Der Buchblogger –
Bernd Sommerfeld im Interview
by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 6 minutes.
Bernd Sommerfeld ist (Online-) Buchhändler in Berlin und betreut dort seit 20 Jahren die Informatik-Abteilung der Buchhandlung Lehmanns. 1993 startete er mit einem Linux-Rechner den ersten deutschen Bookshop im Web und betreibt seit einem Jahr das Weblog http://blog.lob.de. Dort empfiehlt er Bücher, führt Interviews mit Bloggern (z.B. auch mit mir) und stellt hin und wieder interessante von ihm organisierte Veranstaltungen vor. Im Interview spricht er übers Geldverdienen mit Blogs, das Buhlen um Leserfeedback, seinen ersten s/w-MAC sowie den alten und neuen Pioniergeist im Web.
In Klein-Bloggersdorf bloggt ja schon der ein oder andere Berufsstand. Es gibt den Shopblogger, den Taxi-Blogger, das Law-Blog usw. Was hat Dich zum Bloggen getrieben?
Unzufriedenheit mit meiner Branche :) Ich finde z.B. “Bestsellerlisten” und maschinenbasierte Empfehlungen einiger Webshops absolut daneben, eben manipulierbar. Ich kenne Buchhändler und Freunde die meinen Geschmack viel besser treffen. Wer zweimal auf ein gutes Buch hingewiesen hat, dessen Tipp befolgt man auch ein drittes Mal. Und mit Blog-Software ein Journal im Web zu führen ist in etwa so einfach, wie eine E-Mail zu verschicken. Heute habe ich verschiedene Blog-Systeme ausprobiert und bin mit WordPress zufrieden. Mein Blog-Eintrag wird schon nach Minuten bei Google indiziert und es gibt dort super Rankings. Ich empfehle gute, lesenswerte Bücher indem ich diese in meinem Blog vorstelle. Vom Roman, Sachbuch, Hörbuch bis zur Open Source Veranstaltung gibt es viel aus unserer Buchhhandlung zu berichten… Roberto Calasso hat gerade sowas als Buch bei Hanser gemacht: “Hundert Briefe an einen unbekannten Leser”.
Wie viele “unbekannte” Leser hast Du?
Täglich lesen ca. 500 Leser meine Beiträge. Über Suchmaschinen kommen weitere auf mein Weblog. Da ich alle Bücher über unseren Online-Shop bestellbar mache, sehe ich an diesen Bestellungen, dass viele Leser aus der Linux-Szene stammen. Aber auch Peter Handke (3x!), Krimis und Hörbücher werden gerne bestellt. Neuerdings mache ich Gewinnspiele mit Fragen zu Büchern. Noch bekomme ich leider die Antworten meist direkt als E-mail. Um mehr direktes Feedback in Form von Kommentaren zu provozieren muss ich mir noch etwas einfallen lassen…
Bei einem Gewinnspiel würde ich meine Lösung auch nicht in die Kommentare posten, schliesslich will ich ja gewinnen und nicht anderen die richtige Lösung verraten. ;-) Wie sieht es denn mit dem “finanziellen Feedback” aus. Kannst du mit Bloggen schon Geld verdienen?
Mein Weblog ist im Vergleich zu Spreeblick oder grossen US-Blogs eher bescheiden. Aber mein Mix kommt scheinbar an und es gibt erste Gastautoren. Bei meinen Events (im Weblog angekündigt) kommen bis zu 60 Gäste. Mit “Bestsellern” habe ich noch nichts verdient (Harry Potter etc. empfehle ich auch nicht). Wenn ein gutes Buch erscheint, was sonstwo schwer zu finden ist, dann kommen Bestellungen. Deshalb suche ich eher den Kontakt zu kleineren Verlagen. Es gibt bei LOB.de ein Afiliate-Programmn, wo einer der Partner schon 20.000 Euro pro Monat verdient. Um dahin zu kommen, werde ich noch lange bloggen müssen…;-)
Blogs und Kommerz, passt für mich persönlich nicht zusammen! Was hälst Du von der Kommerzialisierung der Blogs?
Die werden wir wohl genauso wie beim Internet 1993 hinnehmen müssen. Als ich 1992 zum ersten mal im Internet war, gab es dort nur wissenschaftliche Texte (Wais/Gopher/ftp), keine Suchmaschinen etc. Daher hatte ich mir dummerweise einen schwarz-weiss Mac gekauft. Ich hätte nie gedacht, das das Internet mal in Farbe sein würde :) Unsere Buchhandlung war eine der allerersten kommerziellen Seiten aber wissenschaftliche Texte und Bücher gehören zur Kultur und meine Buch-Mailinglisten mit Internet und Linux-Titeln hatte keine Kritiker in einer sonst sehr kritischen Umgebung. Das man im Internet direkt EDV-Bücher bestellen konnte fanden alle cool. Danach kam AOL, t-online etc. und damit der Kommerz auf breitester Front. Aber Weblogs sind so effizient, dass heute jeder einzelne die Möglichkeit hat damit seine eigenen Ideen zu veröffentlichen. Auch Märkte sind Gespräche – wenn sich da einige Blogger zusammen tun, werden sie eher gehört. Ich vertraue eher Aussagen bloggender Menschen als einer Firmen-PR.
