Gastbeitrag:
Der Journalist und der Blogger, von O.
by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 2 minutes.
Quelle: informationarchitects.jp
media-ocean feiert (immer noch) den 2. Bloggeburtstag. Nachdem ich es letztes Jahr versäumt habe meine Leser und mich zu beschenken, gibt es dieses Jahr eine Reihe von Gastbeiträgen. Prof. Dr. Thomas Pleil vom Textdepot hat vergangene Woche den Reigen der Gastgeschenke eröffnet. Eigentlich wären Dr. Christoph Bieber vom ZMI-Giessen und Prof. Joachim Blum von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg mit ihren Gastbeiträgen an der Reihe gewesen. Aus aktuellem Anlaß habe ich das Posting von O. vorgezogen. O. ist treuer Leser und ebenso treuer Kritiker der Bloggerszene im Allgemeinen und meines Blogs im Speziellen. O. ist Journalist und arbeitet bei einer überregionalen Tageszeitung. Nach dem Link geht es los zu seinem Gastbeitrag…
Prolog
Trier, im April 1997: Bitburger-Flaschen brechen das schwache Licht der Schreibtischlampe, das Dachfenster ist weit geöffnet. Das Fiepen, Schnarren und Rauschen des Modems fliegt in die Nacht. Steffen staunt, ich pruste. Es ist unser erstes Mal mit mIRC – die Chat-Entjungferung. In dieser Nacht haben sich unsere Wege getrennt. Ich wurde Journalist. Und Steffen wurde Blogger.
Besuch bei den re:publicanern
Berlin, im April 2007: Bionade-Flaschen stehen auf dem Boden, das Licht im Erdgeschoss der Berliner Kalkscheune ist so schummrig wie damals in Trier. Hätte jeder hier ein Analog-Modem an – man würde sein Wort nicht mehr verstehen. Andererseits: es spricht ja eh keiner. Was die re:publicaner zu erzählen haben, wird gebloggt. Steffen hat mich zum dritten Tag der re:publica gelockt. Und weil er nicht nur Blogger, sondern auch mein bester Freund ist, streune ich nun staunend zwischen klappernden Notebooks umher. Wem ich ins Gesicht schaue – der schaut zurück: direkt auf mein Namensschild. O.? Nie gehört. Weiterklappern…
In diesem Raum haben die Prominenten eh kein Schildchen an. Sie tragen roten Iro oder einen dicken Bauch. Im großen Saal diskutieren sie auf dem Podium derweil über „Die Medien(r)evolution“. Im Hintergrund steht eine Kollegin vom Radio. Sie nestelt an ihrem Aufnahmegerät – und grinst mich verschwörerisch an. Sie hat mich wohl als Kollegen wiedererkannt. So fühlen wir in diesem Moment das gleiche: Wir hier unten, ihr da oben – Journalisten können Blogger einfach nicht ernst nehmen. Weil die sich selbst so ernst nehmen…
Fatal System Error
Bin ich eifersüchtig? Vielleicht. In Angst um meinen Job als Redakteur? Nein. Gelassen? Ja. Denn Blogger werden uns Journalisten niemals überflüssig machen – solange sie unsere Fehler potenzieren:
- Sie schreiben bei anderen ab, ohne die Nachricht zu verifizieren
- Sie verlassen ihren Schreibtisch nicht
- Sie sind google-blind (was nicht unter den ersten Hits auftaucht, wird ignoriert)
- Sie sind eitel
- Sie schreiben, was ihre Leser erwarten
- Sie sind nicht kritikfähig
- Sie haben nur Freunde, die das gleiche machen wie sie selbst
- Sie vergraulen alle anderen mit Geschichten ihrer Großtaten
Epilog
Hamburg, im Mai 2007: Ich gucke aus dem Büro-Fenster – der Himmel fährt die Sonne runter, der Mond geht auf Standby. Auf die Zeitung, für die ich heute geschrieben habe, werden übermorgen Hamster scheißen. Vielleicht wickelt sogar jemand den berühmten Fisch drin ein. DIESER Text wird im „Media Ocean“ schwimmen. Er wird vielleicht irgendwo anders stranden. Oder torpediert. Oder unbeachtet weiterdümpeln. Es ist ein bißchen aufregend – wie damals, in der Nacht mit mIRC.
