Nachlese (II): BPB-Workshop zu Medien 2.0
by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 7 minutes.
[Update Anfang] 22.10.2006: Auch Quarterlife, eine Teilnehmerin des Medien 2.0-Workshops der BPB, hat die Veranstaltung insgesamt wohl gut gefallen, wie in Ihrem Fazit zu lesen ist. [Update Ende]
Die Tatsache, dass die Veranstaltungsdokumentation zum Medien 2.0-Workshop der Bundeszentrale für politische Bildung nun mit einigen Interviews mit Referenten und Pausengesprächen mit TeilnehmerInnen komplettiert wurde [dank und Kompliment an Volker Dick], ist der ideale Anlass für mich noch die etwas ausführlichere Nachlese zu der Veranstaltung zu bloggen. Ausserdem kann ich bei der Gelegenheit auch noch meine Bewertung des Tagesthemenbeitrags zu Web 2.0 und Youtube nachreichen, wie ich es hier und andernorts ja versprochen hatte. Nun also zu meiner Nachlese…
Workshop-Organisation und Veranstaltungsprogramm
Hier kann ich in weiten Teilen Bestnoten vergeben. Sehr gute Kommunikation im Vorfeld, während und nach der Tagung. Das Hotel werde ich jedenfalls weiterempfehlen, so wie ich Workshops der Bundeszetrale für politische Bildung weiterempfehlen kann. Absolut aktuelles Thema mit wichtigen Akteuren aus Praxis und Wissenschaft. Eine Gruppengröße, die größer aber auch kleiner nicht hätte sein dürfen und inhaltlich eine interessante Mischung aus klassischen Vorträgen und Diskussionspanals. Sicherlich gibt es im Bereich des Unconferencing coole andere Formate, aber das wäre hier eventuell fehl am Platze gewesen.
Die Vorträge und Panels Leider habe ich die Begrüßung von Thorsten Schilling, die Polemik von Johnny Häusler [Blogoskript gibt's hier] und den Vortrag von Jan Schmidt verpasst, da mir die überfüllten Autobahnen einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Aber eine streikende Bahn wäre auch keine Alternative gewesen an dem Tag.
Christoph Dowe schlägt eine NEZ vor
So richtig eingestiegen bin ich mit dem Vortrag von Christoph Dowe von politik-digital, der eine NetzEntwicklungsZentrale (NEZ) postuliert hat. Genauere Ausführungen sind hier zu finden. Man beachte auch die Kommentare. Netz? Entwicklung? Zentrale? Ich hab’s ehrlich gesagt nicht verstanden, wie das funktionieren soll und mit welchem Mehrwert für wen. Aber ich lasse mich gerne aufklären. Bis jemand sich in den Kommentaren gemeldet hat mache ich mich mal selbst schlau und versuche den Text von Christoph Bieber zur Thematik ausfindig zu machen, von dem im Metablocker-Posting die Rede ist.
Podium: Potential 2.0
Die erste Podiumsrunde führte zu – ich nenns mal – genervter Heiterkeit, da die Redezeiten sehr ungleichmäßig verteilt waren und so ein richtig intensiver Schlagabtausch auf dem Podium nicht zustande kommen wollte. Dafür war die Beteiligung aus dem Publikum um so größer, was die ganze Sache schon wieder viel besser machte, als es ein 5-Stühle-eine-Meinung-Podium ohne Einwände aus dem Publikum gewesen wäre. Vor allem an Philipp Dönhoff von der Readers-Edition wurden eine Reihe von Nachfragen zu dem bürgerjournalistischen Projekt der Netzeitung gestellt. Die Grundidee scheint gut anzukommen, erzeugt aber auch Un- und Mißverständnis, wenngleich meinem Empfinden nach die Neugier überwog, was ich auch an den zahlreichen Nachfragen in der Kaffeepause an Raffi und mich (wir sind beide ehrenamtliche Moderatoren der Readers-Edition) festmache.
Tagesthemen und Web 2.0
Thomas Mrazek, Modertor des Panels und sonst u.a. bekannt als netzjournalist, startete das Podium mit einer eigenen Polemik zu Web 2.0, billigen Contentlieferanten und der Auseinandersetzung der klassischen Medien mit Bürgerjournalismus und Co. Als einer der Akteure in dem Tagesthemen-Beitrag kann ich Teile der Kritik von Thomas Knüwer und anderen durchaus nachvollziehen, wenngleich ich nicht direkt die große Verschwörungstheorie der Öffentlich-Rechtlichen zur Verteufelung des Webs bzw. der Rechtfertigung der GEZ-Gebühren für Internet-Endgeräte darin sehen kann.
Was auch mir an dem Beitrag im Nachhinein aufgefallen ist: Web 2.0, Youtube und Bürgerjournalismus werden mir etwas zu undifferneziert in einen Topf geworfen und mit einem Statement eines DJV-Sprechers garniert, der mit Standardsätzen alles neue was auch nur ansatzweise den Bilderbuchjournalismus ankratzen könnte, ungut heisst. Nur weil inzwischen das ehemals passive Publikum nun selbst Inhalte teils öffentlichkeitswirksam ins Netz stellen kann heißt das noch lange nicht, dass das auch nur annähernd etwas mit (Bürger-)Journalismus zu tun hat. Es betsteht so die Gefahr, dass man Äpfeln mit Birnen vergleicht, aber im selbst im Virtuellen funktioniert dieser Vergleich eher nicht, Insofern hatte der Beitrag zwar zwei gute Ansätze, die aber zusammengenommen nicht wirklich funktioniert haben und deswegen eher schlechte Kritiken bekommen haben, die blogosphärentypisch mit spitzer Feder vorgetragen wurden. Ich sehe es positiv: Es kann nur gut für die Debatte und die öffentliche Auseinandersetzung mit den jüngsten Entwicklungen sein, wenn das erwachsene Internet auch mal am Krabbeltisch der Tagesthemen zu Gast ist. Die klassisch ausgebildeten Journalisten, die Profis der Zunft täten gut daran sich mit Neugier, kritischer Offenheit und am besten auch mal aktiv mit dem Netz auseinander zu setzen. Dort liegt die Zukunft ihrer Zunft….
