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Gelesen: „Kopfjäger im Internet“

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 4 minutes.

Das wichtigste zuerst für noch-nicht-bloggende aber interessierte Journalistinnen und Journalisten und notorische Ignoranten neuer Formen der Internetpublizistik und für diejenigen, die nicht genug bekommen können von der Debatte um Blogs und Journalismus:

Das Buch von ihm bei denen kaufen!

Eingereiht: Rezensionen zu „Kopfjägern im Internet“

Das Rezensionsexemplar liegt mir schon seit einigen Wochen vor, aber vor Semesterende bin ich beim besten Willen nicht dazu gekommen, das Buch von Matthias Armborst zu lesen. Vergangene Woche hat es endlich geklappt und ich reihe mich gerne in die Riege der bisherigen Rezensenten: Jan Schmidt, Die neuen Meinungsmachern, Wortfeld, EpiBlog und PR-Blogger. Eine ausführlicher Liste der Rezensionen gibt es – von Matthias selbst gepflegt – hier.

Im Vorfeld: Wenn Journalisten das NR PR macht

Wer einen Blick in die Renzensionen wirft wird immer wieder auch Hinweise auf ein kleines Ferkel finden, dass im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Buches durch Klein-Bloggersdorf getrieben wurde. Das Buch von Matthias wurde mit Unterstützung des Netzwerk Recherche und in deren Reihe im LIT-Verlag herausgegeben. Die dazu publizierte Pressemitteilung hat einiges an Aufregung und den schon routinemäßig gegenüber dem Netzwerk Recherche geäußerten Missmut hervorgerufen. Näheres gibt es hier und hier.

Kritisiert und verteidigt

In so gut wie allen Besprechungen des Buches wird auf die Tatsache hingewiesen, dass die durchgeführte Befragung nicht repräsentativ ist, da u.a. die Zahl der Befragten und die Befragungstechnik das nicht hergeben. Berechtigter Einwand. Dennoch: Bei der in Deutschland noch sehr dünnen Decke an wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Weblogs muss jeder vorgelegten Arbeit Respekt für das Engagemenet gezollt werden, da ein Beitrag zur Erschließung des Forschungsfeldes geleistet wird. Ich hör zwar schon wieder diejenigen Blogger aufschreien, die nicht beforscht und in Ruhe gelassen werden wollen. Aber meist sind das doch nur Schreie nach Mehr. Schreie nach Aufmerksamkeit, um die wir doch alle – Hand aufs Herz – kämpfen. Da der Autor transparent macht wie er vorgegangen ist, wo die methodischen Fallstricke lagen und wie deshalb die Befunde einzuordnen sind, kann die berechtigte Kritik produktiv für weitere Studien genutzt werden.

Schreibe und Formuliere

Äußerst angenehm beim Lesen ist mir beim Lesen der Schreibstil von Matthias Armborst aufgefallen. Der Text ist flüssig und ellegant einfach formuliert und büst dennoch nicht den Anspruch an einen normalerweise eher nüchternen wissenschaftlichen Text ein. Die vielen Verweise auf deutsche und englische Fachliteratur bringt es natürlich dennoch mit sich, dass Leser, die nicht an wissenschaftliche Texte gewöhnt sind, das ein oder andere Mal stöhnen dürften. Als von schlecht geschriebenen wissenschaftlichen Texten „geplagter“ Wissenschaftler kann ich aber versichern: Der Text von Matthias Armborst ist da eine sehr angenehme Ausnahme. Mir selbst fällt es ja auch immer weider schwer kurze und möglichst verständliche Sätze zu formulieren.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Im zweiten bis vierten Kapitel bekommen Hans-Jüregen Bucher und ich immer wieder den Spiegel vorgehalten, da Matthias unsere Texte zu Weblogs als Form des Netzwerkjournalismus rezipiert und für seine Zwecke in den Forschungsüberblick mit eingearbeitet hat. Das war ein ganz neuer Eindruck für mich, da ich mich selbst ja erst noch als Wissenschaftler etablieren will und muss. Insofern war es sehr spannend und auch hilfreich zu sehen, wie die eigenen Texte rezipiert und in Kontrast zu Abhandlungen anderer Kommunikations- und Medienwissenschaftlern gestellt wird. Das schärft das Bewusstsein über die eigenen Arbeiten und eröffnet die Möglichkeit bei künftigen Überlegungen die Rezeptionseindrücke anderer einzuarbeiten. Aus diesem Grund waren die ersten vier Kapitel für mich besonders Gewinn bringend. Was Kapitel 3.4.7 betrifft teile ich die Kritik von Jan. „Blogs als Einnahmequelle“ scheint mir dann doch eine zu diffusive Rubrik zu sein.

Stiefmütterchen Ethik

Schönes Add-on: Kapitel 5 zum Thema Blogs, klassischer Journalismus und Ethik. Ein interessantes Thema, zu dem ich gerne mal noch eine ausführlichere Auseinanderstzung lesen würde. Als erster grober Ein- und Überblick mag das Kapitel im Buch von Matthias aber genügen.

Meinungspublizistik Schwarz auf Weiß

Die Ergebnisse der Untersuchung haben für mich keine wirklichen Überraschungen gebracht. Vieles davon deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Läßt man mal die berechtigten Einwände in Sachen Methode und Repräsentativität aussen vor, so finden sich in den Daten eine Reihe von Ergebnissen, die das in Zahlen schwarz auf weiß zum Ausdruck bringen, was ich in diesem Beitrag als vernetzte Meinungspublizistik charakterisiert habe. Das war im empirischen Teil jedenfalls der Größte Gewinn beim Lesen für mich.

Fazit

Für Einsteiger in die Thematik leistet das Buch meiner Ansicht nach am meisten, für Fachleute liefert es eine gute Zusammenfassung und für Praktiker wie Wissenschaftler sind Ergebnisse und die Thesen am Ende – trotz der zu relativierenden Validität der Daten – eine gute Grundlage für weitergehende Diskussionen des Themas Weblogs vs. Journalismus. Da es sich abzeichnet, dass klassischer Journalismus und neue user-generated Formate Symbiosen eingehen, wird sich die Debatte weiter versachlichen und irgendwann auch gar nicht mehr geführt werden müssen. Ich denke, dass das Kopfjäger-Buch hierzu einen Beitrag geleistet hat.