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Über freies Arbeiten und das digitale Erwachsenwerden

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 12 minutes.

Heute ist es also so weit, der 1. August 2009, der Tag, an dem ich (endlich) das Blogposting (tatsächlich) schreibe und veröffentliche, das sich seit fast drei Jahren in meinem Kopf zusammenbraut. Es wird lang, es wird in weiten Teilen persönlich, nachdenklich aber auch befreiend sein. Also auf jeden Fall etwas für all diejenigen, die „Bloggern“ so gerne vorwerfen so ekelhaft selbstreferentiell, selbstverliebt und exhibitionistisch veranlagt zu sein. ;-)

Blick zurück: Ende 2006

Der Entschluss mich als freiberuflich arbeitender Medien- & Verlagsberater, Trainer und Social Media Experte selbstständig zu machen fällt. Es war zum einen im Nachhinein die bisher beste Entscheidung meines Lebens, gleichzeitig aber auch die einsamste, die ich je treffen musste. Eine Entscheidung, die einem niemand abnimmt, abnehmen kann und – auch das im Nachhinein – niemand abnehmen sollte. Als sich meine Zeit in Trier zu Ende neigte, stand die Frage im Raum: Quo vadis? Optionen für eine neue Festanstellung bei Verlagen oder Beratungsunternehmen gab es zwar, aber bei keinem der mir angebotenen oder der von mir gefundenen Joboptionen hatte ich das Gefühl, all das an Fachwissen und Fähigkeiten einbringen zu können, was ich mir in sechs Jahren Forschung, Lehre, Projektarbeit und Beratung angeeignet hatte. Wenn man zur künftigen Entwicklung der Medienlandschaft forscht ist es nunmal schwer „da draussen“ (drinnen war damals = Wissenschaftsbetrieb) ein Jobprofil zu finden, das möglichst umfassend dieses „neue Wissen“ abfragt. So zumindest ist es mir nach einer naiven ersten Orientierungsphase auf dem Arbeitsmarkt damals mehr als deutlich (gemacht) geworden.

Warum von der Stange, wenn es auch maßgeschneidert geht

Zum Zeitpunkt der „naiven Phase“ kam mir eine Lesung von Holm Friebe und Sascha Lobo im Rahmen ihrer Buchtour zu „Wir nennen es Arbeit“ mehr als gelegen. So, wie die beiden an dem Tag nach einer mehr als achtstündigen Zugfahrt von Berlin nach Trier bei miesem Wetter aussahen, fühlte ich mich in meiner misslichen Lage. Die zitierten Passagen aus ihrem Buch waren damals Balsam auf meine berufliche Seele und haben zumindest eine kleine Nebenrolle bei dem Entschluss gespielt, mir kurzum meinen eigenen Job zu basteln. Die „Spielmasse“ für diese Bastelarbeit waren meine Interessen, meine Fähgikeiten und Talente, mein Wissen aus Studium und der Zeit als Unidozent sowie ein damals zwar noch kleines, aber dafür schon sehr feines Netzwerk aus wunderbaren Menschen, mit denen ich den fachlichen Austausch online wie offline gepflegt habe. Restrospektiv kann ich mit Fug und Recht sagen, dass mein Weblog, meine aktive Beteiligung in der Blogosphäre, das neugierige Beobachten und Ausprobieren des damals noch nicht als Web 2.0 betitelten Internets mir genau das sichere Ufer für meinen „medialen Ozean“ gegeben haben, die ich zum Losschwimmen in das Freelancertum gebraucht habe.

2007 – Boy, what a ride!

Das erste Jahr meiner Selbstständigkeit war geprägt von Geld – und zwar Lehrgeld. Davon habe ich bezahlt und nicht zu knapp. Zum Glück war es kein echtes Geld, sondern tatsächlich Lehrgeld in Form von versuchen, Fehler machen, drüber reflektieren, daraus lernen, wieder versuchen, es richtiger machen, wieder lernen etc. Schnell wurde aus der reinen Rede vom „Lebenslangen Lernen“, tägliche, nein, minütliche Praxis im Alltag. Die Tage wurden länger (weil intensiver) und weil mein Gehirn plötzlich mit einem Maß an neu einströmendem Input und zu treffenden Entscheidungen konfrontiert war, wie ich es bis dato nicht kannte. Das hat anfangs bisweilen zu kognitivem Muskelkater geführt, aber wie beim Marathonläufer wird die Kondition nach und nach besser, Muskel, Körper und Geist spielen mit und freuen sich, wenn sie endlich wieder auf Touren kommen dürfen. Kurzum: Mein Leben – vor allem der mit Arbeit bestrittene Teil – wurde seither von Tag zu Tag intensiver und erfüllter.

