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Studienergebnisse: Zeitungen Online 2008

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 6 minutes.

In diesem Beitrag stellen wir (Steffen Büffel und Sebastian Spang) Ihnen die Ergebnisse unserer Studie „Zeitungen online 2008″ vor. Sie setzt die Reihe der „Zeitungsstudien“ fort, die 2006 und 2007 von Alexander Svensson, Falk Lüke, Igor Schwarzmann und mir angefertigt wurden.

Alles ist in Bewegung: Die Wirtschaft, die Medien, die Welt, die Gesellschaft und das Web sowieso. Gerade in der Medienbranche wird derzeit ein Wandel vollzogen, bei dem die meisten gewandelt werden und nur wenige den Wandel gestalten (können). Denn Medien, Wirtschaft, Gesellschaft, das Web und zahlreiche andere Faktoren hängen eng miteinander zusammen. Die Jugend mag bedrucktes Papier nicht mehr so gerne wie die Großeltern. Die Eltern beginnen es ihren Sprösslingen gleich zu machen und bevölkern nach und nach die Social Networking Plattformen. Aus lokalen Zentren heraus verbreiten sich Communities wie wer-kennt-wen inzwischen in ganz Deutschland und dennoch ist alles irgendwie auch noch im Anfang.

Wie reagieren Zeitungen in ihren Onlineangeboten auf das sich wandelnde Mediennutzungsverhalten? Wie verzahnen sie Print mit Online mit X? Kurzum: Welche Crossmedia-Strategien sind bei deutschen Tageszeitungen zu beobachten. Ein weites Feld, das ich in den Jahren 2006 und 2007 zusammen mit >Alexander Svensson, Falk Lüke und Igor Schwarzmann in zwei Studien begonnen habe zu beackern — und zwar in Form einer Auswertung der interaktiven, multimedialen und „webzweinulligen“ Features, die in den Onlineangeboten deutscher Tageszeitungen eingesetzt werden. Diese Form der Marktbeobachtung ist für mich eine wichtige Form der „Begleitforschung“ meiner Arbeit als Berater, wenngleich es nur einen winzigen Bruchteil des skizzierten Feldes „Crossmedia-Strategie“ abdeckt.

— Zeitungsstudie 2008

Aber nun genug der Vorrede: Den Zeitungsstudien 2006 und 2007 habe ich nun zusammen mit meinem Kooperationspartner Sebastian Spang (Universität Trier) eine Neuauflage mit den aktuellen Daten zum Stand der Dinge 2008 folgen lassen. Wie bei den Vorgängerstudien werden im folgenden die Kernergebnisse aus der Analyse der Angebote der 100 auflagenstärksten Tageszeitungen in Deutschland vorgestellt. Wir haben zudem eine Vollerhebung zu allen Onlineangeboten deutscher Tageszeitungen vorgenommen. Die Ergebnisse der Vollerhebung werden zu einem späteren Zeitpunkt und in anderer Form veröffentlicht. Erhebungszeitraum für die 2008er Studie war September 2008. Wir danken Rike Albrecht und Björn Rohles für die Unterstützung bei der Auswertung.

Noch kurz zum weiteren Verständnis und Hintergrund: Damit fing alles an… und führte zu diesem Wiki und zur Zeitungsstudie 2006 sowie der Zeitungsstudie 2007.

— Ergebnisse 2008

Die Kernergebnisse in Zahlen aus der Studie „Zeitungen online 2008″ sehen wie folgt aus:

  1. Videos (eigenproduziert oder zugekauft) bieten inzwischen 82 Prozent der untersuchten Zeitungswebsites an. Ein Anstieg um 11 Prozent gegenüber 2007 bzw. um 45 Prozent seit 2006.
  2. 70 Prozent der Zeitungswebsites bieten einen RSS-Feed an. Das entspricht einem Zuwachs um 15 Prozent (2007) bzw. 27 Prozent (2006) im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren.
  3. Der Anteil der Websites, die RSS-Feeds zusätzlich nach Kategorien anbieten, ist von 36 Prozent (2006) und 50 Prozent (2007) auf nunmehr 57 Prozent gestiegen. Dabei bieten lediglich vier Zeitungen einen Volltext-RSS an, 4 Prozent experimentierten mit Werbung im RSS-Feed.
  4. Einen Hinweis darauf, welche Artikel am meisten gelesen oder kommentiert werden bieten inzwischen 39 Prozent der Websites an. Ein Anstieg von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2007 waren es 18 Prozent, 2006 5 Prozent.
  5. Eine Öffnung zu mehr Dialog mit dem Leser wagen inzwischen 45 Prozent der Zeitungswebsites, indem sie eine Kommentarfunktion zu Artikeln anbieten. Gegenüber 2006 bedeutet dies einen Anstieg um 35 Prozent. 2007 waren es 28 Prozent. Damit im Zusammenhang steht auch ein extremer Anstieg beim Punkt „Registrierungpflicht„. Mehr als ein Drittel der Anbieter verlangt von den Usern eine Registrierung, wenn sie kommentieren wollen. In den vorangegangenen zwei Jahren lag der Wert hier bei 8 Prozent.
  6. Eingebrochen ist die Zahl der Foren auf Zeitungswebsites. Gab es von 2006 auf 2007 einen Anstieg um fast 10 Prozent auf 58 Prozent, hatten 2008 nur noch 39 Prozent der 100 auflagenstärksten Zeitungen ein Forum in ihrem Onlineangebot.
  7. Auch beim Thema Chat sind die Zahlen eingebrochen. Nur noch 9 Zeitungen bieten Chats an, 2007 waren es noch 19, 2006 waren es 14.
  8. Audio-Podcasts dümpeln vor sich hin. Die Zahl der Anbieter liegt 2008 mit 9 Prozent wieder fast auf dem Niveau von 2006 (8 Prozent), nach dem zwischenzeitlichen Anstieg in 2007 auf 13 Prozent.
  9. Die Zahl der Blogs bleibt dagegen stabil bei um die 30 Prozent.
  10. Sprunghaft angestiegen ist dagegen die Zahl der Websites von Tageszeitungen, die Social Bookmarking anbieten. Waren es 2007 nur 19 Zeitungen, die ein solches Feature angeboten haben (2006 wurde diese Funktion in der Studie noch nicht erfasst), ergab die Auszählung für 2008, dass 31 von 100 Anbietern Social Bookmarking integriert haben

