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Diskussion: „Die Mobilisierung der Wissensarbeit“

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: almost 7 minutes.

[Anmerkung vorab: Dieser Beitrag ist in Ausgabe 51 der Neuen Gegenwart erschienen. Da man dort nicht kommentieren kann, mich aber per E-Mail Anmerkungen erreicht haben, hier nochmal der komplette Beitrag mit Kommentaren, auf die ich bisher noch nicht reagiert habe]

Fiktiver Flashback ins 11. Jahrhundert

Robert Jeremy Cole ist dazu berufen, Arzt zu werden. Der Protagonist in Noah Gordons „Der Medicus“ muss dazu die beschwerliche und abenteuerliche Reise quer durch den europäischen Kontinent bis in den Orient auf sich nehmen. Der Erzählung nach studiert er arabische Heilkunst in Isfahan – eine Stadt im heutigen Iran –, um nach einem bewegten Leben in seiner alten Heimat England als Mediziner zu arbeiten. In der vor-aufklärerischen Zeit des Romanhelden sind die wenigen verfügbaren und handgeschriebenen Medizinbücher Mangelware und das darin dokumentierte Wissen in den Händen und Köpfen der wenigen auf dem Erdball verteilten Lehrmeister. Wissensarbeit bestand für Bob Cole also darin, sich physisch tausende Kilometer von A nach B zu bewegen, dabei Schreib-, Sprach- und kulturelle Barrieren zu überwinden, um sich letzten Endes das zu seiner Zeit verfügbare medizinische Wissen anzueignen. Mobilität, egal ob per pedes, per Schiff oder mit der Pferdekutsche, wird dem Wissbegierigen abverlangt, die Mobilität der Information ist an Raum, Zeit und Personen gebunden.

Fastforward an die Schwelle zum 20. Jahrhundert

Die Industrialisierung hat die westliche Welt verändert, das Leben und den Zugang zu Information und Wissen beschleunigt. Mobilität wird durch die physische Überwindung von Distanzen per Zug oder mit den ersten Automobilen erheblich erleichtert. Elektrizität, Telegraphie, Telephonie und die frühen elektronischen Massenmedien laufen der seit Gutenbergs Erfindung dominierenden Leitmedien Zeitung und Buch an Aktualität und Schnelligkeit den Rang ab. Endlich wird auch Information mobiler, die Wissensarbeit für den Lernenden von der Überwindung physischer Distanzen zusehends entbunden. Problem ist dennoch: Die Alphabetisierung erreicht noch lange nicht alle Schichten. Zwar ist der Zugang zu Informationen über die Massenmedien sicher gestellt. Wissensarbeit im Zyklus von Lehren, Lernen, der Erzeugung neuer Erkenntnisse und deren Weitergabe bleibt aber weiterhin ein Exklusivgut, das die Elfenbeintürme der Welt nur sehr dosiert verlässt. Dennoch: Durch die zunehmende Unmittelbarkeit zwischen Ereignis und der Berichterstattung darüber naht das Informationszeitalter heran – der Wechsel von Informationsmangel zum Information Overload steht bevor. Die Informationsflut beginnt über immer mehr und immer weiter verzweigte Kanäle den Menschen entgegen zu schwappen.

Ein Blick auf Realität gewordene Zukunftsvisionen

„As we may think“ betitelt Vannevar Bush einen 1945 in der Zeitschrift „The Atlantic Monthly“ erschienen Artikel. Darin beschreibt Bush – aus heutiger Sicht einer der Pioniere des Computer- und Hypertextzeitalters – den so genannten Memory Extender. Der Memex, Blaupause des ersten elektro-mechanischen Analogrechners, ermöglicht es dem Nutzer über unterschiedliche Input- und Outputschnittstellen wie Scanner, Mikrofilme, Drucker und Displays Informationen und Daten aller Art nach individuellen Bedürfnissen zu archivieren und abrufbar zu halten. Übrigens: Tagging und Verlinkungen nach dem Hypertextprinzip waren in Bushs damaligen Überlegungen bereits inklusive. Der Visionär ist sich schon vor über 60 Jahren sicher: „Ganz neue Arten von Enzyklopädien werden entstehen, bereits versehen mit einem Netz assoziativer Pfade, bereit, in den Memex eingebaut und dort erweitert zu werden.“ Think Wikipedia!

Mobilität wird Mainstream

Die massenhafte Anwendung computergestützter Wissensarbeit und das dadurch verbesserte individuelle Wissensmanagement entwickelte sich Hand in Hand mit der Verbreitung erschwinglicher Personal Computer, des Internets als weltumspannende Infrastruktur sowie flatrate-basierter Zugangs-möglichkeiten via Breitbandanschluss. Die Konsequenz: Daten und die darin enthaltenen Informationen waren noch nie so mobil wie heute. Sie schwirren in Echtzeit und in digitalisierter Form über den extra-terrestrischen Clarke-Orbit und die submarinen Glasfasernetze durch den Äther. Weltweite Daten-Mobilität ist nicht mehr nur Fiktion, sondern inzwischen alltägliche Realität. Blackberries pushen E-Mails, Handys roamen, es twittert und bloggt in den digitalen Gassen. Wissen to go! Wissensarbeit on the fly!

