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Aus! Aus! Auuuus!
Der Traum ist auuuuus!
… Aber es war schön zu träumen

by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 3 minutes.

Der Morgen danach… Die Sonne brennt sich schon früh durch die schwüle-gewittrige Vormittagsluft… Schweissperlen auf der Stirn kämpfen gegen die Überhitzung an… Gestern abend noch waren es die Spannung, die Hitze, das Spiel, das Adrenalin, die den Körper haben kleben, haben beben lassen, die Blicke dabei gebannt auf Leinwände, Fernseher oder – bei entsprechendem Geld und Glück – auf das Livegeschehen in Dortmund gerichtet.

Nach 118 Minuten mischten sich Schweiss mit Tränen – gut gespielt, gut gekämpft, gut Glück aber auch gut Pech gehabt. Lehmann im akkord beim Bällepflücken, doch den Erfolg konnte auch er am Ende nicht ernten. Eins war von Beginn an klar: Wer das erste Tor schie0t, wird das Spiel gewinnen. Italien gelang genau das zu einem der perversesten Zeitpunkte, die ein Fußballspiel zu bieten hat.

Das Aus im Halbfinale!

Euphorie und Begeisterung schlugen um in Bedrückung, Trauer, Enttäuschung, Ärger. Doch das vergeht… Der Stolz auf das “trotzdem” geleistete wird die Freude und Zufriedenheit zurück bringen. Grönemeyers-Gähnhymne “Zeit, dass sich was dreht” mag die verkopfte Elite der FIFA-FUssball-Bürokraten beeindruckt und das Organisationscommittee um den Kaiser ein nettes Sümmchen gekostet haben. Aber: Etwas gedreht, erregt, bewegt hat in Wahrheit eine junge, leidenschaftlich und mitreissend spielende 11-Kameraden-Truppen aufm Platz, auf den Plätzen, in den Köpfen einer ganzen Nation, mit positiver Ausstrahlungskraft hinein bis tief in die Deutsch-Stereotypen unserer Nachbarn und Freunde aus aller Welt, die bei uns zu Gast waren und noch bis zum Wochenende sind. DAS allein ist weltmeisterlich, menschlich, phantastisch. Fahnen all überall, Fans, die im Stadion die deutsche Nationalhymne “einfach auch mal so” zwischendurch während des Spiels singen – das ist erderschütternd revolutionär für ein verschüchtertes Land, in dem Stolz auf eben dieses Land bis vor kurzemvon der breiten Masse nur hinter veschlossenen Türen und vorgehaltener Hand als möglich erachtet wurde. Das hat Klinsmann mit seiner neuen Philosophie gedreht…

Ebenso erderschütternd revolutionär – um jetzt mal auf das Spielerische einzugehen – war der Mut des italienischen Trainers ab der Verlängerung mit drei Spitzen zu spielen. Moderatoren, Reporter, Kommentatoren waren damit komplett überfordert, die seit Jahrzehnten verbreiteten in weiten Teilen durchaus berechtigten Stereotype zu den Spieltraditionen von Nation X und Land Y griffen plötzlich im Falle Italiens nicht mehr. Lippi’s Mut wurde konsequenterweise belohnt, wie konsequenter Weise der Nicht-Mut von Argentiniens Coach Pekerman bestraft wurde. Klinsmann und seinem Team hat es nicht an Mut gefehlt. In den wesentlichen Kritikpunkten hat Klinsi seine Kritiker – wie heisst es so schön im Sportreporterdeutsch – im Nachhinein lügen gestraft und das auf breiter Front.

Mein persönlicher Kritikpunkt am Spiel unserer Mannschaft richtet sich an Michael Ballack, der als spielintelligentes Zentrum des vernetzten Spielsystems der deutschen Mannschaft inbesondere nach vorne effektloser blieb, als man es von ihm erwarten konnte. Den Vorwurf kein Tor erzielt zu haben, wird er sich wohl selbst machen. In der Abwehr hat sich Ballack richtig gut geschlagen, doch nach dem Umschalten auf Angriff kamen seine Pässe meist nicht an, einer hohen Schussquote steht eine 0%-Trefferquote gegenüber. Während Ballack den Ball annimmt, sich anschließend den Blick über mögliche Anspielstationen verschafft, haben es z.B. die italienischen Mittelfeldstrategen verinnerlicht, bereits vor Ballannahme und Pass zu wissen, wo sich ihre stürmenden Kollegen gerade befinden. Die Zeitdifferenz zwischen Annahme und Pass auf ein Mindestmaß zu minimieren, bei gleichzeitiger Steigerung der Präzision bei der Ballabgabe, scheint mir die große Kunst zu sein. Diese Micro-Zeitvorteile lassen in einer ansonsten auf maximale Fehlerminimierung ausgelegten Spielweise Raum für Chancen entstehen.

Bleibt zu hoffen, dass Klinsmann mit seinem Team erfolgreich weiter arbeitet, weiter arbeiten will. Er kann, sollte und muss den angestossenen und weit vorangetriebenen Wandel hin zu einem modernen, zukunftsfähigen Fußballverständnis vollenden und bis zur EM 2008 weiter perfektionieren. Dann sollte das sehr junge Team genau das Quentchen Mehr an Erfahrung und Reife angehäuft und verinnerlicht haben, das gestern gegen die Italiener wohl noch nicht vorhanden sein konnte.

Ich wünsche mir weiterhin Frankreich als Gegner im Finale, den Titel soll Italien holen.