Podium 2 – Die Praxisrunde
Im zweiten Podium des Tages kamen die Praktiker unterschiedlicher Medienhäuser zu Wort. Unter anderem war Thomas Satinsky mit von der Partie, der das mir ja bestens bekannte Weblog-Portal Südblog des Südkuriers aus Konstanz vorgestellt hat. Spannend waren noch die Ausführungen des Vertreters des DLF, der meiner Meinung nach eines der qualitativ hochwertigsten Onlineangebote in Deutschland produziert. Alle eigenproduzierten Sendungen gibt es als MP3-Download bzw. Podcast und im Livestream. Er war dann derjenige, der am ehesten auch mal Tacheles geredet hat und dabei Probleme und Grenzen der Möglichkeiten des Einsatzes von 2.0-Strategien bei den Öffentlich-rechtlichen ansprach. Die anderen Projekte wurden mir zu glatt und zu glänzend präsentiert. Das glich mir etwas zu sehr einem Schaulaufen. Man sagt nur das, was etwas nützt, lässt unangenehme Zahlen lieber weg und kontert entsprechende Nachfragen mit Phrasen. Aus der inneren Logik heraus sicherlich verständlich, aber von Außen betrachtet nicht.
Bondy-Blog
Leider leider leider habe ich den Vortrag zum Bondy-Blog ausfallen lassen müssen, aber was Titus Plattner des Schweizer Magazins „L’Hebdo” zu sagen hatte, erregte die Gemüter und erzeugte großes Interesse, wie ich mir im Nachhinein habe berichten lassen. Mit einem Duzend Mitarbeitern war die Redaktion vor Ort, als die Unruhen in den Pariser Vororten tobten. Im Bondy-Blog wurde vin den Schauplätzen nah, authentisch und aktuell berichtet. Spannendes Projekt!
Was die Wissenschaft zu sagen hat
HardBloggingScientist-Kollege Prof. Dr. Thomas Pleil von der Hochschule Darmstadt und ich haben den zweiten Tag mit je einem Vortrag zu Social Software im redaktionellen Markting begonnen. Wir haben uns am Abend vorher noch kurz über die Aufgabenverteilung abgestimmt, um Überschneidungen zu vermeiden. Thomas hat dann zunächst einen breiten theoretischen Überblick unter Einbindung von sehr interessanten Studienergebnissen aus der PR- und marketingstrategischen Perspektive gegeben. Im Anschluss daran habe ich mein bewährtes Beispiel vom Trierischen Volksfreund im Detail vorgestellt und bin dabei wesentlich stärker in die Tiefe gegangen, als ich das in der Vergangenheit getan habe.
Auch den ein oder anderen Hintergrund zu dem Projekt, Probleme und Herausforderungen habe ich angesprochen. Die meisten Nachfragen kamen zu den verschiedenen Varianten der crossmedialen Verzahnung und wie man die Bloginhalte nun genau, mit welchen Zielen und Erfolgen in die Zeitungsausgabe spiegelt. Auch wurde danach gefragt wie es mit dem Aufwand aussieht und inwiefern 360 Blogs, von denen gut die Hälfte inaktiv ist, noch in Relation zu allem Aufwand stehen. Die meisten Fragen konnte ich klären, teilweise auch noch in der Kaffeepause.
Interessant war dann noch eine Frage eines Teilnehmers aus dem Plenum danach, wie derjenige Redakteur, der die Blog-Community hauptsächlich betreut, mit dieser “Selbstdegradierung” zum Communitymanager zurechtkomme. Besser konnte in dieserm Statement die Arroganz der Arroganten in der Medienbranche nicht auf den Punkt gebracht werden. Danke also dafür! Neben Themenmanagement wird nunmal auch das Communitymanagement ein Bestandteil der neuen Aufgaben, die sich Redaktionen stellen, die mit user-generated Content crossmedial arbeiten wollen. Der Redakteur nimmt eine entscheidende Schnittstellenfunktion ein, die die dialogische Verbindung zwischen Blog-Community und Redaktion herstellt. Welche positiven Effekte das für die Blattgestaltung haben kann, konnte ich durch meine Beispiele illustrieren.
Kuscheliger Schlagabtausch zum Abschluss
Der als Schlagabtausch zwischen Grasswurzeln-Män Thomas Wanhoff und dem Holtzbrinck-E-Labber aus dem Verlagskoloss von Holtzbrinck hätte ein bisschen schlagabtauschiger sein können. Aber auch hier war es schön, dass aus dem Publikum einiges an Fragen, Meinungen und Input gekommen ist. Genau das spricht ja dafür, dass eine Tagung interessant und abwechslungsreich. Das Publikum war an beiden Tagen aktiv bei der Sache.
So, jetzt mach ich mal das Licht aus, dieses Posting schlägt alle Längerekorde im media-ocean. Rechtschreibfehler korrigiere ich vielleicht morgen, bis dahin bitte mir Buchstabendrehern und grammatikalischen Sündenfällen vorlieb nehmen. Eine Liste mit Blogs, die ebenfalls eine Nachlese gepostet haben reiche ich dann auch noch nach.
