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Der alte Hut: Von Bloggern, Journalisten, Krisen und Qualität

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 4 minutes.

Wolfgang Sommergut schreibt in dem Beitrag „Das Elend des Online-Journalismus: Klicks, Quoten, Reizwörter“ über die Studie „Wie das Web den Journalismus verändert” von Steffen Range und Roland Schweins. Am Ende des Postings stehen zwei Passagen, bei denen ich nur sagen kann: Einspruch euer Ehren!

„Aber auch hier haben die Verfasser der Studie wenig Hoffnung: Auch das Schreiben von Weblogs kann kaum als neues Format, sondern eher als Verzicht auf journalistische Stilformen angesehen werden. Bedenkt man, dass viele Blogger sich als Gegeninstanz zu den etablierten Medien verstehen und journalstische Stilformen explizit ablehnen (und in der Regel gar nicht beherrschen), dann scheint diese Einschätzung plausibel.“

Die Einschätzung ist nicht plausibel sondern eine subjektive Meinungsäußerung, die empirisch nicht wirklich belegt ist. Wenn ich die Studien von Jan Schmidt richtig gelesen und verstanden habe, dann ist die Zahl derjenigen Blogger, die ihr Blog als Medienblog bzw. medienkritisches Blog oder von mir aus als Gegeninstanz zu etablierten Medien verstehen, eher gering. Hinzu kommt, dass die Zahl der bloggenden Journalisten langsam zunimmt und zumindest diejenigen, die ich persönlich kenne, es als Befreiung erleben, sich mal nicht an die stilistischen Lehrbuchformeln halten zu müssen. Der von mir als Journalist und Blogger sehr geschätzte Stefan Niggemeier ist im Blog wie in Print eine absolute Edelfeder. Die wäre er nicht, würde er sich stilistisch an irgendwelche vergilbten Normen halten. Aber auch hier sei einsdchränkend gesagt: Das ist meine subjektive EInschätzung der Qualität seiner Texte.

Ein weiterer Punkt zum Thema Qualität: Man schlage eine x-beliebige regionale Tageszeitung auf. Dort schreiben schlecht bezahlte Laien (freie Mitarbeiter, oft Schüler und Studenten) unter Imitation vermeintlicher stilistisch sauberer Darstellungsformen und werden gedruckt. Eine Form imitieren zu können heißt aber noch gaaaanz lange nicht, dass man auch Qualität liefert. Die Texte sind trotz Einhaltung formaler Standards nicht selten schlecht geschrieben, schlecht recherchiert und in der Regel auch schlecht bebildert. Qualität ist dann, wenn man es inhaltlich merkt und nicht dann, wenn es formal korrekt ist. Für mich bemißt sich die Qualität eines Textes danach, wie sehr der Autor die Materie durchdrungen hat und wie sehr es ihm oder ihr gelingt das Thema anschaulich, informativ, verständlich und sehr gerne auch unterhaltsam rüberzubringen. Normative Qualitätsstandards sind hier nicht zielführend – auch wenn sie allenthalben immer wieder propagiert und in der Ausbildung weiterhin gelehrt werden. Die Qualitätsdebatte muss mit dem Kunden und nicht mit dem eigenen Chef oder der Konkurrenz im Kopf geführt werden.

Und jetzt zum eigentlichen Schenkelklopfer:

„Angesichts der prekären Situation vieler Verlage und des Online-Journalismus stellt sich die Frage, ob Blogger sich nicht stärker an den Idealen eines Qualitätsjournalismus orientieren und ihr Feindbild anderswo suchen sollten – etwa bei den auf seichte Unterhaltung spezialisierten Portalen.“

Sorry, aber die Nummer mit dem Feindbild wird nicht von „den“ Bloggern durchgezogen, sondern von innovationsresistenten jungen wie alten „klassisch gelernten“ Journalisten, die sich weder mit dem eigenen Computer noch mit dem Web auch nur ansatzweise wirklich so auskennen, wei es ihr Beruf eigentlich erfodern würde. Die reden und hauen dann gerne auf Blogs, Wikis und Co. haben sich aber noch nicht ein einziges Mal die Mühe gemacht zu hinterfragen, wie zum Beispiel Wikipedia funktioniert, was es überhaupt heißt zu bloggen und welche Veränderungen im Mediennutzungsverhalten schon seit geraumer Zeit im Gange sind. Und vor allem: Wer dafür verantwortlich ist. „Die“ Blogger sicherlich nicht. Dieses Nichtwissen von Journalisten wirkt auf mich ignorant und ist ein Ausdruck von Faulheit.

Seit Monaten sind die Fachjournale (Journalist, MediumMagazin und Co.) voll mit Web2.0-Schwerpunkten, aber offenbar liest das kaum jemand. In den letzten zwei Jahren habe ich sehr oft die Gelegenheit gehabt mit Journalisten über Web2.0, Blogs und Co. zu diskutieren. Es ist erschreckend, auf welcher dünnen Faktenbasis sich die lieben Kollegen wagen ein Urteil zu bilden. Meine Erfahrung im Kontakt mit Journalisten: Das Feindbild wird von den Profis selbst nur allzu gern und allzu schnell heraufbeschworen. Die Diskussion wird von denen, die es kapiert haben, zum Glück längst anders geführt. Ein paar (bis jetzt noch) Unbelehrbare gibt es aber natürlich weiterhin. Aber auch hier ist meine Erfahrung, dass man binnen kurzer Zeit mit Fakten, Hintergrundwissen und einordnenden Erläuterungen die Angst der Journalisten (nichts anderes steckt hinter dem selbstkonstruierten Feindbild) mindern und Aufklärungsarbeit leisten kann. Die Mission: Köpfe aufbohren, frischen Wind rein und so ein differenziertes Bild ermöglichen. Bisher wurde mir das immer gedankt, da im Arbeitsalltag kaum die Zeit bleibt und man sich diese nimmt, um mal das eigene Arbeiten und die Veränderungsprozesse im Mediensektor zu reflektieren. Hier schmoren Journalisten genauso oft im eigenen Saft wie man es den Bloggern gerne nachsagt.

Noch ein letzter Punkt: Einige der auf seichte Unterhaltung und Befriedigung der Klickgeilheit ausgerichtete Portale kommen von etablierten Medienhäusern.

Was meint das fachkundige Publikum meiner kleinen Gegeninstanz hierzu? ;-) Formlose Kommentare sind willkommen.