facebook-Philosophie näher gebracht. Endlich bin motiviert, für mich ein Profil und für meine Firma eine Seite anzulegen und Facebook auch für meine Kunden einzusetzen.

Die Autoren erklären die Idee, Funktionsweisen und Plugins von Facebook ganz locker anhand von Metaphern. Das macht Spaß zu lesen und man versteht das Ganze spielerisch. Ab Seite 166 geht’s los mit Kampagnen-Beispielen aus der Business-Praxis. Beschrieben werden Erfolgsstories von etlichen B2C Unternehmen und einer Klinik, die statt Krankheiten das Thema Gesundheit in den Vordergrund stellt. Endlich mal eine positive Darstellung der Arbeit eines Krankenhauses bzw. „Gesundheits“hauses! Zum Glück gibt’s dann auch noch ein B2B Beispiel. Die beiden Autoren sind mit ihrem eigenen Unternehmen auf Facebook unterwegs und plaudern fröhlich aus dem Nähkästchen. Genau darauf habe ich gewartet. Ich halte die Zielgruppe Endverbraucher im Social Web als leichter erreichbar als Business-Kunden und bin daher für dieses letzte Beispiel mit Anregungen sehr dankbar.

Zum Schluss weist uns eine kleine Facebook-Knigge darauf hin, was man tut und was lieber nicht. Auch das ist wichtig und spart Zeit, wenn man die Erfahrungen nicht erst selbst machen muss. „facebook – marketing unter freunden „ ist nicht als Handbuch zu Facebook zu verstehen, es liefert aber sehr hilfreiche Aufklärung und eine Konzept-Anleitung für die eigene Facebook-Strategie. Wenn ich mit meinem Business in der Web 2.0 Welt bestehen will, muss ich mir darüber in Klaren sein, dass ich mich auf Augenhöhe mit dem Kunden, Interessenten und Kritiker einlasse. Hier geht es um Beziehungsaufbau und Kommunikation und nicht um klassisches Marketingdenken.

Das Buch liefert viele Hinweise, Tipps und Anregungen für die Marketing-Kreativität in Facebook. Für mich ist es zum Arbeitsbuch geworden und ich habe mir eine Checkliste und einen Ideenpool angelegt für zukünftige Aktionen. Wenn ich mir die Trends und Voraussagen am Endes des Buches anschaue, wird klar: Social Web und generell Facebook lassen sich nicht aufhalten. Web 2.0 ist kein Hype, es ist neues Marketing. Auch hier gilt: statt Aktionismus zu betreiben, die Sache lieber mit einer gut überlegten Strategie und Zielsetzung angehen. Und genau dabei hilft dieses Buch. Beatrice Brenner ist Leserin von netzpiloten.de und freie Marketingberaterin mit einer sehr langen Berufserfahrung in allen Sparten und Branchen. Sie ist über ihre Website mbs-brenner.com zu erreichen.

July 7 2010, 12:02pm

Review: Die paranoide Maschine

Nur eine neue Art der Logik kann den Computer als echte Hilfe für unser Denken nutzbar machen. Bisher sind die Datenmaschinen starrsinnig, nicht anpassungsfähig und zunehmend ineffizient. So lauten einige gut begründete Thesen des Buchautors Peter Krieg in seinem Buch “Die paranoide Maschine”. “Die Gefahr der Computer besteht nicht darin, dass sie eines Tages so klug wie die Menschen werden, sondern darin, dass wir bereit sind, ihnen bis dahin auf halbem Wege entgegen zu kommen.“ Mit diesem weisen Satz beginnt ein spannendes Buch von Peter Krieg über die Hoffnungen und Illusionen rund um den Versuch, Intelligenz und Denken mithilfe von Technik umzusetzen. In “Die paranoide Maschine“ zeigt er auf, welchen Einflüssen und Erwartungen wir unterliegen, wenn Maschinen unser Problemlösen übernehmen sollen. Das Buch ist bereits 2005 erschienen, wurde aber bisher kaum beachtet. Den Einstieg wählt der Autor sehr leserfreundlich mit 10 Computerplagen wie “Computer sind starrsinnig“ oder “Computer können nicht ihre eigene Software schreiben“. Das große Thema des Buchs verschließt sich jedoch hinter der großen Menge an Versatzstücken zu allen Themen der Postmoderne wie der Systemtheorie, Kybernetik zweiter Ordnung und dem radikalen Konstruktivismus: Es ist Kriegs Plädoyer für eine neuartige, mehrwertige Logik.

