Tal der Ahnungslosigkeit (I): Die Netzeitung
by Steffen Büffel. Average Reading Time: about 2 minutes.
Die Netzeitung titelt heute in einem Artikel Viele Blogs haben kaum Leser. Aha, interessant, als sei das was sensationell Neues! Hab’ trotzdem mal weitergelesen… Im Beitrag werden dann lang und breit Ergebnisse einer Studie von Ask Jeeves Inc. paraphrasiert.
Was mich stutzig gemacht hat: Im Beitrag ist dann durchgängig davon die Rede, dass viele Blogs nur wenig verlinkt seien und es wird der Eindruck erweckt (given the headline), dass die Quintessenz der Studie ist: Wenig Links = Wenig Leser! Häh? Mein direkter Eindruck beim Lesen: Entweder ist das eine schräge Studie oder die Netzeitung hat es verafft. Kleine Google-Recherche zur Studie, die im Artikel der Netzeitung nicht näher benannt ist, und siehe da: Nicht die Studie, sondern die Netzeitung hat es verafft…
Was wirklich geschah:
Jim Lanzone, Vize bei Ask-Jeeves Inc., war als Speaker bei der Konferenz Web 2.0 geladen und hat nach der Session einem Reporter von Reuters ein Interview gegeben. Der wiederum hat einen Artikel zu den im Lanzone’s Präsentation genannten Untersuchungsergebnissen geschrieben, der – so vermute ich jetzt mal – bei der Netzeitung über den Ticker eingetrudelt ist. In der Studie wurden nicht, wie es der Netzeitungs-Beitrag suggeriert, Blogs, sondern Feeds und deren Abohäufigkeit bei dem Dienst Bloglines (im Frühjahr von Ask Jeeves Inc. aufgekauft) ausgewertet. Dass vor allem Blogs (wenn auch nicht alle und auch nicht nur Blogs) Feeds anbieten machen Jim Lanzone selbst, aber auch der Reuters-Beitrag deutlich. Es ist auch nirgends davon die Rede, dass es um Links geht, wie der Artikel in der Netzeitung behauptet. Nein, es geht um etwas ganz anderes, nämlich um das “Subscriben” von Feeds.
Journalistische Inkompetenz und mehr…
Was die Netzeitung aus den Informationen in dem Reuters-Beitrag und den leicht nachrecherierbaren Fakten macht, zeugt nicht nur von mangelnder Sprachkompetenz und fehlender journalistischer Sorgfalt, sondern auch von haarsträubender Ahnungslosigkeit. Ein Beispiel:
Was Jim Lanzone in seinem Blog schreibt:
In fact, the one feed that has over 50,000 Bloglines subscribers (scientifically denoted as “Da Bomb” in the preso), Slashdot.org, is not even a blog.
Was Reuters schreibt…
Only one site — popular geek programmer site Slashdot (http://slashdot.org/) — has drawn more than 50,000 subscribers, according to Bloglines data.
Und was die Netzeitung daraus gemacht hat…
Das meist beachtete Blog im Netz ist übrigens «Slashdot». Mehr als 50.000 Websites verlinken inzwischen auf «slashdot.org».
Slashdot, “not even a blog”, wird bei der Netzeitung dann doch zum Blog. Aus 50.000 Feed-Abos bei dem Dienst Bloglines macht die Netzeitung einfach 50.000 Websites die verlinken…
Um meinen Grundschullehrer zu zitieren: “Selig die Bekloppten, denn Sie brauchen keinen Hammer mehr…”