— Entwicklung 2006 bis 2008 als Grafik

Multimediale und interaktive Features der Websites der 100 Auflagenstärksten Tageszeitungen in Deutschland 2006-2008.

— Veränderungen 2006 bis 2008 als Grafik

[Update:] Christiane Schulzki-Haddouti von kooptech hat unser Blogposting und die Ergebnisse der Studie aufgegriffen und eine anschauliche Darstellung dazu erstellt, wie sich die Werte zu den einzelnen Features im Vergleich 2007 und 2008 verändert haben.

 

Danke an Christiane für die Erlaubnis, die Darstellung hier einbinden zu dürfen.

— Blick in die USA

Die Bivings Group hat kürzlich die Zahlen für die interaktiven und multimedialen Features der Websites der Top 100 Zeitungen in den USA veröffentlicht. Die Reports aus 2006, 2007 und 2008 finden Sie unter dem jeweiligen Link. Die Entwicklung seit 2006 ist im folgenden Schaubild dargestellt:

 

Multimediale und interaktive Features der Websites der 100 auflagenstärksten Tageszeitungen in den USA 2006-2008

RSS-Feeds, Videos, Blogs und Kommentarfunktion in Blogs liegen bei 100 Prozent bzw. knapp darunter. Die stärksten Zuwächse sind zu verzeichnen bei kommentierbaren Artikeln: von 19 Prozent in 2006, über 33 Prozent in 2007 auf nunmehr 75 Prozent. Noch rasanter der Anstieg beim Feature Social Bookmarking: nach nur 7 Prozent in 2006, waren es 2007 bereits 44 Prozent. Für 2008 wurde ein Wert von 92 Prozent erhoben. Verloren haben hier ebenfalls (Audio)Podcast-Angebote. Unter den Top100 US-Zeitungswebsites finden sich nur noch bei 40 Anbietern Podcasts. Im Vorjahr waren es noch knapp die Hälfte.

— Fazit

Es tut sich weiterhin etwas in Deutschland und auch in USA in Sachen interaktiver und multimedialer Features auf den Websites der 100 auflagenstärksten Tageszeitungen. Interessant ist, dass die Werte für „klassische Formen“ der computervermittelten Kommunikation wie Chat und Forum gesunken sind. An ihrer Stelle bzw. ergänzend finden sich Blogs, Blogkommentare und/ oder eine Kommentarfunktion für Artikel.

Userdiskussionen rücken damit näher an die journalistischen bzw. redaktionellen Inhalte der Websites und finden nicht mehr (nur) abseits in Foren oder Chats statt. Features wie RSS-Feeds oder Social Bookmarking sind relativ leicht technisch lösbar und erfordern wenig bis keine redaktionelle Steuerung. Hier nutzen die Verlage also kostengünstige Synergien aus, indem sie auf der technischen Ebene mit Features des Social (Media) Web aufrüsten.

Dass sich über das Web der Traum der Verleger in Sachen „Bewegtbild“ zumindest teilweise in Form eingebundener Videos verwirklichen lässt, zeigt der Anstieg der Zahlen in diesem Bereich. Was die rein quantitative Auszählung (wie natürlich auch bei den anderen betrachteten Features) nicht verrät, ist die Qualität der redaktionellen Inhalte. Gerade im Bereich Videos ist von zugekauftem Agenturcontent, über miserabel gemachte Eigenproduktionen bis hin zu semi-professionellen und professionellen Produktionen alles zu finden. Die Verlage experimentieren hier noch mit verschiedenen Formaten: Von der nachgebauten Tagesschau, über (schlecht) verlesene Agenturmeldungen, magazinartigen „Newsshows“ bis hin zu autorenzentrierten Kolumnen und Reportagebeiträgen wird auch hier ein breites Spektrum abgedeckt.

— Ausblick

In einem nächsten Schritt werden Sebastian Spang und ich auch einen detaillierteren qualitativen Blick insbesondere auf den Videobereich werfen. Des weiteren steht noch die Auswertung der Vollerhebung aus, in der fast 300 Webangebote von Tageszeitungen betrachtet wurden. Die quantitative Auswertung ist bereits abgeschlossen. Hier gilt es die Perlen aus dem „Long Tail“ zu fischen — also diejenigen kleinen Zeitungshäuser (= kleine Auflage) zu identifizieren, die abseits der großen Schlachtschiffe mit (technisch wie redaktionell) gut gemachten Webkonzepten auffallen.

2009 wird die Zeitungsstudie wiederholt. Features wie Geotagging, eigenes Twitterprofil, Mobile, Communityaktivitäten und Social Networking Profile sollen dann zusätzlich berücksichtigt werden.

— Kontakt

Wenn Sie Fragen zur Studie „Zeitungen online 2008″ haben oder weitere Auskünfte wünschen, können Sie Sebastian Spang und mich unter der E-Mail-Adresse zeitungsstudie2008@media-ocean.de erreichen.