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Nachlese ZKM-Tagung (III): Blogger und Wissenschaftler – Zwei Kommunikationskulturen?

von Steffen Büffel. durchschnittliche Verweildauer: about 4 minutes.

Die ZKM-Tagung zu Weblogs, Podcasting und Videojournalismus hat es gezeigt: Mit Bloggern und Kommunikations-, Sozial-, Medien-, Politik- und Sonstwas-Wissenschaftlern treffen ganz offensichtlich zwei Kommunikationskulturen zusammen. Dazwischen sitzen dann noch die ein oder anderen – mehr oder weniger – sachkundigen Journalisten und alle haben zwei Dinge gemeinsam: Sie glauben die jeweils andere Seite zu kennen und tun in der Regel alles dafür oder dagegen – je nach dem wie man es nimmt – sich gegenseitig nicht zu verstehen bzw. nicht verstehen zu wollen.

Wenn man es mal auf die beiden Kategorien Blogger vs. Wissenschaftler beschränkt sind auf der einen Seite die Blogger, die vor allem eines tun: Sie bloggen… Auf der anderen Seite sind die Wissenschaftler, die vor allem eines tun: Sie forschen…

Für beide Lager kann man die Frage stellen, für wen sie das tun, was sie tun?

Die Blogger bloggen aus Lust und Laune, um ihre Meinung, ihre Gefühle, ihren Sense und Non-Sense, ihr Intimleben, ihre Alltagserfahrungen und -beobachtungen etc. in die virtuelle Welt hinaus zu tragen. Es geht vor allem darum spannende, sinnvolle, sinnlose, lustige, traurige, langweilige, kontroverse Diskussionen zu entfachen und es geht uns auch darum, in der Blogosphäre Aufmerksamkeit zu erzeugen – sei es um aus Ego-Gründen im Mittelpunkt zu stehen , sei es zum Zweck Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, oder sei es ganz einfach, um der Welt etwas mitzuteilen.

Die Wissenschaftler (aus welcher Richtung auch immer kommend) forschen aus Lust und Laune, aus Neugier, weil sie Forschungsgelder zur Verfügung haben, weil es natürlih auch ihr Job ist auch dazu gehört Aufmerksamkeit zu erzeugen – am liebsten in der eigenen Scientific Community.

Hierin liegt meiner Meinung die Parallele zwischen den beiden Lagern. Aber Parallelen schneiden sich bekanntlich ja erst im Unendlichen, was in der Realität also nicht unbedingt weiter hilft.

Die Folge ist: Die Blogger haben keine Lust sich als Versuchskaninchen, als beobachtete Spezies zu fühlen. Studien zu Weblogs und Befragungen von Bloggern nehmen in letzter Zeit stark zu. Aus Sicht der Wissenschaft ganz normal, schließlich sind Weblog-Kommunikation und die Blogosphäre ein spannendes Untersuchungsfeld, das es zu besetzen und zu untersuchen gilt. Zumal es gute Profilierungsmöglichkeiten in der wissenschaftlichen Welt ermöglicht. Denn: First come, first serve! gilt auch für die Wissenschaft. Genau genommen wollen auch Wissenschaftler zur A-List in ihrem Feld gehören.

Ähnlich wie es in der Vergangeheit mit Muds und Moos, mit Chats und den ersten Online-Communities geschehen ist, entsteht durch das inflationäre Beforschen der Blogospähre eine Überforschung (“Über” im Sinne von ein Zuviel). “Leave us alone!” scheint so mancher Blogger mittlerweile zu denken. Als Blogger will man normalerweise nicht analysiert, interpretiert und repräsentativ befragt werden. Als Blogger bekommt man durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die gleichzeitig bestehende mangelnde Transparenz darüber, warum die Forschung wichtig sein könnte, schnell den Eindruck belehrt, kategorisiert und (stereo-)typisisiert zu werden.

Die Wissenschaftler verstehen andererseits die Kritik der Blogger oftmals nicht, sind verwundert oder reagieren schlichtweg mit Ignoranz oder Arroganz auf die Aufmüpfigkeit und Protsste ihrer “Versuchstiere”. Auch hier scheint mir die Ursache darin zu liegen, dass sich viele nicht die Mühe machen mal wirklich ins Feld zu gehen, sprich selbst zu Bloggen, selbst Teil der anderen Kultur zu werden. Wissenschaftliche Distanz zum untersuchten Gegenstand als Quelle der “Objektivität” in allen Ehren, aber gerade solch junge Phänomene wie das Bloggen lassen sich am besten bottom-up durch den praxisnahen (Selbst-)Versuch verstehen. Alt hergebrachte Vergleichskategorien münden in der Regel zu sehr verzerrten und verknappten Versionen der wissenschaftlichen Beschreibung, die an der eigentlichen Realität eher vorbeigehen als ihren Kern zu treffen. Sicherlich sind Debatten wie Weblog= Journalismus?, Weblogs=Tagebuch?, Weblogs= soziale Netzwerke? interessant, aber ich bin der Meinung, dass man sie sowohl aus der Perspektive des Wissenschaftlers als auch aus der Perspektive des Bloggers betrachten muss.

Ich bin der Überzeugung, dass man als Wissenschaftler nur dann authentisch rüberkommt und auch von den Bloggern akzeptiert wird, wenn man selbst an den Onlinediskursen partizipiert, sich einmischt und in Dialog tritt. Und das nicht nur online, sondern auch offline wie etwa bei Tagungen und Konferenzen. Offenheit gegenüber der jeweils anderen Seite ist oberstes Prinzip, um unnötige Missverständnisse zu vermeiden und zu erkennen. Beide Seiten können sich ergänzen bei dem Versuch das zu verstehen, was in der Blogosphäre da gerade spannendes passiert. Mag sein, dass viele das gar nicht verstehen wollen, sondern einfach machen… Aber das ist auch gut so… Go create!!! ;-)

Selbst bloggen auf Seiten der Wissenschaftler ist eine der Notwendigkeiten. Auf Seiten der Blogger sollte aber auch so langsam begriffen werden, dass sie an vielen Stellen gar nicht so weit weg von dem sind, was die Wissenschaftler tun. Häufig wird unter Bloggern reflexiv über das debatiert, was sie tun wenn sie bloggen. Allein der Blick in Wikipedia und die dort zu findenden Versionenhistorie zu den Einträgen Blogosphäre und Weblogs ziegt, wie sehr sich die Onlinegemeinschaft um eine Selbstbeschreibung bemüht.

Insofern liegen beide Lager eigentlich gar nicht weit auseinander. Es muss sich jedoch noch stärker eine gemeinsame Sprache und gegenseitiges Verständnis entwickeln, um dann auch wirklich sinnvoll und produktiv eine konstruktive Diskussionkultur zu etablieren.