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Die Geißelung der (Ex-)Geisel

by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 3 minutes.

Karikatur zur Gladbecker Geiselnahme aus den 80er Jahren

Okay, gestern abend wurde ich dann doch noch zum Mittäter in der von BILD gestarteten medialen Köpfung der “im Irak lebenden deutschen Archäologin Susanne Osthoff” (dies ist wohl noch die neutralste Beschreibung, die man über Frau Osthoff lesen/ hören konnte). Im Trailer zum RTL-Nachtjournal wurde ein ExekutivExklusiv-Interview mit Osthoff angekündigt, geführt von Antonia Rados, hochdekorierte Edel-Kriegsreporterin bei RTL. Dass Rados wie die ältere und etwas mehr vom Leben gezeichnete Schwester von Osthoff aussieht sei nur am Rande als unsachliche Beobachtung erwähnt, aber das Interview war eine einzige Heuchelei. Im Trailer wurde Aufklärung darüber versprochen, wie es zu den “wirren” TV-Interviews in den vergangenen Tagen kommen konnte (Osthoff gab Interviews bei Aljazeera und beim Heute Journal) und es wurde suggeriert, dass man jetzt mal klar Tisch macht und die echte Susanne Osthoff zeigt, unverhüllt im mehrfachen Sinne…

Gut gekleidet, geschminkt und zumindest äußerlich wenig durch die Geiselnahme gekennzeichnet durfte Osthoff zwar erklären, warum sie im ZDF-Interview ein Kopftuch trug aber ansonsten war das Interview an sich und dann auch die Abmoderation von Rados so darauf zugespitzt eine “zerrissene” Osthoff – so nach dem Motto “Der ist nicht mehr zu helfen” – zu portraitieren und damit nur auf der Schiene weiterzufahren, die durch die boulevardeske Stimmungsmache gegen Osthoff im Vorfeld schon gelegt wurde. Eine perfide Art der Themenausschlachte und Meinungsmache auf Kosten von Entführungsopfern (!!!), wie man sie ja auch bei der Geiselnahme, in die die deutsche Familie Wallert verwickelt war, hat beobachten können. Damals wurde Frau Wallert als labile, theatralisch und hysterisch veranlagte Heulsuse dargestellt.

Liesst man das angeblich komplette Interview mit Susanne Osthoff auf der RTL-Website, bekommt das Interview – das ebenfalls angeblich von Osthoff initiiert wurde – durchaus ein etwas anderes Gesicht und Gewicht. Nichtdestotrotz ist der Zusammenschnitt für’s Fernsehen so tendenziös, dass RTL der BILD in nichts nachsteht. Man beachte auch die Linkbeschreibung auf der RTL-Website, die zum 2. Teil des Interviews führt. Dort ist zu lesen: “zum 2. Teil der Enthüllungen“.

Was ich mich Frage (und meine Anwort lautet Nein!): Steht irgendwo geschrieben, dass eine durch Verhandlungsgeschick der Bundesregierung und Intervention des Ex-Kanzlers befreite Deutsche, die so offensichtlich weder mit ihrer vermeintlichen Heimat Deutschland, noch mit ihrer Familie (was man ja “dankenswerter Weise” durch diverse ExekutivExklusiv-Interviews mit unter Schock stehenden und medial völlig unbedarften und damit überforderten Familienmitgliedern) besonders starke Verbindungen pflegt, jetzt aber Bitteschön 1. allen Medien ein Interview, inklusive Homestory und Detailschilderung der Geiselnahme abzuliefern und 2. jetzt aber gefälligst mal schnellstens nach Deutschland zurückzukommen hat?

Mit der immer wieder und von so ziemlich allen Medien wiederholten Frage zu Osthoff’s Rückkehr nach Deutschland findet eine starrsinnige, engstirnige, stereotype und in Bezug auf Osthoff’s eigene Lebensauffassung völlig realitätsferne Denkweise ihren Ausdruck, die die Medien trotzdem glauben in der öffentlichen Meinung ausgemacht zu haben bzw. diese der öffentlichen Meinung unterjubeln zu müssen. Osthoff wird erneut zum Opfer. Sie wird ganz subtil zur Täterin stilisiert, die entgegen dem Schema der Medien und der dort vertretenen Erwartungshaltung “der Deutschen” handelt. Sie folgt den Forderungen der Entführer medialen Öffentlichkeit nicht: Sie kommt nicht nach Deutschland, hat ihre Tochter immer noch nicht besucht, hat sich nicht dankbar genug gezeigt etc. etc. etc. Sie liefert den Medien nicht den von diesen so sehr gewünschten Showdown in Deutschland mit einer doch so gut inszenierbaren glücklichen Familienzusammenführung, einem herzergreifendem Wiedersehen mit der Tochter und einem rundum gelungenen Heile-Welt-Alles-ist-wieder-Gut-Szenario. Ihr eigenes Leben weiterleben zu wollen, wurde und wird Osthoff jetzt zum Verhängnis…

Nachtrag Der Stern hat ein 11-stündiges Gespräch mit Osthoff geführt, dessen Ergebnis als Interview im aktuellen Stern abgedruckt ist. Das wenige, was ich aus dem Interview und der flankierenden Berichterstattung im Web eben dazu lesen konnte, scheint ausgewogener, differenzierter und vor allem auch medienkritischer als die bisherige Berichterstattung zu sein.