media-ocean – Wie aus der Namensfindung auch eine Lebensmetapher wurde

Die Metapher medialen Ozeans (der Name media-ocean feiert bald 10-Jähriges) führte in diesem neuen Aggregatszustand des Freiberuflertums dazu, dass es keine vorgefertigten Bahnen mehr gibt, keine Leitplanken, sondern nur noch Richtungen, Strömungen und das Zusteuern auf einen Horizont bzw. eine Zukunft, die in jeder Sekunde ungewiss ist. Was ich anhand der Metapher aber auch gelernt habe: Wenn ich nicht nur ziellos herumdriften will wie Treibholz, dann muss ich selbst die Initiative ergreifen, aktiv mit oder gegen die Strömungen schwimmen und einen Riecher für die richtigen Passatwinde entwickeln. Die einzige Sicherheit: Das soziale Netz, die fachlichen und privaten Kontakte im und ausserhalb des Netz, würden mir vom Ufer jederzeit ein Leuchtturm sein. Und genau das war damals nicht nur eine Stille Hoffnung, sondern war und ist auch noch heute Realität: Das Sozialkapital, die Hilfsbereitschaft, die Uneigennützigkeit, die Freundlichkeit und der wertschätzende Umgang der mir mein soziales Kontakte-Netz entgegenbringt und die ich umgekehrt auch selbst versuche ständig in meine Netze und die Netze meiner Kontakte hineinzugeben, bilden als Grundwerte quasi das Rettungsboot in diesen stürmischen und gerade deswegen so spannenden medialen Zeiten.

Was ich vom Bloggen, Netzwerken und Twittern gelernt habe

Fachwissen ist das eine, das haben viele. Aber worin der Wert im Teilen von Wissen und „The art of sharing“ insgesamt liegt, scheinen noch viele Mensche nicht begriffen zu haben. Vielleicht aus der Angst heraus etwas preiszugeben, was andere dann dazu nutzen könnten besser, schneller, weiter zu kommen als sie selbst? Ich habe durch das Bloggen, Netzwerken, Twittern und – nenn es von mir aus nochmal – Web 2.0 oder Social Web gelernt einen tiefen Einblick in die „menschliche Seele“ und die Art und Weise erhalten, wie Menschen als soziale Wesen funktionieren und wie sie ihr soziales Verhalten und Handeln – z.B. ihre Art und Weise des Miteinanderkommunizierens – organisieren und verhandeln sowie mit Hilfe von Social Software im Web öffentlich einsehbar dokumentieren. Als studierter Sprach- und Medienwissenschaftler hatte ich natürlich einen gewissen Wissensvorsprung dadurch, dass ich die klassischen Sprach-, Kommunikations- und Medientheorien im Hinterkopf habe und diese als Schablone bei Bedarf zuschalten kann, wenn ich die Welt an sich und die Medien- und Webwelt im Speziellen unter die Lupe nehme. Ich lerne täglich durch Tweets, Blogeinträge, Feeds, E-Mails und Co. dazu. Und warum: Weil hunderte von Menschen die ich in meinem engeren und weiteren Netz „auf dem Radar“ habe, Informationen teilen, Meinungen kundtun, Tipps geben und offenbar Spaß daran haben, das größte soziale Experiment der Menschheit mitzugestalten. Die Ignoranten nennen es Exhibitionismus, aber die Ignoranten beziehen ihr Wissen auch aus altgedienten Informationsoutlets und Realitätsverzerrungsfiltern und verwehren sich einer neuen medialen Öffentlichkeit, die zwar genauso subjektiv filtert und Realitäten erzeugt wie die soeben kritisierten „Alten“, die aber um ein n-faches facettenreicher, meinungsstärker, innovativer und inspirierender sind als alles bisher Dagewesene.

