Warum Massenmedien zum Long Tail gehören

Heute gab es bei mir eine Premiere! Nach einem Hinweis von meinem geschätzten Leser O. (seines Zeichens journalistischer Profi bei einer großen deutschen Tageszeitung), dass es in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zwei Beiträge über Blogs zu lesen gibt, bin ich doch tatsächlich zur Tanke gefahren und habe mir für 2,60 Euro den Stapel bedrucktes Papier gekauft. 2,60 Euro nur dafür, dass ich Wer bin ich? Warum das Schreiben eines Blogs befriedigend ist. von Stefan Niggemeier und Wo seid ihr? Seit Jahren revolutionieren Blogs jetzt schon die Medien. Warum nur merken wir davon nichts? von Harald Staun lesen zu können. Eine Premiere ist es deswegen, weil ich schon seit Jahren kaum mehr Geld für Tageszeitungen oder Magazine ausgebe. Bis heute lagen meine Ausgaben für 2007 bei 0 Euro.

Neben Fachliteratur, Papier für Drucker und Fax ist das einzige Papier, das ich sonst noch regelmäßig kaufe, für einen ganz anderen Zweck bestimmt. Hier kostet mich eine Packung zwischen 1,50 und 2 Euro (Umweltpapier, 3-lagig) und das Papier ist sein Geld vom ersten bis zum letzten Blatt wert. Bei Tageszeitungen und Magazinen ist der Ausschuss größer als der Nutzen, warum also kaufen oder gar abonnieren, wenn ich online das, was mich wirklich interessiert, auch kostenlos oder zumindest gezielter und ohne viel Rauschen bekomme. In der FAS-Ausgabe von heute haben mich z.B. gerade einmal 12 Beiträge interessiert. Die gezieltere und wesentlich selektiviere Nutzung von Medieninhalten über Gattungen und Anbieter hinweg ist schonmal ein Aspekt, an dem sich die Revolution der Medien festmachen ließe, die Harald Staun bei den Bloggern vergeblich sucht.

Die 80% Bloggerinnen und Blogger, die unter den 700 Gästen der re:publica weilten, sind im Vergleich zu dem Massenpublikum der medialen Platzhirsche natürlich eine lächerlich kleine Zahl. Dennoch steht das Mediennutzungsverhalten genau dieser kleinen Randgruppe meiner Meinung nach stellvertretend für das, was in den nächsten Jahren weitere Kreise ziehen wird: Weg von massenproduzierter Einheitsware offline, analog und mobil auf Papier, hin zu Nischenthemen und Nischenmedien online, digital und mobil. Um meinen eigenen Wissens-, Informations- und Unterhaltungsdurst zu stillen durchforste ich beispielsweise täglich meine derzeit ca. 80 RSS-Feeds, die meisten davon Blogs, es finden sich aber natürlich auch die Feeds von Heise, Spon oder Zeit in meinem kleinen persönlichen Medienkiosk. Sie besetzen bei mir das Nischenthema “aktuelle Nachrichten”, die Angebote massenmedialer Printanbieter gehören in meiner Medienwelt längst zum Long Tail. Damit wir uns nicht mißverstehen: Ich glaube nicht, dass in Zukunft die Masse der Mediennutzer mit RSS-Feeds hantieren, sie werden sich vielmehr von Info- und Unterhaltungsportalen bedienen lassen, auf denen sie mit maßgeschneiderter Werbung versorgt werden. Das wird dann deren persönlicher Medienkiosk sein.

Auch wenn in gedruckten Zeitungen durchaus hervorragende Artikel zu finden sein mögen (wie ich online immer mal wieder feststelle), ist täglich mit journalistisch aufbereiteten Inhalten bedrucktes Papier einfach nicht (mehr) meine Welt und das geht der Mehrheit der Deutschen so. Fernsehen, Radio, Internet, MP3, On-demand-Angebote und Co. ziehen Publikum und Werbemillarden nach und nach von Print weg. Das ist ein weiterer Teil der Medien(R)Evolution, bei der Blogs zwar eine kleine aber nicht keine Rolle spielen. Die Relevanz dieser Entwicklungen zeigt sich nicht etwa in den Top 100 Blogcharts. Die Relevanz zeigt sich in dem sich grundlegend wandelnden Mediennutzungsverhalten des ehemals homogenen und passiven Massenpublikums.

Der Eindruck, dass sich manche Blogger an der Spitze und als aktive Gestalter einer medialen Revolution sehen, kommt u.a. glaube ich dadurch zu stande, dass diese Blogger die skizzierten Verschiebungen im Machtgefüge der Massenmedien in ihrer vollen Tragweite erkennen – im Gegensatz zur breiten Masse der Profi-Journalisten. Und zwar u.a. genau aus den Gründen, die Stefan Niggemeier in seinem kleinen aber feinen Beitrag schildert. Die Blogger sind die hier besseren Fachjournalisten und zwar auch diejenigen, die keine klassische journalistische Ausbildung genossen haben. Und selbst wenn sie sie genossen hätten, über Blogs, Wikis, RSS, Onlinekommunikation, Netzkultur etc. hätten sie wohl nichts vernünftiges gelernt.

Vielleicht ist das auch gut so, denn für die kompetente Aufbereitung des wichtigen Nischenthemas “Aktuelle Nachrichten und deren Einordnung” bleibt dann mehr Freiraum. Universelle Allround-Unterhaltung wird in Zukunft niemand mehr wirklich in Form bedruckter Papierseiten wollen. Die Zeitungen müssen sich was einfallen lassen. Ich bin gespannt was… Und werde dann drüber bloggen…

p.s. Online hätte ich für die beiden FAS-Artikel jeweils den Preis für eine Packung Klopapier bezahlt, nämlich 2 Euro. Interessanter Weise verzichtet man im Onlineangebot der FAS – wenn man über die Rubrik “F.A.S-Texte” geht – auf einen Hinweis darauf, dass der Beitrag von Herrn Staun auch ohne Eintrittskarte abrufbar und sogar kommentierbar ist. Den Link schenke ich mir, da ich der FAS durch meine Kaufaktion schon genug Währung geschenkt habe, da muss es nicht auch noch ein Aufmerksamkeitslink sein.

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