Märkte sind Gespräche! Das wurde vor einer Ewigkeit – wenn man in Webjahren denkt – schon Cluetrain-Manifesto nieder geschrieben. Hat das Deine Branche erkannt? Was sagen der Verlage und der Buchhandel allgemein zur “aktuellen” Entwicklung?
Unsere Medienlandschaft und damit unser Leseverhalten (besonders das von jungen Menschen) hat sich durch Weblogs und Wikis rasant verändert. In Weblogs findet Kommunikation statt und fordert daher eine Menge Aufmerksamkeit. Der “Börsenverein des deutschen Buchhandels” und viele Verlage stellen sich diesem Thema noch sehr zaghaft. Obwohl ich überrascht war, jetzt dort ein Interview mit Tim Renner zum Thema “Digitalisierung” zu lesen :) Ich finde nicht nur Zeitungsverlage sollten sich mit dem Phänomen Bloggen und Podcasting beschäftigen. Da gibt es ja inzwischen einige Beispiele wie dein erfolgreiches Projekt beim Trierischen Volksfreund zeigt. Warum sollten Buchverlage oder Hörbuchverlage nicht mit neuen Angeboten die Ansprache ihrer Leser ausprobieren und den Dialog wagen? Außerdem werden damit ihre Inhalte bei Google sichtbarer. Verlage können mit Weblogs/Podcasts direkt mit ihren Märkten kommunizieren. Ihre Verlagskultur endet doch nicht dort wo “Community” anfängt… Wer wissen will, was es mit Weblogs so auf sich hat, kann meinen Blog-Beitrag “Dynamisches Lesezeichen” lesen :)
Du bist ja jetzt schon seit fast 15 Jahren im Web dabei. Alle reden heute von einem qualitativen Wandel hin zu einem Web 2.0. Alles scheint neu und innovativ zu sein, es scheint eine neue Aufbruchstimmung zu geben. Wie ist Deine Einschätzung dazu?
Ja, man spürt den deutlichen Wandel im Web. Wenn ich zum “Webmontag” gehe und die vielen Projekte sehe; das ist echte Aufbruchstimmung! Auf dem Nährboden der OpenSource-Bewegung ist vieles entstanden. “Social Communities” wie der openBC erinnern zwar an Compuserve, funktionieren aber weit effektiver. Es ist so leicht interessante Leute und deren Projekte kennenzulernen. Wenn es das Internet der Dinge gibt (RFID), dann war das alte Web das Internet der Firmen, Web2.0 aber wird das Internet der Leute. Musik wird getauscht, Bilder für alle verfügbar gemacht und Ideen und Wissen per Wikis organisiert. Jeder kann Blogs und Podcast mit wenig Aufwand zum Publizieren benutzen. Menschen schliessen sich zusammen und organisieren sich. Genauso hat es damals auch angefangen. Ich hatte 1994 den ersten “Linux & Internet Kongress” organisiert und das Web sollte uns allen bessere Information und Demokratie bringen. Heute gibt es Wikipedia, Linux, OpenSource-Software für fast alle Anwendungen. Noch nie waren die Menschen so stark vernetzt wie heute…
Das klingt alles sehr euphorisch und optimistisch… Wo siehst Du die zentralen Herausforderungen und Probleme in der gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklung des Web und seiner Rolle für und in modernen Gesellschaften?
Klar gibt es Schattenseiten. Es ist eher eine Elite der Telepolis-Leser die das Internet wie beschrieben nutzt. Die Generation 60plus fängt erst langsam an sich zu trauen und anderen genügt eBay. Wichtig ist der preiswerte Zugang für alle ins Netz. In unserem Buchhandels-Cafe gibt es ein freies, gut genutztes WLAN. Befürchten sollte man die organisierte Kriminalität im Internet. Wenn ich zurück denke an unsere Anfänge, jeder hat da seine Rechnung bezahlt. Die überwiegende Zahl der Besteller waren Wissenschaftler oder kamen von Firmen. Erst nach 5 Jahren kam es zum ersten Ausfall durch Adressen-Fake. Heute ist die Zahlungsmoral viel schlechter geworden…(Na als Buchändler muss ich ja auch ans (fehlende) Geld denken :)
Bernd, ich danke Dir für das (Rück-)Interview. ;-)
