Jahresrückblick 2007 (Teil 3) – Von Abmahnanwälten und Podcast-Politikern
by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 3 minutes.
Und nach den ruhigen Feiertagen nun Teil 3 meines Jahresrückblicks für die Blogpiloten auch hier im media-ocean. [Teil 1 und Teil 2]
— Birma/ Myanmar
Die politischen und gesellschaftlichen Zustände in Birma/ Myanmar schafften es in der Vergangenheit nur selten in das mediale Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit. Seit 1962 herrscht dort ein Militärregime, das Ende 2007 den friedlichen Protest zehntausender buddhistischer Mönche mit tödlicher Gewalt niederschlug. Die Initiative Free Burma koordinierte einen internationalen Blogger-Aktionstag, der auch in Deutschland Widerhall fand (stellvertretend der Link auf Robert Basics Weblog). Zwar zeigte sich hier erneut, dass das Web das theoretische Potential globale Aufmerksamkeit zu erzeugen auch in die Praxis umsetzen kann. Es gibt dabei aber auch eine Kehrseite, die Florian Rötzer in einem Telepolis-Beitrag beleuchtet. Er befürchtet – wohl zu Recht -, dass durch die Verbreitung nicht anonymisierter Texte, Bilder und Videos, den Geheimdiensten Material in die Hände gespielt wird, das zur Verfolgung Oppositioneller und deren Helfer verwendet werden kann.
— Politik 2.0
Wirft man den Blick über den großen Teich auf die Presidential-Primaries im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2008 wird eines deutlich: Nachdem Howard Dean 2004 mit seinem blogbasiertem Fundraising für Aufsehen gesorgt hat, ist es inzwischen Standard, dass die Kandidatinnen und Kandidaten nicht nur bloggen (lassen), sondern sich auf den großen Social-Networking-Plattformen einnisten, um dort multimedial in Ton, Bild und Text auf (vor allem monetäre) Netzwerkeffekte zu hoffen. Die politische PR hat sich im Social Web eine Umgehungsstraße vorbei an den massenmedialen Gatekeepern gebaut. Den echten politischen Diskurs (was ist das eigentlich?) sucht man jedoch vergebens. In Deutschland hinkt die politische Kommunikation im Web 2.0 – vielleicht zum Glück??? – noch etwas hinterher, wenngleich in allen großen Parteien fleißig experimentiert wird. Jüngst startete etwa Kurt Beck seine Onlinesprechstunde auf YouTube. Wie gut es mit der Webkompetenz deutscher Politiker so steht, pointierte 2007 ein Interview der ARD-Kinderreporter mit ausgewählten Volksvertretern.
Video:
— Unconferencing
Als hippe und „szenige“ Alternative zu den großen Medienkonferenzen sind im vergangenen Jahr die BarCamps als Form des Unconferencings durchgestartet. Bereits in zweiter Auflage traf man sich 2007 in Berlin und andernorts. Die Liste der geplanten BarCamps für 2008 ist schon jetzt imposant und illustriert, dass das Format sich nicht nur weiter etabliert, sondern sich insbesondere thematisch durch diverse Spezialisierungen weiter entwickelt. Eine gute Übersicht zu den 2008er-BarCamps gibt es drüben auf Medienrauschen. Dr. Kai-Uwe Hellmann hat sich hier an einer interessant zu lesenden soziologischen Einordnung der „BarCamp-Bewegung“ versucht und Don Alphonso stößt an der Blogbar zu Recht eine Qualitätsdebatte an. Ein persönliches Highlight war für mich die Re-Publica in der Kalkscheune, ein persönliches Lowlight die Web2Expo in Berlin. Nicht unerwähnt bleiben sollten die Webmontage, pl0gbars, WikiWednesdays, OpenSpaces – alles weitere Veranstaltungsreihen rund um das Web und das 2.0-Anhängsel.
— Podcasting
In der deutschen Podcasting-Szene machte sich 2007 nicht nur Ernüchterung, sondern auch Frustration breit. Zumindest muss man das so deuten, nachdem 2007 gleich beide Interessenvertretungen ihr Arbeit aufgegeben haben. Nachdem bereits im Oktober der Podcastverband seine Pforten eher einsilbig für geschlossen erklärt hat, stellt im Dezember auch der Podcastclub seine Aktivitäten ein. Zur Begründung gab es eine Sondersendung des Podcast-Journals. Quo vadis Podcasting in Deutschland? Lesenswert sind hierzu dieser Essay von Gerrit van Aaken und dieser Beitrag von Tim Pritlove, in dem er erläutert, warum der Podcast längst nicht tot ist.
— Abmahnungen
Abmahnungen von Bloggern und Forenbetreibern gehören inzwischen zum Web wie SPAM zur E-Mail. Doch im Jahr 2007 nahmen sie mit der Abmahnwelle rund um die Bilder in und aus „Marions Kochbuch“ und dem Rechtsstreit zwischen Callactive und dem Medienjournalisten und Blogger Stefan Niggemeier sowie Marc Doehler, Betreiber des Forums call-in-tv.de, eine neue – teils sehr groteske – Qualität an. Denn insbesondere im Fall Callactive vs. Stefan Niggemeier/ Doehler offenbart sich u.a. die Unausgegorenheit des deutschen Medienrechts. Wer in diesem Jahr noch nichts für einen guten Zweck gespendet hat oder ein paar Feiertagseuro übrig hat, könnte z.B. diesem Spendenaufruf folgen. Sehenswert zur Thematik “Recht für Blogger” dieser Mitschnitt eines Vortrags von Rechtsanwalt Udo Vetter.
