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SPON: Abkupfern statt Eigenleistung – Ein Beispiel

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 2 minutes.

Am 26. Mai 2007 veröffentlichte Spiegel Online im Ressort Wissenschaft unter dem Schlagwort Hirnforschung den Beitrag: „Blau wie die Neun„. Darin geht es um den Briten Daniel Tammet (Wikipedia, Offizielle Website), ein so genannter Savant, der aufgrund seiner besonderen Begabung mit Zahlen umgehen zu können, für Hirnfoscher von besonderem Interesse ist.

[Ausriss: spiegel-online.de]

Ebenso von besonderem Interesse ist der SPON-Beitrag, da der Autor auch eine besondere Leistung vollbracht hat. Dazu empfehle ich nach dem Lesen des Textes mal die ersten 30 Minuten der Dokumentation „The boy with the incredible Brain“ von Focus-Productions (Bristol) anzusehen.

Zwar gibt der Autor einen Hinweis darauf, dass vor drei Jahren eine Dokumentation gedreht wurde, aber das muss ja nicht gleich heißen, dass man Dramaturgie, Szenen und O-Töne in weiten Teilen daraus abkupfert und so tut, als habe man selbst recherchiert. Der Anteil von Inhalten im Spiegel-Text, die offenbar nicht direkt aus der Doku übernommen wurde ist jedenfalls nach meinen Beobachtungen verschwindend gering. Ein paar Beispiele, wie der Text dem Film und dem dort Gezeigten und Gesagten folgt:

Im Film mal auf ca. 2:30 Minuten spulen kurz reinsehen. Bei SPON steht:

„Wie viel ist, sagen wir, 13 geteilt durch 97? Daniel Tammet schließt die Augen und fängt an: „Null Komma eins drei vier null zwei null sechs eins.“ Er holt Luft und spricht weiter. 10, 20, 30 Stellen hinter dem Komma, und Tammet spricht immer noch.“

Im Film mal auf ca. 7:15 Minuten spulen und kurz reinsehen. Bei SPON steht:

„Stunde um Stunde saß der Zahlenmeister, seine Ziffernkolonnen dahinmurmelnd, vor einem ergriffenen Publikum; einige Zuschauer waren den Tränen nahe. Es rührte sie, wie aus diesem jungen Mann unentwegt die Zahlen aufstiegen. Fast war es, als wohnten sie der feierlichen Auslotung eines Bewusstseins bei. Und am Ende bot sich der Blick in eine wahrhaft kosmische Tiefe: Nach fünf Stunden und neun Minuten beendete Tammet seine Rezitation, 22 514 Ziffern hatte er bis dahin aufgesagt; das ist ein neuer Europarekord.“

Im Film mal auf ca. 28:30 Minuten spulen und kurz reinsehen. Bei SPON steht:

„Bald sah man Peek und Tammet Arm in Arm durch die stillen Reihen der Regale spazieren, glücklich verloren unter einer halben Million Büchern. Zum Abschied empfing Tammet das, wie er sagt, beste Kompliment seines Lebens. Kim Peek trat nahe an den Jüngeren heran, fasste ihn an den Händen und sagte: ‚Eines Tages wirst du so großartig sein wie ich.'“

Wenn man bestensfalls mal unterstellt, dass der Autor bei der Recherche, Planung und Produktion der Film-Dokumentation maßgeblich beteiligt war, dann erwarte ich trotzdem einen Hinweis darauf. So fühle ich mich als Leser ziemlich vera****t. Die intellektuelle Leistung liegt ganz klar bei den Machern der Dokumentation und nicht beim Spiegel-Übersetzer. Soviel zum Thema Hirnforschung…