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Nachlese (I): Social-Software-Workshop Stuttgart

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 5 minutes.

[Hinweis: langes Posting]

Wie hier angekündigt, war ich am vergangenen Dienstag in Stuttgart, wo in den Räumen der MFG ein von dem Forschungsprojekt FAZIT organisierter wissenschaftlicher Workshop zu Social Software in der Wertschöpfung stattgefunden hat. Die Agenda gibt’s zum Nachlesen hier. Ein kurzes Resümee gibt’s bei doit-online. Das Fazit des Veranstalters kann man hier nachlesen und ein paar Bilder gibt es über diesen Link. Ein Hörfunkbeitrag, der offenbar am Rande des Workshops entstanden ist, lief am 22. Juli unter dem Titel „Im Netz abkupfern. Blogger und Wikipedianer können Unternehmen als Vorbilder dienen“ im Deutschlandfunk. Als Podcast gibt es den Beitrag von Achim Killer hier.

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Die ca. 25 TeilnehmerInnen kamen hauptsächlich aus den Bereichen Wissenschaft und Forschung, es waren aber auch einige Praktiker dabei.

Dennis Mocigemba von der International University Bremen führte mit einem kurzen Vortrag zur Internetgeschichte und Social Software in den Workshop ein und leitete als Modertor durch den Tag. Als zentrale Herausforderungen bei der Adaption von Social Software sieht er insbesondere juristische Aspekte, etwa in Sachen Copyright, eine neue Dimension der digitalen Spaltung, die sich aus dem erforderlichen Mehr an Medienkompetenz ergibt, und die Frage nach Qualitätssicherungsmechanismen, die sich insbesondere bei Wiki-Projekten stellt.

Ayelt Komus von der Fachhochschule Koblenz ging in seiner Keynote insbesondere auf unterschiedliche organisatorische Erklärungsansätze ein und zeigte am Beispiel des Einsatzes von Weblogs und Wikis in Unternehmen auf, wo sich die spezifischen Potentiale aber auch die Grenzen von Social Software in Unternhemen ergeben.

ayelt_komus

Komus geht davon aus, dass Social Software in Zukunft in bestehende Groupware-Systeme integriert werden. Dabei sieht er die technologische Seite zwar als notwendige, aber bei weitem nicht als hinreichende Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von Social Software an. Die zentrale Herausforderung des erfolgreichen Einsatz liegt seiner Meinung nach deshalb im „nicht-technischen“ Bereich.

Frank Martin Hein von Executive Communication Solutions stellte Ergebnisse einer sehr interessanten Befragung vor, in der die Nutzung elektronischer Medien in Unternehmen und Organisationen betrachtet wurde.

frank_martin_hein

Dateils zur Studie mit Schaubilder und näheren Erläuterungen gibt es als PDF hier. Im Kern lassen sich die Ergebnisse wie folgt zusammenfassen:

  • Traditionelle Online Medien sind in der internen Kommunikation weit verbreitet.
  • Nur wenige, meist große, innovative Firmen experimentieren und treiben neue Trends.
  • Geschäftsführung und IT Abteilungen dominieren die Installation und Nutzung.
  • Online Medien dienen derzeit vor allem der schnellen Information – genau das kritisieren die Nutzer.
  • Führungskräfte wollen elektronisch vor allem „anweisen“ und „Tempo machen“.
  • Elektronisches Networking hat gerade erst begonnen.
  • Elektronische Kommunikation hat „Wissen“ als Herrschaftsinstrument noch nicht abgeschafft, fachliche Autorität kommt meist nach der hierarchischen.

Diese Zusammenstellung stammt aus der Präsentation, die Frank Martin Heim beim Workshop gehalten hat.

Julia Franz, Diplom-Pädagogin von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, referierte zu dem Thema „Social Software in Unternehmen – Kommunikation, Vernetzung, Kontrolle“ und beleuchtete vor allem mit dem Aspekt der Kontrolle einen Teilaspekt des Einsatzes von Social Software in Unternehmen, der allzu gerne aussen vorgelassen wird. In der Präsentation machte Julia Franz deutlich, dass Kommunikationskulturen und Unternehmenskulturen in einem engen Zusammenhang stehen und Social Software in Unternehmen ein transparente(re)s Wissensmanagement ermöglichen. Mit diesem Mehr an Transparenz geht einher, dass einzelnen Projektteams und Mitarbeitern Verantwortung für Entscheidungen übertragen wird.