Wir kannten bisher nur zweiwertige logische Systeme, die Aussagen in wahr und falsch eingruppieren konnten und auf diese Weise die Hierarchie (von der Wurzel zu den Ästen) als ordnendes Wesen hervorbrachten. Diese Architektur der formalen Logik ist Grundlage und zugleich Gefängnis des menschlichen Schöpfergeistes. Denn man geht immer von einem Axiom aus und schließt mit Hilfe strenger logischer Verfahren auf weitere Folgerungen. Die Axiome selbst können nicht hergeleitet werden. Dieses geschlossene System, bei dem der Anfang seltsam unbegründet in der “Luft baumelt“, ist die Grundlage aller Naturwissenschaften. Es ist das Verfahren, um Objektivität zu gewährleisten. Sogar Psychologen versuchen mit allerlei Tricks die vielgestaltige Welt der menschlichen Seele in objektive Strukturen zu drängen und klammern alles aus, was dem mechanischen Weltbild oder Formalisierung widerspricht. Diese Verfahren lassen die akademische Sicht auf die Welt verarmen. Sie wird reduziert. Oder um es im Jargon der Postmoderne zu sagen: die Komplexität wird auf der Schlachtbank der Objektivität geopfert. Krieg nennt dies mono-logisch. Er setzt dieser reduzierten Perspektive die Gedanken von Heinz von Foerster und Gotthard Günther entgegen. Vor allem Letzterer versuchte sich an mehrwertigen logischen Systemen, um das Schwarz-Weiß-Bild der Objektivität zu erweitern. Noch bekannter sind die Arbeiten von Gilles Deleuze zu diesem Thema. Noch spannender sollen die Arbeiten von Erez Elul zum Thema mehrwertige Logik sein, die das klassische zweiwertige System umfasst und sinnvoll erweitert. Elul erkennt das Problem des streng logischen Naturwissenschaftlers: „Er hat den Frosch als Ganzes in seine Teile zerlegt, aber die eigentliche Qualität des Frosches ging dabei verloren und lässt sich auch durch erneute Zusammensetzung seiner Teile nicht mehr wieder herstellen“. Elul nun versucht durch die Relation eines Gegenstands mit dem, was es offenbar nicht ist mehr auszusagen als nur A ist A und damit Nicht-B und auch Nicht-C. Er verlässt damit den alten Satz des „Tertium non datur“: Alles muss entweder A sein oder eben Nicht-A. Ein Drittes ist ausgeschlossen. Erez Elul lässt zu, dass etwas beides sein kann. Für uns Alltagsmenschen ist das völlig klar, weil uns alles immer im jeweiligen Kontext erscheint. Die Naturwissenschaften verlangen sich selbst aber ab, alles zu reduzieren. Damit verlieren sie die Möglichkeit, komplexe Sachverhalte darzustellen. Peter Krieg lernt den jungen Israeli Elul kennen, der auf der Basis dieser neuen Logik ein Computerprogramm geschrieben hat. Er erklärt uns diesen neuen Schritt in eine echte Chance, mit Computern echte Komplexität mit dynamischen Datenbanken darzustellen und zu ordnen. Diese spannenden Gedanken werden dann leider nicht weiter ausgeführt. Was aber bleibt, ist ein kleines Guckloch in ein Universum außerhalb der verfahrenen und oft sinnentleerten Diskussionen um semantische Suchmaschinen, Wissensgesellschaft und Neues Denken. Peter Krieg: Die paranoide Maschine. ISBN 3-936931-20-8. 205 Seiten. Preis: 16 € Das Buch gibt es nur direkt beim dpunkt Verlag unter http://www.dpunkt.de. Leider ist es bei amazon nicht erhältlich.

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June 17 2009, 11:01am

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