Journalismus und Zynismus
(Update: Nachdem mein Qumana ein Großteil des folgenden Postings geschluckt hat, ist es nun dank Google-Cache wieder komplett.)
Zum Auftakt des Modellseminars “Zwischen Quote und Qualität – Was guten Journalismus ausmacht“, das vom Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet wird, war gestern Abend Wolfgang Heitmeier, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Bad Reichenhall, als Referent eingeladen. Er berichtete aus seiner Sicht über die Geschehnisse und die mediale Invasion, die nach dem Einsturz des Eislauf- und Schwimmhallendachs im Januar 2006 über die Stadt und ihre Menschen hinweg raste. In einem sehr wort-, detail-, schweiß- und – wenn ich ich es aus der Ferne richtig sehen konnte – auch tränenreichen Vortrag, schilderte Heitmeier die dramatischen Ereignisse rund um das Unglück. Details seiner Schilderungen werde ich auf Wunsch des Redners hier nicht öffentlich machen. Mir geht es aber sowieso nicht um die Nacherzählung seines Berichts, sondern vielmehr um die Stimmungen und Meinungen, die ich während und unmittelbar nach dem Vortrag bei einem Teil der anwesenden Journalistinnen und Journalisten beobachten konnte.
Wolfgang Heitmeier hat seine Version des medialen Blutsaugens mit der von einigen Medienvertretern vorkonsturierten und von den Kollegen offenbar nur all zu gern übernommenen Geschichte verglichen. Ziel seines bewusst – ja eigentlich zwingend – subjektiv gefärbten Vortrags war es, herauszuarbeiten, wie perfide die Logik der Medien aus dem Bad Reichenhaller Unglück eine Themenkarriere kreierte, in der Heitmeier selbst zum – durchaus zu gewissen Teilen auch selbst mit verursachtem – tragischen Protagonisten einer gnadenlos geführten Medienhetze wurde.
Mich haben die Schilderungen zutiefst berührt und mitgenommen, Gänsehaut und Tränendrang wechselten sich ab. Wie es bei der breiten Maße der anwesenden Journalistinnen und Journalisten war, kann ich nicht objektiv einschätzen. Dennoch haben mich die ein oder andere Verhaltensweise während und der ein oder andere Kommentar beim anschließenden Bier doch sehr nachdenklich gemacht.
Mein Eindruck – and correct me gerne in den Komentaren if I am wrong – war: Der Medienbetrieb, Journalismus im Spannungsfeld zwischen Schnelligkeit, Quotendruck und Qualitätsanspruch prägt eine Form der Betriebsblindheit aus, die man von außen nur als Zynismus in Reinform bezeichnen kann. Diesen Zynismus haben die Journalisten damals vor Ort in Bad Reichenhall ausgelebt, mir schien ein Hauch dieses Zynismus auch gestern abend in der Luft zu liegen…
Man flüchtet sich in die Beobachterperspektive, versachlicht, verdinglicht, “veranalysiert” und “verobjektiviert” das Unobjektivierbare, nämlich menschliche Emotions- und Gemütslagen in Extremsituationen. Im Journalismus mag diese Einstellung bei der Amtsausübung durchaus in vielen Fällen nützlich und für eine professionelle Berichterstattung auch notwendig sein. Dennoch: Für meinen Geschmack hinterfragen Journalisten die Realitätskonstruktionsmaschinerie in der sie arbeiten nicht mehr. Sie wird als gegeben und unveränderbar wahrgenommen.
p.s. Hut ab, dass Wolfgang Heitmeier der Einladung nach Travemünde gefolgt ist und den Mut hatte, vor Journalisten nochmal die Stationen der (und seiner persönlichen) Tragödie zu durchleben. Danke dafür!