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Vor diesem Hintergrund argumentierte Julia Franz, dass damit die Selbstführungspraktiken der Mitarbeiter geformt würden, da diese durch transparentes Wissens- und Prozessmanagement sichtbarer und überwachbarer seien. Verweise auf das Panoptikum-Prinzip und Referenzen zu Foucault waren in diesem Zusammenhang dann auch naheliegend. Fazit: Durch den Einsatz von Social Software ergibt sich ein Spannungsfeld von steigender Autonomie der Mitarbeiter auf der einen Seite und steigenden Kontrollmöglichkeiten auf der anderen.

Harald Sack, ehemals einer meiner Dozenten an der Uni Trier und inzwischen an der Uni Jena in der Fakultät für Mathematik und Informatik tätig, präsentierte zu dem Thema „Kollaboratives Indexieren und die Emergenz neuer sozialer Netzwerke“.

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In dem sehr anschaulichen und unterhaltsamen Vortrag arbeitete er folgende drei Thesen zum Einsatz von kollaborativen Tagging-Systemen heraus:

  • Collaborative Tagging Systems schaffen neue soziale Netzwerke
  • Die so geschaffenen Netzwerke bieten einen potenziellen Mehrwert gegenüber den herkömmlichen sozialen Netzwerken und ergänzen diese
  • Der Nutzen dieser Netzwerke hängt stark von der Anzahl, der Qualität und der Aktivität der Anwender ab

Da ich mich in meiner Doktorarbeit auch mit sozialen Netzwerkphänomen auseinandersetze war es besonders spannend einmal verständlich erklärt zu bekommen, wie man sich aus Sicht der Informatik theoretisch und methodisch mit der Beschreibung und „Berechnung“ von sozialen Netzwerken beschäftigt.

Im Zusammenhang mit dem Begriff „kollaborativ“ drängte sich mir die Frage auf, in welchem Maße es sich aus Sicht der Nutzer von Tagging-Systemen tatsächlich um „Kollaboration“ handelt. Diese setzt meiner Ansicht nach ein hohes Maß an Intentionalität voraus, was in der Tagging-Praxis meiner Ansicht nach aber eher selten der Fall sein dürfte. Der Eindruck der Kollaboration ist wohl eher ein Beobachterkonstrukt. Bei sozialen Netzwerken – z.B. in Tagging-Systemen – handelt es sich wohl eher um transintentionale Phänome. Die sozialen Netzwerke emergieren und sind somit nicht auf die Intentionen der einzelnen Nutzer zurückführbar. Sie sind mehr als die Summe der Einzelteile und bestehen auch dann weiter, wenn Nutzer nicht mehr partizipieren und beispielsweise durch neue Nutzer ersetzt werden.

Jan Schmidt ergänzte die eher informationswissenschaftlichen Vorträge zum Thema Tagging durch seine kommunikationswissenschaftliche Perspektive. „Kollaborative Verschlagwortungssystemen in der Organisationskommunikation“ standen im Zentrum seiner Präsentation.

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Jan argumentierte dahingehend, dass Verschlagwortungssysteme primär zwar dem individuellen Informationsmanagement dienen, gleichzeitig aber auch kollaborative Klassifikationen entstehen. Entscheidend ist, dass hierbei andere Leistungen erbracht werden als bei „klassischen“ Ordnungssystemen. Insofern können kollaborative Verschlagwortungssysteme für Unternehmen insbesondere dahigehend nützlich sein, dass sie das Informationsmanagement um weitere Mechanismen ergänzen.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen beim Einsatz von Social Software (im universitären Kontext) kann ich Jan’s Positionen nur unterstreichen. Sicherlich fehlt hier auch noch einiges an Grundlagenforschung, aber eines ist denke ich sicher: Um Social Software in Unternehmen „gewinnbringend“ einzusetzen, bedarf es der notwendigen Medien-, Kommunikations- und Sozialkompetenz bei Führung, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Unternehmen.

Bernd Hartmann setzte sich im abschließenden Vortrag des Workshops unter dem Titel „Leser-Blatt-Bindung 2.0″ mit Medien-Marken als Social Software auseinander.

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Dabei ging er insbesondere auf die Leser/Schreiber-Community von NEON-Online ein, verwies aber auch auf andere Angebote wie jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung, Opinio von der Rheinischen Post und Zünder von der ZEIT.

Im Hinblick auf die Herausforderungen, Probleme und Potentiale des Einsatzes von Social Software für Medienunternehmen formulierte Bernd Hartmann abschließend eine Reihe von Thesen, auf die ich in einem eigenen Beitrag näher eingehen werde. Wird ja auch mal Zeit, dass dieses ellenlange Posting zu Ende geht… Wer es bis hierhin geschafft hat, möge in den Kommentaren seine Adresse hinterlassen, ich schicke dann einen hardbloggingscientist-Button als Dankeschön ;-)