Mediennutzungsgewohnheiten außer Rand und Band

Im Alter von neun Jahren, 1984, habe ich meinen ersten Computer geschenkt bekommen. Es war ein Commodore VC20, später dann ein C64. Die brutale (und schöne) Wahrheit ist also, dass ich seit nunmehr 25 Jahren nicht nur passiv Teil des digitalen Zeitalters bin, sondern über den Umgang mit der Hardware, das früh erwachte Interesse für Medien und dann später durch Studium und Beruf, auch aktiv das digitale Zeitalter für mich und meine Generation mitgestalte. Wie wir spätestens seit dem Longtail-Modell wissen, ist dabei jeder noch so kleine Beitrag durch den Einzelnen in der Summe und der emergenten Kombinatorik all dieser Einzelaktivitäten bedeutsamer, als die Einzelleistung isoliert betrachtet. Einfacher gesagt: Ich überschätze meine Rolle für die digitale Evolution nicht, sondern reflektiere mein eigenes Mediennutzungs- und Produktionsverhalten vor dem Hintergrund der epochalen Veränderungen, in denen wir gerade stecken. Wie bei mir hat sich auch das Medienverhalten bei Millionen anderer Menschen begonnen zu wandeln… Es gibt glaube ich nur wenige technische Endgeräte zur Nutzung von Medien (inklusive gedruckte Zeitung) die ich nicht mindestens einmal ausprobiert, verworfen, neu entdeckt oder in ihrer Bedeutung für mich als Mensch mit Informationsbedürfnis im Allgemeinen und Medienexperte im Speziellen immer wieder neu hinterfragt und in ihrer Wertigkeit neu definiert hätte. Es ist eben nicht mehr DIE eine Zeitung, DAS eine Radioprogramm oder DER eine oder DIE 2-3 Fernsehprogramme an die ich mich binde. Nein, wie bei einem Neuron im Gehirn, wird situationsabhängig genau die Bindung zur Informationsproduktion, – distribution und -rezeption gewählt, die in dem einem Moment die subjektiv richtige ist. ICH bestimme MEIN Informations- und Kommunikationsverhalten. Ich glaube so tickt eine wachsende Schar von Mediennutzern. Hierauf reagieren die klassischen Medien zögerlich, holprig und bisweilen unheholfen. Und das mit gutem Recht und vollkommen nachvollziehbar.

Der Reiz des Unvorhersehbaren

Es gibt niemanden auf diesem Planeten der das, was wir aktuell als Wandel begreifen 1:1 hätte voraussagen können, geschweige denn, die künftige Entwicklung vorhersagen kann. Aber genau das macht für mich den Reiz meiner Arbeit bzw. meiner Leidenschaft aus, zumindest retrospektiv die Entwicklung der menschlichen Kommunikation, der technischen Kommunikationsmedien, der Digitalisierung und den damit verbundenen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen so gut zu verstehen wie es nur geht – und: auf Basis dieses Verständnisses möglichst gut begründete Vorhersagen (bzw. Konzepte und Strategien) zu entwickeln, die mir dabei helfen die Welt zu verstehen und zwar ganz egoistisch zunächst einmal für mich selbst. In unzähligen Gesprächen mit anderen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit den gleichen Phänomenen beschäftigen, ergibt sich dann in der Kommunikation über die gemeinsamen Themen (jaja, wir sind schrecklich „meta“ und „selbstreferentiell“) der theoretische, praktische und bisweilen philosophische Abgleich der medialen Weltentwürfe. Die Inspiration, die Anregungen und Perspektiven die sich aus dem vernetzten Austausch für mich in den letzten fast zehn Jahren ergeben haben sind nicht nur unbezahlbar, sondern … ja … wie mag man es nennen … Kultur? Kulturelle Naherfahrungen? Culture in the Making? Kulturproduktion?

2008 – Das zweite Jahr: Talk, Talk, Talk

So gesehen war ich im zweiten Jahr meiner Selbstständigkeit mehr als je zuvor – wenn man so will – als Kulturbotschafter unterwegs, als Dolmetscher oder Digital-Anthropolge oder wie auch immer man es metaphorisch umschreiben kann. Nie zuvor habe ich so viele Vorträge, Workshop und Seminare in einem Jahr gehalten wie 2008. Ich war laut meiner Dopplr-Jahresbilanz für 2008 229 on the road, bin über eine Million Kilometer gefahren oder geflogen und habe gefühlte 1000mal die neue Medienwelt, so, wie sie sich aus meiner Sicht darstellt, erklärt, diskutiert, verteidigt, verteufelt, gelobt…. Ja, es hat am Ende des Tages tatsächlich was Missionarisches. Der gebetsmühlenartige Anteil meiner Arbeit war bisweilen also recht hoch. Aber mit dem Erfolg steigender Anfragen neuer Kunden nach „Mehr“ von alledem, was ich versuche mit viel Leidenschaft und dem mir bis heute zur Verfügung stehenden Wissen zu verkörpern.

Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Diese spezielle Form der „Ich-Bezogenheit“, die ich in den beiden vorangegangenen Absätzen beschrieben habe und in meine Arbeit lege, ist offenbar dann auch die Antwort auf die Frage, warum die Auftragslage in Zeiten der Wirtschafts-, Finanz-, Medien- und Zeitungskrise vergleichsweise so gut ist. Klar, in Krisenzeiten steigt der Bedarf nach Beratung bzw. fundierter Fachexpertise, aber da draussen gibt es eine große Schar an Beratern – große Unternehmen, Einzelkämpfer oder aber vernetzte Multitasker wie mich. Teil 2 der Antwort ist – wie ich erst lernen musste . auch mein Background als Medienwissenschaftler. Wie sehr ich von meinem Studium und meiner wissenschaftlichen Arbeit profitiere ist mir zwar schon sehr früh klar gewesen, aber dass dies auch ein „Verkaufsargument“ sein könnte, hatte ich anders eingeschätzt. Teil 3 der Antwort: Es ist gerade das jetzt schon mehrfach angesprochene Netzwerk, das Beratungssuchende zum Beratunggebenen bringt. Es sind die Menschen in den Netzwerken meiner Kunden und mein eigenes Netzwerk, die über wenige enge und viele lose Kontakte miteinander verwoben sind. Diese Netzwerke basieren dabei nicht auf klüngelartigen Seilschaften, sondern vielmehr auf Vertrauen, Respekt und Reputation. Die Sozialkapitalwerte für Vertrauen, Respekt und Reputation sind bei engen Kontakten naturgemäß sehr hoch und dienen dann bei der Kontaktherstellung zu einer neuer Person, die über einen oder mehrere Ecken einem eigenen Kontakt bekannt ist, quasi als Versicherung bzw. als Vertrauens- und Reputationsvorschuss. Ich glaube, dass diese soziale Mechanik in ihren Grundzügen stimmt, zumindest funktioniert sie für mich als Erklärung sehr gut. Irgendwie MUSS ich es verstehen, es ist eine Art Rückversicherung, die in einer häufig durchgeführten Selbstreflektion die Qualität in der eigenen Kommunikation möglichst hochhalten soll und auch die Qualität der eigenen Arbeit immer auf dem Maße hält, so dass Kunden und ich selbst am Ende mehr als zufrieden sind. Leicht geschrieben, viel schwerer umzusetzen bzw. aufrechtzuerhalten. Schliesslich ist man ja am Ende dann doch nur ein Mensch. :-)

Veränderungen, Verwandlungen, Versuch(ungen)

Alles, was ich bis hierhin ge- und für die letzten Jahre beschrieben habe läuft unter meinem Namen und vor allem unter meinem media-ocean. In so ziemlich jedem wichtigen sozialen Netzwerk bin ich ebenfalls als mediaocean auffindbar. Jedoch ist es meiner Meinung nach nicht mehr überall sinnvoll den Realnamen und den „Firmennamen“ für alle Facetten des eigenen Selbst als Privatperson und Berufsperson zu verwenden. Damit meine ich nicht, dass ich ab sofort vieles nur noch anonymisiert oder unter einem anderen Pseudonym im Web veröffentlichen werde, dennoch muss eine Veränderung her. Beispiel Blog: Ich blogge hier kaum noch, es fehlt die Zeit und durch die Blogverpflichtungen an anderen Bausstellen ist mein Blogzeitbudget schon mehr als am Limit. Dennoch möchte ich auch weiterhin hier im media-ocean zeigen, womit ich mich beschäftige und welche Meinungen und Positionen ich vertrete. Die sporadischen Leselisten sind da eine winzig kleiner Beitrag. So, wie ich früger gebloggt habe würde ich hier aber auch nicht mehr bloggen wollen. Dazu ist der media-ocean und meine Website insgesamt viel zu sehr zur Visitenkarte für das was mich beruflich ausmacht geworden. Heisst: Anders Bloggen. Beispiel Twitter: Nach anfänglicher Ablehnung, habe ich im vergangenen Jahr extrem intensiv getwittert, damit experimentiert und kaum beruflich relevantes getwittert. Inzwischen folgen mir aber zahlreiche Medienexperten, Chefredakteure, Verlagsmenschen etc. die mich mit interessanten Links und Fachtweets versorgen. Da passen meine persönlichen/ experimentiellen Tweets nicht (mehr) dazwischen. Schliesslich will ich meine wichtigsten Follower nicht langweilen und verlieren, gleichzeitig aber auch nicht auf Tweets, wie sie sich auf Twiter gehören, verzichten. Heisst: Anders twittern. Meine Onlineidentität möchte ich granularer Anlegen, auf wenigstens ein zweites Profil aufsplitten, um das media-ocean Profil auf das fachliche zuzuspitzen und mit einem noch neu zu findenden zweiten Profil. Das ganze kann nur ein Versuch sein, aber einer, der sich nach den Erfahrungen der letzten 3 Jahre quasi aufdrängt.

So, Ende und aus… :-)