Massenkultur meets Netzkultur

Am Thron der durch die Massenmedien vermachteten öffentlichen Arena sägt eine neue Generation von Wissensarbeitern, die mit Hilfe digitaler Werkzeuge aus der Lethargie des konsumierenden couch-potatoes erwacht ist. Die Massenkulturproduzenten bekommen Konkurrenz durch ein soziales peer-to-peer Netzwerk von Wissensarbeitern. Diese setzen sich internet-öffentlich in Szene, werden von anderen in Beziehung gesetzt, konsumieren und produzieren einen neuen, an keinen physischen Ort gebundenen – damit maximal mobilen – Kulturraum. Netz und Mensch im Remix, online und offline! Folge: Die Abhängigkeit von Raum und Zeit sinkt, ein bisher nie da gewesenes Reflexionswissen über die Welt als Ganzes emergiert – und zwar in der Wechselbeziehung zwischen Menschen, die unter Einsatz von Internettechnologien alte Kulturtechniken anwenden und neue erschaffen, dabei Wissen kollaborativ erarbeiten, bündeln und mit der Gemeinschaft teilen. Aber: Nur die wenigsten partizipieren im hochgehypten Mit-Mach-Web. Fakt ist: Ein digitaler Wissensgraben durchfurcht die Wissensgesellschaft. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit des Menschen von den technischen Errungenschaften.

Höhlengleichnis 2.0

Die alt bekannten Informationsfilter beim Durchkämmen des analogen und digitalen Rauschens wollen nicht mehr so recht greifen. Zum Glück gibt es Google! Google Search, Google Maps, Google Docs, Google Sheets, Google Calendar, Google Ads, Google Earth. Nach der Globalisierung also die Googleisierung der Earth? Es ist doch so: Zwar hat der Mensch als Wissensarbeiter und mit ihm auch Information in den letzten 100 Jahren eine nie da gewesene Geschwindigkeit und Mobilität erlangt. Aber: Das Metawissen über die Wissensarbeit und die dabei eingesetzten technischen Hilfsmittel selbst, ist unter den geschilderten Bedingungen der globalisierten, vernetzten, digitalisierten Wissensgesellschaft für die breite Masse weiterhin noch eine große Unbekannte. Frei nach Platon: Die Googles dieser Welt projizieren ihre Realität 2.0 an die virtuellen Höhlenwände. Die Gutgläubigen sind gleichzeitig die Unwissenden, der (noch) kleine Rest bloggt sich zum Beispiel an den Grasswurzeln der Netzkultur die Finger wund. Durch die Wissensarbeiter der Netzkultur gelangt jedoch zusehends Licht in die platonsche Höhle moderner Prägung. Inwiefern? Die Spezies des modernen Wissensarbeiters nutzt Internettechnologien, denkt vernetzt, egozentrisch, ist selbstreferentiell, agiert aber gleichzeitig immer mit dem Wissen, Teil einer übergeordneten Struktur zu sein. Der Wissensarbeiter handelt in dieser Struktur, erzeugt sie in seinem Handeln aber auch immer wieder neu. Der Einzelne wird im vernetzten Kollektiv so zur Reproduktionseinheit des Sozialen. Das soziale Netz erstreckt sich dabei online und offline, die Unterscheidung in Cyber- und Realspace ist für den modernen Wissensarbeiter eh obsolet.

Wissenschaft schafft Metawissen

Geht man mit der Überzeugung konform, dass es die Funktion von Wissenschaft ist, dem Gesellschaftssystem, dessen Teilsystemen und Mitgliedern Problemlösungen und Handlungswissen zur Verfügung zu stellen, so gilt dies auch für die bis hierhin beschriebenen Herausforderungen moderner mobilisierter Wissensarbeit. Das hierzu notwendige Metawissen und die Vermittlung entsprechender Kompetenzen, muss dann konsequenter Weise Teil des Lehr-/Lernbetriebs sein. Woran genau das in weiten Teilen derzeit scheitert: An den Hochschulen gibt es nur in einigen Fachgebieten wirklich moderne Wissensarbeiter, Wissen wird frontal vorgelesen, referiert, selten diskutiert. E-Learning-Angebote sind in weiten Teilen lediglich webbasierte Distributionskanäle für multimedial angereicherte Lehrbuchinhalte. Was brach liegt: Die Wissensarbeiter der Zukunft kommen an die Hochschulen bereits voll ausgestattet mit Laptop, Smartphone, iPod, einem StudiVZ-Account, manchmal sogar mit einem eigenen Blog aber auf jeden Fall mit dem Wissen über die Allzweck-Zitierwaffe Wikipedia.

Wir nennen es (Wissens-)Arbeit!

Wissensarbeiter der Zukunft brauchen wissen über die Nutzung von Technologien, etwa Social Software, Tools also, die das individuelle mit dem kollaborativen Wissensmanagement und die dabei Beteiligten vernetzen, den Einzelnen als soziales Wesen nicht ausblenden, sondern involvieren. Hierzu abschließend ein Szenario für die Hochschullehre: Adieu Referateseminar, adieu Frontalunterricht. Sender und Empfänger, Lehrende und Lehrende wechseln die Rollen, Diskussion steht im Fokus der Präsenzlehre. Ein Wiki bildet die Ergebnisse ab, ist dynamisches Sammel- und Wachstumsorgan für das gemeinsam erarbeitete Wissen. Blogs von Studierenden und Lehrenden zum Thema betonen die persönlichen Sichtweisen und Meinungen, geben den Einzelnen eine Leinwand für die eigene Identität, RSS aggregiert, bündelt. Social Bookmarking und Tagging dokumentiert die Reisen in den Recherchepools der Bibliotheken und Onlinedatenbanken, Präsentationen als Audio- und Videopodcast für die Nachwelt, Sprechstunden auch als Instant Messaging. Diese Form der Wissensarbeit braucht mobile Schnittstellen zwischen Mensch und Technik. Life-long-Learning heißt nicht Life-long zur Uni fahren. Zugang zu den webbasierten Wissensorten, seien es die eigenen oder die geteilten, wird und muss in Zukunft wireless und always on geregelt sein.

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