Im Tal der Ahnungslosigkeit (IV): Berliner Zeitung zur Bedrohung Weblogs

Leider hat es mal wieder jemand in meine Rubrik “Im Tal der Ahnungslosigkeit” geschafft. Mit dem Beitrag Aufspüren, beobachten, auslöschen – Wie sich Firmen gegen Gerüchte und Desinformation in Weblogs wappnen können belegt ein Autor der Berliner Zeitung wie man ohne Sachverstand, ohne sorgfältige journalistische Recherche, dafür aber mit Pauschalaussagen und fehlerhaften Sachverhaltsdarstellungen toten Baum mit noch toteren Des-Informationen bedrucken kann.

Zu Beginn verweist der Autor auf das kalifornische Unternehmen Technorati.com, von denen er die Information hat, dass jede Sekunde ein neues Weblog entsteht. Was dieses kalifornische Unternehmen mit Weblogs zu tun hat bleibt offen. Ein genauerer Verweis darauf, woher die Information aus dem Hause Technorati stammt, fehlt ebenfalls. Dabei hätte man noch nicht mal bei Technorati anrufen müssen, denn der Gründer und CEO von Technorati, David Sifry, führt hier ein eigenes Weblog, wo er in regelmäßigen Abständen die aktuellsten Zahlen zur Blogosphäre – so, wie sie sich aufgrund der Technorati-Datenbank darstellt – veröffentlicht.

Dort findet man neben der Bestätigung der Aussage, dass sekündlich ein neues Blog entsteht auch die – zumindest zum Zeitpunkt des Postings – aktuellste Zahl der von Technorati erfassten Blogs, nämlich 37,3 Millionen Blogs. Das sind zwar über 30 Millionen, wie es zu Beginn des Beitrags behauptet wird, aber ein aktueller Blick auf technorati.com hätte dem Verfasser verraten, dass es inzwischen über 40 Millionen sind.

Okay, zwischen Recherche, Verfassen und Veröffentlichung liegt manchmal ein gewisser Zeitraum, aber bei sich so dynamisch entwickelnden Zahlen sollte man sich vor der Veröffentlichung nochmal rückversichern. Selbst wenn es ein Tippfehler ist, ist er genau an der Stelle fatal.

Aufschlussreich ist dann dieser Satz: “Die meisten von ihnen [den Blogs, d.V.] haben genauso viele Leser wie Autoren, nämlich einen.” “Die meisten”? Aha! Der Autor hat also die über 30 40 Millionen Weblogs darauf untersucht, wie viele Leser diese haben und ist bei “den meisten” zu dem Ergebnis 1 gekommen. Es lebe die Seriosität! Ist da etwa die Grenze zwischen Information und voreingenommener Meinung des Autors leicht verschwommen?

Auch im Anschluß bleibt es lustig: Das topaktuelle Beispiel Spreeblick und Jamba muss als Beleg dafür herhalten, wie förmlich über Nacht ein Blog berühmt werden kann, weil es eine Nachricht in die Welt gesetzt hat, die Journalisten bei anderen Medien interessant finden. Darf man der Formulierung “bei anderen Medien” entnehmen, dass Blogs vielleicht doch keine Internet-Tagebücher sind, sondern “Medien”? Was sind Blogs denn nun?

Ganz nebenbei noch dieser Hinweis: Die Jamba-Story wurde von Johnny Häusler nicht vor einem Jahr geschrieben, wie im Beitrag behauptet, sondern sehr genau am 12. Dezember 2004. Eine simple Google-Anfrage bringt das binnen 10 Sekunden ans Tageslicht. Die darauf folgende Nacherzählung der Jamba-Geschichte gelingt nur bedingt.

Am Ende des Abschnitts dann noch ein toller Satz, dessen Informationen diesmal felsenfest durch die Referenz auf einen Experten untermauert werden: “Seitdem [seit dem PR-Gau für Jamba, d.V.] durchsuchen Journalisten die so genannte Blogosphäre immer häufiger nach vergleichbaren Trüffeln, sagt der Berliner Blog-Experte Albrecht Ude”. Aha! Dann mal viel Spass beim immer häufigeren Trüffelsuchen, liebe Journalisten. Und nur weil es ein im Beitrag nicht näher ausgewiesener Blog-Experte sagt, wird diese skurrile Aussage nicht plausibler.

Etwas ungünstig ist der Hinweis im folgenden Abschnitt, wo darauf verwiesen wird, dass klassische Medien bereits schon länger Weblogs als Ergänzung ihrer Arbeit entdeckt haben. Auch wieder so herrlich ungenau! Denn die im folgenden Satz erwähnte Kooperation der Nachrichtenagentur Reuters mit Global Voices Online besteht nicht etwa “schon länger”, sondern seit April 2006, wie es bei Global Voices Online als Mitteilung nachgelesen werden kann. Es stimmt zwar, dass klassische Medien in Deutschland, in den USA und andernorts Weblogs schon länger entdeckt haben, aber Reuters ist hierfür ein eher ungünstiges Beispiel. [Update: Hugo E. Martin weisst in den Kommentaren darauf hin, dass Reuters und GVO laut den FAQs auf den Seiten von GVO schon seit Januar 2006 kooperieren. Verlängert zwar den Zeitraum, aber macht Reuters/ GVO immer noch nicht zum Paradebeispiel.]

Der Rest des Beitrags rettet nichts mehr, sondern setzt der journalistischen Glanzleistung mit folgendem Satz noch die Krone auf: “Denn anders als im journalistischen Idealfall halten es viele Blogger mit der Überprüfung von Quellen und dem Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen nicht so genau.”

Viel Spass beim Nachlesen, lieber einzelner Leser meines Internet-Tagebuch-Mediums.

[Update: Auch der geschätzte Schockwellenreiter is not amused über den Beitrag]

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